Durch den Nebel: Roman

Part 13

Chapter 133,975 wordsPublic domain

„Nicht satt zu essen gibst du, Trina,“ sagte Peter und nahm die Milchflasche seines Jüngsten an den Mund.

Dora schlug ihm auf die Hand.

„Tut man nicht so, als ob er nur Milch saugen kann,“ sagte Lars. „Weißt du noch dazumal, Dora?“

„Was, dazumal?“

„Als ihn der Wirt vom Waldkrug beredet hatte, beim Feuerwehrfest hereinzukommen, und du ihn selbst wieder abholen mußtest?“

„Is nich wahr!“ sagte Dora.

„Na und unter den Arm mußtest du ihn nehmen, und der Jung’ lief voraus und schrie immer vor Freude: „Vater is dun“ -- „Vater is dun!“

„Da war ich aber erst fünf Jahr,“ sagte der Jung’.

„Sei man still, Lars,“ sagte Mutter Stina, „du bist damals allein gegangen, aber du machtest mächtig lange, steife Schritte, und ganz gerade gingst du auch nicht.“ Und dann lachten sie alle, und als die Sterne anfingen, in das breite, niedere Fenster hereinzublinzeln, standen sie auf und sagten ‚Gute Nacht‘. Und Klaus ging ein Stück mit und spielte die Harmonika dazu.

* * *

Ja, das waren ein paar gute Jahre für Lars Asmussen. Gerade wie der Pflanze, tut auch dem Menschen ein wenig Sonne not, wenn er sich voll und breit entwickeln soll. Packt ihn dann auch wieder der Sturm, so kann er nicht mehr sein Wachstum hemmen und ihn in krüpplige Formen zwängen.

Unbewußt fühlten es die Leute, wenn sie mit Lars redeten: Das war ein +Mensch+, der vor ihnen stand. Es war ein rechtlich starker Mann, und es war auch ein tüchtiger Arbeiter; aber unter dem rauhen, blauen Zeuge saß auch ein menschlich warmes Herz. Damals, zur Zeit seiner hölzernen Rechtlichkeit, achteten ihn alle, aber jetzt hatten viele Leute Lars Asmussen lieb.

Ja, das waren ein paar gute Jahre, das fühlte er selbst. Aber solche Leute, wie Lars, müssen immer wieder aus dem glatten Strome heraus. Kein Mensch kann sagen, warum es so ist.

Der Sturm lauerte darauf, Lars Asmussen zu packen. Und an einem schönen Juniabend fing sein erstes, leises Drohen an.

Kapitel XXX

Es war ein Juniabend. Die Sonne war längst gesunken, aber alle Dinge schwammen noch in milder Klarheit. Der Vollmond hing im schimmerigen Abendhimmel, aber es ging kein Scheinen von ihm aus in den taghellen nordischen Abend.

Die breite, lichte Scheibe hatte etwas Geisterhaftes in dem geheimnisvoll stillen Abendlicht. Auf der lichten, spiegelnden Fläche waren Lars und Peter bei der Arbeit. Vom Ufer kam der Duft der glänzenden Hollunderblüten und ferner, weicher Vogelgesang. Unbewußt hatte die beiden der Frieden eingesponnen, daß sie kein Wort sprachen und manchmal in der Arbeit inne hielten und sich umsahen.

„Sieh, da kommt doch wahrhaftig von draußen ein Boot.“ Peter zog die Riemen ein und starrte vor Verwunderung.

Lars legte das Netzzeug aus der Hand und sah sich um. „Was will der bei dem Wetter?“ sagte er böse.

