Durch die Wüsten und Kulturstätten Syriens

Part 18

Chapter 183,730 wordsPublic domain

Noch sah ich sie im Torweg, als ich mich wandte, ihnen ein Lebewohl zuzuwinken. Groß und stattlich, voll geschmeidiger Anmut standen sie da in den enganliegenden blauen Gewändern, dem goldgeschmückten Haar und ließen ihre Augen über den Pfad schweifen, den sie nicht betreten durften. Denn was auch mit den Scheichs geschehen mag, nichts ist sicherer, als daß so liebliche Frauen, wie jene beiden, von ihren Herren auch weiter in Kal'at es Seidjar gefangen gehalten werden.

Am nächsten Tage ritten wir durch Kulturland nach Kal'at el Mūdik, eine kurze Strecke von kaum vier Stunden. Obgleich wir mehrmals auf die Spuren verfallner Städte stießen, -- ich erinnere mich besonders einer in der Nähe des Weilers Scheich Hadīd liegenden, in der sich ein Schuttberg vorfand, der eine Akropolis gewesen sein mochte -- wäre die Reise ohne Mahmūds Erzählungen doch sehr uninteressant gewesen. Er beschrieb die charakteristischen Eigentümlichkeiten der vielen verschiedenen, das türkische Kaiserreich bildenden Völkerschaften, von denen ihm die meisten bekannt waren. Als er zu den Zirkassiern kam, stellte es sich heraus, daß er meine Abneigung gegen dieselben teilte.

»Oh meine Dame,« sagte er, »sie wissen nicht, wie man für empfangene Güte dankt. Der Vater verkauft seine Kinder, und die Kinder würden ihren Vater töten, wenn er Gold im Gürtel hätte. Als ich einst von Tripoli nach Homs ritt, traf ich in der Nähe der Karawanserei -- Sie kennen den Ort -- einen einsam dahinwandernden Zirkassier. ‚Friede sei mit dir!’ rief ich, ‚warum gehst du zu Fuß?’ Denn das tut der Zirkassier nie. Er erwiderte: ‚Mein Pferd ist mir gestohlen worden, und nun ziehe ich voller Angst diese Straße.’ ‚Komm mit mir,’ sprach ich, ‚so wirst du sicher nach Homs gelangen.’ Aber ich ließ ihn vor meinem Pferde hergehen, denn er trug ein Schwert, und man weiß nie, was ein Zirkassier tut, wenn man ihn nicht im Auge behält. Nach einer Weile kamen wir an einem alten Manne vorüber, der auf dem Felde arbeitete. Der Zirkassier lief hin, sprach mit ihm und zog sein Schwert, als gedächte er ihn zu töten. ‚Laß ihn gehen,’ sprach ich, ‚ich will dir zu essen geben.’ Und ich teilte mit ihm alles, was ich hatte, Brot, Konfekt und Orangen. Wir zogen weiter, bis wir einen Strom erreichten. Da ich durstig war, stieg ich von meinem Tier, hielt es am Zügel und beugte mich nieder, um zu trinken. Plötzlich aufblickend aber sah ich, daß der Zirkassier den Fuß in den Steigbügel auf der mir abgekehrten Seite meines Pferdes gesetzt hatte, denn er wollte es besteigen und davonreiten! Und bei Gott! war ich nicht wie Vater und Mutter gegen ihn gewesen? Deshalb schlug ich ihn mit meinem Schwert, daß er zu Boden fiel. Dann band ich ihn, brachte ihn nach Homs und übergab ihn der Regierung. Das ist die Art der Zirkassier. Möge Gott ihnen fluchen!«

Ich befragte ihn über den Weg nach Mekka und über die Mühsalen, die die Pilgrime unterwegs zu erdulden haben.

