Du deutsches Kind! Eine Gabe für unsere Jugend
Part 2
Der Bub' erschrak, sobald er dies vernommen. »Ach,« sprach er, »lauft doch nicht so sehr! Doch, wieder auf den Hund zu kommen, wie groß sagt' ich, daß er gewesen wär'? Wie euer größtes Pferd? Dazu will viel gehören. Der Hund, jetzt fällt mir's ein, war erst ein halbes Jahr; allein, das wollt' ich wohl beschwören, daß er so groß als mancher Ochse war.«
Sie gingen noch ein gutes Stücke; doch Fritzen schlug das Herz. Wie konnt' es anders sein? Denn niemand bricht doch gern ein Bein. Er sah nunmehr die richterliche Brücke -- und fühlte schon den Beinbruch halb. »Ja, Vater,« fing er an, »der Hund, von dem ich rede, war groß, und wenn ich ihn auch was vergrößert hätte, so war er doch viel größer als ein Kalb.«
Die Brücke kommt. Fritz! Fritz! wie wird dir's gehen! Der Vater geht voran; doch Fritz hält ihn geschwind. »Ach, Vater,« spricht er, »seid kein Kind und glaubt, daß ich dergleichen Hund gesehen; denn kurz und gut, eh' wir darüber gehen, der Hund war nur so groß, wie alle Hunde sind.«
Christian Fürchtegott Gellert
Das Kind.
Die Mutter lag im Totenschrein, zum letzten Mal geschmückt; da spielt das kleine Kind herein, das staunend sie erblickt.
Die Blumenkron' im blonden Haar gefällt ihm gar zu sehr, die Busenblumen, bunt und klar, zum Strauß gereiht, noch mehr.
Und sanft und schmeichelnd ruft es aus: »du, liebe Mutter, gib mir eine Blum aus deinem Strauß, ich hab' dich auch so lieb!«
Und als die Mutter es nicht tut, da denkt das Kind für sich: »Sie schläft, doch wenn sie ausgeruht, so tut sie's sicherlich.«
Schleicht fort, so leis' es immer kann, und schließt die Türe sacht und lauscht von Zeit zu Zeit daran, ob Mutter noch nicht wacht.
Hebbel.
Das Kind am Brunnen.
Frau Amme, Frau Amme, das Kind ist erwacht! Doch die liegt ruhig im Schlafe. Die Vöglein zwitschern, die Sonne lacht, am Hügel weiden die Schafe. Frau Amme, Frau Amme, das Kind steht auf, es wagt sich weiter und weiter! Hinab zum Brunnen nimmt es den Lauf, da stehen Blumen und Kräuter. Frau Amme, Frau Amme, der Brunnen ist tief! Sie schläft, als läge sie drinnen. Das Kind läuft schnell, wie es nie noch lief, die Blumen lockens von hinnen. Nun steht es am Brunnen, nun steht es am Ziel, nun pflückt es die Blumen sich munter; doch bald ermüdet das reizende Spiel, da schaut's in die Tiefe hinunter. Und unten erblickt es ein holdes Gesicht mit Augen, so hell und so süße. Es ist sein eignes, das weiß es noch nicht, viel stumme freundliche Grüße! Das Kindlein winkt, der Schatten geschwind winkt aus der Tiefe ihm wieder. Herauf! Herauf! so meint's das Kind; der Schatten: Hernieder! Hernieder! Schon beugt es sich über den Brunnenrand. Frau Amme, du schläfst noch immer!
Da fallen die Blumen ihm aus der Hand und trüben den lockenden Schimmer. Verschwunden ist sie, die süße Gestalt, verschluckt von der hüpfenden Welle; das Kind durchschauert's fremd und kalt, und schnell enteilt es der Stelle.
Friedrich Hebbel.
Des Mägdleins Schmuck.
Es wächst ein Blümlein _Bescheidenheit_, der Mägdlein Kränzel und Ehrenkleid. Wer solches Blümlein sich frisch erhält, dem blühet golden die ganze Welt.
