Durch den Nebel: Roman

Part 6

Chapter 63,959 wordsPublic domain

Und Lars und Peter wußten es, daß sie ordentliche Menschen waren. Und sie trugen den Kopf hoch und steif. Lars vergaß es manchmal über all seinen krausen, grübelnden Gedanken, aber bei Peter war das Bewußtsein eigentlich immer gegenwärtig. Das gab ihm etwas Sicheres, Zufriedenes und seinen Augen ein fröhliches Licht. Nur ganz selten kamen wohl aus der Rumpelkammer von Peters Herzen Erinnerungen herauf an etwas Helles, das in sein Leben hereinfiel wie Sonnenlicht. Dann wurde er mürrisch, und sein großartiges Wesen war herausfordernd und verletzend.

Peter und Lars waren auch selten mit andern jungen Leuten zusammen. Aber wenn bei Hans Peter Lassen die Fischer von Wanbyll saßen, dann kamen die zwei mit ernsten Gesichtern und gesellten sich dazu.

Zwei von den Fischern waren ältere Männer. Kords, der dritte, war noch jung, aber so gut wie ein Krüppel. Beim Netzeinziehen hatte er einen Seeteufel mit der Hand gefaßt. Da war eine böse Vergiftung entstanden, und der Arm blieb gelähmt. Dem Fischer kam nur die Unfallversicherung nach dem landläufigen Tagelohn zu, und die war gering. Kords hatte etwas Finsteres, als wäre er immer in Zorn. Das kam, weil er mit der Frau und den vielen kleinen Kindern im Elend saß.

Auch die beiden andern Fischer gehörten zu den Unzufriedenen.

Vom roten Trollsen sagte Peter lachend: „Der hat sein Geld versoffen, und nun schimpft er.“

Maszen aber mit den verkniffenen Zwinkeraugen und dem borstigen Graubart hatte das Schimpfen ebenso an sich wie das gute Rechnen. Und auf dem Gebiet hatten sich die aus Wanbyll mit Hans Peter Lassen zusammengefunden, denn Hans Peter sah auf sein Geld.

Aber Lars hatte einen andern Grund, wenn er sich in Hans Peter Lassens Hütte setzte und still zuhörte, wenn die aus Wanbyll sprachen, oder immer wieder zu fragen hatte.

Als Junge hatte es ihm immer schön geschienen, was die Wanbyller wollten. Alles sollte so eingerichtet werden, daß die Arbeit zu ihrem Rechte kam in der Welt, und keiner es besser hätte als der andere. Und alle wollten sie zusammenhalten bis in den Tod. Aber seit er in die Welt herausgekommen war, da war er mißtrauisch geworden. Der Zwang und das Dreinreden waren ihm einmal zuwider. Beim Militär war es ihm auch schon verhaßt gewesen. Aber das hatte er nun verstanden, daß die Leute da sein mußten, um das Vaterland zu beschützen. Auch merkte er wohl, wie die stramme Zucht eine harte, feste Männlichkeit in ihm aufgezogen hatte. Das andere aber verstand er nicht, darum mißtraute er dem. Er las jetzt viel in den Zeitungen, und ihm schien das, was die Führer der Genossen sagten, gar nicht so recht nach dem zu klingen, was er sich gedacht hatte. Es kam ihm so unvernünftig vor, und als suchten sie ihren eigenen Vorteil. Eben, wie Großvater sagte, sie machten zu viel Spektakel. Und nun suchte er von denen aus Wanbyll mehr zu erfahren. Aber die schimpften wohl einmal mächtig los auf alles, wie es jetzt war. Aber so ganz verstanden hatten sie es nicht, wie es werden sollte, und Lars kriegte von ihnen überhaupt keinen rechten Bescheid. -- Da wurde er immer stiller und merkte wohl, daß er sich solche Dinge alle selbst herausgrübeln müßte. Und er kam auch seltener in Hans Peters Haus, wenn die Männer aus Wanbyll da waren, sondern hielt sich nun noch mehr allein. Und Hans Peter war zufrieden, wenn Lars fortblieb, denn das, worüber der sprach, hatte für Hans Peter Lassen kein Interesse. Er redete über Fische und Fischpreise, und Jung-Peter hatte da auch viel zu sagen.

