Eheglück: Roman

Part 3

Chapter 33,622 wordsPublic domain

Unter ihren Bewerbern befand sich ein junger Arzt, der eben seinen Doktor gemacht, den Kopf voller Ideale und die Brust voll ehrgeiziger Träume hatte. Was sein Äußeres anlangte, so konnte er sich, ohne unschön zu sein, mit Wanda Gernoth nicht vergleichen, geistig war er ihr durchaus ebenbürtig. Doktor Rhode war nicht ohne Witz und Humor, der Schwerpunkt seines Wesens indessen lag in einem starken wissenschaftlichen Hange und in der Tiefe seines Geistes, der sich zu dem ihren verhielt, etwa wie eine ruhige, starke Flut zu einem sprudelnden Sturzbach oder wie schweres Geschütz zu den knatternden Gewehrsalven einer leicht beweglichen Truppe.

Aber das war doch nicht der Hauptunterschied in der geistigen Signatur dieser beiden hochbegabten jungen Menschenkinder: in dem Doktor war die stärkste Objektivität der Interessen, in Wanda war alles subjektiv. Was immer in den Bannkreis ihrer Sinne und Begriffe trat, hatte Wert für sie, nur soweit es sich zu ihr in irgend eine Beziehung setzen ließ, und nur weil ihre eigene Natur außergewöhnlich reich war, war auch der Kreis ihrer Interessen groß. Auf diese Weise täuschte sie gewissermaßen über sich.

Der Doktor liebte sie mit einer Leidenschaft, die einem Manne etwas seiner Natur fremdes zu verleihen vermag. Ihm gab sie einen Hauch von Poesie, etwas Glänzendes und Erfinderisches, das sonst nicht in seiner Richtung lag.

Wanda zögerte trotzdem sehr lange, bis sie ihm Gehör schenkte. Sie fühlte instinktiv die Verschiedenheit ihrer Naturen, und es war nichts an ihm, das sie bezauberte oder bestach. Und dann that sie es doch. Er besiegte sie durch die Hartnäckigkeit, die die stärkste Schmeichelei der Liebe ist, durch den Geist, mit dem er anmutigere Nebenbuhler ausstach, und mit Hilfe von Frau Gernoth, die in ihm den ernsten und soliden Mann gefunden hatte, den sie ihrer Tochter wünschte.

Kurz vor der Hochzeit wandelte die Braut die Laune an, zurückzutreten. Sie hatte die Bekanntschaft Kreowskis gemacht, der ihr jene Lieder widmete, die in Text und Melodie Huldigungen für sie waren, die sie verwirrten. Aber es handelte sich doch auch hier um keine große Leidenschaft, die alle guten Gefühle für den Doktor ausgelöscht hätte, und so kämpfte sie denn diese Anwandlung nieder, um so mehr als Madame Gernoth ihre Bedenken durchaus nicht wollte gelten lassen, und heiratete den Doktor.

Und siehe: das Glück sproßte ihr auf, wie eine Blume, die man zögernd in ein ihr fremdes Erdreich gesetzt, ängstlich, ob sie darin zu Grunde gehen oder doch klein und unansehnlich werden würde, und die darin aufblüht, in einer Schönheit, die niemand geahnt, mit einem Schmelz, der ein Wunder zu sein scheint.

O diese goldenen Stunden geliebten Beieinanders! Diese fröhlichen kleinen Mahlzeiten mit ihren einfachen Schüsseln, die der Appetit würzt; diese Spaziergänge an den Flußdämmen entlang, wenn die an landschaftlichen Schönheiten arme Gegend zum Paradiese wird, sobald die Sonne, deren Glanz alles mit dem Glücke der Herzen in Verbindung zu setzen scheint, leuchtend darauf liegt; dieses harmlos frohe Geplauder, unter dem man die Wege zurücklegt! Ach! und diese holden Abende bei traulichem Lampenschein! Wie beseligend dieses Näher- und immer Näherrücken der Geister, dieses Überfließen der Seelen, dieses Aufgehen der Herzen im Austausch aller Gedanken und Empfindungen!

