Du deutsches Kind! Eine Gabe für unsere Jugend

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Chapter 13,615 wordsPublic domain

Du deutsches Kind!

Eine Gabe für unsere Jugend.

Dargereicht von J. B. Laßleben.

Bilder von Albert Reich.

Hochwald-Verlag München-Kallmünz

Ein jeder nehme wohl in acht, was Lust und Ehr' ihm hat gebracht: Der Wirt seinen Krug, der Krämer sein Tuch, der Bauer seinen Pflug, das Kind sein Buch.

Robert Reinick.

Druck von Michael Laßleben (Oberpfalz-Verlag) Kallmünz/Bayern 1922

Zum Tagewerk.

Gehe hin in Gottes Namen, greif dein Werk mit Freuden an! Frühe säe deinen Samen! Was getan ist, ist getan. Sieh nicht aus nach dem Entfernten; was dir nah' liegt, mußt du tun. Säen mußt du, willst du ernten; nur die fleiß'ge Hand wird ruhn. Müßigstehen ist gefährlich, heilsam unverdroßner Fleiß; und es steht dir abends ehrlich an der Stirn des Tages Schweiß. Weißt du auch nicht, was geraten oder was mißlingen mag, folgt doch allen guten Taten Gottes Segen für dich nach. Geh denn hin in Gottes Namen, greif dein Werk mit Freuden an! Frühe säe deinen Samen! Was getan ist, ist getan.

Philipp Spitta.

Der Vater und die drei Söhne.

An Jahren alt, an Gütern reich, teilt' einst ein Vater sein Vermögen und den mit Müh erworb'nen Segen selbst unter die drei Söhne gleich. »Ein Diamant ist's,« sprach der Alte, »den ich für den von euch behalte, der mittels einer edlen Tat darauf den größten Anspruch hat.«

Um diesen Anspruch zu erlangen, sieht man die Söhne sich zerstreu'n. Drei Monden waren kaum vergangen, so stellten sie sich wieder ein.

Drauf sprach der älteste der Brüder: »Hört! es vertraut' ein fremder Mann sein Gut ohn' einen Schein mir an; ich gab es ihm getreulich wieder. Sagt, war die Tat nicht lobenswert?« -- »Du tat'st, mein Sohn, was sich gehört,« ließ sich der Vater hier vernehmen; »wer anders tut, der muß sich schämen; denn ehrlich sein ist unsre Pflicht. Die Tat ist gut, doch edel nicht.«

Der zweite sprach: »Auf meiner Reise fiel einmal unachtsamerweise ein Kind in einen tiefen See.

Ich stürzt' ihm nach, zog's in die Höh und rettete dem Kind das Leben. Ein ganzes Dorf kann Zeugnis geben.« -- »Du tatest,« sprach der Greis, »mein Kind, was wir als Menschen schuldig sind.«

Der jüngste sprach: »Bei seinen Schafen war einst mein Feind fest eingeschlafen an eines tiefen Abgrunds Rand; sein Leben stand in meiner Hand. Ich weckt' ihn und zog ihn zurücke.«-- »O,« rief der Greis mit holdem Blicke, »Dein ist der Ring! Welch edler Mut, wenn man dem Feinde Gutes tut.«

M. G. Lichtwer

Das Tischgebet.

An der Tafel im Gasthaus zum goldnen Stern waren beisammen viel reiche Herrn. Vor ihnen standen aus Küch' und Keller gar lieblich lockend die Flaschen und Teller. Schon saßen sie da in plaudernden Gruppen, die Kellner reichten die dampfenden Suppen und mehr noch begann Gemüs' und Braten mit süßem Wohlgeruch zu laden.

Da kam zur Türe still herein ein Fremder mit seinem Töchterlein und setzte sich unten am langen Tisch, um auch zu kosten von Wein und Fisch. Oben klirrten die Löffel und Messer, klangen die Gläser und scherzten die Esser.