Jung-Peter arbeitete gern einmal hart, wenn ein guter Verdienst in Aussicht stand. Aber das taten sie auch wohl in der andern Hütte. Klaas Klaaßen war für das Anpacken und Sparen. Und trotz des schlechten Winters gelang es den beiden Jungen, ein wenig Geld zurückzulegen.

So verging Lars der Winter in einsamem Grübeln und harter Arbeit.

Kapitel XIV

Nun war endlich der Frühling wieder in das nordische Land gekommen. Unversehens zwischen den Sträuchern oder unter einem Knicktor stieg ein schweres süßes Düften herauf, das in den Menschen hineintastete wie unbewußtes Sehnen. Und im Holz die feinen jungen Buchenblätter strömten ihren weichen, süßen Atem in die Abendluft. Es war ein stiller, grauer Tag gewesen, und nur ein weiches, rötliches Scheinen kam vom Westen. Die junge Wintersaat wogte ganz heimlich, als Lars über die Koppel ging. Am Waldrand blieb er stehn und atmete den starken Jelängerjelieberduft. -- Nun es ringsum aufstieg und wuchs aus den dunklen Gründen, wie nicht zu dämmende Kräfte, da war auch in ihm wieder der Drang nach etwas Fernem, Besserem erwacht und war fast zur Qual angewachsen. Er sah über die weiten Koppelflächen hin in ihrem zarten, milden Grün und hinab auf die stille, strahlende Fläche, wie sie weich gebettet lag zwischen den breiten Hügeln bis dort, wo sich das ferne Ufer im stillen, lichten Grunde widerspiegelte. Und wie eine Sehnsucht reiste sein Blick hinaus, wo am fernen Horizonte Himmel und Meer sich küßten.

Aber die Amsel aus der schimmerigen Waldestiefe wußte mit ihren langgezogenen Tönen mehr von der drängenden Qual zu sagen als er. Er ahnte kaum, warum er stand und in die Weite sah. Die Heimatschönheit war ihm nur halbbewußt, und auch sie legte sich auf ihn wie eine Last und wie ein sehnender Drang.

Ohne daß er darauf acht hatte, klang aus dem bläulichen Wunderdämmern zwischen den stillen, grauen Stämmen näher und näher kommend sachtes Blätterrascheln und leises Knacken trockener Zweige wie von Tritten. Und die sehnsüchtigen Vogelstimmen klangen dazwischen, und wieder lauter und näher kamen die Tritte.

Und dann hatte ihn der Ton endlich aufgeweckt. Er wandte den Kopf und sah scharf in die frühlingsflimmrige Dämmerung hinein. Da schimmerte ein helles Kleid aus der Tiefe. Und jetzt stand jemand am weißen Knicktor und spähte nach ihm hin. Und das lichte, junge Blattgewebe war rings um die feine, helle Gestalt, und der Kopf mit dem weichen Blondhaar hob sich vom dämmerigen Waldgrund.

Er rührte sich nicht und sah darauf hin, eine wache Frage in den Augen, bis er ihrem lachenden Blick begegnete.

Da wandte er sich herum.

„Miete,“ rief er. Dann fiel ihm gleich alles ein, was gewesen war, und seine hart gewordene Arbeitshand. Und die Unbeholfenheit kam über ihn, daß er langsam herantrat und ihr linkisch die Hand reichte. Aber ihr helles Lachen, wie frohes Wasserplätschern, half ihm wieder zurecht, und in seiner ganzen neugewonnenen Männlichkeit, ein wenig gütig und ein wenig unbeholfen, begann er mit ihr zu reden, und hier und da sah er scheu in die lachenden Augen hinein. Sie aber sah an der großen, starken Mannesgestalt hinauf, und das Blut stieg unter die feine weiße Haut.

Sie mußte ihn erst bitten, daß er mit ihr käme, dann ging er neben ihr, so als erweise er ihr eine Gunst.

Sie kam vom Hoekhof und war auf dem Heimweg.