„Werden draußen wohl die besten Fischplätze belegt haben, da versucht er’s hier.“

„Ist aber gegen die Abmachung.“ --

„Sieh, jetzt da drüben, wo Kords fischt, der geht wieder Anker hoch und läuft quer über.“

„Er soll nur nicht wieder anfangen mit dem Vorlaufen, das ist nicht das Rechte.“

„Er tut’s aber doch und sieh, da muß der andere wieder Kurs ändern. -- Nun geht er da auch noch vor. -- Der andere muß ganz nach der andern Seite kreuzen.“

Lars nahm die Netze wieder hoch. „Heute hat er das Recht ja eigentlich auf seiner Seite. Aber so macht’s nur böses Blut. Das ist nicht das Rechte. Ich will’s ihm sagen.“ --

Am nächsten Tage ging Lars zu Kords hin. Und er warnte ihn, daß er es nicht wieder tun solle. Aber Kords fuhr auf und fragte, ob sich Lars jetzt als Herr aufspielen wolle. Er sei sein eigener Herr und wolle es bleiben. Und er schrie so laut, daß noch ein paar Männer, die beim Segelfärben standen, herankamen.

Und sie standen zu Lars und gaben Kords alle Unrecht. Lars blieb ganz ruhig dabei, aber es kam doch so weit, daß Kords Lars die Arbeit für den Winter aufsagte. --

Auf dem Heimwege kam Lars ins Sinnen. Es tat ihm leid, daß Kords mit ihm gebrochen hatte, aber all seine harten, wilden Worte hatten Lars darum nicht weiter getroffen. Und daß die andern zu ihm standen, fest und zornig wie zu ihrem Könige, darüber mußte er lächeln. Das hätte ihn früher alles durchschüttelt in Zorn und stolzer Freude. Jetzt war es so, als ginge es ihn nicht viel an. Er wußte jetzt, daß er etwas zu wirken hatte hier in seiner Welt, das kein anderer für ihn tun konnte. Aber er grübelte und sann nicht mehr darüber nach. Er ging nur Schritt vor Schritt und wußte, daß er irgendwo ein Ziel erreichen werde. Und es war ein stilles Freuen in ihm, wie er in den lichten Abend hineinsah.

* * *

Zum Winter hatte Lars einen Mann in sein Boot genommen, der im Sommer auf der Ziegelei, weiterhin im Lande, arbeitete. Die Ziegeleiherren dort in der Gegend waren Dänen, und sie übten ein strammes Regiment. Da hatten einige von Streiken geredet und waren Genossen geworden. Aber die stöhnten wieder über die Abgaben und das Dreinreden der fremden Führer; und es half den Arbeitern auch nichts.

Es waren aber im Winter unter den Fischern viele, die im Sommer Maurer oder Ziegeleiarbeiter waren. Und mit der Zeit kamen sie zu Lars und sprachen mit ihm. Sie sahen, wie sich die Fischereivereinigung untereinander schützte und half. Da meinten sie, die Arbeiter könnten auch so einen Halt finden und sich an die Fischer angliedern.

„Darüber muß ich erst nachdenken,“ sagte Lars. „Vielleicht kann ich euch dann raten.“

Und er saß lange und sprach mit Peter darüber. „Sieh, wenn das so aus ihnen herauswächst, der Wunsch, Peter, dann mag da was dran sein, ich habe ja immer an so was gedacht. Wenn sie auch gemeinsam Geld zurücklegten, wie wir, und ruhige, ordentliche Leute aus ihrer Mitte zu Führern hätten. -- Was meinst du, Peter?“

„Ja, wozu eigentlich, Lars? Was soll es ihnen nützen?“

„Dann wüßten sie, wo ihr Geld bleibt, und wenn so eine große Menge fest zusammenhält, wagt sich die Parteihetzerei nicht so leicht heran.“

Peter nickte bedächtig vor sich hin. Dann saßen sie auch noch eine Weile und sannen, denn das Entschließen wuchs langsam bei ihnen aus schwerem, ernstem Denken heraus.

