Eheglück: Roman

Part 4

Chapter 43,625 wordsPublic domain

»Freudvoll und leidvoll, Gedankenvoll sein, Langen Und Bangen In schwebender Pein, Himmelhoch jauchzend, Zum Tode betrübt, Glücklich allein Ist die Seele, die liebt.

›Laß das Eiapopeia,‹ sagt die Mutter drauf,« fügte sie bei.

»Wirklich, ich muß hier auch so sagen,« schmollte Madame Gernoth.

»Scheltet mir's nicht, es ist ein kräftig Lied. Hab' ich doch schon manchmal ein großes Kind damit schlafen gewiegt. -- ›Du hast doch nichts im Kopfe als deine Liebe,‹ mußt Du jetzt sagen, Mutter.«

»Ach laß mich.«

»Glücklich allein Ist die Seele, die liebt.«

Frau Gernoth machte ein finsteres Gesicht. »Schäme Dich doch! Hier auf öffentlicher Promenade! Es könnte jeden Augenblick wer kommen.«

»Oder als Ophelia mit Blumen im Haar: ›da ist Fenchel für euch und Agley -- da ist Raute für euch, und hier ist welche für mich -- ihr könnt nun Raute, mit einem Abzeichen tragen. Denn traut lieb Fränzel ist all meine Lust.‹« Oder sonst was:

»Und größer als aller Sehnsucht Qual Ist meine Liebe zu Dir.«

»Hör doch auf. Wo Du nur die Narrheiten her hast.«

»Ich weiß nicht, wie Du bist, Mutter. Du bist glücklich, wenn Du einmal Verse lesen kannst und dann schwärmst Du: wie herrlich sagt der das, wie treffend! und obgleich Du das Theater immer verlästerst, hat Dir letzten Winter die Jungfrau von Orleans wer weiß wie gut gefallen. Aber daß in jemandem neben Dir, daß in Deiner Tochter etwas davon steckt, von dem Talent zu alledem, das willst Du nicht, das ist Dir keiner Achtung wert. Und so seid Ihr alle, alle! Ach, und ich halte es kaum aus vor Unruhe.«

»Aber einer bürgerlichen Frau kommt doch so etwas nicht zu. Wenn jemand zu einer Kunst erzogen ist, das ist doch etwas anderes. Und wenn ein Mädchen zur Hausfrau erzogen ist, so soll sie darin tüchtig sein.«

»Warum erziehst Du denn nicht die Nachtigallen, Hühnereier zu legen?«

»Ich weiß gar nicht, was in Dich gefahren ist.«

»Es ist gar nichts in mich gefahren. Nur in den letzten Jahren war ich tot, und jetzt bin ich wieder aufgewacht. Aufgewacht! Und lebe! Ach, Mutter!«

»Wenn Du nur wieder zu Hause und bei Deinem Manne sein wirst, dann wirst Du schon wieder vernünftig werden. Du bist aufgeregt, weiß der Kuckuck woher. Geh ein Stückchen spazieren.«

Etwas Lieberes konnte Frau Wanda gar nicht hören. Sie sprang sofort auf und griff nach ihrem Schirm.

»Ich gehe da hinunter, auf die Mühle zu.«

»Da ist es zu einsam.«

»Bäume und Sträucher thun mir nichts.«

»Dir nicht, nein,« sagte die Mutter mißtrauisch; sie hatte vor einer Viertelstunde den Musiker dort hinunter gehen sehen.

Madame Gernoth hatte Kreowski sehr auffällig ihr Mißfallen zu verstehen gegeben, es dünkte ihr unpassend, daß er die Frauen so häufig ansprach und sie nahm an den Blicken Anstoß, mit denen er ihre Tochter zu verschlingen pflegte. Sie hatte ihm das in ihrer gelegentlich harten Weise gradezu gesagt. Seitdem hielt er sich fern. Aber sie konnte es nicht verhindern, daß der interessante Pole die Doktorin bei der Brunnenpromenade ansprach, während sie selbst das Aufräumen des Zimmers besorgte und das Kind anzog und fütterte, und sie hatte es nicht in der Gewalt, die Dauer dieser Brunnenpromenade festzusetzen.

