Drei Monate Fabrikarbeiter und Handwerksbursche Eine praktische Studie

Part 2

Chapter 23,352 wordsPublic domain

Aber es kamen auch bessere Zeiten: Stunden, halbe und ganze Tage, wo es nicht viel oder nur leichte Arbeit gab. Solche Zeit wurde von mir stets doppelt fleißig zum Verkehr mit meinen Arbeitsgenossen ausgenutzt. Dann ging ich von dem einen zum andern, und während dessen Maschine rasselte, lenkte ich unser Gespräch von dem zu jenem Gegenstande, worüber ich gern sein Urteil haben wollte. Oder ich hörte einfach zu, wo sich eine Gruppe gebildet hatte und sich eifrig über allerhand Fragen unterhielt, sich neckte oder stritt. Wenn ich einem oft eine Stunde lang etwa eine eiserne Welle oder einen Hebel halten oder sonstwie zur Hand sein mußte, so war das für mich stets erwünschte Gelegenheit, seine Gesinnung, seine Ansichten zu hören. Ja fast jede gemeinsame Arbeit, jede Handreichung bot so günstigen Anlaß zu interessanten Studien. Ich machte aus meiner religiösen Überzeugung kein Hehl, und das rief den Widerspruch hervor. Ich ließ erkennen, daß ich über manches nachgelesen und nachgedacht hatte, und das wurde für viele die Ursache, die verschiedensten und mitunter wunderlichsten Fragen an mich zu richten. Bald hieß ich der „Doktor,“ der „Professor.“ Einer meinte, an mir wäre ein Pastor verloren, ein andrer hielt mich für einen heruntergekommenen Studenten, ein dritter machte mir Aussicht, einmal Reichstagsabgeordneter zu werden. Daß irgendwem eine richtige Ahnung von meiner Person und meinen Plänen aufgegangen ist, glaube ich trotz alledem nicht, habe jedenfalls keinen Anhalt dafür, es anzunehmen. Der Gedanke, daß ein Gebildeter selbst nur auf Zeit auf allen Komfort, seinen Beruf und seine immerhin hohe Lebensstellung freiwillig und um ihretwillen verzichten könnte, kam den Leuten nicht, war für sie wohl einfach undenkbar.

Auch die kurze Frühstückspause, während deren man in Gruppen zusammensaß, ließ mich viele Einblicke thun. Die Stunde des Mittagsessens, das ich für geringen Preis in Arbeiterkneipen einnahm, führte mich täglich in nahen Verkehr mit den jungen unverheirateten Leuten meiner und andrer Fabriken. Auch die Abende verbrachte ich selten allein und daheim, häufig auf den Straßen unsers Arbeiterviertels, die um diese Zeit bei schönem Wetter von den Anwohnenden, gleichviel ob jung oder alt, zahlreich belebt zu sein pflegen, oder in den Sitzungen des sozialdemokratischen Wahlvereins, in denen ich nie fehlte, oder -- und dies je länger desto mehr -- in den Familien der Arbeiter, denen ich allmählich näher gekommen war. Die Sonntage trafen mich entweder auf einem Ausfluge mit mehrern jungen Schlossern oder als Teilnehmer der dort sehr beliebten sozialdemokratischen Arbeiter- und Kinderfeste; am Sonntagsabende war ich ständiger Besucher der öffentlichen Tanzsäle, die ich fast nie vor Schluß, also vor Mitternacht verließ.

Nur die Nächte gehörten mir. Ich hatte gleich nach meinen Herbergserlebnissen den Plan, mich als Schlafbursche in einer Arbeiterfamilie einzumieten, aufgegeben. Ich sah, daß es einfach über meine Kräfte gehen würde, nach so ungewohnter Tagesarbeit auch noch mehr oder weniger schlaflose Nächte durchzumachen. Auch brauchte ich die späten Abendstunden sehr notwendig, um unbeobachtet die Eindrücke des Tages klären und meine Notizen machen zu können. So begnügte ich mich damit, mir mitten in einer Arbeitervorstadt bei einer schlichten Familie ein kleines Stübchen zu mieten, das vor mir erst ein Schlosser, dann ein Kaufmann bewohnt hatte, von derselben ganz einfachen Art, wie sie junge Arbeiter auch sonst mitunter bewohnen.

