Durch die Wüsten und Kulturstätten Syriens

Part 4

Chapter 43,479 wordsPublic domain

Die Kaffeebohnen waren geröstet und gestoßen, und die Kaffeetöpfe summten am Feuer, als von Osten her drei Reiter kamen und vor dem offnen Zelt hielten. Es waren untersetzte, breitschulterige Männer mit auffallend unregelmäßigen Gesichtern und vorstehenden Zähnen. Während Platz im Kreis um das Feuer gemacht wurde, und die frierenden, durchweichten Männer ihre Hände über die Glut streckten, ging die Unterhaltung ununterbrochen weiter, denn es waren ja nur Scherarātmänner, die herab nach Moab gekommen waren, um Korn zu kaufen, und die Scherarāt sind zwar einer der größten und mächtigsten Stämme und die berühmtesten Kamelzüchter, sind aber von unreinem Blut, und kein Belkaaraber würde in ihren Stamm hineinheiraten. Sie haben keine bestimmten Weideplätze; selbst zur Zeit der großen Sommerdürre durchstreifen sie nur die innere Wüste, unbesorgt darum, daß sie oft tagelang kein Wasser finden. Die Unterhaltung an Nahārs Feuer drehte sich um meine Reise. Ein Suchūrneger, ein kräftiger Mann mit klugem Gesicht, wollte mich sehr gern als Führer in das drusische Gebirge begleiten, gestand aber, daß er sicherlich würde umkehren und fliehen müssen, sobald er das Gebiet jener tapferen Bergbewohner erreichte, denn es besteht unaufhörlich Fehde zwischen den Drusen und den Beni Sachr. Die Negersklaven der Suchūr werden von ihren Herren, die ihren Wert kennen, gut behandelt und genießen, da ein Abglanz von dem Ruhme des großen Stammes, dem sie dienen, auch auf sie fällt, einen gewissen Ruf in der Wüste. Schon war ich halb geneigt, trotz der Aussicht, meinen Neger im ersten Drusendorf möglicherweise als Leiche vor mir zu sehen, sein Anerbieten anzunehmen, als meine Gedanken durch die Ankunft eines neuen Gastes in eine neue Bahn gelenkt wurden. Es war ein großer, junger Mann mit feinem, hübschem Gesicht, ziemlich heller Gesichtsfarbe und langen, fast braunen Locken. Schon bei seiner Annäherung erhoben sich Nahār und die anderen Suchūrscheiche und küßten ihn, noch ehe er das Zelt betrat, jeder auf beide Wangen. Namrūd stand ebenfalls auf und rief ihm entgegen:

»Alles gut? Geb's Gott! Wer ist bei dir?«

Der junge Mann erhob die Hand und erwiderte:

»Gott.«

Er war allein.

Ohne die übrige Gesellschaft anscheinend der Beachtung zu würdigen, haftete sein Auge auf den drei Scherarātscheichs, die am Eingang sitzend, Hammelfleisch und Quark aßen, und auf die fremde Frau am Feuer. Mit einem gemurmelten Gruß schritt er in den Hintergrund des Zeltes und schlug die ihm von Nahār dargebotene Speise aus. Es war Gablān, aus der Herrscherfamilie der Da'dja, und zwar ein Vetter des regierenden Scheichs. Wie ich in der Folge herausfand, hatte er erfahren -- Neuigkeiten reisen schnell in der Wüste -- daß Namrūd einen Führer für einen Fremdling brauchte, und war gekommen, um mich nach seines Onkels Zelten zu geleiten. Es waren nicht mehr als fünf Minuten seit seiner Ankunft vergangen, als Nahār Namrūd etwas ins Ohr flüsterte, worauf der letztere, sich mir zuwendend, vorschlug, daß wir nun, da das Essen vorüber, aufbrechen und Gablān mit uns nehmen wollten. Es überraschte mich, die Abendunterhaltung so kurzerhand abgebrochen zu sehen, aber ich hütete mich, Einwendungen zu machen, und als wir dann über Namrūds Ackerland und den Tneib hinaufsprengten, hörte ich den Grund. Es war Blutfehde zwischen den Da'dja und den Scherarāt. Auf den ersten Blick hatte Gablān die Abkunft der drei Männer erkannt und sich deshalb schweigend in die Tiefe des Zeltes begeben. Er wollte seine Hand nicht mit ihnen in dieselbe Hammelschüssel tauchen. Nahār kannte -- wer wollte auch nicht? -- die Schwierigkeit der Sachlage, und da er nicht wußte, wie die Scherarāt sich verhalten würden, hatte er uns, aus Furcht vor irgendwelchem Unfall, eilends weggeschickt. Aber am andern Morgen hatte sich die Luft geklärt (bildlich gesprochen, nicht in Wirklichkeit), und der lange Regentag sah die Todfeinde freundschaftlich um Namrūds Kaffeetöpfe in der Höhle sitzen.

