Dresden und die Sächsische Schweiz

Part 2

Chapter 23,242 wordsPublic domain

Aber auch das Gebiet westlich von dem Triebischtal und unterhalb Meißen müssen wir noch in unsere Betrachtung hineinziehen, weil es für die Stellung Meißens und seine geschichtliche Entwickelung wichtig ist. Hier treten nämlich Porphyre und Pechstein auf. Besonders wichtig sind die schwarzen, grünen und roten Pechsteine. Durch Verwitterung verliert dieses Mineral seine Farbe, bleicht völlig aus und bildet schließlich eine weiße Porzellanerde, die in neuerer Zeit immer mehr für die Porzellanindustrie verwendet wird. Weiterhin gegen Nordwesten deckt die immer niedriger werdenden Hochflächen ein lichtgrauer, bis zu 15 _m_ mächtiger, höchst fruchtbarer Löß, der über die durch ihre besondere Fruchtbarkeit weithin bekannte Lommatzscher Pflege hinausreicht. Zahlreiche aber nur kleine Dörfer, aus wenigen aber stattlichen und behäbigen Gehöften bestehend, sind dicht über das ganze Land verstreut.

[Sidenote: Die westlichen Täler und Elbzuflüsse.]

Die vom Erzgebirge herabkommenden, meist wasserreichen Bäche haben tiefe und enge Erosionstäler in den harten Boden eingegraben, an denen vielfach Felsenhöhen zu Tage treten. Dahin gehört das romantische Müglitztal, dessen Ausgang zum Talkessel der Elbe die alte Feste von Dohna (Abb. 7) bewachte, während zu gleicher Zeit in längst vergangenen Tagen von hier aus der einzige gangbare Verkehrsweg über das Gebirge, aber nicht durchs Müglitztal, wie man wohl gemeint hat, nach Böhmen führte. Den Glanzpunkt des Müglitztales bildet das malerische Felsenschloß Weesenstein (Abb. 8 u. 9), das sich auf und an einem frei aus dem Tale aufsteigenden und vom Bache umflossenen Felsen erhebt und von einem hochragenden Turm beherrscht wird. Die Verteilung der Wohn- und Wirtschaftsräume des der königlichen Familie gehörigen Schlosses, das in die Felsmasse eindringt und an derselben klebt, ist sehr merkwürdig; es wird daher viel von Fremden besucht, um so mehr, als ein herrlicher Park von hohen Laubbäumen den Felsenbau im Tale umgibt und das Tal selbst ober- und unterhalb reich an prächtigen, schattigen Spazierwegen ist.

Auf das Müglitztal folgt dann das liebliche Tal des Lockwitzbaches, dessen anmutigster Teil bei dem ehemals viel mehr besuchten, in neuerer Zeit vernachlässigten Bade Kreischa liegt. Soweit der Pläner reicht, haben die kleineren Zuflüsse der Elbe nur wenig eingeschnittene Täler mit sanfterem Gehänge, so daß mehrfach das Ackerland sich bis auf den Talboden hinunterzieht. Eine Ausnahme bildet nur das untere Tal des längsten Zuflusses von der linken Seite, der Weißeritz, das zwischen Potschappel und Plauen in Syenit eingeschnitten ist und in der Hauptrichtung von Westen nach Osten ziehend, als Plauischer Grund noch bis in die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts wegen seiner idyllischen und romantischen Szenerie nicht bloß von den Bewohnern der nahen Hauptstadt gern und oft besucht wurde, sondern auch, und damals wohl mit Recht, von allen Fremden, die durch die Kunstschätze Dresdens angelockt worden waren, aufgesucht wurde, schon weil man seine Schönheiten über alles pries, und selbst die grotesken Täler und wilden Gründe der damals erst bekannt werdenden Sächsischen Schweiz nicht daneben wollte gelten lassen. Seitdem aber die Eisenbahn nach Freiberg, Chemnitz und weiter hinaus nach Bayern den idyllischen Grund durchzieht, mancherlei Fabrikanlagen mit rauchenden Schloten die ehemals unter hohen Baumgruppen versteckten oder an rauschenden Wehren gelegenen einsamen Mühlen verdrängt haben und eine sehr belebte Landstraße im Grunde hin nach den Kohlengruben am Windberge und bei Zaukerode führt und die weitere Umgebung von Potschappel zu den dichtest bewohnten Gebieten von Sachsen gehört, ist der Reiz, den sonst die Einsamkeit des von Felsen umstarrten Grundes und die ländliche Ruhe gewährte, längst verwischt, so daß heutzutage der Grund von den Lustwandelnden eher gemieden als gesucht wird.

