Durch den Nebel: Roman

Part 8

Chapter 84,029 wordsPublic domain

Aber mit der Zeit wurde sie ein wenig zutraulicher. Und als der Frühling gekommen war und die feinen, jungen Blätter der Laube goldig schimmerten, saßen sie dort manchmal zusammen, wenn Jakob gegangen war. Und sie erzählte ihm von dem großen Bauernhof daheim und von der schlichten, ernsten Mutter, der keine Arbeit zu schlecht war und keine Tagelöhnernot zu klein, daß sie nicht zugriff und half mit ihren starken Händen und ihrem klaren, ernsten Sinn. Und sie sprach von der schwarzen Zeit, als die Eltern gestorben waren und sie hinaus mußte in die Fremde.

Sie hatte ganz allmählich angefangen, ihm solche Dinge zu erzählen, und sie war immer noch scheu dabei und so, als bäte sie ihn um Verzeihung. Aber wenn sie in seine stillen, traurigen Augen sah, wie sie jedes Wort in den tiefen, dunklen Seelengrund, der hinter ihnen schlummerte, wie in einen weiten See hinein tranken, dann sprach sie weiter.

Und stockend sagte sie auch von dem einen, was sie aus dem schlichten Elternhause mitgebracht hatte, und was ihre Heimat geblieben war, wie alles andre von ihr ging. Und die Sonne lag in ihren lichten, großen Augen, als schimmere es von innen hervor wie ein Siegesglanz.

Und dann kam die runde, fröhliche Frau Lind mit ihrer Näherei heraus. Und Karen stand auf und ging an die Arbeit. Lars aber hörte nicht recht auf das lustige Geschwätz, denn im Gemüsegarten lag Karen auf den Knien, die große, weiße Sonnenhaube über dem hellen Haar. Und ihre hohe biegsame Gestalt wandte sich eifrig hierhin und dorthin bei der Arbeit. Und seine Augen lagen sinnend auf ihr, und das, was sie ihm erzählt hatte, ging durch seine Gedanken. Und die kleine Frau Lind merkte es wohl, und sie freute sich.

Kapitel XVIII

Tief drin im untersten Grunde wühlte und bohrte es in Lars’ Seele. Die ruhige, klare Art in Jakob Linds Hause machte ihm den eigenen unklaren Zustand immer unbehaglicher. Jakob und die hohe stille Karen gingen so fest und sicher vor sich hin, und um die kleine tätige Frau Lind war es am allermeisten wie eine frische, gesunde Luft bewußten Frohsinns.

Und immer ließ ihn Trinas Not und ihr großes Zutrauen nicht los. Er sann und sann und konnte es doch nicht in Einklang bringen, seine behagliche Freundschaft mit den Asmussens und das ganze Elend, von dem ihm Klein-Trina auf der Treppe erzählt hatte.

Und doch tobte und kochte die Leidenschaft in ihm noch stärker als vorher. Bis er sich einen Entschluß abgerungen hatte, durfte er seinen Mund nicht wieder auf die weichen Lippen drücken; der Gedanke packte ihn wie verzweifelte Qual.

Einstweilen wollte er da anfangen, wo er erst einmal ein Stückchen Weg vor sich sah. Er wollte versuchen, etwas für Dora zu tun.

In einer nebeldicken Morgenfrühe begann er Peter Lassen im Boot von ihr zu reden. Und er sagte ihm alles, was er von Trina gehört hatte. Von Doras einsamem Kampf und ihrer Not, und wie die Verachtung der Leute und die große Scham sie jetzt fast erdrückten und doch keine einzige helfende Hand da war, die sie aufrichtete. Und die kleinen Geschwister, die sie gern mit dem eigenen Leibe vor allen Gefahren gedeckt hätte, blieben doch unbeschützt, und keiner wollte ihres Notrufs achten.

Es tat Lars wohl, etwas von dem, was ihn drückte, von der Seele zu reden. Aber Peter sah zur Seite und keiner konnte sagen, was in ihm vorging.

