Durch den Nebel: Roman

Part 11

Chapter 114,011 wordsPublic domain

Da lachte Lars hart auf und stürzte ein Glas Grog hinunter. Es war kalt, und das heiße, betäubende Prickeln tat ihm wohl. Da forderte er ein zweites und ein drittes, und es war, als versinke das finstere Elend um ihn her, und ein wohliges Vergessen käme über ihn. Da lachte er wild auf und forderte immer mehr. Und er hörte es erst am nächsten Tage, daß er zu Hause geschleppt worden sei.

[6] Mit dem Geweih stoßen.

Kapitel XXV

Trina hatte manchmal Näharbeiten übernommen. Sie hatte das Nähen bei Frau Asmussen gut gelernt. Jetzt hatte sie es wieder aufgenommen. Mit ihrer Hände Arbeit schaffte sie manches für Lars heran, was ihm sonst gefehlt hätte. Denn in dieser Zeit tat es not, daß noch etwas Geld verdient wurde. Auch die Linds gaben ihr manchmal etwas zu tun. Karen hatte die Arbeit öfter zu ihr hingetragen. Aber jetzt ging sie nur zu der Zeit, wenn die Fischer auf See waren.

Es war ein früher Märztag. In der Luft lag das Geheimnis. -- Kahle Zweige ragten in die graue Luft, und öde, graue Flächen dehnten sich über die Koppeln. Und doch lag das Geheimnis in der Luft. Ein weiches Flügeln und Streicheln huschte über die Dinge und tastete sich bis in die Menschenherzen hinein. Und die Lerchen trieb es hinauf -- hinauf und drängte und weitete die kleine Brust, daß sie sich Luft schaffen mußten in zwitscherndem Gejubel und die Flügel regten im Takt, immer hinauf in das weiche Grau.

Denn die Lerchen glaubten an das Licht hinter den Wolken. --

Oben auf der Koppel, von wo der freie Blick über das Wasser geht, stand Karen und horchte hinauf nach den Lerchen. Ihre hohe, schlanke Gestalt stand dunkel vor der Luft, aber es war etwas Helles auf ihrer Stirn.

Karen war aufrecht ihres Weges gegangen, und keiner hatte über sie zu klagen gehabt. Da war nichts Zerdrücktes, Schwächliches an ihr. Ihre Last hob sie auf und deckte sie sorglich mit ihrem Stolze zu und ging damit vorwärts mit gehobenem Haupt.

Aber das Weiche, Tastende in der Luft hemmte ihr frisches Vorwärtsschreiten, daß sie sinnend einhalten mußte und hinaufhorchen nach den Lerchen und in sich hinein. Und die Gedanken stiegen auf und lagen auf ihrer Stirn, daß sie die Brauen zusammenzog über den hellen Augen und langsam weiterging, den Blick am steinigen Wege. Sie konnte und konnte es nicht verstehn. Warum saß diese Liebe ihr so grundtief im Herzen, daß sie sich selbst nicht denken konnte ohne diese Liebe? -- Es hatte doch alles Ding einen Sinn im wundersamen Weltgefüge. Wo war er hier? Warum konnte sie nicht einen andern lieben? -- Es gab tüchtige, starke Männer genug um sie her, und sie hätten die Arme weit aufgemacht für dies stolze, frische, junge Leben. Dann wäre sie reich geworden. Eigenes, zartes, junges Sein hätte sie an der Brust gewiegt. Und wie Siegesstolz wäre des Weibes höchste Lust ihr aufgegangen, wenn rote Kinderlippen sie Mutter nannten.

Aber es hätte alles angefangen mit einer großen Lüge.

Sich ohne Liebe zu geben, dazu sagte ihr ganzes Wesen „Nein“. Und ihre Liebe wohnte bei dem einen, für den sie zwecklos war in dieser rätselvollen Welt.

Und Karen setzte die Füße fest auf, als wollte sie die grübelnden Gedanken unter sich treten. Da sah sie die Fischerhäuser vor sich liegen, und sie atmete tief auf. Sie mußte irgendwo zugreifen -- vielleicht daß sie ihm helfen könnte durch die Frau. Sie mußte eben aufhorchen und achten, wenn der Augenblick kam, daß diese stumme Liebe zur Tat werden konnte.