Auch wird ein zweites, das _Demut_ heißt, als Schmuck der Mägdelein hoch gepreist. Die Englein, singend an Gottes Thron, es trag'n als Demant in goldner Kron'.
Ein drittes Blümlein, wo diese zwei nur stehen, immer ist dicht dabei: heißt _Unschuld_, sieht gar freundlich aus, das schönste Blümchen im Frühlingsstrauß.
So pflege, Mägdlein, die Blümlein drei mit frommer Sorge und stiller Treu'! Denn wer sie wahret, wird nimmer alt, er trägt die himmlische Wohlgestalt.
Ernst Moritz Arndt.
Der Jähzorn.
Ein junger Schäfer hütete im Gebirge seine Schafe. Eines Tages saß er auf einem Felsenstücke in dem Schatten einer Tanne. Er schlief ein und wankte und nickte im Schlafe beständig mit dem vorwärts hängenden Kopfe. Der Schafbock, der nicht weit von ihm graste, meinte, der Schäfer fordere ihn zum Zweikampfe heraus und wolle mit ihm stoßen. Der Bock nahm daher eine drohende Stellung, ging, um einen rechten Anlauf zu nehmen, einige Schritte zurück, rannte dann auf den Schäfer zu und versetzte ihm mit seinen Hörnern einen gewaltigen Stoß. Der Schäfer, der sich aus seinem süßen Schlummer so unsanft geweckt sah, geriet in wütenden Zorn. Er sprang auf, packte den Bock mit beiden Fäusten und schleuderte ihn weit von sich. Der verscheuchte Bock rannte fort und stürzte in den nahen Abgrund. Die Schafe, wohl ihrer hundert, sprangen dem Bocke nach und wurden an den Felsen elend zerschmettert. Der Schäfer aber raufte sich vor Jammer die Haare aus und bereute zu spät seinen Jähzorn. Chr. v. Schmid.
Eifer führt zum Ziel.
Der Hase verspottete einst die Schildkröte ihrer Langsamkeit wegen. »Die Natur«, erwiderte diese, »hat mir freilich keinen schnellen Schritt verliehen; dennoch getraue ich mir wohl mit dir um die Wette zu laufen.«
Mit Hohn und Scherz ward von dem Hasen dieser Vorschlag angenommen. Man bestimmte ein Ziel. Beide machten sich zu gleicher Zeit auf den Weg. Und unermüdet kroch auf schnurgeradem Pfade die Schildkröte fort. Ganz anders machte es der Hase. Um zu zeigen, wie sehr er seinen Mitbewerber verachte, hüpfte er bald rechts bald links und kam demungeachtet viel früher bis auf die Mitte des Weges. Ermüdet von den vielen Seitensprüngen legte er allda sich nieder um ein wenig zu schlummern. »Ich kann ja doch«, dachte er bei sich selbst, »die Schildkröte mit drei oder vier Sprüngen wieder einholen!« So schlief er ruhig, bis er von einem lauten Gelächter der Zuschauer erwachte. Jetzt wollte er sich hurtig aufraffen und ans Ziel eilen, als er -- o Schande! -- die Schildkröte bereits an demselben erblickte.
A. G. Meißner.
Einer für alle.
Beim Sturm auf Lüttich (1914) hatte eine deutsche Batterie nach schweren Verlusten eine gute Stellung gewonnen. Immer hitziger wurde der Kampf. Die schwere Artillerie der Festung schleuderte dem Angreifer zentnerschwere Granaten entgegen. Da plötzlich -- es war auf dem Höhepunkt des heißen Artilleriekampfes -- fällt eines dieser Riesengeschosse mit dumpfem Schlag mitten in die deutsche Batterie. Der Sand spritzt nach allen Seiten, das Geschoß liegt offen in der Höhlung. Jeden Augenblick kann es losgehen und alles Lebende ringsum töten. Da schießt dem Unteroffizier Heinemann der Gedanke durch das Gehirn: Lieber einer als alle! Er springt hin, rafft das schwere Geschoß auf und schleppt es an den Leib gepreßt eilends aus der Batterie hinaus. Wäre es in diesen Sekunden geplatzt, er wäre in tausend Stücke zerrissen worden. Aber die Tat glückte. Eine Strecke außerhalb der Stellung legte er die gefährliche Last zur Erde und eilte zurück. Doch kaum ist er eine Strecke gesprungen, da war die Zeit der Granate gekommen. Sie zersprang mit furchtbarem Brüllen und spritzte ihren totbringenden Eisenhagel nach allen Seiten. Wie durch ein Wunder aber blieb der Tapfere heil. Nur ein Splitter traf ihn in die Ferse, und als sieben Stunden später die Festung fiel, konnte er noch siegreich mit einziehen.