Dieser dritte Regentag war mehr, als menschliche Geduld zu ertragen vermochte. Ich hatte mittlerweile ganz vergessen, was es heißt, nicht regenfeucht zu sein, warme Füße und trockne Betten zu haben. Gablān weilte am Morgen eine Stunde bei mir, um zu hören, was ich von ihm wollte. Ich erklärte ihm, daß ich vollständig befriedigt sein würde, wenn er mich so durch die Wüste und bis an den Fuß des Gebirges bringen könnte, daß ich keinen Militärposten zu Gesicht bekäme. Gablān dachte einen Augenblick nach.

»O meine Dame,« sagte er, »glauben Sie, daß Sie mit den Polizeisoldaten in Konflikt kommen könnten? Da will ich meine Flinte mitnehmen.«

Ich erwiderte, daß ich nicht beabsichtigte, der ganzen Soldateska des Sultans den Krieg zu erklären, und daß ich hoffte, mit etwas Vorsicht einen Zusammenstoß vermeiden zu können. Gablān aber meinte, Kriegslist wäre mit einer Kugel beflügelt wirksamer, und beschloß, seine Flinte doch lieber mitzunehmen.

Da ich am Nachmittag nichts Besseres zu tun hatte, sah ich zu, wie die Scherarāt Korn von Namrūd einhandelten. Einen Zeitraum von einigen Tausend Jahren und meine anachronistische Persönlichkeit abgerechnet, hätten es Jakobs Söhne sein können, die nach Ägypten hinabkamen, mit ihrem Bruder Joseph um das Gewicht der Säcke zu feilschen.

Das Korn wurde in einem tiefen, trocknen Felsenloch aufbewahrt und, goldenem Wasser gleich, eimerweise heraufgezogen. Es war zur besseren Konservierung in Spreu aufbewahrt worden und mußte nun zuvörderst am Brunnenrande gesiebt werden, eine Arbeit, die nicht ohne viel und ärgerliches Geschrei vor sich ging. Nicht einmal die Kamele waren ruhig, sondern mischten sich mit Grunzen und Blöken in den Streit, als die Araber sie mit den vollen Säcken beluden. Die Scheichs der Suchūr und der Scherarāt saßen in dem feinen Sprühregen ringsum auf Steinen und murmelten bisweilen: »Gott! Gott!« Dann riefen sie wieder: »Er ist gnädig und barmherzig!« Nicht selten wurde auch das reine Korn wieder unter das ungesiebte geschüttet; dann pflegte sich ungefähr folgende Szene zu entspinnen:

Namrūd: »O du! o du! Knabe! Möge deine Wohnstatt zerstört werden! Mögen deine Tage dir Unheil bringen!«

Beni Sachr: »Bei dem Angesicht des Propheten Gottes! Er sei gebenedeit!«

Die Scherarāt im Chor murmelnd: »Gott! Und Mohammed, der Prophet Gottes! Friede sei mit ihm!«

Eine Person im Schafsfell und in bloßen Füßen: »Kalt, kalt! Wāllah! Regen und Kälte!«

Namrūd: »Still, o Bruder! Steige hinab und ziehe Korn herauf! Es ist warm unten!«

Beni Sachr: »Lob sei Gott, dem Allmächtigen!«

Chor der Kamele: »B-b-b-b-b-dd! G-r-r-o-o-a-a-!«

Kameltreiber: »Still, ihr Verdammten! Möget ihr in den Schmutz gleiten! Gottes Zorn komme über euch!«

Chor der Suchūr: »Gott! Gott! Beim Lichte seines Angesichtes!«

In der Dämmerung ging ich in das Dienerschaftszelt und fand Namrūd, der bei dem Feuer, an dem mein Essen kochte, mit leiser Stimme Geschichten von Mord und Raub erzählte.

