Durch den Nebel: Roman

Part 10

Chapter 103,969 wordsPublic domain

Trina war sehr still gewesen in der Krankheit, aber nun begann sie viel zu sprechen. Helle-Dora setzte sich zu ihr aufs Bett, aber wie sie sich auch zu ihr beugte, sie konnte sie nicht verstehen.

Lars und Dora schüttelten den Kopf, denn nun das Fieber vorüber war, fing Trina an, wirres Zeug zu reden.

Es war an einem sonnigen Morgen, als sie zum erstenmal aufstand. Dora und Lars waren beide bei ihr.

Als Trina die Füße aufsetzte, sahen sich Lars und Dora entsetzt an, weil sie so wild und laut aufgelacht hatte.

Es zog sich noch ein paar Tage hin, dann sagte ihnen der Arzt, daß Trina den Verstand verloren habe. Es sei nicht selten nach dieser Krankheit, aber es sei heilbar.

Als sie ein wenig kräftiger geworden war, fuhr eine Pflegerin mit ihr in die Landesirrenanstalt.

Dora Lassen weinte bitterlich an dem Tage, aber Lars sagte kein Wort. Mutter Stina saß und hielt mit der einen Hand Larsens und mit der andern Klein-Klausens Hand.

* * *

Es waren nur wenige Monate, bis Trina wiederkam. Es sei eine entschiedene Besserung, sagten die Ärzte, aber es müsse noch auf sie geachtet werden.

Als sie Lars und ihr Kind sah, kam wieder das laute, breite Lachen, und Lars zog die Brauen zusammen wie in körperlichem Schmerz. Aber der Kleine sah sie mit großen, fragenden Augen an.

Auch Trinas Züge waren nicht dieselben geblieben. Sie waren breiter geworden, und es war fast etwas Rohes in ihnen.

Lars konnte nicht auf Arbeit gehen, Trina folgte ihm auf Schritt und Tritt, fast wie ein Hund, und wenn sie ihn nicht sah, geriet sie in Aufregung.

Und der kleine Klaus verlernte das Lachen dabei.

Es war wieder Frühling geworden darüber. -- Die weißen Wolken zogen durch das weiche Blau, kleiner und kleiner werdend in der duftigen Ferne, daß ein unnennbares Sehnen in den Menschen aufstieg, wenn sie hinausblickten in den weitausgespannten Raum oder über die See mit ihrem weichen blauen Schleier. Die Stachelbeerbüsche streckten vorschnelle, grüne Finger in die Luft, und im ersten warmen Strahle flügelten gelbe Falter zwischen den weißen Anemonen und den kleinen farbensatten Veilchen. Und weiterhin nach der Hölzung zu machten die gelben Primeln ihre weiten Sonnenaugen auf, und ein paar Rotkehlchen jauchzten sich zu, als müsse die Lust die kleine Kehle sprengen.

Unterhalb von Mutter Stinas Garten saß Trina am Strande und strickte. Die Sonne blinkerte auf den Stricknadeln.

Dicht vor ihr auf dem Rick arbeitete Lars an den Netzen. Von den großen, schwarzbraunen Geweben sickerte das Wasser in silbersprühenden Tropfen. Außer dem Vogelgezwitscher klangen von Zeit zu Zeit seine schweren Holzschuhe dumpf von den Brettern herüber.

Auf einmal drehte er schnell den Kopf nach Trina hin. Sie hatte so sonderbar gerufen. -- Da sah er, wie sie aufsprang und das Strickzeug von sich in die See warf. So schnell sie laufen konnte, stürmte sie den Strand entlang; kaum konnte der lange Lars ihr folgen. Auf einmal machte sie eine Wendung nach der See hin und lief in das Wasser hinein, daß es aufspritzte.

Lars war noch nicht heran, da hatte sie sich hineingeworfen.

Es war dort nicht tief genug, um gefährlich zu sein. Aber sie war durchnäßt und beschmutzt, als Lars sie ans Ufer zurückführte, und der rote Trollsen, der gerade vom Fischen kam, blieb stehen und sah ihnen nach.

