Edgar Allan Poe Die Dichtung, Band XLII
Chapter 2
Qualvoll aber war für den Geweihten die göttliche Ekstase kaum minder als die teuflische! Eine Hölle sollte ihm sein, was andern ein Paradies war, eine heissgeliebte, eine selige Hölle, deren Flammen aber nicht weniger sengten. Denn Virginia, deren sterbenden Augen wir _Morella_ und _Ligeia_, _Berenice_ und _Leonore_ verdanken, war dem Tode bestimmt, ehe sie noch dem Dichter die Hand reichte. Er wusste, dass die Schwindsucht das leuchtende Rot auf ihre Wangen log, wusste, dass aus diesen tiefen, feucht schimmernden Augen die unerbittliche Krankheit herausgrinste. Wenn er am Abend die geliebten Locken streichelte, fühlte er: »_Noch so viele Tage wird sie leben_«; und am andern Morgen: »_Wieder einen Tag weniger_«. Eine Sterbende war es, die seine Lippen küsste, eine Sterbende, deren schöner Kopf nächtens neben dem seinen ruhte. Wenn er aufwachte von dem Röcheln und Rasseln ihrer mühsam arbeitenden Lungen, schien ihm das weisse Linnen ein Leichentuch, schien ihm der kalte Tropfen auf ihrer Stirne ein Todesschweiss. Ein Sterben durch Jahre hindurch, ein sichtbares langsames Sterben der Geliebten -- -- das war das einzige -- »+Glück+« dieses unseligsten aller Dichter. O ja, _Sensationen_ gab ihm die schöne todgeweihte Gattin, aber es waren Sensationen der Angst, des stummen verhaltenen Schmerzes, der Verzweiflung in lächelnder Larve: ein +Paradies der Qualen+. Lies seine schönsten Geschichten, die Virginia in seine Seele senkte: du wirst einen Hauch davon verspüren, in welch namenlosen Qualen sie geboren.
Ehe noch der letzte Faden zum Leben zerrissen und die stille Frau in die Gruft gesenkt war, schrieb Edgar Poe sein Meisterstück, den »+Raben+«. Und zu diesem Gedicht, das in der Weltliteratur nicht seinesgleichen hat, nahm er, -- ich möchte es den englischen Heuchlern ins Gesicht schreien -- die Ekstase wie aus dem »_heiligen_« Rausche des um die Verlorene blutenden Herzens, so auch aus dem »_gemeinen, lasterhaften_« Rausche +der Weinflasche+!
Jeder Irrenarzt, der sich mit Säuferwahnsinn beschäftigt hat, wird mit Leichtigkeit nachweisen können, was in dem »Raben« mit absoluter Gewissheit einem Delirium entstammt; ebenso leicht ist für den Psychologen der Nachweis des andern Rausches, den der Dichter Virginia, der »_lost Lenore_«, hier verdankt. Und damit vergleiche man das freimütige, wunderbar klare Essay, das Poe über die Entstehung des Gedichtes schrieb. Jede Strophe, jede Zeile, jeden einzelnen Wortklang begründet er in verblüffend einfacher Logik, es ist fast, als ob er den binomischen Lehrsatz beweisen wollte! Freilich die Hauptsache, die Ekstase und ihre Entstehung aus einem heiligen und einem -- ach, so unheiligen Rausche erwähnt er mit keinem Wort -- schrieb er sein Essay doch für neuengländische Magazinleser, wie hätten die einen Dichter verstehen sollen, der von einer Ekstase sprach!? Das Handwerksmässige, das rein Technische, das, was _die_ Kunst ausmacht, die auf _das Können_ sich stützt, das ist nie von einem Dichter klarer und überzeugender dargelegt worden, als in diesem Essay: ein Lehrbuch der Dichtkunst an einem Meisterbeispiel! Freilich -- -- benutzen werden Gevatter Schneider und Handschuhmacher den Leitfaden +nie können+, für den Künstler aber ist er die wertvollste Belehrung, die es gibt. -- Mag er daraus ersehen, dass »der göttliche Rausch« +allein+ kein vollkommenes Kunstwerk schafft, dass die gemeine Arbeit, die verachtete Technik, das Überlegen und Feilen, das Wiegen und Tönen ebenso unentbehrlich sind.