Sich selbst aber hatte Lars geholfen. Er hatte einen Anfang gemacht. Nun wußte er, daß Klarheit werden mußte. Onkel Gust sollte erfahren, wie er dachte, und Miete wollte er hinüberreißen in seine schlichte, reinliche Welt. Für sie konnte er sich dann wohl aufraffen und sich aus dem armselig-engen Kreise heraufarbeiten. Sie liebte ihn, so wie er sie liebte, darum würde sie auf ihn warten.

So kam es endlich, daß er gerade aufgerichtet und zuversichtlich über die Koppeln zu Herrn Asmussens Hause ging.

Im hohen grauen Hause auf der Treppe traf er Trina Lassen. Es war ihm fast wie ein Schreck, so leuchteten ihre Augen auf bei seinem Anblick. Da blieb er bei ihr stehen und fragte nach Doras Geschwistern und anderem mehr, und sie sah ihm fest in die Augen und erzählte schlicht und voll großem Vertrauen.

Dann ging er mit schweren Tritten die Treppe hinauf. Das vordere Zimmer war leer. Im zweiten fand er Onkel Gust in dicken Tabakswolken hinter der Zeitung.

Da drückte er die Lippen fest aufeinander, daß sein Gesicht wieder aussah, wie aus Holz geschnitten, und trat dicht vor ihn hin.

Onkel Gust wehte mit der Zeitung die blauen Wolken auseinander. „Sieh da Lars, -- endlich läßt du dich sehen,“ sagte er gütig.

„Onkel, ich habe mancherlei zu sagen,“ brachte Lars mit harter Stimme heraus.

Zum Lesen brauchte Herr Asmussen einen Kneifer. Über den Kneifer hinweg sah er seitwärts nach Lars hin. „Setz’ dich, setz’ dich, min Jung!“ Und dann: „Na?“ sagte er erwartungsvoll.

Lars saß an der andern Seite vom Tisch, nun legte er die Arme darauf und beugte sich zu Herrn Asmussen hinüber, und er sprach ganz deutlich und langsam, und Herr Asmussen rückte an seinem Kneifer.

„Ich weiß gar nicht, was du überhaupt meinst,“ sagte er und putzte den Kneifer vorsichtig mit dem Taschentuch ab.

Aber Lars blieb ruhig dabei und sprach von Trina Lassen und was die Leute ihm sagten von Onkel Gust.

„Was geht das dich überhaupt an?!“ Und Onkel Gust lehnte sich im Lehnstuhl zurück und suchte beleidigt auf Lars zu blicken.

Aber Lars achtete gar nicht darauf, und als er auf Dora Nielsen zu reden kam und ihre Geschwister, da rückte Onkel Gust ein wenig auf seinem Stuhl herum und lachte verlegen. „Naa“ sagte er begütigend und zwinkerte Lars zu. Aber Lars redete weiter, und er redete sich in Zorn und sprach von denen, die keine Hilfe fänden und keinen Schutz, weil die andern, welche die Kraft hatten und die Pflicht zu sorgen, im Wirtshaus saßen und faule Witze rissen.

Da wurde es Onkel Gust zu bunt. „Grünschnabel, geh’ und predige deinen Fischen!“ schrie er und setzte den Kneifer wieder auf.

„Ja,“ sagte Lars da auf einmal in einem ganz anderen Ton, „ich bin weiter nichts als ein Fischer, und ich habe kein Recht, zu sprechen, aber es kann sein, daß es heute das letztemal ist, daß ich hier sitze, und eh’ Ihr euch entschließt, solltet Ihr wissen, wie ich denke.“

Da legte Onkel Gust die Zeitung schnell wieder hin und sah Lars mit einem Ausdruck ins Gesicht, der fast dumm ausgesehen hätte, wenn es eben nicht Herr Asmussen gewesen wäre.

Lars schwieg einen Augenblick, und sein hartgeschnittenes Gesicht war unter der Wetterbräune blaß geworden.

Draußen hörte man einen Hund bellen. --

„Ich wollte dich fragen, ob du mir Miete zur Frau geben wolltest,“ sagte er, und die Stimme war sehr tief und fast hohl.