Der scharfe, harte Wind war in dem Herbst irgendwo in blauduftigen Fernen schlafen gegangen. Die gelben Blätter an den Buchenzweigen hoben sich an jedem Morgen wieder lautlos aus dem lichten Nebel und wiesen um Mittag wie goldene Finger in das durchsichtige Blau hinein. Ganz unmerklich breitete es sich wie ein abgelegtes Kleid von matten Wunderfarben um den moosig grünen Fuß. Und in den Knicks leuchtete an jedem Tage neue jauchzende Buntheit. Tiefrote Blätter und grelle Beerenbüschel, die in die Sonne hineinlachten wie ein heller Trompetenstoß. Daneben strebten späte, gelbe Blüten nach einer letzten, sonntäglichen Daseinsfeier. Aber im stillen, lauen Wasser hatten die Fischer mühsame Arbeit. Der Hering hielt sich in der Wärme nur kurze Zeit nach dem Fang, und der kleine Fischdampfer hätte an allen Enden zugleich sein sollen. Bis das Boot mit den Fischen zu den ausgemachten Sammelstellen kam, wo der Dampfer hielt, da drohte der Hering schon zu faulen. Denn manche Fischer hatten einen weiteren Weg, weil die Anlegestelle nach der Mehrzahl bestimmt war.

Kords hatte sich mit dem roten Trollsen zusammengetan, und die zwei Männer taten in zwei Booten die Arbeit von vieren. Nun verlangten sie, daß der Dampfer dicht bei ihren Fischplätzen anlegen solle. Aber sie bekamen den Bescheid, daß für zwei Männer der ganze Ertrag nicht benachteiligt werden könne. Da gerieten sie in Zorn und kamen zu Lars. Sie trafen ihn bei Mutter Stina. Und die kleine, alte Mutter Stina sank ganz in sich zusammen, als die lauten, zornigen Männer vor Lars hintraten. Der große, starke Fischer stand ganz still und fast gleichgültig, als sie ihm die Fäuste vors Gesicht hielten.

„Du wolltest bloß der Herr sein -- nun hast du uns betrogen! Wir wollen unser Geld wieder haben,“ brüllten sie ihm ins Gesicht.

Es war nichts mit ihnen zu machen, und sie traten aus der Vereinigung aus und verlangten Zinsen für das Geld, das sie zum Fischdampfer gegeben hatten. Die Zinsen bekamen sie auch; aber das Ganze machte viel böses Blut unter den Fischern. Auch hielten sich Kords und Trollsen an keine Regel mehr und störten, wo sie konnten. Sie fuhren sogar außen vor die Bucht, um in das Fischwasser von Kords Todfeind zu kommen. Dazu mußten sie fast die ganze Nacht auf dem Wasser liegen. Aber es gelang ihnen doch oft, und bei dem warmen Wasser war der weitere Weg für den andern eine böse Sache.

Da kam der auch und beklagte sich. Und als die Vereinigung gegen die beiden Wilden nichts machen konnte, schimpfte er auch darauf und drohte mit dem Austritt.

Im Winter wurde alles wieder ruhiger, und die Verhandlungen mit den Ziegelei- und andern Landarbeitern fingen an. Sie wählten schon ruhige, verständige Männer aus ihrer Mitte, die sollten alles mit Lars bereden, und im nächsten Herbst, wenn die Ziegeleiarbeit zu Ende war, sollten feste Beschlüsse gefaßt werden.

Kapitel XXXI

In dem Frühjahr kam die Wärme zeitig. Es war wie ein Atmen in den schweren, feuchten Schollen und ein Drängen und Tasten in den feinen Zweigen, und in der warmen Sonne flügelten gelbe und weiße Falter über die ersten saftig grünen Halme.

Aber das alles sah Lars nicht. Er hatte eine tiefe Linie zwischen seinen Augen und arbeitete hart. Und er wußte doch bei aller harten Arbeit, daß er es nicht aufhalten werde. Die gärende Unzufriedenheit von Kords und Trollsen hatte immer mehr andere angesteckt. Gerade weil Kords sich vor Lars schämte, wuchs ein Haß in ihm gegen den andern Mann, der so stark und ruhig arbeiten konnte. Und er und Trollsen suchten, mit ihrem Schimpfen andere gegen ihn zu gewinnen.

Noch ehe der Aalfang anfing, waren der Unzufriedenen so viele, daß die andern einsahen, der Dampfer war nicht mehr zu halten. Sie mußten ihn gut zu verkaufen trachten und nach Möglichkeit die Anteile herauszahlen.

Was in Lars vorging, erfuhr keiner; er ging seiner Arbeit nach und schwieg. Auch Trina wagte vor ihm kein Wort darüber. Aber sie ging jetzt manchmal zu Peter und Dora hinüber.

