Part 9
Der nächste Sonntag, an dem es Jakob Lind erfuhr, war wieder ein klarer, stiller Frühsommertag, und er hatte mit seiner Frau und Karen einen Weg über Land gemacht. Die Nachmittagssonne lag über dem kleinen Landsee, und jeder Schilfhalm hob sich lautlos in den goldenen Frieden hinauf, nur die Libellen schwirrten durchs Schilf und setzten sich auf die großen, roten Blumen. Zwischen den Kastanienblättern fielen die goldenen Lichter bis auf den grünen Wassergrund, wo sich die wunderlichen Schlinggewächse wanden. -- Und aus dem blauen Schatten glitten lautlose weiße Schwäne ins goldene Licht hinaus, und ihr weißes Gefieder schimmerte bläulich und gleißte wieder auf in goldig-weißem Schein. -- Und aus der Hölzung träumte auf langgezogenen Sehnsuchtsklängen die Drossel und jauchzte wieder auf von goldenen Sonnenträumen, und manchmal -- leise tief aus grüner Dämmerheimlichkeit rief lockend der Kuckuck ins Kinderland.
Auf dem Seeweg ging Jakob Lind, und an seinem Arme hing seine kleine Frau.
Karen war ein Stück zurückgeblieben. Hier und da beugte sie sich zum dunklen Wasser und brach die hohen, gelben Iris zum Strauße. Und die grüngoldenen Sonnenlichter tanzten über ihr helles Kleid.
Dann träumte sie in den märchenstillen Sonnenfrieden hinaus, und es war ihr, als ginge der große, ernste Fischer immer neben ihr, und als ob er etwas von ihr wollte. Was sollte sie tun? Was sie war, gehörte ihm; ihr schien, das war von immerher sein Recht. War denn eine Zeit gewesen, wo sie ihn noch nicht kannte? Im tiefsten Seelengrunde hatte sie so wie ein Bild von seinem Wesen wohl immer schon geträumt. Denn wie verstand sie sonst, bis in ihr innerstes Empfinden, die ernste, grüblerische Art und diese Kraft, die doch so schwer war zur frischen, starken Tat? Wer ihn aufrütteln durfte aus seinen Träumen! Hatte Gott ihr diese Seele in die Hände gelegt, weil sie allein sein innerstes Empfinden verstand?
Sie lehnte am gewunden-rötlichen Kastanienstamm und sah hinauf nach dem Mückenschwarm, der da im goldenen Strahle tanzte, und wieder war der helle Siegesschein in ihren weiten, klaren Augen.
Als sie in den Flecken kamen, sagte ihnen jemand, daß Lars Asmussen mit Trina Lassen versprochen sei. Da stampfte die kleine Frau Lind mit dem Fuße auf. „Das hat er nur getan, um die abscheuliche Miete zu ärgern, der dumme, dumme Mensch!“
„Ich fürchte, es war Feigheit,“ sagte Jakob Lind.
Aber Karen ging still weiter.
Kapitel XX
Der alte Klaas Klaaßen hat recht, es sind die Menschen, die einen Tüter[4] in die große, wunderbare Ordnung machen.
Manch einer ist geboren in so einer wunderlichen Nacht um Sonnenwend oder wenn die feine Mondsichel über die wachsenden Knospen wacht oder wenn der Vollmond dem scheidenden Jahre leuchtet. Da haben die tiefen Glocken im Grunde der Dinge heraufgeklungen und der Quell, der da unten verborgen aufwallt, hat gerauscht.
Der Mensch geht dann mit ernsten Augen über die Erde, und seine Ohren sind feiner als anderer Leute Gehör. Und wenn er still hält und aufhorcht, kommt ihm ein Ahnen von dem, wie es hätte sein sollen. -- So ein feines, tastendes Fühlen ist es, wie es Kindern im Traume redet oder die Wandervögel durch die Lüfte führt oder die Flut zum Lande drängt. -- Und er könnte weinen, wenn er den großen Tüter sieht, den die Menschen hineinbringen. Es ist, als triebe sie eine dunkle Macht, daß sie in die große Ordnung hineingreifen und ihr Gewebe zerreißen.
