Durch die Wüsten und Kulturstätten Syriens

Part 20

Chapter 203,512 wordsPublic domain

Die Luft von Aleppo eignet sich nach des Sultans Dafürhalten ganz ausgezeichnet für Paschas, die bei ihm in Konstantinopel in Ungnade gefallen sind. Die Stadt birgt eine solche Menge Verbannter, daß selbst der gelegentliche Besucher mit einigen Bekanntschaft schließen muß. So wohnte auch in meinem Hotel ein Dyspeptiker von demütigem Auftreten, dem wahrscheinlich niemand revolutionäre Gelüste zugetraut hätte. Vermutlich hatte er auch keine und verdankte seine Verbannung nur einer gelegentlichen Bemerkung, die von einem Feinde oder Spion hinterbracht und verschärft worden war. Ich habe viele dieser Verbannten über Kleinasien verstreut angetroffen, und keiner hat mir sagen können, wofür ihn eigentlich sein Geschick betroffen. Gewiß hat mancher seine Vermutungen gehabt, und manchem ist sein Vergehen genau bekannt gewesen, aber die meisten waren wohl so unschuldig, wie sie zu sein vorgaben. Das wirft ein schärferes Licht auf die Frage vom türkischen Patriotismus, als anfänglich erscheinen mag, denn es ist Tatsache, daß diese ausgewiesenen Paschas selten Patrioten sind, die für ihre Hingabe an ein hohes Ideal büßen, sondern meist Männer, welche sich durch eine unselige Schicksalsfügung der bestehenden Ordnung entfremden ließen. Wofern ihnen die geringste Hoffnung winkt, daß ihnen die Gunst wieder lächelt, zeigen sie selbst in der Verbannung eine nervöse Furcht, irgend etwas zu tun, was bei den Behörden Verdacht erwecken könnte; erst wenn sie eingesehen haben, daß zu Lebzeiten des regierenden Sultans keine Hoffnung für sie existiert, geben sie sich dem Verkehr mit Europäern ohne Zwang hin, sprechen auch offen von ihren Trübsalen. Es gibt, soviel ich sehen kann, keine organisierte Körperschaft für freisinnige Ansichten, alles beruht auf individuellem Mißvergnügen, das durch persönliches Mißgeschick hervorgerufen wird. Schwerlich werden die Ausgewiesenen, wenn sie bei dem Tode des Sultans nach Konstantinopel zurückkehren, irgend welcher Reform das Wort reden oder den Wunsch äußern, ein System zu ändern, durch welches sie, infolge der natürlichen Umwälzung der Dinge, wieder zu Einfluß gelangen können.

Es gibt dann noch eine andre, ehrbare Verbannung in der Türkei: die Versetzung an einen entfernten Posten. Zu dieser Klasse gehört mein Freund Mohammed 'Ali Pascha von Aleppo und wohl auch Nāzim Pascha selbst. Der erstere, ein angenehmer Mann von etwa 30 Jahren, ist mit einer Engländerin verheiratet. Er geleitete mich in das Haus des Vāli, erwirkte mir die Erlaubnis, die Zitadelle zu sehen, und machte sich auf manch andre Weise nützlich. Seine Gemahlin war eine nette, aus Brixton stammende kleine Dame, er hatte sie in Konstantinopel kennen gelernt und dort geheiratet; soviel ich weiß, ist das teilweise der Grund, weshalb er in Ungnade fiel, denn die englische Nation ist keineswegs gens grata im Yildiz Kiosk. Mohammed Pascha ist ein Gentleman in des Wortes vollem Sinne, und er scheint seine Gattin glücklich zu machen, aber -- verstehen Sie recht -- im allgemeinen möchte ich türkische Paschas nicht zu Gatten für Brixtons Jungfrauen empfehlen. Denn wenn jene Dame schon Tennis spielen und die Nähkränzchen der europäischen Kolonie besuchen durfte, mußte sie sich doch bis zu einem gewissen Grade den Sitten der muselmännischen Frauen anbequemen. Sie betrat nie unbeschleiert die Straße, »weil,« wie sie sagte, »die Leute reden würden, wenn die Frau eines Pascha ihr Antlitz sehen ließ.«