»Hamburger Fremdenblatt«.
Der Schatzgräber.
Ein Winzer, der am Tode lag, Rief seine Kinder an und sprach: »In unserm Weinberg liegt ein Schatz, Grabt nur darnach!« -- »An welchem Platz?« Schrie alles laut den Vater an. -- »Grabt nur!« O weh, da starb der Mann.
Kaum war der Alte beigeschafft, So grub man nach aus Leibeskraft. Mit Hacke, Karst und Spaten ward Der Weinberg um und um gescharrt. Da war kein Kloß, der ruhig blieb; Man warf die Erde gar durchs Sieb Und zog die Harken kreuz und quer Nach jedem Steinchen hin und her. Allein da ward kein Schatz verspürt Und jeder hielt sich angeführt.
Doch kaum erschien das nächste Jahr, So nahm man mit Erstaunen wahr, Daß jede Rebe dreifach trug. Da wurden erst die Söhne klug Und gruben nun jahrein, jahraus Des Schatzes immer mehr heraus.
Gottfr. Aug. Bürger.
Hoffnung.
Es reden und träumen die Menschen viel von bessern künftigen Tagen, nach einem glücklichen, goldenen Ziel sieht man sie rennen und jagen. Die Welt wird alt und wird wieder jung, doch der Mensch hofft immer Verbesserung. Die Hoffnung führt ihn ins Leben ein, sie umflattert den fröhlichen Knaben, den Jüngling locket ihr Zauberschein, sie wird mit dem Greis nicht begraben; denn beschließt er im Grabe den müden Lauf, noch am Grabe pflanzt er die Hoffnung auf. Es ist kein leerer, schmeichelnder Wahn, erzeugt im Gehirne des Toren; im Herzen kündet es laut sich an: Zu was Besserm sind wir geboren. Und was die innere Stimme spricht, das täuscht die hoffende Seele nicht.
Friedrich von Schiller.
Der beste Empfehlungsbrief.
Auf das Ausschreiben eines Kaufmanns, durch welches ein Laufbursche gesucht wurde, meldeten sich fünfzig Knaben. Der Kaufmann wählte sehr rasch einen unter denselben und verabschiedete die andern. »Ich möchte wohl wissen,« sagte ein Freund, »warum du gerade diesen Knaben, der doch keinen einzigen Empfehlungsbrief hatte, bevorzugtest?« »Du irrst,« lautete die Antwort, »dieser Knabe hatte viele Empfehlungen. Er putzte seine Füße ab, ehe er ins Zimmer trat, und machte die Türe zu; er ist daher sorgfältig. Er gab ohne Besinnen seinen Stuhl jenem alten, lahmen Manne, was seine Herzensgüte und Aufmerksamkeit zeigt. Er nahm seine Mütze ab, ehe er hereinkam, und antwortete auf meine Fragen schnell und sicher; er ist also höflich und hat gute Sitten. Er hob das Buch auf, welches ich absichtlich auf den Boden gelegt hatte, während alle übrigen dasselbe zur Seite stießen oder darüber stolperten. Er wartete ruhig und drängte sich nicht heran -- ein gutes Zeugnis für sein anständiges Benehmen. Ich bemerkte ferner, daß sein Rock gut ausgebürstet und seine Hände und sein Gesicht rein waren. Nennst du dies alles keinen Empfehlungsbrief? Ich gebe mehr darauf, was ich von einem Menschen weiß, nachdem ich ihn zehn Minuten lang gesehen, als auf das, was in schön klingenden Empfehlungsbriefen geschrieben steht.«
Magdeburger Zeitung.