Aber so, wie die Natur selbst immer strebt, zu begleichen und mit Schönheit zu umhüllen, so strebt auch die Ordnung selbst, die Dinge in ihren Wohlklang zurückzubilden. Es fürchtet sich aber der Mensch oft vor ihrem Wege, denn er geht am öftesten durch die Nacht.
Hat eines ihrer Kinder aber im lärmenden Geklirr des Unverstandes ihre Stimme überhört und ist den falschen Weg gelaufen, -- wenn er sich nur zu ihr hält, so bringt sie ihn immer wieder zurecht. An ihrem Faden muß er spinnen, wenn er es selber nicht glaubt. Und er kommt dennoch zum Ziel.
Lars hatte einen Tüter gemacht in sein Leben.
„Ich gehöre zu den schlichten, arbeitenden Leuten,“ sagte er zu Jakob Lind. „Da bin ich am Platz. Dies ist das Wahre im Leben, Jakob, was sich auf die Arbeit gründet. Das andere ist unecht.“
„Recht hast du, Lars Asmussen,“ sagte Jakob Lind, „aber du bist übers Ziel geschossen.“
Er suchte seine Freunde unter den einfachen Leuten, und die Linds mied er in dieser Zeit. Er sollte mit seiner Frau in einem neuen Hause ein wenig weiter ab vom Strande wohnen.
Das war das einzige Haus, das in der Nähe zu haben war, und vor dem Herbste, eh’ der Heringsfang wieder anfing, sollte geheiratet werden.
Mutter Lassen war eine tüchtige Frau, und Trinas Aussteuer lag schon lange sauber in der Lade. So konnte Lars es haben, wie er wollte.
Da war er gar nicht mehr zum Nachdenken gekommen. Am neuen Hause war noch manches zu tun, ehe er einziehen konnte, und das Boot war noch nicht ganz fertig. Auch hatten sie noch nicht alles wegen der Männer in Ordnung, die mit ihnen fischen sollten. Lars wollte gern Kords in sein Boot haben. Mit Kords Hand ging es besser, und er hatte seit fast einem Jahr auf der Werft gearbeitet.
Aber nun war er plötzlich nach Hause gekommen, ohne Geld und mit einer kranken Frau. Das wußte Lars, und er wollte ihn nun für seine Arbeit anwerben.
Die Arbeit war jetzt Lars’ einziger Gedanke. -- Wie es in ihm selbst aussah, das wollte er nicht sehn. Er war sich dumpf bewußt, daß, wenn er anhielt im Schaffen und sich Zeit ließ, einmal hinein zu horchen in die eigene Seele, er da einen unerträglich brennenden Schmerz fand. Aber schon um Klein-Trinas willen wollte er sich einreden, daß er zufrieden sei. Es war auch wirklich wieder eine größere Sicherheit in Lars, seit er in sein Innerstes hineingeschnitten und Miete herausgerissen hatte. Indem er sich an Trina Lassen band, hatte er die Tür hinter sich verschlossen. Nun konnte er nie mehr zurück!
Er trat fest auf, wie ein Mann, der ein Ziel vor Augen hat. So ging er auch am Strande entlang nach Wanbyll, um mit Kords zu sprechen. Aber bei allem festen Schreiten lag es doch wie eine Wolke auf seiner Stirn und über seiner Seele wie ein dumpfer Traum. Auch in der grauen, schwülen Sommerluft war kein frischer Atem, der ihn aufweckte. Die See lag unheimlich still und schwarz. Nur an manchen Stellen glitzerte es silberig auf. Tief hinein spiegelten sich die scharf geformten Ufer, und greifbar nah lagen sie. In einer kleinen, einsamen Bucht zwischen kantigen, grauen Steinen war ein blendendes Geflatter weißer Möwenflügel. Das gellende Möwenschreien klang unheimlich über der lautlos harrenden Weite. Als Lars herankam, kreischten sie jäh auf, als sollte die große Stille in Stücke zerreißen, dann ein glitzerndes Gewoge, und sie waren fort.
