Part 2
Dann trat ein Geiger auf -- man flüsterte sich einen zungenbrechenden Namen zu -- und trug Variationen über ungarische und polnische Volkslieder vor, und er spielte sie mit der Schwermut, der Innigkeit und der Raserei, mit denen diese Stücke zur Geltung gebracht werden mußten. Man applaudierte ihm entzückt, nannte ihn unter sich einen Meister ersten Ranges und behauptete, daß er mit Chopin befreundet sei.
Dann wurde es hinter dem Fortepiano lebendig. Man konnte nicht gleich sehen, was oder wer sich da zu Kunstproduktionen heranließ, schließlich verständigte man einander doch: ein kleiner, verwachsener Jude schicke sich an, das Instrument zu bearbeiten. Und da erklangen auch schon die ersten Accorde der Cismollsonate, die er mit Meisterschaft den Saiten mit dem kurzen, spitzen Klange entriß.
Man war ergriffen, begeistert, entzückt. Der Pianist dankte und teilte den geehrten Anwesenden mit, daß Herr Witold von Kreowski einige von ihm gedichtete und komponierte Lieder vortragen werde. Worauf ein junger Mann in Sammetpekesche und mit dunklem, leichtgelocktem Haar zögernd hervortrat, etwas Weißes, das er in Händen hielt, langsam entrollend.
Gleich darnach begann der Gesang:
»Ich weiß nicht, ist es Unrecht, Ich weiß nicht, ist es Schuld, Ist es mir Fluch des Schicksals, Ist's neuen Glückes Huld.
Ich frage nicht, liebst Du mich, Bin ich Dir auch nur wert, Noch hab ich Deiner Liebe Verlangend je begehrt.
Ich breite meine Arme Zum Himmel jubelnd laut, Wie wunschlos man zur Sonne, Wunschlos und jubelnd schaut.
Du bist -- und Glanz und Wonne Umfluten strömend mich, Ich habe Dich gefunden. Und jauchzend lieb ich Dich.«
Wanda Rhode wagte nicht aufzusehn, sie wagte kaum zu atmen, es war ein Lied, das sie besser kannte als tausend andere, und doch erschien es ihr in dem Vortrage seines Verfassers und Komponisten, frei herausgesungen vor allen diesen fremden Ohren, ein neues, von ihr abgelöstes, das auf sie keine Beziehung mehr hatte. Und dann schon im nächsten Augenblick wie ein nur ihr dargebrachter, unter dem Deckmantel der Öffentlichkeit ganz allein an sie gerichteter Gruß, wie die stärkste Huldigung, die sie je erfahren. Und eine Verwirrung nahm sie gefangen, die etwas von den glühenden Nebeln hatte, die dem Dunkel eines Waldbodens entsteigen, während purpurne Strahlen der Abendsonne sie durchdringen, etwas von einem Zwange, in zu heißer Luft zu atmen oder in ein zu helles Licht sehen zu müssen. Die Registratorin stieß sie mit dem Ellbogen an: »Nein, daß Ihre Frau Mutter das nicht hört!« und ihre Töchter seufzten: »himmlisch« und »reizend«.
Indessen präludierte der kleine Musiker schon etwas Neues und Herr Witold von Kreowski entfaltete ein anderes Notenblatt. Gäbe der Himmel, daß er sich jetzt mit einer Ballade oder einer Ode an den Frühling aus der Affäre zog! Aber der Sänger erfüllte diesen Wunsch nicht. Er schien nichts als die indiskrete Sucht aller Dichter zu haben, der Welt seine Gefühle mitzuteilen.
»Und wär's nur Berg und Strom und Thal, Die uns trennen so weit, so weit, Wir grüßten uns Tages wohl tausendmal, Und die Trennung wär' Seligkeit.
Ach! was uns trennt, ist eine Kluft, Tiefer noch als das Meer, Und leise nur manchmal trägt die Luft Ein Grüßen hin und her.
Doch weiter und tiefer, als Strom und Thal, Und das Meer zwischen Dir und mir, Und größer als aller Sehnsucht Qual Ist meine Liebe zu Dir.«
Er schwieg und das Publikum schwieg auch, lautlos verharrend in dieser Erschütterung der Empfindung, die der höchste Beifall ist. Bis es dann doch rauschend losbrach, stürmisch, Wiederholung verlangend.
