Drei Monate Fabrikarbeiter und Handwerksbursche Eine praktische Studie

Part 14

Chapter 143,373 wordsPublic domain

Ich meine, die Fülle dieser verschiedenen ausdrücklichen Zeugnisse, die fast alle gerade von ziemlich selbstgewissen Sozialdemokraten stammen, können genügen, um meine mir unerschütterlich feststehende Behauptung zu erhärten: der Chemnitzer Fabrikarbeiter, mit dem ich zusammen gearbeitet habe, sträubt sich heute noch mit Händen und Füßen gegen den Gedanken einer blutigen Revolution. Zwar weiß er genau, daß eine durchgreifende Besserung seiner Lage, die ein jeder von ihnen erwünscht, erstrebt, erwartet, +ohne Kampf+ eine Unmöglichkeit ist. Dazu kennt und erfährt er selbst, wie gesagt, zu oft den heute unüberbrückbaren Interessengegensatz zwischen ihm und dem Unternehmertum. Aber er sieht ihn heute noch als eine Naturnotwendigkeit und nur im gegebnen Falle auch als Schuld seines Arbeitgebers an. Er hält darum auch dessen Person und Sache durchschnittlich auseinander und will auch seinerseits nicht einen Kampf roher Gewalt, sondern die zwar mannhafte und unnachgiebige, aber gesetzmäßige Auseinandersetzung zweier organisierter Parteien in einem parlamentarisch freien Staate. Nicht die Zahl der Fäuste soll entscheiden, sondern die Zahl der Stimmen und die Macht der Wahrheit. Gleichwohl leugne ich die +Gefahr+ einer Revolution keinen Augenblick. +Sie liegt aber nicht in der Absicht, in den augenblicklichen politischen und sozialen Gesinnungen der Leute, sondern einmal in der immerhin möglichen Unterlassung oder Verschleppung einer grundlegenden Sozialreform, und dann vor allem in der erbärmlichen, neuen Lebensanschauung, die, begünstigt durch die vorhandene innere Krisis der Kirche und durch unsre verwahrlosten wirtschaftlichen und sozialen Zustände, sich heute infolge der sozialdemokratischen Agitation weithin im Volke verbreitet hat.+ Hier allein und nicht in einer, gegebenenfalls übrigens doch immer nur formalen wirtschaftlichen Schulung der Arbeiter im rein sozialistischen und kommunistischen Sinne liegt die eigentliche große Gefahr, der eigentliche verhängnisvolle Erfolg der ganzen bisherigen Agitation der Partei. Darüber werden die nächsten Kapitel des Weitern und Breitern zu reden haben.

Im Zusammenhang mit dem eben erörterten Revolutionsgedanken ist nun auch die fernere Beobachtung, die ich machte, nicht uninteressant, daß der ihm verwandte Gedanke, die sozialdemokratische Phrase von der Verbrüderung aller Nationen, bisher in der Praxis noch absolut keinen fruchtbaren Boden gefunden hatte. Vielmehr gerade das Gegenteil davon konnte man in Chemnitz täglich studieren, da hier wegen der Nähe der sächsisch-böhmischen Grenze Hunderte von Tschechen, mit dem Spitznamen „Seffs“ genannt, meist auf Bauten in Arbeit standen. Zwischen ihnen und den einheimischen Deutschen herrschte durchgehends Abneigung und Gleichgiltigkeit. Für viele Arbeiterfamilien waren sie zwar wertvolle und nicht übelbehandelte Erwerbsobjekte; aber man sah immer auf sie herunter. Sie hatten auch ihre eignen Tanzböden, die unsre Leute nicht gern besuchten, weil es da zu roh zuging, und es gab häufig Schlägereien mit ihnen. In unsrer Fabrik hatten selbst die Deutsch-Böhmen unter dieser Abneigung gegen ihre Landsleute zu leiden. Von einer Verbindung zwischen Tschechen und unsern Leuten war jedenfalls nicht das geringste zu spüren.