Das alte Strohdachhaus war das nächste. Mutter Stina brachte sie zu Bett, und ihre leise, freundliche Stimme redete der Kranken gut zu. Da wurde sie ein wenig ruhiger, aber sie verlangte immer nach Lars.

Sie hatten ihr nasse Tücher auf die Stirn gelegt, und Lars saß bei ihr mit seinem stillen Gesicht, in das der Kummer scharfe Linien zu graben begann. Ein schummerig-grünliches Licht war in der Kammer, und allmählich kam Trina in Schlaf, und Stunde um Stunde saß Lars und wachte bei ihr.

Aber in der Hinterstube auf Großvaters Fensterplatz saß Mutter Stina, und bei ihr ganz still der kleine Klaus am Boden. Und ganz langsam tropften die Tränen aus Mutter Stinas alten Augen.

Zum Fenster herein kam das helle Gejubel des Rotkehlchens.

Kapitel XXIII

Von da ab wurde es besser mit Trina, und Lars konnte wieder auf Arbeit gehen. Aber ganz allein konnte sie doch nicht bleiben, darum zog ihre Mutter zu ihr. Hans Peter Lassen war schon vor ein paar Jahren gestorben. -- Kurz vor Großvaters Tod hatte ihn der Schlag gerührt. Frau Lassen war froh, daß sie eine Unterkunft fand, und zog willig in Larsens Haus. Aber Frau Lassen war eine laute, fast herrische Frau, und im Alter war sie schwatzhaft geworden.

Und das laute, breite Lachen seiner Frau, und das harte, zänkische Geplapper der Mutter umgaben Lars wie eine unerträgliche Qual.

Und Jakob wußte, wie es um ihn stand, und kam und sah nach ihm, wenn er Zeit hatte, und Frau Lind und Karen begleiteten ihn manchmal. Meist gingen sie am Strand entlang und versuchten, ihn zu treffen, wenn er dort allein an seinen Netzen arbeitete. Er wandte sich kaum nach ihnen um und hantierte an seiner Arbeit weiter mit seinen schweren großen Bewegungen. Frau Lind meinte dann wohl, sie sei ihm zur Last, und setzte ihren Weg fort, aber Jakob und Karen ließen sich von seiner mürrischen Art nicht stören.

Meist gab er nur kurze Antworten auf das, was sie ihn fragten. Aber einmal, als Frau Lind wieder vorausgegangen war und Karen bei ihm stehen blieb, fast unbeholfen, aber mit einem ernsten geraden Blick des Mitleids in den hellen Augen, da fing er an, vor sich hinzureden, immer, ohne sie anzusehen dabei. Sie hatten gerade von seiner Arbeit gesprochen, und er packte fast wütend in seine Netze hinein, während er sprach.

„Es ist eben alles grundfalsch,“ sagte er. „Ich hätte zupacken sollen und meinen eigenen Weg gehen und mich um die andern nicht scheren. Was können sie mir jetzt helfen! Wäre ich auf die Werft gegangen, so hätte ich es nun vielleicht zu etwas Tüchtigem gebracht. So ist bald alle Freudigkeit aus mir herausgequetscht, und ich bin zu nichts mehr gut!“

Sie stand ganz still hinter ihm, und er schaffte wieder weiter mit schweren, zornigen Bewegungen. Dann sagte sie stockend und so, als mache es ihr Mühe, ihre innersten Gedanken laut auszusprechen: „Lars“, sagte sie, „Herr Lind hat neulich etwas gesagt, das glaube ich auch ganz fest. Wenn man einen höheren Berg hinauf soll, muß man allemal wieder ins Tal hinunter. Vielleicht kommt jetzt Ihr höherer Berg.“

Aber Lars antwortete nicht, und Karen mußte weitergehen.

Es war aber nachher noch ein paarmal geschehen, daß sie über ernste Dinge zusammen zu reden kamen, bis der goldene Oktobertag kam, der die große Wendung brachte.