Um aber den Schlafstellenjammer doch wenigstens etwas kennen zu lernen, verließ ich Mitte August die Fabrik und verwendete -- als Arbeitsloser -- die nächste Zeit meist auf die Besichtigung von freistehenden Schlafstellen. Der tägliche Wohnungsanzeiger des „Chemnitzer Tageblattes“ wies mir die Wege. Eine Düte mit Zuckerzeug hatte ich auch stets in der Tasche, und wo immer ich Kinder traf, teilte ich daraus mit. Das öffnete mir Herz und Mund der Mütter und gestattete, daß ich mitunter ziemlich lange in einzelnen Familien zubrachte. So habe ich im ganzen doch etwa sechzig Schlafstellen wenigstens gründlich +gesehen+. Ein Sozialdemokrat hat in einer öffentlichen Versammlung zu Göttingen diese Methode, „das Schlafstellenwesen durch Mietsvorspiegelungen und Erregung irriger Hoffnungen zu rekognoszieren,“ als „unwürdig“ hingestellt. Ich erkläre hiermit, daß es jedem frei steht, zur Vermietung angebotene Wohnungen sich anzusehen, und daß ich keine Familie bei meinem Weggang darüber im Unklaren gelassen habe, daß ich die betreffende Schlafstelle +nicht+ annähme.

Schließlich packte ich abermals mein Bündel und zog, wieder Handwerksbursche, von Chemnitz aus ins Vogtland hinein. Aber ich kam nicht mehr weit. Ich fühlte, daß meine Elastizität zu Ende war. So brach ich, wohl allzu plötzlich, ab und kehrte Ende August nach Hause zurück.

Soviel zur Orientierung über meine äußern Erlebnisse, über den Weg, den ich bei diesen Untersuchungen ging. Nunmehr diese selbst und ihre Resultate.

Zweites Kapitel

Die materielle Lage meiner Arbeitsgenossen

Wir waren etwa fünfhundert Mann in unsrer Fabrik beschäftigt, denen allen ich selbstverständlich nicht gleich nahe gekommen bin. In täglicher intimer Berührung war ich eigentlich nur mit 120 bis 150 Mann, von denen die meisten mit mir +einer+ Abteilung, dem Werkzeugmaschinenbau, angehörten. An diesen habe ich vornehmlich die Erfahrungen gemacht, die ich mitteile.

Unter ihnen wiederum war die überwiegende Mehrzahl Sachsen, soviel ich habe herausbekommen können, 70 bis 75 Prozent. Ich bitte, diese Thatsache für alle folgenden Erörterungen im Auge zu behalten und meine Erfahrungen nicht, wider meinen Willen, unbesehen auch auf andere Stämme zu übertragen. Der Rest von 25 Prozent verteilte sich etwa auf 10 Prozent Norddeutsche, 5 Prozent Süddeutsche, 10 Prozent Österreicher und einige Schweizer. Die hohe Ziffer der Österreicher erklärt sich leicht aus der Nähe der sächsisch-böhmischen Grenze. Übrigens waren sie zumeist Deutschböhmen und bereits in Sachsen naturalisiert. Unter den Sachsen überwog wieder das eingeborene Element, geborene Chemnitzer, oder aus der nähern und weitern Umgebung der Stadt, oder wenigstens aus dem Erzgebirge und Vogtlande.[*] Aus den übrigen drei sächsischen Kreisen war die Zahl der Eingewanderten verhältnismäßig gering, kaum 15 bis 20 Prozent. Dagegen war das einheimische Element in der Chemnitzer Wirk- und Webindustrie viel stärker als bei uns, im Gegensatz wieder zum Baugewerbe, wo die Österreicher, speziell die tschechischen Arbeiter, ein überraschend großes Kontingent stellten.