Wanda Rhode hatte jetzt den Kopf erhoben und ließ ihre Blicke über die Versammlung schweifen. Und sie sah den Schmelz in den schwimmenden Augen der Mädchen, die elegische Wehmut auf den zuckenden Lippen der Frauen, den tiefen Ernst, die sinnende Trauer in den Zügen der Männer, die Demut, mit der sich selbst Greise dem Ausdruck der stärksten Empfindung beugten; und die siegende Allmacht der Liebe, die sich in jedem schwingenden Nerv, in jedem leise gehauchten Seufzer und in diesem plötzlich ausbrechenden Dankessturm für den Sänger aussprach, wurde zum Triumphe für sie, der sie auf einen Thron erhob, vor dem sich jedes Haupt beugte, ohne zu wissen, daß er mitten unter ihnen stand. Jetzt war sie nicht mehr befangen: wer herrscht, weiß auch die Stirn hoch zu tragen.
»Ach Frau Doktorn, wie entzückend!« seufzte die gute Frau, die sie chaperonnierte. »Aber es scheint, der arme Mensch hat eine unglückliche Liebe.«
»Herr Joachimsthal spielt noch einmal,« flüsterte Registrators Bertha. »Was mag es für ein Stück sein?«
»Es ist der Türkische Marsch von Beethoven.«
»Konnte der Beethoven türkisch? Diese Leute müssen doch zuviel wissen!«
»Das geht schön, sehr schön, Frau Doktorn.«
Wanda lächelte. Sie vernahm nur einen unbestimmten Lärm vom Klavier her -- deutlich hörte sie nur eins und immer wieder nur eins:
»Und größer als aller Sehnsucht Qual Ist meine Liebe zu Dir.«
Alles um sie her schwamm in Licht, Tönen und Versen, berauschte sie mit seligem Gluthauch und ließ sie alles vergessen: Vergangenheit, Zukunft und die eigene Gebundenheit und gab ihr ein grenzenloses, alles aufhebendes, unbeschreibliches Gefühl.
Nachdem diese Nummer und noch einige ferneren Deklamationen, Cello- und Flügelstücke beklatscht worden waren, -- sich verschiedene Herren in der Gegend des Flügels die Hände geschüttelt und bekomplimentiert hatten, das Badepublikum sich genügend versicherte, daß es so gelungene Vorträge bisher nicht gehabt hätte, die »Marköre« in kurzen Jacken frischen Vanillethee und Mandelplätzchen ausgeboten, kamen einige »Orschester«-Mitglieder mit Flöte, Brummbaß und Violine und ließen sich, nachdem sie gründlich gestimmt, zu einer Polonaise herbei, einem Tanze, dessen Verbreitung wohl ebenfalls in irgend einer Weise mit den Teilungen Polens zusammenhängen mochte.
Wanda Rhode zuckte es in allen Gliedern vor Spannung, was die nächsten Augenblicke bringen würden.
Kreowski hatte sie noch nicht gesehen. Wenn es geschehe, würde er an sie herankommen? Und was würde er dann sagen? -- In dem Gasthofsaale mit dem Geruch nach frischgewaschenem Holze, tropfendem Wachse und Patschouli -- damals noch ein vornehmes Parfüm -- schwebte etwas wie eine Schicksalsfrage.
Zunächst sollte sie nicht gelöst werden. Mit vielen Bücklingen näherte sich Wanda der Badevorstand, von einem Schwarme jüngerer Herren begleitet, die vorgestellt sein wollten. »Hier Herr Müller, Herr Brand, Herr von Makowski, Herr Supphahn und Herr Hielscher, die sämtlich die Polonaise mit Ihnen tanzen wollen, mein schönes Fräulein.«
»Bin weder Fräulein, weder schön, kann nur mit einem zum Tanze gehn.«
»Alles in der Welt können Sie behaupten, selbst das erste und das dritte -- aber das zweite nicht,« sagte der Vorstand. »Aber bitte sich zu entscheiden. Wenn ich nicht weißes Haar hätte, so würde ich bitten, die Polonaise mit mir anzuführen -- wie, meine schöne Frau, Sie wollen mir die Ehre geben?« Und die Herren Müller bis Hielscher, die bisher einige hungrige Komplimente gemacht hatten, zogen sich sachte zurück.