Dagegen war es tief betrübend, wenn auch nicht gerade verwunderlich zu sehen, wie erfolgreich die sozialdemokratische Agitation unter der +gesamten+ Arbeiterbevölkerung, vom eingefleischtesten bis zum harmlosesten Sozialdemokraten herab, gegen den Fürsten Bismarck hat Stimmung machen können. Kein Mann ist mehr, bitterer, glühender gehaßt da unten als der Gründer des deutschen Reiches. Über ihn herrschte +eine+ Ansicht, +eine+ Stimme: „Bismarck ist der größte Arbeiterfeind“ und „Bismarck ist ein Betrüger.“ Das sind wörtliche Zitate, die ich mehr als einmal gehört habe. Einmal standen wir etwa ein halbes Dutzend Mann zusammen vor einer großen eisernen Wand, in die ich mit der Handbohrmaschine Löcher zu bohren hatte. Da schrieb einer ganz plötzlich mit Kreide Bismarcks Namen in großen Buchstaben an die Wand und gab uns auf zu raten, was das bedeute. Er löste uns das Rätsel dann selbst. Es bedeutete zwei Sätze; jeder Buchstabe des Bismarckschen Namens, je von vorn und hinten gelesen, war der Anfangsbuchstabe eines Wortes in diesen zwei Sätzen. Der eine hieß: „=B=ismarck =I=st =S=einer =M=ajestät =A=llmächtigster =R=eichs-=K=anzler“ und der andre: „=K=ein =R=eich =a=rbeitet =m=it =s=o =i=ntelligenten =B=eamten.“ „Ja,“ sagte ein andrer darauf, „Bismarck hat viel Bildung“. Wieso? fragte ich. „Bismarck hat die meisten Steuern +gebildet+,“ war die Antwort. In beiden Fällen wenig Witz, aber viel Haß. Ein andermal stand ich wieder mit einem andern zusammen. Wir redeten vom ersten Mai, der hinter uns lag. Der Mann behauptete, daß in unsrer Fabrik damals kein Wort weder +vor+ noch +nach+ dem „Ersten“ über eine Maifeier gefallen sei. „Und doch hat man so ernstliche Maßregelungen angedroht; nicht nur von seiten der Arbeitgeber, sondern auch der Regierung. Aber daran ist Bismarck schuld; dieser hat das größte Unheil angerichtet. Zwar ist er nun fort, und das ist gut, aber dafür sind nun seine Anhänger und Getreuen noch immer sehr mächtig bei der Regierung.“ Noch bezeichnender war das schon erwähnte Gespräch, das ich wieder zwischen zwei andern mit anhörte.

A: „Was wird jetzt Bismarck machen?“

B: „„Der sitzt gemütlich in Friedrichsruh und stellt vielleicht neue Attentate an, wie 1878.““

A: „Wieso denn?“

B: „„Nun, das ist doch klar. Weder Nobiling noch Hödel waren Sozialdemokraten. Jener war ein Liberaler, dieser ein Stöckerscher. Beide waren von Bismarck angestellt, um dann das Sozialistengesetz erlassen zu können.““

Ich: „Und warum sollte er denn jetzt wieder an so etwas denken?“

B: „„Um zu verhindern, daß das Sozialistengesetz zum ersten Oktober endlich aufgehoben wird.““

So thöricht auch dies ganze Gespräch ist -- es ist der höchste Grad von Mißtrauen, Haß und Verachtung, der aus ihm spricht, und der auch nicht durch ein einziges andres freundliches Urteil über ihn gemildert erscheint. --

