Part 4
Das war erst ein helles Träumen gewesen. Auf dem Rick hatte er gesessen und die Beine über dem Wasser hängen lassen, und Mutter und Großvater ließen ihn, denn dort machte er Pläne für seine Zukunft. Und wie das Wasser unter ihm hinfloß, eine grüne Welle nach der andern, -- über der andern, -- in der andern, -- immer und immer wieder, so kamen die Gedanken und gingen wieder gemächlich und glitten zurück ins Unbewußte, und es war ein angenehmes Dämmern, und es kam nicht von der Stelle.
Und endlich fuhren sie nach der Stadt, um Herrn Braun zu fragen. Herr Braun war der Hauswirt, bei dem die Gymnasiasten wohnten. Er war ein Preuße mit einer lauten Stimme und einer knappen, selbstbewußten Art.
Sie hatten ernste, unbewegliche Gesichter, der alte Klaas Klaaßen und der junge Lars Asmussen, als sie langsam hintereinander die Treppe zu Herrn Brauns Wohnung hinaufstiegen. Sie sahen bedenklich auf das glänzende Türschild, auf dem Herrn Brauns Name und Würden standen.
Als sie aber wieder die Treppe hinunter stiegen, waren die Gesichter noch unbeweglicher, und die Augen suchten tief im Innern eine Welt, die sich nicht mehr finden lassen wollte.
Er hatte laut und unumwunden gesprochen, mit kurzen, eindringlichen Bewegungen, und der alte Fischer hatte zugehört mit seinen stillen, klugen Augen und nur manchmal mit dem großen, grauen Kopfe langsam genickt.
Was bot die große, bunte Welt mit ihren glitzernden Glücksstraßen dem langgliedrigen, unbeholfenen Jungen mit den Träumeraugen und der breiten Stirn? -- Ein Tertianer ohne einen Groschen Geld und noch dazu ein Träumer, -- Herr Braun hatte nicht viel Hoffnung. -- Da war die Subalternkarriere bei der Post; oder er konnte Kommis werden, oder er ging zur See.
Konnte er sich da Geld sparen und schließlich zum Polytechnikum kommen irgendwie oder sich sonst heraufarbeiten? Lars’ Augen waren weit und dunkel.
Herr Braun zuckte die Achseln. Es hatte ja schon mancher so etwas erreicht, so ein strammer Strebsamer. „Du bist ja begabt, Lars, aber du bist langsam und verdöst. Mach dir lieber keine vergebliche Hoffnung!“
Und wie sie auf der Treppe standen, da überkam es ihn auf einmal, daß ihm das Leben das Buch vor der Nase zugeschlagen hatte.
Dann waren sie doch noch durch eine schwere Stadthaustür nach der andern gegangen und hatten gefragt und wieder gefragt in ihrer langsamen Weise. Lars hatte meistens das Wort geführt und ein Blick unter Großvaters dicken Brauen hatte den Ausschlag gegeben. Aber es war nichts gewesen. In den großen Kaufhäusern hatten sie den unbeholfenen Fünfzehnjährigen, der nicht einmal eine gute Handschrift schrieb, nicht gewollt; in den kleinen Läden war der Gehalt zu jämmerlich. Bei der Post war gerade keine Stelle in der Nähe frei, und es lockte Lars auch ganz und gar nicht.
So traten sie schon im Dunkeln wieder in die niedrige Tür, wo Mutter das Abendbrot noch bereit hielt, und sagten ihr, daß Lars Seemann werden müßte.
Da geschah es zum erstenmal, so lange Lars denken konnte, daß das große Schweigen von Mutters Gesicht zurückglitt und sie seine beiden Hände packte. Sie reichte ihm jetzt nur ein wenig über die Schulter. Einmal hatte sie ihn fortgegeben, ihren Einzigen. Nun kämpfte sie hart, daß er jetzt nicht hinauszog über die große, graue Weite, die so harte Lieder sang vor den Fenstern und nicht danach fragte, wer es war, den sie behielt. „Nein, nein! Nicht Seemann! Nein, Lars! Nein, Vater!“
Da gaben sie sich bald darein; sie waren ja nur in der Not darauf verfallen. Sie waren alle nicht für das Ringen bis aufs Blut; und sich hineinzuzwängen in den Lebenskampf, war ihrer Art fremd.