Reinlichkeit.
Rein gehalten dein Gewand, rein gehalten Mund und Hand! Rein das Kleid von Erdenputz, rein die Hand von Erdenschmutz! Sohn, die äußre Reinlichkeit ist der innern Unterpfand.
Friedrich Rückert.
Hermann Billings Berufung.
Es war um das Jahr 940 nach Christi Geburt, da hütete nicht weit von Hermannsburg in der Lüneburger Heide ein dreizehn- bis vierzehnjähriger Knabe die Rinderherde seines Vaters auf der Legde[3], als plötzlich ein prächtiger Zug von gewappneten Rittern dahergezogen kam. Der Knabe sieht mit Lust die blinkenden Helme und Harnische, die glänzenden Speere und die hohen Reitersleute an und denkt wohl in seinem Herzen: das sieht noch nach was aus! Aber plötzlich biegen die Reiter von der sich krümmenden Straße ab und kommen querfeldein auf die Legde zugeritten, wo er hütet. Das ist ihm zu arg; denn das Feld ist keine Straße, und das Feld gehört seinem Vater. Er besinnt sich kurz, geht den Rittern entgegen, stellt sich ihnen in den Weg und ruft ihnen mit dreister Stimme zu: »Kehrt um; die Straße ist euer, das Feld ist mein.«
Ein hoher Mann, auf dessen Stirn ein majestätischer Ernst thront, reitet an der Spitze des Zuges und sieht ganz verwundert den Knaben an, der es wagt, sich ihm in den Weg zu stellen. Er hält sein Roß an und hat seine Freude an dem mutigen Jungen, der so kühn und furchtlos seinen Blick erwidert und nicht vom Platze weicht.
»Wer bist du, Knabe?« »Ich bin Hermann Billings ältester Sohn und heiße auch Hermann, und dies ist meines Vaters Feld; Ihr dürft nicht darüber reiten.«
»Ich will's aber,« erwiderte der Ritter mit drohendem Ernst; »weiche, oder ich stoße dich nieder.« Dabei erhob er den Speer. Der Knabe aber bleibt furchtlos stehen, sieht mit blitzendem Auge zu dem Ritter hinauf und spricht: »Recht muß Recht bleiben, und Ihr dürft nicht über das Feld reiten, Ihr reitet denn über mich weg.«
»Was weißt du von Recht, Knabe?« -- »Mein Vater ist der Billing[4],« antwortete der Knabe; »vor einem Billing darf niemand das Recht verletzen.«
Da ruft der Ritter noch drohender: »Ist das denn Recht, Knabe, deinem Könige den Gehorsam zu versagen? Ich bin Otto, dein König.«
»Ihr wäret Otto, unser König, von dem mein Vater uns so viel erzählt? Nein, Ihr seid es nicht! König Otto schützt das Recht, und Ihr brecht das Recht: Das tut Otto nicht, sagt mein Vater.«
»Führe mich zu deinem Vater, braver Knabe,« antwortete der König, und eine ungewöhnliche Milde und Freundlichkeit erglänzte auf seinem ernsten Angesichte.
»Dort ist meines Vaters Hof, Ihr könnt ihn sehen,« sagte Hermann; »aber die Rinder hier hat mir mein Vater anvertraut; ich darf sie nicht verlassen, kann Euch also auch nicht führen. Seid Ihr aber Otto der König, so lenket ab vom Felde auf die Straße; denn der König schützt das Recht.«
Und der König Otto der Große gehorchte der Stimme des Knaben und lenkte sein Roß zurück auf die Straße.
Bald wird Hermann vom Felde geholt. Der König ist bei seinem Vater eingekehrt und hat zu ihm gesagt: »Billing, gib mir deinen ältesten Sohn mit; ich will ihn bei Hofe erziehen lassen; er wird ein treuer Mann werden, und ich brauche treue Männer.« Und welcher gute Sachse konnte einem Könige wie Otto etwas abschlagen?