Es war ein trüber Morgen, und in dem schweren Nebel sah alles Ding traurig und ernst aus und als habe es das Leben tief in sich hineingezogen. Peter und Lars kamen mit schweren Tritten vom Strande herauf. Sie waren müde von der langen Arbeit. Mutter Lassen stand in Larsens Haustür. Sie stemmte die Arme ein und wiegte sich auf und ab. „Sieh, sieh, die vornehmen Herrn Fischer, unsere feinen Herrn kommen zu Hause, Trina!“

Peter warf seiner Mutter ein ärgerliches Wort zu und ging nach seinem Hause weiter. Trina wußte, daß die Art der Mutter Lars quälte, und in ihrer Not lachte sie ihm laut und breit entgegen.

Da ging er ohne Gruß an den Frauen vorbei und setzte sich an den Tisch. Trina brachte ihm zu essen. Und weil sie die Wolken auf seiner Stirn sah, setzte sie sich ihm gegenüber und sann, was sie für ihn tun könne. Über dem Sinnen kam aber das Lachen wieder und wollte nicht aufhören.

„Klein-Trina ist immer lustig,“ sagte Mutter Lassen. „Warum bist du so steif und still, du kleiner Klaus, geh’ hin und sprich mit Vater, erzähl’ ihm was, du dummer ~lill dreng~[5]!“

Aber Klaus drückte sich in die Ecke mit zornigen Augen.

„Willst du ungezogen sein, du dummes Kind?“ Und sie schüttelte ihn heftig bei der Schulter. Trina sah mit angstvollen Augen zu, und ihr Mund zog sich breit, als wolle sie weinen, aber sie lachte nur noch mehr.

Lars hatte schweigend fertig gegessen. „Laß den Jungen!“ donnerte er jetzt.

Da wurde sie wild. „Das will nu so ein feiner Herr sein und in die Bücher studieren und kann doch sein eigen Kind nicht erziehn, und wenn alte Leute mit Erfahrung die Wirtschaft mit dem Jungen nicht mehr ansehen können, so schreit er sie an.“

Sie keifte noch weiter, aber Lars war in die Nebenstube gegangen und hatte sich zu Bett gelegt. Er schlief fest, aber nach einer guten Stunde weckte ihn doch die schrille Stimme seiner Schwiegermutter und Trinas lautes Lachen.

Es war Sonnabend, und Peter und Lars gingen heute nicht mehr auf See. Da zog sich Lars hastig an und trat aus dem Hause.

Gegen Mittag war die Sonne durch den Nebel gebrochen; jetzt lag die Welt in goldener Herbstklarheit.

Lars hatte Besorgungen im Flecken. Er ging schnell, als wollte er dem Jammer hinter sich entfliehen.

Im Laden traf er Karen. Linds waren morgens mit ihr hergefahren, und sie war über Mittag bei einer Freundin gewesen. „Kommen Sie doch mit nach Aalby,“ sagte sie, „Lehrer Linds werden nun auch zu Hause sein, sie hatten nur kurz in Norbüll zu tun.“

Da ging er mit ihr. Sie waren beide hoch und schlank und schritten tüchtig aus, und die starke Herbstluft strich ihnen über die Backen und gab ihnen ein warmes Rot. Es lag etwas so Frisches, Junges in der Luft, daß das Blut schneller durch ihre Adern trieb und sich davon ein froher Schimmer in ihren Augen anzündete.

Die starke, junge Herbstluft mochte es auch sein, die ein wenig von der Schwere forthob, die auf Lars’ Schultern lag. Und es war gar nicht mehr, als ringe er jedes Wort wie in Not aus seiner Seele herauf, sondern er redete vertraulich und kam wohl einmal ins Erzählen.

Und ringsum lag die goldig-blaue Klarheit über den Koppeln, und wo der blaue Waldesschatten darüber glitt, da hing es noch wie weiche dunstige Schleier. Und an den trocknen Halmen schaukelten im linden Winde silberne Spinnweben, und in den feinen Wassertropfen spiegelte sich die goldene Klarheit wider. Aber zwischen dem allen jauchzte eines hervor wie ein Freudenschrei: Das waren zwischen den Koppeln da, wo die Meeresarme ins Land hineinlangten, die großen, blauen Wasserflächen.