»In den Tagen meiner Kindheit,« sagte er (und diese Tage lagen noch nicht weit zurück), »konnte man nicht einmal das Ghor in Ruhe überschreiten. Aber ich hatte ein Pferd, das ging! -- Wāllah! wie es ging! Zwischen Sonnenaufgang und -untergang trug es mich von Mezerīb nach Salt, ohne seinen Schritt zu wechseln. Überdies war ich allen Ghawārny (Eingeborenen des Ghor) bekannt. Und eines Nachts mußte ich nach Jerusalem reiten -- ich mußte, ob ich wollte oder nicht. Der Jordan hatte wenig Wasser, und ich überschritt ihn an der Furt, denn es gab damals noch keine Brücke. Und als ich an das andere Ufer kam, hörte ich Schreien und das Aufklatschen von Kugeln. Über eine Stunde hielt ich mich in dem Tamariskengebüsch verborgen, bis der Mond unter war; dann ritt ich vorsichtig weiter. Am Anfang der Schlammhänge machte mein Pferd plötzlich einen Seitensprung; ich sah hinunter und erblickte den Körper eines Menschen -- nackt und mit Messerstichen bedeckt. Er war ganz tot. Und als ich noch hinabstarrte, sprangen sie hinter den Schlammhängen hervor, zehn Reiter, und ich nur einer. Ich retirierte nach dem Dickicht zu und feuerte meine Pistole zweimal ab, aber sie umringten mich, zogen mich vom Pferde und banden mich. Danach wurde ich wieder hinaufgesetzt und fortgeführt. Und als sie an ihren Rastort kamen, berieten sie, ob sie mich töten sollten, und einer sprach: »Wāllah! macht doch ein Ende!« Er kam heran und sah mir ins Gesicht. Es dämmerte. »Es ist Namrūd,« sprach er, denn er kannte mich, und ich war ihm einmal zu Hilfe gekommen. Da machten sie mich los und ließen mich gehen, und ich ritt nach Jerusalem.«

Die Maultiertreiber und ich lauschten mit atemloser Aufmerksamkeit einer Erzählung nach der anderen.

»Es herrschen gute und schlechte Gebräuche unter den Arabern,« sagte Namrūd, »aber der guten sind viele. Wenn eine Blutfehde zu Ende gebracht werden soll, begeben sich die beiden Feinde zusammen in das Zelt des Klägers. Der Herr des Zeltes entblößt sein Schwert, wendet sich nach Süden zu und zieht, unter Anrufung des Namens Gottes, einen Kreis auf den Fußboden. Dann nimmt er einen Streifen von der Zeltwand sowie eine Hand voll Asche vom Herde, wirft beides in den Kreis und schlägt siebenmal mit dem bloßen Schwerte auf den Strich. Nun springt der Angeklagte in den Kreis, und einer der Anverwandten seines Widersachers ruft mit lauter Stimme: »Ich nehme den Mord, den er verübt, auf mich!« Damit ist der Friede hergestellt. O meine Dame, die Frauen dieses Stammes erfreuen sich großer Macht, und die Mädchen sind sehr angesehen. Denn wenn eines sagt: ‚Ich möchte den und den zum Gatten haben,’ so muß er sie heiraten, will er nicht Schande auf sich laden. Und hat er schon vier Frauen, so soll er sich lieber von einer scheiden lassen und an ihrer Stelle die heiraten, die seiner begehrt. Denn so verlangt es die Sitte bei den Arabern.«

Danach wandte sich Namrūd zu meinem drusischen Maultiertreiber und fuhr fort:

»O Mohammed, hüte dich! Die Zelte der Suchūr sind nahe, und es herrschte nie Friede zwischen den Beni Sachr und den Drusen. Kennten sie dich, sie würden dich sicherlich töten -- nein, nicht nur töten, sondern dich lebendig verbrennen, ohne daß die Dame oder auch ich dich schützen könnten.«

Das warf kein günstiges Licht auf den Charakter meines Freundes Nahār, der gegen ein Tuch Gastfreundschaft mit mir ausgetauscht hatte, und die kleine Gruppe am Feuer war denn auch infolge dieser Mitteilung etwas gedrückt. Aber Michaïl war der Situation gewachsen.

»Lassen sich Ew. Exzellenz nicht beunruhigen,« sagte er, sein gedünstetes Gemüse zierlich anrichtend, »bis wir das Drusengebirge erreichen, soll er ein Christ sein und nicht Mohammed, sondern Tarif heißen, welches ein bei den Christen üblicher Name ist.«

So bekehrten und tauften wir den erstaunten Mohammed, noch ehe die Kottelets aus der Pfanne genommen werden konnten.

Drittes Kapitel.