»Den nächsten Tanz, meine Herren,« sagte sie und schob ihren Arm in den des alten Galans. Und nun konnte sich wirklich keiner beklagen.
»Sie ist bezaubernd,« sagte einer der jungen Herren, »sie hat meergrüne Augen und die Gestalt einer Hebe und in ihrer Stimme ist Musik.«
»Eine Frau? -- ob der Mann hier ist?«
»Ganz gleich, sie ist bezaubernd.«
»Um so besser sogar,« -- setzte Herr Supphahn hinzu, der französische Romane gelesen hatte und für das Pikante schwärmte.
Der beglückte Vorstand führte den Tanz indessen mit Wanda an und machte seiner reizenden Partnerin in halb väterlicher Weise bestens den Hof. Er merkte nichts von der fieberigen Glut der Erwartung, die sie bewegte. --
Hand um Hand wechselte. Jetzt hatte sie einen jungen Baron, dann einen geschniegelten Kaufmannsdiener, jetzt einen Studenten, dann einen Badearzt, dann einen polnischen Flüchtling, einen Freiwilligen von den Jägern, den kleinen verwachsenen Herrn Joachimsthal und einen Kandidaten der Theologie und endlich legte sich ihre Linke in die Hand des Mannes, dessen Liebe weiter und tiefer war als das Meer und größer noch, als die Qual seiner Sehnsucht.
Drittes Kapitel.
Witold von Kreowski erbleichte, als er sie erkannte, starrte sie ein paar Augenblicke mit ringendem Atem an und sagte endlich heiser: »Ein ebenso großes als unerwartetes Glück.« Er sprach völlig accentfrei.
»Ein freundlicher Zufall.«
»Und ebenso unerwartet als schmerzlich.« Damit reichte er die Hand der vorhergehenden Dame.
Sie wußte nun, was ihr freilich ohnehin nicht zweifelhaft gewesen, daß auch das zweite Lied ihr gegolten. Und während er jetzt vor ihr promenierte, bemerkte sie, daß er etwas breitschultriger geworden war, daß er einen sehr schönen Nacken hatte und daß in einem schönen Nacken etwas seltsam Verführerisches liegen könne. Und es kam ihr vor, als ob die Unruhe, die er ihr erregte, dieselbe sei, die sie vor vier Jahren empfunden und als ob er nie aufgehört habe, sie zu belästigen, obgleich das ganz gewiß nicht wahr war.
Der nächste Tanz war eine Polka und er engagierte sie sofort. Sie sprachen nicht, sie tanzten schweigend, aber die Erregung, die in ihren Adern brannte, teilte sich ihren Bewegungen mit. Man tanzte diese polnischen Tänze damals noch nicht verdeutscht oder verwälscht, man exekutierte sie noch, mit einigen Vorbehalten im Takt, mit einer gewissen schwermütigen Glut und nach den häufig sich in Moll bewegenden echten Melodien. Die Tänzer stemmten noch die rechte Hand ihrer Dame in die linke Hüfte, warfen den Kopf nach hinten und preßten ihre Partnerin fest an die Brust. Es war noch etwas Feuriges und Hinreißendes in der Art, diese Nationaltänze auszuführen. Es befanden sich außer Witold von Kreowski noch einige echte Schlachzizensöhne unter den Anwesenden, solche, die das Deutsche nur hart und gebrochen sprachen -- er tanzte trotz ihrer mit der Verve und der Anmut eines Królewicz.
Dann folgte ein Walzer. Ein kunstsinniger Musikant hatte »Wir winden dir den Jungfernkranz« aus dem Vierviertel- in einen langsamen Dreivierteltakt übertragen, der ungeheuren Beliebtheit dieses Stückes grausam Rechnung tragend, und darnach schleifte die Gesellschaft gefühlsselig; es war eine Art zu walzen, bei der man Geibel, Lenau und die Romantiker tanzte und die wackeligsten Jubelgreise noch mitthun konnten in sanften Erinnerungen an ihre friedlichen Eroberungen während der Freiheitskriege.