Die übrigen Täler bis nach Meißen sind bis zur Triebisch sämtlich nur kurz, sind tief in den Syenit eingeschnitten, mit buschigen und waldigen Gehängen, einsam, fast wegelos, ohne Ortschaften und werden nur gelegentlich von Freunden einer stillen Natur aufgesucht, die ganz abseits vom Weltgetriebe liegt. Anders und bedeutender ist das Triebischtal geartet, das aus dem Tharandter Walde, wo die Quellen liegen, nach Norden sich erstreckt und bei Meißen in die Elbe mündet. Der obere Teil gehört dem Porphyrgebiet, der mittlere der Grauwacke, der untere dem Syenit, Porphyr, Pechstein und Granit in raschem Wechsel an. Wechsel der Bodenarten bedingt auch einen Wechsel der landschaftlichen Ansichten. Und wenn auch das Triebischtal wie alle übrigen ein Erosionstal ist, das nur durch das unaufhörlich am Boden arbeitende Wasser entstanden ist, so bietet es doch in manchen Talweiten die Möglichkeit von Ansiedelungen, ist also belebter und ist dem Verkehr noch mehr durch die Anlegung der Eisenbahn von Meißen über Nossen nach Leipzig gewonnen. Doch darf man wohl kaum behaupten, daß im Mittelalter, als durch König Heinrich I. die Burg in Meißen (Abb. 10.) begründet wurde, das Triebischtal einen bequemen Zugang von Westen her zur Elbe gewährt habe; denn die leichteren und bequemeren Wege von Westen her nach Meißen liefen, wie auch heute noch, über die Höhen zur Stadt und zur Elbe.

Obwohl nun diese westliche Seite des Elbtales mancherlei landschaftliche Schönheiten bietet, so ist sie doch von den Bestrebungen aller Großstädte, sich über das Weichbild der Stadt hinaus in Villenkolonien einen erfrischenden Landaufenthalt zu sichern, fast noch gar nicht berührt worden. Nur bescheidene Anfänge lassen sich unterhalb Dresdens am Fuß der waldigen Höhen erkennen, und nur +ein+ Versuch, auch die Höhen mit ihren herrlichen Fernblicken zu besetzen, in der Nähe von Cossebaude zu verzeichnen. Ausgedehnte und vielbesuchte Sommerfrischorte finden sich nur auf den Höhen der Lausitzer Seite.

[Sidenote: Die östliche Seite des Elbtales.]

Unleugbar hat diese östliche Seite des Elbtales als die Sonnenseite ihre Vorzüge, sie ist wärmer, durch den Steilabfall des Hochlandes mehr gegen die rauhen Nordostwinde geschützt und übt ihre Anziehungskraft namentlich von Dresden an abwärts bis in die Nähe von Meißen durch die ausgedehnten Nadelwaldungen der Dresdener Heide und des Friedewaldes, die den ganzen Höhenrand in ununterbrochener Folge bedecken.