Über das +Einkommen+ meiner Arbeitsgenossen nun kann ich nicht ganz sichre Zahlenangaben machen. Denn ich habe sie selbstverständlich nur von den Leuten selbst und kann darum für ihre genaue Richtigkeit nicht bürgen. Es war ungemein schwer, hierüber die volle Wahrheit zu erfahren. Jeder suchte seinen Verdienst vor dem andern zu verheimlichen, der eine, der mehr verdiente, um durch seinen Lohn nicht in den Geruch eines Schleichers und Günstlings zu kommen oder die Mitarbeiter nicht zu einer gleichhohen Lohnforderung zu veranlassen; der andre, der weniger verdiente, aus Scham und Furcht vor dem Spott und der Hänselei unvernünftiger Mitarbeiter.

Die damaligen Löhne standen offenbar unter dem Drucke der verfehlten Maifeier und der nahenden MacKinley-Bill. Dann einmal wurden neu Eintretende mit niedrigerm Stundenlohn als der vorhergehende eingestellt, und dann wurde jede Bitte um Lohnzuschlag zurückgewiesen. Wer mit seinem bisherigen Verdienst nicht zufrieden war, wurde entlassen.

Ich selbst, um damit zu beginnen, bekam als Neuling und Handarbeiter 20 Pfennige Lohn für die Stunde, den gewöhnlichen Anfangslohn, der aber auf Bitten, namentlich Verheirateter bald um 1 bis 2 Pfennige erhöht zu werden pflegte. Das machte bei mir täglich mit Ausnahme des Montags und Sonnabends, wo eine Stunde weniger gearbeitet wurde, 2,13 Mark, an den beiden genannten Tagen 1,93 Mark, in der ganzen Woche genau 12,78 Mark. Davon gingen stets fast zwei Mark ab: an Krankenkassenbeiträgen, Strafgeldern für Verspätungen und Arbeitsversäumnisse, sodaß ich selten mehr als 11 Mark Verdienst auf die Woche herausbekam. Die übrigen Handarbeiter verdienten 12 bis 15 Mark, durchschnittlich wohl 14 Mark die Woche, Schlosser 15 bis 21, ihre Monteure 22 bis 28, Bohrer, die um Lohn arbeiteten, 15 bis 19 Mark. Dagegen kamen die Akkordarbeiter bedeutend höher: Hobler im Durchschnitt bis auf 25, Dreher von 20 bis 30, Stoßer und Bohrer von 20 bis 30, 35, einzelne gar bis 40 Mark in der Woche. Der Maschinist an der großen Dampfmaschine verdiente nach seiner eignen Angabe bei vierzehnstündiger täglicher und regelmäßiger Sonntagsvormittagsarbeit 24 Mark die Woche. Bei den Monteuren wird ebenso wie bei einigen Meistern das Einkommen bedeutend durch sogenannte Prozente für von ihnen fertig gestellte Maschinen erhöht. Das Jahreseinkommen der letztern sollte nach Angaben der Leute im Durchschnitt 1800 bis 2000 Mark betragen. Unter den starken Verdienern sind viele junge Leute mit einem angeblichen Mindestverdienst von 100 Mark im Monat. Ein Teil dieser Angaben kann eher noch zu niedrig als zu hoch gegriffen sein. In einigen andern Maschinenfabriken sollte der Lohn noch höher sein, aber auch die Arbeit länger und anstrengender. Doch vermochte ich selbstverständlich die Richtigkeit dieser Angaben nicht zu prüfen.

Aus alledem geht hervor, daß von Not unter dieser Arbeiterklasse nicht die Rede sein kann. Jedenfalls ist sie eine der verhältnismäßig bestgestellten, konsumtionskräftigsten unter der gesamten sächsischen Arbeiterschaft, auch wenn man sich immer vor Augen hält, daß die angegebenen höchsten Zahlen nur für einen kleinen Prozentsatz der Arbeitsgenossen gelten, daß der Durchschnittsverdienst 80 Mark im Monat beträgt, und ein Stundenlohn von 32 Pfennigen schon als sehr günstig angesehen wird.