Da stand sie vor dem Hause und schob die Gartentür auf. Mutter Lassens laute Stimme fiel ihr schrill entgegen, daß sie zurückstutzte. Denn dieses Volk zwischen den großen, stillen Weiten hat oft einen Abscheu vor dem Lauten und Rohen. Und Karen war auf einem einsamen Hofe ausgewachsen zwischen schweigsamen Leuten. Dann trat sie rasch über die Schwelle, aber in ihrer Art war etwas Gezwungenes. Und wie sie Trina ansprach, fühlte die es gleich, und das laute, breite Lachen grüßte Karen wie ein Schlag.

Da ging es wie ein kühler Hauch über ihr Wesen, und im harten Kampf gegen ihre Art bekamen die klaren, hellen Augen fast etwas Hochmütiges. Das verwirrte Trina nur mehr, daß sie nicht verstand, was Karen von ihr wollte, und ihre Art immer unsicherer und alberner wurde. Und dazwischen kam immer wieder das laute Lachen und breitete Trinas Gesicht, bis das Rohe es fast unkenntlich machte. Es war Karen fast unheimlich, mit ihr zu reden, und sie wandte sich an Mutter Lassen mit ihrem Auftrage. Die stemmte die Arme ein und kam diensteifrig heran, und ihr Gesicht legte sie in würdige Falten. Aber der Gedanke, daß diese zwei zu Lars gehörten, stieg in Karen auf wie ein zorniger Widerwillen. Mutter Lassens schwatzender Bereitwilligkeit antwortete sie mit knappen Worten, und in den Worten und den hellen Augen lag es immer wie Hochmut.

Dann wandte sie sich nach der Tür, und ihr Abschied von den beiden war wie eine Flucht.

Sie ging langsam über die Koppeln hinauf; denn seit dem Tode der Eltern hatte noch niemals so schwere Last auf ihr geruht wie heute. Und bei jedem Schritt stieg deutlicher das Bewußtsein von ihrer eigenen hochmütigen Kälte in ihr auf. Es war fast unerträglich, diese wachsende Scham. Und all das ahnungsjunge Frühlingshoffen von vorhin ward daneben wie ein lächerlicher Hohn.

Sie kam am Waldesrand entlang. -- Und tief aus den kahlen, dämmerigen Tiefen zog ein Klingen hinaus in die weiche, graue Luft. Es legte sich um das Menschenherz wie unsagbares Sehnen nach unerreichbarem Licht, und wieder wie ein zartes wachsendes Hoffen auf wunderlich-rätselvoll Verborgenes, ein Aufquellen aus geheimnisvollen Gründen, ein jauchzendes Erschauen und dann ein zart verklingendes, ahnungsvolles Hoffen.

Es war die erste Drossel, die Karen in diesem grauen Vorfrühling sang. Und sie legte die Hand über die Augen, und ihre Seele ging langsam Schritt um Schritt aus ihrer eigenen Unrast hin zu der hellen, rauschenden Quelle, aus der sie sich schon so oftmals junge, freie Kraft geschöpft hatte.

Im Flecken traf sie Jakob Lind. Der hatte gehört, daß Lars in den letzten Wochen oft betrunken gewesen war.

Aber sie sprachen nicht über das, was sie drückte, diese beiden. --

Jakob Lind und Karen gingen schweigsam den Weg nach Aalby nach Hause. Und das weiche, tastende Geheimnis aus der grauen Luft strich ihnen leise über die ernsten Stirnen.

Karen versuchte es noch ein paarmal, wenn Frau Lind Näharbeit zu Trina Asmussen besorgt haben wollte. Es gelang ihr auch wohl, daß die kühle, fast hochmütige Art aus ihrem Wesen fern blieb. Aber sie kam darum doch nicht viel weiter mit Klein-Trina, und sie fühlte wohl, daß noch etwas wie ein Widerwillen in ihrem Herzen saß gegen die arme Kranke.

