Part 8
»Jawohl, Herr Staatsanwalt. Als ich zurückkam, hielt ein Kollege die Frau fest. Ich rief ihm zu: >Verhafte sie! Der Herr dort hat es gesagt. Verhafte sie auf alle Fälle. Halt sie fest! Laß sie nicht fort!< Wir waren alle ein wenig aufgeregt. Sie rief, sie wolle den Herrn Staatsanwalt von Wenk sprechen. Sie wollte sich nicht verhaften lassen. Sie setzte uns Widerstand entgegen. Da haben wir ihr die Hände zusammengebunden. Wir waren zu zweit und mußten dem überfallenen und verwundeten Kollegen helfen. Wir wußten noch gar nicht, was los war. Dann erst hatten wir ...«
»Wir? Erzählen Sie nur, was Sie gesehen haben ...«
»Dann erst suchte ich zu erkennen, was geschehen war. Einer lag im Blut am Boden. Er schien tot zu sein; denn er war ganz starr. Der andere stöhnte. Nun kam ein dritter Polizist. Wir schickten ihn zum Telephon wegen des Sanitätswagens und wegen Benachrichtigung der Kriminalpolizei und des Herrn Staatsanwalts. Darum hatte der Kollege Boß gebeten. Wir sollten das zuerst tun, hatte er gesagt.«
»Was tat die Frau in dieser Zeit?«
»Der zweite Kollege ging mit ihr zur Wache!«
»Unterbrechen Sie Ihre Erzählung, Herr Stamm, bis ich mit diesem gesprochen habe. Wie heißt er? Halten Sie sich weiter bereit, nicht wahr? Und kein Wort über den Vorfall außeramtlich erzählen, auch nicht Ihrer Frau. Sie geben mir Ihr Ehrenwort!«
»Jawohl, Herr Staatsanwalt. Der Kollege heißt Wasserschmidt.«
Wasserschmidt kam. »Sie haben eine Frau in der Nacht verhaftet, die bei dem Überfall auf die beiden Herren dabei war?« fragte Wenk. »Weshalb taten Sie das?«
»Weil Polizist Stamm sagte, der eine der Überfallenen habe es ihm zugerufen, bevor er ohnmächtig wurde. Und auch der Kollege Boß hat mich dazu aufgefordert.«
In diesem Augenblick ging das Telephon des Amtszimmers in der Kriminalpolizei, in der Wenk diese Berichte entgegennahm. Wenk nahm den Horcher. »Bitte?« fragte er.
»Hier Nachtredaktion der Anzeigen! Es wird uns soeben von einem Mord berichtet ...«
»Einen Augenblick,« rief Wenk aufgeregt zurück. »Wer hat Ihnen das berichtet?«
»Ich kann Ihnen das sagen, ohne das Redaktionsgeheimnis zu verletzen, denn es geschah sozusagen anonym. Es klingelte an der Nachtglocke. Ich ging ans Fenster und sah einen Mann sich entfernen. Er rief herauf, als ich öffnete, und fragte, was denn los sei ... >Im Briefkasten!< Da ging ich hinunter, und es lag ein Brief im Kasten. Da stand es drin.«
»Können Sie mir vorlesen, was in dem Brief stand? Hier Staatsanwalt Wenk!«
»Ja gewiß, einen Augenblick, Herr Staatsanwalt. Also es steht drin: >Heut nacht wurde der Privatier Edgar Hull in der Jägerstraße überfallen und ermordet. Die Täter sind entkommen. Es scheint sich um einen Racheakt zu handeln. Der Ermordete verkehrte in Spielerkreisen.< Das ist alles.«
»Weiß außer Ihnen jemand in der Zeitung von dem Brief?«
»Nein!«
»Können Sie mir diesen Brief sofort persönlich bringen? Ich schicke Ihnen ein Dienstauto.«
»Herr Staatsanwalt, das hat Schwierigkeiten. Ich bin allein und muß die Redaktion fertigmachen!«
»Wie ist doch Ihr Name, Herr Redakteur?«
»Grube!«
»Also Herr Grube, das hat gar keine Schwierigkeiten, wenn ich Ihnen sehr bestimmt sage, daß Ihr sofortiges Herkommen äußerst wichtig ist und wichtiger, als daß morgen zur schwarzgebackenen weißen Semmel der Herr Hubermeier eine solche Nachricht mit verzehren kann.«
»Meine Pflicht ist ...«
»Verübeln Sie mir nicht, wenn ich Ihnen aus Mangel an Zeit nichts anderes mehr sage, als daß in diesem Augenblick das Polizeiauto zu Ihnen fährt, um Sie herzubringen. Der Beamte ist ausgestattet mit allen Befugnissen. Schließen Sie die Redaktion Ihrer Depeschen bitte so, daß das Blatt gedruckt werden kann ohne die Mitteilung, die Sie mir gerade über einen Mord machten. Auf Wiedersehen, Herr Grube. Schluß!«
Wenk schickte gleich das Auto.