Und Lars und Karen wandelten mitten zwischen dem Glanze.

Von Zeit zu Zeit stieg es wie ein Verwundern in Lars auf, daß sie ihn so schnell verstand und daß sie beide immer wußten, was der andere dachte und fühlte.

Und dann waren sie an den Wald herangekommen. Die weiche, feuchte Moderluft kam ihnen entgegen. Sie gingen langsamer, als sie in das mildgedämpfte Licht traten. Hoch und feierlich war der Raum. Die dicken, grauen Stämme ragten ernsthaft bis in das gelbe Blätterdach hinein. Ganz leise tastete sich manchmal ein zitternd goldener Strahl aus dem tiefen Blau zwischen dem gelben Dache hindurch zu dem farbentiefen Waldesboden.

„Hier wollen wir uns setzen,“ sagte Karen. „Wir haben ja Zeit.“ Sie saß auf einem Baumstumpf, und er war an ihrer Seite. Vor ihnen, tief gewurzelt und stark, stand die alte Buche mit den wunderfarbig sattgrünen Moosen am grauen Stamm, und eine hohe, schlanke Klettenpflanze hob sich davor in wundervoller Ebenmäßigkeit. Herbstmüde, lichtgrüne und gelbe Farren verdeckten den kleinen Bach, aber sein Murmeln spann sich wie ein endloses Lied von heimlicher Weisheit durch den feierlichen Herbstwald.

Lars hatte sich auf seinen Arm zurückgelehnt im weichen Waldboden. Er sah hinauf in das tiefe Blau zwischen den gelben Blättern. Von ungefähr, aus den unbewußten Tiefen, stieg ihm ein Erinnern auf an die Kinderzeit: Die breiten Kastanienblätter und das weiße Blütenlicht und Mutters Nähe. -- So wohl war ihm jetzt wie damals in der uralten Heimstätte, nur daß er es jetzt mit tiefen Atemzügen in sich trank, was er damals im Unbewußten wohl nur halb genoß. So vertraut war ihm das große, blonde Mädchen wie Mutter selbst; das war das Wunderliche an dieser Stunde. Er mußte sie fragen, wie das war. Da richtete er sich auf. Aber seine herbe Unbeholfenheit ließ ihn nicht die rechten Worte finden. Sie hatte sich vorgebeugt, um zu verstehen, wie er’s meinte, und sah ihm tief in die Augen hinein. Da überwand er sich und versuchte es noch einmal, aber es waren auch nur stockende Worte.

Mit eins aber ging eine Veränderung über ihr Gesicht, und wie er das andere Licht in ihren Augen sah, da wußte er, daß sie ihn doch verstanden hatte. -- Aber er wußte mehr -- er wußte auf einmal die Antwort dazu. Und in dem stillen, milden Waldeslicht sagten sich ihre Augen wunderliche Dinge.

Der milde Herbstfrieden und die heimlich süße Waldesstille waren es gewesen, die hatten den Wächter vor Karens Seele eingeschläfert. Da war die Seele groß und stark aus ihrem Haus getreten und hatte aus Karens klaren Augen herausgeblickt. Und die andere Seele hatte geantwortet, und still, wie der atemlos harrende Herbstwald, hatten sie miteinander geredet.

Dann kam es wie ein herbes Erschrecken in ihr Gesicht. Sie reckte sich auf und ging fest und schnell den Fußsteig nach Aalby voraus, und Lars folgte ihr.

* * *

An dem Nachmittage wunderte sich Lehrer Lind über Lars’ scheues, wortkarges Wesen, und die klugen, dunklen Augen der kleinen Frau Lehrer gingen angstvoll zwischen Lars und Karen hin und her. Aber Karen schien so ruhig und heiter wie sonst zu sein.

