Edgar Allan Poe Die Dichtung, Band XLII
Chapter 3
_Der_ Edgar Allan Poe, der +Roderich Usher+ ist, hatte wie der Engel Israfel des Korans statt des Herzens eine Laute in der Brust. Wenn er die schöne Geliebte anblickte, schluchzte sein Herz, und die Laute sang. Sang die hohen Lieder der Sehnsucht, deren Titel schon mit so süssen Tönen ins Ohr klingen, die reinen Weisen von Morella und Berenice, von Eleonora und Ligeia. Dieselbe _innere Musik_, die den »Raben« durchflutet und »Ulalume«, und die vielleicht _das Höchste_ der Kunst ist, rauscht durch diese Poesie in Prosa. Und das Wort, das der Dichter seinem Weltensang »Heureka« zum Geleite gab, gilt auch für diese Klänge: »They cannot die: or if by any means they be now trodden down, so that they die, they will rise again to the life eternal.«
Ja, sie haben Ewigkeitwert, sie werden die kurze Spanne Zeit leben, die wir Menschlein Ewigkeit nennen: das aber ist das Höchste, was je ein Mensch erreichen kann, auch in alle Zukunft hinaus.
* * *
Für keine Zeit aber ist der Wert des Dichters Edgar Allan Poe ein höherer, als für unsere Tage, denn gerade unsere Zeit kann von ihm lernen -- und _sie tut es_. Poe ist heute kein Problem mehr, er ist eine Erscheinung, die lichtklar vor allen denen liegt, die sehen können. Das Bewusste seiner Rauschkunst, das Hervorheben der Bedeutung der Technik, das klare Erkennen des parnassischen Kunstprinzips in weitester Auffassung, die starke bis zur äussersten Grenze gehende Hervorkehrung der hohen Bedeutung der innern Musik für alle Poesie -- -- das alles sind Momente, die einzeln von manchen andern betont sind, in ihrer Gesamtheit und durchdringenden Verbindung aber von keinem Künstler so erkannt und angewandt sind, wie von dem neuenglischen Dichter. Und da diese Momente eben _in ihrem Aggregat_ das darstellen, was als die Forderung des modernen Geistes für die Kulturkunst bezeichnet werden kann, so ist das eingehende Studium wohl keines Dichters für den Künstler und gebildeten Laien so dankbar, wie das Edgar Allan Poes. Dass man freilich solche Studien nicht an Übersetzungen machen kann, liegt auf der Hand: kennen lernen und geniessen mag man den Dichter in Übersetzungen, zu einem Eindringen in sein innerstes Wesen ist die Urform notwendig. Das mag von allen Dichtern gelten, von keinem aber mehr als von Poe.
* * *
Noch flöten die Nachtigallen, und aus ihren kleinen Kehlen singt die Stimme des Dichters, den ich liebe. Die leichten Winde schlagen die Flügel ein, die Blätter der Ulmen halten inne mit Rauschen. Selbst die Rieselbächlein lassen von ihrem Geplauder: der Park der Alhambra lauscht dem Gesange der Nachtigallen. Durch Hunderte von Jahren haben am Abend diese süssen Klänge die alten Türme und Mauern zur Ruhe gewiegt -- -- auch heute sind es die vertrauten Töne und doch anders, so anders. Eines toten Dichters Lautenherz klopft, und _seiner Seele Lieder_ singen die kleinen Vögel. Da lauschen die Bäche und Bäume, da lauschen die roten Quadersteine, da lauschen die purpurglühenden Kuppen der Schneeberge. Und ein unendlicher Seufzer klingt durch den grossen Garten von Westen her: das ist die warme, sinkende Sonne, die trauernd Abschied nehmen muss von eines Dichters erhabenem Sange.