Weiter draußen auf dem grauen Steine saß noch eine Möwe allein. Blendend weiß spiegelte sich ihr Bild im schwarzen Grunde.
Und wieder umhüllte die unheimliche Stille den schreitenden Mann wie ein finsterer Traum. Und es lag auch immerfort über ihm in dieser Zeit, als handle und rede er im Traum. Und er setzte die Füße gleichmäßig und sah gerade vor sich hin.
In Wanbyll am Strande zwischen den aufgehängten Fischnetzen stand Kords mit andern Männern.
Als er Lars sah, lachte er ihm hart entgegen. „Na, da bin ich wieder mit der kranken Frau und den brüllenden Gören.“
„Warum denn?“ fragte Lars.
„Na, ihr könnt das ja denn auch noch einmal hören,“ sagte Kords. „Das war nämlich so: Du weißt ja, daß ich schon immer zu den Genossen gehört habe. Na, da sollte das ja nun ordentlich vorwärts gehn mit der Arbeit dort unter all den Brüdern. Und bei dem guten Verdienst wollte ich auch ordentlich abbezahlen an den Schulden von der Krankheit her und dem Umzug.“ Er lachte wieder laut auf, und das grelle, gelbliche Gewitterlicht lag auf seinem harten, finsteren Gesicht. „Das ging ja auch ganz fein die erste Zeit. Dann mußten wir streiken, das machte ich gerne mit um der Sache willen, wenn’s mich auch zurück brachte. Dann kam aber bald wieder ein Streik und jetzt vor ein paar Wochen der dritte. Und ich sage dir, Lars Asmussen, das war ein Unsinn mit dem letzten Streik. Ich erkläre euch das nicht, das versteht ihr doch nicht. -- Das habe ich den Führern auch gesagt: Das ist ein Unsinn, da mache ich nicht mit. Aber denkst du, sie hätten mich tun lassen, wie ich wollte? Nein, streiken sollte ich und mußte ich, und besonders die ganz jungen Grünschnäbel verlangten das am lautesten.“
„Na, da hatten die Kerls am Ende gar nicht so unrecht,“ meinte Lars bedächtig dazwischen. „Wenn du nun einmal eingetreten warst, mußtest du schon mitmachen. So mit den Brüdern und all den schönen Geschichten, wie du dir das denkst, so ist das ja wohl nirgends in der Welt. Das wäre fein, wenn man das so einrichten könnte. So lange ich aber immer nur merke, daß mich die fremden Führer an der Nase rumziehen, bleibe ich lieber mein eigener Herr. Und wenn du deine eigene Meinung behalten wolltest und ein freier Mann bleiben, warum bist du da überhaupt eingetreten?“
„Tünn nicht so, Lars, das verstehst du ja alles gar nicht. Ich hab’ mir auch keine Vorschriften machen lassen, nee, nun ging ich gerade zur Arbeit schon aus Trotz. Da wird mir auch noch die Frau krank, und ich muß den Doktor holen, und eine andere mußte ich bezahlen, die nach den kleinsten Würmern sieht. Und mit der kranken Frau und den kleinen Kindern, ich sage dir, Lars, ein Elend war’s. Na, ich komme den einen Morgen früh aus dem Hause, und es ist mir schon trübselig genug. Die Straße ist auch ganz still. Auf einmal saust da etwas aus einem Hausflur heraus und prallt mir gegen den Kopf, daß mir erst ganz düsig wird, und ich mich an die Wand lehnen muß. Dann merke ich, hat mir einer mit dem Stein den Kopf blutig geworfen. Ich reiße mich also hoch und in den Hausflur rein, aber der Kerl war schon durch den Hof und fort. Da konnte ich nach Hause gehn und mir das Blut abwaschen und im Bett liegen.“
Da standen die Männer eine Weile still und sahen über die See, und die unheimlichen weißen Wolkenarme langten immer höher herauf. Das Licht lag wechselnd scharf und wieder trübe über den wetterharten Gestalten und den knochig stillen Gesichtern.