Dora jagte die vielen hellhaarigen, blauäugigen Kinder heraus, und dann setzten die drei sich an den Tisch, und es fielen zornig harte Worte über Kords und die andern Undankbaren. Und Peter fuhr sich mit der Hand durch die Haare und sann, wieviel wohl von ihrem Gelde zu retten und wieviel durch den Dampfer verloren sei.

Und dann kam endlich eine Verkaufsgelegenheit für den Dampfer. Gerade so, wie er sich für diese Bucht eignete, paßte er nicht anders wohin. Darum war es ein jämmerlich geringes Geld, das der Verkauf einbrachte. Und es ging ein Murren um zwischen den Fischern, das oft zu wildem Fluchen wuchs. Die einen tobten und schimpften über Lars und seine Pläne, die andern warfen es den unzufriedenen Hetzern vor, daß sie an allem Unglück schuld seien.

Aber Peter und alle die, welche zu Lars gehörten, waren jetzt still geworden; denn sie saßen in schweren Sorgen.

Es war nun nicht länger zu verbergen gewesen, daß Lars sein ganzes Erspartes in den Dampfer hinein gesteckt hatte. Schlimmer aber war noch, daß er sogar sein kleines Besitztum belastet hatte, um Geld für den Ankauf zu erheben. Nun fehlte nicht nur der Notpfennig für die schlechten Zeiten, sondern es galt noch Schulden abzuzahlen, denn die kleine Summe, die er vom Dampferverkauf erhalten hatte, deckte die Schuld nicht einmal ganz.

Da waren sie alle gedrückt und mutlos.

Nur Lars ging mit festen, schweren Tritten seiner Arbeit nach, und das ruhig starke Licht war in seinen Augen. Aber er arbeitete wieder so schwer, daß Trina ein paarmal weinend zu Mutter Stina kam in ihrer Not.

„Das kann ja gar kein Mensch aushalten, wie er das treibt. Wenn er nun noch krank wird, Mutter?“

Aber Mutter Stina hatte kein Trostwort für Trina. Sie hatte nun schon so viel erlebt. So viel auf und ab, so viel Sonne und schwarzen Schatten. Und sie hatte immer still halten müssen. Nun lag es wie herbe, schweigende Würde über dem runzeligen Gesicht. Und aus dem Schweigen konnte sie nicht mehr heraus.

Kapitel XXXII

Der Damm um das Wiesenland war schon im vorigen Jahre von Lars und Peter gebaut worden. Der kleine Klaus hatte wacker mitgeholfen. Es war ein großer, starker Junge für sein Alter und ebenso ein stiller Arbeiter wie sein Vater. Eine Kuh hatten Lars und Peter noch gemeinsam gekauft, ehe das Unglück mit dem Dampfer ihnen den Mut hatte nehmen können. Nun gingen die Kuh und ein paar Ziegen auf der Wiese, und die Milch brachte einiges Geld. Auch der Seegrasverkauf und die Tischlerei brachten Lars manches ein, und gegen den Winter war die Schuld schon fast abgezahlt.

Die ersten Monate des Heringsfanges waren gut. Dann aber kam eine grimmige Kälte. Unter der feinen Schneedecke lagen weit und still die weich gebetteten Koppeln, und unsäglich blau leuchteten die Wasserarme dazwischen auf.

Kalt und kälter blitzte das harte Blau, und dann war es mit eins aus mit der Fischerei, denn die Bucht stand mit Eis.

So ein Aussetzen der Arbeit war jetzt eine arge Sache bei der kaum gedeckten Schuld. Peter stand schimpfend auf dem Rick; denn auch er hatte ein großes Teil seiner Ersparnisse verloren. Aber Lars sagte nichts.

Die Kinder merkten es an diesem Weihnachten, daß bei den Eltern nicht alles so war wie sonst. Dora hatte das Weihnachtsessen knapper gerichtet, und auch der stämmige Klaus Asmussen war mit der Feier bei seinen Eltern nicht so recht zufrieden.