Die Dämmerung atmet durch die Ulmen, und leichte Nebelschatten heben sich aus den Lorbeerbüschen, steigen hinab aus dem maurischen Geisterschloss. Wie ein langer Zug schreiten sie vorbei, setzen sich ringsum auf die Marmorbänke. Ich weiss wohl, wer sie sind: Granadas Dichter, Juden und Araber. Ganz nahe bei mir sitzt Gabirol, dann Ibn al-Khabib und Ibn Esra. Und Jehudah ben Halevy und Mohammed Ibn Khaldoûn und Ibn Batoûta, hundert tote Dichter lauschen schweigend dem Sange der Nachtigallen. Sie wissen alle, _was_ heute die grauen Vöglein singen -- _so klug sind die Toten_. Sie hören das Herz des Engels Israfel, von dem der Koran erzählt, und preisen dankend den Gott, der solche Töne erweckte. -- Oualâ ghâliba ill' Allâhta 'alâ -- murmeln die Nebelschatten der Alhambra.
Und die Nachtigallen singen von dunkeln Rätseln, von den reinen Quellen des Lebens, das eine grosse Sehnsucht ist. Sie singen von dem geheimnisvollen Gedanken, der alles erschuf und ewig durchdringt, von dem weltenbauenden Hauche, der mit unendlicher Liebe das All erfüllt. Singen von der Schönheit, die alle Wahrheit erst zur Wahrheit macht; von den Träumen, die das Leben erst zum Leben machen.
Poes Seele singt, und hundert tote Dichter lauschen den Klängen. Und von ihren Lippen lösen sich immer wieder die uralten Worte: -- Oualâ ghâliba ill' Allâhta 'alâ. -- -- So dankbar sind die Toten.
* * *
Und tiefer sinkt die Nacht herein. Die Nachtigallen schweigen, und der Ostwind hebt sich von der Sierra her. Da weichen die Nebelschatten; wieder bin ich allein in der Alhambra verzauberten Parke, allein mit eines grossen Dichters Seele. Und wie der Wind durch die Blätter fährt, rauschen die alten Ulmen und singen von »Ulalume«, der seltsamen Ballade von des Dichters schaurigem Traume -- --
'The skies they were ashen and sober; The leaves they were crispèd and sere -- The leaves they were withering and sere; It was night in the lonesome October Of my most immemorial year. It was hard by the dim lake of Auber In the misty mid region of Weir -- It was down by the dank tarn of Auber In the ghoul -- haunted Woodland of Weir.
Here once, through an Alley Titantic Of Cypress, I roamed with my Soul -- -- -- -- -- --'
Ich weiss wohl, dass ich es bin, der die Verse spricht. Aber ich fühle, dass meine Lippen nichts anderes sagen, als das, was die Ulmen da rauschen. Ich fühle: das ist das trübe Oktoberlied der heulenden Winde, das eines Dichters überirdische Sehnsucht in sich aufsog und in Menschenworte bannte. Das ist das Einatmen eines innersten Sinnes der Natur, ist ein Aufgehen des eigenen Wesens im All und zugleich ein Durchdringen des Alls mit dem Gedanken, der die Urform allen Seins ist. Das ist ein kleiner Beweis für das von dem Dichter aufgestellte höchste Gesetz »von der +Einheit+ _als Quelle aller Dinge_«.
Mein Mund spricht die geheimnisvollen Worte, die meinem Ohre der Wind zuträgt. Ich fürchte mich in dieser düstern Einsamkeit, in der eine märchenferne Zeit lebt; ich will hinaus aus dem Tale der Alhambra. Da verirrt sich mein Fuss, tappt im Dunkel und verfehlt den Weg. Und wie ich eine Allee gewaltiger Zypressen zu Ende schreite, stosse ich hart an ein niederes Tor. O, die Angst lehrt im Dunkeln sehn -- -- ich weiss, ich weiss, wessen Grab das ist. Und _gegen meinen Willen_ sprechen meine Lippen zu meiner Seele:
-- -- -- »What is written, sweet Sister, On the door of this legended tomb?« She replied: -- »Ulalume -- Ulalume -- 'Tis the vault of thy lost Ulalume!«
Immer steigert sich meine Furcht. Des toten Dichters Seele, die durch der Ulmen Blätter rauschte, in der Nachtigallen Sang erklang, die aus den Quellbächlein plätscherte und des Windes schauriges Lied erfüllte, sie nimmt _auch von mir_ Besitz. Von mir: einem winzigen Stäubchen der Natur, die sie durchdringt. Ich weiss, dass dieser Gedanke mich vernichtet, dem ich nicht entfliehen kann. Doch wehre ich ihm nicht, -- -- und seltsam! ich werde ruhig, so ruhig, wie ich ganz von ihm erfüllt bin.