»Beim Angesichte Gottes! sie leiden,« rief er. »Zehn Wegstrecken von Ma'ān nach Medā'in Sāleh, zehn von dort nach Medina und abermals zehn von Medina nach Mekka, und diese letzten sind die schlimmsten, denn der Scherif von Mekka hat sich mit den Araberstämmen verbündet; die Araber berauben die Pilgrime und teilen die Beute mit dem Scherif. Auch sind diese Wegstrecken nicht wie die Strecken der vornehmen Reisenden, denn manchmal liegen 15 Stunden zwischen den Wasserstellen, manchmal auch 20, und der letzte Marsch vor Mekka beträgt 30 Stunden. Nun bezahlt die Regierung zwar die Stämme dafür, daß sie die Pilgrime ungehindert ziehen lassen, aber wenn sie hören, die Hadji kommen, stellen sie sich auf die Höhen längs der Straße und rufen dem Amir zu: ‚Gib uns, was uns gehört, Abd ur Rahmān Pascha!’ Und er gibt einem jeden nach seinem Recht, dem einen Geld, dem anderen eine Pfeife Tabak, dem dritten Tuch oder einen Mantel. Aber mehr noch als die Pilger haben die Hüter der Forts zu leiden, die zur Bewachung der Wasserstellen längs des Weges errichtet sind. Jedes dieser Forts gleicht einem Gefängnis. Als ich einst der militärischen Eskorte zuerteilt war, wurde mein Pferd unterwegs krank und konnte nicht weiter, und ich mußte in einem der Forts zwischen Medā'in Sāleh und Medīna bleiben, bis der Zug zurückkehrte. Sechs Wochen und länger wohnte ich bei dem Hüter des Forts, und wir sahen keinen Menschen. Wir aßen und schliefen in der Sonne, dann aßen und schliefen wir wieder, denn aus Furcht vor den Howeitāt und den Beni Atijjeh, die in Fehde miteinander lagen, konnten wir nicht ausreiten. Und der Mann hatte zehn Jahre da gelebt und sich noch keine Viertelstunde weit von dem Orte entfernt, da er die Vorräte hüten muß, die zur Versorgung vorüberziehender Mekkapilger in den Forts aufgespeichert liegen. »Beim Propheten Gottes,« sagte Mahmūd und machte eine Handbewegung von der Erde nach dem Himmel zu, »zehn Jahre hatte er nichts als die Erde und Gott gesehen! Er hatte einen kleinen Sohn, der war taubstumm, seine Augen aber waren schärfer als die irgend jemandes, und er hielt den ganzen Tag Umschau von der Spitze des Turmes. Eines Tages kam er zu seinem Vater gelaufen und machte Zeichen mit der Hand; da wußte der Vater, daß er eine Räuberbande von fern gesehen hatte. Wir eilten hinein und schlossen die Tore. Und die Reiter, 500 Beni Atijjeh, kamen heran, tränkten ihre Tiere und verlangten Speise. Wir wagten aber nicht zu öffnen, sondern warfen ihnen Brot hinaus. Während sie noch aßen, kam eine Räuberhorde der Howeitāt über die Steppe herangesprengt, und sie begannen unter den Mauern des Forts miteinander zu kämpfen. Bis zur Stunde des Abendgebetes fochten sie, dann ritten die Überlebenden davon und ließen ihre Toten, 30 an der Zahl, zurück. Die ganze Nacht blieben wir hinter verschlossenen Türen, im Morgengrauen aber gingen wir hinaus, die Toten zu begraben. Immer noch besser aber ist es, in einer Festung an der Haddjstraße zu wohnen,« fuhr Mahmūd fort, »als Soldat in Jemen zu sein, denn dort bekommen die Soldaten keine Löhnung und nicht genug Nahrung, um davon leben zu können, und die Sonne brennt wie Feuer. Wenn einer in Jemen sich im Schatten befindet und sieht eine Börse mit Gold in der Sonne liegen, bei Gott! er geht nicht hinaus sie aufzuheben, denn die Hitze draußen gleicht der Glut der Hölle. Oh, meine Dame, ist es wahr, daß die Soldaten in Ägypten Woche für Woche und Monat für Monat ihre Löhnung bekommen?«

Ich erwiderte, daß das wohl der Fall sein dürfte, da es im englischen Heere so gebräuchlich wäre.