Lars blieb nicht lange. Als er nach Hause ging, hatte sich der Nebel wieder zusammengezogen. Er ging wieder durch den Wald. Als er unter die hohen Wölbungen trat, hatte das reglose gelbliche Dämmern etwas Unheimliches bekommen. Wie erstarrt hingen die gelben Blätter in der grauen Luft. Nur manchmal ließ hier oder dort eines müde seinen Halt los und glitt leise, geisterhaft durch den trüben Raum, und zögernd fand es seinen Weg zum tiefgrünen Muttergrunde. Lars hatte sich auf die Stelle vom Nachmittag gesetzt. -- Den Kopf hatte er in beide Hände gestützt. Er fühlte nur das eine: es war alles aus.

Er konnte nicht recht denken. Manchmal wollte es in ihm aufzucken wie heißes, wonniges Licht, daß sie ihn liebte. Aber dann kam es wieder wie die Herbstestrübe darübergezogen, unbarmherzig, fast unerträglich. Er hatte sie durch seine eigene Schuld verloren.

Und das Wasser neben ihm murmelte und raunte und spann sein Lied durch die Stille wie von Ewigkeit her. Und es klang unerbittlich, wie unabwendbar ewige Gesetze.

Tastend -- leise -- geisterhaft -- flatterte ein müdes Blatt vorüber. Und allmählich kam sein Leben und stieg vor ihm auf. -- Da war der alte, weiße Hof. Da hatten sie ihn fortgeschleppt, und sein Herz war fast darüber zersprungen, aber er hatte die Hand losgelassen, und als er groß und stark wurde, hatte er nicht einmal darum gekämpft. Und aus der heimlich schlichten Eigenwelt hatten sie ihn gerissen in ein Fremdes, in das er nicht paßte. Und dann hatten sie ihn wieder zurückgestoßen mit dem Hunger nach den fernen Landesgrenzen im Herzen. Aber er hatte es ertragen und nicht gekämpft um das ferne Ziel. Und da er ein Mann ward, sah er wieder einen offenen Weg vor sich; aber er war wieder umgekehrt, um anderer Menschen willen und um unklares Fühlen. Und zuletzt war die Frau in sein Leben getreten, die zu ihm gehörte, und er hatte es gar nicht gemerkt.

Es war so, als kämen die zahllosen Stimmen aus dem raunend-platschenden Hinfließen und sagten es ihm alles in Worten. Noch nie war dies in deutlichem Denken in seiner Seele wach geworden. Und er sann und quälte sich und sann, wie es so gekommen war. -- Er war immer so vor sich hingegangen im trüben Licht und hatte gewartet und geträumt und wieder gewartet in den weißen Nebel hinein. Der Nebel war es gewesen, der hatte es zugedeckt. Und nun war alles falsch und wirr.

Konnte er es denn ertragen, dies öde Leben, und ohne sie? Er hatte sich wieder an den Boden gelegt. Er deckte den Arm über die Augen. „Ich kann nicht,“ murmelte er.

Ganz, ganz leise fing es an, zwischen den trockenen Blättern zu rascheln und klappern. Dann kam ein leises, gleichförmiges Tröpfeln. Der Nebel war zum Regen geworden. Reicher, satter wurden die Farben in der Feuchtigkeit. Es kam ein farbiges Gleißen über die reglosen Blätter und die ernsten Stämme. Und geheimnisvoll wie das Rinnen des Baches klang das gleichmäßig leise, klappernde Tropfen.

War denn nirgends ein starkes Frisches, nach dem er hinsehen konnte und aufstehen und vorwärtsgehen? Er merkte nichts von der großen Ordnung. Das war ein schöner Traum gewesen, den sich der alte Fischer zurecht gesponnen hatte. Es war alles wirr.

Und das murmelnde Fließen rann und rann wie ein endlos mühseliges Gespinst. -- Und das öde Getropfe webte ringsum mit sachtem Rascheln. Aber aus der alten Erde stieg ein feuchter Duft, und es war, als ob ein Trieb der Stärke mit aufquoll aus dem dunklen Grunde. In dem reglos Liegenden wuchs das Wollen aus den Tiefen seines Wesens herauf. -- Es ist ein Wundersames um die Kraft, wie sie dem Mutterherzen der alten Erde entströmt. -- Lars stand auf, und er sah mit dunklen Augen fest vor sich hin. Noch war er ein freier Mann, und er wollte das Leben fest anpacken. Nur eines konnte er nicht: Karen lassen. Dies starke, treue Herz, das sein innerstes, wirres Wesen verstand, die mußte ihm helfen. Vielleicht, daß noch irgendwo eine Arbeit auf ihn wartete, und wie von ungefähr stieg Christen Matthies’ trauriges Gesicht in seiner Seele auf. „Er sollte lieber den kleinen Leuten helfen, wenn er so klug ist,“ hatte Christen Matthies gesagt.