Wir erklommen die Burg in der einzigen Stunde meines Aufenthaltes in Aleppo, wo die Sonne schien, und wurden von höflichen Offizieren in prächtigen Uniformen und mit rasselnden Schwertern und Sporen umhergeführt. Sie waren besonders ängstlich, daß ich nicht die kleine, in der Mitte der Festung stehende Moschee übersehen sollte, die an jener Stelle errichtet war, wo Abraham seine Kuh melkte. Wie sie sagten, ist selbst der Name Aleppo auf diesen historischen Vorfall zurückzuführen, und ohne Zweifel besteht seine arabische Form, Haleb, aus denselben Stammlauten, die auch das Stammwort melken bilden. Trotz der hohen Bedeutung der Moschee interessierte mich die Aussicht von der Spitze des Minarets mehr. Flach wie eine Planke lag unter uns die Mesopotamische Ebene ausgebreitet; bei schönem Wetter ist der Euphrat sichtbar, ja selbst Bagdad könnte man sehen, wenn die störende Rundung der Erde nicht wäre, denn keine andre Schranke hemmt den Blick auf dieser weiten Fläche. Zu unsern Füßen drängten sich die Dächer der Bazare und Karawansereien; dazwischen dann und wann ein Blick aus der Vogelperspektive auf Marmorhöfe, und hier und da der schöne Turm eines Minarets. Bäume und Wasser fehlten in der Landschaft, wie Wasser überhaupt die große Schwierigkeit in Aleppo ist. Der träge Strom, der den Matkh verläßt, vertrocknet im Sommer, und die Quellen schmecken das ganze Jahr hindurch salzig. Gutes Trinkwasser muß von weit her geholt werden und kostet jedem Hausstand wenigstens einen Piaster pro Tag -- eine ernste Verteurung des Lebensunterhaltes. Dafür ist aber das Klima günstig; der Winter bringt scharfe Kälte, und der Sommer nicht über einen oder zwei Monate übergroße Hitze. Das wäre Aleppo, die Stadt mit dem volltönenden Namen und den Spuren einer glänzenden Vergangenheit.

Zwölftes Kapitel.

Während meines zweitägigen Aufenthaltes in Aleppo wurde jeder Moment meiner Muße benutzt, um Maultiertreiber auszuwechseln, eine zwar störende, aber durchaus unerläßliche Beschäftigung. In Antiochien hörte die Arabisch sprechende Bevölkerung auf. Habīb und sein Vater konnten kein Wort Türkisch, Michaïl nur einige Namen, wie Ei, Milch und Piaster, und mir, die ich kaum weiter vorgeschritten war, widerstrebte es, mit einem Gefolge in Gegenden einzudringen, wo wir höchstens nach den dringendsten Bedürfnissen oder nach dem nächsten Wege fragen konnten. Man hatte mir viel von den großen Fähigkeiten der nordsyrischen Maultiertreiber erzählt; der Titel Maultiertreiber ist allen Ernstes eine Namensirrung, denn das Lasttier ist in diesen Strichen nur ein armseliger Klepper (kadīsch sagt man auf Arabisch); von Alexandretta bis Konia sahen wir wohl überhaupt kein Maultier, ganz sicher aber keine Karawane. Man hatte mir gesagt, daß ich bis zur Reorganisation meiner Begleitung auf Behaglichkeit, Pünktlichkeit und Ordnung würde verzichten müssen, nie ohne Verdruß und das Gefühl der Verantwortlichkeit sein würde, und daß ich ja, wenn ich wünschte, meine Karawane in Konia auflösen könnte. Für die Männer aus Aleppo würde sich schon eine Ladung zum Heimweg finden. So verabschiedete ich mich von meinen Beirutern -- und vom Frieden.

