Part 5
Peter hatte etwas Besonderes, was ihn auf dies Erntebier lockte. Er hatte eine richtige Braut. Noch war er nicht ganz zwanzig. Aber seit bald vierzehn Tagen hatte er eine Braut.
Er hatte Lars genau erzählt, wie das Ganze gekommen war: In der Ziegelei, wo er gearbeitet hatte, wohnte eine ordentliche Familie. Arme Arbeitsleute waren es, aber der Mann trank nicht wie die andern dort und hielt sich auch mehr für sich. Die Frau war lange tot, und die große helle Tochter sorgte für den Hausstand und die kleinen Geschwister. Peter hielt sich immer zu den Ordentlichen, und so war er bald mit dem ruhigen Mann und seinen flachsköpfigen Kindern gut bekannt geworden. Er hatte oft im Winkel neben dem Herd gesessen, und seine wachen Augen waren hin- und hergewandert mit dem starken, sichern Bewegen der großen Schwester.
Nun hatte er neulich Dora Nielsen wieder getroffen. Oben im Flecken war es gewesen, und sie hatte still und viel ernster ausgesehen. Der Vater wäre schon seit ein paar Monaten tot, sagte sie ihm. Er hatte sich überhoben mit einer allzuschweren Steinlast. Da war ein Blutsturz gekommen, und er war gestorben. Der Körper sei schon zu schwach und verarbeitet gewesen, meinte der Arzt.
Die Geschwister hatte sie unterbringen müssen. Zwei waren ja Gott sei Dank so weit, daß sie auf Arbeit gehen konnten. Der Älteste war zum Bauern, den Zweiten hatte sie in die Lehre gegeben, weil er nicht so kräftig war. Bis jetzt hatte sie noch bei der Frau vom Ziegeleiherrn gearbeitet und die kleinen Geschwister dabei besorgt. Nun war das zu Ende. Die Kinder waren in der Gemeinde verteilt, und Dora suchte einen Dienst. Wenn es noch weiter so schwer hielt, einen guten Dienst zu finden, wollte sie dort, wo der Bruder als Knecht diente, Meiereimädchen werden.
Sie hatte die ganze Zeit zur Seite gesehen und traurig vor sich hin erzählt, ganz anders, als die starke Helle sonst gewesen war. Das letzte hatte sie gleichgültig, fast finster gesagt. Aber Peter hatte ein ernstes Gesicht gemacht, denn das war ein böses Brot für so ein schmuckes, kräftiges Mädchen. Eine Zeitlang war er ganz still neben ihr durch den Flecken gegangen. Dann war er stehen geblieben und hatte sie gefragt, ob sie seine Frau werden wollte. -- Er hatte es im Grunde nur gesagt, weil sie ihm so leid tat, nun sie aber seine richtige Braut war, wollte er sie auch allen Leuten zeigen und war unbändig stolz, daß er sich so eine kräftige, tüchtige Frau ausgesucht hatte. Und um sich mit seiner Braut sehen zu lassen, ging er jetzt neben Lars nach Moosgaard hinauf.
Mit aller Gewalt konnte Lars seine Züge nicht in Peters großartige Gleichgültigkeit zwingen.
Er war Peters Zureden nur gefolgt, weil die Tochter von Bauer Hoek zum Tanze kommen würde. Die hatte er ein paarmal bei Onkel Asmussen gesehen, denn der Vater gehörte zur Dänenpartei. Sie war viel älter als er, aber ein stattlich-schönes Mädchen. Das dunkle wellige Haar trug sie in der Mitte gescheitelt, und mit den hellblauen Augen sah sie unter dunklen Wimpern herausfordernd in die Welt. Sie war immer gut gewesen zu dem langen Jungen mit der ernsten Stirn, und wenn sie ein Wort an ihn richtete, durchrann es ihn heiß, daß er fortsah und kaum zu antworten wagte.