Mit beflügeltem Schritt machte sich Wanda auf den Weg.

Warum sie ihn nur liebte?

Er war eigentlich kein bedeutender Mensch. Er hatte ein paar hübsche Talente, aber weder das dichterische noch das musikalische waren stark und umfangreich, sie gingen zu ausschließlich auf das Lyrische, und obgleich er hier Schönes und sogar Originelles leistete, verliehen sie ihm etwas Einseitiges und das, was Madame Gernoth das Unmännliche an ihm genannt hatte. Dennoch gefiel er Wanda gerade so, wie er war. Es war etwas Sanftes und Ehrerbietiges in ihm, das sie umschmeichelte wie die vollendete Beherrschung des guten Tones, die er besaß. Er war freilich kein akademisch-wissenschaftlich gebildeter Mann, aber dafür sprach er auch nicht mit der Wucht, der Härte und dem Hyperlogischen dieser Leute, und seinen Worten fehlte das Verletzende, das eine Meinung zum Gesetz erheben möchte. Bei alledem war er nicht ohne Geist und Schwung. Und er liebte sie. Mit dieser so schlecht verhüllten Leidenschaft, in der er sie mit Versen und Melodieen überschüttete, ohne jemals geradeheraus zu gestehen, daß sie ihr galten, ein Verfahren, das ihrem Verkehr das scheinbar Harmlose erhielt.

Sie schlug den Weg ein, auf dem sie des Morgens mit ihm zu promenieren pflegte, und es dauerte nicht lange, so trafen sie sich mit der Unfehlbarkeit, mit der sich Liebende in den Weg rennen.

Sie grüßten sich verlegen und gingen ein Stück schweigend nebeneinander. Es war heiß, und um sie her wogten die grünen dämmernden Schatten, die ganz durchwürzt waren von dem herben Duft des Eichen- und Buchenlaubes, von dem süßen Duft eines blühenden Buchweizenfeldes, das rötlich in der Sonne lag, und eines Kleeackers, und ganz durchzückt von zitternden Sonnenstrahlen, die sie umspielten.

Manchmal sagte er etwas Kurzes, Gleichgültiges, dann lächelte sie dazu oder seufzte oder sie gab eine ganz verkehrte Antwort, deren Sinnlosigkeit er indes nicht merkte. Warum es nur so ganz anders war, wenn man einander unversehens des Nachmittags hier traf, als wenn man des Morgens zusammen herschlenderte? Warum es so viel verwirrender war? Weil Sonnenglut sich breitet, wo früh dämmernde kühle Schatten lagen?

Auf einer Bank saßen sie ein wenig nieder, und damit schien er den Mut zu einer Mitteilung zu finden, die er bisher zurückbehalten.

»Ich habe einen Brief aus Breslau erhalten,« sagte er, »und eigentlich in der Hoffnung, Sie vielleicht einen Augenblick sprechen zu können, bin ich hergekommen, um Ihnen zu sagen, daß ich -- diese Stelle bekomme.«

»Ach -- Sie bekommen sie!« rief sie erschrocken.

»Ich glaubte nicht, daß es Ihnen unangenehm sein würde,« sagte er gekränkt.

Sie schwieg und sah vor sich nieder.

»Ich -- ich hatte gehofft, mich manchmal zur Dämmerstunde bei Ihnen einstellen zu dürfen. Ich habe sie so sehr gewünscht, diese Stelle. Deshalb -- Warum sagen Sie nichts?«

»Es geht nicht.«

»Es geht nicht? Nicht, daß ich Sie sehe?«

Sie blickte wie hilfeflehend auf und in die Ferne, durch eine Durchsicht starrend, zu der das Unterholz sich lichtete. Ihr Atem ging stark.

»Es kann ja wohl sein, daß wir uns einmal zufällig begegnen -- denn --«

»Und warum darf ich nicht zu Ihnen kommen?«

»Ich kann es Ihnen nicht sagen.«

Sie saßen ernst und bestürzt nebeneinander.

