Durch den Nebel: Roman

Part 12

Chapter 124,081 wordsPublic domain

Als Karen die Schritte hörte und sich umsah, ging es wie ein ernster Schatten über die frohen Augen. -- „Gleich,“ sagte sie, „wenn ich hier fertig bin, will ich mit Ihnen sprechen.“ Dann setzte sie das Kind zur Erde und zog ihm die kleine Schürze zurecht. Es wollte weinen, aber sie gab ihm einen bunten Apfel zum Spielen und faßte dann selbst in die roten Früchte hinein. Der Korb war bald gefüllt, und sie schickte die Kinder damit ins Haus. Dann setzte sie sich zu Lars auf die Bank unter dem Apfelbaum und hob den Zweijährigen auf ihren Schoß. Lars aber sah immer unverwandt mit dem ernsten Gesicht vor sich hin, so als merke er gar nichts von der lachenden, reifenden Fülle ringsum, sondern sähn nur tief in sich hinein auf einen steten, festen Punkt.

„Nun?“ fragte Karen endlich und sah auf das Kind hinunter.

„Ich habe mir das überlegt,“ sagte Lars, und er sprach es eintönig, wie eingelernt, vor sich hin. „Es ist besser, ich komme nicht mehr hierher. Ich wollte aber gern, daß Sie das wüßten. Und ich wollte Ihnen auch gern Lebewohl sagen -- für immer“ -- setzte er leiser hinzu.

Sie hob den Kopf und sah ihn fest an. -- „Das habe ich schon immer gedacht. Ich gehe auch zum ersten Januar nach Hamburg in eine andere Stellung. Sie brauchten aber gar nicht erst zu kommen, ich hätte das schon so gewußt, warum.“

„Vielleicht wollten Sie auch nichts mehr von mir wissen -- jetzt!“ Es lag finster über seinem Gesicht und wie eine Bitte.

Es war einen Augenblick still. Ein Apfel fiel mit dumpfem Klang ins Gras. Auf dem schmalen Fußsteig hüpfte eine Amsel mit ihren Jungen und fütterte sie aus einem alten Apfel. Karen zeigte sie dem Kinde, und es lachte und streckte die Arme nach den Vögeln. Da sah sie Lars wieder fest in die Augen. „Ich wußte, daß es nicht so bleiben würde, wie die Zeit im Winter. Ich wußte, daß Sie wieder zurecht kommen würden, Lars Asmussen.“ Die Sonne lag ihr wieder in den Augen.

„Warum wußten Sie das?“

„Das weiß ich nicht, aber ich weiß auch, daß alles wieder ganz hell wird in Ihnen. Gott wird Sie noch brauchen, Lars Asmussen.“

Lars hatte die Ellbogen auf die Knie gestützt und sah tief ins lange Gras hinunter. „Wenn man aber nichts merkt und nichts fühlt.“ -- Er stockte.

„Sie fühlen es ja schon wieder, sonst wären Sie gar nicht so weit. Sie haben nur geschlafen bis jetzt.“ Sie war ganz rot geworden, solche Anstrengung war es ihr, so zu sprechen.

Er sah sie wieder an. „Vielleicht ist es so. -- Es muß wohl etwas sein“ -- er sprach nicht fertig, sondern stand langsam auf. Sie stand auch vor ihm. Das Kind hatte sie auf die Erde gleiten lassen, und es trottete zu den kreischenden jungen Amseln hinüber. Einen Augenblick ging es wie eine heiße Welle über sein Gesicht. Aber sie sah ihm fest in die Augen und gab ihm die Hand. Da hielt er sie fest in seiner schweren Arbeitsfaust, dann drehte er sich um und ging hinaus, und sein Gesicht war so ruhig wie sonst.

Auf den Koppeln stand fast überall das Korn in Hocken. Es knisterte förmlich in der warmen Sonne. Die Luft war sehr still. Hier und da schnarrte der metallene Grillenklang zwischen den glänzenden Stoppeln herauf. Lars stand und sah auf die strahlend weißen Wolken, wie sie hinter den Koppeln riesenhaft heraufwuchsen im tiefen Blau. Es war eine Stille in Lars Asmussen.

