Part 2
Männlicher Schmerz: Stumm in deinen Stolz gebeugt, steil in deinen Himmel gestemmt! Dunkles Genie, geizig über dein Leid gekrümmt wie die Buckligen. O nie schwingender Egoist; männlicher, heiliger Weltenschmerz!
STELLA:
Gletscher, ewige Mutter der Welt, deren Schoß das Blut der Liebe entquillt!
Überschwang, Überfluß, Überflut! Nie genug der Hände und Schreie und Küsse, zu lieben, zu lieben. Nicht genug der Wimpern zu weinen, zu schluchzen. Nicht genug der Arme, der klagenden, der flehenden, der umarmenden, nicht genug der Arme, zu umschlingen!
Nicht genug der Schreie zur Geburt und Revolte! Nicht Täler genug dich auszuschrein und zu vergeuden! Nicht Menschen genug zu trösten und zu laben!
O du allgemeine, ewige Mutter!
FLORIAN:
Gletscher, du steinerner Gott, dem täglichen Kampf Enthobener! Hier ist der Rand des Himmels, und der Turm der Erde stürzte zu Staub.
Säulen, hymnische, tragen die Arkaden deiner Gewalt. Wie in spielender Träumerei fügt sich des Schicksals geometrisches Gesetz.
Einziger du, in Einsamkeit verbittert, in Ewigkeit verknöchert. Einziger, an dem die Größe des Alls sich mißt!
STELLA:
Gletscher, aus dir erstieg das Volk und die Gemeinschaft! Aus dir kommen verbündet und vereint die Niederen und die Starken, die Nackten und die Schämigen, die Inbrünstigen und die Ungläubigen.
Deiner geöffneten Brust entstürzen die tausend Söhne des Tals, springen die Knabenbäche, rauschen die Arbeitsströme, steigen und steigen die Ozeane!
Dein ist der Ruf, wenn sie mit irren Zungen in Schlucht und Schlachtfeld den Frühling der neuen Welt verkünden!
FLORIAN:
Gletscher, Märtyrer der Erde, steiler Block vor des Himmels Geheimnis: bleib', o bleib' der Gefangene deiner Größe!
Nicht erschwachen darfst du und schmelzen, nicht dich lösen zum Tal der Qual, wo Hunde winseln, wo Menschen auf Krücken hüpfen über die Brücken.
Wo Schlachthaus mit rotem Auswurf dich bespeit, Fabrik mit eklem Atem dich beschmutzt; staubige Häfen und salzige Meere einander bekämpfen, einander vernichten.
Gletscher, du Starker, hüte dich vor dem Volk und der Freiheit! Bleibe der Knecht! Bleibe der König! Bleibe der Große, der Stumme, der Einzige!
STELLA:
Gletscher, steh auf, da die Tuba des Aufruhrs erschallt! O Völkerwanderung, o Auszug aus Verbannung und Verkennung! O Erlösung aus der tiefen Schmach!
O allgemeine Gleichheit, o befreiter Gletscher der Menschheit! Staubtropfen im Wind, fremder Passant auf dem Boulevard! Ihr alle und jeder!
Jeder von euch erhebt sich, schreit, erstrahlt! Bankier und Prolet verwechseln Spazierstock und Krücke, Bettler und Kaufmann küssen sich als Brüder!
Die Ketten klirren in den Kerkern. Die Köpfe lodern über der Erde wie Sterne. Alle Gletscher reißt es hin zu Tal. Alle Völker schmelzen zusammen in Liebe.
VII. GRAT
FLORIAN:
Umsonst, umsonst! Ich hab' mich an der Glasur des Himmels blutig gekratzt. Ich hab' mir die Flügel an den Säulen des Himmels lahmgeschlagen. Umsonst hab' ich mich aufgerissen.
Der Nagel der Sonne kreuzigt mich an die Erde. Die Gewölbe des Himmels zerplatzen über meinem schläfrigen Auge. Die Gletscher haben schwarzen Speichel um die Lippen.