Und so blieb nur noch eins übrig, und das war Lars im Grunde das Liebste.
Kapitel IX
Es war wieder ein Sonntag, und durch die kleinen Scheiben des breiten Fensters tanzte ein warmer, goldener Strahl über den braunen Tisch und die bunten Schiebetüren von Klaas Klaaßens Bett. Aber Klaas Klaaßen hatte den guten, dunkelblauen Anzug an und saß im Lehnstuhl beim Tisch und spielte, in Gedanken verloren, mit den Zuckerstückchen in der Zuckerdose mitten auf dem Tisch, und gegenüber saß Fischer Lassen, auch in seinem blauen Sonntagszeug und hatte die Hände auf die Knie gebreitet. Und Peter Lassen saß an der Wand, ein wenig lässig hingerekelt. Der Sonntagsanzug war schon wieder ein wenig kurz und eng geworden für den großen Menschen, und er sah gleichgültig in die Stube hinein, aber die scharfen Augen gaben gut acht. Und Lars lehnte am Türpfosten und sah vor sich auf die Erde. Aber Mutters Augen gingen schnell von einem zum andern wie in angstvollem Fragen.
Die Männer sogen an ihren kurzen Pfeifen, und Mutter nahm ihr Strickzeug wieder auf, und die Sonnenstrahlen reisten weiter, die grünliche Wand entlang.
In Lars gingen die Gedanken auf und nieder wie die Wellen am Steindamm. Er hatte viel erlebt in der Zeit, seit die ersten Krokus in Onkel Gusts Garten aufblühten.
Es war eine Weile still gewesen in der Fischerhütte. Da zog Klaas Klaaßen die Pfeife aus dem Mundwinkel und strich mit der Hand über den Tisch, als lägen Krumen darauf. Er war aber ganz blank. „Ja, denn is das wohl nich anders, wenn sie doch beide Lust zu haben.“
Hans Peter Lassen, der Vater, nahm die Pfeife heraus und spuckte zur Seite. „Ja, denn soll das wohl so sein,“ sagte er, und nach einer Weile: „Aber Geld gehört da auch zu.“
Peter Lassens Augen hatten immerfort acht gegeben, nun waren sie hellwach. „Ich weiß ein Boot, das ist billig zu kaufen. Am Strand, gar nicht weit von unserer Ziegelei, sitzt doch der alte Hinrich Maaß, der so doll dänisch is. Ein bißchen dumm im Kopf ist der alte Kerl auch schon. Er will sein Boot los werden und weiß nicht, wie viel es noch wert ist.“ Peter lachte und fuhr sich mit der Hand über seine kurzen Haare. „Ich hab’ ihm schon immer vorgeredet: Das alte Ding ist nichts mehr wert. Und dachte, wer weiß, ob man’s nicht mal braucht. Achtzig bis neunzig Mark, sagt’ ich ihm, mehr gibt ihm keiner für den Klapperkasten. Aber es ist noch ein ganz gutes Boot, hat in Eckernförde seine 200 Mark gut gekostet. Das wär doch dann mal das Sommerboot!“ Peter steckte die Daumen in die Achsellöcher, zeigte die weite Reihe seiner weißen Zähne und sah von einem zum andern. Er hatte eine Siegermiene, und Lars warf einen schnellen, bewundernden Blick nach ihm hin. -- Die Alten nickten mit dem Kopf und sahen gerade aus.
„Und dann die Netze und was dazu gehört,“ sagte Hans Peter Lassen.