Wie hold dann selbst diese kleinen Bekenntnisse und Mitteilungen aus den Tagen junger Vergangenheit, in denen man sich noch nicht kannte, der Eifer, auch sie in Beziehung zur Gegenwart zu bringen, Teilnahme, Verständnis, Vergebung zu suchen, wo man so sicher weiß, daß man sie findet. Schonungslos werden dann frühere kleine Neigungen preisgegeben, in denen die gegenwärtige immer die erste ist, weil sie unvergleichlich stärker erscheint, lustig kleine Verlegenheiten gebeichtet, kindliche Nöte und Sorgen erzählt. Dann müssen selbst Schulhefte, Stammbücher und Prämien herhalten, dann Sträußchen, Locken und Liebesbriefe, dann werden Andenken von Tanten und Erbstücke der Großmutter hervorgesucht, eine kindliche Sammlung von billigen Kleinodien, Henkeldukaten oder Denkmünzen, kurz, alle diese hundert kindischen Wichtigkeiten, denen man entwachsen ist und an denen das Herz doch noch hängt.

Dann wird selbst der Spargroschen aus der Mädchenzeit einmal produziert: dieser langsam und mühselig erworbene kleine Schatz, der Notgroschen, den man auf Rat der Mutter eigentlich _ganz_ geheim halten soll -- aber gerade das ist nun so hold: diese rückhaltlose Vertraulichkeit, die auf dem reinsten Vertrauen, der rückhaltlosesten _Liebe_ beruht.

O, die goldenen Stunden! Goldener noch, wenn die Kindereien dann wieder ernsterer Unterredung weichen. Wie strömen dann die Herzen alles Beste aus, geben für frohe Erinnerungen froheres Gefühl der Gegenwart und das starke, schwellende Empfinden der Zukunft: diese Träume leichten Gelingens stolzer Pläne, der Erfüllung junger Hoffnungen, des Gewinnes früher Mühen. Und in Persönlichstes hinein die Hochflut großer allgemeinster Ideen und Ideale, die die Gemüter erfaßt und fortreißt, um sie auf fremdem, objektiven Gebiete einander wieder um so inniger zuzutragen. Bis wohl die Lampe unter hohen Gesprächen zu erlöschen droht, und die Nacht, ganz herabgesunken, alles umhüllt, Persönlichstes und Unpersönlichstes und nur eins erfüllt: die heißen, süßen Mahnungen der Natur, bis stärkstes Lebensgefühl das Ich auslöscht und zugleich über sich erhöht. --

Wie reizend auch die Freuden einer harmlosen Geselligkeit in einem Kreise, der sich bei bescheidenen Lebensbedingungen durch Witz und Geist auszeichnet, in dem man Anregung giebt und findet, sich schätzt und liebt und, wo man sich gehen läßt, doch niemals die Anmut verletzt. Man war in mancher Beziehung damals noch kindlich. Man vergnügte sich noch an Pfänderspielen und den Bildern einer =laterna magica=, man machte Verse über launige Themata und führte Charaden auf, leierte Bänkelsängereien zu selbstgemalten Tableaus und jagte sich im Freien herum. Man sang noch zur Guitarre, und wenn man sang, brauchte man keine »Schule« zu haben, die Herren rauchten Cigarren aus einheimischem Tabak, und die Frauen buken ihre Zuckernüsse noch auf dem Herdfeuer. Wenn die Politik die Gemüter nicht erhitzte -- was sie freilich dann mit Heftigkeit that, -- war man äußerst friedfertig in Principien und Anschauungen. Es gab damals keine socialen Fragen, es gab keine Judenfrage und kaum eine konfessionelle, es war die Zeit, wo Pastor und Kaplan geistliche Brüder waren. Man war ein bischen kosmopolitisch neben aller bösen Demokraterei und unglaublich positiv. Man war anspruchsloser und darum sorgloser und naiver als man heute ist. Wer aber obendrein jung und witzig war, war ausgelassen, wie man es jetzt fast verlernt hat. Und dann, nach diesen Vergnügungen, die Rückkehr in das eigene Heim mit dem Gefühl, daß _seine_ Freuden über alle anderen gehn!

