Edgar Allan Poe Die Dichtung, Band XLII

Chapter 1

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DIE DICHTUNG

HERAUSGEGEBEN VON PAUL REMER

BAND XLII

EDGAR ALLAN POE von HANNS HEINZ EWERS

DIE DICHTUNG BD. XLII EDGAR ALLAN POE VON HANNS HEINZ EWERS

+------------------------------------------------------+ | +DIE DICHTUNG+ | | | | EINE SAMMLUNG VON MONOGRAPHIEEN | | HERAUSGEGEBEN VON PAUL REMER | | BUCHSCHMUCK VON HEINRICH VOGELER | +------------------------------------------------------+ | Band I. Henrik Ibsen von Paul Ernst | | Band II. Anzengruber von J. J. David | | Band III. Victor Hugo von H. v. Hofmannsthal | | Band IV. Liliencron von Paul Remer | | Band V. Leo Tolstoj von Julius Hart | | Band VI. Hölderlin von Hans Bethge | | Band VII. Boccaccio von Hermann Hesse | | Band VIII. Cervantes von Paul Scheerbart | | Band IX. Gottfried Keller von Ricarda Huch | | Band X. Mörike von Gustav Kühl | | Band XI. Droste-Hülshoff von Wilh. v. Scholz | | Band XII. E. T. A. Hoffmann von Rich. Schaukal | | Band XIII. Franz von Assisi von Hermann Hesse | | Band XIV. Peter Hille von Heinrich Hart | | Band XV. d'Annunzio von Alberta v. Puttkamer | | Band XVI. Lenau von Leo Greiner | | Band XVII. Novalis von Willy Pastor | | Band XVIII. Walt Whitman von Johannes Schlaf | | Band XIX. Ebner-Eschenbach von Gabr. Reuter | | Band XX. Kleist von Wilh. Hegeler | | Band XXI. Wilhelm Busch von Rich. Schaukal | | Band XXII. Homer von Willy Pastor | | Band XXIII. C. Ferd. Meyer von Wilh. Holzamer | | Band XXIV. Theod. Fontane von Franz Servaes | | Band XXV. Grabbe von Otto Krack | | Band XXVI. Schiller von Fritz Lienhard | | Band XXVII. Rich. Wagner von Hans v. Wolzogen | | Band XXVIII. Hebbel von Wilhelm v. Scholz | | Band XXIX. J. P. Jacobsen von Hans Bethge | | Band XXX. Paul Verlaine von Stefan Zweig | | Band XXXI. Bismarck von Max Bewer | | Band XXXII. Klaus Groth von Timm Kröger | | Band XXXIII. Maeterlinck von Anselma Heine | | Band XXXIV. Oscar Wilde von Hedw. Lachmann | | Band XXXV. Lessing von Otto Ernst | | Band XXXVI. Fritz Reuter von Marx Möller | | Bd. XXXVII. Sophokles von Paul Ernst | | Bd. XXXVIII. Verhaeren von Johannes Schlaf | | Band XXXIX. Shakespeare von Franz Servaes | | Band XL. Heinrich Heine von Wilh. Holzamer | | Band XLI. Eichendorff von Gustav Falke | | Band XLII. Edgar Allan Poe von H. Heinz Ewers | | | | In Vorbereitung: | | Luther von Adolf Bartels | | Gerhart Hauptmann von Hermann Stehr | | Li-tai-pe von Arno Holz | | Euripides von Hermann Bahr | | Richard Dehmel von Gustav Kühl | | Theodor Storm von Paul Remer | | und andere | +------------------------------------------------------+ | _Jeder Band elegant kartoniert M. 1.50_ | | _Jeder Band in echt Leder geb. M. 2.50_ | +------------------------------------------------------+

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[Abbildung: A EDGAR POE]

EDGAR ALLAN POE

von

HANNS HEINZ EWERS

[Verzierung]

Verlegt bei Schuster & Loeffler Berlin und Leipzig

GUSTAV MEYRINK,

dem _Rauschkünstler_, dem _Träumer, der an Träume glaubt als an das einzig Wirkliche_ -- wie es Poe tat, wie es der tut, der dies schrieb -- sei dies Büchlein gewidmet.

+In der Alhambra+ April 1905 HANNS HEINZ EWERS.