Klaas Klaaßen sah noch tiefer auf seine Pantoffel und tat ein paar tüchtige Züge. Und so, mit dem Rauch zum Mundwinkel heraus, und nicht ganz deutlich kamen die Worte: „Meine alte Stine-Marie hat ja ein gut Teil zurückgelegt. -- Etwas hat Justina bei der Hochzeit mitgekriegt, -- das hat ja Asmussen alles vermöbelt, -- aber etwas ist da noch, was sie nach mein’m Tod gekriegt hätte. -- Recht wird’s ihr ja sein. -- Na und denn“ -- Eine Handbewegung machte den Schluß. --
„Jaa,“ sagte Hans Peter Lassen und wiegte den Kopf hin und her. „Jaa, aber ich hab’ noch nich so viel zurücklegen können, und mit den drei Gören, die da noch sind zu Hause.“ -- Er sah starr nach der Wand gegenüber und hielt die Hände breit auf den Knien.
Großvater zog die Pfeife wieder heraus, drehte den großen, grauen Kopf nach Lassen hin und kniff ein Auge zu: „Naa, Hans Peter -- ~min ven~,[2] uns machst du nix vor. Wir machen das ordentlich zu gleichen Teilen, daß die Jungens sich nix vorzuwerfen haben und alles seine Ordnung hat.“
Hans Peter zog die Mütze in die Stirn, setzte sich noch behaglicher zurecht und brummte ein wenig in den struppigen Bart. Aber die Sache war nun abgemacht, und Mutter ging, den Kaffee zu holen.
An dem Sonntag abend war das Meer ringsum wie eine zitternde Perlmutterfläche. Und zwischen dem Wunderglänzen saß Lars in Großvaters Boot und träumte. Das Boot war fest am Pfahl, und ganz leise glucksten die Wellen daran, wie ein schläfriges Flüstern der ewig atmenden Sehnsucht. Die Welt war goldenrötlich und glasig-licht bis hin zu den fern verschwimmendsten Ufern. Und wunderlich still und rein war die Welt. -- Und selbst die Möwen schienen es zu fühlen und glitten leise dahin auf sonngebadeten Fittichen. -- Und groß und heilig zogen die Leuchtewolken daher auf ihrer geheimnisvollen Bahn.
Lars sah ihnen nach, und es stieg ein Ahnen seines eigenen Lebens in ihm auf. So glitt es hin. Wer sagte: „Dort liegt dein Ziel?“ -- Fern -- fern im Perlmutterglanz des Unerkannten, Unergründlichen mochte es sein.
Am Strande aber, eh’ er nach Hause ging, war noch eines in ihm wach geworden. Er sah hinaus über die stille, schimmernde Weite, und es läutete in ihm, wie von Glocken. Nun gehörte er +ihr+. --
* * *
Bald darauf hatten sie alles mit Hinrich Maaß wegen des Bootes in Ordnung gebracht. Auch das Netzwerk war beschafft worden, wie Großvater es haben wollte. Und nun waren sie schon ein paarmal draußen gewesen. Und sie hatten ganz gute Arbeit gemacht.
Das war ein Tag unmäßigen Stolzes gewesen, als sie zum erstenmal im eigenen Boote hinausfuhren. Sie hatten Gesichter aufgesetzt, als sei es eine alltägliche Beschäftigung. Ganz gleichgültig gingen sie mit den Rudern und Netzen über der Schulter im Ölzeug zum Strand hinunter, obgleich es sehr wenig regnete. Und die beiden hohen, jungen Gestalten mit den lachenden Augen in den gleichgültigen Gesichtern sahen aus, daß es eine Freude war im grauen Morgenlicht.
Und die Arbeit war eine Lust gewesen die ersten Male, und nur eine Lust.
Als aber die nassen Taue ihre Hände durchgezogen hatten und sie die harte Arbeit in jedem Gliede spürten, da war es ein ander Ding geworden. Peter Lassen hatte auch in der Ziegelei schwer gearbeitet, und nur das Ungewohnte war zu überwinden. Aber Lars’ Körper war noch weicher, und die Last war fast zu groß.
Peter Lassen zog den Mund manchmal ein wenig auseinander und zeigte die weißen Zähne, wenn Lars unversehens nach seinem schmerzenden Rücken langte oder aufzuckte, wenn ihm das Seil durch die offnen Wunden in der Hand glitt. Dann zog Lars zornig die Brauen zusammen und tat seine Arbeit ohne Klage. Aber nachts im Bett stöhnte er manchmal auf vor Schmerz.