Leise schwindet die kleine Menschenangst.
* * *
Nun finde ich auch meinen Weg wieder. Ich schreite durch die Pforte der Reben auf den Platz der Aljibes zu. Ich gehe in die Alcazaba, steige den Ghafar hinauf, den mächtigen Wachtturm der maurischen Fürsten. Ein leuchtender Halbmond glänzt nun zwischen ziehenden Wolken, das alte Wahrzeichen arabischer Grösse, das kein Christengott vom Himmel wegwischen kann. Ich blicke tief hinunter auf das kirchenfrohe Granada, lärmend und schwärmend im nächtlichen Strassentreiben. Das läuft in Kaffeehäuser, das liest Zeitungen, putzt Stiefel und lässt sich Stiefel putzen. Das schaut in erleuchtete Ladenfenster, fährt in Trambahnen, ruft frisches Wasser aus und sammelt Zigarrenstummel. Das lärmt und schreit, zankt sich und verträgt sich wieder. -- Und _kein Mensch_ hebt den Blick, kein Mensch schaut hinauf auf die einzige Pracht hier oben!
Rechts von mir braust der Darro daher, hinten höre ich des Genil Rauschen. Helle Feuerscheine dringen aus den Erdhöhlen des Zigeunerberges, und zur andern Seite strahlen silbern im Mondlichte die Schneehäupter der Sierra. Zwischen dem Wachtturme, auf dem ich stehe, und den Purpurtürmen des Mohrenberges zieht sich tief im Tal der dunkle Park hin, hinter mir liegt, Saal an Saal, Hof an Hof, der Alhambra Zauberschloss.
Dort unten lärmt das kleine Leben des Jahrhunderts, hier oben ist der Träume Land. Und das da unten -- -- wie fern, wie unendlich weit ist das von mir. Und das hier oben -- -- ist nicht jeder Stein ein Stück meiner Seele? Bin ich, allein in dieser Welt der Geister, _die das blinde Leben unten nicht sieht_, bin ich nicht ein Teil all dieser Träume? -- Die allmächtige Schönheit macht diese Träume _zur Wahrheit_: hier blüht das Leben, und die Wirklichkeit da unten wird zum Schattenspiele.
Die Tat ist nichts -- der Gedanke ist alles. Die Wirklichkeit ist hässlich, und dem Hässlichen fehlt die Berechtigung des Daseins. Die Träume aber sind schön, und sind wahr, _weil_ sie schön sind.
Und darum glaube ich an die Träume, als an das _einzig_ Wirkliche.
[Verzierung]
WIE SAH EDGAR ALLAN POE AUS?
Es gibt Männer, von denen ein seltsamer Zauber ausgeht. Sie ziehen in ihren Bann, willenlos: man _muss_ an ihre Persönlichkeit glauben. Und dann ist da ein _Etwas_, das zurückstösst; man weiss nicht, was es ist -- -- _aber es ist da_. Sie sind _gezeichnet_: mit dem Kennzeichen der Kunst. So war Oscar Wilde, so war +Edgar Allan Poe+.