-- Nicht der gewaltige Gedanke des arabischen Baumeisters allein schuf die herrliche Alhambra: Maurer und Eseltreiber, Gärtner und Anstreicher, jeder trug sein Teilchen bei!
-- Edgar Allan Poe war +der erste Dichter+, der mit solcher Offenheit von der Arbeit, von dem rein Handwerksmässigen sprach. Da, und auch wohl nur da, war er Amerikaner, da stand er, und das will mehr sagen, an der Schwelle modernen Denkens -- -- als erster. Ein glänzender Beweis für den Vollwert dieses Künstlers, der nur von der Technik spricht und _mit keinem Worte_ hier die Intuition erwähnt, die der Dilettant immer im Munde führt. Vielleicht, wenn er für andere Leser in seinem Magazine geschrieben hätte, vielleicht wäre er noch einen Schritt weiter gegangen, hätte ihnen wohl gar von der Technik des Rausches erzählt.
Nie vor ihm hat ein anderer sein eigenes Kunstwerk so zergliedert, so bis auf die letzte Faser anatomisch zersetzt. Der göttliche Hauch, der die Bibel diktierte, spukt bis auf unsere Tage in dem Glauben der Masse herum, und die Herrn Künstler von Gottes Gnaden hüteten sich wohl, das Inspirationsfabelchen aufzuklären. Wenn _der heilige Geist über sie kam_ -- dann malten, dichteten, komponierten sie und setzten mehr oder weniger immakulate Geisteskindlein in die Welt. Das war so nett, so bequem, dass gewiss manche grosse Künstler selbst an die geheimnisvolle Weihe glauben mochten. »Trunken vom Gotte«, hiess der thrakische Sänger, auch wenn er so nüchtern war wie Sokrates. Dieser Gedanke, der sich in der _dionysischen Urform_ fast mit unseren modernen Anschauungen von Rausch und Ekstase deckt, bekam in der spätern _apollinischen_ Auffassung -- -- die »göttliche Salbung«, die die christliche Weltanschauung, wie so vieles, das klares Denken zu trüben imstande war, mit grosser Begeisterung übernahm. Alle die schönen Phrasen von dem Platz im Olymp, von dem Kuss der Muse, von dem göttlichen Rausche, von dem Gottesgnadentum des Künstlers usw. -- bei denen wir uns Gott sei Dank nicht das geringste mehr denken -- haben _da_ ihren Ursprung.
Es gehörte Mut dazu, diesen leuchtenden Nebel zu zerschlagen; wenige, gar wenige Gedichte der Weltliteratur vertragen eine solche unerbittliche Zersetzung. Aber weil Poe in seinem »Raben« ein Kunstwerk geschaffen, so rein, so vollendet, konnte er den Schritt wagen. Das Kleinliche, das Lächerliche und Absurde, das alles Erhabene sonst in den Staub reisst, vermag nichts dieser Vollkommenheit gegenüber.