»Sagen Sie es lieber.«

»Nun denn: es war einmal an einem dieser Abende -- wo man so ganz zusammenrückt -- geistig, gemütlich -- wo man seine Seele so umdreht wie einen Handschuh -- dumm! aber es giebt solche Stunden -- wenn man verheiratet ist -- --«

»Gewiß, natürlich.«

»Wo man alles so voreinander auskramt: alte Blumen und Schleifen, ein paar altmodische Ohrgehänge, Schulprämien, seine Spargroschen, was weiß ich.«

»Jawohl.«

»Und wo man sich so allerlei Geständnisse macht --«

»Zum Beispiel?«

»Zum Beispiel, daß man -- um ein Haar -- um eines Andern willen zurückgetreten wäre -- vor der Hochzeit.«

Sie stockte.

Er fragte nicht. Er bog einen Haselzweig zur Seite, der in den Weg hing und sah sie an.

»Und dann -- sagt man sogar den Namen -- eben des Andern.«

»Welchen Namen?«

»Witold von -- -- nun, jetzt wissen Sie es.« Sie lachte. Lachte mit dem desparaten Lachen und sprang auf.

So erhob auch er sich, bleich bis in die Lippen.

»Und Sie glauben, daß er Ihre Besuche dulden würde?« setzte sie hinzu.

»Wenn Sie ihm sagten, daß es heut doch nur -- Freundschaft ist -- von Ihrer Seite -- auch dann --«

»Dann würde ich lügen.«

Kein Wunder, daß er sie jetzt in seine Arme schloß und küßte. »So glücklich, so grenzenlos glücklich soll ich sein!« stammelte er.

Aber sie machte sich los. »Glücklich? ›Mein Lieb, wir wollen beide elend sein,‹ wird das Programm wohl eher lauten. Haha!«

»Lachen Sie doch nicht so schrecklich! Lach' nicht so, Geliebteste.«

»›Wem so des Schicksals hübsche sieben Sachen‹ und so weiter! Um bei Heine zu bleiben. Aber genug für heute. -- Auf morgen! auf morgen! Ich kann nicht mehr.«

Und leidenschaftlich riß sie sich los.

In allem Elend stand er doch mit einem glückseligen Lächeln und sah sie ihm wieder entfliehen.

Siebentes Kapitel.

Durch die gardinenlosen Fenster eines Parterrezimmers fiel ein Sonnenstrahl, der sich eben noch durch die Lücke zwischen zwei Hinterhäusern durchzwängte, und beleuchtete das Innere eines wunderlichen Gelehrtenheims, der Arbeitstube Doktor Ewald Rhodes. Die eine Wand dieses Raumes war hauptsächlich von hohen Regalen bedeckt, die ganz mit Büchern besetzt waren und zwar Büchern medizinischen, chemischen und physikalischen Inhaltes. Am Fenster stand ein Bureau, das als Schreibtisch diente und zugleich verschiedene Instrumente und Chemikalien barg. Ein ziemlich großer Tisch in der Mitte des Zimmers war mit Skripturen und Drucksachen bedeckt. Im übrigen war der Raum vollgepfropft mit allerlei Apparaten, Werkzeugen und Instrumenten, von denen indes nur einiges auf der Höhe der Wissenschaft stand, das übrige überholt und dürftig war, einiges, das der Doktor selber erfunden, geradezu seinen dilettantischen Ursprung verriet.

Aber es sind schließlich nicht immer die großen Laboratorien gewesen, aus denen die gewaltigen Erfindungen hervorgingen, die berufen waren, der menschlichen Kultur ein anderes Gepräge zu geben, und oft genug ist zwischen unbehilflichem Kram die Fahne aufgepflanzt worden, die weithin flatternd den Völkern die große Friedensbotschaft verkündete: im Anfang war die Kraft.