Aus der breiten Masse der bisher geschilderten Durchschnittssozialdemokraten hob sich nun meiner Beobachtung noch eine besonders bedeutsame Gruppe ab, deren Zahl, wie ich zu vermuten manche gute Gründe habe, heute überall in stetigem Wachsen ist. Es waren gerade die besonders klugen, praktischen, verständigen, ernsten und gebildeten Leute, Männer mittlern Alters, die sich auch mit den weitergehenden sozialdemokratischen wirtschaftlichen und politischen Problemen nicht ohne Verständnis beschäftigt hatten, und ihnen, wenn auch mit Kritik, doch teilweise gerade besonders stark huldigten, die aber trotzdem von der rein politischen Agitationsarbeit der Partei nichts oder nicht viel hielten und darum, thatenlustig wie sie waren, sich auf die näher liegende, unmittelbare, praktische Erfolge und mehr Befriedigung versprechende Arbeit in den Fach- und Gewerkvereinen, in den Komitees der Kranken- und Unfallversicherungskassen, der freien Hilfskassen und vor allem auch auf die Thätigkeit innerhalb ihrer lokalen politischen Gemeinde geworfen hatten; natürlich immer mit der festen Absicht, diese Arbeit im Sinne der sozialdemokratischen Grundsätze und selbstverständlich zu Nutzen und Frommen der sozialdemokratischen, der Arbeiterinteressen zu thun. Aber indem sie sie thaten, waren sie -- mochten sie noch so sehr sozialdemokratische Gesinnung dabei durchdrücken wollen -- doch gezwungen, mit realen Thatsachen zu rechnen, reale Ziele verfolgen zu lernen. Diese realen Thatsachen und Ziele beginnen zu interessieren; sie treten vor den problematischen und fern hinausliegenden der Gesamtpartei voran und erziehen so diese Männer, die dabei meist immer noch überzeugte Sozialdemokraten bleiben, zu wahrhaft praktischer politischer und sozialer Thätigkeit. Damit ist aber ein wirksames Gegengewicht zu den Träumereien und Utopienjagden geschaffen, denen sie früher ausschließlich nachhingen und nachgingen, wenn sie ihren politischen Menschen anzogen; dadurch wird hoffentlich auch mit die Gefahr vermieden, daß die Sozialdemokratie zu einer kindlichen, nie wirkliche Reformen erzwingenden Schattenpartei wird und sich lächerlich macht.

Diese Erfahrung, die ich da eben ausführte, und für die ich auch besonders aus der aufmerksamen Verfolgung der jüngsten Entwicklung der sozialdemokratischen Gewerkschaftsbewegung ausreichende Beweise bringen könnte, machte ich in besonders klarer und überraschender Weise z. B. einmal in einer Sitzung unsers sozialdemokratischen Wahlvereins. Hier trug an diesem Abend der damalige, jetzt auch abgedrückte Redakteur der Chemnitzer sozialdemokratischen „Presse,“ wie ich glaube eine ehrliche Seele, über die damals noch nicht in Kraft getretene Alters- und Invaliditätsversicherung vor, zunächst hauptsächlich zur Orientierung der Genossen. Es war eine im großen und ganzen durchaus sachlich gehaltene Rede. Sie gipfelte in der doppelten Behauptung, daß das neue Gesetz in der That vielfach noch