„Na und die andern Verheirateten, was machen die denn?“ fragte Lars, „streiken die alle mit, wenn sie gut bei der Arbeit sind?“
„Aus Angst streiken sie, wenn sie sich noch so sehr ärgern, die Däsköpfe. Und die jungen Schreier ziehen dann fort, und sie sitzen da mit ihren heulenden Gören und den paar Gnadenpfennigen.“
„Warum sind sie so dumm und überlegen sich’s nicht vorher, was man da von ihnen verlangt. Laufen sie gleich mit, wenn ihnen ein fremder Kerl was vorschnackt. Wenn die ruhigen Leute alle zusammenhielten, dann müßte auch jeder seinen eigenen Weg gehen können, ohne sich weder von den Reichen noch von fremden Parteigeschichten herumkommandieren zu lassen.“
Lars stand sehr lang und hoch da und sah ein wenig über Kords weg, als er sprach. Da wurde es ganz dunkel auf Kords Stirn, und er fuhr auf: „Ich hab’ deine guten Lehren satt, Lars Asmussen, hast du das gehört?“ schrie er. „Ich bin übrigens gleich am nächsten Tage ausgetreten, und dann bin ich mit der kranken Frau und den brüllenden Gören nach Hause gereist, ob sie alle wollten oder nicht. In dem verfluchten Nest bleibe ich nicht. Hol’ sie alle der Teufel mit ihrem Zukunftsstaat!“
„Ja, und die Frau wäre beinah dran gestorben, und Geld hat er nun auch keins,“ sagte Christen Matthies mit seiner schleppend traurigen Art.
Kords wollte wieder auffahren, aber Lars fing bedächtig an von seinem Boot zu reden und Kords anzuwerben für die Winterarbeit. Kords aber hatte weder Boot noch Netze und brauchte Arbeit. Darum wurde er still und grunzte nur noch zustimmend. Und dann schwiegen die Männer alle wieder und sahen über See. Und als der erste Regen fiel, da gingen sie in Kords elende Hütte, wo beinah gar nichts stand als das Bett mit der kranken Frau, denn alle guten Möbel hatten sie versetzen müssen. Die schmutzigen Kinder jagte er vor die Tür. Und dann machten sie alles fest ab miteinander.
Für Christen Matthies hatte Lars einen Auftrag von Peter Lassen. Christen Matthies aber sah vor sich hin und sagte, er müßte sich’s erst überlegen.
Zwei große, starke Söhne waren vor ihm hingestorben, und er hatte noch mehr Trauriges erlebt. Davon waren seine Haare frühzeitig weiß und seine Art langsam geworden, als lohne es sich nicht der Mühe. Er arbeitete aber still und fleißig, und seine alte Frau ging mit hinaus und half ihm beim Fischen.
Als sie zu Ende waren, hatte auch der Regen aufgehört, und die Männer traten mit Lars heraus. Die Sonne war hinter den Wolken im Sinken und zwischen den finstern Schichten hervor fiel ein blutroter Schein über das dunkle Wasser, daß es tiefblau schien neben der breiten, roten Straße. Scharf und hell standen drüben die Türme der Stadt gegen den Himmel.
„Du hast das schon weit gebracht, Lars, für deine Jahre. Du kannst mir helfen, daß wir denen da drüben was antun für ihre Niedertracht,“ sagte Kords und drohte mit der Faust über das Wasser nach der Stadt hin. Der rote Trollsen stand auch dabei und lachte laut auf.
Aber Christen Matthies sagte: „Er sollte lieber den kleinen Leuten helfen, wenn er so klug ist.“
Das klang Lars noch im Ohr, als er nach Hause ging.
[4] Verwirrung im Tauwerk.
Kapitel XXI
So hatte Lars dann noch vor der Zeit des Heringfangs geheiratet und war in das neue Haus gezogen. Nun fuhren sie zusammen hinaus in die heulenden Herbststürme, Lars und Kords und Peter mit Christen Matthies. Der Herbst war stürmisch, aber er blieb lange warm. Darum konnten die Fischer von draußen ihre Stellnetze nicht setzen, und die Fischer in der Bucht hatten einen guten Verdienst. Aber als dann der erste Frost kam und die Stellnetze wieder die Bucht absperrten, war der Unterschied fühlbar hart, und die Fischer brauchten zornige Worte.