Doktor Rhode war Armenarzt und hatte einige Privatpraxis. Wenn diese nicht größer und gewinnbringender war, so lag das an seiner Ehrlichkeit. Aufs lebhafteste ergriffen von den Umwälzungen, welche sich gerade damals innerhalb seiner Wissenschaft vollzogen, war er nicht Charlatan genug, mit imponierender Sicherheit aufzutreten, wo neue Entdeckungen die bisher gültigen Behandlungsweisen in Frage gestellt hatten, und obwohl er pflichttreu und hilfsbereit war, fühlte sich ein starker Forschungstrieb in ihm mehr von der theoretischen als der praktischen Seite der Heilkunde angezogen. Er träumte eine wissenschaftliche Laufbahn, die ihm Raum gäbe, den Mängeln der ärztlichen Praxis Abhilfe zu schaffen, die ihn zu einem der Pfadfinder machte, wo sie im Dunkeln tappte. Nie hatte es einen größeren Idealisten gegeben, nie einen anspruchsloseren, der williger Armut und Sorge auf sich genommen.

Indes, so bescheiden er war, noch nie hatte er das Zweischneidige finanzieller Beschränkung so hart empfunden als eben jetzt, da er einer Entdeckung auf der Fährte zu sein glaubte, die von hoher Bedeutung werden mußte.

Man hatte damals angefangen, das Mikroskop für die Heilkunde zu Rate zu ziehen. Er selbst hatte das Glas, das ihm gehörte, vielfach benützt, aber es erwies sich als ungenügend, um bereits Gefundenes nachzuprüfen, um wieviel mehr, Neues festzustellen. Wollte er weiter auf dem Felde arbeiten, zu dessen Bestellung er sich berufen fühlte, war ein besseres Instrument unerläßlich.

Gute Mikroskope aber sind teuer, und er schuldete ohnedies Mechanikern und Droguenhändlern Summen, deren Zahlung ihm Sorge machte. Sollte er diese Schuld ohne zu wissen, wie sie tilgen, um neue vierzig Thaler anwachsen lassen? Sollte er, sie herauszubringen, das häusliche Leben noch karger einrichten, als es schon war? Das war unmöglich.

_Dann_ also verzichten.

Das aber hieß: Wissenschaft, Carriere, geistiges Streben, Inhalt alles Lebens fahren lassen! Für Kraft und rege geistige Arbeit -- dumpfes Tagewerk und geistiger Tod!

Seine Seele schrie nach diesem Instrument und das Verlangen danach wurde zum Heißhunger, der seine Forderung nicht mehr einstellte und endlich eine fieberhafte Phantasie in ihm entzündete: sah er doch unter den geheimnisvollen Gläsern schon Wunder über Wunder sich entfalten, Dunkel sich auflichten, Wege sich durch Dickichte öffnen und -- fühlte sich dabei angekettet, unvermögend, diese Wege zu verfolgen; wie wir manchmal im Traum einem grenzenlosen Glücke nachstreben und unsere Füße zu Blei erstarrt fühlen. Das Instrument aber ließ ihn nicht los. Er sah es zuletzt auf Schritt und Tritt vor sich mit dieser Lockung des Ehrgeizes, mit der der Dolch vor den Augen Macbeths in der Luft hing. Er streckte den Arm danach aus, und es verschwand.

Schließlich machte der Tod eines älteren Gelehrten den Fall für ihn zu einem akuten. Aus der Hinterlassenschaft dieses Mannes war ihm ein kostbares Glas zu verhältnismäßig niedrigem Preise angeboten worden, den er jedoch sogleich hätte erlegen müssen -- eine Gelegenheit, wie sie sich ihm nicht wieder bot. Aber woher auch nur diese 25 Thaler nehmen! Vergeblich zermarterte er sein Gehirn -- ihm blieb nur eines übrig: der reiche Schwiegervater.

Ach! er hatte ihn schon des öfteren angehen müssen -- aber die Kälte und der Hochmut, mit denen dieser Mann seine bescheidenen Bitten erfüllt, hatten ihn so gekränkt und empört, daß er sich verschworen, lieber zu hungern als ihn jemals wieder aufzusuchen.

Nun -- ein Mann hungert allenfalls für Weib und Kind und hungert auch für seinen Beruf, aber wo vielleicht ihrer aller Zukunft auf dem Spiele stand, wo Not leiden vielleicht der Menschheit einen Dienst erweisen hieß --

Doktor Rhode beschloß also zu thun, was zu thun er sich heilig verschworen.