Da tönt auf einmal gar hell und fein eine Stimme in den Lärm hinein, wie wenn von fern ein Glöcklein klingt, wie wenn im Wald ein Vogel singt. Und wie auch der Strom der Rede rauscht, still wird es rings und jeder lauscht: der Krieger, der von den Schlachten erzählt, der Kaufmann, der über die Zölle geschmält, die Reisenden, die von Abenteuern gesprochen und von Ungeheuern, die Stutzer, die von Pferd und Wagen und Hunden und Moden so vieles sagen.

Und wie sie schauen nach dem Orte, von woher dringen die lieblichen Worte: mit gefalteten Händen das Mädchen steht und spricht sein gewohntes Tischgebet. Und wie beseelt von höherem Geist falten auch sie die Hände zumeist und horchen alle mit rechtem Fleiße auf des betenden Kindes Weise. Drauf setzt es sich nieder mit stiller Freude und achtet nicht auf all die Leute. Die aber, ergriffen im tiefsten Innern, mußten sich oft noch daran erinnern. Und mancher hat wieder gebetet fortan, was er schon lange nicht mehr getan.

Friedrich Güll.

Dem Vaterland.

Das ist ein hohes, helles Wort, Dem Vaterland! das hallt durch unsre Herzen fort wie Waldesrauschen, Glockenklang, Drommetenschmettern, Lerchensang; das fällt, ein Blitz, in unsre Brust, zu heil'ger Flamme wird die Lust! Dem Vaterland!

Dem Vaterland! Das Wort gibt Flügel dir, o Herz. Flieg auf, flieg auf, schau niederwärts die Wälder, Ströme, Tal' und Höhn; o deutsches Land, wie bist du schön! Und überall klingt Liederschall und überall _ein_ Widerhall: Dem Vaterland!

Dem Vaterland! Das seinen Töchtern hat beschert der keuschen Liebe stillen Herd, das seinen Söhnen gab als Hort die freie Tat, das treue Wort, das feiner Ehren blanken Schild zu wahren allzeit sei gewillt,-- dem Vaterland!

Dem Vaterland! O hohes Wort, o helles Wort, du tön' für alle Zeiten fort wie Waldesrauschen, Glockenklang, Drommetenschmettern, Lerchensang! zu heil'ger Flamme weih' die Lust, so lange schlägt die deutsche Brust dem Vaterland! Heil dir, Heil dir, du deutsches Land!

Rob. Reinick.

Deutscher Rat.

Vor allem eins, mein Kind: Sei treu und wahr, laß nie die Lüge deinen Mund entweih'n! Von alters her im deutschen Volke war der höchste Ruhm, getreu und wahr zu sein.

Du bist ein deutsches Kind, so denke dran; noch bist du jung, noch ist es nicht so schwer. Aus einem Knaben aber wird ein Mann; das Bäumchen biegt sich, doch der Baum nicht mehr.

Sprich ja und nein und dreh' und deutle nicht! Was du berichtest, sage kurz und schlicht; was du gelobest, sei dir höchste Pflicht! Dein Wort sei heilig, drum verschwend' es nicht!

Leicht schleicht die Lüge sich ans Herz heran; zuerst ein Zwerg, ein Riese hintennach; doch dein Gewissen zeigt den Feind dir an, und eine Stimme ruft in dir: »Sei wach!«

Dann wach' und kämpf', es ist ein Feind bereit: Die Lüg' in dir, sie drohet dir Gefahr. Kind! Deutsche kämpften tapfer allezeit. Du, deutsches Kind, sei _tapfer, treu und wahr_!

Robert Reinick.

Geschichte vom Nußknacker.