Der steile Abbruch des Lausitzer Hochlandes erstreckt sich über die ganze Länge des Talkessels von Oberau und Weinböhla an über Pillnitz bis nach Bonnewitz und erscheint von der Elbtalaue aus als ein Gebirgszug mit ziemlich gleichmäßigen Höhen. Es ist ein Teil der großen Verwerfungslinie, die sich auch noch weiter nach Südosten über Hohnstein nach Hinterhermsdorf an der Ostgrenze des Sandsteingebiets der Sächsischen Schweiz in ihren Wirkungen bemerklich macht. Die Hauptrichtung dieser Bruchlinie verläuft wie der Elblauf von Südost nach Nordwest; nur zweimal ist auf kurze Strecke eine Abweichung von dieser Richtung erfolgt und zwar sowohl oberhalb als unterhalb Dresdens in der Richtung von Ost nach West, das einemal östlich von Pillnitz, das anderemal östlich von Kötzschenbroda; und in beiden Fällen folgt südlich von diesen Abweichungen der Elblauf und schlägt ebenfalls eine veränderte Richtung ein.

[Sidenote: Der Abfall des Lausitzer Hochlandes.]

Auf der Südwestseite dieser großen Lausitzer Verwerfung ist nun der Gebirgsteil abgesunken und hat einerseits den Talkessel der Elbe veranlaßt, andererseits aber, auch infolge von Einsenkung, das Sandsteingebirge erhalten, während die Ablagerungen des Kreidemeeres, dem die Sächsische Schweiz ihre Entstehung verdankt, sowohl auf den Hochflächen des Lausitzer Gebiets, als auch auf den Vorstufen des Erzgebirges, über die sich das Kreidemeer ausdehnte, durch Verwitterung und Abtragung bis auf wenige Reste verschwunden sind.

Aber an der großen Lausitzer Bruchlinie ist nicht bloß ein Absinken erfolgt, sondern der Lausitzer Granit hat sich zum Teil schräg aufwärts über die jüngeren Schichten von Pläner und Sandstein hinübergeschoben und dadurch an den Berührungsflächen merkwürdige geologische Erscheinungen hervorgerufen. Auf diese Überschiebung des Granits ist man seit 1826 aufmerksam geworden und hat an vielen Stellen in der Nähe der Verwerfungslinie dafür unzweideutig Belege gesammelt. Bei Oberau, unfern des Tunnels der Leipzig-Dresdener Eisenbahn liegt Granit, bei Weinböhla Syenit auf dem Pläner. Hier sind die Gesteine des Lausitzer Hochlandes über die übergekippten Plänerschichten hinaufgeschoben. Ausgezeichnete Reibungs- und Rutschflächen mit starken Zerklüftungen zeigt der Syenit in einem Steinbruch unterhalb der Friedensburg bei Kötzschenbroda (Abb. 11). Am Fuße der Syenitberge beim „Letzten Heller“ sind (nach Gutbier) die Schichten des unteren Pläners unter steilem Winkel aufgerichtet und stark zerklüftet. Andere ähnliche Erscheinungen werden wir auch in der Sächsischen Schweiz kennen lernen.

[Sidenote: Der Höhenzug von Pillnitz bis Dresden.]