Es wurde nicht fest engagiert. Wanda Rhode tanzte mit allen, auch eine Tour mit Kreowski. Ohne mit ihm zu sprechen.
Ehe die Musikanten mit einem Krakowiak einsetzten, kam die Registratorin, der die Thränen vor Freude in die Augen traten, wenn eine ihrer Töchter einmal geholt wurde, an die junge Frau heran und bat sie, sich zurecht zu machen, da sie in ein paar Minuten gehen müßten.
Sie habe sich verpflichtet, Wanda um elf Uhr gesund an Madame Gernoth abzuliefern.
»Und ich soll _Ihnen_ halten, was ich meiner Mutter versprochen habe?« fragte Wanda Rhode lachend.
»Aber das versteht sich doch, liebe Frau Doktorn.«
»Kennen Sie nicht das Gedicht von der schönen Bianca, die über den See zum Tanze fuhr und, als ein Gewitter heraufzog und die Wellen das Schiff zu verschlingen drohten, bei der Sonne schwur, keinen Fuß zu rühren, wenn sie nur glücklich das Land erreiche?«
»Nein, das kenne ich nicht.«
»Nun, hören Sie nur: als sie nun drüben war, zuckte es ihr zwar in allen Gliedern, aber sie hielt sich tapfer. Nur wie der Mond heraufstieg, die Musik immer berauschender wurde, die Lust immer lauter, da konnte sie nicht länger widerstehen und tanzte, und tanzte --«
»Aber hier ist doch kein Gewitter und kein See, liebe Frau Doktorn!«
»Hören Sie nur: tanzte, bis der besorgte Fährmann herankam und sie mahnte:
Bianca, Bianca, was hast Du gethan, Du hast dein Wort ja gebrochen.
Worauf die Schöne lachend rief:
Ach, die Sonne ist jetzt in Amerika Und dem Mond hab ich gar nichts versprochen.
Nun, sehn Sie, Frau Registrator, meine Mutter ist die Sonne, und Sie der Mond, und wahrhaftig! ich will um kein Haar besser sein als die kluge Bianca! -- Fräulein Bertha und Fräulein Malchen, erlauben Sie, daß ich Ihnen diese Herren vorstelle?«
Da fand sich denn der Mond in seine zuwartende Rolle.
»Ich freue mich, Sie so heiter zu sehn,« sagte jetzt der Pole, dessen Augen inzwischen einen ganzen Band Verse geredet hatten, die sie mit dem Epigramm eines kurzen Blickes beantwortete, indem er wieder in die Reihe mit ihr trat.
»Haben Sie vermutet, eine Unglückliche wiederzufinden?«
»Durchaus nicht. Um so weniger, als Sie überhaupt hier zu finden außerhalb meiner Vermutungen stand. Und warum sollten Sie unglücklich sein?«
»Gewiß, warum sollte ich es sein? Ich bin sogar sehr froh: ich war krank und bin wieder gesund, ich lebte öde und eingeengt und lebe befreit und heiter und -- ich finde zum Überfluß einen guten Freund wieder, mit dem ich manche vergnügte Stunde verlebt.«
»Sehr gütig, das der Summe Ihres Glückes zuzuzählen. Ich bin nicht so unbescheiden, diese Wendung ernst zu nehmen.«
»Sie leben nicht mehr in Breslau?« fragte sie, als sie wieder anhielten.
»Ich halte mich bei Verwandten auf dem Lande auf. Aber ich stehe in Verhandlung mit dem Direktor des Breslauer Stadttheaters und darf mir einige Hoffnung auf die Stellung eines Korrepetitors an der dortigen Oper machen. Ich habe einige Sachen von Herrn von Holtei in Musik gesetzt, und er hat die Güte gehabt, mich zu empfehlen. Ich würde das Glück haben, wieder dieselbe Luft mit Ihnen atmen zu dürfen und Sie würden mir vielleicht gestatten, Sie manchmal zu sehen.« In seinen Augen und in seiner Stimme war das Dringende, Werbende und dabei Verzweifelte einer aussichtslosen und unauslöschlichen Leidenschaft.