mangelhaft sei, und daß es jedenfalls nicht die durchgreifende Hilfe für die Arbeiterschaft und die Lösung der sozialen Probleme sei, daß man sich aber dennoch nicht abschrecken lassen dürfte, sondern nun zunächst einmal das Angebotene annehmen, aber zugleich wacker an der allmählichen Verbesserung dieses Gesetzes mitarbeiten sollte. Man sollte, so schloß er, endlich einmal mit dem ganz überflüssigen Räsonnieren und Schnauzen aufhören. Trotz allem steckte in der Arbeiterversicherung ein guter Kern, den immer mehr herauszuschälen die Hauptaufgabe wäre. Er gab damit mutvoll wohl einer Meinung Ausdruck, die vielfach unter den Arbeitsgenossen verbreitet war, sich aber nur selten und schüchtern ans Tageslicht wagte, nachdem die offizielle Sozialdemokratie ihr Verdikt über die heutige Versicherungsgesetzgebung ausgesprochen hat. Denn man empfindet heute schon dankbar, wenn auch als etwas Selbstverständliches die bereits deutlich spürbaren Wohlthaten des Gesetzes. Wenn man irgendwie über sie klagte, so betraf das nach meiner Beobachtung immer nur einzelne Mängel, wie die dreitägige Karenzzeit zu Anfang einer jeden Krankheit, oder Mißstände, die sich in der Verwaltung herausstellten, und an denen oft nur die an ihrer Spitze stehenden Personen die Schuld hatten. So erzürnte ein Fall, den ich gelegentlich des Besuches eines meiner erkrankten Arbeitsgenossen erfuhr, ihn und seine Familie besonders sehr. Es handelte sich da um eine Böhmin, die, des Deutschen nicht mächtig, bei dieser Familie im vergangnen Sommer in Schlafstelle gewesen war und auf einem Bau, wie das in Chemnitz sehr Sitte war, in Arbeit stand. Diese wurde krank. Der herbeigerufene Arzt aber suchte sie, anstatt sie zu behandeln, schleunigst in ihre Heimat zu ihren wohlhabenden Eltern abzuschieben. Ihrer Wirtin, die sie treulich pflegte, fiel das auf, sie spürte der Sache nach, und es stellte sich heraus, daß die Böhmin sowohl wie eine ganze Reihe ihrer Arbeitsgenossinnen überhaupt nicht bei der Krankenkasse angemeldet waren: Bauunternehmer und Krankenkassenarzt hätten, wie meine Gewährsmännin, die ich übrigens nicht auf die Wahrheit ihrer Erzählung kontrollieren konnte, behauptete, in gleicher Weise Schuld und -- Profit daran. In der Fabrik gingen die Wahlen der Vertrauensmänner für die Ausschüsse der Kassen in der ruhigsten, geräuschlosesten, in kaum bemerkbarer Weise vor sich. Ein Anschlag machte z. B. die Notwendigkeit einer solchen Ersatzwahl für eine bestimmte Berufskategorie eines Tages am Thore unsers Fabrikgebäudes bekannt, und an dem dafür bestimmten Termin ging mitten in der Arbeit ein großer hölzerner, verschlossener, mit einem Spalt versehener ziemlich primitiver Kasten unter den Beteiligten von Mann zu Mann; in einer halben Stunde war das ganze Wahlgeschäft beendigt, der Kasten im Beisein von Arbeiterkommissaren geöffnet, und am folgenden Tage das Resultat ebenfalls durch Anschlag an derselben Stelle bekannt gemacht.