»Uns,« sagte Mahmūd, »bleibt man den Sold gewöhnlich ein halbes Jahr schuldig, und von der Löhnung von zwölf Monaten werden uns oft nur sechs Monate ausgezahlt. Wāllah! Ich hatte noch nie im Jahre mehr als die Bezahlung für acht Monate. Einmal,« fuhr er fort, »war ich in Alexandria -- Mascha'llah, welch schöne Stadt! Häuser so groß wie Königsschlösser, und alle Straßen haben gepflasterte Seiten, auf denen die Leute gehen. Und hier sah ich einen Kutscher, der eine Dame des Fahrpreises wegen verklagte, und der Richter sprach ihm das Recht zu. Bei der Wahrheit! Hier bei uns pflegen die Richter anders zu handeln,« bemerkte Mahmūd nachdenklich und rief dann, schnell das Thema wechselnd: »Sehen Sie, meine Dame, dort ist Abu Sa'ad.«

Ich blickte auf und sah Abu Sa'ad über das gepflügte Feld dahinschreiten. Sein weißes Gewand war so fleckenlos, als ob er nicht gerade von einer Reise, ebenso lang wie Mahmūds, zurückgekehrt wäre, und seine schwarzen Ärmel lagen zierlich gefaltet an seiner Seite an. Ich beeilte mich, den Vater guter Vorbedeutung willkommen zu heißen, denn in Syrien gilt der erste Storch dasselbe, wie bei uns die erste Schwalbe. Er kann freilich ebensowenig wie eine Schwalbe Sommer machen, und so ritten wir denn diesen Tag in strömendem Regen nach Kal'at el Mudīk. Kal'at el Mudīk ist das Apamea der Seleuciden. Seleucus Nicator erbaute es, jener große Städtegründer, der so viele Städte zu Patenkindern hat, Seleucia am Calycadnus, Seleucia in Babylonien und andre. Obgleich es durch Erdbeben völlig in Trümmer gelegt ist, bekunden doch die genügend vorhandenen Ruinen seinen ehemaligen Ruhm: den weiten Umkreis seiner Mauern, die Zahl seiner Tempel, die Pracht seiner mit Säulen bestandenen Straßen. Von Tor zu Tor kannst du die Straßen nach den aufgehäuften Kolonnadentrümmern verfolgen, kannst nach den Steinpostamenten an den Kreuzungen der Straßen auf den Standort früherer Statuen schließen. Hier und da blickst du durch ein massives Tor ins Weite, der Palast, welchem es gedient hat, ist geschleift; oder ein bewaffneter Reiter dekoriert den Grabpfeiler, auf welchem die einstigen Taten seines Ahnen verzeichnet stehen. Die Christen nahmen das Werk auf, wo die Seleucidenkönige es abbrachen: an der Seite der Hauptstraße liegen die Ruinen einer großen Kirche und des mit Säulen umgebenen Hofes. Als ich zum Ärger der grauen Eulen, die blinzelnd auf den Steinhaufen saßen, im lauen Frühlingsregen durch Gras und Blumen dahinschritt, erschienen mir die Geschichte und die Architektur der Stadt wie ein Auszug aus der wunderbaren Verschmelzung zwischen Griechenland und Asien, die Alexanders Eroberungen zur Folge hatten. Ein griechischer König, dessen Hauptstadt am Tigris lag, hat hier eine Stadt am Orontes gegründet und sie nach seiner persischen Gemahlin benannt. Was für Bauherrn haben die Kolonnaden errichtet, die Kal'at el Mudīk, wie alle anderen Städte Syriens griechischer Färbung, in echt orientalischer Freigebigkeit mit klassischen Formen schmückten? Was für Bürger sind darin auf und ab gewandelt und haben Athen und Babylon die Hand gereicht?