Taub bin ich in der Symphonie der Welt. Denn mein Ohr ist wie die Muschel des fernsten Meers. Die schwarzen Horizonte der Erde tönen wie nächtliche Gongs. Und die Rufe der Menschen überdröhnen die Kantate der Berge.
O es schreit in mir der Abgrund und der Tod. Es schreit der Zweifel und der Streit. Es schreit Zerknirschung und das Kruzifix. Es schreit in mir die Erde.
Es schreit und zerrt mich bleischwer nieder. O Mutter Erde, du hast mich mehr geliebt, als ich wußte. O Menschheit, du bist größer, als ich wähnte! Alle Erkenntnis ist Lüge, die nicht der Liebe entflammt!
Jeder von euch, ein Bettler oder ein Siecher; er hat mehr Himmel in seinem Auge als über den Mont Blanc gewölbt ist! Jede von euch, eine Schwester oder eine Braut: sie hat mehr Tränen in ihrem Herzen als der sommerliche Gletscher!
Weil ihr dort unten seid, seid ihr Erhabene! Ihr werdet nichts von der Leere und Kälte des Himmels ahnen und von der Dunkelheit Gottes: aber ihr werdet an die ewige purpurne Flamme der Liebe glauben!
Weil ihr Schlechte seid, seid ihr gebenedeit! Euch werden die Guten ihre Liebe schenken, die Hellen ihre Schönheit und die Frommen ihren Gott.
Lieben, lieben will ich wieder lernen! Güte, Güte will ich wieder üben! Über sich selber sich erheben ist schwerer als über Berge schweben!
VIII. NACHTHÜTTE
FLORIAN:
Auf der Welt ist graue Sintflut. Wolken rollen durch den Himmel. Platinmond zerschmolz im Gletschertiegel. Nacht hat alles überschwemmt.
STELLA:
Aber wir sind in der Arche schwankend, schwankend hingetragen. Ganz mit Wind die Wände ausgeschlagen. Schallende Musik die Fenster. Schütterer Schnee ein tiefer Teppich.
FLORIAN:
Hör', die Stürme Gottes rauschen. Wölfe schleichen durch die Himmelsschluchten. Und Giganten schlagen ihre Keulen!
STELLA:
Nein, es sind Lawinen, die zu Tränenstürzen schmelzen. Donner wirbt wie eine Vaterstimme. Und die Engel sind uns nah.
FLORIAN:
Das Gewitter rauscht wie Heimatglocken. Von den Gletschern stürzen Schiffe, die uns Hochzeitsgäste bringen. Deine Stimme ist ein roter Wein.
STELLA:
Alle Sterne sind erloschen. Einzig unsre Liebesarche schaukelt auf dem Meer der Nacht. Eine rosa Ampel, wacht sie über der Menschheit.
FLORIAN
O ich fühl' uns niederrauschen. Aus der Nacht schält sich das helle Tal. Wollen wir die weiße Taube senden?
STELLA:
Unsre Liebe schlingt sich um die ganze Erde. Tausend Vögel schwirren uns entgegen. Tausend Menschen schauen zu uns auf. O, wir wollen alle, alle lieben!
IX. WASSERSTURZ
FLORIAN:
Wasser und Mensch, Ihr seid die ewige Bewegung! Ihr seid der Trieb von allen Trieben: ihr seid der Geist! Da steht kein Felsen starr und keine Gottheit hoch: Vor eurem Strahl zersplittern die Blöcke Granit, Vor eurer Stimme birst das Schweigen des Todes.
O Wasserfall, du Perlentänzer, Aus deinem steilen, einzigen Wasserstamm Blühst du Millionen Wasserzweige an die Erde! Der giftigen Nessel am Straßengraben gibst du dich hin, Du treibst den grünen Springbrunnen der Palmen empor; Vergißmeinnicht fröstelt in deinem Tau, Und der fette Ölbaum saugt dich mit kupfernen Pumpen auf, Du bist der unendliche Geliebte der Erde!
