Part 7
Maurer Nissens Frau jammerte laut und aufgeregt. Jetzt packte sie Lars beim Arm: „Nu seh! Nu seh! Ach, mein Gott, da ist das Wasser halb die Stalltür herauf und das gute Schwein, das gute Schwein -- oha, oha! -- Kannst du’s nicht retten, Lars, mein Lieber? Ach, mein Gott!“
Lars hatte ein Kind auf dem Arm und zerrte eine Kuh hinter sich her. Er schüttelte den Kopf. „Soll ich denn wohl mitsamt Ihrem Schwein versaufen?“
Da stockte auf einmal Frau Nissens lautes Gejammer, und sie blieb stehen, wie angewurzelt.
„Na was nu?“ fragte Kords.
„Großvater ist noch drin!“
„Mensch, is sie verrückt?“
„Großvater is manchmal so bockig und kann nich hören, und er wollte nich aufbleiben mit uns und wachen. Und taub is er auch. Nu liegt er in der Dachkammer und schläft.“
Da fing sie laut an zu heulen.
Aber Lars war schon umgekehrt. Jetzt ging ihm das Wasser bis an die Hüften. Er wußte, wo dicht bei am Damm sonst ein Boot lag. Aber es war nicht leicht, sich zurechtzufinden in der heulenden Finsternis.
Und die schwarzen Arme zerrten und hielten, und die weißen Finger leckten hoch und immer höher. Da kam das Etwas aus der Tiefe seiner Seele heraufgequollen, was so weit unten im Grunde schlief und über dem das träumerische Wesen gebreitet lag, wie eine dichte Nebelschicht. Es war wie eine heiße Kraft und ein ganz unbändiges Wollen, daß er, den Kopf vorgestreckt, wie ein böser Stier gegen den wütenden, schreienden Sturm und die schwarzen Arme rang.
Jetzt brüllte sie ihm das alte Lied in die Ohren, das er als kleines Kind schon gehört: „Mein bist du!“
Aber sein Manneswillen war stärker als sie.
Und jetzt hatte er es erreicht.
Er schwang sich hinein und schnitt die Stricke los. Aber um Gottes willen die Riemen!
Es waren keine Riemen in dem Boot.
Er tastete mit der Hand. Eine Stange lag unten am Boden. So mußte er denn staken.
Das ging nicht gut, denn das Wasser stieg und stieg, und der Wind war stark.
Wie er näher zum Hause kam, hörte er die jammernde Stimme des Alten. Er wollte ihm zuschreien, daß Hilfe kam, aber ihm fiel ein, daß Großvater taub war.
Schon stand das Wasser bis ans Dach. Großvater sah zur Luke heraus und jammerte laut.
„Gammel[3] Nissen! Großvater!“ schrie Lars und hielt sich am Dachrand fest. Aber der Alte sah in die Finsternis und jammerte fort.
Da nahm Lars seine Stange und stieß nach der Luke.
Das half.
Ein gurgelndes Lallen der Freude klang herunter. Er hielt die Stange oben fest und tastete damit im Boot herum. Aber er schien noch nicht ganz beruhigt, ging murmelnd in die Kammer zurück und zündete ein Licht an.
„Schnell, schnell!“ schrie Lars hinauf.
Gammel Nissen leuchtete zum Fenster heraus. „Puh“ sagte der Wind. Da war es dunkel. Aber er hatte doch genug gesehn.
So laut, als sei Lars selbst taub, brüllte er hinunter. Dann kam er über das Dach gerutscht.
Mit dem einen Arm fing ihn Lars auf und setzte ihn ins Boot. -- Dann riß er ein paar Duchten heraus. Die eine drückte er dem Alten in die Hand, die andere nahm er selbst. So ruderten sie mühselig vorwärts. Zuweilen stakte er.
Und endlich hatten sie die andern erreicht.