Am Morgen des 12. Februar, es war ein Sonntag, stürmte es noch immer, doch beschloß ich trotzdem weiterzureisen. Die in Tneib verbrachten Tage waren zwar nicht verloren, findet man doch nicht oft Gelegenheit, das Leben auf diesen in die Wüste vorgeschobenen Farmen stündlich zu beobachten. Aber meine Gedanken waren bereits vorausgeeilt, und ich sehnte mich, ihnen auf dem Pfade zu folgen, den sie eingeschlagen. Ich glaubte sie einzuholen, als die Hufe unserer Pferde auf den Schienen der Haddjbahn erklangen, und wir unser Antlitz der Wüste zuwandten. In nordöstlicher Richtung vorwärts eilend, ließen wir Mschitta etwas südlich liegen. Obgleich niemand, der diese Ruine in all ihrer Lieblichkeit gekannt hat, auf den Gedanken kommen wird, den jetzt so entstellten Mauern einen zweiten Besuch abzustatten, will ich doch nicht unterlassen, hier etwas über den Vandalismus zu sagen, mit dem sie ihrer Schönheit beraubt worden sind. Hätte man dieses herrliche Baudenkmal, das länger als tausend Jahre von aller Zerstörungswut, den Einfluß der Winterstürme ausgenommen, verschont geblieben war, nicht auch noch weiter unberührt in dieser Hügellandschaft stehen lassen können, der sie in ihrer phantastischen Schönheit einen so romantischen Reiz verlieh? Aber da ist die Eisenbahn erbaut worden, die Ebene füllt sich, und weder der syrische Bauer noch der türkische Soldat sind geneigt, Mauern zu verschonen, die ihnen von praktischem Nutzen sein können. Mögen deshalb alle, die die Ruine in ihrem ursprünglichen Zustande sahen, sich dankbar und ohne zu großes Bedauern der schönen Erinnerung freuen.

Namrūd und Gablān plauderten unaufhörlich. In der vergangenen Nacht waren noch spät zwei Soldaten an der Höhlentür erschienen und hatten, nachdem ihnen Einlaß gewährt worden, eine seltsame Geschichte erzählt. Sie hatten, so behaupteten sie, den Truppen angehört, die der Sultan aus Bagdad abgesandt hatte, um Ibn er Raschīd gegen Ibn Sa'oud zu Hilfe zu kommen. Sie erzählten, daß der letztere sie Schritt für Schritt bis an die Tore von Haīl, Ibn er Raschīds Hauptstadt zurückgetrieben, und daß Ibn Sa'oud, während die beiden Heere einander gegenüber lagen, mit nur wenig Begleitern vor seines Feindes Zelt geritten sei und seine Hand auf die Zeltstange gelegt habe, so daß der Fürst der Schammār ihn wohl oder übel eintreten lassen mußte. Und hier war ein Übereinkommen getroffen worden. Ibn er Raschīd erkannte Sa'ouds Herrschaft über Rīad und die dazugehörigen ausgedehnten Lehnsgüter an und trat seinen ganzen Landbesitz bis auf ungefähr eine Meile vor Haīl ab, behielt aber diese Stadt und das nördlich davon gelegene Land. Die beiden Soldaten hatten sich so gut wie möglich westwärts durch die Wüste geschlagen, denn, wie sie sagten, waren die meisten ihrer Waffenbrüder getötet worden, die übrigen aber entflohen.

Es war dies die bei weitem authentischste Nachricht, die ich von Nedjd erhalten konnte, und ich habe auch Grund anzunehmen, daß sie im wesentlichen richtig war[2]. Ich habe viele Araber hinsichtlich Ibn er Raschīds Charakter gefragt: die Antwort war fast immer dieselbe. »Schatīr djiddan,« d. h. »er ist sehr klug«, einen Augenblick später aber pflegten sie hinzuzufügen: »madjnun« (aber verrückt). Ich halte ihn für einen rücksichtslosen, leidenschaftlichen Menschen von rastlosem Geist und wenig Urteilskraft, der nicht energisch, vielleicht auch nicht grausam genug ist, seine Autorität den aufsässigen Stämmen gegenüber geltend zu machen, die sein Onkel Mohammed mit der Eisenfaust Furcht niederhielt (der Krieg war nichts als eine lange Reihe von Verrätereien seitens seiner eignen Verbündeten), vielleicht auch zu stolz, sich den Bedingungen des gegenwärtigen Friedens zu unterwerfen. Er ist überzeugt, daß die englische Regierung Ibn Sa'oud gegen ihn bewaffnet hat, und stützt sich bei dieser Annahme auf die Tatsache, daß der Scheich von Kweit, der für unseren Verbündeten gilt, in der Hoffnung, den Einfluß des Sultans an den Grenzen von Kweit abzuschwächen, jenen heimatlosen Verbannten mit den Mitteln ausgerüstet hat, in dem Lande, wo seine Väter geherrscht, wieder festen Fuß zu fassen. Der Beginn des ganzen Unheils lag vielmehr in der Freundschaft, die sich der Welt dadurch kundtat, daß Schammārische Pferde in Konstantinopel, und zirkassische Mädchen in Haīl erschienen, was aber das Ende anbetrifft, so hat der Krieg kein Ende in der Wüste, und jeder Unfriede kommt wieder dem Ungestüm irgend eines jungen Scheichs zu statten.