Nun lehnte er immer an der grauen Wand im Gasthaussaal und dachte, wie er es anfangen konnte, daß sie mit ihm tanze. Seine sonderbaren wechselfarbigen Augen, die so tief unter der braunen Stirn saßen, folgten ihr überall durch den Saal. Deswegen sah er auch die hübschen Blauaugen nicht, die fast bittend auf ihm ruhten. Das war Trina Lassen, Peters kleine Schwester, die so brennend gern einmal getanzt hätte. Sie war ein unscheinbares kleines Mädchen, kaum sechzehnjährig und in diesem Herbste bei Frau Henriette Asmussen in Dienst getreten.
Je länger Lars dastand, um so unbehaglicher wurde ihm zu Mute, und er ärgerte sich, daß Peter ihn zum Mitgehen beredet hatte. Er sah nach Peter hin. Der saß am Tisch in der Ecke, ein großes Glas vor sich. Die blonde Dora saß neben ihm. Peter hatte nie tanzen gelernt, und nun fand er das Hüpfen und Drehen zum Lachen und ganz unter seiner Würde. Wenn sein Vater vom Grog erwärmt ein wenig lustig wurde und von der Zeit, da er der beste Tänzer gewesen war, zu erzählen begann, trommelte Peter auf der Fensterscheibe und sprach vom Verdienst der letzten Woche.
So saß er hinter dem Tisch in der Ecke und sah sich triumphierend um. Da er nicht tanzte, sollte seine Braut auch ruhig und ordentlich bei ihm sitzen bleiben. Aber Dora warf nur den Kopf zurück und lachte hell und lustig.
So ein bißchen Spaß machte es Lars doch, daß Peters Braut den langen, großartigen Menschen auslachte. Und Dora tat ihm leid, wenn ihre Freunde von früher an den Tisch traten und mit ihr tanzen wollten. Er sah, wie ihr Peter dann einen Puff gab. Sie wollte nicht tanzen, mußte sie dann immer wieder sagen, aber sie lachte zuletzt gar nicht mehr, sondern sie kriegte ganz böse Augen dabei. -- Dann achtete Lars aber nicht mehr auf sie, denn die schmucke Hoektochter war zwischen den Tanzenden herausgetreten. Sie setzte sich auf die Bank an der Wand und nestelte an ihrem Schuh. Da wurde er rot bis an die blonden Haare hinauf und ging sehr steif und ein wenig linkisch quer durch den Saal. Es war ihm, als ginge ihm im Kopf alles durcheinander. Er wußte gar nicht, wie er es gemacht hatte, sie zum Tanz zu fordern. Sie lachte ja wohl, als sie mit ihm kam, aber er dachte jetzt nur daran, in Tritt zu kommen. Sie gab ihm einen kleinen Stoß, und er tauchte zwischen die Tanzenden mit demselben Gefühl, das er beim ersten Kopfsprung gehabt hatte. Er gab sich viel Mühe, daß ihm der Schweiß übers Gesicht lief, und sie schob und steuerte an ihm. Und dann war es endlich überstanden, und die Paare gingen langsam hintereinander im Saale herum. Tramp, tramp, klang es, und es war eine Feierlichkeit dabei. Lars sah noch ernster aus, als die meisten wetterharten Gesichter um ihn her. Und doch gingen glückliche Gedanken in ihm um. Fast zitternd vor Glück war er sich bewußt, daß er die stattlich-schöne Hoektochter am Arme hatte. Er dachte daran, wie er sie das letztemal gesehen hatte. Da stand sie im weißen Erntezeug hoch oben auf der sonnengleißenden Weizenkoppel, den tiefblauen Himmel hinter sich. Unter der weißen Sonnenhaube hatte ein heißes, rotbraunes Gesicht herausgelacht, und die Augen hatten gesprüht von sieghaften blauen Blitzen. Er hatte sich gar nicht herangewagt. Und nun hatte er sie doch dicht neben sich ganz fest am Arme. Verstohlen sah er nach ihrem Gesicht. Da saß wahrhaftig noch das warme Licht, und das herausfordernde Sprühen war in den Augen. Da sah er auf die andern, und es war ihm, als hätten sie alle von der heißen Arbeit auf den goldenen Koppeln so eine warme Siegesfreude mitgebracht, und ihr feierlicher Ernst kam ihm wie eine stolze Würde vor. Nur er selbst hatte nichts Rechtes geleistet, meinte er, daß er wert war, dies stolze Mädchen am Arm zu haben.