Er ging nicht mit, um trockenes Zeug anzuziehn. Er stürzte nur einen Schnaps hinunter, den sie ihm boten. Dann stürmte er nach Hause. Aber als er bei Onkel Gusts Hause vorbei lief, kam der gerade gemächlich die Straße herauf. „Lars,“ rief er, „halt, Lars, wo willst du hin in dem nassen Zeug? Komm herauf, ich hab’ gehört, du hast dich ja großartig gemacht da beim Dammbruch. Du kannst trocknes Zeug von mir kriegen, komm nur!“
Lars war einen Augenblick mit finsterm Gesicht stehn geblieben; nun drehte er sich ohne Wort herum und lief weiter.
„Wohin rennst du bloß?“ rief Onkel Gust.
Da rief er über die Schulter: „Dahin, wo ich hingehöre, nach Hause. Ich muß sehn, wie es dort steht. Hier wohne ich nicht!“
Onkel Gust starrte ihm nach. Dann schüttelte er den Kopf, und dann lächelte er. Und so trat er gemächlich in seine Haustür, und der warme Lichtschein fiel auf die Straße. --
[3] alter.
Kapitel XVI
Lars war noch einsilbiger nach der Sturmnacht. Als er sie da behaglich im warmen Wirtshauslicht hatte sitzen sehn, die ehrbar satten Bürgersleute, da hatte es mitten in der heulenden Dunkelheit um ihn wie in grellem Licht gestanden. „Da gehörst du nicht hin.“ Darum arbeitete er zu Hause jetzt hart, und zu Onkel Gust ging er nicht. Lars hatte Arbeit, denn das Wasser hatte viel zerstört, wenn auch der Strohdachhütte selbst nichts geschehen war.
Aber das Sehnen war schrecklich. Denn alles Denken und Träumen in ihm hatte jetzt den einzigen Weg genommen hin zu dem feinen, blonden Mädchen. Nur sie sah er, wenn er an den Riemen zog und über die See blickte. Nur nach ihr griff er, wenn er ins braune Netzwerk faßte. Sie quälte ihn, daß er nach der schweren Arbeit Stunde um Stunde wach lag in der dunklen Nacht. Aber doch, er gehörte zu den schlichten, kleinen Leuten und ihrer Not.
Und er ging nicht in den Flecken.
Da kam eine Postkarte von Miete, darauf stand: „Du willst es also nicht tun. Deine Marie Asmussen.“ Da kämpfte er ein paar Tage mit sich, dann hielt er es nicht mehr aus. Er wollte nur sehen, was sie eigentlich von ihm wollte, -- sagte er sich. Und Sonntag nachmittag ging er doch hinauf.
Ganz steif und feierlich kam er die Treppe herauf. Als er in der Vorderstube Stimmen hörte, machte er die Tür zur Nebenstube auf. Miete deckte dort mit Trina den Tisch.
Miete war es, als füllte seine große Gestalt das ganze Zimmer, und sein widerspenstiger Ernst schüchterte sie beinah ein. Aber sie tat, als sei er gestern erst hier gewesen, und lachte ihn lustig an. Als er Trina die Hand gab, traf es ihn wie ein höhnischer Blitz seitwärts von Mietes hübschen Augen. Dann setzte er sich langsam und folgte ihr mit den Blicken, wie sie mit ihrem leichten, sichern Bewegen die blinkernden Dinge auf das weiße Leintuch setzte und der rötliche Lampenschein und der dunkle Schatten über sie hin und her glitten. Seine Blicke trieben ihr das Blut in die Backen. „Rate, wer dort drin ist!“ sagte sie.
„Wie soll ich das wissen?“
„Hast du nicht gehört, daß wir in Aalby einen neuen Lehrer haben?“
„Was geht der mich an, die Fische kann ich doch nicht in die Schule schicken.“
„Du sollst ihn aber sehen!“
„Herr Lehrer!“
„Miete, bist du verrückt?“
Da trat der Lehrer wirklich in die Tür, und Lars mußte wieder aufstehen langsam und widerwillig. -- Es war ein schmächtiger Mann mit einem braunen Vollbart. Und nun trat er vor Lars hin, und er lachte dabei.
Da erkannte der ihn an den Augen. „Jakob Lind!“ rief er. Dann wurde er gleich wieder steif und dachte daran, daß er nur ein Fischer geblieben war.