Zwei Knaben hatten im Walde Haselnüsse gepflückt, saßen unter den Stauden und wollten Nüsse essen; aber keiner hatte sein Messerlein bei sich, und mit den Zähnen konnten sie sie nicht aufbeißen. Da jammerten sie sehr und sagten: »Ach, käme doch nur jemand, der uns unsre Nüsse aufknacken wollte!« Kaum gesagt, so kam ein kleines Männlein durch den Wald einher gezogen. Aber wie sah das Männlein aus? Es hatte einen großen, großen Kopf, an dem ein langer, steifer Zopf bis an die Ferse herabhing, eine goldene Mütze, ein rotes Kleid und gelbes Höslein. Indem es nun so einhertrippelte, brummte es das Liedlein:

»Heiß, heiß, beiß, beiß Hans heiß' ich, Nüsse beiß' ich; geh' gern in den grünen Wald, wenn die Nuß vom Strauche fallt; mach's dem lust'gen Eichhorn nach, knack' und nag' den ganzen Tag!«

Die Knaben mußten sich schier zu Tode lachen über den kleinen, drolligen Burschen, den sie für ein Waldzwerglein hielten. Sie riefen ihm zu: »Wenn du Nüsse beißen willst, so komm her und knack' uns diese auf, damit wir sie essen können!« -- Da brummte das Männlein in seinen langen weißen Bart:

»Hansl heiß' ich, Nüsse beiß' ich; hab' ich aber mich beflissen, euch ein Dutzend aufgebissen, gebt mir zum Lohn ein paar davon!«

»Ja, ja!« schrien die Buben, »du kannst mitessen, knacke nur fleißig auf.« -- Das Männlein stellte sich zu ihnen hin -- denn am Sitzen hinderte es sein steifer Zopf -- und sprach:

»Hebet auf den langen Zopf, schiebt die Nuß in meinen Kropf, drücket nieder und so fort, schnell ist jede Nuß durchbohrt.«

Also taten sie, und hörten das Lachen nicht auf, wenn sie den Kleinen immer beim Zopfe nehmen mußten und nach jedem tüchtigen Knack die Nuß aus dem Munde sprang. Bald waren alle Nüsse aufgebissen, und das Männlein brummte:

»Heiß, heiß, beiß, beiß, will meinen Lohn nun auch davon!«

Der eine der Knaben wollte nun dem Männlein den versprochenen Lohn spenden; der andere aber, ein böser Bube, hinderte ihn daran, indem er sprach: »Warum willst du dem Bürschlein von unsern Nüssen geben? Wir wollen sie allein essen. Geh nur fort jetzt, Nußbeißer, und suche dir deine Nüsse selbst!«

Da ward das Nußbeißerlein gewaltig erzürnt und brummte:

»Gibst du mir keine Nuß, so machst du mir Verdruß; ich nehme dich beim Schopf und beiß' dir ab den Kopf!«

Da lachte der böse Bube und sagte: »Du mir den Kopf abbeißen? Mache lieber, daß du fortkommst, sonst laß' ich dich mein Haselstaudengertlein fühlen!« Zugleich drohte er mit seinem Stöcklein; der Nußknacker wurde ganz rot vor Zorn, hob sich mit einem Händchen den Zopf auf, schnappte wie ein Fisch im Wasser und -- knack -- der Kopf war weg.

Das ist die Geschichte von dem ersten Nußknacker. Habt wohl acht, Kinder, daß euch die Köpfe oder wenigstens die Fingerlein nicht abgebissen werden; denn wie ihr Ahnherr, so machen auch die Enkel und Urenkel des Nußknackergeschlechts mit bösen Kindern nicht lange Federlesens! F. v. Pocci.

Der alte Landmann an seinen Sohn.

Üb' immer Treu und Redlichkeit bis an dein kühles Grab und weiche keinen Finger breit von Gottes Wegen ab! Dann wirst du wie auf grünen Au'n durchs Erdenleben gehn; dann kannst du sonder Furcht und Grau'n dem Tod ins Auge sehn.