»Noch sind Sie nicht in Breslau,« sagte sie ruhig lächelnd, während ihre ganze Seele sich dieser Leidenschaft zukehrte und ihr Ohr mit Entzücken das Beben der Stimme neben ihr trank.
»Nein, es ist noch unsicher, doch ich darf hoffen. Herr von Holtei forderte mich auf, hierher zu kommen, um mich persönlich kennen zu lernen und um mich zur Mitwirkung heut Abend heranzuziehen.«
»Sie kamen erst heut hier an?«
»Heut Mittag. Ach! und kam so leichten Herzens! so leichten, als ich überhaupt zu haben vermag, und ohne Ahnung --«
»Mich hier zu finden. Sie wollten mich nicht wiedersehen?«
»Nein,« sagte er dumpf.
Sie tändelte mit dem Fächer -- in diesem Tone ging es nicht weiter, so ernsthaft durfte er nicht werden; mochte ihm zumute sein, wie ihm wollte, man mußte die heiteren Mäntelchen behalten. Sie lachte also und antwortete schalkhaft: »Und müssen nun ehrenhalber die herzhaftesten Fluchtgedanken heldenmütig im Blute der Höflichkeit ersticken. Aber ich bin nicht unmenschlich und gebe Sie frei. Sehen Sie mal diese etwas zu dick geratene Friederike von Sesenheim aus der Guhrauer Gegend, die mit den verwelkten Kornblumen am Herzen, sie sitzt, scheint es, den ganzen Abend! Reizt Sie diese --«
»Quälen Sie mich doch nicht. Wenn _Sie_ scherzen und spotten können, ich kann es nicht.«
Sie suchte nach einem andern Thema.
»Haben Sie außer Liedern noch etwas komponiert? Wie steht es mit der Oper, die Sie damals schreiben wollten?«
»Sie erinnern sich dieses Planes?«
»O, sehr gut, besonders _eines_ Motives. Warten Sie mal, ich muß es noch wissen.« Und sie summte, mit dem Kopfe den Rhythmus angebend, die Melodie.
»Ich bin entzückt, daß Sie das behalten haben.«
»Es hat mir gut gefallen, und so hab' ich es manchmal auf dem Klavier gespielt und ein bißchen Baß dazu gesucht.«
»Wirklich?«
»Wirklich! In der Einsamkeit der Dämmer- und Abendstunden, in diesen Stimmungen der Sehnsucht und -- nun ja, phantasiere ich gern auf dem Flügel, so gut oder so schlecht ich's kann.«
»In der Einsamkeit? Sind Sie denn manchmal einsam? Kann man Sie denn bisweilen allein lassen? Sie verzeihen.«
»Aber das ist doch nicht anders. Die Kranken und dann die Politik --«
»Und dann haben Sie meine Melodien gespielt und haben manchmal ein klein wenig an mich gedacht?«
»Warum nicht? Denkt man der Melodien, denkt man wohl auch des Komponisten. Was ist da weiter?«
»Freilich, was ist da weiter! Und die ›Sehnsucht‹ ist die nach dem vermißten Gatten? Natürlich. Ist Ihr Herr Gemahl auch hier? -- ich meine in Salzbrunn.«
»Nein.«
Ein knappes »Nein,« in das nichts von Bedauern oder Sehnsucht hineinklang, aber auch nichts Feindseliges, und auf das sie eine Weile schwiegen, um, endlich die Unterhaltung wieder aufnehmend, über das Badeleben, das Wetter, die Menschen zu plaudern, banales Zeug, dem Wanda doch beständig einen Reiz zu geben wußte durch gut herangezogene Citate, drollige Spöttereien und kleine Sentimentalitäten. Dadurch kamen sie nun doch in jene behagliche Stimmung, mit der man etwa an heiterem Sonnentage in kleinem Boote ein tändelndes, blaues Meer befährt, dessen Leidenschaft Windstille gebändigt hält.