Seine Gestalt war hoch, sein Gang leicht und seine Haltung stets harmonisch. Immer vornehm, trotz seiner Armut; von einer romantisch ritterlichen Art. Seine stolzen Züge waren regelmässig, ja, sie waren schön; die reinen Augen dunkelgrau mit einem seltsam violetten Glanze. Die selbstbewusste Stirn hoch und von wunderbarem Ebenmass. Bleich war stets seine Gesichtsfarbe und schwarz die Locken, die sie beschatteten. Schön war Edgar Allan Poe, an Leib und an Seele. Wie Musik klang seine leise Stimme -- --
Geschmeidig war er und kräftig, zu jeder Leibesübung geschickt. Ein ausdauernder Schwimmer, der einmal über sieben englische Meilen ohne zu ermüden von Richmond nach Warwick gegen reissenden Strom schwamm; ein gewandter Springer, eleganter Reiter und vorzüglicher Fechter, der mehr wie einmal einen Gegner heissblütig zum Zweikampfe forderte.
Er war ein _Gentleman_ vom Scheitel zur Sohle. Seine gesellschaftlichen Formen waren kühl und doch bestrickend liebenswürdig. Er war weich und zart und doch ernst und fest. Er war ein Gelehrter, besass eine fast universale Bildung. Es war ein gleich grosser ästhetischer Genuss ihn zu sehen, wie ihm zuzuhören. Er war immer der Schenkende, und sein Fluch war, dass so wenige, wenige all derer, an die er seine reichen Gaben zerstreute, sie zu würdigen verstanden. Ein paar schöne Frauen -- -- verstanden ihn? -- nein, aber sie ahnten den Adel seiner Seele; instinktiv, wie es immer die Frauen tun. -- Drei Menschen, die zu seiner Zeit lebten, vermochten ihn ganz zu erfassen: Baudelaire und die beiden Browning. Aber sie lebten drüben im alten Europa, und er sah sie nie --
[Abbildung: Edgar A. Poe. (Nach einer Radierung von Harry G. Webb)]
So war der Dichter allein, einsam in seinen verstiegenen Träumen.
Und wie er schön war und über alles die Schönheit liebte, so musste auch alles das schön sein, was ihn umgab. Grandiose Schönheiten schuf er in seinen Träumen, die ihm ja Wirklichkeit waren; da hauste er in Landors köstlichem Landhaus oder auf dem herrlichen Gute zu Arnheim. Aber auch in dem armen bescheidenen Leben, das die Pfennige zählt, wusste er um sich herum ein Sein zu schaffen, das die Bewunderung Reichster erregte. Seine kleine Hütte zu Fordham, in der er an der Seite der schönen todgeweihten Gattin ein Paradies der Qualen durchlebte, durchflutete eine köstliche Harmonie, die jeden Besucher entzückte. Krempel und Gerümpel stand da herum -- -- aber _wie_ es herum stand, war es reizvoll und schön. Es war eine erbärmliche Hütte auf der Spitze eines kleinen Hügels, aber blühende Kirschbäume standen auf der grünen Wiese, kleine Singvögel lockten frühmorgens den Dichter hinaus in die nahen Fichtenwälder. Dann schritt er durch seine bunten Georginenbüsche, atmete den süssen Duft der Reseden- und Heliotropbeete ein. Die leichte Morgenluft küsste seine feuchten Schläfen, streichelte die müden Augen, die die lange Nacht über an dem Lager der langsam sterbenden Geliebten gewacht hatten. Er ging zu der hohen Brücke über den Fluss Harlem oder an den felsigen Abhang und träumte dort, von alten Zedern beschattet, in das weite Land hinaus.