Diese Gedanken schwammen unbestimmt durch seinen Sinn, aber sie füllten ihn so aus, daß er auf nichts anderes acht hatte. Da fühlte er auf einmal eine große schwere Hand auf seiner Schulter, die ihn zurückzog. Ein stämmiger Bauernsohn nahm den Arm seiner Tänzerin und zog ihn durch den seinigen. Lars sah noch, wie die beiden großen Menschen sich in die Augen lachten. Ein Gefühl unendlicher Erniedrigung übergoß Lars glühend heiß von oben bis unten.
Dann wuchs ganz langsam die Wut und gleichzeitig sagte sein Stolz: Nicht merken lassen. Er drehte sich auf dem Hacken um und sah im Saale herum. Da begegnete sein Blick den bittenden Augen von Klein-Trina. Er ging fest und steif zu ihr hinüber und zog sie ohne ein Wort in den Saal. Die hielt den Kopf tief zwischen den Schultern und wußte auf einmal nicht, ob sie sich freute, oder ob sie sich schämte.
Als der Tanz zu Ende war, sah Lars, daß der große Bauernsohn nach der Tür ging. Da machte er ein paar lange Schritte hinter ihm her, und er war gar nicht mehr verlegen. Er sah auch nicht mehr so linkisch aus dabei. In der Tür sah er flüchtig nach Peter Lassen hinüber. Der hatte sein großes Glas mit festem Ruck zurückgestoßen und war in seiner ganzen Länge aufgestanden. Nun ging er mit Lars hinaus.
Was die zwei im dunklen Wirtsgarten mit dem jungen Bauernsohn und seinen Freunden vorgehabt hatten, erzählten sie nachher nicht. Aber als sie nach einer Viertelstunde wieder in den Saal kamen, zupften und rückten sie an ihren Sachen, und ihre Haare sahen sehr zerzaust aus. Sie zwinkerten ein wenig, als sie in die Tür traten, weil sie das helle Licht blendete. Staub und Tabaksqualm ließen sie die Dinge nicht deutlich erkennen. Aber der Platz am Tisch, wo Dora gesessen hatte, war leer, das konnten sie sehen. Da blickte Lars wieder auf Peter Lassen, und es wurde ihm ein wenig unbehaglich, wie er seine Augen sah. Die fuhren im Saal herum. -- Da endlich -- dort hinten wiegte sie sich im Tanze auf und ab, und gerade mit dem dicken Jens von der Ziegelei, den Peter nicht leiden konnte.
Peter lehnte sich an den Türpfosten, und sein Gesicht sah dunkel aus.
Jetzt war es ihm gelungen, ihren Blick aufzufangen. Seine Augen brannten, und er machte ihr ein herrisches Zeichen. Aber Dora wandte den Kopf nach der andern Seite und schwatzte lustig weiter mit dem dicken Jens.
Da stieg es dunkelrot bis in Peters Stirn, und die Adern schwollen an den Schläfen. -- Zwei Tänze lang blieb er so regungslos am Türpfosten gelehnt. Die Aus- und Eingehenden stießen gegen ihn, aber er merkte es gar nicht. Lars blieb treulich neben ihm. Er wußte nicht recht, was er nun dabei zu tun hatte.
Aber als sie nach dem zweiten Tanz noch immer dort drüben im andern Winkel blieb, machte Peter ein paar lange Schritte durch den Saal. Er schien ganz ruhig, nur die Adern waren noch angeschwollen, und die Augen hatten ein sonderbares Glitzern, aber er war wirklich ganz ruhig. Er faßte Dora bei der Hand und sagte: „Komm jetzt.“
Sie warf wieder den Kopf zurück und lachte, aber sie ging doch mit. Mitten durch den Saal und zur Tür hinaus ging er und hielt sie immer an der Hand. Nun wußte Lars gar nicht mehr, was er tun sollte. Aber wenn Peter so aussah, stand es schlimm. Da ging er hinter ihm her. „Peter -- laß doch!“ sagte er halblaut. Aber der hörte gar nicht hin und ging in den dunklen Garten hinaus.