Dann wird die Sichel und der Pflug in deiner Hand so leicht; dann singest du beim Wasserkrug, als wär' dir Wein gereicht. Dem Bösewicht wird alles schwer, er tue, was er tu'. Der Teufel treibt ihn hin und her und läßt ihm keine Ruh'. Der schöne Frühling lacht ihm nicht; ihm lacht kein Ährenfeld; er ist auf Lug und Trug erpicht und wünscht sich nichts als Geld. Der Wind im Hain, das Laub am Baum saust ihm Entsetzen zu. Er findet nach des Lebens Traum im Grabe keine Ruh'. Sohn, übe Treu' und Redlichkeit bis an dein kühles Grab und weiche keinen Finger breit von Gottes Wegen ab! Dann suchen Enkel deine Gruft und weinen Tränen drauf, und Sonnenblumen, voll von Duft, Blühn aus den Tränen auf. Hölty.

Der getreue Eckart.

Vom Wundermann hat man euch immer erzählt; nur hat die Bestätigung jedem gefehlt, die habt ihr nun köstlich in Händen.«

Sie kommen nach Hause, sie setzen den Krug ein jedes den Eltern bescheiden genug und harren der Schläg' und der Schelten. Doch siehe, man kostet: »Ein herrliches Bier!« Man trinkt in die Runde schon dreimal und vier und noch nimmt der Krug nicht ein Ende.

Das Wunder, es dauert zum morgenden Tag; doch fraget, wer immer zu fragen vermag: »Wie ist's mit den Krügen ergangen?« Die Mäuslein, sie lächeln, im stillen ergötzt; Sie stammeln und stottern und schwatzen zuletzt und gleich sind vertrocknet die Krüge.

Und wenn euch, ihr Kinder, mit treuem Gesicht ein Vater, ein Lehrer, ein Aldermann spricht, so horchet und folget ihm pünktlich! Und liegt auch das Zünglein in peinlicher Hut, verplaudern ist schädlich, verschweigen ist gut; dann füllt sich das Bier in den Krügen. Goethe.

Die beiden Pflugscharen.

Von gleicher Art des Eisens wurden in einer Werkstätte zwei Pflugscharen verfertigt. Eine davon kam in die Hand eines Landmannes, die andere ward in einen Winkel gestellt. Erst nach mehreren Monaten erinnerte man sich derselben, zog sie aus ihrer Ruhe hervor, und siehe! sie war ganz mit Rost bedeckt. Wie erstaunte sie, als sie ihre Gefährtin wiedersah und sich selbst mit ihr verglich! Denn diese fand sie hell und glatt, ja, glänzender als sie anfangs gewesen war. »Ist das möglich?« rief die verrostete aus; »einst waren wir einander gleich; was hat dich so herrlich gemacht, während ich in der glücklichsten Ruhe so verunstaltet worden bin?« -- »Eben diese Ruhe«, erwiderte jene, »war dir verderblich. Mich hat Übung und Arbeit erhalten, und diesen verdanke ich die Schönheit, in der ich dich jetzt übertreffe.«

G. Meißner.

Die beiden Äxte.

Ein Zimmermann ließ seine Axt in einen tiefen Strom fallen und bat den Flußgott inbrünstig, er möchte ihm, da er arm sei, wieder dazu verhelfen. Der Flußgott war so gnädig, stieg auf und brachte eine -- goldene Axt zum Vorschein.

»Das ist die meinige nicht!« sprach der Zimmermann ganz gelassen. -- Der Geist tauchte von neuem unter und langte eine silberne hervor.

»Auch diese gehört mir nicht!« sprach der Arme und zum dritten Male langte der Flußgott eine Axt von Eisen mit einem hölzernen Stiele heraus. --

»Das ist die rechte! das ist sie!« rief der Arbeitsmann fröhlich.