Nun ruht er -- -- irgendwo. Am Tage nach seinem Tode begrub man ihn, auf dem Westminsterchurchfriedhofe zu Baltimore. Wie einen Landstreicher las man den sterbenden Dichter von der Strasse auf, wie einen Hund verscharrte man ihn am andern Tage. Sein Grab soll nahe bei dem seines Grossvaters liegen, des Generals David Poe, der in dem Befreiungskampfe der Union sich einen Namen machte. Da ungefähr _soll_ es sein; man weiss es nicht so genau. Kein Kreuz, kein Grabstein erhebt sich an der Stelle; kein Mensch bekümmert sich darum. Seine Landsleute haben andere Sorgen: was geht die ein toter Dichter an! -- So eine Woche noch beschäftigten sie sich mit dem elend Verschiedenen -- um sein Andenken zu beschmutzen, zu begeifern. Alle die Lügengeschichten, die noch heute über ihn im Umlauf sind, wurden da erfunden; eine ganze Flut giftiger Tinte wurde über den toten Löwen verspritzt. Alle die Mittelmässigkeiten fielen über ihn her, die neidgeschwollenen Schreiberlein, die er so unbarmherzig zerrupft hatte. Stimmten ein in den Schlachtruf des Lügenpfaffen Griswold: »Er verreckte im Dusel! Er soff, er soff, er soff!« -- Dann vergass man ihn da drüben, und das war gut so: seine Landsleute waren eben lange noch nicht reif, ihres grossen Dichters Genie zu erkennen.
Ob sie es heute sind?
Aber nach hundert Jahren werden sie die morschen Knochen zusammensuchen, werden ihnen einen mächtigen Denkstein errichten und darauf schreiben:
»Die Vereinigten Staaten _ihrem_ grossen Dichter.«
Mögen sie die Knochen behalten, die da drüben! Wir aber wollen des Dichters Seele lauschen, die in den Nachtigallenkehlen der Alhambra lebt.
_Anmerkungen_
[Anmerkung A: Die beste Ausgabe in englischer Sprache ist bei J. B. Lippincott Company, Philadelphia erschienen; eine deutsche Gesamtausgabe (die nur die kritischen Studien und einige Gedichte und Humoresken nicht enthält) erschien bei J. C. C. Bruns in Minden; einzelne Novellen in der Reclamschen und der Meyerschen Volksbibliothek.]
[Anmerkung B: Was seinen Biographen, den Pfaffen +Griswold+, nicht hindert, zu behaupten, »dass es in der ganzen Literatur kein Beispiel gäbe, bei welchem man, wie bei Poe, so sehr auch nur den Schatten eines Gewissens vermisse!«]
[Anmerkung C: {7 Seiten} Es ist völlig verfehlt, diese Tatsache, wie +van Vleuten+ es tut, auf den übermässigen Alkoholgenuss zurückzuführen: Bacchus, der Venus Feind. Seine Bemerkung: »Dass der Alkohol ein Feind der physischen Liebe ist, weiss jeder Arzt; in Poe scheint er auch das psychische Äquivalent vernichtet zu haben« (»Zukunft« 1903 pag. 189), ist mir aus dem Munde eines ernsten Psychiaters, wie +van Vleutens+, einfach unbegreiflich. Ich habe im +Gegenteil häufig+ die Erfahrung gemacht -- und mir von Psychiatern bestätigen lassen -- dass chronische Alkoholiker im Rausche oft genug, manche sogar regelmässig, eine ausserordentliche Steigerung des Geschlechtstriebes zeigen. Es ist hier nicht der Ort, auf diese Frage näher einzugehen, jedenfalls ist es eine Tatsache, die jeder Polizist bestätigen wird und die +van Vleuten+ gewiss nicht leugnen kann, dass dreiviertel der nächtlichen Bordellbesucher in einem mehr oder weniger grossen Rausche handeln. Ist also die Hypothese van Vleutens