Das Lausitzer Hochland selbst, wie es von Oberau bis Pillnitz als Gebirgsgrenze des Talkessels gegen Osten erscheint, hauptsächlich aus Granit, Syenit und verwandten Gesteinen bestehend, besitzt eine durchschnittliche Höhe von 300-350 _m_ und ist auf seiner Hochfläche mit vielen flachen Hügeln und kleinen Kuppen bedeckt. Von seinen höchsten Punkten, dem Triebenberg, 383 _m_, und dem Porsberg, 354 _m_, bei Pillnitz, nehmen gegen Nordwesten die Höhen allmählich ab. Der Porsberg, hart gegen den Steilabfall des Gebirges vorgeschoben, besteht aus Granit und ist infolge seiner freien Lage gegen Südosten, Süden und Südwesten vor allen anderen Höhen durch seine umfassende Aussicht nach der Sächsischen Schweiz und gegen das Erzgebirge berühmt und gewährt dazu auch noch einen reizenden Blick in die mit Ortschaften bedeckte Elbtalaue bis weit über Dresden hinaus. Von Pillnitz bis Dresden fließt die Elbe hart am Fuße des von Ortschaften belebten und an den Gehängen von zahlreichen Landhäusern, die teilweise eine 30 _m_ höhere Sandfläche vor dem Abfalle besetzt halten, geschmückten Gebirges hin; hier liegen an oder in der Nähe der Elbe die Schlösser und Villen der königlichen Familie in Pillnitz, Hosterwitz (Abb. 12) und Wachwitz. Hier sind die Abhänge mit Rebenpflanzungen und Obstgärten bekleidet und von dem Hochlande her öffnen sich mehrere tiefeingeschnittene, malerische und romantische Täler gegen die nahe Elbe. Ihr kurzer, bald sanft, bald steil in Stufen ansteigender Verlauf bietet eine Reihe reizender, vielbesuchter Spaziergänge, die zu zahlreichen Restaurants auf dem Höhenrande hinaufführen. So der Friedrichsgrund bei Pillnitz, der Keppgrund mit der malerischen Keppmühle (Abb. 13) bei Hosterwitz, der Helfenberger Grund bei Niederpoyritz, der Wachwitzgrund und endlich der Loschwitzgrund (Abb. 14 u. 15), der durch zahlreiche Neubauten von seiner sonst so gerühmten landschaftlichen Schönheit verloren hat, so daß er nicht mehr, wie vor 50 Jahren, den Jüngern der Landschaftsmalerei unter Leitung Ludwig Richters zahlreiche idyllische Vorwürfe für ihre Studien zu bieten vermag.

Wie Karl Maria von Weber an seinen unsterblichen Opern Freischütz und Oberon während seines Landaufenthaltes in Hosterwitz schuf, wie Schiller auf dem Landsitze seines Freundes Körner in dem Weinbergshäuschen in Loschwitz (Abb. 16) in den Sommern 1786 und 1787 als Gast lebte und an seinem Don Carlos arbeitete, so hat auch Ludwig Richter jahrelang hochgelegene, bescheidene ländliche Wohnungen in Loschwitz als stillen Ruhesitz für sein künstlerisches Schaffen geliebt.

Ganz anders erscheint uns die Landschaft an dem Steilabfall, der sich von Pillnitz nach Osten zieht und das volle Sonnenlicht von Süden empfängt. Zwar erscheint von der Talsohle aus das Gebirge hier noch mächtiger, weil die höchsten Erhebungen sichtbar werden; allein der ganze Hang ist mit Nadelholz bedeckt und Wege, die von den Höhen durch kurze Täler oder Schluchten hinabführen, sind ungepflegt, denn nirgends wird ein Landhaus sichtbar, nirgends zeigt der hochstämmige Wald eine Lücke für Gärten oder Obstpflanzungen. Das Gebirge erscheint von hier aus unbewohnt. Der Mensch hat es gemieden, denn das erquickende Auge der Landschaft, des Stromes fließender Spiegel fehlt, der das Gelände von Pillnitz bis Dresden mit erfrischendem Hauche belebt und durch seinen regen Schiffsverkehr anziehend macht. Dazu ist der ganze Talboden südwärts bis Pirna großenteils mit magerem Heidesand bedeckt, auf dem sich, die Hälfte des ganzen Gebietes einnehmend, das Pillnitzer Tännicht ausbreitet. Nur wo sich in der Nähe des Stromes, auf beiden Ufern, eine 1-2 _m_ mächtige Decke von fruchtbarem Tallehm findet, sind die Ortschaften: Kopitz, Pratzschwitz, Birkwitz und Söbrigen auf dem rechten Ufer, Heidenau und Mügeln auf dem linken Ufer entstanden.