[Verzierung]

Leicht schreitet mein Fuss über die grauen Steine, den alten Weg, den ich so oft gegangen, hinauf zu der Alhambra heiligem Haine. Das Tor der Granaten öffnet sich weit meiner Sehnsucht, dahinter bin ich der Zeit entflohen -- -- so leicht wandelt man in der Träume Land. Wo die Ulmen rauschen, wo die Springquellen plaudern, wo aus Lorbeerbüschen hundert Nachtigallen singen, da mag ich wohl an meinen Dichter denken.

* * *

Man sollte es nicht tun. Wirklich nicht.

Man sollte nicht hingehen und irgendein Buch lesen über den Künstler, den man liebt. Fast immer wird man enttäuscht sein -- -- wie kann ein Pfaffe über Gott sprechen? So vorsichtig soll man damit sein, so sehr vorsichtig.

Du solltest es _so_ machen:

Du liebst Firdusi? -- Goethe schrieb über ihn; +den+ kennst du nicht? Nun gut: lies erst alles, was Goethe schrieb, ehe du das liest, was er über den Perser sagt. -- Und dann erst, +wenn du den genau kennst+, der über deinen Liebling schrieb, +dann+ erst entscheide dich, ob du das lesen willst, was er über ihn sagt! -- So wirst du keine Enttäuschung erleben.

Lies nie, was Hinz und Kunz über den Künstler schreiben, den du liebst. Und wenn Hinz und Kunz die allergrössten Sterne sind, und wenn dein Liebling ein ganz kleiner Nebelfleck ist -- -- _lies es nicht!_ Lies es nicht eher, bis du Hinz und Kunz genau kennst, bis du weisst: sie haben ein Recht, über +deinen Künstler+ zu sprechen.

Ich habe es nicht so gemacht. Ich habe irgendwoher ein paar dickflüssige Tropfen im Blute: unerträgliche deutsche Gründlichkeit. So eine Art Pflichtgefühl. Ich dachte: eh du über den Dichter schreibst, den du liebst, lies das, was andere vor dir schrieben. Ich dachte: »Vielleicht -- --«

Ich las also viel über Edgar Allan -- Nun bin ich so enttäuscht, so sehr enttäuscht. Da war nur einer, dessen Geist ihn fassen konnte.

War nur +Baudelaire+ -- --

Baudelaire, der aus dem Haschich eine Kunst schuf. -- Wie hätte _er_ ihn auch nicht fassen sollen, ihn, der aus Alkohol und Laudanum Kunstwerte formte?!

* * *

-- Jetzt muss ich das alles vergessen, was die anderen sagten. Diesen grässlichen Griswold muss ich vergessen, dessen ganze Poebiographie nichts anderes ist, als ein giftiges Ausspucken: »_Er soff, er soff_, pfui doch, _er soff!_« -- -- Und den noch grässlicheren Ingram muss ich vergessen, diesen Narren, der meinen Künstler +ehrenrettete+, indem er immer wieder stammelte: »_Er trank gar nicht, wirklich, er trank gar nicht!_«

Rasch, ehe ich sie vergesse, will ich die Daten niederschreiben, die ich von ihnen habe:

»_Edgar Allan Poe, geb. am 19. Januar 1809 in Boston. Irische Familie, langer Stammbaum, normannisches, keltisches, angelsächsisches, italienisches Blut. 1816 nach England mit seinen Pflegeeltern, ein paar Jahre in einer Boarding-School in Stoke-Newington. -- 1822 zurück nach Amerika, 1826 Student in Richmond, dann in Charlottesville. 1827 Reise nach Europa mit unbekannten Abenteuern. 1830 Offizierskadett in Westpoint. 1834 Leiter des Southern Literary Messenger in Richmond. 1836 verheiratet mit seiner Cousine Virginia Clemm. Er schrieb. --[1] Er lebte abwechselnd in New-Jork, Philadelphia, Richmond, Fordham. Es ging ihm sehr schlecht. +,Er soff'+ (sagt Griswold). +,Er trank gar nicht'+ (sagt Ingram). Er starb am 7. Oktober im Armenkrankenhaus zu Baltimore, vierzig Jahre alt._«

So, das wären diese allergleichgültigsten Daten. Nun kann ich auch das vergessen.