So ging er durch den leise rinnenden Regen nach Hause.

[5] Kleiner Bursch.

Kapitel XXIV

Die Asmussens waren durch Trinas lange Krankheit zurückgekommen. Anstatt wie sonst Geld auf die Sparkasse tragen zu können, hatten sie Geld aufnehmen müssen. Das machte Lars mißmutig. Und das ewige Gejammer der alten Lassen darüber machte es nur noch ärger. Seit der Stunde im Walde war es wie eine wunde Stelle irgendwo in seiner Seele, und das Reden und das laute Lachen trafen darauf wie Peitschenhiebe. Da ging er ins Wirtshaus, und es war ihm selbst kaum bewußt, daß es der Gedanke aus dem Walde war, der ihn hintrieb.

Er setzte sich gleich zu Christen Matthies und wollte mit ihm reden über die neue Vereinigung, wie sie die Fischer in den andern Buchten hatten. Aber Christen Matthies war dänisch gesonnen, darum fuhr ihn Lars bald heftig und hochfahrend an. Da sah Christen mit den schwermütigen alten Augen fragend zu ihm auf und gab bald keine Antwort mehr.

„Ja, wenn wir die Fische mit einem eigenen Dampfer zur Stadt bringen sollen, wie die andern, woher sollen wir das Geld dann für einen Dampfer nehmen?“ fragte da Trollsen dazwischen, „Christen Matthies hat recht, wenn wir uns zu den Dänen halten, kriegen wir Geld zu viel billigeren Prozenten.“

Aber in Lars war die wunde Unrast, darum konnte er ihnen nicht in Ruhe klar machen, wie er es meinte, sondern geriet in Zorn. Da schüttelten sie die Köpfe über ihn und hörten nicht mehr hin. Und bald stand er auf und ging hinaus. Er trat aus dem Dunst in den stillen, klaren Herbstabend hinaus. Es hatte sich abgeregnet, und eine grünleuchtende Klarheit lag über der bunten Herbstwelt.

Es lag eine Dumpfheit über Lars und eine Müdigkeit. -- Das war also auch nichts. Denen würde er ebenso wenig helfen können, wie sich selbst. Er sehnte sich nach einem stillen Winkel, darum ging er zu Mutter Stina in die alte Heimhütte.

Zwischen den hohen, bunten Malven lag das kleine, grünbemooste Strohdachhaus wie im tiefen Schlaf, als hätte es über seinem leisen, traulichen Klingen sich und die Welt vergessen und wäre nun auch vergessen worden zwischen seiner bunt-blühenden Pracht.

Mutter Stina saß allein mit ihrem Strickzeug, und über dem alten Gesicht lag es fast wie Kirchhofsruhe. -- Sie fragte auch nichts. Sie ließ ihn still da sitzen und vor sich hin sehn. Dann ging sie in die Küche und holte ihm zu essen. Und als es dunkel wurde, ging er wieder nach Hause, und sie wagten ihn dort alle nicht zu fragen, wo er gewesen war.