Doch auch die Hochflächen des Lausitzer Granitbodens haben ihre lebhaften Beziehungen zur Talebene und zur nahen Hauptstadt. Auf den Höhen sind manchmal die diluvialen Schottermassen so mächtig, daß sie einen sichtbaren Einfluß auf die Gestaltung der Oberfläche ausgeübt haben. Geschiebelehm deckt die Höhen, daher finden sich nordwärts bis zum Loschwitzgrunde zahlreiche Dörfer. Dann aber ändert sich das Landschaftsbild plötzlich. Der Heidesand beherrscht den Boden so vollständig, daß auf der weiten Strecke zwischen Dresden und Radeberg, auf einem Flächenraum von 70 qkm nur Wald, die Dresdener Heide, aber nicht ein einziges Dorf anzutreffen ist. Aber am Süd- und Nordrande der Heide haben sich städtische Villenkolonien auf dem Weißen Hirsch, in Klotzsche und Langebrück entwickelt, die, je mehr die Großstadt im Tale um sich greift, in der Nähe des Waldes auf einer 100 _m_ höher gelegenen Hochfläche gedeihlich wachsen und sich immer weiter ausbreiten.

Nur hier auf der ganzen Strecke der steilen Böschungen der Lausitzer Verwerfungslinie hat der Heidesand den Abfall des Hochlandes zu einer sanft ansteigenden, geneigten Ebene ausgeglichen, die es allein ermöglichte, von Dresden aus nach Osten, Nordosten und Norden Straßenzüge anzulegen und gerade in Dresden die bequemste Übergangsstelle über den Strom zu schaffen.

Wie oberhalb der Stadt ist auch unterhalb derselben an dem Trachenberge eine deutlich aus der Elbaue absetzende Talstufe von Heidesand gebildet, die in neuester Zeit ebenfalls mit Landhäusern besetzt wird und deren nach Süden geöffneter halbkreisförmiger Bogen wie ein altes, längst verlassenes Elbufer erscheint.

[Sidenote: Die Lößnitz.]

Auf der Hochfläche hinter den Trachenbergen breitet sich fast wagerecht eine Sandebene bis zum Fuß der beim Wirtshause „Zum letzten Heller“ schroff aufsteigenden Syenitberge aus, wo der Sand eine ganz besondere Rolle spielt. Dieser Sand, der sich von dem die Dresdener Heide durchschneidenden Prießnitzgrunde bis in die Lößnitz ausdehnt, ist von hellgrauer und hellgelber Farbe, gleichmäßig feiner Quarzsand und deutlich geschichtet. Er bildet eine etwa 50 _m_ hohe Stufe über der Elbebene. Und hier haben sich unter dem Spiel der Winde typische Dünen gebildet, wie man sie vielleicht im Binnenlande nicht erwartet. Wo eine Pflanzendecke fehlte, ist der Flugsand in langen Höhenzügen aufgeweht, die, den herrschenden Ostwinden entsprechend, meistens eine nordsüdliche Richtung innehalten. Viele dieser Dünen sind durch die neuen Militärbauten in der Albertstadt Dresdens eingeebnet und bedeckt, andere sind noch auf dem weiten Exerzierplatz am Heller, dem unfruchtbarsten Gebiet des Heidesandes, zu erkennen.

[Sidenote: Die Lausitzer Hochflächen. Moritzburg.]