falsch, so ist seine Schlussfolgerung völlig absurd: »in Poe scheint der Alkohol auch das +psychische+ Äquivalent vernichtet zu haben. _Deshalb_ war das Weib aus seinen Delirien verbannt; und da sein Dichten fast ausschliesslich in seinen Delirien wurzelte, fehlt ihm die ganze Sphäre des Weibes und der Geschlechtsliebe«. -- »Die Sphäre des Weibes« fehlt Poe durchaus nicht, vielmehr hat er sie häufig, freilich stets in der denkbar reinsten und edelsten Form, verwandt. -- Übrigens widerspricht sich van Vleuten selbst. Er stellt fest, »dass '_Der Rabe_' offenbar aus einem +Delirium+ stamme« (a.a.O. pag. 189). Nun, in diesem Gedicht spielt doch _ein Weib_ die Hauptrolle, wie kann er da behaupten, dass »das Weib aus Poes Delirien verbannt sei«? -- Der Satz, »dass der Alkohol der physischen Liebe -- und sogar ihres psychischen Äquivalents -- Feind sei«, ist in dieser Allgemeinheit gewiss unrichtig; die Wirkung ist eben +individuell+ völlig verschieden. Daher hätte sich van Vleuten seine Bemerkung, dass _Baudelaire_, als er auf die Asexualität der Novellen Poes hinwies, »_keine rechte Erklärung hierfür habe finden können_«, besser gespart. Baudelaire, dem bewussten Rauschkünstler par excellence, war ganz sicher diese sogenannte »Erklärung« wohl bekannt, er gab sie mit Absicht _nicht_ wieder, da er ihre Hohlheit durchaus erkannte. -- -- Die _Asozialität_ des Dichters, die übrigens ebenso wie die Asexualität beim Lesen Poes in die Augen springt, berührt van Vleuten leider mit keinem Wort: -- möchte er etwa behaupten, dass ihr _physisches_ Äquivalent bei ihm _vorhanden gewesen_, aber durch den Alkohol vernichtet worden sei?! -- Logisch +müsste er es+, denn der innere Zusammenhang beider Momente -- hier in der Negation -- lässt sich doch einmal nicht verleugnen! -- -- Es ist übrigens unerhört, zu welchen Gewaltmitteln van Vleuten in seiner sonst klugen Arbeit greift, um den Dichter in das Prokrustesbett seiner vorher festgelegten Schablone zu pressen! So behauptet er: »Die Landschaft Poes ist schematisch und einförmig. -- -- -- Für die wirkliche Landschaft war der Blick des Kranken +unempfindlich+, wenigstens liess die Amnäsie keine Erinnerung daran haften.« -- Und solchen Unfug sagt ein Psychiater, der selbst ein begabter Dichter ist, von dem Edgar Allan Poe, der »_Landors Cottage_« und »_The Domain of Arnheim_« schrieb, diese +Hohenlieder der Landschaft+, in denen auf fünfzig engbedruckten Seiten von nichts anderm als von landschaftlichen Schönheiten die Rede ist! -- Ich kann mir dies Vorgehen van Vleutens nur so erklären, dass er Poes Werke nur bruchstückweise kennt und die erwähnten beiden Kabinettstücke, sowie die Mehrzahl seiner Gedichte, die eine Menge landschaftlicher Bilder enthalten, nie gelesen hat! Wenn ich ihn also in Schutz nehme vor dem Vorwurfe, bewusst Unrichtiges gesagt zu haben, so kann ich ihm doch den andern schweren Vorwurf nicht ersparen: ohne genügende Vorkenntnisse den Lesern der »Zukunft«, das heisst, unserm Elitepublikum, eine Arbeit vorgesetzt zu haben, die, obwohl im grossen ganzen gewiss anerkennenswert, doch in Einzelheiten schwere Irrtümer enthält, die geeignet sind, das Bild eines der allergrössten Genies im Werte herabzusetzen.]