Er hatte vor den großen Rätseln gestanden und in die unergründliche Nacht gesehen. Aber er hatte mit Taten auf das Dunkel losgeschlagen. Und nun begann es, sachte, ganz sachte zu tagen. Und in Lars’ Seele war es so, wie zu der feierlichen Stunde, wenn der ernste Morgenwind vom kommenden Lichte raunt. Die letzten Jahre hatten harte Linien in sein Gesicht gegraben. Aber er ging wieder wie sonst fest und aufrecht seiner Arbeit zu.

Kapitel XXVIII

Christen Matthies war der erste, der im alten Vertrauen mit Lars zu reden begann. Die andern beiden Männer behielten noch eine Weile ihre verächtliche Art mit ihm. Aber er kehrte sich nicht an sie.

Er hatte ein paar große Aalkästen für die Räuchereien gezimmert und ein gutes Stück Geld damit verdient. So konnte er sein Land vergrößern. Auch brachte der Winterfang guten Verdienst. Was im Haus oder an den Booten zu machen war, zimmerte er alles selbst, so gab er weniger aus als die andern. Auch war Trina eine tüchtige Frau und hielt das Geld gut zusammen. Er hielt sich viel für sich in diesem Winter. Und Trina freute sich in ihrer stillen Art, daß er öfter bei ihr saß. Wenn er in der Arbeit absetzte, dann gönnte er sich wieder die alte Freude und saß hinter seinen Büchern. Er stützte dann wohl einmal die Ellbogen auf den Tisch und sann vor sich hin. Und ganz selten, wenn Trina fort war und Klaus in der Schule, holte er auch das dicke Bibelbuch aus der Schublade und saß und blätterte und sann. Und dann ging er wieder in seine Werkstatt im Schuppen hinter dem Hause und hämmerte und zimmerte und machte sich hier und da einen Nebenverdienst mit seinen geschickten Händen, daß sie zum Frühling endlich wieder Geld nach der Sparkasse bringen konnten.

In dem Sommer schaffte Lars nicht mehr so fieberhaft wie im vorigen Jahr, aber er arbeitete mit ruhiger Stetigkeit.

Das ruhelose Sehnen, das in ihm gewesen war, hatte ihn nun verlassen. Ganz tief unten im Grunde seines Herzens, dort, wo die stillumfriedete Stelle war, dort wohnte auch seine Liebe. Aber ebenso wie in seiner Knabenzeit, trat er dort selten ein. Wenn er einmal ganz einsam sonntägliche Stille um sich fühlte, dann legte sich, wie in alten Zeiten ein knabenhaft-ernster, fast finsterer Ausdruck über das braune Arbeitergesicht, in dem jetzt so viele harte Linien standen; dann war Lars in sein Heiligtum getreten. Aber es war nichts Finsteres, was er dort in der Stille fand. Da war Karens helles Bild, und da war Größeres als Karen.

Aber einen tiefen Ernst brachte er doch immer von dort ins Leben zurück. In dem Ernst bekamen die Dinge um ihn her ein anderes Gewicht und Maß. Der Hohn oder die Achtung der andern kümmerten ihn nicht viel. Darum konnte er auch Peters und Kords scharfe, harte Reden ruhig anhören, ohne ihnen, wie sonst, mit bittern, zornigen Worten zu antworten. Seine fast gleichgültige Schweigsamkeit machte sie stutzig, besonders da bei seiner Arbeit nichts mehr von Gleichgültigkeit war. Da wurde ihnen die verächtliche Art, die sie noch immer mit Lars hatten, zuerst unbehaglich, und allmählich fielen sie unbewußt in ihren alten Ton von den früheren Jahren zurück.

Die andern Männer, die mit ihnen zu tun hatten, empfanden die größere Achtung in ihrer Art, mit Lars zu reden, und nahmen denselben Ton an.

Mit einem lecken Boot oder einem kaputten Fischkasten fing es an. Da durfte er wieder raten und helfen wie in alter Zeit. Und allmählich waren es größere Dinge als Boote und Fischkasten, wegen derer sie zu ihm kamen. Und ganz allmählich ließen sie es zu, daß sich die Erinnerung an Lars’ böse Zeit verwischte.