Von nun an ging die Reise unter einem Erpressungssystem vor sich. Der Erpresser war ein zahnloser alter Lump, Fāris mit Namen, der mit seinem Bruder eine beträchtliche Zahl Lasttiere in Aleppo besaß. Dank seiner Zahnlosigkeit war sein Arabisch und Türkisch in gleicher Weise unverständlich. Er versah mich mit vier Lastpferden und ritt selbst auf einem fünften zu seiner eignen Bequemlichkeit und auf eigne Kosten, machte aber doch den vergeblichen Versuch, mich dafür zahlen zu lassen, als wir Konia erreichten. So mietete er auch um einen Hungerlohn zwei Burschen zur sämtlichen Arbeit im Lager und auf dem Marsche, und ließ sie fast verhungern. Die Ärmsten gingen barfuß (die vermögenden Leute aus dem Libanon hatten sich mit Eseln versehen), denn obgleich Fāris sich verbindlich gemacht hatte, ihnen Schuhe zu liefern, weigerte er sich, bis ich endlich mit der Drohung einschritt, ihm das Geld für die Schuhe an seinem Lohne abzuziehen und sie selbst zu kaufen. Ich mußte mich sogar um den Proviant bekümmern und darauf achten, daß die Burschen genug zu essen bekamen, um arbeitsfähig zu bleiben, aber trotz aller Mühe liefen die gemieteten Leute auf jeder Station davon, und mir lag die Sorge ob, andre ausfindig zu machen und, was noch schlimmer war, das neue Paar in seine Pflichten einzuweihen -- wo die Zeltpflöcke zu befestigen waren, wie die Lasten verteilt werden mußten, und noch hundert kleine, aber immerhin wichtige Dinge mehr. Dann galt es, Fāris anzuspornen, der sich mit stets wachsenden Entschuldigungen von seiner Arbeit zu drücken suchte, und hätte ich nicht früh und spät das Füttern der Pferde überwacht, sie wären sicher mit ebenso knapper Not dem Hungertode entgangen, wie die gemieteten Burschen. Als wir endlich in Konia angelangt waren, mußte ich erfahren, daß Fāris die letzten seiner Sklaven auf die Straße gesetzt und sich ganz entschieden geweigert hatte, sie bis in ihre Heimat Adana mitzunehmen, weil er -- so hatte er sich hinter meinem Rücken geäußert -- »billigere Leute bekommen könnte«. Da es mir widerstrebte, zwei Leute, die bei aller Dummheit ihr Bestes getan hatten, um mir zu dienen, im Stich zu lassen, mußte ich sie unterstützen, damit sie ihr Heim wieder erreichten. Kurz und gut: ich möchte behaupten, daß niemand, der die Maultiertreiber Aleppos und ihr abscheuliches System empfiehlt, je eine wohlorganisierte und gut geleitete Karawane besessen haben kann, wo die Arbeit mit der Regelmäßigkeit des Big Ben getan wird, und die Männer heitere Mienen und willige Hände zeigen. Sie können auch keine Erfahrung in wirklich geschäftsmäßigem Reisen haben, denn das läßt sich nur mit Dienern ermöglichen, die Mut in Gefahren und Unternehmungslust offenbaren, und die sich zu helfen wissen. Ich gebe zu, daß ich nur geringe Erfahrung besitze und -- im Vertrauen sei es gesagt -- sie wird auch nicht zunehmen, denn eher würde ich Maultiertreiber aus Bagdad mitbringen, als Fāris und seinesgleichen ein zweites Mal mieten.