»Also, Herr Wasserschmidt, bitte weiter. Die Dame hat Widerstand geleistet. Wie machte sie das?«
»Sie lief einige Schritte von mir fort auf die Mauer des Wittelsbachpalastes zu, wohin die Täter gelaufen waren, und rief den Namen: Georg!«
»Das haben Sie gehört?«
»Ja, ganz deutlich. Sie sprach es aus: >Georch!< Ganz genau! Und weil sie auch noch auf diese Mauer zulief, habe ich nicht lange gespaßt und ihr die Hände gebunden.«
»Was tat die Dame dann?«
»Dann war sie ruhig und ließ sich abführen. Unterwegs sagte sie noch: >Ich kann doch wohl gleich mit dem Herrn Staatsanwalt von Wenk sprechen?<«
»Da müssen Sie wohl schon warten, bis der Herr Staatsanwalt morgen gefrühstückt hat,« sagte ich.
»Vielleicht telephonisch,« bat sie nun sehr höflich.
Ich sagte: »Wahrscheinlich nicht.«
»Und später? Wo ist die Dame?«
»Noch auf der Wache. Sie sprach ganz ruhig und sagte noch: >Das ist ein böser Mißgriff von Ihnen, lieber Freund. Ich hoffe, beim Herrn Staatsanwalt ein gutes Wort für Sie einlegen zu können. Denn schließlich erfüllen Sie nur Ihre Pflicht. Ich war ja selber bei den überfallenen Herren, und der Herr Staatsanwalt war auch mit. Er ging nur früher heim. Sonst hätte er alles selber mitgemacht< ... >Warten wir ab!< sagte ich darauf nur.«
»Haben Sie ihr vielleicht gesagt, weshalb Sie sie verhaftet haben?«
»Nein, kein Wort!«
»Das ist gut. Bleiben Sie im Nebenzimmer.«
Wenk bat noch andere Schutzleute herein. Dann kam der Redakteur. Er protestierte laut, es sei eine Vergewaltigung der Presse durch eine Behörde, was man ihm antue, und die Zeitung ...
»Wenn für Sie Ihre Zeitung dazu da ist, um den Lesern so rasch und kopflos unzusammenhängend, wie es Ihnen berichtet wird, stets als Klatsch das Allerneueste vorzuschwatzen, sei es ein Mord oder ein mit Unglück endigender Liebeshandel, nur weil es Klatsch ist ..., so haben Sie recht. Sie haben aber kein Recht, von vornherein einer Behörde, die dazu da ist, etwas ungleich Wichtigeres zu vollziehen als dumme Leute mit Klatschprimeurs zufriedenzustellen ...«
»Sie ...,« stotterte erregt der Redakteur, »... versuchen die Presse zu knebeln. Wir leben nicht mehr im alten System. Der Landtag wird ...«
»Ich habe jetzt keine Zeit, mich mit dem Landtag zu befassen. Wollen Sie mir bitte den Brief geben, von dem Sie telephonierten!«
»Ich bedaure,« sagte der Redakteur, jetzt mit sieghafter Schlauheit. »Das ist Redaktionsgeheimnis.«
»Verzeihen Sie, Herr Grube, Sie sind ein Narr. Ich achte jedes Redaktionsgeheimnis, das die Interessen einer Allgemeinheit schützt. Die Weigerung, diesen Brief herzugeben, verletzt sie aber nur. Bevor ich Ihnen nun dieses Redaktionsgeheimnis mit Gewalt aus der Tasche nehmen lasse, indem ich Sie auf die strafrechtlichen Folgen Ihres Widerstandes aufmerksam mache, sage ich Ihnen, daß dieser Brief das einzige Material ist, das uns bis jetzt über eine ungeheuer gefährliche Mordgeschichte zur Verfügung steht. Vielleicht nehmen Sie dann Vernunft an und verbocken sich nicht länger hinter einer Berufspflicht, die ich, wie gesagt, anerkenne, aber sehr weit hinter die Interessen einordne, die mich beschäftigen.«