-- Mein Blick fällt auf die Wandbekleidung des Saales. Im Stile Mudejar verschlingen und lösen sich die Arabesken und kufischen Sprüche, das Auge mag sich nicht satt sehen an all diesen phantastischen Harmonien. Nun, das arabische Wunderwerk besteht aus +Gips+, gemeinem Gips -- -- _wie lächerlich, wie kleinlich, wie absurd!_ Aber obschon es aus erbärmlichem Gips besteht, verliert dieses vollkommene Kunstwerk nichts von seiner Erhabenheit. Die gemeine Materie atmet den Hauch des Geistes -- +die Kunst triumphiert über die Natur+, _und diese Kunst ist so gross, dass ihr meine Erkenntnis des lächerlichen Stoffes nichts anhaben mag!_
[Abbildung: DER RABE Zeichnung von C. F. Tilney]
Poe brauchte eben das uralte Lügenmäntelchen nicht mehr. Er sah, dass es fadenscheinig und zerrissen war, und warf es kühn zur Seite. In den paar Worten, mit denen er in »_Heureka_« den Begriff der _Intuition_ definierte, als »eine Wahrheitserkenntnis, die sich auf Induktionen und Deduktionen gründet, die so schattenhaft sind, dass sie sich unserem Bewusstsein entziehen, sich vom Verstande nicht fassen lassen und der Ausdrucksfähigkeit der Sprache spotten«, -- liegt eine klarere Erkenntnis der Wege des künstlerischen Schaffens, als einer seiner Zeitgenossen sie hatte. Indem der Dichterphilosoph also der sogenannten »Intuition« der Philosophie gegenüber -- speziell Aristoteles und Bacon gegenüber, mit denen er sich auseinandersetzt -- eine Stelle einräumt, die ihr diese abspricht, bestimmt er zugleich ihren Wert und zwar in einem +engbegrenzten+, untheologischen, durchaus modernen Sinne. Das ist das Grosse an diesem ersten Menschen mit modernem Geiste, dass er, der Romantiker, der Träumer, doch ein Anbeter des Verstandes war, der _nie_ den Boden der Erde unter den Füssen verlor!
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Edgar Allan Poe bekannte also -- als Erster -- offen die Technik des Denkens, nahm Zolas »Genie ist Fleiss« um Jahrzehnte vorweg. Und dieser _selbe_ Edgar Allan Poe schrieb in seinem Vorwort zu »+Heureka+«:
»Denen, die mich lieben und die ich liebe; +den Träumern und denen, die an Träume glauben+, _als an das einzig Wirkliche_ -- +widme ich dies Buch der Wahrheiten+, nicht um Wahrheiten zu erzählen, +sondern um der Schönheit willen, die in der Wahrheit sich birgt+, _die allein die Wahrheit wahr macht_. Ihnen weihe ich diese Arbeit, nur als +ein Werk der Kunst+, einen Roman, wenn ihr wollt; oder auch, wenn das nicht zuviel gesagt ist, als ein Gedicht. Was ich hier sage, _ist wahr, deshalb kann es nicht sterben:_ und wenn es irgendwie vergehen sollte, so wird es wieder auferstehen zu ewigem Leben.«
So stellt Poe, völlig unabhängig von Th. Gautier, sein L'art pour l'art-Prinzip auf. Grösser als Gautier, der die Schönheit nur mit dem Auge des Malers sah, stellt er seine Forderung, und auch tiefer als Gautier, dem die äussere Form allein die Schönheit offenbarte. +Die Schönheit erst+ macht ihm die Wahrheit -- _zur Wahrheit_, deren Daseinsberechtigung er ohne die Schönheit verneint: das ist die höchste Anforderung an die Kunst, die je gestellt wurde. Und da diese Forderung sich nur in Sehnsüchten erfüllen kann, sind ihm die Träume das +einzig Wirkliche+, spricht er dem wachen Leben jeden Realitätswert ab. Auch hier ist Poe -- der Romantiker -- ein Pfadfinder, auch hier offenbart er als Erster das, was wir »modernen Geist« nennen. Hat er das von Zola gemünzte Prinzip des technischen Schaffens vorweg genommen, hat er weiter der Parnassier Kunstprinzip unabhängig von ihnen aufgestellt, so überspringt er hier um ein halbes Jahrhundert die Zeit und gibt eine Forderung, so ultramodern, dass selbst heute nur ein kleiner Teil der fortgeschrittensten Geister sie in ihrer ganzen radikalen Grösse verstehen wird.