Da merkte Lars, daß er sich doch noch freuen konnte. Und wie das lange, klare Sommerlicht wieder über dem stillen Wasser lag, da sah er mit festem, klarem Blick hinein. Und es war wie ein Widerschein des hellen Sommerlichts in seinen Augen, und wie er dastand, war es wie eine unerschütterliche Sicherheit über dem ganzen Manne. Er sprach jetzt noch seltener als sonst, und er ging auch seltener ins Wirtshaus. Aber gerade seine große Schweigsamkeit gewann ihm das Vertrauen der Leute noch schneller wieder.

Der Sommer war schon vorbei und der Heringsfang sollte wieder beginnen. Da war es an einem Abend, an dem das Sägen und Hämmern unten am Strande wieder in die große Stille hinausklang, daß Kords zu Lars herangegangen kam. Seine Hände staken in den Hosentaschen, und seine niedere Stirn sah noch finsterer aus als sonst.

Lars sah nicht auf von der Arbeit. „Naa?“ fragte er, als sich Kords neben ihn stellte.

„Naa,“ sagte Kords, „wer soll das Boot haben?“

„Hinrichsen,“ sagte Lars.

„So’n Ding kriegt leicht ein Leck,“ sagte Kords.

„Warum?“ brummte Lars und hämmerte dröhnend auf die Planken.

„Naa, wenn man das rammt, so hier mit dem Vordersteven in die Breitseite!“ Er fuhr mit der Hand an den Planken entlang und wischte dann mit der knotigen, großen Faust durch sein Gesicht und schnaufte dabei ein wenig verächtlich.

Lars tat noch ein paar Hammerschläge, dann richtete er sich auf und sah Kords an. „Was ist eigentlich los?“ fragte er.

„Das habe ich gestern ausprobiert, was so’n Boot aushält, an dem da von dem verfluchten Kerl!“

„Was für’n Kerl, nun erzähl’ vernünftig oder laß mich bei der Arbeit!“

„Na, weißt du noch, von dem, der mich dazumal mit dem Stein geschmissen hat?“

„Na, das ist wohl öfter bei dir vorgekommen!“

Kords stand da, groß und dunkel gegen die helle See, und als stäken die überkräftigen, verarbeiteten Glieder überall zu groß aus seinen Kleidern hervor. Es war nichts von Spaß an ihm, nur etwas Mißmutiges, und eine ernste Wirklichkeit sah aus seinen tiefliegenden, kleinen Augen heraus. Als Lars ihn ansah, stellte er Hammer und Säge zur Seite und setzte sich auf den Bootrand. „Naa?“ fragte er noch einmal ernster.

Fast zornig, als rede er wider seinen Willen, und ruckweise fing Kords an:

„Du weißt doch, dazumal in der Stadt, als ich nicht streiten wollte und mir der Kerl den Kopf halb einschmiß? Na, den Kerl kriegte ich dazumal doch nicht zu packen. Aber denken konnte ich mir, wer’s war. Da war so’n junger, bummliger Lump, der konnte mich nicht leiden und soll nachher auch so ein paar Redensarten gemacht haben, daß man ganz gut merken konnte, der war’s! Na, der verfluchte Kerl ist nach Seegaade gezogen und fischt mit so ’nem andern Kumpan da draußen. Laß ihn, hab’ ich mir gedacht, wenn ich mir auch nichts Schöneres hätte denken können, als dem was verwischen! Nu fängt das Untier aber an, wenn draußen zu tolle See steht, und kommt hier in die Bucht. Ich das merken, und sobald draußen Sturm steht, leg’ ich mich mit meinem Boot hin und laure. Ich sage dir, Lars, auf hundert Meilen kenn’ ich das Boot! Wenn nun der Kerl um die Landspitze kreuzt, und ich merke schon, da und dahin geht der Kurs, dann lauf’ ich vor, werf’ Anker aus und fang’ an zu fischen, und er kann abziehen und einen andern Platz suchen. Und wenn ich dann merke, er hält Kurs auf einen guten Fischplatz, laufe ich noch mal vor.“ Kords lachte rauh und schlug mit der Faust aufs Knie. „Na, gestern war das denn auch so. Du weißt ja, jetzt im Sommer habe ich doch meinen großen Jungen mit im Boot. -- Wie wir den fremden Kerl wieder reinlaufen sehen, gehen wir schnell Anker hoch und laufen ihm vor. Zweimal machten wir das, da wird er wild, kommt auf uns losgekreuzt, und wie er nah genug ist, fängt er ganz elend an zu fluchen. Na so was kann ich nicht so gut vertragen von so einem. -- Du weißt ja, was das für ein Nordweststurm war gestern. Der Junge reißt das Segel hoch, und ich lege das Ruder um, so daß wir mit toller Fahrt losgehn, und eh’ der Kerl merkt, was ich will, habe ich ihn Steuerbord gerammt. Ich sage dir, Lars, der und sein Freund, die mußten schöpfen, daß sie trocken ans Land kamen, und meinem Boot hat’s kaum was gemacht!“ Kords lachte wieder fast roh heraus.