Lars war mit Kords ein paarmal ins Wirtshaus gegangen statt zu Herrn Asmussen oder den Linds. Peter sagte nichts darüber, aber er ging mit finsterm Gesicht um Lars herum. Im Wirtshaus saß Lars meist mit seinem unbeweglichen Gesicht zwischen den dicken Tabakswolken, fast als wenn er schliefe, und sagte nur selten ein Wort.
Als sie mit den Fäusten auf den Tisch schlugen und laut auf die Fischer von draußen fluchten, da hatte er sich einmal aufgerichtet: „Das ist, weil ihr euch hier nicht einig werden könnt bei uns. Anderswo haben die Fischer Vereinigungen, da machen sie die Sachen untereinander aus.“
„Ach was, Vereinigungen,“ sagte der rote Trollsen, „damit man mir vorschreibt, daß ich heute fischen muß, ob ich will oder nicht, und nicht mehr mein eigener Herr sein darf.“
„So eine Vereinigung müßte das eben sein, wo jeder ruhig seinen eigenen Weg gehen könnte und sie sich gegenseitig schützten gegen den Zwang von außen. Da können sie auch wohl zusammen ihre eigenen Interessen schützen.“
Der rote Trollsen schüttelte mit dem Kopf, aber sie wagten doch alle nicht recht, etwas zu sagen; denn Lars’ stille Art und sein sicheres, ruhiges Fortarbeiten zwang ihnen allen Achtung ab.
Zum Frühling hatte er auch so viel Geld verdient, daß er sich ein Stück Kartoffelland hinter dem Hause kaufen konnte. Er schritt nun wieder aufrecht daher und sein Blick ging zufrieden geradeaus. Zu seinen Schreiner- und Holzarbeiten bekamen die Leute immer mehr Vertrauen, und er mußte Fischkasten bauen und ihnen die schadhaften Boote bessern. Wenn er so für sie arbeitete, so lernten sie ihn mit der Zeit besser kennen und bekamen immer mehr Achtung vor seinem stetig-kraftvollen Schaffen. Und als das Jahr herum war, da war ihm die Arbeit stetig zugewachsen. Und für die er gearbeitet hatte, die beredeten ihn oft, daß er nach der Arbeit mit ihnen ins Wirtshaus kam. Und weil er auf ihr Zureden gekommen war, und sie sich an seiner Arbeit gefreut hatten, meinten sie, ein Anrecht auf ihn zu haben, und waren gleichsam stolz auf sein verständiges Reden. Ihr Beifall aber zog die andern mit. So kam es, daß in diesem Jahr viele mit großem Vertrauen auf Lars hörten. Und Lars merkte es wohl, und es war, als gäbe ihm das alles eine Kraft. Und es kam eine Freude in ihn, daß die Gedanken leichter und fröhlicher in ihm umgingen. Er machte Pläne von einer großartigen Fischereivereinigung, die er gründen wollte. Wenn die Gedanken und Pläne bisher auch weder Hand noch Fuß hatten, so gaben sie Lars doch einen frohen Stolz, daß er hochaufgerichtet und sicher einherging.
Aber einen Kummer hatte Lars dabei; denn wie die Monate dahinrollten, schien Großvater immer weniger Anteil an seinem Tun zu nehmen.
Großvaters tiefe Augen sahen unter den schweren, weißen Brauen heraus auf Lars’ neue Wege, aber er schwieg dazu. Er schwieg jetzt fast immer, und wenn er sprach, war es ein halbverständliches Murmeln. Seit er nicht mehr auf die See ging, saß er am Fenster der Hinterstube, wo Mutters Webstuhl stand, und sah still auf das Meer hinaus. Den weißen buschigen Kopf senkte er bis auf die Brust, aber in den Augen war immer noch waches, sinnendes Leben. Aber es hatte fast den Anschein, als sei all das Neue, das in Lars’ Leben gekommen war, gar nicht bis in die fast gleichgültige Stille gedrungen, in der Großvater jetzt lebte.