Da veränderte sich Herr Asmussen, wie wenn im April die Sonne durch die Wolken bricht. „Mein lieber Lars!“ sagte er gerührt, und auch seine Stimme klang tief, aber mehr im Fett erstickt. „Ich habe mir immer gedacht, daß du wieder zu uns kommst. Der Stand, dem du angehörst, ist ja unmöglich für dich. Bei deiner Begabung läßt sich alles in kurzer Studienzeit nachholen. Ja, ja, ich glaube schon, daß die klein’ Deern „ja“ sagen wird. Und ihr seid ja jung; bis du dich wieder soweit eingearbeitet hast, daß du reif bist für den Posten, so lange könnt ihr ja gut warten -- und --“

„Was meinst du eigentlich Onkel?“ Lars stand hoch aufgerichtet und sah ihn mit weiten Augen an.

Aber Herr Asmussen war schon an der Tür -- „Miete -- Miete!“ rief er die Treppe hinunter. „Ich wußte es ja, und ich habe die ganze Zeit eine nette kleine Stelle für dich im Auge behalten -- aber sieh, da bist du ja schon, klein’ Deern, na, na, da will ich euch lieber allein lassen,“ und er lachte leise, -- noch hinter der Tür hörten sie ihn lachen.

Miete stand vor ihm, und sie sah halb verlegen zur Seite, und in den weichgeformten Backen ging das Blut auf und ab. Und es war zwischen ihnen wie eine heiße Welle, die hin und her wogte und den Blick zu trüben schien, daß kein Überlegen mehr war, nur das heiße Müssen.

Sie wußten es beide nicht, wie lange sie so in seinen Armen gelegen hatte.

Aber wieder war es Tante Jette, die die Tür hart aufklinkte. Miete sprang auf mit glühenden Backen, und Lars stand neben ihr, hochatmend mit dunklen Augen.

„So,“ sagte Tante Jette, und setzte sich, „nun wollen wir erst mal vernünftig reden.“

Die beiden setzten sich langsam nebeneinander, und Lars fuhr sich mit der Hand über die Stirn und weit über die kurzen Haare hin.

„Also dein Vater sagt mir, Miete, daß Lars dich heiraten will und selbstverständlich in unsern Stand zurückkehrt und sich für die Arbeit bei Herrn Tiensen vorbereiten will. Eine lange Warterei wird das ja geben, und gerade keine besonders feine Stellung für dich. Aber lieber als diese Wirtschaft hier zwischen euch ist mir diese Heirat dann schließlich auch noch und --“

„Tante Jette,“ sagte da Lars auf einmal, und er war wieder ganz blaß geworden, „Onkel Gust hat mich ganz falsch verstanden. Wenn mich Miete lieb hat, wird ihr wohl jeder Stand recht sein. Es kann ja vielleicht Mittel und Wege geben, daß ich mich irgendwie weiterbilde und heraufarbeite, aber zu Herrn Tiensens Arbeit, -- nie und nimmer. Hier ist bloß der Fischer!“ Er drehte sich zu Miete in seiner schwerfälligen Art. Und es stand auf seinem Gesicht wie ein rücksichtslos zorniges Fragen, aber auch etwas wie eine verhaltene Qual war in den gezogenen Linien.

Sie war fast zusammengefahren und tat einen Ruck von ihm fort. „Was, Fischerfrau?!“ sagte sie, „Lars, bist du verrückt?“ -- Und sie lachte schrill auf, beinah, wie ihre Stimme manchmal als Kind geklungen hatte.

Tante Jettes Brust hob und senkte sich stürmisch mit dem dicken goldenen Locket. „Das wäre dir wohl recht, das kann ich wohl glauben. Eine kleine niedliche Frau und Geld dazu. Und dann deinen Wohltätern den Rücken kehren und womöglich gegen ihre Sache kämpfen. -- Ich habe dir immer mißtraut, Lars Asmussen, und diese Tändelei mit meinem Kinde war mir ein Greuel.“

„Ach Mama, du verdirbst aber auch alles,“ sagte Miete feindlich.

„Ja, ja, das tut sie immer,“ sagte Herr Asmussen, der bei dem lauten Reden eingetreten war.