Am Weihnachtsabend saßen sie aber alle in der lieben alten Strohdachhütte bei Großmutter. Da grämten sie sich nicht weiter. Draußen ächzte und klapperte der eisige Ostwind, und es heulte im Schornstein wie ein Wesen in quälender Not. Aber um die kleine Lampe saßen sie gedrängt und warm.

Auf Großmutters Gesicht war heute so etwas Feierliches, wenn sie den Kaffee auf den Tisch stellte oder den Kuchen hereintrug. Man konnte gar nicht vergessen, daß heute etwas ganz Besonderes war.

„Wenn uns nun Großvater ein Weihnachtslied hätte spielen können,“ sagte Trina. Und dann sahen sie still nach dem Harmonium hin, von dem sich Großmutter nicht hatte trennen können. Da mußte es Klaus auf der Harmonika tun, und Doras Kinder stimmten ein, und der kleine Raum zitterte von dem hellen, lauten Klingen.

Lars war sehr still, aber er sah zufrieden aus.

Er saß hart am kleinen Fenster und stützte den Ellbogen auf das Fensterbrett. Eine Weile sah er hinaus in die finstere Nacht und friedlich, wie Weihnachtsglocken, ging es ihm durch den Sinn, was Jakob Lind ihm vorgestern gesagt hatte: „Karen kommt übers Fest zu uns.“ Lars würde Karen nicht sehn -- aber sie war da. Karen war wieder in Aalby.

Und dann sprachen sie mit ihm, und er antwortete. Und es war eine Milde in seiner Art, wie sie erst in den letzten Jahren im großen, starken Lars aufgewacht war.

* * *

Bald nach Weihnachten drehte sich der Wind nach Südwest, und über die klare, harte Bläue zogen graue Dünste. Es fiel von Zeit zu Zeit ein wenig Schnee, und in den letzten Nächten hatte es Rauhreif gegeben. Am frühen Morgen ging Lars nach dem Rick hinunter, um nach dem Eis zu sehen.

Sehr still und glitzerig lag die Winterwelt. Lars hörte kaum seinen eigenen Tritt im frischen Schnee.

So still war es auch in ihm geworden, ging ihm der Gedanke durch den Kopf. Immer so gerade vor sich hin ging Lars Asmussen. Nicht, daß er ein helles Ziel sah, auf das er zuschritt, aber weil er sich selbst treu geblieben war und auf seinem eigenen Wege ging, darum war er so ruhig geworden. In den harten Jahren des Mühens und des mühseligen Grübelns war ihm endlich eine Antwort gekommen aus der großen Ordnung heraus. Die trug er tief hineinversenkt in seiner schweigenden Seele. Selbst Lars Asmussen wagte kaum daran zu rühren. Aber seit sie ihm geworden war, da wankte er nicht mehr.

Lars war so tief in Gedanken, daß er fast erschrak, als ihn Peter anrief. „Der Eisbrecher ist heute endlich wieder los gegangen,“ sagte Peter.

„Dann können wir in der Rinne heute nachmittag fischen,“ sagte Lars, und es blitzte auf in seinen Augen.

„Wir wollen doch lieber warten, bis die Dampfer die Rinne ordentlich ausgefahren haben. Auf einmal dreht sich der Wind, und wir kriegen das Treibeis an den Hals.“

„Naa,“ sagte Lars, „ans Leben wird’s jawohl nicht gleich gehen!“

„Lars, du bist jetzt verrückt mit der Arbeit. Das hat ja keinen Zweck, so ein Quälen auf Tod und Leben.“

„Ich weiß nicht, Peter, aber mir ist jetzt immer so, als ob das alles einen Zweck hat, was so im Ernst gearbeitet wird. Wenn man’s auch nicht gleich merkt.“

Peter sah ihn an: „Meinst du etwa, daß das Ganze mit der Vereinigung und so was alles doch einen Sinn gehabt hat und einmal wieder zurecht kommt?“

„Ich weiß nicht, Peter, aber ich glaube das wohl. Das hat einmal Leben gehabt und Wurzel geschlagen, nun wird’s zu seiner Zeit schon wieder ausschlagen. Totkriegen können sie so einen Gedanken nicht, wenn er lebendig ist.“