Aber Jakob Lind hatte die schwere Arbeitshand gefaßt und schüttelte sie. „Du dummer Kerl!“ sagte er, und Lars sah, daß Jakob immer noch die guten, geraden Augen hatte. Da taute er langsam auf, und beim Abendbrot kamen sie allmählich auf die alten Geschichten, und der dicke Aage und der laute Herr Braun mit der goldenen Brille und Hans Todtsen mit seinen großen Worten, sie mußten alle heran, und Lars hatte fast ganz vergessen, wo er war, und hatte laut mitgelacht über die alten Geschichten.
Als das Essen zu Ende war und der blaue Zigarrenqualm um die Hängelampe zog, hatte Jakob Lars gebeten, mit ihm zu gehen.
Da sah Lars von der Seite auf den hellen Kopf, der neben ihm über die feine Stickerei gebeugt war. „Geh doch mit ihm!“ sagte Miete Asmussen.
Da stand er auf und trat mit Jakob aus dem Hause.
Es war eine milde Nacht für den beginnenden Winter. Durch die grauen Wolken drang ein verschwommenes, bleiches Schimmern, und von Zeit zu Zeit ward die gelbe Mondscheibe sichtbar. Die kahlen Zweige ragten wie angstvoll gespreizte Finger. Und hier und da schrie eine Eule in ödem Klageton nach dem Genossen.
Wie ins Unendliche hinein dehnten sich die kahlen Felder. Vor ihnen lag wie ein massiger, schwarzer Klumpen der Wald. Am Wege standen nur hier und da einsam ragende, schwarze Bäume. Manchmal rieben sich die dürren Zweigenden raschelnd, oder ein Nachtvogel flog mit schwer klappendem Flügelschlag in das weite Dunkel hinaus.
Es war wie ein Warten in der Luft auf ein wunderlich Verborgenes. Als müsse das Wort zu finden sein, mit dem die heimlichen Tiefen sich aufschließen und man hineinblickt in den Wurzelgrund des Seins.
So eine Nacht war es, die den Menschen aus sich heraushebt, daß er seines kleinen Selbst vergißt.
Die zwei Männer hatten sich viel zu sagen. Es waren nicht nur die alten Erinnerungen, es war noch ein anderes, das sie zusammenzog. -- Wer kann den Finger auf die Stelle der Seele legen, aus der es aufklingt wie tiefer Glockenton und das Echo aus der anderen Seele weckt?
Sie wußten es auch nicht, was die Dinge aus ihrer Seele heraufrief, die sonst schweigend im Unbewußten ruhten.
Sie fingen an und erzählten von den vergangenen Jahren, so gut sie konnten; denn sie waren beide langsame Menschen, und ihr Denken und Grübeln lag oft tief, ihnen selbst fast verborgen.
Jakob hatte sich mühsam mit seinen geringen Mitteln bis zur Universität gearbeitet. Als er erst wenige Semester dort war, starb sein Vater, und es galt, schnell Geld verdienen für die Mutter und die kleinen Geschwister; denn sie waren sehr arme Leute.
„Da bin ich Lehrer geworden,“ sagte er.
Dann war er still, und Lars hörte, wie es in den trockenen Buchenblättern klappernd raschelte.
„Aber es ist mir gar nicht so schwer geworden,“ fing er dann wieder an. „Weißt du, Lars, das ist so: erst kommen sie da mit tausend Fragen und Meinungen, und man wird ganz wirr, und die ganze Welt ist zuletzt schwarz und tot und gibt auf nichts mehr Antwort. Und wenn man dann still ist und die Augen aufmacht, dann wächst es doch wieder wie ein Licht aus dem Finstern.
Und das schien mir immer das Herrlichste, von +dem+ Licht den armen, geplagten Menschen hintragen zu dürfen. Aber daraus ein Amt zu machen mit Regeln und Würden, das war mir ganz zuwider. Und da ist es mir ganz recht, daß ich nur ein Schulmeister geworden bin.“
Das konnte Lars wohl verstehen, und dann fing Jakob an und fragte ihn, wie es bei ihm gewesen war mit dem schlichten Arbeiterleben. Und allmählich kam Lars in das Erzählen, und Jakob erfuhr von den ersten harten Arbeitsjahren und vom ersten jungen Stolz beim Bauen der eigenen Boote und von den Jahren als Soldat und der Möglichkeit, heraufzukommen. Aber immer wieder klang es durch, daß er frei sein wolle und bleiben wolle, so wie es ihm selbst gefiel.