Grube wurde unsicher. Schließlich langte er das Papier heraus und stammelte dazu: »Unter Protest ...«
»Haben Sie noch etwas von dem Mann gesehen, der es brachte? Etwas erkannt an ihm?«
»Es fiel nur wenig Licht aus meinem Fenster auf die Straße. Ich glaubte bloß zu sehen, daß er gut gekleidet war. Jedenfalls trug er einen Zylinderhut. Eine Zeit, nachdem er in der Straße verschwunden war, hörte ich in der Richtung, in der er sich entfernt hatte, ein Auto davonfahren. Ich nehme an, daß es das seinige war.«
»Herr Grube, Sie sind so freundlich und lassen mir diesen Brief. Sie werden in einem der aufregendsten Prozesse der letzten Jahre ein Hauptzeuge sein. Ich bitte Sie um Ihr Ehrenwort, vollkommenes Schweigen über den Brief und alles, was mit ihm zusammenhängt, zu bewahren.«
Grube, nun gefügig unter den Schauern, die ihn überrannen, entflammt für die Sache, gegen die er sich gerade aufgelehnt hatte, sagte laut: »Sie haben es! Ich steh' ganz zu Ihrer Verfügung. Das ist etwas anderes!«
»Mein Auto wird Sie zurückbringen. Bitte hinterlassen Sie Ihrem Herrn Chefredakteur, daß ich ihn zu sprechen wünsche, sobald er mir zur Verfügung stehen kann.«
Der Redakteur ging.
VIII
Wenk blieb allein. Er war innerlich ganz kühl. Er hatte vermocht, alles, was das Verbrechen an Schrecken und Grauen erregender menschlicher Anteilnahme in ihm aufgewühlt, ruhig zu unterdrücken.
Den Beweggrund des Mordes kannte er. Es war nicht Rache, sondern etwas viel Gefährlicheres und viel Böseres. Es war Terror! Das verriet ihm der Brief an die Zeitung, der den Mord über die Polizei hinweg bekanntmachen sollte. Es war Terror gegen die alle, die sich als Opfer des Spielglücks jenes blondbärtigen Mannes fühlten.
Wieviel durfte dieser Spieler wagen, daß er selber sein Verbrechen der Zeitung mitteilte, damit es so wirkte, wie er es haben wollte? Wieviel Menschen hatte er im Sold, um ein Verbrechen auf diese weit vorbereitete große Art ausführen zu können? Was waren das für Menschen? Was für Beispiele gab er den Phantasien jener Menschen, die noch unentschieden zwischen Gut und Böse sich hielten? Was für Zuläufer mochte das Bekanntwerden der Tat ihm wieder sichern?
Hull war tot, weil er ihm, dem Staatsanwalt, das Erlebnis mit dem Wechsel erzählt hatte und weil der falsche Herr Balling ein Beispiel aufstellen wollte, wie es denen erginge, die sich gegen ihn richteten. Vielleicht, ja wahrscheinlich war der Anschlag auch mit auf ihn geplant gewesen, und er war nur gerettet worden, weil sein Unwille ihn aus jenem Hause davongetrieben hatte.
Nun war es vielleicht unmöglich, aus taktischen Gründen unmöglich, das Haus »Fort« schließen zu lassen ... Es mußte, wie so viele seinesgleichen, als Falle geduldet werden.
Und die Carozza? Werde ich sie zum Verraten bringen können, wem sie als Treiberin gedient hat? Was? ... Wen verraten? ... Und habe ich ihn dann, wenn ich schon einen Namen und vielleicht eine Hausnummer weiß? Kenne ich seine Geheimnisse? Seine Vorsichtsmaßregeln gegen mich?