So sollte denn der mutige Knabe mit seinem Könige ziehen, und als Otto ihn fragte: »Hermann, willst du mit mir ziehen?« Da antwortete der Knabe freudig: »Ich will mit dir ziehen; du bist der König, denn du schützest das Recht.«
Otto übergab den jungen Billing guten Lehrmeistern, in deren Pflege und Leitung er zu einem tugendlichen und tüchtigen Manne erwuchs. Der König hielt ihn für einen seiner nächsten Freunde und vertraute dermaßen der Klugheit, Tapferkeit und Treue seines Pfleglings, daß er, als er seine Römerfahrt antrat, ihm das eigene angestammte Herzogtum Sachsen zur Verwaltung übergab. Dieser Hermann Billing ist der Ahnherr eines blühenden Geschlechtes geworden, welches bis zum Jahre 1106 dem Sachsenlande seine Herzoge gab.
Ferdinand Bäßler.
Wohltun macht Freunde.
Ein Venetianer, der häufig das Fichtelgebirg besuchte, um da nach edlen Metallen besonders nach Goldkörnern zu graben, kehrte oft bei einem Landmanne in Wülfertsreuth ein, der ihn gastfreundlich aufnahm und ihm bot, was er vermochte. Einstmals kam er wieder, jedoch um für immer Abschied zu nehmen. »Ich kehre jetzt in meine Heimat zurück, um die Früchte meiner langjährigen Mühen friedlich zu genießen,« sagte er, »und werde wohl nie mehr deine gastliche Schwelle überschreiten. Wenn du jedoch einst irgend ein Anliegen auf dem Herzen hast, so komme zu mir in das ferne Venedig und ich will dir von deinem Kummer helfen. Ich glaube, ich werde dich noch bei mir sehen.« Er schied.
Und siehe, nach langen Jahren zogen schwere Wolken über das kleine Haus, so daß der arme Mann keinen Retter mehr wußte aus Not und Sorgen als seinen alten Freund in Welschland. Da machte er sich auf, pilgerte gen Süden und erreichte glücklich die große Meerstadt. Nun ward ihm aber bange, als er die weiten Straßen beschaute. Wie wollte er seinen Freund ausfindig machen, dessen fremden Namen er längst vergessen?
Als er jedoch in halber Verzweiflung die köstlichen Paläste ringsum anstarrte, da rief es plötzlich aus einem derselben: »Hans, Hans!« und ein vornehmer Mann stürzte heraus, um den Staunenden zu umarmen. War das der Venetianer in den schlechten, schwarzen Kleidern, den er einst beherbergt? Der war es. Der reiche Mann hatte den Fichtelberger an der Tracht wiedererkannt und führte diesen hinauf in die Säle voll Pracht und Reichtum und vergalt ihm nun alles tausendfach, was er dem Fremdling einst in seiner Heimat Gutes getan. Reich beschenkt kam Hans zurück und führte von da an ein sorgenfreies Leben.
Schöppner, Sagenbuch
Das Loch im Ärmel.
Ich hatte einen Spielgesellen und Jugendfreund, Namens Albrecht, erzählte einst Herr Marbel seinem Neffen. Wir beide waren überall und nirgends, wie nun Knaben sind, wild und unbändig. Unsere Kleider waren nie neu, sondern schnell besudelt und zerrissen. Da gab es Schläge zu Hause, aber es blieb beim alten. Eines Tages saßen wir in einem öffentlichen Garten auf einer Bank und erzählten einander, was wir werden wollten. Ich wollte Generalleutnant, Albrecht Generalsuperintendent werden.
»Aus euch beiden gibt's in Ewigkeit nichts!« sagte ein steinalter Mann in feinen Kleidern und weißgepuderter Perücke, der hinter unserer Bank stand und die kindlichen Entwürfe angehört hatte.