Manchmal hockte sich Lars auf den Schemel, der dort bei Großvater stand, und versuchte, ihm langsam und deutlich zu erzählen. Dann ließ der Alte die sinnenden Augen kurz über den langen, ernsten Fischer hingehn. Er wischte sich mit der schweren, großen Hand über Mund und Bart. Aber dann sah er nach seiner Gewohnheit wieder zum Fenster hinaus und gab keine Antwort. Und Lars stand auf, und wenn er sich umdrehte, saß eine tiefe Falte zwischen seinen Augenbrauen.
Da war es aber doch noch einmal gekommen, daß Großvater zu etwas aufwachte, was Lars anging.
Als das grüne Herbstlicht die Welt mit Klarheit zu überfluten begann, da trat Mutter Stina in die Hinterstube mit einem hellen Schein über dem stillen Gesicht. Und sie legte behutsam Lars’ kleinen Sohn in Großvaters Arme. Und es war, als schimmerte es feucht in Großvaters alten Augen, und er fing an, vor sich hinzumurmeln, und es klang wie ein Segen. Lars stand dabei und sah still auf die beiden. Er sagte weiter nichts, aber er wollte von da ab, daß sie dem Alten das Kind häufig brachten. Und Großvater hielt es in den Armen, und manchmal murmelte er ihm Worte zu. Und der kleine Klaus war lange still in Großvaters Armen und schlief dort fast ruhiger als bei seiner Mutter daheim.
Auch Lars saß oft sinnend auf seinem alten Platz. Und von Zeit zu Zeit wechselte er ein Wort mit Mutter Stina, und auf Mutter Stinas Gesicht lag der seltene, helle Schein, wenn sie ihn und den kleinen Klaus unter dem Strohdach hatte.
Dann war es an einem Frühlingsmorgen. In Lars’ Hause war großes Reinemachen. Da hatte Trina das Kind in aller Frühe zu Mutter Stina hinübergebracht.
Die Sonne stand noch tief und sandte blitzende Strahlenbündel aus den mächtigen Wolkentoren hervor über See und Land. Die riesigen, quellenden Wolkengebilde lagen im rötlichen Schein, und vom Lande, wo ein Schatten über die See fiel, war sie wie von blauen Schleiern überhangen.
Großvater saß am Fenster, das Kind im Arm, und sah auf Lars und Peter hin, die mit ihrem Boote nicht weit vom Ufer lagen.
Als Mutter Stina nach einer Weile zu den beiden in die Hinterstube sah, verwunderte sie sich, wie tief Großvaters Kinn auf das Kind heruntergesunken war. Da sah sie aufmerksam hin. --
Das sinnende Licht war in den alten Augen erloschen.
In der Morgensonne war Großvaters standhafte Seele über die See hinausgewandert in die große Ewigkeit hinein. --
* * *
Als der Platz am Fenster leer war und der tiefe, sinnende Blick ihm nirgends mehr begegnete, da fühlte Lars doch ringsum eine große Öde. Es zog ihn wieder zu Jakob Lind hin. -- Still und in sich gekehrt saß er dort manchmal, und die kleine Frau Lind wußte nicht recht, was sie mit ihm anfangen sollte.
Aber wenn er mit Jakob oder mit Karen allein war, dann sprach er ein wenig. Und er erzählte ihr von Großvater und seiner stillen Art. Wie er sich immer gleich blieb und seinen eigenen Weg ging, ohne zu wanken, ob es bergauf gegangen war oder bergab.
„Solche Leute sollten sie zu Führern haben, die Arbeitenden,“ sagte Lars und wurde eifriger dabei. „Solche Leute aus ihrer Mitte, die sie kennen und achten und die auf sicheren, festen Füßen stehen, Leute von den Ordentlichen, die sich schon bewährt haben. Sie müssen ja wohl hinter irgend jemand herlaufen. Jetzt führt sie der, der am lautesten schreit; aber hier zwischen unsern ruhigen Leuten müßte es anders sein.“
Und Karen nickte, und ihre weiten hellen Augen gaben ihm Antwort.