Und dann schwiegen sie wieder, und sie hörten den Klang ihrer eigenen Füße auf der harten Straße und hörten vom nahen Wald ein Käuzchen schreien, und im trüben Mondgedämmer lag rings wie in heimlichen Schleiern das weite Land.
Lars wußte selbst nicht, wie es geschah, aber in der wunderlichen Nachtstille trotz all der heißen, wühlenden Unrast in seiner Seele fühlte er doch wieder das Sehnen nach etwas Besserem aus dem Grunde aufsteigen, und mit knappen, halb verständlichen Worten sagte er Jakob auch von dem.
„Ja,“ sagte da Jakob Lind, „es war ein alter Professor an der Universität, der war uns Jungen ein lieber Freund. Den fragte ich mal so was Ähnliches. ‚Den Drang haltet nur wach,‘ sagte der. ‚Der lügt euch nie. Die Arbeit kommt von selbst, wenn ihr reif seid. Vielleicht daß ihr sie tut, ohne daß ihrs selber wißt.‘“
„Das hätte Großvater wohl ähnlich denken können,“ meinte Lars.
Sie waren zusammen bis Aalby gewandert.
„Nun mußt du mit hereinkommen und meine Frau sehen,“ sagte Jakob.
Sie standen vor dem niederen, grünumwachsenen Hause. Lars blieb scheu zurück. Aber Jakob trat in den Flur, und dann klinkte er gleich die Tür zur Wohnstube auf, und eine behagliche Flut von Licht und Wärme wallte Lars entgegen. Er sah in die lange Stube hinein. Hinten am Tisch im warmen Lampenschein saß eine runde, frische, junge Frau über die große Näharbeit gebeugt, und ein großes, blondes Mädchen saß geradeüber.
Als Jakob eintrat, sprang die Frau auf und gleich an seinen Hals. -- „Endlich!“ rief sie, und ihre Stimme hatte einen hellen, warmen Klang. „Wir haben schon so lange gewartet!“
Lars war im Halbdunkel bei der Tür stehn geblieben und drehte an seiner Mütze.
Da wandte sie sich zu ihm. „Ist das Lars?“ fragte sie und faßte ihn gleich bei der Hand. Da wurde ihm ein wenig behaglicher zumute. „Karen und ich haben schon gedacht, ob du ihn mitbringst.“
Lars sah auf die andere. Die war hoch gewachsen und stand da sehr still, und ihre hellen Augen sahen prüfend tief in ihn hinein, daß es ihm fast wieder unbehaglich wurde bei dem forschend ernsten Blick. Aber die kleine Frau Lind ließ ihm keine Zeit dazu. Sie zog ihn an den Tisch, und er mußte sich zwischen sie und Jakob setzen in den traulichen Lampenschein. Sie fragte ihn über die Schuljahre mit Jakob aus. So etwas war ihm noch nie begegnet, wie die freundliche Art der kleinen Frau Lind mit ihrer fröhlich schwatzenden Munterkeit. Und dazwischen kamen Jakobs verständige Worte, die so klangen, als ob sie einen Luftzug aus der fernen, versunkenen Welt des Wissens und Forschens herüber brächten.
Erst war es, als passe Lars nicht recht da auf den Lehnstuhl zwischen die beiden Lehrersleute mit seinen großen, verarbeiteten Gliedern, dann aber setzte er sich ordentlich behaglich zurecht, er wußte selbst nicht warum. Ohne daß er es ahnte, war sacht eine Tür in seiner Seele aufgegangen. Wenn er jetzt aufsah, dann traf er den ernsten, prüfenden Blick des blonden Mädchens. Aber die forschenden Augen waren ihm nun nicht mehr unbehaglich. Dies klare Schauen gehörte wohl mit zu der lebendig-fröhlichen Wärme, wie sie hier im Schulhaus wohnte.