„Lars,“ und Miete kam zu ihm heran, so dicht, daß er ihren Atem weich auf seiner Backe spürte, „du hast mir doch versprochen, daß du etwas für mich tun würdest, -- Lars?“ -- Und sie hatte ihre weiche Hand auf seine harten braunen Finger gelegt.

Es war, als versänke etwas in ihm, daß es ihn wie eine körperliche Schwäche überkam und ihm zugleich den heißen Blutstrom ins Gehirn trieb.

„Lars,“ sagte Herrn Asmussens wohlwollende Stimme, „Lars, min Jung’ -- bedenke, wie du vorher geredet hast, denk an die kleinen Leute, denke, wie ein Agitator in jeden Winkel kommt und alle Verhältnisse kennt. Welchen Einfluß wirst du haben, wieviel kannst du nützen?“

Einen Augenblick sah er von einem zum andern mit seinem blassen, unbeweglichen Gesicht. Er sah jetzt seiner Mutter ähnlich. -- „Leb wohl, Miete!“ sagte er.

Ihre Finger lagen noch immer weich auf seiner Hand. Jetzt lehnte sie sich an ihn, und ihre ganze Gestalt war sehnende Hingabe. „Lars, kannst du denn gar nichts für mich tun? Wenn du mir versprichst, dich zu uns zu halten, weiter gar nichts?“

Da faßte er sie plötzlich bei den Schultern und sah ihr ins Gesicht. Sie versuchte zu lächeln, aber sie konnte ihm nicht gerade in die Augen sehn. Etwas Unbestimmtes -- Verstecktes glitt über das helle, weiche Gesicht. -- „Jetzt weiß ich, daß du mich betrügen willst, Miete Asmussen, um mich einzufangen.“ Seine Stimme klang sehr hart. „Und Gott weiß, daß du stark bist!“ -- Er schob sie fort und wollte nach der Tür. Aber Miete beugte sich vor und sah ihm in die Augen, daß der Blick sich gleichsam in sein Innerstes wühlte.

„Du kommst wieder!“ flüsterte sie.

„Nein,“ sagte er.

Kapitel XIX

Das waren böse Tage, die nun für Lars Asmussen gekommen waren. Es lag alles im Trüben und hatte keinen rechten Sinn. Und er fühlte nur, daß es wund war in ihm. Aber da hatte ihm eines Tags Peter Lassen etwas erzählt, das brachte eine Weile so ein klares, ruhiges Fühlen in ihn, wie wenn Karen mit ihm redete.

Was Peter ihm aber erzählte, war so gekommen:

Peter kam einmal im Sonnenschein über die Koppeln. Er ging aufrecht und trat fest auf und pfiff laut und fröhlich. Peter war zufrieden mit dem frischen, starken Wind und vor allem mit Peter Lassen. Er rechnete den Verdienst der letzten Woche zusammen, und auch damit war er zufrieden.

Auf einmal blieb er vor dem Knickloch stehen und sah auf die Koppel dahinter.

„Jetzt schon Kühe!“ sagte er. „Hoekskoppel“ nickte er vor sich hin. „Da kriechen die Küken auch eher aus dem Ei als bei andern Leuten.“

Er wollte eben weitergehen, da trat ein Mädchen von der andern Seite auf die Koppel. Sie ging zu den Kühen hin und sah kein einziges Mal vom Boden auf. Und die feinen, starren Schlehdornzweige, mit den weißen Blüten, standen hoch gegen die milde blaue Luft und dahinter stand Peter und sah auf das Mädchen hin. Und Peter hatte lange aufgehört zu pfeifen und der zufriedene Schimmer war nicht mehr in den Augen, sondern ein unruhiges Licht war darin; fast gequält blickten sie zwischen den Blüten hindurch auf das Mädchen. Das hatte sich ganz ruhig auf den Melkschemel gesetzt und war bald fertig mit der ersten Kuh.