Der einzige unbewohnte Teil von Kal'at el Mudīk ist das Schloß selbst; es steht, wie die ehemalige Akropolis der Seleuciden, auf einem Hügel, der das Orontestal und die Berge von Nosairijjeh beherrscht. Obgleich viele Hände bei seinem Bau tätig gewesen sind, und griechische sowohl als arabische Inschriften durcheinander eingefügt sind, zeigt es doch in der Hauptsache arabische Bauweise. Südlich vom Schloß befindet sich der Überrest eines altertümlichen Baues, für den mir die Erklärung fehlt. Dem Anschein nach könnte er zu dem Proszenium eines Theaters gehört haben, denn die dahinterliegende Anhöhe ist ausgeschaufelt wie für ein zuhörendes Publikum. Man brauchte nur ein wenig nachzugraben, um zu erforschen, ob sich Sitzplätze unterhalb der Rasenfläche befinden. Das Tal weist die Ruinen einer Moschee und eine schöne, freilich auch halbverfallne Karawanserei auf. Der Scheich des Schlosses bewirtete mich mit Kaffee und gab dabei noch eine andre Version der Seidjari-Angelegenheit zum besten, die freilich mit keiner der beiden ersten im Einklang zu bringen ist, und ich beglückwünschte mich zu meinem längstgefaßten Entschluß, mich an die Lösung dieses verwickelten Problems nicht zu wagen. Von der Höhe des Schlosses aus schien das Orontestal ganz unter Wasser zu stehen. Der große 'Asī-Sumpf, sagte der Scheich, der im Sommer vertrocknet, wodurch dann diese Inseldörfer (so sah ich sie jetzt) wieder als Teil der Ebene auftreten. Ob sie ungesund sind? Ja, gewiß, das sind sie! Sommer wie Winter vom Fieber heimgesucht, die meisten Bewohner sterben jung -- seht, wir sind Gottes, und zu Ihm kehren wir zurück. Zur Winters- wie zur Frühlingszeit liegen diese kurzlebigen Leute der Fischerei ob, sobald aber der Sumpf austrocknet, bebauen sie auf ihre eigne Weise das Land. Sie hauen das Schilf um, brennen die Fläche an und säen Mais darauf. Und der Mais schießt aus der Asche empor und wächst. In der Tat ein phönixartiger Betrieb von Landwirtschaft!

In Apamea wurden die vortrefflichen Kuchen alle, die ich in Damaskus gekauft hatte, -- eine Sache, die ernst zu nehmen war, da der Mundvorrat einförmig zu werden drohte. Von allen Mahlzeiten zeigte sich das Frühstück am wenigsten verlockend, denn hartgekochte Eier und Stücke kalten Fleisches vermögen den Appetit nicht zu reizen, wenn man schon monatelang darin geschwelgt hat. Allmählich aber brachte ich Michaïl bei, unsre Kost mit den Produkten, die die Gegend lieferte, abwechslungsreicher zu gestalten. Käse aus Schafmilch, Oliven, eingesalzene Pistazien, gesüßte Aprikosen und andre Delikatessen mußten mit unsern Kuchen aus Damaskus aushelfen. Der eingeborne Diener, der daran gewöhnt ist, Cooks Touristen Sardinen und Büchsenfleisch vorzusetzen, betrachtet den Genuß solcher Nahrungsmittel als eines Europäers unwürdig, und willst du in den fruchtbarsten Ländern nicht mit kaltem Hammelfleisch darben, so mußt du schon die Bazare mit ihm absuchen und ihn anleiten, was er kaufen soll.

Elftes Kapitel.