Kapitel XXVI

Jakob Lind konnte Lars’ nicht habhaft werden. Er ging ihm nun schon seit vielen Wochen mit finsterm Gesicht aus dem Wege. Da kam ein Tag, an dem sich Peter an der Hand verletzt hatte und ein paar Tage aussetzen mußte mit der Arbeit. Jakob Lind hatte davon gehört, und er ging nach Mutter Stinas Strohdachhaus, und in seinem Kopf steckte ein Plan.

Die beiden Fischer saßen dort auf ihren alten Plätzen. Aber ihre ärgerlich-harten Stimmen klangen ungewohnt unter dem niedrigen Dach hervor. Sie saßen mit den Mützen in die Stirn gerückt und sahen jeder in eine Ecke, und über Mutter Stinas stillem Gesicht lag der Kummer wie eine schwere Last und hatte mit harter Schrift unzählig tiefe Linien hineingegraben.

Sie rührten sich alle kaum, als Jakob Lind eintrat, und grüßten ihn nur mit den Augen. -- Er fragte nach Peters Hand, und wen Lars zum Ersatz in seinem Boot hätte heute nacht. Denn die Luft war milde und still und günstig zum Fischen. Lars gab eine mürrische Antwort, weil er niemand hatte, denn im Sommer arbeiteten die zwei andern nicht mit ihnen. Da blitzte es fast lustig auf in Jakobs Augen. „So nimm mich mit, Lars, ich möchte einmal helfen.“

Da sahen sie wirklich aus ihren Ecken heraus und sahen sich an, und beide Fischer lachten halblaut vor sich hin. „Das wird wohl schwer halten, Herr Lehrer,“ sagte Peter, und er hatte etwas Mitleidiges dabei.

„Du kannst mich ja pullen lassen, Lars; das Auswerfen verstehe ich wohl nicht. Aber für einmal schaffe ich es wohl, mit dem Netz einziehn, wenn du mir’s zeigst. Und ich habe eben Lust dazu.“

Da sah ihn Lars sonderbar an und schwieg eine Weile. „Na, denn man zu, Jakob,“ sagte er endlich mit tiefer Stimme.

„Peter borgt mir wohl sein Zeug,“ sagte Jakob Lind.

„Es wird ein bißchen groß sein, Herr Lehrer.“ -- Und in Peters Stimme saß ein verhaltenes Lachen.

Es war eine von den wunderlichen, milden Nächten. Hier und da glitten die Wolken zur Seite, und durch graue Dünste goß der Mond ein zitterig rotes Scheinen über die Welt. Aus der frühlingsatmenden Erde stieg ein reiches, schweres Duften wie ein aufquellend-sehnendes Leben. -- Aber rings in der lautlos samtweichen Dunkelheit lag es wie seltsam schlummernde Dinge, wartend, aus ihrem leisen Schlafe aufzustehn und in das rötliche Geschimmer hinzutreten.

Merkwürdig laut klangen die Tritte der schweigsamen Männer auf den Brettern des Ricks. Und dann kam der Ton der Riemen in den Dollen und das leise, gleichmäßige Platschen. Das paßte sich hinein in das große Schweigen und ward selbst ein Klang der raunend-dunklen Heimlichkeit.

Es dauerte eine lange Zeit, dies schweigende Hingleiten. Aber endlich seufzte Jakob auf und nahm seinen Blick von der breiten, glitzerigen Flimmerstraße über den Wellen fort. Eine Weile sah er auf die dunkle Gestalt an den Riemen und ihr gleichmäßig schweigendes Tun. -- „Lars, es ist ja nur der eine Ruck, Mensch, daß du aus dir herauskommst, nachher ist dir leichter; das weißt du!“

„Es nützt doch nichts, Jakob. Es ist doch einmal alles verwirrt, am besten, man beißt die Zähne zusammen und schweigt.“ Und Lars sah wieder gerade vor sich hin.

„Aus dem Ärgsten hast du dich schon herausgewühlt, Lars, ich weiß es. Seit fast zwei Monaten warst du nicht im Wirtshaus. Du bist schon den ersten Schritt den neuen höheren Berg hinauf. Warum redest du denn davon, daß es alles nichts nützt?“

„Weil ich nicht mehr an den Berg glauben kann, Jakob Lind. Es ist ein ewiges Auf und Ab, weiter nichts!“ Die Stimme klang, als wenn er aufschrie in seiner Not.