-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

-- Wie schwer das doch ist! -- Ganz langsam gehe ich durch die Ulmenallee, hinauf zu dem Königsschloss. Links biege ich ein und durchschreite die mächtige Turmpforte des Gesetzes. Ich freue mich über die Hand da oben, die den bösen Blick bannt; ich denke: da werden meine Pfaffen draussen bleiben. Nun bin ich oben -- -- allein in den vertrauten Räumen.

Ich weiss wohl, wohin ich will. Rasch durch den Myrtenhof, durch den Saal der Mocaraben in den Hof der zwölf Löwen. Links hinein in das Zimmer der beiden Schwestern und durch das der Ajimeces. Nun bin ich da, im Mirador de Daraxa, wo Boabdils Mutter 'Aicha wohnte. Ich sitze am Fenster, blicke hinaus auf die alten Zypressen -- --

Wie schwer es doch ist, zu vergessen! Da gehen meine Pfaffen im Garten spazieren. Zwei englische Heuchler, runder Hut, kurze Pfeife, schwarzer Rock. Den Bädeker in der Hand.

»_Er soff!_« zischt der eine.

»_O nein, er trank wirklich nicht!_« fistelt der andere.

Ich möchte sie mit den Köpfen zusammenstossen! Ich möchte ihnen zuschreien: »Fort, Ratten, fort! Hier sitzt einer, der träumt von dem Künstler, den er liebt! Er sang in eurer Sprache -- -- und ihr Stöcke wisst nichts von ihm!« --

Sie gehen ja schon, gewiss doch! Ich bin wieder allein -- --

* * *

Er soff -- -- er soff nicht! -- So streiten Engländer über ihre Dichter! Sie lassen Milton verhungern, sie stehlen Shakespeare sein ganzes Lebenswerk, sie wühlen mit krummen Fingern in Byrons und Shelleys Familiengeschichten, sie begeifern Rossetti und Swinburne, stecken Wilde ins Zuchthaus und zeigen mit den Fingern auf Charles Lamb und Poe -- -- weil sie tranken!

Ich bin doch froh, dass ich ein Deutscher bin! Deutschlands grosse Männer durften -- -- unsittlich sein. +Unsittlich+ -- -- das heisst: nicht eben _genau so_ sittlich, wie die guten Bürger und Pfaffen. Der Deutsche sagt: »Goethe war unser grosser Dichter«. -- Er weiss, dass er nicht so sehr sittlich war, aber er nimmt ihm's nicht weiter übel. -- Der Engländer sagt: »Byron war unsittlich, +darum war er+ _kein_ grosser +Dichter+«. Nur in England konnte des widerlichen Moralpfaffen Kingsley Wort über Heine ein geflügeltes werden: »Sprecht nicht von ihm -- -- -- _er war ein schlechter Mensch!_« --

Wenn es aber gar nicht mehr anders geht, wenn alle Völker ringsum die »unsittlichen« englischen Dichter anerkennen und lieben, wenn der Engländer endlich +gezwungen wird, zu sprechen+ -- -- -- dann +lügt+ er. Er gibt seine Heuchelei nicht auf, er sagt dann: nach neueren Untersuchungen war der Mann gar nicht unsittlich; er war vielmehr hochsittlich, ganz rein und ganz unschuldig! So haben die englischen Lügner Byrons »_Ehre gerettet_«, so wird es nicht lange mehr dauern, bis sie auch aus Saulus Wilde einen Paulus machen! -- So ist für Poe den Griswolds ein Ingram gefolgt: »Ach nein, er trank wirklich nicht!«

+Die Engländer dürfen nun Edgar Allan Poe anerkennen, nachdem ihm amtlich bescheinigt ist, dass er ein sittlicher Mensch war!+

Wir aber, die wir nicht den geringsten Anspruch auf bürgerliche und pfäffische Sittenreinheit machen, wir lieben ihn, wenn er auch trank. Ja noch mehr, wir lieben ihn, _weil_ er trank, denn wir wissen, dass eben aus dem Gifte, das seinen Leib zerstörte, reine Blüten entsprossten, deren Kunstwerte unvergänglich sind.