Ganz unvermittelt -- die Musik hatte inzwischen eingesetzt und sie waren zum »Contre« angetreten -- sagte er dann:
»Sie haben es nicht etwa für eine Entweihung meiner Gefühle genommen, daß ich jenes Lied -- ich meine jetzt das andere, das Sie schon kannten, öffentlich mitzuteilen wagte?«
»›Mitteilung ist das Wesen des Dichters,‹ sagt Goethe.«
»So, sagt er das? Und Sie, so jung, verstehen es?«
»Ich denke.«
»Sie begreifen also, daß der Künstler nichts entweiht, auch wenn er alles preisgiebt, daß die Form, in der er es thut, wenn sie sonst eine gelungene ist, ihm das Recht giebt, alles zu gestehen, weil er sich damit zum Interpreten der Gefühle aller macht, ihrer tiefsten und reinsten Gefühle, alles ihres Ringens und Sehnens?«
»Warum sollte ich das nicht begreifen?«
»Gewiß. Und es macht mich sehr glücklich, daß es so ist.«
»Nur ist mir die Richtigkeit Ihrer Auffassung zweifelhaft: denken und dichten die Poeten nicht am Ende über diese Philister- und Werktagsseelen hinweg, wie die Lerchen und Nachtigallen über die Köpfe der Sperlinge und Finken hinweg ihre Lieder singen? Und ergreift der Künstler diese Seelen vielleicht nur, indem er ihnen die Ahnung beibringt, daß es andere giebt, die unendlich viel stärker empfinden und persönlicher denken als sie? Und was sie ergreift, ist vielmehr Schauer des Mitgefühls mit dem größerem Maß von Leiden, das ein Künstler ertragen muß?«
»Wohl möglich, daß es so ist. Jedenfalls: wenn man den Künstler nach seiner Fähigkeit zu leiden schätzen dürfte, dann hätte ich den Vorzug, als ein großer Genius zu gelten.«
»Sehen Sie, so finden die Unglücklichen immer einen Trost. Aber wie ist mir denn: pflegen Ihre Landsleute ihren Schmerz nicht zu vertanzen? Sind sie nicht eben darum Meister in dieser Kunst? Tanzen wir. Es ist eine Mazurka, nicht wahr?«
»Gewiß.«
Lächelnd legte er seinen Arm um sie, und gleich darnach verschlang der Wirbel des Reigens die Beiden.
Viertes Kapitel.
Als Madame Gernoth den Entschluß gefaßt, sich von ihrem Manne zu trennen, hatte sie es in dem Trotz und dem Selbstgefühl einer etwas eckigen, aber redlichen Natur gethan und aus einer Empfindungsweise heraus, der alles Kühne frech, alles Gewagte unsolid dünkt, und die keine Nachsicht kennt für die impulsiven, schnellen Eindrücken empfänglichen Gemüter, die auch einer Versuchung einmal unterliegen, ohne deshalb schlecht zu sein, die vorübergehend untreu sind, ohne es mit ihren besten Gefühlen zu werden. Und obgleich, als das Zerwürfnis einmal ausgebrochen, Gernoth sie zu versöhnen strebte, zog sie, unbeugsam wie sie war, vor, Not und Sorge auf sich zu nehmen, statt dort ein Wohlleben zu führen, wo sie ihr Gefühl täglich verletzt sah.
Not und Sorge sollten jedenfalls nicht ausbleiben. Gereizt durch die Härte seiner Frau, brachte Gernoth es fertig, sie und das Kind, das er ihr überließ, sehr ungünstig zu stellen und über einem neuen Verhältnisse rasch zu vergessen. Dagegen schien Frau Florentine viel Glück bei der Erziehung ihrer Tochter zu haben, die zwar schon frühe viel von dem übersprudelnden, leicht beweglichen Wesen des Vaters, aber auch andere Eigenschaften verriet, die die Mutter als Hebel ansetzte, um alles an väterlichem Erbteil in Wanda zu unterdrücken. Es war etwas von dem Fleiß und der Sparsamkeit der mütterlichen Linie in dem Mädchen, das sich sehr gut hierzu eignete und von Madame Gernoth beständig herangezogen wurde, um Wanda zu rastloser Thätigkeit anzuhalten und ihr die Notwendigkeit, einen Spargroschen für Fälle besonderer Not anzulegen, einzuprägen; eine Vorsichtsmaßregel, der die sorgliche Frau besondere Wichtigkeit beimaß, der Tochter sogar die bescheidenen Freuden, die der Jugend Bedürfnis sind, verkümmernd und -- vielleicht nicht ganz weise -- in die Freude an dem Wachsen ihres kleinen Schatzes verkehrend.