Gerade als die Schwierigkeiten der Reise sich mehrten, versagten Michaïls Tugenden. Die zwei Tage, wo er auf die Gesundheit seiner davonziehenden Kameraden trank, mit denen er -- wie sich's den Gliedern einer guten Karawane geziemt -- sich vortrefflich gestanden, genügten, um den Segen seiner zweimonatigen Nüchternheit wieder zu vernichten. Von den Tagen an bauchte die Arrakflasche seine Satteltaschen aus, und wenn auch auf Arrakflaschen in Satteltaschen gefahndet und sie am Gestein zerschmettert werden können, so vermochte doch keinerlei Wachsamkeit, Michaïl den Weinläden fernzuhalten, sobald wir in eine Stadt kamen. Das Mißgeschick gibt uns manche Lehre, mit gemischten Gefühlen blicke ich auf die vier ungemütlichen Wochen zurück, die zwischen unsrer Abreise von Aleppo und der Zeit lagen, wo die Vorsehung mir einen anderen und besseren Mann bescherte, und ich mein Herz verhärtete und Michaïl entließ, aber ich bedaure das Lehrgeld nicht, welches ich zahlen mußte.

Von Hadji Mahmūd, dessen Vertrag in Aleppo zu Ende war, verabschiedete ich mich nur ungern. Der Vāli versah mich mit einem Zaptieh, dem Kurden Hadji Nadjīb, der, obwohl von unvorteilhaftem Äußeren, sich doch als ein gefälliger und auch nützlicher Mann erwies, denn er war mit den Gegenden, die wir durchreisten, und auch mit den Bewohnern wohlbekannt. Unser Aufbruch verzögerte sich: Michaïl war voll Arrak, und die Maultiertreiber ungeschickt im Aufladen. Der Tag (wir hatten den 30. März) war wolkenlos, und zum erstenmal machte sich die Sonne unangenehm fühlbar. Schon als wir um 10 Uhr auszogen, brannte sie glühendheiß, und den ganzen Tag lang winkte auf dem ganzen öden Weg keine Spur von Schatten. Nachdem wir etwa eine Meile auf der Straße von Alexandretta geritten und an einem von etlichen Bäumen umstandenen Kaffeehaus vorübergekommen waren, schlugen wir zur Linken einen Pfad ein, der in kahles, felsiges Hügelland führte und selbst bald ebenso felsig wurde. Wir hielten uns östlich mit einer Neigung nach Norden zu. ½12 hielten wir inne, um zu frühstücken, und warteten eine volle Stunde auf unser Gepäck, was mir Zeit gab, Vergleiche zwischen der Marschschnelligkeit meiner alten und der neuen Dienerschaft anzustellen und der Sonnenglut innezuwerden, die während des Reitens weniger fühlbar gewesen. Als wir nach einem weiteren halbstündigen Ritt auf eine Hütte, Jakit 'Ades, stießen, schlug Nadjīb vor, da zu lagern, aber ich fand es noch zu früh, und nachdem wir Fāris genaue Weisungen über den Pfad, den er verfolgen, und den Ort, wo wir lagern würden, erteilt hatten, machte ich mich mit dem Zaptieh auf den Weg, und gemächlich weitertrabend, waren wir bald außer Sehweite der übrigen.

Auf der Sohle eines kahlen, gewundenen Tales dahinziehend, kamen wir an mehreren Stellen vorbei, die zwar auf der Karte eingezeichnet, in Wirklichkeit aber nichts als winzig kleine Trümmerhaufen waren. Gegen 4 Uhr erstiegen wir den Nordabhang des Tales und erreichten einen Weiler, der Kiepert unbekannt war, und den mir Nadjīb als das Dorf Kbeschīn bezeichnete. Hier fanden wir inmitten einiger alter Mauern und vieler moderner Schutthaufen ein kurdisches Lager, eine jener Frühlingsniederlassungen, wie sie nomadische Völkerschaften mit ihren Herden zur Zeit des jungen Grases zu beziehen pflegen. Die Zeltwände, wenn der Name Zelt überhaupt anwendbar ist, bestanden aus rohen Steinen, die flüchtig zu einer Höhe von ca. fünf Fuß übereinandergesetzt waren, die Dächer aber bestanden aus Ziegenhaarstoff und wurden in der Mitte durch Zeltstangen gestützt. Bald drängten sich die kurdischen Hirten um uns und unterhielten sich mit Nadjīb in ihrer eignen Sprache, die mir vertraute Klänge aufwies, denn sie ähnelt der persischen. Sie sprachen auch Arabisch, ein seltsames Kauderwelsch voll türkischer Worte. Wir saßen eine Weile auf den Schutthaufen in Erwartung unsrer Lasttiere, bis mir endlich, trotz Nadjībs beruhigender Worte, klar wurde, daß die Sache einen Haken haben mußte, und wir wahrscheinlich in alle Ewigkeit hier warten konnten. Da kam der Kurdenscheich mit der Nachricht, daß es Essenszeit sei, und lud uns ein, an dem Mahle teilzunehmen. Der Vorschlag fand freudiges Entgegenkommen, denn es ist einer der Vorteile des Lebens im Freien bei schmaler Kost, daß es keinen Augenblick des Tages gibt, der uns nicht voll Eifer findet zu essen.