Wie Kunstwerte entstanden, das geht den Laien nichts an. Das hat der Künstler mit sich allein abzumachen, niemand darf da ein Wort mitreden, oder gar ein abfällig Urteil fällen. Nur die wenigen, denen er einen Einblick gewährt in sein Schaffen, +weil sie ihn lieben+, nur die dürfen schweigend zuschauen, dürfen erzählen -- --

Wilde erzählt das Märchen von der wunderschönen Rose, die aus dem Herzblut der sterbenden Nachtigall erwuchs. Der Student, der sie brach, schaute und staunte, nie hatte er eine solch wunderrote Blutrose gesehen. Aber er +wusste nicht+, _wie sie entstand_.

[Abbildung: EDGAR ALLAN POE Nach E. Manet]

Wir bewundern Odontoglossum grande, die prächtigste Orchidee -- -- -- ist sie weniger schön, weil sie sich von Insekten ernährt, die sie in der schmählichsten Weise langsam zu Tode quält? Wir freuen uns im Parke von Cintra über die herrlichen Lilien, wir staunen: so gross, so weiss haben wir sie nie gesehen! Was geht es uns an, dass sie all ihre aussergewöhnliche Pracht dem Umstand verdanken, dass der kluge Gärtner ihren Nährboden nicht mit dem »natürlichen« Wasser, sondern mit Guano, mit ausgesuchtem Kunstdünger behandelte?!

-- Es wird einmal eine Zeit kommen, wo man mitleidig lächeln wird über die breiten Landstrassen unserer rauschlosen Kunst, die nur spärlich hier und da durch des Alkohols trübe Laternen erhellt werden. Eine Zeit, für die die Begriffe +Rausch+ und +Kunst+ ein untrennbares Ganzes sind, die nur innerhalb der grossen Rauschkunst Unterschiede kennt. Dann erst wird man den _Pfadfindern_ die hohe Stelle geben, die ihnen gebührt, den Hoffmann, Baudelaire, Poe -- -- den Künstlern, die zuerst _bewusst_ mit dem Rausche arbeiteten.

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Seid doch ehrlich! Gibt es einen Künstler, der des Rausches ganz entbehren kann? Nehmen sie nicht alle ihr kleines Giftchen: Tee, Tabak, Kaffee, Bier oder was es sei? Muss nicht der Geist »vergiftet« werden, um Kunstwerte zu schaffen, sei es nun, dass er das Gift durch den Körper empfängt, sei es -- -- -- auf andere Weise?

_Denn es gibt manche andere Weisen_ -- --

Die Kunst ist der Natur entgegengesetzt. Ein Mensch, der physisch und psychisch rein abstinent lebt, dessen Voreltern auch durch lange Generationen hindurch ebenso abstinent lebten, so dass sein Blut nicht, wie bei uns allen, längst »vergiftet« ist, kann +nie+ ein Künstler werden -- wenn nicht eines Gottes Gunst seinem Leben andere Sensationen schenkt, die Ekstasen erwecken mögen. Aber auch das sind _Vergiftungen_ des Geistes! Natur und Kunst sind die schlimmsten Feinde: wo die eine herrscht, ist die andere unmöglich.

Was ist -- -- im engsten, im _besten Sinne_ -- der Künstler? +Ein Pionier der Kultur in das Neuland des Unbewussten!+

Wie wenige verdienen in diesem heiligen Sinne den stolzen Namen! Th. A. Hoffmann verdient ihn, und Jean Paul und Villiers und Baudelaire -- -- Und ganz sicher auch _Edgar Allan Poe_, das müssen selbst die Griswolds dem Dichter zugestehen, der in so manchen seiner Geschichten ein geheimes Land der Seele betrat, von dem niemand vor ihm -- und am wenigsten die Wissenschaft -- eine leise Ahnung hatte!

In grauer Nebelwolke träumt vor uns das gewaltige Land des Unbewussten, das ewige Land _unserer Sehnsüchte_. Warm liegt der Bettler in der Sonne, hockt der satte Bürger am Ofen. Aber es gibt Menschen, deren blutende Sehnsucht so ungeheuer ist, dass sie hinaus +müssen+ aus dem, _was wir wissen_. Robur et aes triplex muss ihre Brust schirmen, wenn sie das sonnige Land des Bewusstseins verlassen, wenn sie durch die grauen Mörderfluten nach Avalun steuern. Und viele, viele gehen schmählich zugrunde, ohne je einen Blick hinter die Wolken zu werfen.