* * *

Und nun kamen böse Tage für Lars Asmussen. Alles Ding war zwecklos und hatte seinen Sinn verloren, und nur der scharfe Schmerz von den harten, lauten Stimmen weckte ihn hier und da zur Wirklichkeit. Und alle Arbeit, die mit Unlust und halber Kraft getan ist, bringt kein Glück. So ging es in diesen Wochen rückwärts mit den Asmussens. Manchmal wollte Lars sich aufraffen. Dann dachte er an Karen. Er meinte immer, sie müsse ihm zum Rechten helfen können. Und dann suchte er sie zu treffen. Aber Karen wich ihm aus seit der Stunde im Walde. Und wenn sie einmal zusammentrafen, war ihm, als tue er eine Sünde, und er schämte sich hinterher vor Trina, und ihr Lachen reizte ihn nur noch mehr. So kam es, daß, wenn Lars und Karen zusammen waren, sie nichts davon hatten, sondern etwas Verstecktes, Unnatürliches zwischen ihnen lag, und sie es beide empfanden wie einen Schmerz. Aber doch lebte Lars nur für die kurzen, flüchtigen Augenblicke. Karen aber trachtete heimlich, eine andere Stelle anzunehmen. Doch sie wußte, daß Frau Lind sie nicht hergeben wollte. Sie ging ihr im Haushalte zur Hand, aber vor allem war sie ihr bei den Kindern unentbehrlich geworden; denn Jakob Lind hatte sich allmählich ein großes Gartenland zusammengekauft, und Frau Lind hatte viel zu tun. Die vier kleinen Kinder aber hingen an Karen. Und Karen waren sie ans Herz gewachsen, daß sie sich auch nicht schnell zum Scheiden entschließen konnte.

So zogen sich die trübseligen, unfruchtbaren Wintertage hin.

Wo im Walde ein krankes Stück sich verbirgt, da stürzen sich die starken und gesunden darauf und forkeln[6] es zu Tode. Und die Menschenherde ist nicht besser als das Wild. -- Die Männer witterten es, wie die Tiere wittern, daß etwas Krankes am starken, klugen Lars Asmussen war. Etwas, das nicht mitklang bei ihren Scherzen und das sich zusammenzog, wenn sie darauf schlugen. Eben eine Schwäche war da. Und darum schlugen sie darauf. Und wenn einer schlug, so schlugen sie alle. Sie dachten nicht darüber nach. Sie hatten nur Lust, so zu tun.

Aber es war noch eins, das traf ihn empfindlicher als das andere alles. Peter hatte sich gegen ihn gekehrt. Lars’ lässiges Arbeiten hemmte auch ihn. Und er hatte keine Geduld mit seiner unlustigen Art. -- Auch schämte er sich seiner Schwester. Ihre ganze Art mit dem sinnlos dummen Lachen lag auf Peter wie eine Schande. Und er war hart gegen Trina Asmussen, wenn er sie traf.

Und Peters unfreundliches Wesen verschüchterte sie ganz. -- Daß ihre Art auf Lars lastete und ihn hemmte, empfand Peter wohl, und er wäre Lars gern aus dem Wege gegangen deshalb. Stunde um Stunde aber band sie die Arbeit zusammen auf dem einsamen Meer. Und da wurde er hart gegen Lars und fuhr ihn zornig an, weil Lars ihm war wie ein Vorwurf, und er sich nicht zu helfen wußte in seinem Unbehagen. -- Daß Lars es jetzt mit so vielen hielt, war ihm immer zuwider gewesen. Aber heimlich war er doch stolz darauf, daß die Männer ringsum auf Lars’ Worte hörten und zu ihm aufsahen. Da sie aber von ihm ließen und mit harten Worten nach ihm warfen, da fühlte Peter, daß Lars im Unrecht gewesen war, und in seinem Zorn und in seiner Härte hatte er etwas Verächtliches gegen ihn.

Und es kam ein böser Wintersonntag, an dem der eisig feuchte Wind und die endlos kalte Öde den Menschen bis tief in die Brust hineinlangten und das bißchen Lust und Hoffnung herauszerrten und hinstreuten über das weite, graue Meer.

Lars ging allein am Strande entlang nach Wanbyll, und wieder sagte irgend etwas in ihm: „Ich +kann+ nicht“. Aber diesmal sagte er es nicht laut; denn seine Lippen waren aufeinandergepreßt, und der harte Zug saß fest um den Mund.

Der rote Trollsen wagte sich am kecksten an ihn heran und spöttelte offen über den Spaßverderber. Einige von den Männern um den rohen Holztisch zogen den Mund breit und sahen sich an.