Da packte er mit einem Male ihren Arm und schüttelte ihn. „Schäm’ dich! Schäm’ dich!“ sagte er immerfort.
Sie weinte laut auf vor Zorn. „Du solltest dich schämen! Weil ich ein armes Mädchen bin, willst du mir befehlen wie deiner Magd. Schäm’ du dich. Wenn ich kann, tu’ ich es gleich wieder so.“
Da hörte Lars einen klatschenden Ton in der Dunkelheit. Peter Lassen hatte seine Braut geschlagen. --
* * *
Das Boot sah finster aus in der feuchten Morgenluft. Die großen, braunen Segel sind heute fast schwarz von Nässe und stehen wie Fledermausflügel vor der grauen Luft und dem endlos grauen Wasser. Und es ist nur das leise klatschende Geräusch des Wassers, das die große Stille stört. Und dann, wenn die Arbeit beginnt, das gleichmäßige Platschen, wenn das Netz mit gemessenen Griffen ausgeworfen wird.
Lars ist bei der Arbeit, und er packt fest an mit zusammengezogenen Brauen. Und bei jedem Ruck denkt er, daß er die stolze Hoektochter straft und ihr zeigt, daß sie ihn nicht beleidigen konnte. Aber er hat ein paar große blaue Male im Gesicht und im Herzen den großen Schmerz um seine erste Liebe.
Peter sitzt an den Riemen und glotzt vor sich hin. Er kann es alles nicht verstehn. Sich selbst und Dora Nielsen und die ganze Welt. Aber am wenigsten versteht er, warum ihm jetzt, da sie ihm nicht mehr gehört, die frische Helle immer vor der Seele steht, als das einzig Sonnige im Leben.
Und Lars faßt in die großen, rauhen Haufen nassen Netzwerks und wirft sie hinaus, immer mit demselben gleichmäßigen Griff, und immer platscht das graue Wasser auf und die öde, graue Unendlichkeit liegt ringsum in tiefem Schweigen, und sie fühlen beide ganz deutlich, daß nun alles aus ist.
Kapitel XII
Ob die alte Uhr zu Hause im großen, weißen Bauernhof noch geht? Wenn das Wasser noch plätschert im Brunnen mitten auf dem Hof und die weißen Mauern schützen ihn noch nach drei Seiten vor dem harten Seewind, wie liebevolle Arme einer guten Mutter, dann muß auch die Uhr noch ticken, denn das gehört alles zueinander. Dann ist es viele tausend und abertausend Schritte so hingegangen „Ticke-Tack“ mit unerbittlichem Schreiten.
Lars ist darüber zum Mann geworden.
Mitten in das sachte Hinträumen in der vertrauten Gewohnheit war wie ein scharfer Ruck die Einberufung gekommen.
In der großen, fremden Hafenstadt hatte zuerst das Heimweh an ihm gefressen. Da hielt er sich ganz für sich, und sein Wesen hatte etwas Scheues, daß seine Vorgesetzten und Kameraden ihn für einen Dummen hielten. Ihr Spott wurmte ihn, und der Zorn über ihre Mißachtung weckte ihn auch zuerst aus seiner träumerischen Dumpfheit. Und wie damals in der Schule, so gewann er sich bald ihre Achtung, als er sich erst einmal zusammenraffte. Die in ihm schlafende zuverlässige Tüchtigkeit kam bald an die Oberfläche seines Wesens. Und auch seine Vorgesetzten hielten etwas auf ihn. Da wachte auch die Selbstachtung mehr auf. Nun war das Streben nach Männlichkeit ein bewußtes Wollen geworden. Darum versagte er sich auch den Weihnachtsurlaub. Er wollte das Heimweh nicht wieder wecken, und von Haus hatte er den Sinn für das Geldzurücklegen als erste Bedingung der sicheren Verläßlichkeit mitbekommen. Da legte er das Reisegeld an und ging in den freien Weihnachtstagen mit den Händen tief in den Taschen vergraben und seinem unbeweglich ernsten Gesicht in den Straßen der Stadt herum. Und mit dem stillen, ernsten Blick trank er vieles in sich hinein und grübelte darüber, bis er verstand, worum es sich handelte. Am liebsten war er am Hafen, und er fing auch in seiner ruhigen, ernsten Art hier und da ein Gespräch mit einem Werftarbeiter an. Die älteren Arbeiter mochten auch den zuverlässig-stillen Soldaten gern leiden. Allmählich gewann er dort einige Männer zu Freunden. Und eines Tags traf er Hans Todtsen.