So will ich, dein unsterblicher Geliebter, Über die Menschheit strömen und überströmen: Hinunter, hinunter aus der Einsamkeit Schäumend von Liebe niederschmelzen, (An den Gipfeln ermaß ich die Tiefe der Täler) Zurück zur Menschheit will ich mich ergießen, Zu den dunklen Schluchten der Besiegten und Geknechteten, Zu den grauen Wüsten der Streber und Unfruchtbaren, Zu den endlosen Ebenen der Armen und der Tölpel, Zu den rauchigen Häfen der Vertriebenen und Gezwungenen -- Hinab, hinab, dem ewigen Trieb muß ich gehorchen, Wer sich verschenkt, bereichert _sich_ am meisten. Ich will mit sprudelndem Mund und lachenden Augen Die große Liebe dieser Nacht vergeuden, Mich geben und geben, da ich weiß: Unversiegbar sind die Gletscher der Erde, Unversiegbar sind die Quellen des Herzens!
DER PANAMAKANAL (ZWEITE FASSUNG)
I.
Noch lagen die Jahrhunderte des Urwalds mitten zwischen den Meeren. Mit goldenen Zacken ausgeschnitten die Golfe und Buchten. Mit zähem Hammer zerschlug der Wasserfall die gestemmten Felsen.
Die Bäume schwollen in den sinnlichen Mittag hinein. Sie hatten die roten Blumenflecken der Lust. Schierling schäumte und zischte auf hohem Stengel. Und die schlanken Lianen tanzten mit weitoffenem Haar.
Wie grüne und blaue Laternen huschten die Papageien durch die Nacht des Gebüschs. Tief im fetten Gestrüpp rodete das Nashorn. Tiger kam ihm bruderhaft entgegen vom Flußlauf.
Feurig kreiste die Sonne am goldenen Himmel wie ein Karussell. Tausendfältig und ewig war das Leben. Und wo Tod zu faulen schien: neues Leben sproßte mit doppeltem Leuchten.
Noch lag das alte Jahrhundert zwischen den Menschen der Erde.
II.
Da kamen die langen, langsamen Arbeitertrupps. Die Auswanderer und die Verbannten. Sie kamen mit Kampf und mit der Not.
Mit keuchenden Qualen kamen die Menschen und schlugen die dröhnenden Glocken des Metalls.
Sie hoben die Arme wie zum Fluch und rissen den Himmel zürnend um ihre nackten Schultern.
Ihr Blut schwitzte in die Scholle. Wieviel magere Kinder, wieviel Nächte, angstvolle, wurden an solchem Tag vergeudet!
Die Fäuste wie Fackeln aufgereckt. Zerschrieene Häupter. Aufgestemmte Rümpfe. Es war Arbeit. Es war Elend. Es war Haß.
So wanden sich die Spanier einst am Marterpfahl. So krümmten sich die Neger einst in verschnürtem Kniefall.
Das aber waren die modernen Arbeitertrupps. Das waren die heiligen, leidenden Proletarier.
Sie hausten in Baracken und in Lattenhütten stumpf. Geruch des Bratfischs und der Ekel des Branntweins schwälten. Die hölzernen Betten stießen sich an wie Särge im Friedhof.
Am Sonntag sehnte sich eine Ziehharmonika nach Italien oder nach Kapland. Irgendein krankes Herz schluchzte sich aus für die tausend andern.
Sie tanzten zusammen mit schwerem, schüchternem Fuß. Sie wollten die Erde streicheln, die morgen aufschreien mußte unter der Axt. Dann schlürften sie für fünf Cents Himbeereis.
Und wieder kam das Taghundert der Arbeit.
III.
In ein Siechbett verwandelten sie die Erde. Die roten Fieber schwollen aus den Schlüften. Und die Wolken der Moskitos wirbelten um die Sonne.