Ich werde noch nicht zur Carozza gehen. Ich werde sie in Haft setzen lassen, sie warten lassen ... Dann sieht sie, daß sie sich keines Guten zu versehen hat. Sie ist lasterhaft, verweichlicht ... Vielleicht macht sie das von selber mürb?
Aber zuletzt entschloß sich Wenk doch anders. Nein! sagte er, ganz das Gegenteil werde ich machen. Ich werde sie durch Anteilnahme einschläfern. Sie ist schlau, aber sie gehört zum Theater. Je mehr es mir gelingt, die genauen Ränder der Ereignisse, die zu ihrer Verhaftung führten, in vor Teilnahme triefenden Reden verschwimmen zu machen, um so unbedachter geht sie mir zu.
Da fuhr er gleich zur Wache. Sie saß auf einem Stuhl in einer Nebenkammer.
Wenk stürzte auf sie zu: »Aber Fräulein ... Fräulein, was hat man mit Ihnen gemacht? Erst jetzt telephoniert man mir, was geschehen ist. Es ist gut, daß Sie an mich gedacht haben!«
»O, Herr Staatsanwalt, Engel, der in meinen Kerker Licht bringt! Verlassen wir diesen Raum! Gleich! Keine Minute kann ich länger hier atmen! Furchtbar!«
Sie zog voran gegen die Tür ...
»Ja, nun muß ich Ihnen allerdings die Enttäuschung bereiten, die ich gefürchtet habe. Wir leben in einem Staat, liebes Fräulein. Jeder Staat ist grausam. Da gibt es Beamte, jeder für seinen kleinen Kreis und darf darüber hinaus nicht verfügen. Ich bin Staatsanwalt. Aber der Staatsanwalt ist nur da, um anzuklagen, und nicht, um Unschuldige zu befreien.«
»Und dann?« fragte die Carozza auf einmal hart.
Der Ton dieser Stimme warnte Wenk. Er wurde schichtweise sachlicher. »Ihr Fall hängt nämlich vorerst nicht von mir ab, sondern vom Untersuchungsrichter. Ein Verhör durch ihn müssen Sie sich schon noch gefallen lassen. Das ist peinlich. Aber die Verkettung der Umstände ist schuld daran.«
»Und Sie?« fragte die Carozza.
»Ja, ich? Ich kann nichts anderes tun, als dem Richter sagen, daß wir alte Bekannte sind und daß ich Sie der Teilnahme an einem solchen Verbrechen nicht für fähig halte.«
»Weshalb kamen Sie denn her? Sie sind ja der Untersuchungsrichter nicht.«
Da merkte Wenk, daß sie ihn durchschaut hatte. Er wußte damit wohl, daß sie ihm entglitten sei, aber wußte zugleich auch: Sie ist schuldig!
»Ich komme her wegen eines kleinen Umstandes. Ich will Ihnen helfen,« sagte er rasch. »Sie haben dem Beamten Widerstand geleistet?«
»Welche Frau läßt sich widerstandslos von Rüpeln von Polizeihunden anfallen?«
»Ja, gewiß, die Lage war an vielem schuld, daß Sie sich unbesonnen benahmen und die Beamten zu ihrem Vorgehen zwangen.«
»Ich bin eine bekannte Künstlerin. Mein Name hätte ihnen Gewähr geben sollen!«
»Haben Sie denn den Beamten Ihren Namen genannt?«
»Jawohl! Jawohl! Sofort!«
»Das haben die mir merkwürdigerweise nicht gesagt. Sie nannten mir einen anderen Namen, den Sie gerufen hätten!«
Da sah Wenk, wie die Carozza ihn mit einem raschen, im Haß noch prüfenden Blick bewarf. Sie schaute gleich wieder fort und trommelte ungeduldig mit den Fingern auf ihre Knie.
»O, einen anderen Namen! Merkwürdig! Mein Name ist doch bekannt genug! Umworben genug! Was wäre das für ein sonderbarer anderer Name gewesen?«
»Der Beamte nannte den Namen Georg.«
Es ging nichts vor im Gesicht der Frau, als Wenk das sagte. »So hat er schlecht gehört. Ich heiße, wie Ihnen bekannt ist, nicht Georg!« sagte sie gleichgültig.