„Seit wann ist denn das so gekommen?“

„Das kann ich dir nicht so sagen, Jakob,“ stockend und stoßweise sprach er. „Ich habe eben mit einmal gemerkt, daß ich es alles verpfuscht habe in meinem Leben, und ich hab’ doch eigentlich immer vorwärts und hinauf gewollt, und wenn das denn doch so zugelassen wird, dann ist da ja wohl auch alles tot und still hinter der Welt. Großvater hat sich das alles so schön gedacht, aber das war wohl nur so ein Spielzeug von ihm, und nun ist er ebenso tot wie ein Hering oder wie die Mücken von gestern.“

Da waren sie lange still.

Dann seufzte Jakob noch einmal auf und richtete sich ein wenig hoch, wie mit einem Entschlusse. „Und die Liebe Lars? -- Meinst du, wir wüßten nun nicht endlich, warum Karen nicht heiratet? So eine große, stille Liebe die gar nichts will und doch festhält, ist die auch nur in die Welt hineingehagelt ganz zweck- und sinnlos?“

„Das weiß ich nicht, Jakob.“ Und wieder klang das leise, gleichmäßige Patschen. Und der Mond war verschwunden, und unter dem Uferschatten lag die weiche, unheimliche Finsternis. --

Da fing er wieder an mit der sonderbaren Stimme, in der die Not hindurchzitterte.

„+Wenn+ es nur etwas gäbe, Jakob, irgendein Festes, an dem man es greifen könnte. Wenn ich alles Helle in meinem Leben verpfuscht und vertrieben habe, meinetwegen. Aber, daß man andere unter Wasser zieht, daß ich den Leuten nicht mehr helfen kann und dann“ -- Lars stockte und zog die Riemen ein und lehnte sich schwer darauf.

Da beugte sich Jakob ganz vor. „Mensch! Lars, dir ist Kraft gegeben über die Menschen bei all deiner träumenden Langsamkeit. Pack’ zu! Schaff’ dir wieder Mut!“

„Ich kann nicht, Jakob, wenn ich denke, es hat alles keinen Zweck, da ist kein Berg, auf den es sich lohnt, daß ich mich und sie hinaufschleppe. -- Es müßte da +ein+ Festes sein in dem großen Tüter. Weißt du eins, an dem man es sieht, daß da eine Ordnung ist in dem Ganzen und ein Wille dahinter. -- Früher, da dachte ich, der Jesus Christus mit seiner stillen, sicheren Art. Der sagt, daß er von Gott kommt, und dem kann man es glauben, wenn er sagt, daß er Gott gesehen hat. -- Aber da hab’ ich ein Buch gelesen, da war das alles klipp und klar bewiesen, daß er sich geirrt hatte und nur ein ganz gewöhnlicher Mensch war, so ehrlich und treu er auch sonst sein mochte. Und der Gott, an den er so fest glaubte, soll ihn im Stich gelassen haben, und mit dem Schrei ist er auch gestorben. -- Na, wenn der sich geirrt hat, dann ist ja doch auch nichts hinter der wirren Welt, und es ist eben alles gleich.“

„Lars, das läßt sich nicht so ausrechnen, wie die da in dem Buch geschrieben haben. Wir wissen nur so viel, daß sein bester Freund, der Tag um Tag mit ihm war, gesagt hat, er war ohne Sünde. Und das hat auch der allerbeste Freund noch von keinem Menschen sonst behaupten können. Und sieh mal, Lars, wenn dieser Mensch ohne Sünde sagt: ‚Wer ihn ansieht, der sieht Gott‘ und er ruft die ganze, große Menschheit zu sich und will sie allein zu Gott hinführen, dann muß er wohl wissen, wovon er redet.“