Wir erschraken. Albrecht fragte: »Warum nicht?«
Der Alte sagte: »Ihr seid guter Leute Kinder, ich sehe es eueren Röcken an, aber ihr seid zu Bettlern geboren; würdet ihr sonst diese Löcher in eueren Ärmeln dulden?« Dabei faßte er jeden von uns an dem Ellenbogen und bohrte mit den Fingern im durchgerissenen Ärmel hinauf. -- Ich schämte mich, Albrecht auch. »Wenn's euch,« sagte der alte Herr, »zu Hause niemand zunäht, warum lernt ihr es nicht selbst? Im Anfang hättet ihr den Rock mit zwei Nadelstichen geheilt, jetzt ist's zu spät, und ihr kommt wie Bettelbuben. Wollt ihr Generalleutnant werden, so fangt an beim Kleinsten. Erst das Loch im Ärmel geheilt, ihr Bettelbuben, dann denkt an etwas anderes!«
Wir beide schämten uns von Herzensgrund, gingen schweigend davon und hatten das Herz nicht, etwas Böses über den bösen Alten zu sagen. Ich aber drehte den Ellenbogen des Rockärmels so herum, daß das Loch einwärts kam, damit es niemand erblicken möchte. Ich lernte von meiner Mutter das Nähen spielend; denn ich sagte nicht, warum ich's lernen wollte. Wenn sich jetzt an meinen Kleidern eine Naht öffnete, ein Fleckchen sich durchschabte, ward's sogleich gebessert. Das machte mich aufmerksam; ich mochte an zerrissenen Kleidern nun nicht mehr Unreinlichkeit leiden. Ich ging sauberer, ward sorgfältiger, freute mich und dachte, der alte Herr in der schneeweißen Perrücke hätte so unrecht nicht. Mit zwei Nadelstichen zu rechter Zeit rettet man einen Rock, mit einer Hand voll Kalk ein Haus; aus roten Pfennigen werden Taler, aus kleinen Samenkörnern Bäume, wer weiß wie groß.
Albrecht nahm die Sache nicht so streng. Es ward sein Schaden. Wir waren beide einem Handelsmanne empfohlen; er verlangte einen Lehrburschen, der im Schreiben und Rechnen geübt war. Der Herr prüfte uns, dann gab er mir den Vorzug. Meine alten Kleider waren hell und sauber; Albrecht im Sonntagsrocke ließ Nachlässigkeiten sehen. Das sagte mir der Herr Prinzipal nachher. »Ich sehe Ihm an,« sagte er, »Er hält das Seine zu Rat; aus dem anderen gibt's keinen Kaufmann.« Da dachte ich wieder an den alten Herrn und an das Loch im Ärmel.
Ich merkte wohl, ich hatte in anderen Dingen, in meinen Kenntnissen, in meinem Betragen, in meinen Neigungen noch manches Loch im Ärmel. Zwei Nadelstiche zur rechten Zeit bessern alles ohne Mühe, ohne Kunst. Man lasse nur das Loch nicht größer werden, sonst braucht man für das Kleid den Schneider, für die Gesundheit den Arzt. -- Es gibt nichts Unbedeutendes noch Gleichgültiges, weder im Guten noch im Bösen. Wer das glaubt, kennt sich und das Leben nicht. Mein Prinzipal hatte auch ein abscheuliches Loch im Ärmel, nämlich er war rechthaberisch, zänkisch, launenhaft; das brachte mir oft Verdruß. Ich widersprach, da gab es Zank. Holla, dachte ich, es könnte ein Loch im Ärmel geben und ich ein Zänker und gallsüchtig und unverträglich wie der Herr Prinzipal werden. Von Stunde an ließ ich den Mann recht haben; ich begnügte mich, recht zu tun, und bewahrte meinerseits den Frieden.
Als ich ausgelernt hatte, trat ich in eine andere Stellung. Da ich gewöhnt war, mit wenigen Bedürfnissen des Lebens froh zu sein (denn wer viel hat, ist nie ganz froh), so sparte ich manches, und da ich auch gewöhnt war, mir kein Loch im Ärmel zu verzeihen, aber schonend über dasjenige an fremden Ärmeln wegzusehen, war alle Welt mit mir zufrieden, wie ich mit aller Welt. -- So hatte ich beständig Freunde, beständig Beistand, Zutrauen, Geschäfte. Gott gab Segen. Der Segen liegt im Rechttun und Rechtdenken, wie im Nußkerne der fruchttragende hohe Baum.