Mutter sah es wohl, aber sie wußte, daß sie ihm nicht davon reden durfte.
Lars drückte die Lippen hart aufeinander, und in dieser Zeit setzte sich auf seinem Gesicht der hölzern-unbewegliche, fast finstere Ausdruck fest. Aber hinter den stillen Zügen, da arbeitete es. Wenn die harte Arbeit ihn losließ, dann kam er ins Grübeln, denn er war nicht im gleichmäßigen Einerlei von saurer Arbeit und müdem Behagen aufgewachsen. Sein Geist war wachgerüttelt worden, und das weiche, schlafende Land seiner Seele war nun schon manches Jahr bebaut worden. Und grade jetzt war der bewußte Drang nach Wissen in seiner schweigenden Jungenseele aufgestanden und hatte sich nach dem Fernen -- Unbekannten gedehnt. Und es war etwas in ihm wach geworden, wie ein Hunger nach einem Großen, das er nicht kannte, und nach Taten, die ihm keiner hätte nennen können. Auch machten ihn jetzt die übergroße Müdigkeit und die schmerzenden Glieder noch mißmutig. Er konnte mit keinem von diesem sehnenden Leiden reden. Sie hätten ihn alle nicht verstanden, und Peter Lassen hätte womöglich noch gelacht. Und daß er alles so einsam trug, machte es noch schlimmer. Darum wuchs es in ihm zu einem Haß auf gegen diejenigen, die ihn so herumgeworfen hatten zu ihren selbstischen Zwecken. Wenn er an den fetten Onkel Gust dachte, oder gar an Tante Jette, dann ballte er die Fäuste.
Aber in Lars’ Seele war zu viel Leben, als daß sie hätte in Kummer und Grimm stecken bleiben können. Als das Rudern, Segeln und Fischen und der Stolz des ersten eigenen Verdienstes ihren Reiz verloren hatten, suchte er nach etwas Neuem, um seine überschüssige Kraft daran zu erproben. Das Zimmern und Bauen hatte ihm von je her mehr Freude gemacht als alles andere. Auch hatte er in der Stadt oft in seinen freien Stunden bei einem alten Bootbauer herumgesessen. Nun kroch er immer um Großvaters Winterboot, wenn er Zeit hatte, und befühlte es und hockte sich daneben und sann.
So ging der Frühling herum und ein Teil des Sommers.
An einem Sonntagmorgen, als die andern alle fort waren, saß er wieder bei Großvaters Boot, und die weich verschwommenen Sonnenstrahlen und die großen Wolkenschatten liefen über ihn hin.
Mit einem großen Seufzer stand er auf und ging nach Hause. Durchs Fenster sah er Mutter am Tisch sitzen; vor ihr lag die Bibel und das Sonntagsblatt. Die Sonne lief über ihr Gesicht und glänzte auf den weißen Strähnen in ihren Haaren. Wie viele Runzeln jetzt in dem Gesichte waren, kam es ihm so in den Sinn! Er ging nun sehr langsam und vorsichtig auf die Tür zu, denn er wußte, daß Mutter ihren Sonntag feierte, weil sie die Männer weit weg glaubte. Und unklar empfand er die herbe Würde in dem stillen Gesicht. Wie sie so dasaß und las, lag es über der alternden Frau fast wie eine vornehme Unberührtheit. Linkisch und fast verlegen bückte sich Lars zur Haustür herein. Sie schob die Bibel zur Seite, und ihm war, als habe er die Mutter nicht recht bekleidet überrascht.
Er holte sein Handwerkszeug und ging wieder hinaus. Aber es wollte nicht mehr recht gehen mit dem Messen und Probieren. Mutters Sonntagsruhe war mit herausgekommen und schwamm ringsum in der milden Sommerluft.
Großvaters Boot war hoch auf den Strand gezogen, fast unter die letzten Buchenbäume der Hölzung. Reglos starrten die Blätter in die graue Luft, nur manchmal war es, als rinne ein Zittern durch den Baum bis in das äußerste feinste Geäst. Ein Silberflimmerschein lag über dem Wasser, und von Zeit zu Zeit lachte drüben das andere Ufer in Sonnenleuchtefarben aus dem Grau.