[2] Seit den oben erwähnten Ereignissen ist Ibn Sa'oud, nach einem vergeblichen Appell an einen mächtigen Bundesgenossen, glaube ich, zu einem Einvernehmen mit dem Sultan gekommen, und Ibn er Raschīd soll bemüht sein, die türkische Besatzung auszutreiben, die eigentlich zu seiner Hilfe gekommen war. Ganz kürzlich hat sich das Gerücht vom Tode Ibn er Raschīds verbreitet.

Obgleich wir Ebenen durchritten, die ganz wüste und für den oberflächlichen Beschauer fast ganz ohne charakteristische Züge waren, reisten wir doch selten länger als eine Meile, ohne eine Stelle zu erreichen, die einen Namen trug. Der Araber verfügt in seiner Rede über ein erstaunliches Ortsregister. Frage ihn, wo der oder jener Scheich sein Lager aufgeschlagen hat, und er wird dich sofort aufs genauste berichten. Du findest auf der Karte einen leeren Fleck und auch die Gegend, wo das Lager sich befindet, zeigt solche Leere. Dem Auge des Nomaden genügen eben die unbedeutendsten Kennzeichen, eine Bodenerhebung, ein großer Stein, die Spur einer Ruine, ja jede Vertiefung, die zur Winter- oder Sommerzeit voll Wasser steht.

Reite mit einem Araber, wenn du wissen willst, warum die vormohammedanische Poesie so reich an Ortsnamen ist, du wirst auch sehen, wie nutzlos es bei den meisten Orten sein würde, sie an einer bestimmten Stelle zu suchen, denn derselbe Name kehrt wohl hundertmal wieder. Wir gelangten jetzt an einen kleinen Hügel, den Gablān Theleleth el Hirschah nannte, und später an einen etwas kleineren, Theleleh. Hier hielt Gablān an, deutete auf ein paar rauchgeschwärzte Steine am Boden und sagte:

»Hier stand mein Herd. Hier hatte ich vor fünf Jahren mein Lager. Mein Vater hatte sein Zelt dort drüben aufgeschlagen, mein Onkel das seinige unter der Böschung.«

Ich hätte mit Imr ul Kais oder mit irgend einem anderen großen Sänger aus dem Zeitalter der Naturdichtung reisen können, wo der Ode hoher Flug sich demselben Thema zuwandte, dem ewig gleichen Thema vom Wechsel des Lebens in der Wüste.

Die Wolken lösten sich in Regen auf, als wir Theleleh den Rücken kehrten und ostwärts schritten -- kommt doch der reisende Araber selten schneller vorwärts als im Schritt. Namrūd schlug seiner Gewohnheit nach die Zeit tot, indem er Geschichten erzählte.