Da hatte Lars einen Ersatz für Großvaters schweigendes Verstehen gefunden und ging wieder zufriedener an seine Arbeit.
Kapitel XXII
Immer schaffte Trina still und emsig um Lars her, aber er hatte nicht viel acht auf sie. Sie war ja wohl auch zufrieden, meinte er. --
Der kleine Klaus war nun fast drei Jahre und hatte ganz seines Vaters Art, nur ungezogener war der kleine Klaus. Trina hatte ihre liebe Not. Wie er sich selbständig fortbewegen konnte, da lief er ihr fort und suchte sich den Weg zu Großmutters Strohdachhaus. Und wenn nach ängstlichem Suchen Trina ihn stolz bei Großmutter sitzen fand, ein großes Stück Zucker in der Backe, dann durfte sie ihn nicht schelten, sonst wachte Großmutter aus ihrer Stille auf und kam beinahe in Zorn.
Aber in diesem Sommer war Trinas Schritt langsam und mühsam geworden, und ihre Augen sahen trübe aus. Es hatte nur keiner recht acht darauf.
Und es kam ein Morgen, an dem sie immer wieder versuchte, sich aufzurichten; aber es gelang ihr nicht mehr.
Lars kam spät vom Fischen heim. Da fand er den kleinen Klaus unangekleidet am Boden sitzen und weinen. Trina aber lag im Bett mit fieberheißen Backen und trüben, teilnahmlosen Augen.
Da legte Lars seine harte Hand vorsichtig auf die glühende Stirn, und es wachte etwas in ihm auf wie eine große Sorglichkeit. Fast wie ein Vater für sein Kind, so übersann er, was zu tun sei für Klein-Trina.
Erst ging er zu Dora hinüber, und die Helle machte nicht viel Umstände. Sie klopfte Peter aus dem behaglichen Wandbett heraus, in dem er seit einer halben Stunde schnarchte. Die kleine Schwester, die jetzt bei ihnen wohnte, holte eben Milch drüben auf dem Hoekhof. -- Darum hieß sie Peter auf die drei Kinder achten. Dem Säugling gab sie noch zu trinken, dann ging sie zu Trina Asmussen.
Lars hatte den Arzt geholt.
„Das ist der Typhus,“ sagte der Arzt; „die Gegend hier herum ist verseucht.“
Sie konnten nicht viel für sie tun, Helle-Dora und Lars, so gut sie es auch meinten. Klein-Trina lag meist dumpf und stumpf und verlangte nur nach Ruhe für ihren schmerzenden Kopf.
Später kamen Nächte, wo sie sich in heißer Unrast wälzte und aus der Dunkelheit ein namenloses Fürchten stieg. Nur wenn sie Lars’ große, stille Hand hielt, dann überkam es sie wie Ruhe.
So saß er denn halbe Nächte lang bei der abgezehrten Kranken, und sein unbewegliches Gesicht schimmerte wie gemeißelt in der fahlen, nordischen Dämmerung, die zum Fenster hereinsah. Und sie achteten beide auf die unheimlichen Geräusche der Nacht, und der dunkle Todesengel hielt hinter ihnen Wache.
Wundersame Dinge waren es, die Trina sah auf der dunklen Straße zwischen Leben und Tod. Und Klein-Trina, die Ängstliche, -- in den feierlichen Nachtstunden, da fand sie den Mut und sagte ihrem Manne davon. Und wenn Lars nicht ihre Hand hielt, dann faltete er manchmal die schweren, harten Finger.
* * *
Eines Tages sagte ihnen der Arzt, daß die Gefahr vorüber sei. Da lachte Helle-Dora über das ganze Gesicht, und aus Lars’ unbeweglichen Zügen schimmerten die Augen auf, als sei irgendwo in seiner Seele ein Licht angezündet worden. Er hatte vieles gut zu machen, der lange Lars Asmussen, nun sollte die Zeit kommen.