Aber es giebt einen Höhepunkt des Glückes, auf dem es sich nicht zu halten vermag: die alte Wahrheit von der Blüte, die im herrlichsten Entfalten den Moment erreicht, wo sie zu welken beginnt; einen Höhepunkt, da die Engel den Atem anhalten, die Natur stillzustehen scheint, um den Augenblick zu verlängern, und nach dem es doch bergab geht, wenn nicht eine Wundermacht, die zugleich begreift und fühlt und Gefühl und Erkenntnis in den stärksten Willen strömen läßt, das Glück immer wieder aufwärts trägt.

Der Aufschwung des Geistes, des Gemütes, der den Arzt seine idealsten Anschauungen vor seiner jungen Frau sich ergießen ließ, fing eines Tages an, für diese etwas gleichförmiges zu haben. Diese philosophischen Ergüsse Hegelschen Gepräges, diese naturwissenschaftlichen Gesichtspunkte, diese demokratische Begeisterung wurden ihr -- ein ganz klein wenig langweilig.

Die Zeit hatte das stärkste Vorurteil gegen tiefere wissenschaftliche oder gar politische Bildung der Frauen. Man hielt ihnen beides fern, da man beides, Wissenschaft und Politik, unweiblich fand, und es mußte das persönliche Bedürfnis eines Mannes vorliegen, eine Frau zu seinen Interessen heranzuziehen, was ihr die Ehre verschaffte, hier bisweilen den Schleier gelüftet zu sehn. Nur schlimm, daß ein persönliches Interesse ein sachliches, an den Dingen selbst haftendes niemals dauernd ersetzen kann; schlimm, daß es Wanda Rhode nach diesen Lüftungen gar nicht einmal gelüstete, daß sie, weit davon entfernt, sich geehrt zu fühlen, die Geduld, die sie schließlich bei Anhörung der Vorträge ihres Mannes entwickelte, ihm wiederum zumutete, indem sie von den Dingen sprach, die nur sie interessierten. Denn waren Politik und Medizin ihr gleichgültig, so waren es ihm Musik und die nachklassische Litteratur, die in den vierziger Jahren die Litteratur der Gegenwart war: Heine, die Jungdeutschen und die fremden Romanschriftsteller der Periode. Aber Verse und Belletristik waren das, womit sich zu beschäftigen für weiblich galt. Und wie in hundert anderen Fällen, wirkte die künstliche Scheidung der Interessen, hier unterstützt durch persönliche Neigungen, langsam als eine Scheidung der Gemüter.

So empfand man die ersten Enttäuschungen, die ersten Lücken und die Notwendigkeit, sie anderweitig auszufüllen. Der Doktor fing an, Bierstuben aufzusuchen, wo er sich entweder mit Fachgenossen über Trepanationen des Gehirns und Behandlung von Geschwülsten unterreden oder mit Politikern über allgemeines und Klassenwahlrecht erhitzen konnte.

Ach! Und es ward noch mehr: durch die Geburten dreier Kinder, von denen zwei ganz jung wieder starben, ward Heiterkeit in Angst und Schwermut, Freude an häuslichem Walten in Gleichgiltigkeit, ja -- um gemeinen Mangels willen -- endlich in traurige Sorge gewandelt; Rausch der Herzen wurde zum Grauen, Kraft und Gesundheit zur Hinfälligkeit und physischen Qual -- die Wiege des Glückes zu seiner Grabstätte.

Es war immerhin ein Glück, daß Wanda den Nöten ihrer jungen Ehe eine Elastizität, eine Fähigkeit, momentanen kleinen Freuden gerecht zu werden, eine Beweglichkeit des Geistes entgegenzusetzen hatte, die über diese Nöte ihre raschen, bunten Schleier warf. Ein schönes Gedicht, eine glückliche Melodie, eine lebhafte Gesellschaft waren im Stande, in ihrem sonst wunderbaren Gedächtnis zeitweise alles auszulöschen, was peinlich und quälerisch darin war. Und dieser merkwürdigen Versatilität ihres Wesens war es dann auch zuzuschreiben, daß die Naturschönheiten des Berglands, alle die gefälligen Eindrücke, das Neue der Situation sie so rasch zu befreien vermochten, als ihre ursprüngliche körperliche Zähigkeit und Kraft rasch das Siechtum überwanden, das ihr diesen Wechsel des Aufenthaltes verschafft hatte.