Und als Lars endlich über die dunklen Koppeln nach Hause ging, da war etwas Fröhliches in ihm, was er sonst nicht kannte.
Kapitel XVII
Das Gespräch mit Jakob Lind hatte Lars zu denken gegeben. Woher hatte er denn das Recht, von sich zu glauben, daß er etwas leisten könnte im Leben? Er war am Ende zu weiter nichts da, als zum Fische fangen und so ein feines, blondes Mädchen, wie diese kleine Miete, ganz fest in seinen Armen zu halten. Sonst würde er doch stark und fest auf seinem Wege geblieben sein und nicht ihrem ersten Rufe gefolgt sein, zurück zu den behaglichen Leuten, zu denen er nicht gehörte. Er wußte ja noch immer nicht, was sie von ihm wollte. Und dann stieg es ganz leise in ihm auf: -- er wußte es doch -- längst wußte er, was sie von ihm wollte. Sie wollte ihn ganz sachte wieder zurückziehen in ihre Kreise. Und wie ihm bei dem Gedanken ein Unbehagen aufsteigen wollte, da stand auch gleich der andere Gedanke daneben: Das tat sie ja nur, weil sie ihn liebte! Ganz gewiß, sie liebte ihn. Er hatte es in ihren Augen gesehen, und er fühlte es in ihrer warmen Nähe. Sie sehnte sich nach seinen Armen, wie er sich sehnte, sie da an seiner Brust zu halten. Und dann kam es wie eine heiße Welle, daß er nicht mehr sinnend darüber grübeln konnte und nur das eine fühlte, er mußte -- er mußte sie erst an sich reißen; dann wollte er weiter denken und kämpfen.
Aber wenn Lars auch im wilden Strudel der Leidenschaft nur sein heißes Verlangen und daneben seine willenlose Ohnmacht empfand, so saß doch tief im Grunde seines Wesens ihm selbst unbewußt die stille Kraft. Im sparsamen Haushalt der großen Ordnung durfte die Kraft nicht nutzlos verdämmern. Darum stand das Leben selbst auf, um den schlafenden Lars aufzuschütteln.
Bald darauf war Sonntag, und Lars kam in der Dämmerung in das hohe, graue Haus.
Er fand Miete wieder allein am Fensterplatz. Da tat sein Herz gleichsam einen hohen Sprung und blieb dann einen Augenblick stehen.
Sein Reden war zuerst ein wenig atemlos, als er sich zu ihr setzte. Aber sie sprach auch nicht viel und träumte, zurückgelehnt, in den grauen Abend hinaus, und es war wie eine Schwüle in dem Zimmer. Sie trug eine weiche Bluse, die schmiegte sich um die jungen, schlanken Formen, und die Hände hatte sie hinter dem Kopf verschränkt.
Von Zeit zu Zeit sagte eines ein paar Worte mit halber Stimme und ohne rechten Sinn. Und was sie in Wahrheit miteinander redeten, das sprachen sie nicht mit Worten.
Sie wußten nachher beide nicht, wie es geschehen war, daß sein Arm sie umschlungen hielt und sie zu ihm hingeglitten war, bis ihr Kopf auf seiner Schulter lag. Es war fast dunkel in der Stube, und als sein Mund ihre weichen Lippen fand, da war es, als höbe sich die ganze Welt um ihn her in heißen Wogen und schlüge über ihm zusammen, und er versänke im glühenden Taumel. --
Sie fuhren auseinander, als Tante Jette mit der Lampe kam.
Aber dann ging er bald, denn er fühlte, daß er seiner selbst nicht mächtig war.
Unten stand Trina auf einem Stuhl und zündete die Flurlampe an.
Er sah sie gar nicht. Sein innerstes Wesen zitterte noch in heißer Wonne. Er klinkte schon die Haustür auf.
„Lars,“ klang es da leise und bittend hinter ihm. Er wandte sich und sah mit leerem, verständnislosem Blick in die ernsten, bittenden Augen.