Die vielen, die, wie namentlich Handarbeiter, bedeutend weniger als diese angegebene Summe verdienten, dazu eine zahlreiche Familie, Sorgen und Schulden hatten, die aber fleißig und strebsam waren und auf sich und ihre Angehörigen hielten, suchten durch +Nebenverdienst+ ihr Einkommen einigermaßen zu erhöhen. Sie suchten sich auf alle Weise in ihren knappen Feierabendstunden sowie am Sonntage außerhalb der Fabrik ihre bald besser bald schlechter gelohnte, bald leichte und angenehme, bald mühsame Nebenbeschäftigung. Hier einige Beispiele. Ein Packer, der gern und mit herzlichem Behagen von seinem Heim, seiner Frau und seinen erwachsenen und halberwachsenen Kindern zu erzählen pflegte, ein schlichter, treuherziger Charakter, schnitzte den Sonntagmorgen über Kleiderbügel und machte am Nachmittag und in der Nacht auf einem nicht allzufernen Dorfe den Tanzmeister; ein ehemaliger Schneider trieb in seiner Freizeit sein altes Handwerk, um sich Taschengeld zu verdienen, da er, wie er uns sagte, sein ganzes Verdienst, allvierzehntägig 27 Mark bis auf eine Mark seiner Frau und seinen zwei Kindern heimbrachte; ein Zimmermann tischlerte nebenbei; ein andrer, der einst Barbierjunge gewesen, aber aus der Lehre entlaufen war, ging des Abends von Haus zu Haus und barbierte Bekannte und Genossen aus der Fabrik; mehrere machten des Sonntags Tanzmusik, einer, ein Dreher, in einer „fidelen“ Kneipe Ulkmusik; wieder einer verhandelte Fässer; ein Bohrer war Sonntags nachmittags Hilfskutscher eines in den vermehrten Sonntagsbetrieb eingestellten Wagens der Chemnitzer Pferdeeisenbahn; ein Schlosser, der seinen Sohn Kaufmann werden ließ und etwa vierzig Jahre alt sein mochte, ein gutmütiger Kerl, aber ein großer, wenn auch nicht allzu unanständiger Verehrer geistiger Getränke, kellnerte allabendlich und allsonntäglich in einer unsrer vielbesuchten bessern Arbeiterkneipen -- wohl ebenso aus dem Streben, etwas zu verdienen, als ab und zu einen billigen Trunk zu thun; endlich fand ich nicht einen nur, der unter den Fabrikgenossen einen schwunghaften Handel mit billigen Zigarren im Preise von drei, vier, auch fünf Pfennigen trieb. Auch sonst suchte man sich auf allerhand Weise zu verdienen: durch Kohleneintragen bei Meistern und Direktoren, durch Grasmähen in deren Gärten und ähnliche Dinge.

Einzelnen wenigen brachten auch Überstunden und Sonntagsarbeit in der Fabrik etwas Nebenverdienst. Es waren das freilich meist ganz bestimmte, vom Meister ausgesuchte Leute, denen dieser „Vorteil“ zufiel: um den Preis ihres gewöhnlichen Stundenlohnes übernahmen sie die Werkstattreinigung an jedem Sonnabend nach Feierabend, ferner die Reinigung der Dampfmaschinen und sonst sich nötig machende Reparaturen am Sonntag Vormittag.

Einen weitern Zuschuß brachte die Arbeit der Frauen und manchmal, doch nicht zu häufig, der größern Kinder. Es ist mir unmöglich, hierüber Genaueres zu sagen, ich vermag nur anzugeben, daß diese Frauenarbeit die allerverschiedenste war: Schneidern, Nähen für ein Geschäft, Waschen und Scheuern, Hausieren oder Handeln mit Grünzeug und andern Waren; wohl nicht häufig ging man in Fabriken, viel mehr wurden daheim auf der Strickmaschine Strümpfe gestrickt.