»Es hat aber auch ein zweiter Beamter diesen Namen aus Ihrem Munde gehört. Das ist es ja!«
»Sonderbar!« sagte nach einer Weile des Nachdenkens die Carozza. »Mein Mann hieß Georg! Sollte ich in der Aufregung ...«
»Nun, dann ist ja alles klar. Das ist begreiflich. Nur wußte niemand, daß Sie verheiratet waren.«
»Sind!«
»Noch sind! Ja, das ist etwas anderes. Soll ich Ihren Gatten benachrichtigen? Oder haben Sie vielleicht keine Beziehungen mehr zu ihm?«
»Doch! Seine Adresse ist Frankfurt am Main, Eschenheimer Landstraße 234 ... Georg Strümpfli heißt er.«
»Es wird ihm peinlich sein. Fürchten Sie keine Schwierigkeiten, weil durch das Ereignis ja nun Ihr Name, geknüpft an den des ermordeten Hull, in die Öffentlichkeit kommt?«
Da riß die Carozza den Mund auf. Sie fiel auf den Stuhl zurück. Sie rief: »Ermordet ... Hull ...,« und sank dann vom Stuhl auf den Boden.
Wenk war Augenblicke unsicher. Er entschloß sich dann aber, diesen Anfall nicht zu glauben. Er hob sie auf das Lager. Dann ging er, ohne sich noch um sie zu kümmern. Er befahl den Beamten, scharf auf die Dame aufzupassen und vor allem niemanden zu ihr, ja nicht einmal in die Wachtstube zu lassen. Die Waffen seien schußbereit zu halten.
Er fuhr zur Polizeidirektion zurück, verständigte den Polizeiarzt und bat ihn, gleich hinzufahren und der Kranken in unauffälliger Weise auch die Kleider untersuchen zu lassen. Darauf schrieb er einen Haftbefehl für sie aus und gab ihn weiter. Er benachrichtigte noch das Informationsbureau der Polizeidirektion, jeden Journalisten, der etwa über den Fall Nachrichten erbitten komme, zu ihm zu senden, aber selber nichts zu sagen.
Es war Tag geworden. Wenk nahm ein Bad und fuhr dann in die Redaktion der Anzeigen. Der Chefredakteur hatte ihn antelephoniert.
Nachdem Wenk ihm erzählt hatte, was vorgefallen war, sagte er: »Was mich ermutigt hat, Ihre Zeit etwas zu beanspruchen, ist nun folgendes: Wenn es ein einzelner Mord wäre, würde ich der Berichterstattung meinetwegen, wenn auch ungern, freien Lauf lassen. Aber hinter diesem Überfall steht eine Gesellschaft, an ihrer Spitze ein Mann von scheinbar starken, vielseitigen Kräften. Er muß um sein verbrecherisches Leben eine ganze Organisation geschaffen haben, die allein den Zweck hat, es zu beschützen. Der Brief, den er vielleicht selber in Ihren Kasten geworfen hat, verrät, daß er darauf hielt, den Mord selber in einer seinen Zwecken passenden Form bekanntzugeben. Damit will er warnen. Das Opfer hat mir nämlich früher erzählt, daß es mit ihm in einer eigenartigen Weise zusammengetroffen sei. Er wußte das! Er will um seine Tätigkeit im Dunkeln eine Mauer des Terrors aufbauen. Man soll wissen, daß kein Leben sicher ist, das sich an seines wagt. Sie begreifen, eine wie schwere Gefahr solch ein Mensch in einer Zeit ist, die, erweicht und zerknetet einerseits und anderseits in allen bösen Instinkten gesteigert, wie sie der Krieg zurückließ, jeder Ansteckung zugänglich ist. Ganz können wir das Ereignis nicht unterdrücken. Ich möchte mich aber bemühen, es außerhalb seines Zusammenhangs, der mir bekannt ist, der Öffentlichkeit zu übergeben, damit die Phantasien nicht aus Mördern Volkshelden machen. Dabei bin ich auf Ihre und Ihrer Kollegen Mithilfe angewiesen. Darf ich Sie bitten, aufs strengste darüber zu wachen, daß keine Nachrichten über den Fall Hull veröffentlicht werden, die nicht durch meine Hände gingen? Wir sind in einer Zeit geistiger und seelischer Epidemien. Jeder, dem es um das Wohl des Ganzen zu tun ist, muß sich opfern.«
»Gewiß!« sagte der Chefredakteur.