Meine nächste Tagereise hat sich meinem Gedächtnis durch einen Vorfall eingeprägt, den ich lieber als Mißgeschick und nicht mit dem stolzen Namen Abenteuer bezeichnen will. Während er sich zutrug, erwies er sich ebenso lästig, wie ein wirkliches Abenteuer (jeder, der solche erlebt hat, weiß, wie lästig sie häufig sind), und dabei hat er nicht einmal jene wohlbekannte Würze einer entronnenen Gefahr hinterlassen, wovon sich später am Kaminfeuer so herrlich plaudern läßt. Nachdem wir Kal'at el Mudīk um 8 Uhr in strömendem Regen verlassen hatten, wendeten wir uns nordwärts, einer Gruppe niedriger Hügel, dem Djebel Zawijjeh zu, der zwischen dem Orontestal und der weiten Aleppoebene liegt. Diese Kette birgt eine Anzahl verfallner Städte, aus dem 5. und 6. Jahrhundert hauptsächlich; sie sind teilweise von syrischen Bauern bewohnt und von de Vogüé und Butler ausführlich beschrieben worden. Bei nachlassendem Regen ritten wir auf dem sanft ansteigenden Wege eine Hügelreihe hinauf. Auf der roten Erde ringsum war der Pflug geschäftig, aus Olivenhainen schauten die Dörfer heraus. Eine eigenartige Schönheit lag über der weiten Fläche und wurde noch durch die vielen verlassenen Städte erhöht, die verstreut darauf lagen. Am Anfang erwiesen sich die Ruinen nur als Haufen behauener Steine, aber in Kefr Anbīl gab es guterhaltene Häuser, eine Kirche, einen Turm und eine große Begräbnisstätte aus in die Felsen gehauenen Gräbern. Hier veränderte sich das Landschaftsbild: die bebauten Äcker wurden zu kleinen Streifen, die rote Erde verschwand und machte wüsten, felsigen Strecken Platz, aus denen die grauen Ruinen wie riesige Steinblöcke emporragten. Damals, als der Distrikt noch die zahlreiche Bevölkerung der nun verödeten Städte ernährte, muß es mehr Ackerland gegeben haben; seitdem hat mancher winterliche Regen die künstlichen Terrassendämme zerstört und die Erde in die Täler hinabgeschwemmt, so daß die frühere Bewohnerzahl jetzt unmöglich dem Boden Frucht genug zum Leben abringen könnte. Nördlich von Kefr Anbīl stieg aus einem Labyrinth von Felsen ein prächtiges Dorf, Chīrbet Hāß, auf, welches ich besonders gern besichtigen wollte. Daher ließ ich die Maultiere direkt nach El Bārah, unserm Nachtquartier, weitergehen, nahm einen Dorfbewohner als Führer über die Steinwüste mit und machte mich mit Michaïl und Mahmūd auf den Weg. Der schmale, grasbewachsene und reichlich mit Steinen bedeckte Pfad schlängelte sich zwischen den Felsen hin und her, die Nachmittagssonne brannte entsetzlich, und ich stieg endlich ab, zog den Mantel aus, band ihn, wie ich glaubte, fest an meinen Sattel und schritt zwischen Gras und Blumen voraus. Das war der Eingang zum Mißgeschick. Wir fanden Chīrbet Hāß bis auf ein paar Zelte ganz verödet; die Straßen waren leer, die Wände der Läden eingefallen, die Kirche hatte längst keinen Andächtigen mehr gesehen. Still wie Gräber lagen die prächtigen Häuser, die ungepflegten, umzäunten Gärten da, und niemand kam herbei, um Wasser aus den tiefen Zisternen zu ziehen. Der geheimnisvolle Zauber ließ mich verweilen, bis die Sonne fast den Horizont erreichte, und ein kalter Wind mich an meinen Mantel gemahnte. Aber siehe da! Als ich wieder zu den Pferden kam, war er nicht mehr auf dem Sattel. Nun wachsen ja Tweedmäntel nicht auf jedem Busch Nordsyriens, daher mußte unter allen Umständen der Versuch gemacht werden, den meinigen wieder zu erlangen. Mahmūd ritt auch fast bis nach Kefr Anbīl zurück, kam aber nach anderthalb Stunden mit leeren Händen wieder. Es begann zu dunkeln, ein schwarzes Wetter türmte sich im Osten auf, und vor uns lag ein einstündiger Ritt durch eine sehr unwirtliche Gegend. Michaïl, Mahmūd und ich brachen sofort auf und tappten auf dem fast unsichtbaren Pfade vorwärts. Wie es das Unglück wollte, brach jetzt mit der einbrechenden Dämmerung das Unwetter los; es wurde kohlschwarze Nacht, und bei dem in unsre Gesichter wehenden Regen verfehlten wir den Medea-Faden von Pfad völlig. In dieser Schwierigkeit glaubten Michaïls Ohren Hundegebell zu hören, und wir wendeten daher die Köpfe unsrer Pferde nach der von ihm bezeichneten Richtung. Und dies war die zweite Stufe zu unsrem Mißgeschick. Warum bedachte ich auch nicht, daß Michaïl immer der schlechteste Führer war, selbst wenn er genau die Richtung des Ortes kannte, der wir zustrebten? So stolperten wir weiter, bis ein wäßriger Mond hervorbrach und uns zeigte, daß unser Weg überhaupt zu keinem Ziele führte. Da blieben wir stehen und feuerten unsre Pistolen ab. War das Dorf nahe, so mußten uns die Maultiertreiber doch hören und uns ein Zeichen geben. Da sich aber nichts regte, kehrten wir zu der Stelle zurück, wo der Regen uns geblendet hatte, und abermals von jenem vermeintlichen Gebell verleitet, wurde eine zweite Irrfahrt gewagt. Diesmal ritten wir noch weiter querfeldein, und der Himmel weiß, wo wir schließlich gelandet wären, hätte ich nicht beim Schein des bleichen Mondes bewiesen, daß wir direkt südlich vordrangen, während El Bārah nach Norden zu lag. Daraufhin kehrten wir mühsam in unsrer Fährte zurück stiegen nach einer Weile ab, und uns auf einer verfallenen Mauer niedersetzend, berieten wir, ob es wohl ratsam sei, die Nacht in einem offnen Grab zu kampieren und einen Bissen Brot mit Käse aus Mahmūds Satteltaschen zu essen. Die hungrigen Pferde schnupperten uns an, und ich gab dem meinigen die Hälfte meines Brotes, denn schließlich war ihm doch mehr als die Hälfte der Arbeit zugefallen. Die Mahlzeit weckte unsre Unternehmungslust von neuem; wir ritten weiter und befanden uns im Handumdrehen wieder an der ersten Teilung des Weges. Jetzt schlugen wir einen dritten Weg ein, der uns in fünf Minuten nach dem Dorfe El Bārah brachte, um das wir uns drei Stunden im Kreise gedreht hatten. Wir weckten die in den Zelten schlafenden Maultiertreiber ziemlich unsanft und erkundigten uns, ob sie denn nicht unsre Schüsse gehört hätten. O ja! entgegneten sie wohlgemut, aber da sie gemeint hätten, ein Räuber mache sich die Sturmnacht zunutze, um jemand umzubringen, hätten sie der Sache keinen Wert beigelegt. Hier haben Sie mein Mißgeschick! Es gereicht keinem der Betroffenen zur Ehre, und ich scheue mich fast, es zu erzählen. Aber das eine habe ich daraus gelernt: keinen Zweifel in die Berichte über ähnliche Erlebnisse zu setzen, die anderen Reisenden widerfahren sind; ich habe vielmehr nun allen Grund, sie für wahrheitsgetreu zu halten.