Der Kurde erfreut sich in den Reiseberichten keines guten Namens. Er wird als mürrisch und streitsüchtig geschildert, ich für mein Teil aber habe an ihm fast alle die Eigenschaften gefunden, die angenehmen geselligen Verkehr ermöglichen. Wir wurden in das größte der Gebäude geleitet; es war hell und kühl, luftig und sauber, da seine Bauart ihm die Vorteile des Zeltes sowohl als auch des Hauses verlieh. Die Mahlzeit bestand aus Brot, saurem Quark und vorzüglichem Pillaf, in dem zerquetschter Weizen den Reis ersetzte. Wir saßen auf Teppichstücken um eine Matte herum, auf welcher die Gerichte aufgetragen waren. Die Frauen bedienten uns. Ehe wir fertig wurden, war es 6 Uhr, aber keine Karawane ließ sich blicken. Nadjīb war sehr betroffen, unsre Wirte zeigten große Anteilnahme und erklärten sich von Herzen gern bereit, uns über Nacht zu beherbergen. Unserm Zögern wurde durch einen kleinen Knaben ein Ende gemacht, der mit der Kunde hereingestürmt kam, daß bei dem Dorfe Fāfertīn, auf der entgegengesetzten Seite des Tales, eine Karawane gesehen worden war, die auf Kal'at Sim'ān, das nächste Ziel unsrer Reise, zusteuerte. Nun gab es keine Zeit zu verlieren; die Sonne war bereits untergegangen, lebhaft erinnerte ich mich der nächtlichen Wanderung bei El Bārah durch eine Gegend, die der jetzt vor uns liegenden nicht unähnlich war. Vor unserm Aufbruch aber nahm ich Nadjīb beiseite und fragte ihn, ob ich den Leuten wohl Geld für die uns gebotene Mahlzeit geben dürfte. Er versicherte, daß das keinesfalls angängig sei: die Kurden erwarteten keine Bezahlung von ihren Gästen. Ich konnte weiter nichts tun, als die Kinder um mich versammeln und eine Handvoll Metalliks unter sie verteilen, eine sehr wohlfeile Großmut, die auch das empfindlichste Gemüt nicht verletzen konnte. Dann machten wir uns auf den Weg. Nadjīb ritt so schnell auf dem steinigen Pfade voran, daß ich die größte Mühe hatte, Schritt mit ihm zu halten. Ich wußte, daß die große Kirche des St. Simon Stylites auf einem Hügel stand und von unserm Wege aus zu sehen sein mußte; freilich liegt die große Säule des Heiligen, um welche die Kirche erbaut wurde, schon seit Jahrhunderten in Trümmer gesunken. Nachdem wir eine Stunde vorwärts gestolpert waren, zeigte Nadjīb nach dem dämmerigen Gebirge, und ich konnte gerade noch eine undeutliche Masse unterscheiden, die wie eine die Kammlinie unterbrechende Festung aussah. Eine weitere halbe Stunde brachte uns an die Mauern. Es war ½8 Uhr und vollständig dunkel. Als wir durch die ungeheure Kirche ritten, merkten wir zu unsrer Erleichterung am Geläut der Karawanenglocken, daß unsre Zelte angekommen waren -- wir hörten auch das Schreien und Fluchen Michaïls, der unter dem Einfluß verschiedener Dosen Arraks wie ein wildes Tier tobte und sich weigerte, den neuen Maultiertreibern Anweisungen bezüglich des Aufstellens meines englischen Zeltes zu geben. Als die einzige nüchterne Person, die da wußte, wie die Pfähle ineinandergepaßt, die Zapfen eingetrieben und die Möbel aufgestellt wurden, mußte ich beim Schimmer zweier Kerzen den größten Teil der Arbeit selbst verrichten und dann die Vorratskörbe nach Brot und Butter für die Maultiertreiber durchsuchen. Wurde doch mein Befehl, die übliche, aus Reis bestehende Abendmahlzeit zu bereiten, von meinem aufsässigen Koch mit höhnischem Geheul und mit Fluchen über alles und jedes beantwortet. Mit einem Betrunkenen ist nicht zu reden, ich hoffe aber, daß der Racheengel der Gefühle nicht Erwähnung getan hat, mit denen ich mich zum Schweigen zwang.