„Ach, Lars, ich weiß ja gar nicht mehr -- es ist doch so schrecklich. Kannst du denn nicht helfen -- ich -- ich“ -- da brach sie plötzlich ab. „Du hörst mich ja gar nicht, Lars.“
Das klang gar nicht wie Klein-Trinas Stimme, so verwundert und vorwurfsvoll. Aber es drang bis zu Lars’ Seele, und mit einem verzweifelten Ruck holte er sie aus blütenschwerdunstigen Fernen zurück. -- Helfen? hatte sie gesagt, und er sah wieder die Augen mit der großen Not. -- „So, so, Klein-Trina, hab’ keine Angst, nun höre ich ja, sag nur alles!“
Da sah sie herauf in die wechselfarbigen Augen, die so aussahen wie die See, und erkannte wieder den warmen, ernsten Blick und sah noch ein anderes, ihrer Not Verwandtes, etwas, das aussah wie Leid und Kampf. -- Und es war zu viel für Klein-Trina gewesen. -- Sie mußte jemand haben, der mit ihr trug. Und da sagte sie ihm alles: er hatte sich auf die Treppenstufen gesetzt, und sie stand vor ihm, und von Zeit zu Zeit nahm sie die Schürze vor das Gesicht. „Sag’ nur immer los,“ sagte er dann ermunternd oder fast ungeduldig. „Weiter, weiter.“ So erfuhr er es von Trina Lassens schwerem Kampf in all den langen Jahren mit Onkel Gust und von dem Mißtrauen der Tante Jette, und wie schwer es gehalten hatte, rein und ordentlich zu bleiben. Aber andere, wie die arme Dora Nielsen, hatten es noch schwerer gehabt. Sie hatte keine Eltern und keine einzige Seele, die ihr half. Peter zum Trotz war sie damals Meiereimädchen geworden. Und dann war es eben so gekommen mit ihr wie mit den andern Mädchen dort, und nun warfen die Leute mit Steinen nach ihr. Aber das mochte ja wohl so sein, wenn man eine Schuld begangen hatte, daß man dafür büßen müßte. Aber dann den andern nicht helfen zu können, die man lieb hatte, das war hart. Doras kleine Geschwister, die hatten es sehr schlecht. Der kleine Bruder, das arme Kind, kriegte nicht satt zu essen, weil der Armenrat ihn zu den ärmsten Leuten im Flecken gegeben hatte mit seinem kärglichen Kostgeld. Aber das Schlimmste hatten sie mit der kleinen Schwester getan. Das hübsche Mädchen hatten sie zu Kajens gegeben, und Lars wußte ja wohl, was Kajens für Leute waren, und was das Kind da zu sehen kriegte. Aber wenn Dora bat und weinte, dann lachte Herr Asmussen und die andern Herrn vom Armenrat und neckten sie, daß sie fortlief in ihrer Not und Scham. Wenn es nicht um der Kinder willen gewesen wäre, hätte sie sich am Ende schon ein Leid angetan.
Wie Trina erzählte, da wurden Lars’ Augen dunkel im Zorn, und wie sie ihre Hand auf seinen Ärmel legte, „Lars, lieber Lars, hilf wenigstens den beiden Nielsenkindern, -- und Dora, kannst du ihr nicht helfen?“ Da stand er auf, langsam, als habe sie ihm eine Last aufgelegt. „Ich verspreche dir, Trina, ich will tun, was ich kann.“ --
* * *
Bei Klaas Klaaßen in der Nebenstube stand neben dem Spinnrad ein Webstuhl. Der hatte der alten Stine-Marie gehört. Aber Mutter Stina hatte auch weben gelernt. Wenn die Männer auf See waren, klang der rasselnde, klappernde Ton durchs Haus. Aber in dieser Zeit stockte er manchmal eine ganze Weile, eh er dann mit doppelter Macht einsetzte. Dann stand Mutter Stina, stützte die Hände auf den Webstuhl und sah lange still vor sich hin. Und es war eine Trauer in dem stillen Gesicht.
Sie sah es nun schon viele Tage, und sie durfte doch nicht danach fragen. Aber wenn Lars sich quälte, dann quälte sich Mutter Stina mit.