»Gut! Ich sehe, du bist eben so wahrhaft und ehrlich, als arm«, sprach der mitleidige Geist. »Zur Belohnung nimm alle drei mit.«

Die Geschichte ward bald in der ganzen Gegend ruchbar. Ein Schalk, der sie erfahren, nahm sich vor zu versuchen, ob auch gegen ihn der Flußgott so mildtätig sein würde. Er ließ seine Axt mit Willen in den Strom fallen, flehte zum Flußgott und hatte das Vergnügen, ihn aufsteigen zu sehen. Er klagte ihm seinen Verlust, und der Geist brachte, wie ehemals, eine goldene hervor.

»Ist sie das, mein Sohn?«

»Ja, ja, das ist sie!« antwortete der Lügner und griff schon darnach. »Halt, Nichtswürdiger!« erschallte nun die Stimme des erzürnten Geistes. »Glaubst du denjenigen zu hintergehen, der bis ins Innere deines Herzens blicken kann? Zur Strafe deines Lugs und Betrugs verliere auch dasjenige, was bisher dein war!« Und ohne Axt mußte er nach Hause wandern. G. Meißner.

Sparbüchslein.

Teuer ist die War' und das Geld ist rar: Spar'!

Lang ist auch das Jahr, groß der Tage Schar: Spar'!

Eh' dein Geld ist gar, jetzt und immerdar: Spar'!

Spar' für die Gefahr, für die grauen Haar: Spar'!

Sag' nicht: Wenn und zwar! -- Bis zu deiner Bahr: Spar'!

Friedrich Güll.

Wie Kaiser Karl Schulvisitation hielt.

Als Kaiser Karl zur Schule kam und wollte visitieren, da prüft' er scharf das kleine Volk, ihr Schreiben, Buchstabieren, ihr Vaterunser, Einmaleins, und was man lernte mehr; zum Schlusse rief die Majestät die Schüler um sich her.

Gleichwie der Hirte schied er da die Böcke von den Schafen, zu seiner Rechten hieß er stehn die Fleißigen, die Braven. Da stand im groben Linnenkleid manch schlichtes Bürgerkind, manch Söhnlein eines armen Knechts von Kaisers Hofgesind'.

Dann rief er mit gestrengem Blick die Faulen her, die Böcke, und wies sie mit erhobner Hand zur Linken in die Ecke; da stand im pelzverbrämten Rock manch feiner Herrensohn, manch ungezognes Mutterkind, manch junger Reichsbaron.

Da sprach nach rechts der Kaiser mild: »Habt Dank ihr frommen Knaben, ihr sollt' an mir den gnäd'gen Herrn, den güt'gen Vater haben; und ob ihr armer Leute Kind und Knechtesöhne seid, in meinem Reiche gilt der Mann und nicht des Mannes Kleid.«

Dann blitzt' sein Blick zur Linken hin, wie Donner klang sein Tadel: »Ihr Taugenichtse, bessert euch, ihr schändet euren Adel; ihr seidnen Püppchen, trotzet nicht auf euer Milchgesicht, ich frage nach des Manns Verdienst, nach seinem Namen nicht!«

Da sah man manches Kindesaug' in frohem Glanze leuchten und manches stumm zu Boden sehn und manches still sich feuchten; und als man aus der Schule kam, da wurde viel erzählt, wen heute Kaiser Karl gelobt, und wen er ausgeschmält.

Und wie's der große Kaiser hielt, so soll man's allzeit halten im Schulhaus mit dem kleinen Volk, im Staate mit den Alten: Den Platz nach Kunst und nicht nach Gunst, den Stand nach dem Verstand, so steht es in der Schule wohl und gut im Vaterland.

Karl Gerock.

Hurtig an die Arbeit.

Mein Kind, du bist schon lang der Mutter aus der Wiegen; nun hilf dir selbst; wie du dich bettest, wirst du liegen. Die Flügel wuchsen dir, gebrauche sie zum Fliegen! Der kommt nicht auf den Berg, der nicht hinaufgestiegen. Greif an die Schwierigkeit, so wirst du sie besiegen!

Friedrich Rückert.

Meister, Geselle und Lehrling.