So erblühte wiederum ihrer Krankheit neues Leben, in dem sie Jugend, Frohsinn und Ichgefühl zu herrlichem Gewinne wiederfand. Freilich zu einem Gewinne, der nicht mehr im Centrum der Pflicht und der Gewöhnung lag.

Fünftes Kapitel.

Nachdem Wanda ein paar Stunden schlaflos verbracht, dämmerte der Morgen nach jener Réunion, auf der sie Kreowski wieder begegnet war, trübe herauf und brachte einen feinen Sprühregen, der auffrischte, ohne alles unter Wasser zu setzen.

Als Wanda auf dem Kurplatze erschien, umdrängte man sie von allen Seiten und sie hatte alle Hände voll zu thun, die schönen Redensarten, mit denen man sie begrüßte, zu parieren und all den schmachtenden und feurigen Blicken um sie her Stand zu halten. Die Männer kokettierten damals noch nicht mit soviel militärischer Zusammengerafftheit wie heute -- die Sentimentalität war auch bei ihnen eine schöne Tugend und respektvolle Galanterie ein Zeichen urbaner Bildung -- aber man kokettierte ebenso gern.

Es war ihr lieb, daß Kreowski nicht darunter war.

Als sie sich aber später in einen der sanftaufsteigenden Seitenpfade verlor, fand es sich, daß er sie dort in ahnungsvoller Hoffnung erwartet hatte. Es war ein reizendes Stück Weges, das sie zusammenführte. Die Badeverwaltung war hier schon mit allerlei Anlagen vorgegangen, hatte Wege graben, befestigen und zu beiden Seiten mit jungen Lärchen einfassen lassen, die mit ihren hellgrünen zart gefiederten Zweigen traumhaft in dem leise wallenden Nebel standen.

Sie war ein Stück gegangen, als sie stehen blieb, versuchend, ihre Gedanken ganz von diesem grünen, dämmernden Märchen einspinnen zu lassen, diese Gedanken, denen sie abwechselnd nachhing und zu entfliehen suchte. Da trat er ihr in den Weg.

»Verzauberte Königskinder,« begann er, »die sich zu einem stummen Reigen an den Händen fassen, um ihrer Herrin ihre Huldigungen darzubringen. Erlauben Sie, daß ich mich ihnen anschließe, obgleich meine Huldigung weiß und papieren ist und ich den Reigen schon gestern Abend aufgeführt habe. Ich würde Ihnen die Rolle zu Füßen legen, wenn das nicht meine Huldigung erniedrigen und die Fleckenlose beflecken hieße. Also in Ihre verehrten Hände.«

Sie dankte ihm mit einem Lächeln, das ihm reichster Dank schien. »Wie hübsch, daß Sie heute heiter sind,« sagte sie.

»Heiter? Glückberauscht!«

Sie errötete ein wenig, fing dann an von Holtei zu sprechen und redete endlich allerhand durcheinander: von dem Badevorstand, der Friederike von Sesenheim und den Epheulauben, die sie Schlupfwinkel für Strumpfwirkerleidenschaften und Spielhöllen für Domino- und Lottospieler nannte. Sie besaß eine beneidenswerte Geschicklichkeit, kleine Verlegenheiten zu Tode zu schwatzen, und wenn ein paar Spöttereien mitunterliefen, hörte es sich ihr darum nicht schlechter zu.

Er war so entzückt und so guter Laune, daß es ihm sogar gelang, auf ihren Ton einzugehen.

Mit einem Male, in all ihre Narrheiten hinein, brach die Sonne hervor und durchglomm den weißlichen Dunst um sie her silbern und goldig, rieselte an den moosumsponnenen und rötlichen Stämmen der Buchen und Kiefern herab und glühte in tausend bunten Farben an jedem Blatt, jeder Nadel, jedem Hälmchen am Wege, daß es wie ein Glückserschauern durch den ganzen Wald ging.

Da verging ihnen alles Geschwätz. Sie standen wie verzückt, sahen in die Wunderwelt um sich her, sahen sich an und lächelten.