Aber Lars sah immer ganz gerade vor sich hin.

„Du mußt ihm Geld geben, daß er dich nicht verklagt,“ sagte er nach einer Weile bedächtig.

„Das tu ich nicht, ich wollte, er wäre ganz ersoffen!“

„Dann wirst du wohl ins Gefängnis kommen, denn der andere Mann kann ja bezeugen, daß du’s vorsätzlich tatest.“

Aber Kords stand finster da in der Dämmerung und sah nach der andern Seite.

„Dann verklag’ ich ihn wegen Mordversuchs.“

„Aber du hast keine Zeugen.“

„Wer weiß, ob ich nicht doch noch jemand auftreibe, der ihn durch den Hinterhof rennen sah.“

„Na,“ sagte Lars nachdenklich, „ich will’s denn mal versuchen, wenn man ihm mit den alten Geschichten droht, vielleicht hält er reinen Mund über diese Sache. Meinetwegen mag er mir sein kaputtes Ding bringen. Ich werd’s flicken.“

„Schön Dank!“ sagte Kords.

Und am nächsten Sonnabend segelte Lars hinaus und brachte die Sache in Ordnung.

Aber die Geschichte wurde doch unter den Fischern bekannt, und an den nächsten Sonntagen im Wirtshaus sprachen sie leise darüber. Und sie fluchten auf die Fischer von draußen, daß sie nun auch noch anfingen, bei schlechtem Wetter an ihren Fischplätzen in der Bucht zu fischen. Und alle freuten sich, daß Kords es dem von draußen gegeben hatte. Über Lars aber nickten sie wohlgefällig mit dem Kopf, weil er die Angelegenheit wieder zurechtgebracht hatte.

Da dauerte es nicht lange, daß er ihnen klar gemacht hatte, wie not es tat, mit denen draußen zusammenzuhalten und feste Gesetze über die Fischplätze und die Stellnetze zu machen. „Seht, wenn wir an Tagen, wo für draußen allzuviel See steht, feste Plätze für sie hier bei uns frei halten, werden die sich vielleicht drauf einlassen, die Stellnetze nicht so weit vor die Bucht zu setzen.“

„Recht hast du wohl, Lars Asmussen,“ sagte Christen Matthies langsam. „Aber wenn wir so eine Vereinigung gründen, kommt uns da nicht die Regierung herein, und wir dürfen nicht mehr denken und sagen, was wir wollen?“

Lars lachte still in sich herein. „Da sei ganz ruhig, Christen, du kannst meinetwegen in deinem Herzen auf gammel Danmark schwören. Wir wollen bloß zusammenhalten, damit jeder gerade sein kann, wie er will, und uns keiner hereinredet.“

„Fein wäre das,“ schrie Kords auf einmal und haute mit der Faust auf den Tisch. -- Und die andern um den Tisch nickten ernsthaft mit dem Kopf, und allmählich gingen sie alle darauf ein. Und da im Tabaksdunst der Wirtsstube taten sich die ersten zusammen.

Zuhause mit Peter hatte Lars noch länger zu reden, eh’ er bereit war, mitzumachen.