Wer soll Meister sein? Wer was ersann. Wer soll Geselle sein? Wer was kann. Wer soll Lehrling sein? Jedermann.

Joh. Wolfg. v. Goethe.

Der Künstler und sein Sohn.

Der Meister saß in seiner Werkstätte und meißelte an einem Herkules. Da trat eines Tages sein Söhnlein zu ihm und fragte: »Vater, was machst du da?« Der Vater antwortete: »Ich bildne einen Herkules.« Und er erzählte ihm darauf, wie ein gar großer und gewaltiger Mann der gewesen, und wie er Löwen und Schlangen und Riesen erlegt, und noch viele andere wundersame Heldenstücke getan. Da sagte der Knabe: »Vater, ich will auch einen Herkules machen.« -- »Tue das, mein Kind!« versetzte der Meister lächelnd. Und er gab demselben einen Klumpen Ton, aus dem jener den Herkules machen könnte. Nach einiger Zeit fragte der Vater: »Wie ist's mit dem Herkules?« Der Knabe antwortete: »Es fügt sich nicht recht; ich will lieber einen Reiter machen.« Der Vater nickte und sprach: »So mach' denn einen Reiter!« Nach einer Weile stiller Arbeit rief der Knabe: »Vater, es geht mit dem Reiter auch nicht; ich will nur gleich einen Hanswurst machen.« Und er knetete nun aus dem Ton zuerst einen großen Wanst; dann fügte er Hände und Füße daran und setzte zuletzt einen spitzen Hut drauf, unter dem ein Kopf stak mit einer großen Nase. So war denn der Hanswurst fertig. Das Söhnlein klatschte voll Freuden sich in die Hände; der Vater aber schüttelte den Kopf und dachte sich, -- was sich jeder leicht denken kann. Ludwig Aurbacher.

Die Pfirsiche.

Ein Landmann brachte aus der Stadt fünf Pfirsiche mit, die schönsten, die man sehen konnte. Seine Kinder aber sahen diese Frucht zum erstenmale. Deshalb wunderten und freuten sie sich sehr über die schönen Äpfel mit den rötlichen Backen und dem zarten Flaum. Darauf verteilte sie der Vater unter seine vier Knaben, und einen erhielt die Mutter.

Am Abend, als die Kinder in das Schlafkämmerlein gingen, fragte der Vater: »Nun, wie haben euch die schönen Äpfel geschmeckt?« »Herrlich, lieber Vater!« sagte der Älteste. »Es ist eine schöne Frucht, so säuerlich und so sanft von Geschmack. Ich habe mir den Stein sorgsam bewahrt und will mir daraus einen Baum erziehen.« »Brav!« sagte der Vater; »das heißt haushälterisch auch für die Zukunft gesorgt, wie es dem Landmanne geziemt!«

»Ich habe den meinigen sogleich aufgegessen,« rief der Jüngste, »und den Stein fortgeworfen, und die Mutter hat mir die Hälfte von dem ihrigen gegeben. O! das schmeckte so süß und zerschmilzt einem im Munde.« »Nun,« sagte der Vater, »du hast zwar nicht sehr klug, aber doch natürlich und nach kindlicher Weise gehandelt. Für die Klugheit ist auch noch Raum genug im Leben.«

Da begann der zweite Sohn: »Ich habe den Stein, den der kleine Bruder fortwarf, aufgehoben und zerklopft. Es war ein Kern darin, der schmeckte so süß wie eine Nuß. Aber meinen Pfirsich habe ich verkauft und so viel Geld dafür erhalten, daß ich, wenn ich nach der Stadt komme, wohl zwölf dafür kaufen kann.« Der Vater schüttelte den Kopf und sagte: »Klug ist das wohl, aber kindlich und natürlich war es nicht.«

»Und du Edmund?« fragte der Vater. Unbefangen und offen antwortete Edmund: »Ich habe meinen Pfirsich dem Sohne unseres Nachbars, dem kranken Georg, der das Fieber hat, gebracht, er wollte ihn nicht nehmen. Da habe ich ihn auf sein Bett gelegt und bin hinweggegangen.«

»Nun!« sagte der Vater, »wer hat denn wohl den besten Gebrauch von seinem Pfirsich gemacht?« Da riefen sie alle drei: »Das hat Bruder Edmund getan!« Edmund aber schwieg still. Und die Mutter umarmte ihn mit einer Träne im Auge. A. Krummacher.