Mag El Bārah zur Nachtzeit auch unerträglich sein, am Tage ist es jedenfalls wunderbar schön. Es gleicht einer Zauberstadt, wie sie sich die Phantasie eines Kindes im Bett erträumt, ehe es einschläft. Palast um Palast steigt aus dem schimmernden Boden hervor, unbeschreiblich ist der Zauber solcher Schöpfungen, unbeschreiblich auch der Reiz eines syrischen Lenzes. Generationen Dahingeschiedener begleiten dich auf den Straßen, du siehst sie über die Veranden dahingleiten, aus den mit weißer Clematis umrankten Fenstern schauen, dort wandeln sie zwischen Iris, Hyazinthen und Anemonen in den mit Olivenbäumen und Weinstöcken bestandenen Gärten umher. Aber du durchblätterst die Chroniken umsonst nach ihrem Namen: sie haben keine Rolle in der Geschichte gespielt, sie hatten keinen anderen Wunsch, als große Häuser zu bauen, in denen sie friedlich leben, und schöne Grabstätten, worin sie nach ihrem Tode schlafen konnten. Daß sie Christen wurden, beweisen die Hunderte verfallner Kirchen und die über den Türen und Fenstern ihrer Wohnstätten eingehauenen Kreuze zur Genüge, daß sie auch Künstler waren, dafür sprechen die Ausschmückungen, und ihren Reichtum bekunden die geräumigen Häuser, ihre Sommerwohnungen, Ställe und Wirtschaftsgebäude. Der Kultur und Kunst Griechenlands entlehnten sie in dem Maße, wie sie es brauchten, und sie verstanden es, damit jene orientalische Pracht zu verbinden, die nie verfehlt, auf die Phantasie des Abendländers Eindruck zu machen, und nachdem sie in Frieden und Behaglichkeit, wie es wenigen ihrer Zeitgenossen vergönnt gewesen sein mag, gelebt hatten, sind sie durch die mohammedanische Invasion von der Oberfläche der Erde getilgt worden.