Hans Todtsen von der Schule war bei der Werft angestellt. Der wollte Lars bereden, daß er dort eintreten sollte, sobald er frei kam. „Du kannst dich als Werftarbeiter leicht heraufarbeiten und es zu etwas Ordentlichem bringen. Was ist denn das für dich, das Fischerspielen!“
Da tat es sich noch einmal auf vor Lars wie große, weite Möglichkeiten, daß er ordentlich tief Atem holen mußte. Aber dann dachte er an den Zwang, daß diese Arbeiter nicht handeln durften, wie sie wollten, sondern von irgendwo eine fremde Gewalt über ihnen war, daß sie gehorchen mußten und doch nicht recht verstanden wem und wozu. Und es war, als ob etwas Starkes, Weites in ihm aufstand und sich reckte, daß ihm gleichsam die Brust weiter wurde dabei. Er dachte an die selbstgebauten Boote zu Hause und das freie Leben, wo er sein eigener Herr war und keiner ihm zu sagen hatte. Und dann fiel ihm gleich Großvater ein, wie müde er jetzt oft zusammensank nach der harten Arbeit, und Mutters stilles Quälen und Mühen. Und er sann, was die Alten machten in all der Zeit ohne ihn, und was sie sagen würden, wenn der Brief kam, wo es drinstand: Lars kommt überhaupt nicht wieder. Sein Geld braucht er selbst, um weiter zu kommen. Vielleicht später einmal, wenn er sich heraufgearbeitet hat, dann kann er euch helfen. -- Später. -- Und wenn er dann endlich gekommen wäre, und die Alten hätten sich fertig gequält und wären fortgezogen in das unbekannte Land, wo sie sein Geld nicht mehr brauchten? -- Da sagte er Hans Todtsen, daß er keine Lust hätte, Werftarbeiter zu werden, und reiste nach Hause.
Zu Hause war es ihm erst viel zu still, und die öde, graue Einsamkeit machte ihn mißmutig. Es stieg auch der Gedanke wieder auf, ob er auch recht getan habe mit der Heimkehr; denn er meinte, daß sich da immer noch etwas in ihm regte, das Besseres hätte leisten können, als Fische fangen. -- Lars hatte Zeit zum Grübeln; denn ihm fehlte die Arbeit in dieser Zeit.
Peter arbeitete schon lange wieder auf der Ziegelei. Als es dort keine rechte Arbeit für ihn gab, war er in der Ernte zum Bauern gegangen. Lars hatte er geschrieben, daß die Ernte spät sei und der Bauer noch viel Arbeiter brauchen könnte.
Da ging Lars bald nach seiner Ankunft ein paar Stunden ins Land hinein zum großen Bauernhof. Es sah sauber und fein aus auf dem breiten Hof, und die bunten Blumen standen hoch vor den weißen Wänden. Aber der Bauer blinzelte ihn mit den hellen, kalten Augen an und sagte, daß er seinen Großvater wohl kenne und von Herrn Asmussen gehört habe, was für einer Lars sei. „Ich kann deutsche Arbeiter nicht brauchen“, sagte er, und Lars mußte ohne Mittagbrot den weiten Weg immer zwischen den hohen Knicks nach Hause wandern.