So weit der Heidesand reicht -- und das ist sowohl auf dem vorderen Höhenrande als am Gehänge und auf dem ganzen Talboden bis zum westlichen Strom und zur nördlichen Grenze des Talkessels --, so weit deckte ursprünglich der Kiefernwald fast ausschließlich das Land; aber die steileren Gehänge des Hochlandes zwischen Radebeul und Koswig sind schon seit dem Mittelalter für den Weinbau gewonnen, der allerdings in neuester Zeit durch die Reblaus bedeutende Einbuße erlitten hat und in manchen Weinbergen völlig aufgegeben ist. Dieser Strich mit der angelehnten Sandstufe, die sich langsam in die eigentliche Niederung der Elbaue senkt, in der allein die alten Dörfer liegen, trägt den Namen Lößnitz, durch den Lößnitzgrund (Abb. 17) in Ober- und Niederlößnitz geschieden. Der Name bedeutet eigentlich Waldland, bildet auch keine geschlossene Ortschaft, ist aber wohl als die früheste Kolonie von Dresden anzusehen. Von den gegenüberliegenden Höhen des westlichen Elbufers, vom Osterberge und den nahegelegenen Aussichtspunkten hat man eine mit Landhäusern bedeckte Landschaft vor sich, die sich 6-7 _km_ weit am Fuß der Lößnitzberge ausdehnt. Die Straßen und Wege laufen dem Fuß des Gebirges parallel und die Namen obere, mittlere, untere Bergstraße zeigen, daß die Häuserreihen staffelweise emporsteigen. Nirgends trifft man städtisch aneinander gerückte Häuserzeilen, sondern an diesen Bergstraßen ist jedes Landhaus von Gärten umgeben. Gerade dieser Teil des Elbtales gilt als der wärmste und ist daher wohl am frühesten aufgesucht. Bis auf den Höhenrand stiegen die Winzerhäuser, die zum Teil in Villen umgewandelt sind, und die Weinbergshäuser empor. Meist durch ihre herrlichen Aussichten berühmt sind sie allmählich in besuchte Restaurants umgestaltet und auch auf bequemen Pfaden zugänglich gemacht. Zu ihnen gehören die Wilhelmsburg, das Spitzhaus, der Pfeifer, das Paradies und die Friedensburg. Wie man aber das Quadersandsteingebirge eine Schweiz genannt hat, so die Lößnitz das sächsische Italien oder noch seltsamer das sächsische Nizza, doch sind die Namen glücklicherweise nicht volkstümlich geworden. Besonders hervorragende Gipfel hat dieser Teil des Hochlandes nicht. So mögen denn nur der Spitzberg, 206 _m_ hoch, bei Koswig genannt werden, dessen bewaldete Kuppe aus Gneis besteht, und der Himmelsbusch, 210 _m_ hoch, eine Felsklippe am Steilrande bei Kötzschenbroda, die aus Hornblendeporphyr besteht. Diese beiden Höhen gehören also nicht dem eigentlichen Lausitzer Granit an und zeigen bereits, daß außer dem eigentlich typischen hellen oder dunkelblaugrauen Lausitzer Granit auch noch andere verwandte Gesteinsarten und zwar besonders Syenit an der Bildung der Lößnitzberge beteiligt sind.

Die Hochflächen östlich von dem steilen Abbruche haben ihre besondere Eigentümlichkeit in den vielen kleinen Kuppen und bewaldeten Höckern zwischen den Ackerfluren und sumpfigen Niederungen. Die Oberfläche besteht da, wo der Heidesand zurücktritt, aus Geschiebelehm, der Grundmoräne des nordischen Inlandeises, in dem man baltische Feuersteine, Porphyre und Quarzite antrifft, die aus Mittelschweden stammen. Bei Boxdorf liegt dieser Lehm 3 _m_ mächtig. Seine Auswaschungs- und Schlemmprodukte bestehen aus Tonen und Tonsanden. Daneben findet sich östlich vom Lößnitzgrunde bei Wilschdorf feinerdiger gelbbräunlicher Löß, in der Nähe der Friedensburg auch mehliger feiner Lößsand. Wo diese besseren Erdarten vorherrschen, sind Dörfer gebildet und herrscht der Ackerbau vor; doch schieben sich die mageren Heidesandflächen mehrfach dazwischen.