Da machte Peter eine Bewegung, als wollte er auf die Koppel steigen, aber er zog die Brauen zusammen und blieb, wo er war. -- Nun ging sie zur zweiten Kuh, aber Peter stand noch immer hinter den Schlehdornzweigen. Und das Gequälte in seinen Augen war noch stärker. Sie gab der letzten Kuh einen kleinen Stoß, daß sie weiter ging, und dann legte das Mädchen die Hände auf die Knie und den Kopf in die Hände und blieb so zusammengebeugt auf dem niederen Schemel, so wie zerdrückt von einer großen Last. Und der weiche Frühlingssonnenschein lag auf ihren hellen Haaren, daß sie gleißten, und über der Koppel lag der weiche warme Frühlingsfrieden.

Da seufzte Peter tief auf und trat auf die Koppel hinaus. Die Falte hatte er noch zwischen den Brauen, und in seinem aufrechten Gang lag es wie lauter Rechtlichkeit. -- „Guten Tag, Dora,“ sagte er.

Da sah sie schnell zu ihm auf, und das Blut stieg ihr bis an die Haarwurzeln. „Guten Tag, Peter Lassen,“ sagte sie leise.

„Eine schöne Kuh,“ sagte Peter und klopfte der Roten auf den Rücken.

Dora aber sah ihm ins Gesicht mit einer großen Bangigkeit in den Augen und sagte kein Wort. -- Da räusperte sich Peter und stützte sich mit dem Ellbogen gegen die Kuh. Aber er fand immer noch nicht die rechten Worte. Und hoch oben in der weichverschwimmenden Bläue zitterte die Luft vom hellen Lerchenjubel.

Da stand sie langsam auf und hob den Melkschemel vom Boden. „Dora,“ sagte Peter, „wart’ einmal. -- Dora, es ist dir nicht so gut gegangen, du hättest mal lieber auf mich hören sollen. -- Nun tust du das vielleicht eher, Dora,“ -- er holte tief Atem und dann hastig: „wir wollen uns doch lieber heiraten jetzt.“

Da kam es ganz anders, als Peter dachte. Dora hatte sich aufgerichtet. Und mit einem Male war es wieder die große Helle, die vor ihm stand. Aus den Augen blitzte und flackerte es. „Ja, du hast recht, mir ist das schlecht gegangen, Peter Lassen, und ich bin jetzt so eine, mit der niemand mehr viel Umstände macht. Aber so demütig bin ich dabei doch nicht geworden, Peter Lassen, daß ich jeden Gnadenbissen annehme, den du mir hinwirfst.“ Sie nahm ihren Schemel unter den Arm und ging, und ihr Rock streifte die blühenden Margueriten. Dann blieb sie stehn und rief über die Schulter: „Wenn du das nächste Mal mit mir sprichst, vergiß nicht, daß du mir etwas abzubitten hast, Peter Lassen.“

Dann war sie fort, und Peter starrte ihr nach. -- Er gab der Kuh einen zornigen Stoß und ging nach dem Fußsteig zurück. -- „Es ist gut,“ dachte er, „nun habe ich getan, was ich mußte. -- Die hätte nie zu unsereins gepaßt. Weiß Gott, was Mutter gesagt hätte -- und alle andern ordentlichen Leute. -- Bewahre, was hätte der rote Trollsen und der alte Mazen gelacht. Und die jungen dummen Henigsens hätten sich gefreut.“ Und Peter sagte sich immer wieder, wie gut es sich traf, daß Dora Nielsen so unvernünftig war. -- Aber er sah gar nicht vergnügt aus dabei, und alle Augenblicke blieb er stehen und sah sich um. Aber es war rein gar nichts zu sehn auf den sonnigen Koppeln, als nur glänzende rote Kühe.

Da ging er weiter, aber den Kopf hielt er ein wenig gebeugt.

Sie wußten nicht, was Peter hatte. Von denen zu Hause kam keiner mehr mit ihm zurecht. Er war viel schweigsamer als sonst, und wenn er sprach, war es, um irgend jemand anzufahren.

Lars rang und kämpfte selbst mit seiner großen Not. Aber er merkte doch, daß auf dem andern eine Last lag, und manchmal sah er ihn mit seinen tiefen Augen fragend an. Dann drehte Peter den Kopf zur Seite und begann zu pfeifen, aber er hörte bald wieder auf.