»Ich möchte um nichts in der Welt dabei den Eindruck erwecken, als ob dieses Vorgehen von der Besserwisserei oder dem Allmachtsgefühl eines Gerichtsbeamten erwartet werde. Nichts liegt mir ferner!«
»Ich bin auf dem laufenden,« antwortete der freundliche Redakteur.
»So danke ich Ihnen und wünsche uns beiden fruchtbare Zusammenarbeit. Unser Volk ist in schwerer Lage.«
Wenk wollte sich zu Bett legen, als er heimkam, und einige Stunden ruhen. Es war zehn Uhr geworden. Da brachte sein Chauffeur, der zugleich als Diener waltete, eine Visitenkarte: Gräfin Dusy Told.
»Bitte, bitte!« rief Wenk lebhaft und ließ die Gräfin eintreten.
»Hier wird uns zum Gegenstück doch nicht etwa eine besorgte Gattin stören, die für unsere Veranlagung nicht das nötige Verständnis hat?« sagte sie, indem sie Wenk die schlanke Hand herzlich hinhielt.
»Das Glück einer Genossin ist mir nicht beschieden worden!« antwortete Wenk und empfand mit einer betörenden Süße die Nähe der Frau. Und dennoch stand sie vor ihm, wie etwas, das traumhaft in einem andern Leben lag, das er früher einmal geführt zu haben schien. Jetzt, hinter den Ereignissen der Nacht, fehlte ihm der Mut, an die Gefühle der Liebe und des Begehrens als an etwas Wirkliches zu denken.
Die Frau stand vor ihm. Er fand kein Wort für sie, und sie selber, in deren Gedanken die Tatkraft des Mannes und der Flug seiner Seele nach großen Dingen weitergewirkt hatten, wurde vor diesem Schweigen verlegen, weil es ihr wie eine Bestätigung eigner Empfindungen vorkam. Ja, sagte es in ihr, gewiß, was ich für ihn jetzt fühle, ist ... Aber sie drückte sich an dem Wort Liebe vorbei. Sie errötete darob. Wenk sah es. Ein Schauer ging durch ihn. Er kämpfte mit sich. Er beugte sich auf ihre Hand nieder.
Aber da stand auf einmal die Leiche des Ermordeten aus seinen Gefühlen auf, und er war nicht mehr so kühn, in einem Wort oder einer Gebärde die betörte Benommenheit seines Herzens mitzuteilen. Er bot der Gräfin einen Sessel an, und während er selber sich einen zweiten holte, kam ihm ein Einfall, der wie eine Errettung aus dem Zwiespalt mit einemmal seine ganze Vorstellungskraft überschwemmte: Er wollte diese Frau, die er liebte, und der er nicht gleichgültig war, seinem Unternehmen verknüpfen, und aus gemeinsamem Werk mochte ihnen die Ernte reifen.
Da sagte er ihr: »Diese Nacht ist ein gemeinsamer Bekannter von uns, Hull, ermordet worden. Karstens ist schwer verletzt. Ich entging, weil ich zufällig zwei Stunden früher das neue Lokal verlassen hatte, in das wir gelockt worden waren. Den Anstifter glaube ich zu kennen. Es ist wieder der blondbärtige Spieler und alte Professor. Die Täter entkamen spurlos, aber wir haben eine sonderbare Verhaftung vorgenommen, die eine Ihnen ebenfalls bekannte Dame betrifft. Es ist die Carozza. Sie wissen von ihrem Verhältnis zu Hull. Ich habe allerdings kaum mehr als Gefühlsbeweise für ihre Schuld. Aber ich wüßte ein Mittel, ihr die Zunge zu lösen: wenn Sie, Frau Gräfin, das Wagnis unternähmen, sich ebenfalls verhaften zu lassen, so trüge ich Sorge dafür, daß Sie mit der Carozza in einer Zelle untergebracht würden. Sie kennt Sie nicht als Gräfin Told, sondern als eine Dame aus ihren eignen Kreisen. Stellen Sie Ihr Vergehen als geringfügig hin, daß Sie bald wieder herauskämen, selbst wenn Sie wegen Teilnahme an verbotenem Spiel verurteilt werden müßten ... Versprechen Sie ihr zu helfen ... bei einer Flucht etwa ... Vorher müßten Sie ihr weis gemacht haben, daß die Lage der Carozza sehr gefährdet sei. Vielleicht Verhaftungen in derselben Sache erfinden ... Sie wird Ihnen dann wahrscheinlich sagen, wer für ihre Flucht mobil zu machen sei. Sie verstehen, Frau Gräfin. Und wir können den Verbrecher unschädlich machen. Ist das nicht ein geradezu tolles Ansinnen?«
»Ich erfülle Ihren Wunsch!« antwortete, ohne sich zu besinnen, die Gräfin. Ihre Stimme klang wie heißgelaufen. Wenk war ängstlich berührt von der Heftigkeit, von der hektischen Hingabe, mit der diese schöne, vornehme Dame seinen Einfall hinnahm.