Genau dieselbe freundliche Gesinnung zu den Versicherungsgesetzen kam nun auch in jener Sitzung unsers Wahlvereins unter den zahlreichen Anwesenden zum erfreulichen Ausdruck. Zwar -- ich wiederhole das nachdrücklich -- fehlten auch gegnerische Stimmen, die sich ganz in den offiziellen Urteilen der sozialdemokratischen Fraktion über die Gesetze ergingen, nicht. Aber die Meinung des Vortragenden war doch auch diejenige der Majorität. Die ganze lange Debatte spitzte sich schließlich zu einer hartnäckigen Kontroverse zwischen diesem und seinen Gesinnungsgenossen einerseits und den wenigen Verfechtern der Sache der sozialdemokratisch geleiteten freien Hilfskassen andrerseits zu. Unter diesen befand sich einer, der sie besonders deshalb so eifrig verteidigte, weil er nach seinen Erfahrungen in einem kleinen erzgebirgischen Industrieorte meinte, daß in den offiziellen Kassen sich die gewählten Arbeitervertreter in devoter schweigender Abhängigkeit von den mit im Komitee sitzenden Arbeitgebern befänden und sich von diesen als stummes Stimmvieh widerspruchslos zu deren Gunsten und Vorteil mißbrauchen ließen. Dem widersprachen nun besonders die in solchen gemischten Kommissionen oft schon sehr lange, seit dem Inkrafttreten der Gesetze sitzenden Genossen mit aller Entschiedenheit. Sie nahmen für sich die Anerkennung dafür in Anspruch, daß sie sich thatsächlich niemals hätten in der oben angegebnen Weise mißbrauchen lassen, vielmehr, wo immer es möglich und nötig gewesen sei, aufs energischste und in echt sozialdemokratischer Gesinnung und Mannhaftigkeit die Interessen ihrer Leute wahrgenommen hätten. Und immer mit gutem Erfolge. „Wenn man in Streitfällen den mit uns zusammensitzenden Arbeitgebern nur ordentlich mit Gründen kommt, dann haben sie meist Einsicht und gehen +mit+ uns, +gegen+ ihre eignen Kollegen.“ „Ja es ist,“ so führt ein besonders gewandter und, wie es schien, hierin viel erfahrener, ungemein kluger Redner aus, „es ist vorgekommen, daß +wir+ gegen Zubilligung von Schadenersatz bei Unfällen, die Arbeitgeber +für+ einen solchen gestimmt haben. Aber freilich, man muß überlegen, muß immer sachlich bleiben und gerecht und billig urteilen. Dann aber thun es jene, wenigstens viele von ihnen auch. Und dann sind die Gesetze eine Wohlthat, und es kann viel mit ihnen, viel mehr als durch die freien Hilfskassen erreicht werden. Trotzdem müssen wir freilich immer mehr an ihnen zu bessern, immer mehr für uns herauszuschlagen suchen, auch unsre sozialdemokratische Gesinnung bewahren. Aber das ist auch durchaus möglich. Nur die offiziellen, nicht die freien Hilfskassen sind, wie nun einmal die Dinge liegen, lebensfähig und haben die Zukunft; es ist Thorheit, wenn wir das nicht ausnutzen wollten.“ Und in derselben Weise sekundierten mehrere andre. Die Debatte wurde so lebhaft und heftig, daß sie noch gegen zwölf Uhr nicht zu Ende gehen wollte, und daß, als die Sitzung geschlossen wurde, sie auf dem Nachhausewege zwischen den besonders stark in sie verwickelt gewesenen wieder aufgenommen wurde und sich an der Straßenecke, an der ich meine Wohnung hatte, und wo die Streitenden auseinander gehen mußten, wohl noch eine halbe Stunde lang fortspann. Das besonders Wertvolle an diesem Erlebnis ist für mich erstens dies, daß sich hier in der That einmal wieder in einem bestimmten Fall ein wirkliches Vertrauensverhältnis zwischen Arbeitern und Arbeitgebern zeigte, und dann, daß hier Sozialdemokraten um wirklich praktische Fragen stritten und dafür eintraten. Ich begreife für den letztern Punkt auch die Verteidiger des Hilfskassenwesens mit ein. Denn indem diese sich mit der Organisation und Verwaltung solcher Kassen, mit der zeitweiligen Unterbringung und Sicherstellung ihrer Gelder, mit der Sorge um das finanzielle Risiko und das Gelingen einer solchen Kasse eingehend beschäftigen, sind auch sie, genau wie jene andern in den offiziellen Komitees sitzenden Arbeiter, genötigt, ihr ganzes Augenmerk von utopistischen Phantasien ab und auf wirkliche, ihre Fähigkeiten zunächst ganz in Anspruch nehmende Aufgaben zu richten -- in meinen Augen ein ganz eminenter, vielverheißender Fortschritt. Dasselbe gilt in gleichem, in Zukunft vielleicht noch höherm Maße für die Thätigkeit, die heute schon einzelne unsers Wahlvereins in der Verwaltung ihrer Ortsgemeinde, in der sie ansässig waren, entfalteten. Auch hier traten die sozialdemokratische Gesinnung und die sozialdemokratischen Ziele, deren Verwirklichung sie, wenn auch je nach ihrem Alter, ihren Fähigkeiten, ihrer Erfahrung und ihrem Charakter mehr oder weniger gemäßigt anstrebten, deutlich hervor: aber das ist auch hier das glückliche, daß sie die harten Thatsachen und die oft in der That, namentlich in der Kassenverwaltung der Gemeinden vorhandnen großen Übelstände zwingen, ihre Ideale, Wünsche und Bestrebungen immer nur in der Arbeit von Fall zu Fall, in gründlicher Einzelthätigkeit, schrittweise, korrigiert und abgeschliffen an den Ansichten und an dem Willen andersgesinnter, wenn überhaupt, dann nur teilweise zu Geltung und Wirksamkeit zu bringen. Endlich ließe sich von demselben Gesichtspunkte aus ein Ähnliches, vielleicht heute noch nicht so Überzeugendes, aber doch sehr Hoffnungsvolles von der Arbeit der in der neuesten Phase der sozialdemokratischen Gewerkschaftsbewegung stehenden Arbeiter behaupten. Doch enthalte ich mich hier weiterer Ausführungen, die ich aus meiner eignen Fabrikarbeiterzeit mit schlagenden Beispielen zu belegen nicht imstande wäre.