Er fühlte nun auf einmal die feierliche Ruhe ringsum. Da paßte er nicht hinein mit dem zornigen Mißmut, der immer wieder in ihm aufquoll wie eine trübe Welle. Warum ihn dies Gefühl überkam, konnte er nicht sagen. -- Zur Kirche gingen sie hier nicht oft, der Weg dorthin war viel zu weit. Aber bei manchen von ihnen war ganz tief unten in ihren wetterharten Seelen eine keuschumfriedete Stelle; dort wohnte die Sonntagsstille. Da war Lars jetzt hineingetreten. Er schämte sich des Hasses und Mißmuts, die nicht klingen wollten mit der stillen Sonnenwelt. Er saß auf dem Bootrand, den Kopf ein wenig vorgebeugt, die Lider tief über den Augen, mit dem feierlich, fast finstern Ausdruck über dem Gesicht, wie er sonst in der Kirche darüber liegen mochte. Denn in der sonntäglichen Stille war es über ihn gekommen, daß er dicht um sich her eine große heilige Nähe fühlte, in der sein Denken und Fühlen ein Echo fand. „Du dummer Lars,“ klang es ihm, und er beugte den Kopf noch tiefer, -- „mit deinem Sorgen und Grämen und Zürnen! Es ist ja alles für dich besorgt und das Wegziel gesteckt. Geh’ nur tapfer geradeaus, du dummer Lars!“ --
[2] Mein Freund.
Kapitel X
Sie hatten die saure Winterarbeit gut überstanden trotz ihres billigen schlechten Bootes. Und auch den Zorn hatten sie verschmerzt, daß die andern Fischer ihrem Boot vorbeiliefen und mit breitem Lächeln über ihre Schultern nach den zwei Nachzüglern blickten. Und bei der harten Arbeit hatte Lars selten über seine Einsamkeit und seine große Sehnsucht nachdenken können.
Dann war es im Frühling gewesen, daß es in Lars endlich zur Reife gekommen war, was nun schon bald ein Jahr wühlte und wuchs. Er hatte tief aufgeseufzt, und dann begann er davon zu reden. Er legte alles langsam und bedächtig auseinander, und in Peter Lassens Augen zündeten sich Flammen an, und er schlug begeistert mit der Faust auf den Tisch. Hans Peter Lassen spuckte verächtlich aus und wollte von dem ganzen Unsinn nichts hören. Nun sah er endlich, wo die Bildung den Jungen verrückt gemacht hatte. Aber Klaas Klaaßen nickte langsam mit dem großen, grauen Kopf. Und am nächsten Morgen besorgten sie sich die Bohlen und Bretter.
Von der See aus sah man das Feuer und die beiden langen Gestalten, die sich davor bewegten. Und sie achteten nicht der Brandwunden und der schmerzenden Hände, wenn sie die Arbeit der Maschine tun mußten und das starke Holz über der Flamme bogen. Und von Zeit zu Zeit kam Großvater mit breiten, langen Schritten und stand mit den Händen in den Hosentaschen ganz still, wie aus Holz geschnitten, kniff manchmal ein Auge zu und sah wohlgefällig auf das Hämmern und Sägen, wie die Hobel weiß umhersprühten, und die jungen Gesichter glühten. Und Hans Peter Lassen kam wie zufällig vorbei und warf ein verächtliches Wort über die Schulter und sah doch hin und kam am nächsten Tage wieder und blieb allmählich bei Großvater stehn, die Pfeife im Mund. Und die andern Fischer kamen und gaben in kurzen Worten Rat und Meinung. Aber die beiden Jungen ärgerten sich der Alten und hörten nicht hin.
Nun war’s darüber Spätsommer geworden, und heute war der große Tag! Lustige weiße Köpfe tanzten über die blaue See. Eisern fest hielt Lars die Riemen und Peter Lassen ging voraus mit dem Mast über der Schulter. Unheimlich laut klangen Lars seine eigenen Tritte auf den Brettern des Ricks. Er wußte, daß sie alle auf ihn achteten am Strand, Großvater und die andern alten Fischer, und er trachtete hart danach, eben so gleichgültig auszusehen, wie Peter; denn ihm war, als müßten ihm die Alten anmerken, wie sein Herz klopfte. Und er ging steifbeinig und mit langen Schritten bis ans Ende des Ricks.