Die Befruchtung der Literatur der Kulturvölker durch Poes Geist wird erst in diesem Jahrhundert volle Blüten treiben: das vergangene sah ihm nur ein paar lächerliche Äusserlichkeiten ab, ein Räuspern und Spucken, das freilich den glücklichen Abguckern, den Jules Verne und Conan Doyle ein Vermögen eintrug. Ganz gewiss hat der darbende Poe _diese_ Sachen nur für das tägliche Brot geschrieben: die See- und Mondreisen Gordon Pyms und Hans Pfaals usw., sowie einige der Kriminal-Novellen (wie z.B. der »Mord in der Rue de Morgue«, der »Entwendete Brief«, der »Goldkäfer«) sind durchaus nur aus dem Bedürfnis heraus entstanden, warm zu Mittag speisen zu können. Denn Poe wusste, was hungern heisst! So schrieb er diese Sachen, wie er auch Übersetzungen anfertigte und an allen möglichen wissenschaftlichen Werken mitarbeitete. Freilich, jede einzelne der Geschichten, und sei es die schwächste, lässt alle Abenteuer des eminenten Sherlock Holmes verblassen. -- Warum das grosse Publikum, und namentlich das englischredende, trotzdem Doyles lächerliche Detektivgeschichten mit Begeisterung verschlingt und die Poeschen aus der Hand legt? Nichts ist verständlicher! Poes Figuren sind, wie die Dostojewskys, so echt, seine Komposition ist so lückenlos, hält die Phantasie des Lesers so unentrinnbar in ihren Netzen, dass auch der Tapferste sich eines Grauens nicht zu erwehren vermag, eines qualvollen, mörderischen Grauens, das wie ein grausamer Albdruck festhält. Bei seinen so ausserordentlich beliebten Nachahmern aber ist dies Grauen nichts als ein angenehmer Kitzel, der in keinem kleinen Moment den Leser einen Zweifel an der Kulisse ankommen lässt. Der Leser weiss stets: das ist alles dummer Unfug; er steht _über_ dem Erzähler -- +das will er+! Poe aber nimmt ihn beim Schopfe, reisst ihn in Abgründe und schleudert ihn in Höllen, dass dem armen Tropf Hören und Sehen vergeht, dass er nicht mehr ein noch aus weiss. Darum zieht der gute Bürger, der gern ruhig schlafen will, den Kulissenhelden der Bakerstreet vor und bedankt sich für Poes grauenhaften Nachtmar. Man sieht: auch da, wo er bürgerlich sein wollte, wo er für die grosse Masse schreiben _wollte_, steckte er sein Ziel viel zu hoch; sprach zu Bürgerköpfchen und glaubte zu seinesgleichen zu reden! Um sein +Hirn+ zu Markte zu tragen, lief er von Verleger zu Verleger herum -- -- zu Leuten, die +Stroh+ kaufen wollten!
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Aber eine Zeit, die _kommt_, wird reif sein für des Dichters Gaben. Schon erkennen wir klar den Weg, der von Jean Paul und Th. A. Hoffmann zu Baudelaire und Edgar Allan Poe führt, diesen einzigen Weg, den eine Kunst der Kultur gehen kann, schon haben wir manche Ansätze -- --
Diese Kunst wird nicht mehr in engem nationalen Kleide stecken. Sie wird sich bewusst sein, wie sich Edgar Allan Poe als Erster bewusst war, dass sie nicht für »_ihr_ Volk« da ist, sondern einzig für die dünnen Kulturschichten, ob diese germanischer oder japanischer, lateinischer oder jüdischer Art sind. Kein Künstler hat je für »_sein_ Volk« geschaffen, und doch haben es fast alle gewollt und geglaubt. Der grossen Masse in Spanien ist Velazquez und Cervantes genau so völlig unbekannt, wie dem englischen Arbeiter Shakespeare und Byron, wie dem französischen Rabelais und Molière, wie dem holländischen Rembrandt und Rubens sind. Das deutsche _Volk_ hat nicht die geringste Ahnung von Goethe und Schiller, es kennt die Bürger und Heine nicht einmal dem Namen nach. Die kleinen Rundfragen bei den Soldaten einzelner Regimenter: »Wer war Bismarck? -- Wer war Goethe?« sollten doch dem vertrauensseligsten Blinden endlich die Augen öffnen. Ganze Welten trennen den Kulturmenschen in Deutschland von seinen Landsleuten, die er täglich auf der Strasse sieht: ein Nichts aber, eine Wasserrinne nur, trennt ihn von dem Kulturmenschen in Amerika.