„Du magst ja vielleicht auch recht haben, Jakob, das ist dann doch auch wohl wieder so ausgeklügelt wie in dem Buch, nur anders herum. So recht verstehen wie ihr, die ihr euer ganzes Leben daran herum denkt, können wir einfachen Leute das ja nicht. Aber zum Weiterkommen hilft das Überlegen wohl nichts.“

„Nein, da hast du ganz recht, Lars. Ich glaube, du mußt dir mal Mutter Stinas Bibel herunter holen und die alten Geschichten ganz still für dich allein durchlesen, und dann einfach drauflos leben, so wie du fühlst, daß es recht ist für dich. Aber dann mußt du manchmal die Ohren aufmachen und in dich hineinhorchen und um dich in die wunderliche Welt. Da klingt sie schon herauf, die große Wahrheit aus der Tiefe. Weißt du, wir Männer sind mehr zum Anpacken und Vorwärtsschieben gemacht, glaube ich. Aber die Frauen, die sitzen noch näher an der großen Ordnung fest, von der Klaas Klaaßen immer sprach. Die hören die Stimmen aus den heimlichen Tiefen viel lauter. Ich glaube, die können uns helfen darin!“ --

Dann war Jakob still und wartete. Aber Lars hatte die Tür seiner Seele wieder zugeschlossen. Er schämte sich, daß er so viel gesagt hatte. Und Jakobs Reden wollte er gern unterbrechen. Darum gab er ihm die Riemen und fing an, das Netz auszuwerfen. Jakob fühlte, daß er genug gesagt hatte, und er trachtete nur noch, wie er Lars bei der Arbeit helfen könnte. Und die große, stille Nacht war um die schweigenden Männer. Und leise gluckste das Wasser, und patschend tropfte es vom Netz und glitzerte im rötlichen Mondlicht. Und weit draußen tauchten ein paar dunkle rundlich-breite Körper aus dem Wasser und versanken wieder, um weiterhin herauszuschnellen, mitten in der flimmerigen Mondesstraße.

„Sieh da, Tümmler,“ sagte Lars. Dann war es wieder still und einsam.

* * *

Es war an einem Sonnabend, als Lars und Peter die Fische nach der Räucherei brachten, daß Trina groß Reinemachen hatte. Es ging ihr viel besser, und Mutter Lassen hütete jetzt oft tagelang ihren Enkel in Peters Haus oder bei ihrer andern Tochter.

Die Fenster standen weit offen, und die weißen Gardinen bauschten sich im warmen, salzkräftigen Sommerwind. Ein starkes Duften trug er von den Jasminbüschen bis in die Stube hinein, und von Zeit zu Zeit summte eine Biene am Fenster vorbei.

Trina saß vor dem Tisch und räumte die Schublade auf, und der Wind hatte ihr ein paar Haarsträhnen über die Stirn geweht. Ihre Backen waren heiß, und sie glich wieder mehr Klein-Trina von früher.

Da klang ein leichter, fester Tritt vor dem Fenster. Karen trug ein Bündel im Arm, und es war, als brächten die hellen Haare und die hellen Augen noch mehr Licht in die Stube. Trina war so ganz bei der Arbeit, daß sie das Lachen vergaß, und Karen konnte ungestört ihr Bündel aufknoten.

Als sie ihr die Arbeit erklärt hatte, setzte sich Karen ans Fenster und rief Klein-Klaus heran. Er spielte vor der Tür und kam langsam Schritt vor Schritt näher, und seine prüfenden Augen ruhten ernst auf der Fremden. Aber das helle Kleid, auf dem der breite Sonnenschein lag, und die lachend klaren Augen gefielen ihm, und er stellte sich zu ihr. Trina freute sich, daß er einmal artig war, und sie sah schnell von ihrem Räumen auf.

Es war, als hätte der warme, sonnige Wind die Schwere zur Seite geblasen, die sonst in dem Zimmer zu lasten schien. Es wurde Karen heute fast leicht mit Trina zu reden.

Sie hatte eben eine Frage wegen Peters Kindern gestellt, da blieb Trinas Blick auf einem Stück Papier haften, und sie gab ihr keine Antwort mehr. Karen sah erstaunt auf Trina hin; aber sie starrte immer auf den Brief. Und jetzt sah sie, wie sich Trinas Schultern hoben, wie in unterdrücktem Schluchzen. Es ging wie eine Blässe über ihr Gesicht und wie etwas Gequältes.