Aber am Strand, auf den umgekehrten Booten saßen Großvater und Hans Peter Lassen und noch eine ganze Anzahl mit struppigen Bärten, wetterharten Gesichtern und scharfspähenden Fischeraugen.
Und einer oder der andere stand auf und folgte ihnen breitbeinig und gemächlich, die Pfeife im Mundwinkel, auf das Rick hinaus. Vorn am Rick schaukelte ein gedecktes Fischerboot auf und nieder. Ein wenig unbeholfen war die Form, aber sonst sah es neu und schmuck aus.
Peter ließ sich zuerst hinunter gleiten. Es hatte etwas Geschmeidiges, unähnlich seinem steifen Bewegen, wie er sich ins Boot schwang. Lars’ Hände zitterten, als er ihm die Riemen herunterreichte, aber sein Gesicht blieb gleichmütig.
Rrrr, ging das Segel hinauf. Die Fischer zeigten mit dem Daumen nach dem Segel und der Stellung des Mastes und nickten mit dem Kopf.
Und nun stießen sie sich ab. -- Lars saß am Ruder, den Kopf ein wenig nach vorn gestreckt. Wie sie vom Land freikamen, faßte sie die frische Ostbrise. Es rasselte und klapperte in den Tauen, die weißen Wellenköpfe sprangen gegen das Boot, aber es behielt die Nase oben und lief gemächlich gegen an. Da stieg eine rasche Farbe in Lars’ Backen.
Am Ufer aber hatte sich ein beifälliges Gemurmel erhoben, sie wurden fast lebhaft in ihrem Bewegen. Aber Großvater saß ganz still auf dem umgekehrten Boot und schmauchte. Nur seine Augen lachten.
Dies war die Probefahrt gewesen. -- Der siebzehnjährige Junge hatte es erreicht. Freilich, ein wenig schwerfällig war noch das neue Boot, und es lief auch noch kaum so schnell wie die andern Fischerjollen, aber es war doch ein seetüchtig Boot, das sagten sie alle, und daß es überhaupt lief, das war das Verwunderliche.
* * *
Das war an einem Sonnabend, und am Nachmittag brachte Lars mit Großvater die Fische nach der Räucherei.
Gegen Abend war der Ostwind zu Bett gegangen, und sie krochen mit schlappem Segel mühselig über die Bucht. Die Ufer spiegelten sich tief im Wasser, und die große Stille lag wieder auf breiten Flügeln über See und Land. Das lautlose Hingleiten und das ewige Schweigen um ihn her löste etwas in Lars’ Seele, daß die Härte des Mühens und Quälens ums tägliche Brot zurückglitt und er zum erstenmal anfing, von der Sehnsucht zu reden, einmal hinaus zu kommen über diese schlichte Runde von Mühen und Quälen, Essen und Schlafen. Und er fand auch Worte für seinen Zorn und Haß gegen den reichen Onkel und die satten Leute überhaupt. Aber der Alte hielt die Hand am Ruder, sah geradeaus über die lautlose Fläche und sagte kein Wort.