Heine fühlte das und warf es den Frankfurtern ins Gesicht, Edgar Allan Poe sprach es noch viel klarer aus. Die meisten Künstler aber und Gelehrten und Gebildeten aller Völker hatten ein so geringes Verständnis dafür, dass bis auf unsere Tage Horaz' feines »Odi profanum« falsch ausgelegt wird! Der Künstler, der für »sein Volk« schaffen will, erstrebt etwas Unmögliches und vernachlässigt darüber häufig etwas Erreichbares und doch Höheres: für die ganze Welt zu schaffen. _Über_ dem Deutschen, über dem Briten und Franzosen steht eine höhere Nation: die Kulturnation; für sie zu schaffen, ist des Künstlers allein würdig. _Hier_ war Poe bodenständig, so wie es Goethe war, wenn auch in anderm, ebenso bewusstem, aber längst nicht so modernem Sinne.
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[Abbildung: DIE WASSERGRUBE UND DAS PENDEL Zeichnung von C. F. Tilney]
Ganz langsam schreite ich im Parke der Alhambra unter den alten Ulmen, die Wellington pflanzte. Zu allen Seiten plätschern die raschen Quellen, mischen ihren Singsang mit den süssen Liedern von hundert Nachtigallen. Zwischen den hohen Türmen schreite ich in dem üppigen Tale der Alhambra.
Wem gehört dieses Zauberschloss, dieser Träumegarten? Der spanischen Bettelnation, die ich verachte? Dem Fremdenpöbel mit dem roten Buche in der Hand, dem ich auf zehn Schritte schon aus dem Wege gehe? O nein! Mir gehört es, mir und den wenigen, die diese Schönheit in ihre Seele aufzunehmen vermögen. Deren Hauch diesen Steinen, diesen Sträuchern Leben zu leihen vermag, deren Geist es versteht, diese +Schönheit zur Wahrheit zu machen+. Alles um mich herum und all das andere, was schön ist auf dieser Erde, ist ein heiliges, unverletzliches Eigentum der Kulturnation, die über den Völkern steht. Sie ist Herrscherin, sie ist Besitzerin: _einen andern Herrn duldet die Schönheit nicht_. Das begreifen heisst die Welt ergreifen: Edgar Allan Poe tat es als Erster.
Ich sitze auf der Steinbank, auf der Aboul-Haddjâdj einst träumte. Vor mir springt ein Quell in die Höhe, fällt in das runde Marmorbecken. Ich weiss wohl, warum der Sultan hier sass, allein in den Dämmerstunden: o, es ist so süss, hier zu träumen.
War einst ein Dichter, der schrieb nichts anderes, als Gespräche mit Toten. Mit allen sieben Weisen plauderte er und allen Königen Ninives. Und mit ägyptischen Priestern und thessalischen Hexen, mit Athens Sängern, mit Roms Feldherrn und mit König Artus' Tafelrunde. Schliesslich mochte er mit keinem lebenden Menschen mehr reden: die Toten sind so viel unterhaltsamer! -- O, man kann mit ihnen plaudern, gewiss doch. Alle Träumer können es, und +alle die, die an Träume glauben+, _als an das einzig Wirkliche_.
Bin ich nicht heute mit ihm, den ich liebe, dort oben durch die Säle gewandert? Habe ich nicht dem Toten ein Teil von der Welten Schönheit gezeigt, die des Lebenden Augen nie sahen? Nun steht er da vor mir, an die Ulme gelehnt -- --
»Frage nur,« sagt er.
Er fühlt wohl, wie ich mit den Augen ihn liebkosend frage. Und er spricht. Bald tropfen die Worte klar von den Lippen, bald plätschert seine Stimme aus dem Springbrunn, sie singt aus den Kehlen der Nachtigallen und rauscht mit den Blättern der alten Ulmen. So klug sind die Toten.