Ganz wenigen aber gelingt die Fahrt. Sie finden ein Neuland, entdecken es für die Kultur: +sie haben die Grenzen des Bewusstseins ein Stück weiter hinausgeschoben+.

Die +Künstler+ sind diese ersten Entdecker. Dann mag die Menschheit Forscherfahrten ausrüsten, um das neue Land zu vermessen und zu untersuchen: Grundbuchleute und Katasterbeamte entsenden -- -- -- Männer der +Wissenschaft+.

-- -- Nun ist gewiss, dass -- neben andern Wegen -- die sogenannten Gifte, die wir Narkotika nennen, geeignet sind, uns über die Schwelle des Bewusstseins hinauszuführen. Gelingt es jemand, in diesem »Jenseits« irgendwo festen Fuss zu fassen, das Metaphysische in etwas Positives umzuwerten, so schafft er einen neuen Kunstwert, ist, _im edelsten Sinne_, +ein Künstler+.

Vielleicht ist hier nötig, die Binsenweisheit zu betonen, dass nie natürlich von einem Schaffen _im_ +Rausche selbst+ die Rede sein kann?! Oder die andere, dass kein Rauschmittel der Welt aus einem Menschen etwas heraus zu holen vermag, _das nicht in ihm steckt?!_ Die Griswolds und Ingrams mögen noch soviel Wein trinken, noch soviel Opium rauchen, noch soviel Haschisch essen, sie werden doch nimmermehr Kunstwerte schaffen! -- -- +Aber+: der durch Narkotica bewirkte Rausch ist unter Umständen -- -- neben andern Ursachen -- geeignet, irgendwann später eine Ekstase hervorzurufen. Und: +in dieser Ekstase leistet jeder Mensch das Höchste, was seine Intelligenz überhaupt zu leisten imstande ist+.

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Der Griswold hatte recht: _Edgar Allan Poe trank._ Und da -- wie bei uns allen -- sein Leib verhältnismässig schlecht auf die Vergiftung des Alkohols reagierte, abgestumpft war durch die Trinkgewohnheiten von Generationen +von Vorfahren+, so trank er viel. Er soff. -- Aber er tat das mit Absicht, tat es, um in den Rauschzustand zu kommen, aus dem heraus er -- später, vielleicht Jahre später -- _neue Kunstwerte_ schaffen konnte. Solch ein Rausch ist kein Genuss, er ist eine entsetzliche Qual, die +bewusst+ nur der ersehnt, dem das Kainszeichen der Kunst von der Stirne flammt.

-- Gibt es eine schmählichere Lüge als die der Banausen: »Künstlerisches Schaffen ist keine Arbeit; es ist eine Freude!?« Der das sagte, und die grosse Masse, die es gedankenlos nachplappert, haben nie einen Hauch der Ekstase verspürt, die allein künstlerisches Schaffen bedingt. Und +diese Ekstase+ ist _immer_ eine Qual, selbst dann, wenn -- in seltenen Fällen -- der Grund, der sie hervorrief, ein Genuss war.

Man sagt, dass die Katzenmütter ihre Jungen mit Genuss zur Welt bringen -- -- aber es sind auch nur arme blinde Kätzlein. So mag der Wochenplauderer der Buxtehuder Zeitung, mag der Textdichter von »Berlin bei Nacht« mit Genuss seine Zeilen zu Papier bringen -- -- +ein Kunstwerk ist nie ohne Schmerzen geboren worden.+

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Ich bin hinausgegangen. Durch den mächtigen Palast des fünften römischen Kaisers deutscher Nation, der den Namen Karl führte. Quer durch den gewaltigen Säulenhof. Hinauf durch die lange Allee weissblühender Akazien, durch die Wiesen, die viele tausend blauer Iris tragen. Den Turm der Prinzessinnen liess ich mir aufschliessen, wo einst die Sultantöchter Zayda, Zorayda und Zorahayda am Fenster der gefangenen Christenritter Lieder belauschten.

Ich schau über das Tal auf den Hügel, von dem Boabdil beim Scheiden seinen letzten Seufzer dem verlorenen Granada sandte. Ich blicke auf den Garten des Generalife, deutlich sehe ich die vielhundertjährigen Zypressen, unter deren Schatten des letzten Maurenkönigs Frau -- Hamet, dem schönsten der Abenceragen das unheilbringende Stelldichein gab.