Auch wurde das Halten von Schlafleuten und Mittagskostgängern, wobei ebenfalls der Frau die +ganze+ Arbeit obliegt, als Quelle zur Erhöhung des Fabriklohnes angesehen -- kaum mit vollem Rechte. Denn so viel ich beobachten konnte, kommt in Anbetracht der dadurch den Frauen auferlegten schweren Mühe und der Opfer an häuslicher Bequemlichkeit, von andern tiefern, aber mehr ausnahmsweisen Schäden hier einmal ganz abgesehen, ein pekuniärer Vorteil selten heraus.

Das alles aber gilt immer nur von den geringer gestellten Arbeitern. Ich glaube bemerkt zu haben, daß wer nur immer dazu imstande war, auf solche Nebenverdienste zu verzichten, es auch mit einigen Ausnahmen that.

Aber mein Bild würde unvollständig bleiben, wenn ich ihm nicht einen goldnen Rahmen gäbe und nicht noch erzählte, daß wir doch auch fünf Hausbesitzer unter den Arbeitern unsrer Fabrik hatten. Wenigstens sind mir fünf bekannt geworden: ein enorm fleißiger, auf Akkord arbeitender Dreher, der sich das Vesperbrot am Munde absparte, und den man scherzweise den Kommerzienrat nannte, hatte es sich durch seiner Hände Arbeit und seinen, wie einige sagten, Sparsinn, wie andre meinten, Geiz erworben; dasselbe galt von einem andern Arbeiter; ebenfalls ein junger Dreher war -- wohl durch Erbschaft -- Eigentümer des flottgehenden Gasthofes eines engbenachbarten Dorfes; und ein Schmied und ein Schmirgler waren ebenso im Besitz eines Wohnhauses. Dann war einer in meiner Kolonne, ein guter, bei allen beliebter Kerl, der aus einer Bauernfamilie der Umgegend stammte und, wie man sagte, aber wohl übertrieb, im Besitze von soviel tausend Mark sei, daß er es nicht nötig gehabt hätte, sich bei uns herumzuplagen. Endlich mußte ich einmal als gelernter „Schreiber“ einem andern schon älteren Manne, dessen Vater gestorben war und den Kindern je mehrere hundert Mark hinterlassen hatte, einen Kontrakt aufsetzen, auf Grund dessen er seinen Anteil einem Bruder als Hypothek auf dessen Haus überließ -- wie er mir sagte, da er das Geld ja doch nicht brauchte. Doch habe ich es kaum nötig, noch ausdrücklich zu erwähnen, daß diese glücklichen Hausbesitzer und Kapitalisten nicht die Regel unter uns bildeten.

Nach dem allen wiederhole ich meine oben gemachte Aussage, daß von Not in unsrer Arbeitergruppe nicht die Rede sein konnte. Freilich auch nicht von Überfluß. +Denn der oben angegebene Betrag des jährlichen Durchschnittseinkommens von 800 bis 900 Mark gestattet bei den heutigen hohen Wohnungs- und Lebensmittelpreisen eben gerade, daß ein Arbeiter mit einer nicht allzu zahlreichen Familie ohne schwere Nahrungssorgen leben kann.+ Die Sache liegt aber sofort bedeutend ungünstiger, wo wie bei uns Handarbeitern das Jahreseinkommen nur zwischen 600 bis 700 Mark betrug, oder wo Krankheiten, Todes- und andre Unglücksfälle, längere Reserve- und Landwehrübungen des Mannes oder endlich ein häufig mit einer Arbeitspause verbundener Wechsel der Arbeit einen beträchtlichen Teil auch des höhern Einkommens verschlangen. Bei denen, die 1200 bis 1500 Mark Einkommen hatten, war allerdings eine bessere höhere Lebenshaltung und einiger Luxus möglich und zu meiner Freude vielfach auch vorhanden. Im allgemeinen muß das Urteil aber dahin zusammengefaßt werden, daß auch bei dem angegebenen Durchschnittsverdienste die Lebensführung für eine Arbeiterfamilie nur in den allerbescheidensten, sagen wir in beschränkten Verhältnissen möglich war.