Mit dem Scheich von El Bārah und seinem Sohn als Führern, brachte ich zwei Tage in dem Orte zu und besuchte fünf oder sechs der umliegenden Dörfer. Scheich Jūnis war ein munterer alter Mann, der alle berühmten Archäologen seiner Zeit begleitet hatte, sich ihrer erinnerte und nach ihrem Namen von ihnen erzählte. Oder vielmehr es waren Namen seiner eigenen Schöpfung, die von den Originalen sehr weit abwichen. De Vogüé und Waddington herauszufinden, gelang mir ja, ein andrer, ganz unverständlicher, muß wohl für Sachau bestimmt gewesen sein. In Serdjilla, der Stadt mit den gänzlich verlassenen und dachlosen Häusern, die aber trotzdem einen fast unvergleichlichen Eindruck solider Wohlanständigkeit machten, schenkte mir der Scheich einen Palast mit der anliegenden Grabstätte, damit ich in seiner Nähe leben und sterben möchte, und beim Abschied ritt er bis Deir Sanbīl mit, um mich auf dem richtigen Wege zu sehen. Er zeigte sich diesen Tag außerordentlich erregt über eine Störung, die in einem nahen Dorfe vorgekommen war. Zwei Männer aus einem Nachbarorte hatten nämlich einem Manne aufgelauert und ihn zu berauben versucht. Glücklicherweise war einer aus seinem eignen Dorfe ihm zu Hilfe gekommen, und es war ihnen auch gelungen, den Angriff abzuschlagen, aber der Freund hatte bei dem Kampf sein Leben verloren, worauf seine Sippe das Dorf der Räuber geplündert und alles Vieh weggetrieben hatte.

Mahmūd war der Meinung, daß sie das Gesetz nicht in ihre eignen Hände hätten nehmen sollen.

»Bei Gott!« sagte er, »sie hätten den Fall der Regierung vorlegen müssen!«

Worauf Jūnis mit unbegreiflicher Logik erwiderte:

»Was hätten sie bei der Regierung gesollt? Sie verlangten ihr Recht!«

Im Laufe des Gesprächs fragte ich Jūnis, ob er wohl je nach Aleppo käme.

»Bei Gott!« sagte er. »Dann setze ich mich in die Bazare und beobachte die Konsuln, vor denen je ein Mann hergeht in einem Rock, der wohl seine 200 Piaster wert ist, und die Damen mit so etwas wie Blumen auf dem Kopf.« (Wahrscheinlich der moderne europäische Hut.) »Ich gehe immer nach Aleppo, wenn meine Söhne im Gefängnis dort sind,« fuhr er fort, »manchmal ist der Wärter gutmütig und läßt sie gegen etwas Geld heraus.«

Ich ließ den etwas kritischen Punkt fallen und erkundigte mich, wieviel Söhne er hätte.

»Acht, gelobt sei Gott! Jede meiner zwei Frauen hat mir vier Söhne und zwei Töchter geboren.«

»Gelobt sei Gott!« sagte ich, worauf Jūnis zurückgab: »Gott beschere Ihnen ein langes Leben! Meine zweite Frau kostet mich viel Geld!« fügte er noch hinzu.

»Ja?« sprach ich.

»O, meine Dame, Gott segne Sie für dieses Ja! Ich nahm sie ihrem Gatten und bei Gott! Sein Name sei gelobt und gepriesen, ich mußte dem Gatten 2000 Piaster bezahlen und 3000 dem Richter.«

Das war zuviel für Hadji Mahmūds Gerechtigkeitssinn, und er sagte:

»Wie? Du nahmst sie ihrem Gatten? Wāllah! So handelt ein Nosairijjeh oder ein Ismaili. Nimmt ein Muselmann jemandes Weib? Es ist verboten!«

»Er war mein Feind,« erklärte Jūnis, »bei Gott und dem Propheten! Es herrschte Todfeindschaft zwischen uns.«