Dora hatte das Gute viel schneller gefaßt. „Warum denn +nur+ die Fischer, Lars, die Arbeiter auf dem Lande brauchen auch so was. Laß sie auch mitkommen, und dann können sie untereinander auch für ihre eigenen Kranken und die Waisen sorgen.“

Da sah Lars sie ernst an. „Vielleicht kommt das mal so, Dora.“

Dora brachte auch Peter allmählich so weit, daß er nachgab. Es dauerte nicht so sehr lange, da war die Vereinigung zustande gekommen; denn sie sahen fast alle ein, daß es not tat.

Und als es ihnen Lars recht vorgestellt hatte, gingen sie immer mehr mit dem Gedanken um, einen eigenen kleinen Dampfer zu kaufen, der die Fische direkt zum Markt brächte. „Und dann gehört noch dazu, daß wir einen Händler hätten, der zu unserm Verein gehörte, damit die Fischpreise von uns aus bestimmt werden und die Arbeit zu ihrem Rechte kommt,“ sagte Lars. Dazu schüttelten aber viele die Köpfe und meinten, daß es sich nicht machen lassen werde. -- Und als das Jahr herum war, da hatte es sich gezeigt, daß die neue Fischervereinigung gute Geschäfte machte. Die Fische kamen frisch und gut mit dem Dampfer zur Stadt. -- Und weil sie alle zusammenhielten, konnten die Händler nicht viel gegen sie machen; auch hörten sie, daß die Rede unter den Fischern ging, eigene Händler anzustellen. Es war vorgekommen, daß einige von den Fischern auch in der Schonzeit Heringe fischten, auch waren die Maschen der Netze bei vielen unvorschriftsmäßig eng. Es war aber sehr selten vorgekommen, daß der Fischmeister in dieser Bucht nachgesehen hatte. Darum setzten sich die Fischer zusammen und machten eigene Gesetze und schrieben ihre Anliegen nieder und wählten unter sich sichere Männer und schickten die zur Stadt, damit das Ganze von der Regierung bestätigt werde. Sie erreichten auch, was sie wollten, und die Fischer waren zufrieden.

Der erste dieser sicheren Männer, den sie wählten, war Lars Asmussen gewesen. Auch Peter Lassen war dabei und einige von draußen. Und nun kam es ganz von selbst, daß sie anfingen, diese Männer wie Führer anzusehn.

Als immer mehr Fischer der Vereinigung beitraten, da versuchten einige Krakehler von Wanbyll, Macht über sie zu gewinnen. Aber sie ließen sich nicht hereinreden und kamen nur überein, daß sie unter sich Geld zurücklegen wollten für Notfälle. Und wieder war es Lars, der alles deswegen ordnen mußte.

Kapitel XXIX

Lars hatte sich noch ein Stück niederes Uferland gekauft, auf das bei Wind viel Seetang getrieben wurde. Wenn Lars nicht Zeit hatte, dann stand Trina mit ihrem Jungen, und sie harkten das Seegras herein, und sie trockneten es und hatten noch einen guten Verdienst mit dem Verkauf.

Und Peter wußte, daß Lars immer mehr Geld auf die Sparkasse brachte, und daß er es zu etwas gebracht hatte in den letzten zwei Jahren. Auch sah er, wie sich die Leute von Lars führen ließen und daß es doch Hand und Fuß hatte, was er riet. Da wachte auch die alte Anhänglichkeit wieder auf, und er fing wieder an, zu Lars aufzusehn. Und hinter Lars’ Rücken rühmte er ihn vor den Leuten und machte ihnen klar, was Lars wolle, und kämpfte für seine Pläne. Und Peter kamen die Worte leichter als Lars, daß er manch einen gewann.

Sie erreichten es auch, daß der Fischdampfer nicht von dänischem Gelde gekauft wurde. Das meiste hatten die Fischer selbst bestritten, und es hatte viel Geld gekostet. Peter und Dora hätten gern gewußt, wieviel Lars dazugegeben hatte, aber sie bekamen es nicht heraus. Es mußte viel gewesen sein, meinten sie, weil er wieder so hart an der Arbeit war.