Dann begann Kreowski leise eine Melodie zu summen. Das hatte etwas wundervoll Feierliches und Unmittelbares. Sie hörte andächtig zu, sie begriff, daß sich ihm die Stimmung der Stunde in Töne umsetzte, und das Schöpferische neben ihr erschien ihr heilig.

»Das wäre das leise Rauschen des Regens durch die Blätter und das Wogen der ziehenden Nebel gewesen,« sagte er. »Sehnsuchtsvoll, schwermütig. Jetzt aber -- jetzt der Durchbruch der Sonne, der Glücksstrahl, der alles überloht! Aus =es moll= über =es-dur= in =e-dur=. Trah -- tratatatah!! Das müßten die Trompeten machen, die haben zugleich das Herzzerreißende und das Glänzende.«

»Muß es denn herzzerreißend sein?«

»Es muß so sein, weil es so ist. Aber ich erscheine Ihnen wohl als ein thörichter Phantast, Ihnen, die Sie glücklich sind, wirklich glücklich, wie Sie gestern sagten, und die Sie nicht begreifen können, daß wir abgeschmackt werden, wenn wir's nicht sind, so abgeschmackt, daß wir uns sogar die Gaben mitleidiger Teilnahme behagen lassen, die uns vielleicht demütigen sollten.«

Sie sah ihn an und schwieg doch. Es war wie gestern: das Pathos zwischen ihnen ging nicht, sie mußte einen andern Ton suchen. Und ihrer leichtbewegten Natur fiel das nicht schwer.

»Was Sie doch alles reden!« rief sie lachend. »Ich wollte, es machte Sie ein bischen lustig, wie wir hier zusammen spazieren gehn, während die verzauberten Königskinder hochachtungsvoll und ergebenst zur Seite stehn und ihre Nebeltaschentücher schwenken, wenn wir kommen, die Sonnenstrahlen sich in schlüpfende Eidechsen verwandeln, die Wassertropfen rot werden vor Vergnügen und die Blumen sich wichtig zuflüstern: dort kommen zwei Phantasten, die denken, sie sind Menschen wie die andern auch, weil sie auf zwei Füßen gehn und reden wie die andern auch. Aber diese guten Leute sind Flüchtlinge aus Genieland, sie tragen die Flügel unter ihren Flanelljäckchen, weil Flügel im Philisterlande durchaus unmodern sind und sie sich ihrer also schämen müssen. Und bloß wenn es die andern nicht sehen, legen sie Jäckchen und Fräckchen ab, breiten ihre Flügel aus und kehren auf ein paar Stunden in ihre Heimat zurück. Eines Tages aber werden sie kommen wie Simson, werden irgend einen großen Esel unter den Philistern erschlagen und mit seinen Kinnbacken die übrigen ausrotten und dämpfen mit der Glut ihres Geistes.«

»Wundervoll!«

Sie lachte.

»Und werden,« nahm der Pole ihre Phantasterei auf, »das Evangelium verkünden, das die Augen und Ohren aller Sterblichen jauchzend vernehmen werden und lachend mitteilen ein Mund dem andern, das Evangelium von der Kraft und Tugend, die eine Kraft und Tugend ist über alle: das hehre, jubelnde Evangelium von der Schönheit.«

»Sie schwärmen.«

»Was könnte ich besseres thun? Ich, der ich sie anbete im Geist und in der Wahrheit, der ich ihrer Gläubigen demütigster und zugleich ihr Hoherpriester bin? Der ich trunken bin von dem Trank meiner Augen und als ihr Blutzeuge sterben wollte, -- wenn Sie es forderten?«

Diese Art Unterhaltung, geistreichelnd, pathetisch und voller Schmeichelei für Wanda war nur allzu sehr nach ihrem Geschmacke. Dennoch fühlte sie, daß sie bereits wieder an der Grenze angelangt waren und daß es Zeit war, den Ernst zu persiflieren.