Da schob Karen den Jungen fort und zog ihren Stuhl zu Trina hinüber. „Was ist es, Frau Asmussen, vielleicht kann ich helfen,“ sagte sie schnell und legte ihre Hand auf Trinas Arm.

Aber Trina rückte ängstlich zur Seite. „Nein, nein,“ sagte sie hastig und deckte die Hand über das Papier. Aber große Tränen waren in ihre Augen getreten, und sie sah Karen schnell ins Gesicht wie mit einer quälenden Frage. Aber Karen scheute sich, weiter zu drängen, und sah fast hilflos auf Trina.

Da legte die mit eins die Arme auf den Tisch und grub das Gesicht in die Arme und ihr ganzer Körper bebte in heftigem Weinen. Das ging Karen ins Herz, und sie legte den Arm um ihre Schulter. „Ich kann’s gewiß hören, Trina,“ bat sie.

Trina weinte laut auf und, ohne den Kopf zu heben, schob sie ihr das weiße Blatt hin. „Ist das wahr, o ist das wahr?“ schluchzte sie.

Auf dem Blatt stand ein kurzer ärztlicher Bericht über Trinas Befinden und die Angabe der Zeit für ihre Rückkehr. Und darüber gedruckt stand „Landesirrenanstalt“. -- Nun wußte Trina, daß sie nicht im Diakonissenhaus gewesen war. --

Karen strich ihr still über die Schultern. „Haben Sie’s gewußt?“ kam es endlich stoßweise zwischen dem Schluchzen hervor.

„Ja, Klein-Trina.“ Und Karen streichelte sie.

„Jetzt haben Sie Angst vor mir. -- Und sie mögen mich alle nicht mehr. -- Und oh, ich schäme mich so.“ Und Trina wühlte den Kopf noch tiefer, und das Schluchzen war herzbrechend. Da schmolz das Harte in Karens Brust, das die Tür gegen Trina Asmussen gesperrt hatte. Jetzt hatte sie vergessen, daß dies Lars’ Frau war. Es war nur eben Klein-Trina, ein Menschenkind in großer Not. Und sie redete ihr zu wie einem Kinde und tröstete sie, und daß die große, stolze Karen noch so zu ihr sein konnte, das half Trina aus ihrer ersten Not über die Schande, die auf ihr lag, heraus. --

Aber darum war sie doch noch da, wenn Karen ihr auch über dies erste Erfahrene hinweggeholfen hatte. Und Trina schämte sich. -- Und am allermeisten schämte sie sich vor Lars. --

Aber von dem Tage an wußte Karen, daß sie getrost in die Zukunft hineingehen konnte. Sie hatte Klein-Trina lieb gewonnen.

Kapitel XXVII

Lars Asmussen und Jakob Lind hatten recht. Es sitzt eine heilende Kraft im Anpacken. Der Mensch treibt mit seiner frischen Tat den Nebel vor sich her, daß er nicht mehr vor seinen Augen liegt wie eine trübe Wand. Und während er noch mit aller Kraft bei seinem Werke ist, hat sich leise, leise der Nebel geteilt, und der erste keusche Sonnenstrahl tastet sich durch das trübe Grau. -- Dann kommt wohl irgendeine treue Hand und rührt ihn an und sagt: „Da ist das Licht!“ Und er sieht auf und wagt fast noch nicht, sich zu freuen. Dann aber hebt er den Kopf in den Sonnenschein und zieht auf seiner eigenen Straße nach dem Ziel, das ihm in der großen Ordnung gesteckt ist.

Und vielleicht ist es gar nicht fern.

Aber das gilt ihm gleich, denn er sieht wieder, daß es auf einem hohen Berg gelegen ist und daß die Sonne scheint.