Ein Stück weit gab ihm Peter das Geleit. „Ja, so ist er,“ sagte Peter. „Wir müssen dänische Lieder singen und im dänischen Blatt lesen und, wenn wir’s nicht tun, gibt uns die Frau einen schlechten Mittag. Das ist rein zu doll hier oben. So wie Jens Steen sind sie fast alle ringsherum auf den großen Höfen. Wenn hier ein deutscher Schmied oder Zimmermann herzieht, der kann alle Tage Sonntag feiern. Arbeit geben sie ihm nicht. Sie tun ja auch alle so, die kleinen Leute, als wenn sie wunder wie bissig wären auf die Deutschen, dann geht’s ihnen fein. Ich wär auch schön dumm, wenn ich merken ließe, wie ich denke.“
Aber Lars ging mit großen Schritten neben ihm und sagte kein Wort. Dann schlug er auf einmal mit der Faust durch die Luft. „Eine Schande ist es,“ sagte er. „Nun kommt man aus der Stadt nach Haus und denkt, hier auf dem Lande sind die Leute frei und ihre eigenen Herren, und da ist es wieder.“
„Was denn?“ sagte Peter Lassen.
„Der verfluchte Zwang, Mensch. In der Stadt bin ich natürlich oft bei der Werft herumgekrochen, wenn ich Zeit hatte. Da habe ich ein paar ordentliche ruhige Leute gekannt. Genossen waren sie natürlich, wie die andern auch alle. Und du weißt ja, Peter, ich hab’ das auch immer schön gefunden, was die da in Wanbyll wollten. Aber bis zu vier Mark mußten sie manchmal in der Woche an den Verband abgeben. Und glaubst du, daß sie so dachten, wie die andern? Is ja all dummen Snack, sagten sie. Wie die das haben wollen, wird das nie, und unterdessen stockt mit dem ewigen Streiken der Handel, und wir Arbeiter haben den größten Schaden. Aber sie mußten mit, und wenn sie noch so gut im Verdienen waren, gefeiert mußte werden, ob sie wollten oder nicht. Und der Zwang ärgerte mich. Ich habe mir da manchmal gedacht, wenn ich bei der Werft geblieben wäre, hätte ich mich wohl heraufarbeiten können. Hans Todtsen von der Schule habe ich in der Stadt getroffen. Der kommt gut vorwärts, und der wollte mich da auch gern festhalten, aber ich will hier lieber frei und mein eigener Herr sein. Den Teufel aber auch, wenn es hier nicht besser ist.“
* * *
So mußte denn weiter gefeiert werden, bis Peter nach der Ernte beim Bauern frei kam. Sie konnten mit dem Heringsfang nicht beginnen, weil sie vier Mann brauchten in den zwei Booten.
Aber endlich war die untätige Zeit vorbei, und Peter war wieder da. Da fing die schwere Arbeit an.
Großvater war sehr alt geworden in den letzten Jahren, und Hans Peter Lassen hatte angefangen zu kränkeln.
In jedem Boot ging nun einer der Jungen mit einem der Alten hinaus, und der Junge mußte eine weit größere Arbeitslast tragen als sonst.
Da kam mit der Arbeit die ruhige Sicherheit zurück, und Lars fing wieder an, die starke Seeluft tief einzuatmen und zu fühlen, daß er zu Hause war.
Kapitel XIII
Der Wind hatte die ganze Woche eiskalte Regenböen über das Wasser gepeitscht. Weiße Säume waren an ihren Kleidern, wenn sie wie rasend über dem schwarzen Wasser dahergelaufen kamen. Und die Fischerboote duckten sich und bäumten auf und scheuten, wie wildgewordene Pferde, wenn sie auf sie einstürmten. Es war ein saures Arbeiten, und ein paarmal waren ihnen die Boote voll Wasser geschlagen, daß sie alle ernste Gesichter machten und zu schöpfen begannen auf Tod und Leben. Aber es war noch immer gut gegangen, und sie wollten nicht gern zu Hause bleiben, weil der Fang reich war in diesen Herbstmonaten. Aber den Alten war diese Zeit sauer geworden.