Als er, sich zu dem sauern Gange aufmachend, noch einmal vor den Spiegel trat, erschrak er selbst über das blasse, verstörte Gesicht, das ihm, hager und von scharfen Linien zerschnitten, von dort entgegensah. Er war dreißig und sah um ein Jahrzehnt älter aus, ein mittelgroßer, sehniger, hagerer Mann mit breitgewölbter Stirn, dunklem Haar, tiefliegenden Augen und einer scharfgeschnittenen Nase, auf der eine Brille saß: der Typus des darbenden Idealisten.

Indem er die Blicke von dem wenig erfreulichen Spiegelbilde, das seine Not und seine Überarbeitung verriet, wegwandte, fiel er auf den altmodischen Sekretär seiner Frau, eines der schrankartigen Möbel, das erst durch eine heruntergelassene Klappe zum Schreibtisch wird, wobei eine Anzahl Schubladen und in der Mitte ein abschließbares Verließ bloßgelegt werden.

Rhode blieb stehen und starrte dieses Möbel an, als ob es verhext wäre, als ob etwas Lebendiges darin wäre und mit stummer Sprache zu ihm redete; trat dichter heran, befühlte es, seufzte, trat wieder zurück, zögerte nochmals und machte sich dann schleppenden Ganges auf.

Langsam ging er die schlechtgepflasterten, unsauber gehaltenen Straßen hinunter, die meist von schmalen Giebelhäusern eingefaßt waren, zwischen die sich nur manchmal ein breites, von Wohlhabenheit zeugendes Haus schob; vorüber an den bescheidenen Lädchen und vergitterten Gewölben, in denen es so finster war, daß Käufer und Verkäufer an die Thür treten mußten, um die Ware zu behandeln, über die ärmlichen Holzbrücken, die über die übelriechende Ohle führten, unter den alten Schwibbögen hindurch und den Eisenketten, von denen in der Mitte Laternen herabbaumelten. Es war eine so arme, so klägliche Zeit, es war, als wenn alles hungerte: nach Brot, nach Licht, nach Freiheit, nach irgend etwas Großem und Starkem; eine Zeit, in der man seelisch so darbte, daß man sich vieler Nöte gar nicht einmal bewußt wurde und ihre Übelstände hinnahm wie Unbilden des Wetters; in der jeder Arbeiter noch der von der Habsucht eines Herrn ausgepreßte Sklave, jede Frau noch die Leibeigene ihres Mannes, tausende von Beamten die Hörigen ihrer Vorgesetzten waren, ohne auch nur zu ahnen, daß man sie um ihre Menschenrechte verkürzte.

Die Straßen, die zugleich die Spielplätze der Kinder waren, die damit zu Gassenkindern erzogen wurden, und die Ablagerungsstätten der Fässer und Ballen einer protzigen Kaufmannschaft bildeten, waren von übelsten Dünsten erfüllt, die aus den finstern, unsaubern Höfen herausquollen, von schwerfälligem Fuhrwerk durchschnitten und von Gruppen Aufgeregter belebt, die unreife politische Gedanken austauschten. Studenten in Sammetpekeschen und Cerevis spielten die Rolle moderner Gigerl und verfolgten mit edler Dreistigkeit, was ihnen an jüngeren Damen in weitgebauschten Röcken, planwagenartigen Hüten und karrierten seidenen Spensern in die Quere kam, während an jeder Straßenecke ein ausgemergelter Leierkasten: »Denkst du daran, mein tapfrer Lagienka«, »An Alexis send' ich dich« oder eine Bellinische Arie zum besten gab. Da man den Segen von Sprengwagen noch nicht kannte, waren Sonne, Straßenverkehr, Koketterie und Leierkastenmusik in dichte Staubwolken, wie in einen goldbraunen Nebel gehüllt.