Er blieb fast keinen Augenblick im Hause, und er sprach auch kein Wort mit ihnen. Aber zu Onkel Gust ging er auch nicht oder zu Jakob Lind. Wenn er nicht arbeitete, stand er auf dem Rick und sah ins Wasser, und wenn er in die Stube kam, dann saß es in seinen Augen wie damals im Anfang, als er die Schmerzen im Rücken und in den Händen verschwieg, -- nur noch viel dunkler im Schmerz saß der Blick, und eine Unruhe war dabei.
So stand die Sorge eine lange Zeit in Mutter Stinas Augen geschrieben.
Da war einen Tag Jakob Lind in das Fischerhaus gekommen und hatte sich gleich auf den alten Platz wie in früherer Zeit gesetzt und hatte sich durchaus nicht zum guten Stuhl überreden lassen. Und Jakob Lind hatte gefühlt, daß da irgend etwas nicht in der rechten Ordnung war wie in alter Zeit. Aber Jakob wollte gern alles hell haben um sich herum. Und er hatte gesehen, daß die dunkelste Wolke auf Lars’ Stirn saß, der da an der Wand lehnte, ganz ohne zu reden, mit dem großen Blick zum Fenster hinaus über die Weite.
Da nahm er ihn für den Abend einfach mit nach Aalby. Und nachdem ging Lars da öfter hin, wenn er Zeit hatte. Und es war sonderbar, er hatte Jakob Lind kein Wort von dem wirren Durcheinander erzählt, das sich nicht ordnen lassen wollte in seiner Seele. Aber zwischen den klaren, fröhlichen Augen im Schulhause wurde auch das trübe Gewoge stiller, daß er den Weg, den er gehen mußte, klar und unerbittlich vor sich sah.
In dieser Zeit sprach er auch wohl mit Jakob von seinem Zorn über den Zwang, der von allen Seiten am kleinen Manne schob und drängte, daß er in seiner Unruhe nicht mehr wußte wohin.
„Ja,“ sagte Jakob, „wenn sie auch satt und gut zu essen haben, sie kommen nicht zur Ruhe, und hier bei uns fängt ein Teil des Kampfes erst an. Aber es ist auch wieder schön, Lars, so ein Drängen und Werden. Und in unserer Zeit redet gerade das Werdende das größte Wort. Du solltest es nur hören, Lars, auf den Universitäten und überall, wo die Leute wach und lebendig sind. -- Das ist ein Bewegen nach vorwärts. In der Kunst brechen sie neue Bahnen und in der Wissenschaft, und es weht frische Luft überall. Es wird auch das „Zeitalter des Kindes“ genannt, weil so viel Denken und Sorgen für das kommende Geschlecht wohl früher niemals gewesen ist. Und weißt du, Lars, der Arbeiter, der ist auch noch ein Kind; ihm gehört die Zukunft, darum ist es eben sein Zeitalter jetzt.“
„Ja, das ist wohl eine schöne Zeit, Jakob,“ sagte Lars und sah vor sich hin. „Aber gerade darum möchte man doch auch selber mit Hand anlegen.“
Aber Jakobs freie Zeit war nicht immer dieselbe wie bei Lars. Und wenn er fort mußte, dann saß Lars manchmal noch eine kleine Weile gemütlich bei der lustigen, runden Frau Lind, oder die junge Stütze setzte sich einen Augenblick mit ihrer Arbeit zu ihm. Sie sprachen beide nicht viel, aber sie verstanden sich gut. Und wenn Karen ihn mit ihren weiten, klaren Augen ansah, war es, als klänge ihm endlich nach langer Unrast sein eigenster Ton klar und fast feierlich in der Seele auf. Er verstand das aber selber nicht. Er wußte nur, daß ihm wieder klar und ruhig zumute wurde.
Wenn er den Fußweg durch die Felder nach Hause schritt, dann stand Karen oft an ihrem Kammerfenster und sah ihm nach. Und nach einer Weile seufzte sie auf, zog dann aber fast ärgerlich die Stirne kraus und ging an ihre Arbeit. Aber von dem allen wußte er nichts.