Dieser großen Masse der Durchschnittssozialdemokraten, die ich bisher zu schildern versucht habe, steht nun schließlich eine letzte, nicht minder große Gruppe von Arbeitsgenossen gegenüber. +Sie umfaßt alle diejenigen, die überhaupt keine eigne politische und soziale Überzeugung haben, sie auch nicht einmal zu gewinnen sich bemühen, und die sich doch Sozialdemokraten nennen und noch mehr als solche fühlen und wissen.+ Sie sehn nur sehr selten einmal in eine sozialdemokratische Zeitung hinein, sie gehn kaum in eine sozialdemokratische Versammlung, sie suchen nicht sozialdemokratische Gespräche. Aber sie schwören gleichwohl auf das sozialdemokratische Programm. Sie sind entweder zu leichtsinnig und genußsüchtig, oder zu unfähig und gedankenlos, oder zu faul und feige, oder auch -- die bedauernswertesten -- dauernd zu gedrückt und sorgenvoll, um sich damit zu beschäftigen. Sie wählen sozialdemokratisch, aber kümmern sich sonst nicht viel um die Partei, in der sie vor allem den Ausdruck ihrer Unzufriedenheit sehn. Sie haben von nichts eine klare Vorstellung, nur ungewisse Wünsche, verbitterte Stimmungen, Sehnsucht, daß es mit ihrer teils selbstverschuldeten teils unverschuldeten Lage bald anders, womöglich besser werden möchte. Es sind oft die ärgsten Schreier, die rohsten Gesellen, die echten verlumpten Proletarier in der ursprünglichen Bedeutung des Wortes. Aber es sind ebenso oft stille, gedrückte, hilf- und haltlose Menschen, harmlose Seelen, die niemand den kleinen Finger krümmen, denen die hochaufzischenden Wogen der wirtschaftlichen Stürme rettungslos über dem Kopfe zusammenschlagen. Es sind unter ihnen Kandidaten für Korrektionshäuser wie für christliche Arbeitervereine. Und alle Berufsklassen, alle Altersstufen sind auch unter ihnen vertreten, besonders stark aber doch die Jugend zwischen dem sechzehnten und zwanzigsten Jahr etwa. +Denn nach allen meinen Erfahrungen sind die meisten jungen Leute noch ohne nur irgendwie klare und bewußt gewollte politische und soziale Meinungen, auch ohne die vermuteten üblichen sozialdemokratischen.+ Das hatte, wenigstens in der von mir studierten Arbeitergruppe, seinen hauptsächlichsten Grund in der unbegrenzten Vergnügungssucht der Burschen und in der leichten Möglichkeit, sie zu befriedigen. Sie bringen die Sonntagnachmittage und Nächte meist auf den Tanzböden, die Wochenabende ebenfalls so oft als möglich mit ihren Mädchen oder auf gemeinsamen Spaziergängen, und die besten von ihnen in Zither-, Feuerwehr- und Turnvereinen zu. Dann haben sie bei der Arbeit und während der Arbeitspausen meist weder Zeit noch Lust noch Kraft noch Gelegenheit, sich mit den schwierigen politischen Dingen zu beschäftigen. Das kommt dann erst meist nach der Heirat, durch den Ernst und Zwang des Lebens. Die -- nach meinen Beobachtungen -- +nicht zahlreichen+ jungen unverheirateten Leute aber, die sich im Gegensatz zu ihren Altersgenossen schon frühzeitig für die politischen und sozialen Fragen interessieren, thun das dann immer auch mit dem ganzen Ungestüm und Feuereifer der Jugend und sind, wie schon gesagt, die besten Handlanger und Knappen der Agitatoren am Orte.