„Hmm!“ machte Peter nachdenklich. „Christen Matthies hat mir Sonntag gesagt, drüben sprächen sie eher mehr davon als früher, und auf Kords schimpften immer mehr. Sein könnte es ja.“

„Na vielleicht erlebe ich’s nicht mehr,“ sagte Lars und sah in das graue Wolkengeschiebe hinein: „Sieh, da kommt wahrhaftig ein bißchen Sonne durch, und der Schnee fängt auch an zu kleben. Glaubst du, daß die zwei andern bange sind, in der Rinne zu fischen?“

Peter hob bedenklich die Schultern und rauchte in langen Zügen.

Die andern schüttelten alle die Köpfe, als sie davon hörten, aber sie gingen am Nachmittag doch mit.

Es war böiges Wetter geworden. Zwischen den türmenden Wolkenmassen schwammen manchmal grünlich lichte Ätherseen, und die Sonne brach heraus und umriß die finsteren Riesengebilde mit grellem Gold. In den Dampferrinnen hatten sich viele Heringe zusammengezogen, und die Männer arbeiteten angestrengt.

Einmal rief Peter herüber, daß der Wind schon zweimal umgesprungen sei. „Wir können bald mitten im Treibeis sitzen!“ Aber auch die anderen Männer wollten nicht vom guten Fang lassen. Und sie vertrauten auf ihre festen Boote.

Hier und da krachte es dumpf gegen die Planken, aber die Männer arbeiteten schweigend weiter und achteten nur, daß keine von den großen Schollen das Netz zerriß.

Klarer und weiter wurden die goldgrünen Ätherseen, je tiefer die Sonne sank, und die Kälte wurde wieder beißend scharf. Die nassen Bretter fingen an schlüpfrig zu werden, denn es fror. Die vereisten Taue schnitten in die Hand.

„Peter, was meinst du, der letzte Zug?“ rief Lars nach dem andern Boote hinüber.

„Ja, besser -- der letzte Zug!“ kam es zurück. -- Sie mußten tüchtig ziehn. Es war ein guter Zug, und das Netz war schwer von Eis. Christen Matthies war heute bei Lars im Boot. Lars wollte dem Alten die schwere Arbeit erleichtern. Er spannte jede Muskel. Aber nach dem schweren Quälen und Mühen der letzten Monate war Lars’ Körper nicht so stahlhart wie sonst. Er spannte und zog und trat mit dem rechten Fuße zurück. Die Bohlen waren jetzt spiegelndes Eis. -- Der Hacken glitt ab. Er wollte sich halten, aber er griff vorbei. Mit der Wucht des schweren, langen Körpers schlug er zurück, und die im andern Boot sahen, wie er über Bord ging. Sie waren gleich heran. Sie sahen wie er sich heraufkämpfte, aber die schweren hölzernen Fischerstiefel zogen ihn herunter. Wieder, wie damals als Junge, hatte Peter das Zeug abgerissen und war in das Eiswasser getaucht. Er öffnete die Augen im grünen Dämmern, daß ihn mit atemraubender Kälte umgab. -- Da war etwas Großes, Dunkles. -- Er griff hinein und ruderte mächtig mit dem freien Arm und den Beinen. -- So tauchte er herauf. -- Es war wie ein Krampf in seiner Brust von der eisigen Kälte, daß er nach Atem rang. Aber der Bootrand war dicht zur Hand.

Wie sie sich mühten und quälten, bis sie den reglosen, schweren Körper im Boote hatten!

Dann kniete sich Peter in seinem triefenden Zeuge über ihn hin und versuchte, ihn wieder zu beleben. Lars hatte nur wenig Seewasser in sich. Aber er regte sich nicht.

Da fing Christen Matthies an, ihn zu betasten und seine Glieder anzufühlen. Mit eins tat er einen leisen Ruf und Peter ließ Lars’ Arme los und sah auf. Da zeigte der Alte auf eine Stelle zwischen den nassen Haaren dicht über der Schläfe, die dunkel und klebig war von Blut. Es mußte von den schweren Eisschollen sein. Und Christen Matthies traurige Augen lagen still auf dem reglos edlen Gesicht mit den festgeschlossenen Augen. Aber Peter zog die Brauen nur finster zusammen und sah Christen Matthies ungeduldig an. -- Dann mühte er sich weiter.