Und wie sie zusammen über die Koppeln wanderten, war die düfteschwere Dämmerung rings um sie her mit ihrem wunderlichen, grünschimmerigen Licht. Und Lars sah auf den hellen Kopf neben sich und sah die weichgeformte Backe, in der das Blut unter der zarten Haut zu wogen schien. Und von Zeit zu Zeit traf ihn ein lachender Blick von der Seite wie ein warmes Geheimnis. Sie redeten dies und das, und allmählich vergaß er alles andere über der schlanken, lichten Gestalt im grünlichen Schimmerlicht und der lachenden Stimme und den lachenden heimlichen Blicken. Leise wogte das junge Korn, und durch die unsägliche Stille fielen wie goldiges Rinnen sehnsüchtige Vogelstimmen.

Und auf einmal standen sie zusammen vor dem grauen Hause, und überall die Straße entlang aus den niedrigen Fenstern blinkte traulicher Lichtschein in die Dämmerung heraus.

Er fuhr fast zusammen, so erschrocken war er, und wußte durchaus nicht, wie es hatte geschehen können, daß er bis hierher mitgekommen war. Er griff aber eilig nach der Mütze und wollte fort.

Aber sie packte lachend seinen Ärmel. „Vater,“ rief sie, „Mama!“

Zwischen dem Blattgewirr der Laube spielten wunderliche Lichter und Schatten und malten große unheimliche Gebilde auf den Rasen. In der Laube saßen Onkel Gust und Tante Jette bei der Lampe.

Jetzt kamen sie.

Es mutete Lars sonderbar an, der altbekannte quietschende Ton der Gartentür. --

Miete hatte ihn immer noch beim Ärmel, aber er sah fast zornig auf sie und wie ein großes unbeholfenes gefangenes Wild.

„Sieh mal an, was Miete da eingefangen hat! Das ist mal recht, klein’ Deern!“ Und Onkel Gust klopfte ihm auf die Schulter, wie in alter Zeit, und als lägen die langen, harten Jahre nicht wie ein großes Wasser zwischen ihm und dem steifen, zornblickenden Fischer. „Komm nur, Tante macht uns noch einen kleinen Grog.“

Aber Lars rührte sich nicht.

Da streckte ihm Tante Jette die Hand hin. „Komm doch, Lars, das ist nett, daß du dich mal sehen läßt.“

Und Miete zupfte ihn am Ärmel. Da ging er mit.

Und als er im flackerigen Lampenschein stand, da war es, als sei die schwerfällige Widerspenstigkeit von ihm geglitten. Der selbstbewußt vornehme Anstand, der fest im innersten Wesen seines Volkes sitzt, war ihm zu Hilfe gekommen. Bald war er mitten im Erzählen von der Zeit in des Kaisers Rock, und keiner konnte ihm ansehn, wie die trotzigen Gedanken aufstiegen und das heimlich zarte Genießen überflutete, bis ein schelmisch heißer Blick seitwärts unter den weichen blonden Wimpern hervor ihn wie ein Schreck durchfuhr und das Blut wie in lustig hüpfendem Tanz durch die Adern jagte.

Es war zu der Zeit, wenn aus der nordischen Dämmerung fast Dunkelheit geworden ist. Ein wunderliches, geisterhaftes Scheinen liegt noch über den Dingen. Da stand er auf und sagte „Gute Nacht.“

Als er an der Haustür vorbeiging, trat das Dienstmädchen heraus, um Lampe und Gläser aus der Laube zu holen. Ein heller Schein fiel aus dem Hause, daß Lars einen Augenblick geblendet stand.

Da kam eine Stimme, wie ein Jubelruf: „Lars!“

Lars mußte sich besinnen. Ach richtig, Trina Lassen mußte das sein. Da stand sie im Dunkeln und hielt seine Hand, und er sprach ihr freundlich von Peter und von den Eltern und Geschwistern. Sie aber schwieg ganz still und hielt nur immer die große harte Hand.

Da trat Miete mit der Lampe aus der Laube. Es war nur einen Augenblick, daß das Lampenlicht über Trina hinglitt.