Der arme, kleine Mensch -- nicht einmal den Nebel kann er selbst vertreiben, um wieder seinen eigenen Weg in der großen Ordnung zu sehen! Nur tapfer handeln kann er, seiner Art getreu, und warten, bis der Nebel weicht. --

Lars war zu einem Entschlusse gekommen. Nicht, daß ihm Jakobs Raten viel genützt hätte. -- Guter Rat hat wohl noch keinen Mann aus dem Brunnen gezogen. Und gerade einem aus dem eigenwilligen nordischen Volke wäre es ein hartes Ringen gegen seine Art gewesen, auf fremdes Wort zu hören. -- Nein, der Rat tut’s selten, aber die Liebe tut es. -- Da ist es, als schlösse der andere Mensch ein Fenster in seiner Seele auf. Mancher tut’s schnell, als stieße er mit Kraft die beiden Flügel auf, der andere drückt und stemmt und bringt die rostigen Angeln nur mühsam auseinander. Aber wie es auch ist, und manchmal war es nur ein unbehilflich Wort -- aber von da innen aus der verschlossenen Seelentiefe sehen dann so wunderlich strahlende Dinge hervor, die man nicht nennen kann und nicht ausrechnend wägen. Aber für kurze Augenblicke hat sie der in der großen Not gesehen, und ganz leise, wie von fern kommt es ihm wie Lerchenglaube, daß da Licht sein könnte hinter dem Nebel. --

Lars hatte eins verstanden: Da war ein Mensch, der glaubte noch an ihn. Da wußte er, daß er wieder Mut fassen konnte, wenn er sich aufraffte.

Und er schämte sich seiner Tatenlosigkeit. Er ging durch Haus und Gartenland und sah, daß überall Arbeit wartete. Und wie er erst anzupacken begann, begriff er nicht mehr, daß er es hatte so weit kommen lassen. Es war zurückgegangen in Lars’ Wirtschaft. Und nun faßte ihn die Arbeit wie ein Fieber. Peter wurde es fast zu viel, weil Lars Stunde um Stunde draußen bei der Arbeit bleiben wollte. Und wenn er dann vom Fischen kam, machte er sich an die Kartoffeln, und Trina half ihm tüchtig beim Ausmachen. Und er besserte und hämmerte überall. Und dann machte er sich mit dem Dachdecker daran und setzte ein neues Strohdach auf Mutter Stinas Haus. Er wurde mager in diesem Sommer über all dem harten Arbeiten; aber als der Herbst herankam, war fast alles wieder so gut imstande in den beiden Häusern und dem Gartenland wie sonst, und das viele Arbeiten hatte auch Trina gut getan, und sie war so gesund und ruhig, daß Mutter Lassen zu ihrer zweiten Tochter ziehen konnte, wo eben wieder ein Kind geboren war.

In seinem Hause war es nun stiller und klarer geworden. Lars war kaum zum Nachdenken gekommen. Er wußte nicht recht, wie ihm selbst zumute war. Aber unbewußt war es auch klarer und ruhiger in ihm, und da war auch allmählich ein Entschluß gereift. Er wußte wohl, daß er die Unrast erst ganz los wurde, wenn er es sich ganz unmöglich machte, Karen wiederzusehen. Das wollte er ihr nun sagen. -- Es mußte ein Abschluß gemacht sein.

Es war ein warmer Sonntagnachmittag für den beginnenden Herbst. Lars ging nach Aalby. Als er in den Lehrergarten trat, sah er gleich, daß Karen hinten unter dem Apfelbaum stand. Die schweren Äste hatten viele Stützen, und doch bogen die rotbackigen Äpfel die Zweige fast bis zum saftiglangen Grase hinunter. Zwei hellhaarige, kleine Lehrerskinder standen neben Karen und hielten den großen Korb. Den kleinen Zweijährigen hob sie nach den bunten Äpfeln hinauf, und er patschte mit den dicken Armen in die vollen Äste hinein und riß von den lustigen Früchten herunter. Karen nahm sie ihm ab und warf sie in den Korb. Zwischen den Blättern aber lachten die hellen Sonnenlichter hindurch und schillerten auf all den hellhaarigen Köpfen und lagen wie goldene Flecke im schattig bläulichen Grase. Es war wie ein Zittern in der Luft von hellen, lachenden Kinderstimmen und warmen Sonnenlichtern.