Das werden schon die nicht erschöpfenden Beobachtungen zeigen, die ich über +Wohnung+, +Kleidung+, +Nahrung+ meiner Arbeitsgenossen gemacht habe, und die ich trotz aller Lückenhaftigkeit doch der folgenden Mitteilung für wert halte.

Meine Arbeitsgenossen wohnten zu einem beträchtlichen Teile nicht in dem Vorstadtdorf, in dem unsre Fabrik lag und wo auch ich mich einquartiert hatte. Viele wohnten in der Stadt, viele in den umliegenden nahen und fernern Dörfern. Die Fälle waren nicht vereinzelt, in denen sie stundenweit bis nach Hause hatten. Ein Handarbeiter unsrer Kolonne, der älteste von uns, ein hoher Fünfziger, hatte so weit zu gehen, daß er es vorzog, die Woche über bei seinem Schwiegersohn in unsrer Vorstadt Quartier zu nehmen und nur Sonnabends seine Frau und sein Heim zu besuchen, das ein andrer von uns, der ihn einmal besuchte, wegen seiner Nettigkeit, Sauberkeit und „Heimlichkeit“ nicht genug zu rühmen vermochte. Über die Wohnungsverhältnisse aller dieser vielen Auswärtigen vermag ich fast keine Einzelheiten zu bringen und nur zu sagen, daß die in der Stadt lebenden bedeutend schlechter, die von den weiter entfernt und oft in reizender Natur gelegenen Dörfern hereinkommenden, im Durchschnitt unstreitig besser wohnten, als wir in unserm Viertel.

Unser Vorstadtdorf schloß sich so dicht an Chemnitz an, daß man beider Grenzen nicht mehr herausfinden konnte. Beide gingen ineinander über, und auf der andern Seite des Dorfes bildete eine ganze stundenlange Kette von Dörfern, wie das in dem dicht bevölkerten Sachsen nicht selten vorkommt, seine Fortsetzung. Dieser Zusammenhang bestimmte Aussehen und Anlage unsers Ortes. Er war halb Stadt halb Dorf: zwischen den alten charakteristischen hochgiebeligen, kleinfenstrigen, niedrigen Landhäusern hoben sich die zum Sterben nüchternen städtischen zwei- bis dreistöckigen Mietskasernen empor. Nur ein kleines Viertel gab es noch, wo der alte Charakter des ehemaligen Dorfes in den niedrigen primitiven, planlos und willkürlich nebeneinander gestellten Tagelöhnerhäuschen und den schmalen, zickzackigen Gängen und Wegen dazwischen ganz rein erhalten war. Aber dicht daneben wuchs mit Riesenschnelle wieder ein rein städtischer Teil empor, zwei breite, mächtige parallel laufende Straßen, wo in gerader Linie Kaserne an Kaserne stand, deren kalte Front freilich kleine grüne Vorgärtchen freundlich belebten und schmückten. So gab auch die äußere Gestalt dieses Vorstadtdorfes ein Abbild der wirtschaftlichen Wandlung, die seine Bewohner eben durchmachten: die Entwicklung aus Land- und Ackerbauern in großindustrielle Fabrikarbeiter.