Kein Baum mehr rauschte. Kein Blumenstern blühte mehr in dieser Lehmhölle. Kein Vogel schwang sich in den verlorenen Himmel.
Alles war Schmerz. Alles war Schutt und Schwefel. Alles war Schrei und Schimpf.
Die Hügel rissen sich die Brust auf im Dynamitkrampf. Aus den triefenden Schluchten heulten die Wölfe der Sirenen. Bagger und Kranen kratzten die Seen auf.
Die Menschen starben in diesem unendlichen Friedhof. Sie starben überall an der gleichen Qual.
Den Männern entfuhr der tolle Ruf nach Gott, und sie bäumten sich wie goldene Säulen auf. Den Weibern entstürzten erbärmliche, bleiche Kinder, als ob sie die Erde strafen wollten mit so viel Elend.
Von der ganzen Erde waren sie zum knechtischen Dienst gekommen. Alle die Träumer von goldenen Flüssen. Alle Verzweifler am Hungerleben.
Die Aufrechten und die Wahrhaftigen waren da, die noch an ein Mitleid des Schicksals glaubten. Und die dunklen Tölpel und die Verbrecher, die tief ins Unglück ihre Schmach verwühlten.
Die Arbeit aber war nur Ausrede. Jener hatte zwanzig verbitterte Generationen in seinem Herzen zu rächen. Dieser hatte die Syphilismutter in seinem Blut zu erdrosseln.
Sie alle schrien im Kampf mit der Erde.
IV.
Sie wußten aber nichts vom Panamakanal. Nichts von der unendlichen Verbrüderung. Nichts von dem großen Tor der Liebe.
Sie wußten nichts von der Befreiung der Ozeane und der Menschheit. Nichts vom strahlenden Aufruhr des Geistes.
Jeder einzelne sah einen Sumpf austrocknen. Einen Wald hinbrennen. Einen See plötzlich aufkochen. Ein Gebirge zu Staub hinknien.
Aber wie sollte er an die Größe der Menschentat glauben! Er merkte nicht, wie die Wiege eines neuen Meers entstand.
Eines Tages aber öffneten sich die Schleusen wie Flügel eines Engels. Da stöhnte die Erde nicht mehr.
Sie lag mit offener Brust wie sonst die Mütter. Sie lag gefesselt in den Willen des Menschen.
Auf der Wellentreppe des Ozeans stiegen die weißen Schiffe herab. Die tausend Bruderschiffe aus den tausend Häfen.
Die mit singenden Segeln. Die mit rauchendem Schlot. Es zirpten die Wimpel wie gefangene Vögel.
Ein neuer Urwald von Masten rauschte. Von Seilen und Tauen schlang sich ein Netz Lianen.
Im heiligen Kusse aber standen der Stille Ozean und der Atlantische Aufruhr. O Hochzeit des blonden Ostens und des westlichen Abendsterns. Friede, Friede war zwischen den Geschwistern.
Da stand die Menschheit staunend am Mittelpunkt der Erde. Von den brodelnden Städten, von den verschütteten Wüsten, von den glühenden Gletschern stieg der Salut.
Das Weltgeschwader rollte sich auf. Es spielten die blauen Matrosenkapellen. Von allen Ländern wehten freudige Fahnen.
Vergessen war die dumpfe Arbeit. Die Schippe des Proletariers verscharrt. Die Ziegelbaracken abgerissen.
Über den schwarzen Arbeitertrupps schlugen die Wellen der Freiheit zusammen. Einen Tag lang waren auch sie Menschheit.
Aber am nächsten schon drohte neue Not. Die Handelsschilfe mit schwerem Korn und Öl ließen ihre Armut am Ufer stehn.
Am nächsten Tag war wieder Elend und Haß. Neue Chefs schrien zu neuer Arbeit an. Neue Sklaven verdammten ihr tiefes Schicksal.
Am andern Tag rang die Menschheit mit der alten Erde wieder.