»Lass du mein armes Leben,« sagt Edgar Allan Poe. »Frage Goethe darnach, der ein Fürst war, der sechs Hengste zahlte und mit ihnen durch die Welten jagte. Ich war ein Einsamer.«
Ich lass den Blick nicht von ihm: »Erzähle! Denen, die dich lieben, und die du liebst!«
»_Das Leben_ vergass ich, das ich lebte,« sagte er, »o nicht erst, seit ich tot bin, wie die Menschlein sagen. Jeden Tag vergass ich am nächsten Tage -- -- hätte ich sonst weiter leben können? -- Mein wahres Leben aber, mein Leben in meinen Träumen, das kennst du ja!«
-- -- Vom Boden her huscht ein leichter Nebel durch den Abend, eine süsse Kühle fächelt meine Schläfen. Freilich: das Leben seiner Träume kenn ich wohl, schenkte er es doch mir und der Welt. Und langsam lass ich dies Leben in seinen Dichtungen vor mir vorübergleiten.
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-- -- _William Wilson._ Natürlich ist es Poe. So sehr Poe, dass der Pfaffe Griswold geruhig Wilsons Geburtsjahr -- 1813 -- als das des Dichters angibt! -- Der Knabe herrscht in der alten Boarding-School zu Stoke-Newington über all seine Mitschüler, nur über einen nicht, den +andern+ Wilson: _sich selbst_. Und er, dessen ererbter leichter Sinn ihn als Knaben, Jüngling und Mann immer wieder zum Lumpen werden lässt, wird sein Gewissen nicht los: den +andern+ Wilson, _sich selbst_. Trotz des Gewissens stösst ihn sein Hang zum Verbrechen in der Welt herum, und immer von neuem ist _er selbst_ sein strafender Richter.[2]
So ist des Dichters Kindheit, so sein Jünglingsalter vergiftet. Das ererbte und durch die Erziehung noch mehr entwickelte Gefühl für gut und böse ist so überstark in ihm, dass er aus dem ewigen Hin und Her nicht herauskommt, schier an ihm zugrunde geht. Jedes kleine Unrecht, das er begangen, wächst in seinen Träumen zum ungeheuerlichen Verbrechen und quält ihn, quält ihn. Noch mehr: die Gedankensünde, das Spielen mit der Idee des Bösen sind in seinen Träumen zu Wahrheiten geworden: er ist _selbst_ der Held all seiner grausigen Geschichten. Die Sünden der Väter rächen sich an dem letzten Spross des Geschlechtes; wie sein Friedrich von Metzengerstein reitet er auf dem dämonischen Ross in alle Flammen der Hölle.
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-- -- Wie doch die Ulmenblätter rauschen! Und ich höre des Unseligen Stimme aus den Winden:
»Wenn ich kein Dichter gewesen wäre, wäre ich wohl ein Mörder geworden. Ein Betrüger, ein Dieb, ein Räuber und Falschspieler.«
Die Blätter der Ulmen klingen, und wieder rauscht seine Stimme:
»Und _vielleicht_ wäre ich glücklicher gewesen.«
* * *
Ich denke: wer weiss? -- Gibt es wohl einen Verbrecher, dem seine Taten die Martern brachten, wie dem Dichter die Verbrechen, _die er nie begangen?_ Denn Edgar Allan Poe ist in seinen Träumen, +die ihm allein das wahre Leben waren+, nicht nur der Mörder, er ist auch zugleich das Opfer. Er mauert seinen Feind lebendig in den Keller ein -- und er ist es _selbst_, der eingemauert wird. (»Ein Fass Amontillado.«) Er mordet, weil _er muss_, den Mann mit dem Geierauge, er verscharrt ihn unter den Dielen, und das Herz, das darunter klopft und klopft und die Tat verrät, ist wieder sein eigenes. (»Das verräterische Herz.«) _Der doppelte William Wilson: überall._
Selten hat ein Künstler so wenig _über_ dem gestanden, was er schuf, nie hat einer so sehr _in_ seinen Werken gelebt. Ein Deutscher, ein Franzose hätte sich leichter von dem unseligen Moralbegriff emanzipiert; dem Dichter aber lastete durch Abstammung und Erziehung eine erdrückende Religiosität auf der Seele, von der er sich nie ganz befreien konnte. Spät erst gelang es ihm, sich etwas zu distancieren: ganz jenseits von Gut und Böse hat er nie gestanden. Der alte englische Fluch drückte ihn, keine Folter wurde ihm erspart; diese arme Seele musste alle wahnsinnigen Höllenqualen der Breughel, der Jean van Bosch und Goya bis zur letzten Neige auskosten.