»›Und die blutgefüllte Schale reicht er ihr zum Opfer dar!‹ Schauderhaft! Ich merke, man ist seines Lebens neben Ihnen nicht sicher, denn leicht könnte der neue Hohepriester die Schärfe seines Messers an seinen Nebenmenschen wetzen wollen, ehe er sich selber darbringt. Gehen Sie und besänftigen Sie erst Ihr barbarisches Gemüt, eh ich mich wieder in Ihre Nähe wage.«

Und sie lief ihm lachend davon, den Abhang hinunter, ihm ihre spöttischen Grüße hinaufsendend, ehe sie ganz verschwand.

Als sie nicht mehr zu sehen war, schwand Lächeln und Glückseligkeit aus seinem Gesicht. Halb schwermütig, halb verwundert starrte er ins Leere vor sich nieder. Was für gekräuseltes Zeug hatte er noch eben geredet, das er nie vorher gedacht, das seiner Art zu denken und zu empfinden neu und seltsam war. Aber war es denn so, daß uns die Liebe in Augenblicken der Ekstase uns selbst entfremdet und uns Worte reden läßt, wie aus anderem Munde? Daß sie uns bald blind, bald hellseherisch, heut zu Propheten, morgen zu Gotteslästerern macht?

Langsam ging er den Weg hinunter. In einem leisem Winde rauschten die regenschweren Bäume, rauschten Tropfen, Melodieen auf ihn nieder; schwermutsvolle Melodieen, wie Thränen, die wir zögernd vergießen, weil uns angst wird, daß wir uns selber verlieren, bis sie sich zu Freudenthränen wandeln in dem jauchzenden Bewußtsein, daß das Fremde in uns Gewinn, Zuwachs, Steigerung unser selber war, und daß es die Flut unserer Schmerzen ist, in der die Sonne unseres Glückes sich am hellsten spiegelt. -- --

Sechstes Kapitel.

Es war etwa anderthalb Wochen nach jenem Tage, da Holtei die Salzbrunner Badegäste mit seiner Vorlesung aus »Lorbeerbaum und Bettelstab« entzückt hatte, daß Madame Gernoth und ihre Tochter wieder einmal im Buchengange lustwandelten, zwischen sich das Kind führend.

»Die Gerichtsrätin aus Brieg hat mir ein sehr hübsches Muster zu einer Strumpfkante gegeben, wie aus kleinen Fächern zusammengesetzt. _So_ will ich Klärchen ein paar Sonntagsstrümpfel stricken.«

»Was wirst Du Dich nur so quälen.«

»Es soll mir Freude machen.«

»Wie Du willst, Mutter.«

»Die Registratorin, denk nur, schüttet Salz in das Faßbier, sagt sie. Sie zieht alle vierzehn Tage welches ab. Aber wo hat man das gehört? Das muß abscheulich schmecken, ordentlich giftig.«

»Die einen mit ihrer Liebe, die andern mit ihrem Salz.«

»Du interessierst Dich auch für nichts Vernünftiges mehr.«

»Dazu ist dann in Breslau wieder Zeit genug. Wenn Hauswirtschaft denn das Vernünftige schlechthin ist.«

»Die Fräulein Meier, die Lehrerin, hat mir ein Gedichtbuch geborgt, es ist von einem Grafen Strachwitz.«

»Ach ja, Strachwitz! ›Mein treues Roß, mein Spielgenoß.‹« Dann ließ sie auch dieses Thema wieder fallen.

Madame Gernoth sah sie von der Seite her an. Wanda lächelte vor sich hin. Eine ganze Zeitlang gingen sie nebeneinander und schwiegen, die Mutter verletzt, die Tochter unruhig und von irgend etwas voreingenommen.

An einer Biegung des Weges stießen sie auf Bekannte, eine Mutter und drei Töchter, mit denen sie einige Worte wechselten. Nachdem die Damen wieder außer Hörweite waren, bemerkte die Gernoth:

»Wie waren die wieder aufgedonnert, und ist nichts dahinter. Die Krause sagt, sie kaufen die übertragenen Toiletten einer Baronesse Richthof und suchen Einen damit einzufangen. Du lieber Gott, die garstigen Dinger! Die und Registrators sind die richtigen Mexikaner.«

»Mexikaner?«

»Nun -- Mexikaner -- Magsiekeiner. Der Polowski machte neulich den Witz.«

Die Doktorin lachte, sie lachten alle beide. Sie waren gewiß nicht böse, aber der Spott über die »Sitzengebliebenen« war eine der Grausamkeiten, die jede Zeit in reicher Fülle besitzt und die wir erst als solche empfinden, wenn wir sie abgelegt haben.