-- Hier erzählt jeder Stein eine trübe, verklungene Sage -- --

Tief unten im Tal geht der Weg, der weit hinauf zur Totenstatt führt. Ein paar schwarze Ziegen weiden an den grünen Abhängen; hinten, unter dem Turm der Gefangenen, sitzt ein zerlumpter Zollwächter vor seiner schmutzigen Höhle. Langohrige Kaninchen grasen um ihn herum, sieben Hähne, zum nahen Kampfe schon der Kämme und Schwanzfedern beraubt, picken im Boden oder fliegen aufeinander. Und weit im Osten glüht purpurrot der Schnee der wilden Sierra Nevada --

Ein Trupp zerlumpter Bengels zieht durch das Tal. Zwei tragen einen kleinen Kindersarg auf den Schultern, offen nach spanischer Sitte; ein anderer schultert den Deckel. Der Sarg ist sehr einfach, drei gelbe Bretter und zwei Brettchen. Aber drinnen liegen Blumen, viele Blumen, rote, gelbe und weisse und blaue Blumen, unter denen das wachsbleiche Köpfchen in schwarzem Haar hervorschaut. Kein Priester, keine Verwandten, nicht einmal Vater und Mutter im Zuge; sechs zerlumpte Bengels -- --

Doch zwischen so vielen bunten Blumen ruht das tote Kind, in solch frischem, blühendem Dufte. Wie gut, dass man ihm die Augen nicht schloss! Nun schaut es heraus, neugierig aus den bunten Blumen, hinauf zu dem alten, maurischen Königsschloss. So zufrieden blickt es heraus aus seiner bunten Pracht, das kleine tote Mädchen, so zufrieden und glücklich, wie es gewiss nie im Leben war.

[Abbildung: POE'S LANDHAUS ZU FORDHAM Zeichnung von H. Crickmore]

_Hier_ hätte Edgar Allan Poe sitzen müssen. Wie hätte er geträumt, wie wären die bunten Sagen auf leichten Flügeln um seine Stirn geflogen. Und er hätte in ehernen Worten eine neue Alhambra gebaut, die die hausdicken Türme der Nasseriden um viele Jahrhunderte überdauern würde -- -- --

+Hier+ hätten ihn vielleicht andere Wege zur Ekstase geführt; er hätte wohl nicht getrunken. Aber er war ja da drüben in Neu-England, seine arme Dichterseele stak eingepfercht zwischen realsten Prosawerten, indes zur selben Zeit Washington Irving, dies Musterbild englischer Sittlichkeit, im Mondscheinzauber der Alhambra träumen durfte! Und seine _Alhambrasagen_ wurden weltberühmt; Tag um Tag sehe ich die Fremden die geheiligten Räume betreten: in der Hand den Baedeker, in der Rocktasche +sein+ Buch. So, wie sie im Hause der Vettier oder in dem des Dionysos die »_Letzten Tage von Pompei_« lesen. Sind die paar Schönheiten in diesen Büchern, die sich nicht wegleugnen lassen, Lord Lyttons oder Irvings Geiste entsprungen? O nein, ein Hauch der römischen Totenstadt, des maurischen Geisterschlosses goss sich in ihre Seelen, obgleich sie nicht Dichter, obgleich sie nur kleine bürgerliche Schreiberlein waren. Nicht Bulwer, nicht Irving schufen diese Schönheiten. Pompei schuf sie und die Alhambra -- -- +trotz ihnen+.

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Poes glühende Sehnsucht kannte nichts von alledem. Um sich herauszuheben, um in sich eine Ekstase zu erwecken, die ihn forttrug aus all den Dutzendwerten, die ihn umgaben, blieb ihm nur ein Mittel. Von ganz geringen Anregungen abgesehen, die wohl kaum geeignet waren, zur Ekstase zu führen, hat dieser unglückliche Dichter nur einmal in seinem Leben von aussen her der Muse Kuss empfangen: durch sein schönes geliebtes Weib, Virginia Clemm. Mag der Moralist diesen Rausch einen heiligen, göttlichen nennen, mag er des Dichters _andere_ Ekstasen, die aus Alkohol und hier und da aus Opium erwuchsen, als unheilig und teuflisch schelten: das gilt uns gleich! Denn die Kunstwerte, die aus diesen hervorgingen, sind nicht weniger herrlich -- --