Aber auf dem Heimwege grübelte Lars nicht mehr über das drängende Sehnen nach. Es war ein anderes Fühlen in ihm, das füllte sein ganzes Wesen wie eine heiße Freude. Manchmal sah er zornig vor sich hin. Was wollte das kleine, blonde Mädchen von ihm? Er wollte frei sein von ihr und ihrer Art, und er richtete sich grade auf.

Dann aber zog er wieder die Stirne kraus und sann: „Warum hat mich Trina Lassen so angesehn wie in bittrer Not?“ --

* * *

Herr Asmussen war wieder in der Fischerhütte gewesen. Mutter Stina hatte ihm den besten Stuhl angeboten, und Großvater hatte sich feierlich an die andere Seite vom Tisch gesetzt und hatte ihm unverwandt ins Gesicht gesehn. Und beide schwiegen sie, Großvater und Mutter Stina. Aber Herrn Asmussens Stimme füllte den kleinen Raum mit tieftöniger Freundlichkeit.

Dann bückte sich Peter Lassens lange Gestalt zur Haustür herein. Es war nichts von Staunen in seinen Mienen über den Gast. Er stand da in seiner ganzen Länge, ein wenig lässig, mit der einen Hand am niedern Deckenbalken angestemmt, und wippte gemächlich beim Sprechen hin und her.

Und Herr Asmussen saß gut zurückgelehnt und holte die Stimme tief aus seinem Fett herauf und sprach herablassend und mit Wohlgefälligkeit. Und er wog die dicke Uhrkette vor der runden Weste mit der hohlen Hand und lächelte gütig zu Peter Lassen hinauf. Und wenn er Andeutungen machte auf eine Einladung zu Frau Henriette, dann war es, wie wenn einer mit Geld in der Tasche klimpert. Peter aber sah aus klugen, wachen Augen und nickte freundlich und wie in Freude.

Und Herr Asmussen erzählte wohlgefällig seiner Frau von den braven Fischerleuten. Und von dem frischen, aufgeweckten, jungen Menschen, den er mit seiner Freundlichkeit gewonnen hatte. Und dann breitete er mit Behagen seinen neuen Plan vor ihr aus. Nun würde er Lars ganz gewiß für die gute Sache zurückgewinnen, denn mit seiner Freundlichkeit wollte er auch Lars’ Freunde zugleich einfangen.

Aber Frau Henriette warf einen raschen Blick über die Schulter nach ihm, der sah aus wie Mitleid und Spott. Und in der Küche sagte sie zu Miete: „Laß ihm man sein Spielzeug, diesmal ist es ein ungefährliches.“

Aber Miete ging mit aufgehobenem Kleide am rußigen Herde vorbei. Und wie sie ins Feuer sah, war ein eigentümliches Blitzen in ihren Augen.

Und danach war Lars öfter bei Onkel Gust und Tante Jette. Wenn Mutter Stina sah, daß er sich auf den Weg machte, dann wandte sie rasch den Kopf nach ihm hin, aber sie sagte kein Wort. Und Großvater sagte auch nichts, er sah sich nicht einmal um. Und doch legte es sich über Lars wie ein Unbehagen, als hätten sie ihm einen Vorwurf gemacht. Und er war mürrisch mit ihnen.

Es war zuerst fast wie eine Neugier gewesen. Mietes freundliches Wesen mit der ganzen schelmischen Fremdartigkeit hatte sie in ihm geweckt. Darum hatte er Onkel Gusts erstem drängenden Einladen nicht widerstanden bei all seinem widerspenstigen Trotz. Als aber ihre Nähe erst ein paarmal auf ihn gewirkt hatte, da war das heiße Blut, das bei dem langsamen Volke doch so wild aufsieden kann, zum erstenmal erwacht. Und Lars wollte kein Hindernis mehr sehen auf seinem Wege.