Sie rieben ihn mit Branntwein und zwängten Branntwein zwischen die festgeschlossenen Lippen hinein. Und immer wieder versuchte es Peter mit den Atemübungen. Und dann legte er wieder den Kopf auf Lars’ Brust und horchte. Aber da blieb alles ganz still. Christen Matthies half immerfort, aber er sah noch trauriger aus als sonst, und die andern beiden wußten, was er dachte. Sie mühten sich lange, aber in die reglosen Züge kam nur noch stärker der Ausdruck ruhevollen Fernseins, und es war da keine Regung.

Dann war’s endlich, daß Peter sich aufrichtete und den andern ins Gesicht sah. Und seine Augen sahen hohl und dunkel aus. -- Und dann zogen sie das andere Boot heran, und Christen und der andere stiegen hinüber.

Peter ruderte ein Stück voraus.

Wie urgewaltige Gletscherberge türmten die Wolkenmassen weißblendend ins Abendlicht hinauf. Eisig klares Scheinen schwamm über der Winterflut. Ein feierlich verhaltenes Abendlicht gab ihm seinen Glanz. Aber zwischen dem goldumrissenen Urgeschiebe am Himmel blitzten strahlende Lichtstraßen tief ins Abendgold hinein. Und das dunkle Boot glitt langsam dahin. Und fast wie in Ehrfurcht blieb das andere zurück. Und der schweigende Mann an den Riemen hatte die Lippen fest zusammengedrückt und sah in die Abendwolken hinein.

Vom Rick ging der alte, traurige Fischer voraus zu Mutter Stina, um es ihr zu sagen; denn ihr Haus lag nah.

Dann klangen die schweren, dumpfen Tritte der beiden andern durch den Garten. Mutter Stina machte die Tür auf und trat zur Seite. -- Und dann trugen sie ihn in die Heimhütte unter das Strohdach und legten ihn auf Klaas Klaaßens Bett. Mutter Stina schob einen Stuhl her und setzte sich neben ihn und nahm seine Hand in ihre beiden alten Hände.

Nachher kamen die andern -- Trina und Klaus und Dora und Mutter Lassen.

Der kleine Klaus stellte sich gleich zu Großmutter hin und legte seinen festen, starken Jungenarm um ihren Hals. So blieb er stehen.

Auch der Arzt kam späterhin, aber er sagte nur, daß es so sei.

Da weinte Mutter Lassen laut auf, und ihr heulendes Klagen schnitt in die Stille. Peter saß immer am Fenster, den Kopf sehr tief in die Hand gestützt. Er stand auf und nahm seine Mutter beim Arm. Ganz ruhig und fast sanft führte er sie, aber er machte die Tür auf und schob sie hinaus.

Sie blieb auch gehorsam in der Winternacht, bis das Weinen nachließ.

Peter setzte sich auf den alten Platz und stützte den Kopf wieder auf. -- Es war, als könnten sie alle gar nicht mehr anders, als so still da sitzen und vor sich hinsehn.

An dem Tage, als der Sarg kam und Jakob Lind bei ihnen eingetreten war, saßen sie auch alle so. Als der Sarg aber geschlossen wurde, stand Mutter Stina auf. Sie ging ein wenig zitterig -- und trat an den Sarg. Leise streichelte sie über das schwarze Holz. -- „Leb’ wohl, Lars!“ sagte sie ganz leise, -- da schluchzte es in der Ecke, wo Trina saß, einmal auf, als ob etwas zerbräche. Dann waren sie alle wieder still.

Aber als die Beerdigung kam, gingen sie schweigend herum und taten, was sie mußten. Nur wenn man mit ihnen davon sprechen wollte, dann sahen sie, wie aus der Ferne mit verständnislosem Blick die Leute an und gaben keine Antwort. Dora zuckten dann die Lippen dabei. Aber Peter kehrte sich um und ging fort.