Und immer wieder sagte er sich, daß es gut wäre. Aber so wie die große Helle vor ihm gestanden hatte in der warmen Frühlingssonne, so stand sie ihm immer vor der Seele. Er wurde sie nicht los. Und er fing an, sich wieder und wieder die Worte zu sagen, die sie gesprochen hatte. Und er tat etwas, was Peter Lassen noch nie getan hatte, er versuchte, sich auszudenken, wie ihr zumute war, daß sie gerade diese Worte hätte sagen müssen, und ob sie Peter Lassen wohl nicht mehr leiden konnte. Und wenn er das dachte, dann zog sich sein Herz ganz fest zusammen, daß es war wie ein körperlicher Schmerz. Und auf einmal, an einem Sonntagmorgen, als er lange auf Klaas Klaaßens umgekehrtem Boot gesessen hatte und wunderliche neue Gedanken in ihm aufgedämmert waren und wieder versunken, da wußte er, wie Dora Nielsen zumute gewesen war, und Dora Nielsen tat ihm im innersten Herzen so bitter leid, daß er sich im Zorn mit der Faust aufs Knie schlug. Dann stand er auf und ging nach Hause.

Als ihn nach einer Weile die kleinere Schwester Lena fragte, wo er im guten Sonntagszeug hingehen wollte, fuhr er sie erschrecklich an und hätte sie beinahe geohrfeigt.

Auf dem Hoekhof fragte er mit bitterbösem Gesicht nach Dora Nielsen.

Die stattliche Hoektochter sah neugierig zum Fenster heraus, als er in den Kuhstall ging.

Dora war bei den Kälbern. Sie hatte etwas Weiches, Mütterliches, wie sie das trinkende Kalb streichelte. -- Sie fuhr so stark zusammen, als sie Peter erblickte, daß das Kalb zur Seite sprang.

Peter stand vor ihr und drehte an seiner Mütze. Er sah zur Seite, und es war etwas Jungenhaftes an dem großen Menschen. „Verzeih mir die Ohrfeige,“ brachte er endlich mit seiner tiefen Stimme heraus.

Dora sah ihn groß an, sie zitterte ein wenig. -- Da blickte er ihr fest ins Gesicht. Und in seinen guten Blauaugen stand etwas, daß Dora die Hände vors Gesicht schlug und laut aufweinte. „Ich bin’s nicht wert -- ich bin’s ja nicht wert,“ schluchzte sie.

Da fühlte sie seine starken Arme um ihren Leib, und nun wußte die große Helle, daß sie endlich nach Hause gefunden hatte.

* * *

Daß alles zwischen den beiden so gekommen war, dazu hatte Lars’ Erzählung damals im Boot mitgeholfen, das wußte er. Eine kurze Zeit war ihm der Gedanke eine Art Trost. Aber die Qual der Sehnsucht blieb. Da flüchtete er sich immer mehr in die Arbeit. Und es gab jetzt gerade genug zu tun für die beiden Jungen. Jeder hatte in seiner eigenen Heimhütte schon eine Weile den Alten mit eigenen Gedanken zugesehen.

Hans Peter Lassen hatte ein Magenleiden und saß verfallen und schweigsamer als je in seinem kleinen Hause. Und seine Frau jammerte laut. So mußte Großvater allein hinausgehen. Mühsam drehte der alte Mann mit seiner Winde das Netz herauf, und sein Fang war jämmerlich gering. Aber er wollte selbstverdientes Brot essen, und er klagte nicht, wenn er nach der Arbeit ganz matt in sich zusammensank. Den Frauen hatten Lars und Peter nur mürrisch kurze Antworten gegeben, wenn die darauf zu sprechen kommen wollten. Aber Lars und Peter kamen doch zusammen und berieten, was zu tun sei. Die Jungen waren sich einig, daß keiner von den beiden Alten bei der harten Winterarbeit mehr aushalten könnte. Da hatten sie ausgemacht, daß Lars und Peter jeder in einem eigenen Boote hinausgehen und einen Mann zur Hilfe mitnehmen sollte, und der hatte dann geringeren Anteil am Verdienst. Großvaters altes Winterboot war nicht mehr viel wert. So mußte im Sommer ein neues Boot gebaut werden.