»Mir hat das ja gerade gefehlt,« sagte mit leisem Ton die Frau, »etwas zu tun, nützlich zu sein, in einem kühnen Werk der Einsatz des Lebens, um das Leben zu spüren.«
»Und das haben Sie in den Spielräumen gesucht?« sagte er.
»Ich weiß es nicht genau. Ich fühlte mich wohl in dieser Gesellschaft, weil ich keinen Rand sah. In meinem Kreis sah ich über alle Horizonte. Ich hielt das nicht aus. Ich bin Ihnen dankbar ...«
Wenk wurde es heiß in den Augen. Ein Verlangen ergriff ihn, es quälte ihn, er quälte sich selber mit ihm, und fast brutal fragte er: »Und Ihr Mann?«
Die Frau antwortete mild: »In jeder Ehe, das wissen Sie nicht aus Erfahrung, bleibt etwas unerfüllt von dem, was das Herz erwartet hat. Ich nehme meinem Mann nichts, wenn ich versuche, dieses Fehlende ohne ihn zu finden.«
»Ich verehre Sie!« sagte Wenk. Ein leises Zittern ging durch seine Stimme.
»Nein,« wehrte die Gräfin ab, »es ist Gesetz. Es ist natürlich. Und nun sagen Sie mir, was ich zu tun habe.«
»Ich werde Sie an einem Tag, den Sie bestimmen, mit meinem Auto zum Gefängnisdirektor bringen, und wir werden mit ihm alles vereinbaren. Wann paßt es Ihnen?«
»Am nächsten Samstag um diese Stunde.« Sie erhob sich.
»Die grauen Mauern des Gefängnisses werden zu leuchten beginnen!« sagte Wenk.
»Vor soviel Abenteuerei!« lachte die Gräfin.
»Nein, Gnädigste, vor Ihrer Schönheit!«
Und es war Wenk auf einmal, als liebte er sie mit einer Leidenschaft, die wie eine Flamme aus seinen Augen schlug, unsichtbar. Er beugte sich so tief über ihre Hand, daß er sein Gesicht verbarg. Sie drückte ihre Hand mit einer heißen, freien Regung sanft an sein Gesicht an zum Eingeständnis heimlicher Übereinstimmung und huschte davon.
Draußen auf der Straße schoß ihr alles Blut zu Kopf. Sie sagte halblaut das Wort vor sich hin, das sie oben unterdrückt hatte: »Liebe ... Liebe ...«
Im Zimmer Wenks blieb ihr Duft. Wenk sog ihn ein. Dann hob er beide Hände vor sein Gesicht, und von einem Geheimnis und von Ahnungen dumpf dahin geführt, flüsterte er inbrünstig in die Dunkelheit hinein, die er so vor seine Augen legte: »Mord und Liebe! ... Mord und Liebe! ...«
* * * * *
Im Verlauf des Tages stieg das Gerücht des Mordes durch die Stadt. Es wand sich aus der trüben Ecke, wo Hull sein wertloses kleines Leben gelassen hatte. Es war ein dunkler Fleck geblieben. Das Pflaster war finster vom verwaschenen Blut gefärbt. Tauwetter hatte die Bodenrinne zwischen den Pflastersteinen weich und erdig gemacht. Die Erdkrumen hatten das Blut gierig zurückgesogen. Sie hatten sich daran berauscht. Und aus dem Rausch des handgroßen Erdflecks stieg das Scheusal auf, wand sich aus dem engen Winkel davon und errichtete sich durch die ganze Stadt.