[Verzierung]
SCHRIFTEN VON
HANNS HEINZ EWERS
MÄRCHEN UND FABELN
Ein Fabelbuch (mit Etzel). IV. Aufl. Verlag Albert Langen, München
Die verkaufte Grossmutter. III. Aufl. Verlag Hermann Seemann Nachf., Berlin
Die Ginsterhexe. II. Aufl. Verlag J. von Schalscha-Ehrenfeld, Leipzig
NOVELLEN UND GEDICHTE
Der gekreuzigte Tannhäuser. VI. Aufl. (Vergriffen)
C. 33 und anderes. (Vergriffen)
Das Grauen. Nachtstücke in Goya's Manier. Verlag Concordia, Berlin
Moganni Nameh (Gesammelte Gedichte) Verlag Concordia, Berlin
Band XII der DICHTUNG
E. T. A. HOFFMANN von RICHARD SCHAUKAL
Mit 11 Abbildungen
Urteile:
=Nationalzeitung=: Richard Schaukal verbreitet sich in sachlicher Weise über E. T. A. Hoffmann, einen Vorfahren, dem Schaukal selber in seinem dichterischen Streben mannigfaltig verpflichtet ist. Er erzählt das Leben Hoffmanns an der Hand der alten Hitzig-Hippelschen Biographie und gibt dann eine gute Charakteristik des Hoffmannschen Gesamtwerkes, in jenem eigenwilligen Stil, der den Prosaschriften dieses Autors eine so amüsante persönliche Färbung verleiht.
=Dresdener Anzeiger=: ... Schaukal gibt viele Anregungen und ist mit seinem verzwickten barocken Stil, mit seiner blendenden Eindrucksfähigkeit in mehr als einer Hinsicht dem Wesen des Gespenster-Hoffmann verwandt. Wir finden hier ein tiefes Eindringen, ein williges Aufgehen in der Subjektivität. Haben wir das Buch von Schaukal gelesen, dann haben wir teils direkt, teils indirekt durch stilistische Kunst ein Bild E. T. A. Hoffmanns selbst.
=Wiener Abendpost=: Als Frucht einer langen über alle literarischen Umwälzungen geretteten Liebe und eines grossen Fleisses hat Schaukal seinen Essay über Hoffmann erscheinen lassen. In »Umrisse« und »Palette« teilt er ab, was er über den malenden und komponierenden Dichter zu sagen hat. Die »Umrisse« zeichnen nach fremden Porträts rasch eine charakteristische Skizze von Hoffmanns seltsamem Leben und seiner idealisch glühenden Art. Mehr von Eigenem gibt Schaukal im zweiten Teile. Während der erste Abschnitt auch irgendeinem besonders feinfühligen Gelehrten gelingen könnte, spricht in der zweiten Abteilung ein Künstler von der zerrissenen, in ironischen Masken grinsenden Seele eines Künstlers.
Band XXIV der DICHTUNG
OSCAR WILDE von HEDWIG LACHMANN
Mit 10 Abbildungen
Urteile:
=Allgemeine Zeitung, München=: Ungeachtet der Schriftenflut, die sich über den englischen Dichter und Lebenskünstler ergossen hat, ... wird man diese einfach geschriebene, von innerlicher Wärme erfüllte, in aller Bewunderung für ihren Helden massvoll abwägende, klar und fein durchgeführte Schilderung gerne lesen.
=Strassburger Post=: ... Zu einer grundverschiedenen Dichternatur, dem genialen, unglücklichen Engländer Oscar Wilde, führt den Leser Hedwig Lachmann, die Wildes »Salome« ins Deutsche übertragen hat. »Wie in einer tragischen Dichtung aus Anlagen und Verhältnissen das Geschick des Helden mit geradliniger Folgerichtigkeit herausrollt, so, als wäre es von einem Dichterhirn ersonnen und in die Welt gestellt, spielt sich das Leben Oscar Wildes ab.«
=Berner Bund=: »Die Dichtung«, die im Verlage von Schuster & Loeffler herausgegeben wird, enthält wohl das Feinste, was bis jetzt in Deutschland über den englischen Dichter geschrieben wurde. Sein Leben und sein Werk werden als aus derselben Wurzel hervorgehend begriffen und gewürdigt.
J. C. C. Bruns' Verlag, Minden i. W.
Edgar Allan Poes Werke
Kritische Ausgabe in 10 Bänden, Herausgegeben und übersetzt von _Hedda_ u. _Arthur Moeller-Bruck._ Brosch. 10 Bände à M. 2.--, geb. 10 Einzelbände à M. 2.50 od. 5 Doppelbände à M. 5.--.