Es schien inkonsequent zu sein, daß Madame Gernoth, als ihr unverhofft eine kleine Erbschaft zufiel, sich beeilte, diese dazu zu verwenden, ihre inzwischen herangewachsene Tochter gefällig zu kleiden und ihr eine Reihe von Vergnügungen zu bereiten. Dennoch glaubte sie so verfahren zu sollen. Hätte sie das Martyrium einer langen unglücklichen Ehe hinter sich gehabt, so hätte sie vielleicht versucht, Wanda den Männern fernzuhalten. Aber sie hatte eine kurze Enttäuschung hinter sich, die sie selbst korrigiert hatte; sie hatte die Unbefriedigtheit und Schutzlosigkeit einer gattenlosen Existenz kennen gelernt und war so zu der Ansicht durchgedrungen, daß selbst eine nicht ganz glückliche Ehe noch immer besser sei als gar keine. Zudem war es noch die Zeit, in der die Unvermähltgebliebene unter der Bezeichnung »alte Jungfer« eine bemitleidete Erscheinung war, so daß Tausende heirateten, bloß um socialer Mißachtung zu entgehen. Endlich aber besaß Wanda eine Eigenschaft, die es geradezu unmöglich machte, sie der Aufmerksamkeit der Männer zu entziehen, und Frau Florentine vielmehr wünschen ließ, diese Aufmerksamkeit da zu erregen, wo sie ihr mütterliches Auge darüber wachen lassen konnte.
Wanda war eine der Schönheiten, an denen alles packt, entzückt und hinreißt.
In ihrem Wuchse, in ihrem schwebenden Gange lag allein etwas, das bezauberte, in ihrem Nacken, der Bildung und Haltung der Schultern etwas Verführerisches. Dazu kam ein flirrender Glanz in den Augen, etwas Kühnes, Eroberndes in dem Schnitt ihrer Nase und ein geheimnisvolles Zucken um die lebensvollen Lippen, das wechselnd die ganze Skala ihres Wesens verriet und doch nie ganz verriet. Wie sie nun dabei mit blitzartiger Klugheit und einem Gedächtnis ausgestattet war, das alle Eindrücke und Vorkommnisse, jeden Vers, jede Melodie, jedes launige Wort festhielt und mit spielender Leichtigkeit an die Oberfläche warf, eroberte sie, was in ihren Gesichtskreis trat.
Die Erfahrungen, die Frau Gernoth in dieser Beziehung machte, waren geradezu verblüffend. Sie hätte ohne alle mütterliche Eitelkeit sein müssen, wenn sie ihr nicht geschmeichelt hätten, aber wie dann Wanda zu denen gehörte, die Wirkung ausüben und erfahren müssen, um ganz sie selbst zu sein, dann aber auch unauslöschlich sie selbst sind, wurde Frau Florentine auch klar, daß ihre haushälterische Erziehung den Kern des Wesens ihrer Tochter unberührt gelassen hatte.
Wanda berauschte sich an ihren Erfolgen. Die Natur hatte garnicht daran gedacht, Fischblut in ihre Adern zu gießen, mit dem Temperament ihres Vaters hatte sie sein leichtentzündliches Herz geerbt; und sie nahm diese Eigenschaft keineswegs übel: nur wer selbst die Unruhe, die Schmerzen und die Süßigkeiten der Liebe in vollem Maße kennen zu lernen veranlagt ist, ist fähig, die ungeheuren Triumphe zu genießen, die die Schönheit feiert.
Wenn sie indessen davon träumte, ein Lebensglück zu finden, das diesen Triumphen entspräche, so sollte ihr das Schicksal diesen Traum nicht erfüllen.