Aber wenn er allein war, konnte er nicht recht zur Ruhe kommen. Es stimmte nicht an irgend einer Ecke. Es war etwas, das nicht recht klingen wollte mit seinem Ton. Aber er mochte nicht darüber nachdenken, woher es kam. Das durfte es nicht sein, daß das blonde Mädchen über ihn herrschte gegen seinen Willen und ihn dort hinzog, wo er nicht sein wollte. Er hatte auch immer noch die fast großartige Herrscherart mit ihr. Aber gerade diese ungelenke Männlichkeit reizte sie, daß sie ihre Kraft darein setzte, ihn zu beugen. Und ihre feine, geheimnisvolle Art, die so anders war wie alles, was ihn sonst umgab mit kantiger Schlichtheit, nahm ihn immer mehr gefangen, daß er bei ihr das zu finden wähnte, was er von immerher suchte.

Und es kam dazu, daß Onkel Gust nun vorsichtig nach seinem neuen Plan zuwege ging und auch den andern, die zu Lars gehörten, mit gleicher Freundlichkeit begegnete.

Er hatte auch Peter Lassen in sein Haus eingeladen. Einmal hatte Peter sein gutes blaues Zeug angezogen mit dem kleinen steifen Vorhemd und war mit Lars hinaufgegangen.

Lars sah ihn manchmal von der Seite an. Laut und lustig pfiff er vor sich hin. -- Peter pfiff immer falsch, aber laut. -- Und die ganze Zeit saß etwas in seinen Augen, wie ein verschmitztes Lachen. Aber er sagte weiter nichts.

Peter Lassen war ein schöner Mensch, und die Mädchen sprachen viel mit ihm. Und er hatte eine Gelassenheit, und das Reden ging ihm viel leichter als Lars, daß er nichts Unbeholfenes hatte.

Aber wenn sie dort bei Onkel auch viel mit ihm sprachen, es war dabei etwas Wohlwollendes, als schenkten sie ihm etwas mit jedem Wort.

Und Tante Jette sah ihn überhaupt nicht an.

Lars meinte, Peter Lassen merke es gar nicht, weil er so freundlich blieb, aber wenn er ihn wieder mitnehmen wollte zu Onkel Gust, so hatte Peter immer zu tun.

Kapitel XV

Es war im November. Es sah gar nicht nach Sonntag aus in der Welt. Die Regenböen kamen schräg über das Wasser gefahren und peitschten den Leuten in die Augen, daß sie unter gerunzelter Stirn herausblinzelten, was denn noch werden wollte aus dem Geheul und Gebrüll. Denn „das Meer brüllt“, sagten die Leute und sahen nach der Ostsee hin.

Klaas Klaaßen stand am Strande und schnüffelte in die Luft. Dann schüttelte er den Kopf. „Zwei Tage bläst er schon von Nordost.“

Hans Peter Lassen und Jung-Peter standen bei ihm und Lars.

Dann zogen sie zusammen die Boote aufs Land.

„Immer noch höher op,“ befahl der Alte, und die drei andern gehorchten schweigend.

Als sie gegangen waren, stand der Alte noch immer, sah über See und schüttelte den Kopf.

Mitten durch den Regen kam Lars zu Onkel Asmussens Haus. Der Ölrock hing ihm lose über der Schulter, als er in den dämmrigen Flur trat. Er warf ihn ab und schüttelte das Wasser aus den Haaren. Dann ging er nach der Stube hinauf.

Miete saß am Fenster, den blonden Kopf tief über der Arbeit.

„Du verdirbst dir die Augen,“ sagte Lars, als er sich zu ihr setzte.

Sie ließ die Hände sinken. „Es geht auch nicht mehr.“

Es war eine Weichheit über der ganzen lässig hingelehnten jungen Gestalt. Lars saß vorgebeugt, den Kopf in die Hand gestützt, und seine Augen ließen nicht von ihr.

Sie schwiegen beide.

Dann wandte sie den Kopf, und er fühlte mehr ihren Blick in der Dämmerung, als er ihn sah.

„Könntest du wohl etwas für mich tun, Lars?“ fragte sie, und es war, als ob sie ihn streichelte mit ihrer Stimme.

Er konnte nicht gleich antworten. Er richtete sich auf und atmete tief, dann rückte er noch näher zu ihr. „Das weißt du selbst, klein’ Deern,“ seine Stimme klang leise und atemlos.