Als Doktor Rhode das Haus des alten Gernoth erreicht hatte, eines der stattlichsten Häuser weit und breit, mit hohen Fenstern und breiten Pfeilern dazwischen, nahm er einen Augenblick den Hut ab und trocknete sich die Stirn, sah an den Mauern in die Höhe und trat ein paar Schritte auf die Treppe zu. Und ganz deutlich sah er die hohe, schlanke Gestalt des immer noch schönen Mannes vor sich und dieses hochmütige Fabrikantengesicht, mit dem er, zugleich ein Phantast, ein Lebemann und ein »Rotürier«, auf den mit Sorgen ringenden Armenarzt herabsah, um ihm danach ein widerwillig gespendetes Geschenk hinzuschieben -- und alles empörte sich in der Seele des Sprossen eines Jahrhunderte alten Gelehrtengeschlechtes, eines im Idealismus des deutschen Pfarrhauses Aufgewachsenen, mit allen Kenntnissen der Zeit gesättigten Geistes gegen die drohende Schmach. _Den_ Mann bitten, diesen Mann, der nicht die Spur von Verständnis für Aufgabe und Wesen der Wissenschaft hatte, dessen politischer »Idealismus« nichts war als die Sucht, eine Rolle zu spielen -- den _bitten_ -- er konnte, _konnte_ nicht!

Und langsam, ganz langsam drehte er um.

Aber mit dem Abscheu vor einer unwürdigen Situation hatte er noch kein Geld. Nun, es würde ihm wohl ein Gedanke kommen, es mußte ihm ja einer kommen.

Er sann und sann.

Aber es fiel ihm nichts ein. Eine kostbare alte Bibel, ein ehrwürdiges Familienerbstück, war bereits einer früheren Kalamität zum Opfer gefallen. Vielleicht fand er gleichwohl noch etwas unter seinen Büchern. Seufzend ging er weiter, diesmal den Weg über den großen Marktplatz, den »Ring,« einschlagend. Ein reicher Mann, dessen Sohne er kürzlich bei einem Unglücksfalle Hilfe geleistet, hatte ihm weitschweifig gedankt, aber seine Honorarforderung unbeachtet gelassen. Schuster und Schneider konnten mahnen, er nicht. An der Universität war ein reicher Geheimer Medizinalrat, der sich mit ähnlichen Untersuchungen beschäftigte, wie er selbst. Wenn er ihm seine kleinen Entdeckungen und großen Mutmaßungen mitteilte, das heißt: verkaufte? -- schimpflich! und thöricht zugleich, denn wozu hätte er dann noch das Mikroskop gebraucht?!

Etwas anderes also!

Auf dem Marktplatz blieb er ein paar Augenblicke stehen. Die Qual, die ihn bedrückte, war so groß, daß sie seinen Nerven jene seltsame Eindrucksfähigkeit gab, die die erste Wirkung eines leichten Rausches ist, wie man sagt: Die Gegenstände vor ihm bildeten nicht ein einheitliches Ganze, sondern lösten sich von dem gewohnten Bilde einzeln als scharf umgrenzte ab, das Unauffällige, Gewohnte wurde neu, befremdlich, ein Gegenstand verwunderten Nachdenkens. Er starrte auf das Stadtbild, als habe er es nie zuvor gesehn. Wie unsinnig, Bürgersteig und Fahrstraße mit hundert geschmacklosen und ärmlichen Buden einzuengen, an deren Stirnseiten, der wundervollen altersgrauen Gotik des Rathauses zum Trotz, in dessen Schatten diese Baracken standen, Schuhe, Bürsten, Blechwaren und anderer Haushaltungskram baumelten! Wie unsinnig, Pulverwagen und Schlachtvieh durch die Straßen zu treiben! Wie verrückt, sich von diesen Leierkasten, die man oft zu dreien auf einmal hörte, die Ohren zerreißen zu lassen! Wie ekelhaft diese Krüppel und Siechen, die sich krückenlos mit den Händen über das Pflaster schleppten oder jedem Vorübergehenden ihre Schäden enthüllten! Wie unbarmherzig dieses Anspannen keuchender Lehrburschen vor schweren Wagen, wie schrecklich diese Tierquälereien an den überlasteten Pferden, an den armen kleinen Nachtigallen, deren Käfige im Sonnenbrand an den Straßenmauern hingen, und die geblendet waren, um die Nacht zu glauben, die ihnen ihre Lieder entlockte.

Es war soviel Qual in der Welt, soviel Elend!