„Das ist ja gar kein Leben,“ sagte Peter und stand mit den Händen in den Hosentaschen dabei. „Man will doch einmal absetzen und +wissen+, daß man lebt.“

Aber Lars sah gar nicht auf, sondern hob den Ballen Seegras und trug ihn fort. Dann kam er zurück. „Sieh, Peter, wenn du mir mal hilfst, will ich hier einen Damm ziehen, damit mir die See nicht jedes Jahr über dies Land spült; dann kann das mal eine gute Wiese werden. Ein paar Kühe können wir uns dann vielleicht auch noch kaufen.“ -- Peter schüttelte den Kopf, aber er faßte an und half das trockne Seegras hereinschaffen.

Peter aber konnte nicht wissen, wann Lars „lebte“. Wenn er sich freute, dann schwieg er gerade so, wie wenn er litt.

Aber doch wußte Lars jetzt, daß er lebte.

* * *

Es war ein warmer Frühlingsmorgen. Der Regen hatte alles reingewaschen, nun kam der weiche, starke Wind vom Meer und streichelte mit dem Sonnenschein um die Wette an den jungen, feinen Blättern herum. Neben Lars’ Garten lief eine Quelle, die murmelte und rauschte, als ließe sie sich keine Zeit, vor Lust hineinzulaufen in den Sonnenschein und hinunter zu hasten nach dem großen Wasser. Lars saß auf der kleinen Bank am Haus, und sein Schatten fiel scharf und blau an die weiße Wand.

Trina trat aus der Tür. Es war Sonntag, und Lars hatte das gute, blaue Zeug an. Trina strich ihm ein Stäubchen fort, und ihre Hand nahm sich Zeit, wie eine Liebkosung. Lars sah in die weiche Bläue hinein und hielt wohlgefällig still. Er streckte die langen Beine in die Sonne, und ihm war wohl. Er konnte einmal aufatmen ohne Sorgen und wissen, daß er an seinem rechten Platze stand. Darum war ihm wie damals, als er ein Junge war. Er hätte sich wälzen mögen in dem frischen, jungen Grün vor lauter drängendem Behagen.

Jakob Lind kam über die Höhe zwischen dem wogenden jungen Korne daher. Er schlenderte gemächlich und hatte den Hut abgenommen.

„Guten Morgen, Lars,“ sagte er und kam in den Garten. „Ich soll zu Jes Land hinüber, der will meinen Rat haben wegen seines Jungen. Er kann selbst nicht kommen mit dem kranken Bein.“

„Wer ist das denn?“

„Weißt du nicht, von dem sagen sie ja, wenn er in Wanbyll steht, dann wirft die Nase noch Schatten bis Seegaade quer übers Wasser, so lang ist sie.“

Lars lachte in sich hinein und nickte.

„Aber dich muß ich auch was fragen,“ sagte Jakob, „wegen Jung-Klaus.“

„Na schieß los, Jakob! Ist der Jung ungezogen in der Schule?“

„Das ist es nicht. Ein Musterkind ist er ja gottlob nie gewesen. Dazu hat er zu viel Leben im Blut. Aber der Jung ist klug. Du solltest ihn was lernen lassen.“

Lars schwieg und sah wieder vor sich über das blaue Wasser in die blaue Luft hinein. Er griff nach der Pfeife neben sich und steckte sie bedächtig an. Langsam tat er ein paar tiefe Züge. Dann nahm er sie heraus und rief: „Klaus!“

„Vater!“ antwortete es aus dem Hause.

„So, nun sag’s ihm, Jakob.“

Da fing Jakob Lind an und sprach bedächtig und freundlich, und Klaus stand da, stämmig und groß in der blauen Wolljacke, ein wenig breitbeinig, so, als wollte er recht festen Halt haben an der Mutter Erde, und sah Jakob stramm in die Augen. Und Jakob setzte es ihm auseinander, daß er bei den Büchern bleiben und etwas Tüchtiges werden könne. „Vater könnte das wohl durchsetzen, wenn du gern möchtest.“

„Was sollte es denn sein?“ fragte der Jung’.

„Na -- vielleicht Schullehrer,“ sagte Jakob.