Als endlich alles fertig war, ging ich hinaus in die milde Frühlingsnacht, durchschritt die stattlichen, so friedlich daliegenden Ruinen, unter deren Mauern wir unser Lager aufgeschlagen hatten, und befand mich plötzlich in einem kreisrunden, oben offnen Hofe, von dem aus sich die vier Flügel der Kirche nach den vier Himmelsgegenden erstrecken. Der Hof ist von einem unvergleichlich schönen Säulengang umgeben gewesen, von dem noch jetzt viele Bogen erhalten sind, und in der Mitte erhob sich in vergangenen Tagen die Säule, auf welcher St. Simon lebte und starb. Ich kletterte über die Steinhaufen bis zu dem die Basis bildenden Felsblock; es war ein mächtiger, schiefriger Stein mit einer Vertiefung in der Mitte, in der sich, wie in einer kleinen Schüssel, klares Regenwasser gesammelt hatte. Ich wusch mir Hände und Gesicht darin. Die Nacht war mondlos; eine verfallne Pracht, standen die Pfeiler und Bogen im tiefen Schatten da, still wie ein unbewegter See lag die Luft, alle Müdigkeit und aller Ärger fielen von der Seele ab, sie stand dem Himmel und dem Frühling offen. Ich saß und überdachte, welch einen Streich das Schicksal in diesen Stunden dem grimmigen Heiligen gespielt. Für diese eine Nacht hatte es seinen Thron der Bitternis einem Menschenkinde überlassen, dessen rosige Träume einer tiefen inneren Zufriedenheit entstammten, die er wohl als der erste verdammt haben würde. Bei solchem Sinnen nickte mir ein großer Stern zu, der über den in Trümmer stehenden Säulengang heraufgeklettert war, und wir beide kamen überein, daß es besser sei, über Himmel und Erde dahinzuwandern, als bis zum Ende der Tage auf einer Säule zu sitzen.