Meine hier ansässigen Arbeitsgenossen wohnten je nach den Wohnungspreisen, den Ansprüchen, den Neigungen, der Gewohnheit, oft auch nach bloßem Zufall teils in dem neuen Viertel, teils in den alten Häusern, deren Inneres gewöhnlich nach der Weise der neuen Häuser umgebaut und in mehrere Familienwohnungen, „Parten“ genannt, geteilt war. Ich weiß nicht, welcher Art Wohnungen ich den Vorzug geben soll. Die in den alten ländlichen Häusern hatten niedrige Stuben, kleine Fenster, enge Fluren und waren mitunter äußerlich verwahrlost; aber dafür lag fast jedes derartige Wohnhaus mitten in einem Gärtchen, mitten im Grünen. Jene andre Sorte hatte größere und höhere Räume, mehr Luft und mehr Licht, aber eben auch den ganzen öden Kasernencharakter, und die Häuser waren vielfach auch recht flüchtig und mangelhaft gebaut. Die geringsten und unfreundlichsten Wohnungen aber fanden sich jedenfalls in den häufigen Hinterhäusern dieser neuen Straßen, die vielfach die Schattenseiten der beiden eben genannten Gattungen in sich vereinigten und an Armseligkeit der innern Anlage und Ausstattung sowie ihrer Umgebung oft nichts zu wünschen übrig ließen.

Es ist schwer, das, was die Leute an Räumen inne zu haben pflegten, noch +Familien+wohnungen zu nennen. Oder kann man wirklich eine zweifenstrige Stube und ein einfenstriges unheizbares Gelaß daneben noch so bezeichnen? Eben dies aber und nicht mehr bildete das Heim eines -- wenn ich recht sah -- sehr großen Teiles unsrer Arbeiterfamilien. Darum sprach man da unten auch immer nur von Stuben. „Ich will mir eine neue Stube mieten“; „Was bezahlst du für deine Stube?“ waren ganz übliche Worte.

Bedeutend besser, geräumiger, anheimelnder erschienen schon die Wohnungen, die aus einer Stube und zwei solcher Gelasse, im Volke dort fälschlich „Alkoven“ genannt, oder gar aus zwei heizbaren Stuben und einem Alkoven bestanden. Doch auch ihnen fehlte sehr oft, wie den Stuben immer, die Küche, dagegen gehörte zu allen genannten Gattungen regelmäßig noch eine sogenannte Bodenkammer, d. h. ein enger Bretterverschlag unter dem Dache, deren jeder mit einer kleinen Luke versehen war.

Die meisten, namentlich modernen, nach städtischer Art gebauten Häuser hatten von jeder der geschilderten Wohnungsparten eine Anzahl, aber in erdrückender Gleichmäßigkeit auch nichts als solche; größere Wohnungen fanden sich in solchen eigentlichen Arbeitermiethäusern gar nicht. Für die wenigen Leute am Orte, die danach verlangten, gab es besonders gebaute Häuser dazwischen und außerdem noch einige wenige Villen oder dem ähnliche Gartengebäude.

Die Preise für diese Wohnungen waren hoch im Vergleich zu ihrem Werte wie zu dem Einkommen der meisten Arbeiter, doch wohl niedriger als diejenigen für gleiche in der Stadt. Ich vermag hier keine Zahlen zu geben; die wenigen, die ich mir damals notiert habe, sind ungenügend, ich setze sie darum gleich gar nicht erst her. Aber an Berliner Preise reichten sie freilich nicht hinan.

Auch darüber, welche nach der Höhe des Einkommens geordnete Arbeitergruppen je diese einzelnen Sorten von Wohnungen bewohnten, läßt sich schwer etwas Allgemeingiltiges festsetzen. Man kann wohl sagen, daß jene kleinsten Räume natürlich immer die schwachen Verdiener oder Väter mit zahlreicher und darum kostspieliger Familie oder junge Eheleute mit noch keinem oder einem einzigen kleinen Kinde bewohnten, die größern immer die stärkern Verdiener. Aber es war nicht selten, daß auch Leute mit weniger Lohn solche größeren Wohnungen innehatten, die aber dann immer eine Anzahl Schlafleute hielten, die ihnen die hohe Miete mit erbringen mußten. Es war, um dies gleich an dieser Stelle zu sagen, in der Fabrik immer ein Ach und Weh, wenn der „Zinstermin“ kam; an dem Lohntage, der diesem Termine zuvorging, pflegte besonders wenig für die übrigen Bedürfnisse übrig zu bleiben.