Hinter der Lößnitz gegen Osten liegt auf den Hochflächen des Lausitzer Granitbodens von weiten Nadelwaldungen umgeben und mitten zwischen mannigfach gestalteten großen und kleinen Teichen ein eigenartig gebautes, nach seinem Erbauer Kurfürst Moritz benanntes fürstliches Schloß: Moritzburg (Abb. 18). Auf einer Insel, die nach Norden und Süden durch breite, fahrbare Dämme mit dem Lande verbunden ist, erhebt sich das mächtige Schloß, dessen gewaltige runde Ecktürme sich in dem stillen Wasser spiegeln. Als Jagdschloß besitzt es auch eine sehr merkwürdige Geweihsammlung und ist in seinen glänzend ausgestatteten Gemächern reich an malerischen Vorwürfen im Barockstil und besitzt für die zahlreich, namentlich von Dresden kommenden Besucher eine besondere Anziehungskraft in seinem ausgedehnten Tiergarten mit einem namhaften Bestand von Rot- und Schwarzwild, dessen allabendliche Fütterung auf einem bestimmten weiten Wiesenplatze im Walde stets viele Zuschauer anzieht.

[Sidenote: Alte Elbarme. Das Spaargebirge.]

Da wir auf dem Boden der eigentlichen Elbniederung nur jüngere Bildungen diluvialen und alluvialen Ursprungs und nirgends anstehendes Gestein bis in die Nähe von Meißen finden, so darf man wohl auch erwarten, daß wir in der Elbaue selbst noch hie und da Spuren des alten Elblaufes finden und daß das Strombett, das erst nach der Eiszeit seine festere Gestalt gewonnen hat, einst andere Wege eingeschlagen hat. So hat die Elbe nach ihrem Eintritt in den Talkessel unterhalb Pirna nicht bloß durch ihre Schottermassen den unteren Lauf der Wesnitz aus ihrer südwestlichen in eine westliche Richtung verschoben, sondern infolgedessen selbst auch eine westlichere Bahn einschlagen müssen, wobei die alte Talrinne, die noch jetzt in dem Birkwitzer See zu erkennen ist, verlassen werden mußte. Die langgestreckte Einsenkung dieser sumpfigen Niederung weist auf den kürzesten Weg von Pirna nach Pillnitz hin. Andere in ähnlicher Weise entstandene Niederungen lassen sich bei Zschachwitz und Laubegast oberhalb Dresdens und bei Kaditz und Serkowitz unterhalb der Stadt erkennen. Nur bei großen Hochfluten wie 1845 ist das Elbwasser in diese Niederungen wieder eingetreten und hat sie in ihren Beziehungen zur Elbe klar gelegt. Nur bei der großen Flut von 1845 hat die Elbe auch in der Nähe von Meißen den alten Weg um das Spaargebirge herum ostwärts von Sörnewitz über Zaschendorf benutzt. Wie der jetzige Durchbruch des Stromes zwischen dem Meißener Granitgebiet und dem Spaargebirge, der ein reines Erosionstal zu sein scheint, entstanden sein mag: das bleibt ein noch ungelöstes Rätsel, wenn auch manche Erklärung dafür versucht ist.

Merkwürdig und eigenartig bleibt immerhin das eigentlich zur erzgebirgischen Seite gehörige Spaargebirge, das durch den gegenwärtigen Elblauf auf das rechte Ufer verlegt ist. Im Süden steil und schroff in Felsklippen ansteigend, senkt sich diese Gebirgsinsel, von kleinen Tälern und Schluchten durchzogen, langsam nordwärts in die Niederung von Cölln, Meißen gegenüber, und ist mit zahlreichen einzelnen Weinbergsgütern und Winzerhäusern besetzt, zu denen sich in neuerer Zeit auch Landhäuser gesellen. So bildet in Bezug auf Besiedelung dieser kleine Gebirgsstock einen bestimmten Gegensatz gegen den nördlichsten Teil des Talkessels, der, niedrig gelegen, fast nur aus feuchtem Wiesenland besteht, in das sich nur +ein+ Dorf, Niederau, hineinschiebt, während die übrigen Dörfer nur auf oder an dem umgebenden Höhenrande liegen.

III.

Die Bevölkerung.

[Sidenote: Die Bevölkerung im Elbtal.]