Der alte Händler, bei dem Großvater schon so lange, wie Lars denken konnte, seine Fische verkaufte, war gestorben, und sie mußten sich einen neuen suchen.
Die Fischer rings um die Bucht hatten alle viel gefangen, darum drückten die Händler die Preise unmäßig herunter. Peter aber hatte gelesen, daß die Heringe in der Nachbarstadt weit höher im Preise standen. Da schickten sie die Fische dorthin. Aber die Händler hatten es gemerkt, und, weil sie untereinander verbunden waren, nahmen die in der anderen Stadt die Fische nicht an. Der Bescheid kam an die Fischer, daß die Sendung unterwegs verdorben sei.
Da war das schwere Ringen mit dem schwarzen nassen Feinde umsonst gewesen. Großvater streckte die steifen milden Glieder und sagte weiter nichts. Aber in Lars stieg wieder der finstere Zorn auf.
Der Herbst hatte trotz der vielen Fische keinen guten Verdienst gebracht. So mußte im Winter tüchtig gearbeitet werden. Aber es war ein harter Winter. Eine Zeitlang stand das Eis auf der Bucht, da mußten sie zu Hause bleiben. Lars holte wieder einmal seine lieben, alten Bücher hervor und saß in der Stube bei Mutter Stina und las und las, und wenn sie mit ihm sprachen, gab er keine Antwort und sah sie alle zornig an. Und Mutter Stina ging leise um ihn herum und sorgte, daß er Ruhe hatte.
Und dann stand Lars wieder am Strand und sann darüber nach, was das Leben wohl von ihm wolle.
Als es ein wenig taute, und der Wind das Eis an die andere Seite der Bucht trieb, gingen sie wieder hinaus. Aber es war nicht gut mit den Fischen. Vor der Bucht hatten die Fischer von draußen Stellnetze gezogen. Die draußen hatten einen guten Verdienst, aber die Heringe fanden keinen Weg mehr in die Bucht herein, und so war hier der Fang nur gering. Peter Lassen schimpfte und fluchte jedesmal, wenn sie mit dem kleinen Fang nach Hause kamen, und Lars hatte zornige Augen. Aber die beiden Alten blieben ganz gleichmütig. Und alle vier blieben stetig bei der Arbeit, selbst wenn sie kaum der Mühe zu lohnen schien. Und in ihrer zähen Stetigkeit brachten sie es doch weiter als manche andere.
* * *
Sie hatten alle Achtung vor den beiden Jungen.
Viele von den struppig-grauen, wetterharten Köpfen nickten bedächtig, wenn sie von Lars Asmussen und Peter Lassen sprachen.
Unter den Jungen waren aber manche, die mit der breiten Hand durch die Luft schlugen, als wäre es nicht viel wert, von den beiden zu reden. Sie gingen so ruhig vor sich hin und unternahmen auch nichts Rechtes.
Aber Peter sagte: „Ja, das ist eine feine Art, wie dazumal Klaus Toms. Der fuhr heraus in Sturm und Eis außen vor die Bucht und ging da vor Anker, Mut hatte er wohl, und Fische kriegte er auch die schwere Menge da draußen. Und dann wollte er Gut davon haben und ging jeden Abend nach Seegade an Land ins Wirtshaus. Und als er nach vier Wochen wieder zur Frau zurückkam, brachte er ihr ein feines Geschenk mit; weißt du, was das war? -- Hundert Mark Schulden!“
Aber die andern gingen fort und murmelten, es sei man bloß, weil die zwei sich fürchteten mit ihrem eigengemachten Boot.
Aber wenn dann die zwei Jungen ihre Segel setzten und in ihrem neuen Boot so ruhevoll, fast feierlich dahinglitten und ihnen allen vorbeiliefen, dann waren sie still und sahen nach der andern Seite.
Und auch darauf hatte Peter eine Antwort, wenn sie an ihm stichelten, daß er und Lars zu keinem Spaß zu haben seien.
„Wo viele zusammen sind,“ sagte er, „da hat immer einer Durst. So kommt das Trinken zuwege. Ein ordentlicher Mensch ist besser für sich.“