So wuchs mein Vermögen. Wozu denn? fragte ich; du brauchst ja nicht den zwanzigsten Teil davon. -- Prunk damit treiben vor den Leuten? -- Das ist Torheit. Soll ich in meinen alten Tagen noch ein Loch im Ärmel aufweisen? -- Hilf anderen, wie dir Gott durch andere geholfen hat. Dabei bleibt's. Das höchste Gut, das der Reichtum gewährt, ist zuletzt Unabhängigkeit von den Launen der Leute und ein großer Wirkungskreis. -- Jetzt, Konrad, gehe auf die hohe Schule, lerne etwas Rechtes; denke an den Mann mit der schneeweißen Perücke; hüte dich vor dem ersten kleinen Loche im Ärmel; mach es nicht wie mein Kamerad Albrecht! Er ward zuletzt Soldat und ließ sich in Amerika totschießen.
Heinrich Zschokke.
Der gekreuzte Dukaten.
»Wenn ich nur hunderttausend Gulden hätte!« Das hast du vielleicht auch schon oft gedacht oder gesagt. Wenn du aus einem Talerlande bist, ist es dir nicht darauf angekommen und hast hunderttausend Taler daraus gemacht, obgleich das ein Erkleckliches mehr ist. Ich nehme dir den Hunderttausendwunsch nicht übel, es ist keine schlimme Sache ums Reichsein, aber das Glück macht es doch nicht aus. Davon kann ich eine besondere Geschichte erzählen.
Ein junger Mann hatte seine Hunderttausend geerbt, und er begnügte sich auch damit. Er wollte bloß sein Geld verzehren, arbeiten aber wollte er nicht; das, meinte er, sei nur etwas für unbemittelte Leute. So hatte also der Herr Adolf gar kein Geschäft als Essen, Trinken, Schlafen, Spazierengehen oder Reiten, und was ihm sonst noch einfiel. Ja, das Aus- und Anziehen war ihm viel zu viel, und er hielt sich einen Kammerdiener. Wenn er des Morgens erwachte, wußte er eigentlich gar nicht, warum er aufstehen sollte; es wartete kein Geschäft und darum keine rechte Freude auf ihn. Darum blieb er auch fein liegen, bis ihm auch das zu beschwerlich wurde. Fast ging es ihm wie jenem Engländer, der aus purer Langeweile, um sich nicht mehr aus- und anziehen zu müssen, sich das Leben nahm.
Herr Adolf machte dann jeden Vormittag seinen Spaziergang, damit er den Nachmittag für sich frei und nichts mehr zu tun habe. Meist lag er auf dem Kanapee, gähnte und rauchte. Dabei hatte er mitunter noch seine besonderen Gedanken. Jeder Mensch, dachte er, hat so seine Summe von Kraft mit auf die Welt bekommen, die für seine siebenzig Jährlein oder auch mehr ausreichen muß. Wenn ich also einen schweren Stuhl von einem Ort an den andern hebe, ist damit ein Stück von meiner Lebenskraft aufgewendet und verbraucht -- darum laß ich's hübsch bleiben. Auf solche Gedanken kann ein Nichtstuer kommen.
Der Herr Adolf ward aber dick und oft kränklich und mußte seinen Leib pflegen. Das war auch ein Geschäft.
Das Jahr durch ging dem Herrn Adolf manch schönes Stück Geld durch die Hand, und dabei hatte er die besondere Liebhaberei, daß er bei jeder Goldmünze, die er ausgab, ein kleines, zierliches Kreuz unter die Nase des geprägten Herrschers machte. Er dachte wenig dabei, denn er hatte ja Gold genug; ihn kümmerte überhaupt nichts, wie es anderen Menschen ging, obgleich er manchmal aus angeborener Gutmütigkeit einem Armen etwas schenkte.