Als sie so eine Weile unhörbar hingeglitten waren, bewegte er langsam die Lippen, als spräche er mit sich selbst. Und mit eins fing er in seiner stockenden, murmelnden Weise an. „Lars, min Jung’,“ sagte Großvater. „Kannst du nich sehn, daß da rings herum alles so eine richtige, feine Ordnung hat, und paßt sich eins ins andere, rein wie mein Harmonium. Nur die Menschen machen da wohl mal einen Wirrwarr hinein. Das ist dann der verstimmte Ton, weißt du. Dann klingt das, als ob die ganze Melodie falsch ist, und kein Ton weiß mehr, ob er an seinem richtigen Fleck sitzt. Aber das bleibt alles ganz richtig, und wenn der eine falsche Ton weg ist, dann merkt man das. -- Ich glaube, jeder muß nur richtig fest auf seinem eigenen Ton bleiben, dann paßt ihn die große feine Ordnung überall herein. Nur wenn er nicht fest hält auf seinem Ton und wackelt herum und macht selbst einen Wirrwarr, dann muß er heraus. Wenn’s geht, läßt man ihn ganz aus der Melodie, und die große Ordnung rings herum, wo alles arbeitet und brauchbar ist, sucht auch nur, wie sie ihn los wird.“
Das traf Lars auch alles, als sei es in seiner eigenen Seele gewachsen. Nur dunstiger hatte er es auch schon gedacht. Aber von dem Drängen und Sehnen konnte Großvater eben doch nichts wissen.
„Ja“, fing er endlich wieder an und strich mit der Hand immer auf der Duchte hin und her, „wenn man bloß so wissen könnte, welches der richtige Ton ist, der einem eigentlich gehört. Das Boot habe ich doch fein gebaut, und zu so was habe ich doch mächtige Lust, da wär’ das doch dann richtig gut, wenn ich zuletzt +doch+ zum richtigen Schiffbauer käme. Aber wenn das dann nicht geht, was ist denn da mein eigener Ton?“
„Ja, min Jung’, das is nich so leicht, wie Spickaal essen. Das is nich leicht und finden das raus, und ebenso schwer is dann wohl das Erklären, denn das merkt jeder bloß ganz allein. Wenn’s auch manchmal nicht so geht, wie du denkst, mußt eben aufpassen und lauern, wo dich die große Ordnung hineinpaßt. Mit dem Gegenanstrampeln, wenn die Ordnung nich will, und das Ding nich reif is, wird das sein Leben nix. Das gibt man einen großen Tüter.“
„Aber immer so still sitzen und sich ducken, ist doch auch nichts. Da drüben in Wanbyll die Fischer, die halten zusammen und wollen mal die ganze Welt neu machen, das ist doch fein.“
„Das Zusammenhalten, ja, das is wohl was Rechts, aber mit dem andern all’ machen sie mir viel zu viel Lärm. Da glaub’ ich nich an, das is nich was, was die Ordnung reif gemacht hat. -- Wirst schon sehn, arbeiten und langsam wachsen, und kein Spektakel, sonst wird da mein Tag nix draus.“
Lars ruckte mit den Schultern, er war ungeduldig. Aber so oft er wieder anfing zu reden, Großvaters Mund war nun wie ein fester Strich und die Linien an den Seiten fest eingegraben. Er sagte kein Wort mehr. Er sah weit über See und kniff von Zeit zu Zeit mit dem einen Auge.
In Lars aber war nichts von der gleichmütigen Ruhe. Der junge Ruhm und dann das Gespräch mit Großvater hatten sein Denken und Fühlen wachgeschüttelt, daß ihm die Brust zu eng wurde. Und es bäumte sich in ihm der Wille in Auflehnung gegen das Stillehalten und Horchen. Heute abend wußte er, daß er handeln mußte, vielleicht wie die in Wanbyll es wollten, -- vielleicht anders. Nur nicht stillsitzen und abwarten!
Dann aber traten sie zurück in ihre stille Welt. Das Gleichmaß der Arbeit legte die schwere, ruhevolle Hand auf Lars, und unbemerkt glitt er in die dunstig-grüblerische Verträumtheit seiner Eigenwelt zurück.
Kapitel XI
Oben auf Moosgaard war Erntebier. Die Tage nahmen schon ab, und in der Dämmerung warf der feuchte, kalte Wind die Wellen klatschend auf die Steine.
Lars und Peter Lassen gingen zusammen den Fußsteig hinauf.
Peter hatte sich ein neues weißes Chemisett gekauft, das nicht recht in seiner Weste haften wollte. Aber sein Gesicht glänzte in gleichmütiger Würde über dem kleinen bunten Schlips.
Lars hatte jetzt ganz so einen blauen Anzug wie Peter. Er ging ins neunzehnte Jahr und sah groß und männlich aus.