„Nein Lars, ich möchte doch wissen“ --

Da ging die Tür, und Lars lehnte sich im Stuhl zurück. „Seh da, Lars,“ sagte Onkel Gusts dicke wohlwollende Stimme. „Ich dachte doch auch, du würdest heute kommen. Aber ein verfluchtes Sonntagswetter. Komm, wir wollen uns mit ’nem kleinen Grog wärmen gehn.“

Lars antwortete nicht gleich.

Aber auf einmal lachte Onkel Gust behaglich in sich hinein: „Ach so -- ach so,“ sagte er.

Miete aber gab Lars einen kleinen Stoß. Da stand er auf. „Na denn man zu, Onkel.“

Er tat es für sie, sagte sich Lars und folgte Onkel Gust durch die Dämmerung nach dem Gasthause.

Würdevoll und in sich gefestigt mit hallenden Tritten ging Herr Asmussen voraus. Lars blieb lässig ein wenig zurück, denn er kam widerwillig. Er wußte, was Onkel Gust von ihm wollte. Er sah immer vor sich hin, wo die großen Wasserpfützen heller auf dem dunklen Weg schimmerten; aber vor sich sah er Aage Michelsens dickes Gesicht. Das hatte jetzt einen roten Schnurrbart und würdige Falten. Denn Aage war Herrn Tiensens Mitarbeiter geworden. Er verdiente ein schönes Geld. Sein Bruder Swend hatte es Lars damals, als er Soldat war, selbst gesagt.

„Wir Dänen mögen die Sorte auch nicht,“ hatte Swend fast höhnisch gelacht. „Drüben kriegt er Geld fürs Jammern und hier fürs Schimpfen!“

Aber Herr Asmussen hatte eine große Bewunderung für Aage Michelsen, und er wollte, daß Lars ihn reden hören sollte. Lars war auch schon ein paarmal mitgewesen um Mietes willen. Und in Gedanken sah er sie alle im blauen Tabaksqualm sitzen um den Stammtisch, und das häßlich grelle Wirtshauslicht flirrte über all die selbstzufriedenen Gesichter und über die behaglich würdigen Falten der dunklen, zuverlässigen Anzüge. Lars ärgerte sich, wenn er daran dachte, und stapfte mitten durch die Wasserpfützen, daß es patschte.

Aber er wollte so gern darüber hinaus über das Einerlei des Fischefangens, und er wußte doch einmal keinen Weg. Und das wußte er, Miete wollte es so, daß er sich zu Onkel Gusts Freunden halten solle.

Aber mit eins, wie sie auf den Damm kamen, packte die beiden der Nordost, wie mit wilden, mutwilligen Fäusten. Herr Asmussen griff hastig nach seinem Hut.

Der kleine Meeresarm, den der Damm vom Wiesenland trennte, lag heute nicht wie vergessen zwischen seinen grünen Ufern. Heute wußte er es wieder, daß er ein Teil war von der Kraft, die stärker ist als der Mensch. Die schwarzen Arme langten von unten herauf und griffen in den Damm, und aus der Tiefe kam ein fauchendes Geheul.

An der Schleuse wogte es dunkel hin und her über den Damm. Da arbeiteten die Männer. Einer faßte hart an Larsens Arm. „Wir brauchen mehr Hände zur Hilfe, Lars, sonst bricht der Damm, und es fehlt auch die Aufsicht.“ Das war Kords Stimme. Lars sah schnell nach den kleinen Häusern in der Wiese hin und dann auf Onkel Gust.

„Ja wo ist denn der Ortsvorsteher?“ fragte der.

„Der hat heute morgen früh über Land gemußt,“ sagte Kords.

„Merkwürdig, diese deutschen Beamten!“ sagte Herr Asmussen. „Komm, mein Jung, das geht uns nix an.“ -- Schweigend, mit der tiefen Falte mitten auf der Stirn, ging Lars bis an die Wirtshaustür. Er sah über Onkel Gusts Schulter in den warmen, hellen Raum, und die Stimmen klangen Lars wie schnurrendes Behagen in die finstere Nacht hinaus. Sie saßen fast alle da wie immer -- am dänischen und am deutschen Tisch. Da schlug er die Tür hart hinter Onkel Gust zu, und der Sturm packte ihn in der Dunkelheit mit wildem Geheul.