»Meine Dame,« sagte er, »ich werde Ihnen eine Geschichte erzählen, die unter den Arabern sehr bekannt ist; Gablān kennt sie gewiß. Es war einmal ein Mann -- er ist jetzt tot, aber seine Söhne leben noch, -- der lag in Blutfehde, und in der Nacht überfiel ihn sein Feind mit vielen Reitern; sie trieben seine Herden, seine Kamele und Pferde weg und nahmen ihm die Zelte und alles, was er hatte. So sah sich der Mann, der erst reich und geachtet war, in der größten Not. Da zog er aus und kam an das Zelt eines Stammes, der mit seinem eignen weder in Freundschaft noch in Fehde war. Er legte seine Hand auf die Stange des Zeltes, das dem Scheich gehörte, und sagte: »O Scheich, ich bin dein Gast.« (‚Ana dachīlak’, sagt einer, der Gastfreundschaft und Schutz erheischt.) Der Scheich erhob sich, führte ihn hinein, setzte ihn an den Herd und war gütig gegen ihn. Er gab ihm auch Schafe und etliche Kamele und Zeug zu einem Zelt. Darauf ging der Mann hinweg, und es glückte ihm so, daß er nach zwei Jahren wieder so reich war, wie zuvor. Nach abermals zehn Jahren begab es sich, daß der Scheich, sein Gastfreund, Unglück hatte und seinerseits alles verlor, was er besaß. Und er sprach: »Ich werde nach den Zelten von dem und dem gehen, der ist jetzt reich und wird mir tun, wie ich ihm getan habe.« Als er an die Zelte kam, war der Mann nicht da, aber sein Sohn war darin. Und der Scheich legte seine Hand auf die Stange und sprach: »'Ana dachīlak«. Der Sohn antwortete: »Ich kenne dich nicht, aber da du unsre Hilfe anrufst, so komme herein, meine Mutter wird dir Kaffee kochen«. Da trat der Scheich ein, und die Frau hieß ihn sich an den Herd setzen und kochte ihm Kaffee. Es gilt aber für eine Beschimpfung bei den Arabern, wenn die Frau den Kaffee kocht. Und während er noch beim Kaffee saß, kehrte der Herr des Zeltes zurück. Da ging sein Sohn hinaus und erzählte ihm, daß der Scheich da wäre. Und sein Vater sprach: »Wir wollen ihn die Nacht dabehalten, da er unser Gast ist, aber beim Dämmern schicken wir ihn fort, damit uns seine Feinde nicht über den Hals kommen.« Und sie ließen den Scheich sich in eine Ecke des Zeltes legen und gaben ihm nur Brot und Kaffee, und am nächsten Tage hießen sie ihn gehen. Und sie gaben ihm als Bedeckung zwei Reiter mit auf eine Tagesreise, denn das pflegen die Araber zu tun mit einem, der ihren Schutz begehrt hat und in Gefahr seines Lebens ist, aber dann überließen sie es ihm zu verhungern oder in die Hände seiner Feinde zu fallen. Aber solche Undankbarkeit kommt selten vor -- gelobt sei Gott! Und daher wird diese Geschichte auch nicht vergessen werden!«

Wir näherten uns jetzt einigen Abhängen, die beinahe mit dem Namen Hügel beehrt werden konnten. Sie bildeten einen großen, südwärts sich erstreckenden Halbkreis, in dessen innerer Seite Fellāh ul 'Isa seine Zelte aufgeschlagen hatte. Zur Zeit meines Besuchs dort hielten die Da'dja die ganze Ebene besetzt, sowohl den Fuß des stufenförmig aufsteigenden Djebel el 'Alya, wie auch den nordwestlichen Landstrich zwischen den Hügeln und dem Fluß Zerka. Mudjemir, der junge Scheich, wohnte nordwärts; seine beiden Onkel, Fellāh ul 'Isa und Hamūd, der Vater Gablāns, gemeinsam in der nach Süden gelegenen Ebene. Ich traf Hamūd nicht an, da er gerade fortgeritten war, um einige seiner Herden zu inspizieren. Gablān sprengte voraus, um uns anzumelden, und als wir selbst uns dem Zelte des großen Scheich näherten, trat ein weißhaariger Mann heraus, uns zu bewillkommnen. Das war mein Wirt, Fellāh ul 'Isa, ein in ganz Belka wegen seiner Weisheit berühmter Scheich mit weit größerem Ansehen, als sonst ein alter Mann aus einem Herrscherhause über seinen Stamm besitzt.

Vor einem halben Jahre war er als hochgeachteter Gast bei den Drusen gewesen, die eigentlich mit arabischen Scheichs nicht auf freundschaftlichem Fuße stehen, und das war der Grund, warum Namrūd gerade ihn als den besten Ratgeber in meinen Reiseangelegenheiten erachtet hatte. Wir mußten in seinem Zelte sitzen, bis der Kaffee bereitet war, welche Zeremonie eine geschlagene Stunde in Anspruch nahm und unter feierlichem Schweigen vor sich ging. Nichts war hörbar als das Geräusch der die Bohnen zermalmenden Mörserkeule, Töne, die, von kundiger Hand geleitet, dem Wüstenwanderer wie liebliche Musik dünken. Als der Genuß vorüber -- die Sonne war inzwischen durchgebrochen--, ritt ich mit Gablān und Namrūd die Hügel nordwärts vom Lager hinan, um einige Ruinen zu besichtigen, von denen die Araber berichtet hatten.