Die treuen Brüder.

Zur Zeit der Ernte kamen zwei rüstige Jünglinge aus dem Gebirg herab in das ebene Land, wo es an Arbeitern fehlte und sagten zu einem Bauern: »Wir beide wollen euch die ganze Erntezeit hindurch helfen, euer Getreide hereinzubringen, wenn ihr uns die Kost und zehn Taler Lohn gebt!«

»Zehn Taler ist zu viel,« sagte der Bauer; »ich meine, zehn Gulden[1] wären mehr als genug.« »Nein,« sagten die Jünglinge, »es müssen gerade zehn Taler sein, mit weniger ist uns nicht geholfen. Wollt ihr uns nicht so viel geben, so bieten wir unsere Dienste einem andern an.«

»Wozu habt ihr denn so viel Geld notwendig?« fragte der Bauer. »Seht,« sagten sie, »wir haben zu Hause einen jüngeren Bruder, der bereits vierzehn Jahre alt ist. Ein geschickter Wagner will ihn in die Lehre nehmen, verlangt aber durchaus zehn Taler Lehrgeld. So viel Geld aber weiß unser alter Vater nicht aufzubringen. Da haben wir zwei ältere Brüder uns denn verabredet, dieses Geld zu verdienen.«

»Nun wohl,« sagte der Bauer, »wegen eurer brüderlichen Liebe will ich euch zehn Taler geben, wenn ihr so fleißig arbeitet, daß ich damit zufrieden sein kann.«

Die beiden Brüder arbeiteten an den heißen Erntetagen unermüdet im Schweiße ihres Angesichtes; sie waren morgens am frühesten auf und legten sich abends am spätesten zur Ruhe.

Als die Ernte glücklich eingebracht war, bezahlte der Bauer ihnen die zehn Taler und sprach: »Ihr habt euern Lohn redlich verdient und da gebe ich jedem von euch noch einen Taler darüber.«

Wenn Geschwister einig leben, treulich sich zu helfen streben -- kann es etwas Schönr'es geben?

Chr. v. Schmid.

Der Bauer und sein Sohn.

Ein guter dummer Bauernknabe, den Junker Hans einst mit auf Reisen nahm und der, trotz seinem Herrn, mit einer guten Gabe recht dreist zu lügen wiederkam, ging kurz nach der vollbrachten Reise mit seinem Vater über Land. Fritz, der im Geh'n recht Zeit zum Lügen fand, log auf die unverschämt'ste Weise. Zu seinem Unglück kam ein großer Hund gerannt. »Ja, Vater,« rief der unverschämte Knabe, »ihr mögt mir glauben oder nicht, so sag' ich euch und jedem ins Gesicht, daß ich einst einen Hund im Haag[2] gesehen habe, hart an dem Weg, wo man nach Frankreich fährt, der -- ja, ich bin nicht ehrenwert, wenn er nicht größer war als euer größtes Pferd.«

»Das,« spricht der Vater, nimmt mich wunder, wiewohl ein jeder Ort läßt Wunderdinge seh'n. Wir zum Exempel geh'n jetzunder und werden keine Stunde geh'n, so wirst du eine Brücke seh'n, (wir müssen selbst darüber geh'n), die hat dir manchen schon betrogen; (denn überhaupt soll's dort nicht gar zu richtig sein). Auf dieser Brücke liegt ein Stein, an den stößt man, wenn man denselben Tag gelogen, und fällt und bricht sogleich das Bein.«