„Es geht nicht, Lars,“ brüllte ihm Kords zu, als er wieder bei ihm war, „mein Arm will noch nicht, und wir brauchen alle Kräfte.“ Und von unten aus der Finsternis klang es wie höhnendes Geheul zu den Männern herauf, aber sie verstanden nicht, was das Meer ihnen sagte, und packten zu mit ganzer Kraft.

Sie zündeten große Feuer auf dem Damm an und arbeiteten im flackernden Schein. Und die schwarzen hastenden Gestalten mit ihren jähen, großen Bewegungen warfen lange, unheimliche Schatten über den Damm.

Und das Meer griff herauf und biß sich in den Damm und brüllte und kreischte vor Wut.

„Her mit den Sandsäcken,“ kam Lars’ Stimme tief und laut über das Getöse. Und er hob sie, und klatschend versanken sie im weißen Gischt, und kalt und naß spritzte es ihm ins Gesicht. Und Kords hob den Hammer mit seinem einen Arm und holte weit über seinem Kopfe aus und ließ ihn auf die starken Pfähle niedersausen.

Aber die See langte mit weißen Fingern am Pfahl herauf und riß und lockerte an seinem Grund und heulte und lachte dazu mit klatschendem Jauchzen.

„Kords, das Ding haftet nicht mehr,“ sagte ein alter Arbeiter und spuckte in das wirbelnde schwarze Wasser. Aber Kords fluchte vor sich hin und arbeitete weiter.

„Komm weg, Lars, das kann hier jeden Augenblick brechen, und es nützt ja jetzt nix mehr,“ schrie einer Lars in die Ohren. Aber Lars biß die Lippen aufeinander und sagte kein Wort.

Immer die unheimlichen, weißen Finger voraus kam sie heraufgekrochen, und der schwarze, wogende, ringelnde Leib preßte sich an den Damm, und wo eine schwache Stelle war, da biß sie hinein und nagte, wuchs und wuchs.

Und endlich mußten sie zur Seite stehen und warten. Und das rote flackernde Feuerlicht zuckte auf ihren finsteren unbeweglichen Gesichtern hin und her, und der Wind kam aus der Finsternis gefahren und schrie und zerrte um sie, und sie standen und warteten.

Und es kroch herauf, immer herauf, und sie konnten nichts, als stehen und warten. Manchmal fluchte einer und sah nach den kleinen ärmlichen Häusern hinüber, wo die Lichter ängstlich hin und her tanzten. Aber meist standen sie ganz still, die Hände in den Hosentaschen mit zornigen Augen. Und die stillen, wetterharten Gestalten im roten Flackerlicht und der jaulend zornige Wind und der schwarze kriechende Feind mit seinem lachenden Geheul hielten zusammen die Wacht.

Und die Minuten rannen hin und die Viertelstunden, und es war ihnen, als ginge die Nacht darüber hin.

Und dann kam ein dumpfes Krachen und Rutschen. --

„Der Damm bricht!“ schrie Kords Stimme über das Getöse.

Da sprangen sie alle in die Wiese hinunter und liefen nach den kleinen Häusern hin.

Aber hinter ihnen von der Schleuse her dröhnte es auf -- ein donnernd lachendes Brüllen.

Sie schrie ihren Sieg hinaus in die Nacht, und mit den schwarzen Armen und den vortastenden weißen Fingern packte sie in das Land hinter dem Damm und nahm es zu eigen. Schneller, immer schneller kamen die weißen Finger heran und griffen aus der Finsternis hinter den laufenden Männern her. Schon ging ihnen das Wasser fast bis zum Knie.

Bei den kleinen Häusern war es ein Wühlen, Rennen und Rufen. Und die schwarzen Arme waren schon heran, und klatschend griffen die weißen Finger an den Mauern herauf.

Die Männer wateten knietief im Wasser, als sie die Ziegen und Schweine herausschleppten.