O ja, wäre er ein Verbrecher der Tat, nicht des Gedankens gewesen, hätte er am Galgen sein Dasein beschlossen, statt im Armenkrankenhaus, sein Leben wäre elend und jammervoll gewesen -- -- _doch nicht so schrecklich, als es war_.
Aber Tempel erstanden aus den Schädelstätten, Lilienfelder auf blutgedüngten Wiesen. Und wir Glücklichen geniessen die herrlichen Blumen, die aus des Dichters vergiftetem Herzblut erwuchsen.
* * *
Die Quellbächlein plätschern durch den Park der Alhambra. Kleine muntere Bächlein, die plaudern und schwatzen. In den schmalen kieselgepflasterten Betten springen sie schnell vorbei, schnell wie die guten Stunden in des Dichters Leben dahineilten. Die Stunden, Minuten vielleicht, in denen er harmlos fröhlich sein konnte.
Dann träumte er irgendeinen lustigen Traum. Etwa von dem Manne mit der wunderbar grossen Nase, die alle Welt in Begeisterung setzte, die Maler malten und Herzoginnen küssten. Diese köstliche kleine Geschichte, die in der bizarren Art ihrer Anlage Mark Twain vorweggenommen ist. Nur dass bei Poe die grotesken Übertreibungen viel feiner, viel natürlicher herauskommen, dass sich nirgends ein Wortwitz vordrängend breit macht.
Oder er macht sich über die breiten Bettelsuppen lustig, die die Wochenblätter ihren gutmütigen Lesern auftischen, gibt der Miss Zenobia Unterricht, wie sie einen tüchtigen Blackwoodartikel abzufassen hat, lässt den ehrenwerten Herrn Thingum Bob von der »Weltlaterne« höchst ergötzlich über seine literarische Laufbahn plaudern. -- So leicht, so liebenswürdig und einschmeichelnd ist des Dichters Witz! Wie die Bächlein, die munter plaudernd durch den Park der Alhambra plätschern -- --
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Aber wie die Nachtigallen schluchzen seine Träume der Sehnsucht. Und aus der Seele einer Nachtigall scheint die Stimme gemacht, die sie sang. So rein, so ohne Makel; die heilige Cäcilia möchte aus Neid ihre Geige zerbrechen und Apoll seine Leier zerschlagen. War dem Dichter in seinen Verbrecherträumen keine Hölle tief genug, so war ihm in diesen heiligen Gesängen kein Himmel zu hoch.
Nirgends finden wir bei Poe nur einen Satz, einen leisen Gedanken, der sich auf sexuelle Liebe bezöge. Die Erotik ist ihm so völlig fremd,[3] wie keinem andern Dichter, den einen Scheerbart vielleicht ausgenommen. Ebenso wenig ist irgendwo ein Zug sozialen Fühlens bei ihm zu entdecken. Und doch hat er ein Herz in der Brust, das sich nach Liebe sehnt, dem Liebesmitteilung unabweisbares Bedürfnis ist. _Nur_ dass er den Menschen nicht lieben +kann+, weil er immer und überall die _kleinen_ Seiten sieht, die ihn abstossen, die die zur Liebkosung ausgestreckte Hand festbannen, das schmeichelnde Wort auf der Zunge ersterben lassen. Da wendet sich die Sucht Gutes zu tun, Liebes zu erweisen, dem +Tiere+ zu, streichelt den Hund, füttert die verhungerte Katze und ist dankbar für einen treuen Blick, für ein zufriedenes Schnurren. Wie bewusst das alles dem Dichter war, geht aus seiner Novelle: »Der schwarze Kater« hervor, wo er ausdrücklich diese Tierliebe als die reichste _Quelle seiner Freuden_ bezeichnet. War es die _reichste_ Freudenquelle eines armen Lebens, so war es auch gewiss die _reinste_, denn die hohe Liebe zu der sterbenden Gattin gab ihm Freuden nur mit grässlichen Qualen vermischt.