Aber ist das ein Trost für die Pein der eigenen Brust, die der Edle empfindet, der helfen möchte und nicht helfen kann, weil ihm die Hände gebunden sind? Ist stumm und ergeben leiden wirklich eine Tugend, wo seinen Schmerz ausschreien vielleicht ein allgemeines Leid verständlich machen und ihm Abhilfe verschaffen heißt, wo die Auslösung der höchsten Energie nicht bloß ein einzelnes Subjekt -- nein! eine ganze empfindende Welt beglücken könnte?

Welcher Schmutz, den der Fuß des Wandelnden, den jeder Windzug aufwirbeln ließ! Wie eine dicke Wolke zitterte er in der Sonne und stahl sich in die Lungen, die Augen, die Organe der Ernährung. Welche mörderischen Stoffe mochten nicht vielleicht millionenfach durch diese Straßen wirbeln, mit unsichtbaren Dolchen die Ahnungslosen anfallend. Wer das unter ein Glas bringen und erforschen könnte, seine Zusammensetzung begreifen, seine Wirkung festsetzen -- müßte der nicht, dem pythischen Gotte gleich, der Erleger giftiger Drachen, der Vernichter mörderischen Gewürmes, müßte er nicht, auch er, ein Heiland der Menschen werden?!

Ein Hochgefühl, wie es uns bisweilen über uns selbst erhebt, überkam den Einsamen, den Armen, das Bewußtsein eines Reichtums an Kräften, der Würde einer Mission, die grenzenlos waren. Und ihm war das Mittel verwehrt, das diesen Reichtum frei gemacht, ihn diese Mission hätte erfüllen lassen.

Da er aus dem warmen Sonnenschein heraus seine ungastliche Wohnung wieder betrat, umfing ihn ein Frösteln zwischen den kahlen, feuchten Wänden, das von Verzichtleisten und Entsagen sprach. Er seufzte. Er _wollte_ nicht verzichten. Er ging aus einem Zimmer in das andere, aus der mit bescheidenen Kirschbaummöbeln ausgestatteten »guten Stube« in das noch bescheidenere Wohnzimmer, von dort in das Schlafkabinett, in die Studierstube und wieder zurück und sah sich überall um, als erwarte er, ihm bis dahin unbekannte Wertsachen irgendwo aufgestellt zu sehn, zog da und dort eine Schublade auf, als könne seine Frau dort Gelder zurückgelassen haben, sie, die so sorgfältig und sparsam war, und schob sie wieder zu.

»Sparsam!«

Wer hatte denn das Wort ausgesprochen? Es war ihm, als ob in einer der dämmernden Ecken ein Gespenst gestanden, das es gehaucht.

Ja, sie war sparsam. Gewiß, sehr sparsam. Ohne ihren Fleiß und ihre Sparsamkeit hätten sie überhaupt nicht haushalten können.

Schon als Mädchen war sie immer thätig und sparsam gewesen. Es mochte etwas von dem Kaufmannsgeist ihrer Eltern in ihr sein. Er selbst war nicht so sparsam. Oder doch in anderer Weise. Er war anspruchslos, beinahe bis zur Bedürfnislosigkeit, das konnte er von sich sagen, ohne zuviel zu behaupten, aber er konnte es einem andern nicht abschlagen, wenn er ihn dringend um ein Darlehen oder eine Unterstützung anging, und hatte manchen Groschen auf diese Weise hingegeben, den er hätte festhalten sollen.

Aber _sie_ war so sparsam.

Und damit glitten seine Finger leise über die Klappe des Sekretärs, die fest verschlossen war.

Dann trat er seufzend an das Fenster und sah hinaus. Es war nicht sehr belebt draußen. In Gedanken sah er Wanda die Straße heraufkommen mit dem Kinde an der Hand, ganz deutlich sah er sie. Und eine starke Sehnsucht ergriff ihn.

Wie sehr er sie liebte!

Und sie liebte ihn. Nicht ganz so, nicht so leidenschaftlich, nicht mit dem Stolz auf ihn, den er empfand, sie zu besitzen, nicht mit der Sehnsucht, die ihn oft mit Unruhe erfüllte, aber sie liebte ihn doch, und wie teilnehmend und unglücklich würde sie sein, wenn sie wüßte, in welcher Bedrängnis er sich befand.