„Oha“, sagte der Jung’. Lars lachte. „Na, was möchtest du denn werden, du Däskopf?“ fragte er.

„Ich möchte wohl werden wie du, Vater,“ sagte Klaus und sah in fest an.

„Warum denn?“

Da steckte Klaus die Hände tief in die Hosentaschen und besann sich. „Weißt du, Vaa, das Fischen mag ich wohl leiden, immer so da draußen auf dem Wasser, und dann“ -- er grub die Hände noch tiefer, „dir hat keiner was zu sagen, du tust gerade, wie du willst, so möchte ich auch sein.“

Da sahen sich Vater und Sohn noch einen Augenblick in die Augen.

„Na, denn lauf wieder zu Mutter!“ sagte Lars. -- Es dauerte gar nicht lange, da kam von hinter dem Hause das trauliche Getön einer Ziehharmonika durch die Frühlingsluft.

„Er hat die Musik von Großvater,“ sagte Lars wohlgefällig. „Aber siehst du, Jakob, aus dem wird auch nichts weiter.“

Da nickte der. „Es mag wohl auch so am besten sein,“ sagte er und stand auf.

„Ich meine es beinah auch,“ sagte Lars. --

Und dann saß Lars noch eine Weile. Klaus war weiter fortgegangen mit seiner Ziehharmonika. Aus der Ferne kam das Klingen, und es paßte sich zusammen mit dem Murmeln des Baches. Und wie beides hineinschwamm in den Sonnenschein, war es wie eine heimliche Traulichkeit und ein sinniges Behagen in der weichen Frühlingsluft.

Ja dieser Zeit taute etwas auf in Lars’ Innerm. So etwas, was noch immer wie in hartem Krampf in sich verschlossen gelegen hatte. Bei all’ seiner Schweigsamkeit war doch etwas warmes Menschliches an ihm zu spüren. Trina wagte es auch wohl einmal, von Grund aus fröhlich zu sein, wenn der lange Lars in der Nähe war, und es saß jetzt manchmal in seinen Augen wie bei Großvater, ganz heimlich und versteckt, wie der Schalk. --

Sie lebten nicht mehr wie die Hamster oder Dachse, jeder nur für seine saure Arbeit und jeder in seinem eigenen Bau, sondern sie kamen alle zusammen, wenn sie Zeit hatten, und waren fast fröhlich dabei.

Am häufigsten kamen Lars und Trina mit ihrem Jungen und Peter mit seiner ganzen Familie Sonntags zu Mutter Stina herüber. Und Mutter Stina bediente sie und saß mit ihrem traurig-ernsten Gesicht zwischen ihnen, sagte selten ein Wort und war doch von Herzen froh.

Oder sie packten ihre Boote bis oben voll mit ihren schreiend-fröhlichen Kindern und fuhren mit ihnen über die Bucht, hinüber zu Kords oder nach Aalby zu und gingen zu den Linds hinauf.

Aber all das waren Feiertage in ihrem Leben, denn in ihrer harten Arbeit ließen sie nicht nach. Aber daß Lars überhaupt mit andern Feiertage haben konnte, das war das Neue, was er nun endlich in seinem Leben gelernt hatte.

Auch an Trinas Freuden und Wünsche dachte Lars jetzt manchmal. Als ihr Geburtstag herankam, da hörte er gegen Abend mit seinem harten Mühen auf und kam mit seinem Handwerkszeug vom Strand herauf. In der einen Hand trug er vorsichtig einen langen geräucherten Aal. Den brachte er ihr zum Geschenk. Der sollte heute abend gegessen werden.

Und gegen Abend kamen sie alle im guten Zeug nach Lars’ Haus heraufgegangen, Mutter Stina und Peter und Dora und die große Tochter, die bald größer war als Jung-Klaus, und der älteste, stämmige Sohn, der ganz so aussah wie Peter. Und das Jüngste, das noch auf dem Arm getragen werden mußte, brachte Dora auch noch mit. Und nachdem sie gegessen hatten, saßen sie alle herum in der Dämmerung, und Klaus spielte ihnen ein Stück nach dem andern auf seiner Ziehharmonika.