Mit dem Aalfang war es in dieser Zeit überhaupt nicht gut gewesen, so daß sie oft an einem Tage zweimal hinausmußten. Und in den Stunden, wo sie sonst schliefen, stand Lars und zimmerte und hämmerte an dem neuen Boot. Und wenn die Späne flogen und die Säge ächzte oder der Hammer dröhnte, dann wurde ihm wohler. Und wenn das heiße Sehnen in ihm aufstieg wie ein körperlicher Schmerz, dann ließ er das Holz kreischen und dröhnen, und fort und fort sagten ihm die Töne dasselbe: frei wollte er bleiben und unabhängig von den behaglichen, satten Leuten dort oben. Nach +seiner+ Art, frei, frei. --

Als es gar zu lange währte, daß er sich nicht sehen ließ, kam Jakob Lind einmal den Strand entlang, wo Lars vor dem Feuer stand mit schwarzen Händen und beschmiertem Zeug.

„Die Arbeit ist der rechte Grund zum Bauen, hat Großvater gesagt, und da hat er recht. Laß mich man, Jakob Lind!“

Und Lars blieb bei seiner Arbeit und ging nicht zu Jakob Lind. Wenn er einmal einen Augenblick absetzen mußte nach stundenlangem Quälen und es war nicht gerade Schlafenszeit, dann stand er totstill am Ende des Ricks und sah ins Wasser. Aber dies einsame Sinnen mit der großen Qual im Herzen brachte ihn nicht vorwärts, sondern er saß im Nebel fest.

So kam wieder einmal ein Sonntag, aber er lastete grau und schwül über dem trägen, öligen Wasser.

Es war Trina Lassens freier Nachmittag gewesen, und sie trat aus der Haustür, um nach dem Flecken zurückzugehen.

Da sah sie Lars auf dem Rick stehen. Die reglose dunkle Gestalt vor der weiten, öden See hatte etwas Tieftrauriges für die Augen der kleinen Trina, denn sie wußte, wie es ihm im hohen grauen Hause ergangen war, und er tat ihr so leid, der starke, große Lars.

Schritt vor Schritt, als ob sie einen im Schlafe störe, ging sie zaghaft aufs Rick hinaus. Ganz leise, kaum hätte man es der Arbeitshand zugetraut, legte sie die Finger auf seinen Arm. „Lars, ich wollte bloß danken,“ sagte sie.

„Wofür?“ fragte er.

„Da drin sitzt Helle-Dora bei Peter, und sie sind so froh. Das hast du getan.“

Da sah er ihr mit sonderbarem Blick in die Augen. Dann strich er ihr freundlich über die Hand. „Du findest wohl das Rechte, Trina, Kind.“

Sie sah dankbar zu ihm auf.

„Ist es immer noch so schwer da drüben?“ fragte er.

„Es geht schon“, sagte sie.

„Und Miete -- hilft sie dir nicht?“ Seine Stimme klang fast hart.

„Sie kann wohl nicht,“ sagte Trina und sah zur Seite. Sie hatte den Kopf vorgebeugt, daß ein paar dunkle Haarsträhnen ihr über die Stirn hingen.

„Warum bleibst du denn dort?“

„Ich weiß nicht, aber es ist wohl überall schwer, und hier bin ich doch nah bei den Eltern. Sie sagen, in Hamburg oder so wäre es besser, aber ich fürchte mich.“

Da faßte er sie auf einmal bei der Hand. „Sieh mal, Trina, wir sind beide nicht so froh, und wir kennen uns von klein auf und könnten gewiß gut zusammen arbeiten, was meinst du, wollen wir’s nicht zusammen versuchen?“

Sie wurde flammend rot und dann wieder blaß und sah ihn an, als wenn er in fremder Sprache gesprochen hätte. Da fragte er noch einmal:

„Wollen wir uns heiraten, Klein-Trina?“

Da sah sie zu ihm auf mit hell strahlendem Glück in den Augen, daß er sie bei der Hand nahm und mit ihr zu Mutter Stina ging. Und sie merkte es gar nicht, daß er nicht so froh aussah. --

* * *