Diese dritte Gruppe hat ein sehr bezeichnendes besonders scharf und rücksichtslos ausgeprägtes Charakteristikum an sich: +die stetige Rücksicht auf den persönlichen Vorteil+. Sie pfiffen -- wie es gar nicht anders zu erwarten war --, auch wenn man es ihnen noch so dringend einpaukte und auf sie moralisch drückte, auf alle Sozialdemokratie, +wenn sie keinen Nutzen von ihr hatten+. Gerade bei ihnen versagte immer am ersten die Autorität der sozialdemokratischen Führer in der Fabrik ihre Wirkung.

Sie teilten nun freilich diese Eigenschaften auch mit einem großen Teile der Angehörigen der vorhergeschilderten zweiten, ja selbst der ersten Gruppe der Elitesozialdemokraten. Nur waren bei diesen Gesinnungstüchtigern die Beweggründe für solche Gesinnungsuntreue vielleicht etwas gewichtigere, jedenfalls niemals so skrupellos und niedrig, sondern überlegter, manchmal erst nach langem innern Kampfe zugestanden. Aber so und so -- in all den kleinen Fragen des täglichen Betriebes, die während meiner Anwesenheit in der Fabrik auftauchten, gab doch immer nicht die Rücksicht auf die freilich diktatorisch starren und rücksichtslosen Grundsätze und Prinzipien der Partei, nicht die so oft in stürmischen Versammlungen, wo die Wogen der sozialdemokratischen Begeisterung hochgingen, gelobte Treue die Entscheidung und den Ausschlag, sondern -- zum Jammer der führenden sozialdemokratischen Heißsporne -- +die von jedem selbsterprobte praktische Erfahrung und nüchterne und besonnen abwägende Überlegung, die nur zu gewisse Kenntnis von den Grenzen ihrer Macht, der Gedanke an Weib und Kind, ja, auch bei den idealer angelegten und ernstern unter ihnen, die Rücksicht auf das Wohl und Wehe, das platte, augenblickliche Interesse+.

Diese Thatsache trat bei einem Falle besonders frappant zu Tage, bei dem Versuche der Bildung einer ständigen Arbeitervertretung in unsrer Fabrik. Die Sache ist auch nach andern Seiten hin so interessant und bei der augenblicklich schwebenden Streitfrage über die Arbeiterausschüsse so lehrreich, daß ich die ganze Geschichte der Einführung dieser sogenannten Arbeitervertretung hier ausführlich darlegen will. Sie scheint freilich kein allzu günstiges Licht auf unsre Fabrikleiter zu werfen; doch glaube ich trotzdem, daß sie in diesem Falle ~bona fide~, in aufrichtiger Gesinnung, mit bestem Wissen und Willen gehandelt haben können.

Eines Tages, ich war noch nicht lange in der Fabrik, erschien plötzlich ein Anschlag an den Fabrikthoren mit folgendem Inhalt:

„Um bei Fabrikseinrichtungen und sonstigen Anordnungen u. s. w. auch die Wünsche und Ansichten unsrer Arbeiter kennen zu lernen, wollen wir eine Arbeitervertretung, aus 6 Personen bestehend, wählen lassen.

Wahlberechtigt sind alle diejenigen, welche das 21. Lebensjahr überschritten haben.

Die zu wählenden Vertreter müssen mindestens 30 Jahre alt und mindestens seit 3 Jahren in unsrer Fabrik ununterbrochen beschäftigt sein.

Die Wahl erfolgt in der Weise, daß jeder Wahlberechtigte die 6 Namen der zu erwählenden Vertreter auf die 1. Seite des Einrechnungsbogens bis nächsten Freitag abend schreibt; diejenigen 6 Personen, welche die meisten Stimmen auf sich vereinigen, gelten als gewählt, und wird das Resultat durch Anschlag bekannt gegeben.