Die Glieder der amerikanischen Vermessungsgesellschaft haben die nördlichen Gebirge bis zur Kal'at Sim'ān aufs genaueste erforscht und in ihren Karten aufgezeichnet, aber weder sie noch andre Reisende haben einen Bericht des Hügellandes veröffentlicht, das sich von dem Heiligtum in nordöstlicher Richtung erstreckt.[11] Ich habe dasselbe bereist und beinahe alle verfallnen Dörfer besucht. Von den Bewohnern wird es beinahe allgemein Djebel Sim'ān genannt, und auch ich werde unter diesem Namen davon sprechen. Das Simongebirge mit dem Djebel Bārischa nach Südwesten und dem Djebel el 'Ala noch weiter nach Westen hin gehören demselben architektonischen System an, wie der Djebel Zawijjeh, durch den wir auf unserm Wege nach Aleppo gekommen waren. Man könnte wohl Unterschiede in dem Stile der nördlichen und dem der südlichen Gruppe herausfinden; dem amerikanischen Architekten Mr. Butler ist es dank seiner gründlichen Kenntnis der beiden Distrikte auch gelungen, für den flüchtigen Beobachter aber scheinen diese Verschiedenheiten hauptsächlich auf natürlichen Ursachen zu beruhen, sowie auf dem Umstand, daß der nördliche Distrikt mehr unter dem Einflusse Antiochiens stand, und diese Stadt war in den ersten Jahrhunderten der christlichen Zeitrechnung die Hauptquelle aller künstlerischen Anregung, und zwar nicht für Syrien allein. Die Ansiedlungen im Djebel Sim'ān waren kleiner und die einzelnen Häuser weniger geräumig, wahrscheinlich weil das nördliche Gebirge viel zerklüfteter ist und unmöglich eine so große und reiche Bevölkerung ertragen konnte. Der Djebel Sim'ān scheint früher bebaut worden zu sein und den Gipfel des Wohlstandes etwas später erreicht zu haben, als der Süden des Landes, auch ist er nicht jener Periode des Verfalls unterworfen gewesen, der den Süden im letzten Jahrhundert vor der arabischen Besitzergreifung heimgesucht hat.[12] Die schönen Kirchen des Nordens entstammen dem 6. Jahrhundert und zeigen bezüglich des architektonischen Schmuckes einen fast genialen Luxus, den keine der spätesten südlichen Kirchen erreicht, die, mit Ausnahme der Bizzoskirche in Ruweihā, alle bereits ein Jahrhundert früher erbaut sind. Es ist interessant, daß die letztgenannte Kirche, die doch etwas jünger ist, als Kal'at Sim'ān, gleichwohl viel herber in ihren Einzelheiten ist, und daß im Norden selbst kleine Häuser nicht selten größere Mannigfaltigkeit und Kostbarkeit im Schmuck aufweisen, als im Süden üblich ist.[13] Da der Reisende beim Lesen der Inschriften an Kirchen und Wohngebäuden das Datum immer mehr nach der Antiochischen Zeitrechnung angegeben findet, wird er auf den sehr verzeihlichen Gedanken verfallen, daß es die prachtliebende Hand Antiochiens gewesen ist, die hier die Architrave und Kapitäle, die Simse und Friese geschaffen hat. Die Kirche des St. Simon ist nicht nur aus lokalen Beiträgen errichtet worden, sondern hier hat die ganze Christenheit dem berühmten Heiligen ihren Tribut dargebracht, und wahrscheinlich sind nicht heimische Arbeiter, sondern die Architekten und Steinschneider von Antiochien ihre Erbauer gewesen. Wenn es an dem ist, so muß man auch die anmutige Kirche von Kalb Lōzeh denselben Schöpferhänden zuschreiben, und ein Dutzend kleinere Bauten wie z. B. die Ostkirche in Bākirha verraten deutlich gleichen Einfluß.

[11] Seither habe ich erfahren, daß nach meiner Anwesenheit Mr. Butler und seine Reisegesellschaft ihre Forschungen auf das Land nördlich von Kal'at Sim'ān erstreckt haben, und ich warte mit Spannung auf eine ausführliche Beschreibung dieser Gegend in ihren künftigen Veröffentlichungen.

[12] Vermutlich hat dieser Verfall seine Ursache zum Teil in der ungeheuren Steuerlast, die Justinian während seiner Bemühungen, den Westen seines Landes zurückzuerobern, den Ostprovinzen auferlegte. Wer Diehls großes Werk über Justinian gelesen hat, weiß, wie sehr die soziale und politische Organisation seiner Provinzen unter dem Druck der Kriege in Italien und Nordafrika in Unordnung geriet. Die Ostländer hatten, als die reichsten, am meisten zu leiden.

[13] Es ist dies eine Beobachtung Mr. Butlers, »Architektur und andre Kunst.«