»Wer ist denn der Polowski?«

»Ich meine den polnischen Musikanten.« -- Wanda schwieg verletzt.

»Man begegnet dem Menschen ewig. Paß mal auf, er wird uns gleich wieder begegnen und ansprechen.«

»Er mißfällt Dir natürlich?«

»Er hat so was Unmännliches!«

»Nach Deiner eigenen Erklärung, Mutter, ist Männlichkeit nichts als eine Dosis Anmaßung, Brutalität und -- na, was war es denn noch? ja: Treulosigkeit. Wenn aber einer nicht so ist, nennst Du ihn unmännlich. Dir ist eben keiner recht.«

Madame Gernoth sagte hierauf nichts. Sie war eine kluge Frau, aber Haß und Verbitterung machen den Klügsten unlogisch. Es war ihr sehr lieb, daß ihre Enkelin jetzt ihre Aufmerksamkeit auf sich zog.

»Können die Bäume auch sprechen?« fragte das Kind.

»Freilich,« sagte die Großmutter wichtig, »hast Du noch nicht gehört, wenn der Wind puh, puh bläst, wie dann die Bäume rauschen und miteinander plaudern? Paß nur mal auf, wie sie sich dann unterhalten und tiefe Diener machen, ihre Arme nacheinander ausstrecken, sich ihre schönen Blumen hinhalten und sagen: riechen Sie mal, Herr Nachbar. Und dann riecht der Herr Nachbar an dem Bouquet und sagt: Hazzi. Da! horch mal! Hörst Du, wie sie jetzt sprechen?«

»Ja. Hörst Du's auch, Machen?«

»Jaja. -- Freilich, nun wundert's mich nicht mehr, wenn sie die Tischbeine sich unterhalten läßt und von den Fußbänken Mordgeschichten erzählt. Sie ist ein kleiner Phantast.«

»Wenn man _das_ erlebte!«

»Was, Mutter?«

»Daß sie Bücher schriebe. Wie die Paalzow und die Carlèn, weißt Du.«

»Dann würde sie aber keinen Sinn für die Strickmuster und das Bierabziehen haben, und das würde Dir auch nicht recht sein.«

Madame Gernoth schwieg wieder. Nein, das würde ihr nicht recht sein. Eine ordentliche Frau mußte für so etwas Sinn haben. »Wir wollen uns ein bischen setzen,« sagte sie.

Die Frau Doktor hob ihr kleines Mädel auf und setzte es auf die Bank.

»Sag von Eia popeia,« bat die Großmutter.

»Eia --«

»Nein, sag lieber: mein dunkles Herze,« meinte die Mutter.

»Mein dunkles Herze lieb dich, Es lieb dich und es bicht, Es bicht und zuckt und verbutet, -- Aber du siehst es nicht.«

Die letzte Zeile sagte das Kind im Ton herzlicher Begütigung, was von überwältigendem Effekt war.

»Aber Du bist toll, Wanda, Du bist toll,« schalt die Großmutter, während sie doch mit beglücktem Lächeln die kleine Deklamatrice an ihre Brust drückte.

Die junge Frau lachte helllaut. »Sie sagt es zu drollig, so wichtig und ernsthaft. Und zuletzt dieses: aber Du siehst es nicht.« Und nun küßten sie alle beide das Kind ab.

»Sie könnte Schauspielerin werden, Mutter.«

»Weiter gar nichts!«

»O, müssen wir auch alle Kaufmanns- oder Doktorsfrauen sein? Ich wollte, ich wäre auch Schauspielerin.«

»Du bist nicht gescheidt, danke Gott, daß Du einen guten Mann hast.«

»Ich spielte das Gretchen oder die Ophelia. Oder das Klärchen!«

Und da sprang sie auch schon auf, breitete die Arme aus, nahm eine zärtliche Miene an und machte ihrer Tochter Konkurrenz: