Dissolving Views: Romanfragmente von Leo Wolfram.
Part 9
Die protestantische Kolonie war von einer kleinen Niederlassung von sechs oder acht Familien im Lauf eines Jahres durch Einwanderung auf mehr als 300 Seelen angewachsen. Zwischen den Arbeitern der beiden Konfessionen bestand ein ungetrübt freundliches Einvernehmen. Die Wahl der ins Land gezogenen Protestanten war durchgehends auf sittliche, fleißige, verträgliche Leute gefallen, welche sich gegen die Katholiken so zuvorkommend benahmen, daß die beiden Seelsorger in ihrem Bestreben, die Eintracht zu erhalten, das leichteste Spiel hatten.
Dieses Hand in Hand Gehen konnte nach der Ueberzeugung des Erzbischofs nur zum Nachtheile des Katholizismus ausschlagen.
Der sogenannte „aufgeklärte Katholik‟ der gebildeten Stände -- eine Sekte, welche die Kirche nun einmal dulden muß, und welche, wenn nicht mit+wiegt+, wenigstens mit+zählt+ -- wird sich im Verkehr mit dem gebildeten Protestanten vor dem „Ansteckungsstoffe‟ bewahren: es ist wenigstens so leicht keine Abtrünnigkeit zu fürchten, da die Anschauung nahezu die gleiche ist, und, Ausnahmsfälle abgerechnet, Jeder aus Gefühls- oder Konvenienzgründen seine Form beibehält.
Nicht so der gemeine Mann, -- der Arbeiter. Ist er einmal in beständigem Verkehre mit den Bekennern der andern Konfession auf den Punkt der Reflexion gelangt, wo er mehr als +einen+ Weg nach jenem Himmel für möglich hält, der ihn für die zehn täglichen Arbeitsstunden seines Erdenlebens entschädigen soll, so wird es nur eines lockenden materiellen Anstoßes bedürfen und der Schritt hinüber ist geschehen.
Und an eine solche Mehrheit der Wege lernten die katholischen Arbeiter glauben, wenn sie das Wort der Duldung aus dem Munde des eigenen Priesters vernahmen, und an ihren Kameraden jene Redlichkeit und Zufriedenheit im Leben, jenes ruhige Gottvertrauen im Sterben sahen, welches eben die Wirkung des echten der drei Ringe Nathans.
Als die Nachricht von dem abgeschlossenen Konkordate nach Korbach kam, wurde sie von den Protestanten mit großer Bestürzung aufgenommen. Der alte Korbach erklärte ihnen, daß sie nichts zu besorgen hätten, -- er werde sie kräftiger unterstützen als bisher, -- ihr Bethaus könne man nicht sperren, ihren eigenen Friedhof hätten sie ohnedem, und was die gemischten Ehen betreffe, so müsse nun einmal in Zukunft ein Theil dem andern nachgeben, -- sie würden sammt ihren Kindern selig werden, ob sie vom Pfarrer oder vom Pastor getraut seien. Schwerer waren die Katholiken zu beschwichtigen. Als sie von Beichtzwang, Kirchenstrafen u. drgl. hörten, erklärte eine große Anzahl, daß sie beim ersten Versuche einer gewaltsamen Durchführung augenblicklich zum Pastor gehen und sich „lutherisch machen lassen‟ wollten. Pfarrer Valentin beruhigte sie mit der auf eigene Gefahr gegebenen Versicherung, es seien dieß Uebertreibungen von Solchen, die es schlecht mit der Kirche meinten. -- Die Gemüther beruhigten sich, die schlimmsten Befürchtungen trafen nicht ein, da mehrere der aufreizendsten Verfügungen des Konkordats auf dem Papiere blieben. --
Man hatte in der Hauptstadt davon zu sprechen angefangen. Die frommen Zirkel, deren Mittelpunkt Prinzessin Marie, hatten bereits einen Kreuzzug gegen Korbach gepredigt, die Oberhofmeisterin Gräfin Merfey Bernhard im Leuchtendorf’schen Salon gefragt, ob denn sein Prälat ~les bras croisés~ dem Unwesen zusehen werde -- und er hatte geantwortet, der kranke Herr sei unzurechnungsfähig, ein energischer Hirt würde die Herde bald von räudigen Schafen reinigen.
Nun kam die glänzende Gabe zum Kirchenbau; die Prinzessin hielt sich an die Thatsache in der offiziellen Zeitung und hielt den alten Korbach für einen Bekehrten.
In diesem unentschiedenen Zustande waren die Dinge bei Bernhard’s Wiedereintritt ins Kloster, und er fand ihn für seine Pläne höchst ungelegen.
An seiner Wahl zum Abte nicht mehr zweifelnd hatte er vor, den Antritt des hohen Amtes durch einen großen, weithin glänzenden ~coup d’état~ zu bezeichnen. -- Der Thron von St. Martin sollte jetzt erst aufgerichtet werden, eine neue Aera für das Stift beginnen. Nicht mehr die grobe Arbeit an der Kultusmaschine, das Segnen der Wallfahrter, und ebensowenig die Oekonomie, die Anwendung der neuesten Mästungs- und Düngungsmethoden sollte die Mission des Prälaten des Waldklosters sein, sondern er mußte Sitz und Stimme in der Konferenz der hohen kirchlichen Diplomatie haben, -- römisch-katholischer Staatsmann werden.
Und hierzu war ein konkordatgemäßer Eclat erforderlich, und ein schöneres Feld nicht denkbar als die Korbacher Frage. -- Mit der Mine, welche dort den Protestantismus in die Luft sprengte, flog Pater Bernhard zugleich in die Sonnennähe der zufriedengestellten höchsten Hierarchie. Nun herrschte aber dort tiefer Friede, und um ihn zu brechen, bedurfte es eines ~casus belli~.
Inzwischen verschlimmerte sich der Zustand des Prälaten, die Aerzte gaben ihm nur noch Tage. Die Zeit drängte, einen Operazionsplan zu fassen. Es fehlte dem Prior noch immer das gewisse +Etwas+, die +Handhabe+.
Er kannte einen einzigen Mann, mit dem er sich zu berathen gedachte: -- Kollmann.
Als dieser seinen Grundbesitz am See, mit Ausnahme des von Knorr vorweg okkupirten Fichtenkegels, vom Stifte ankaufte, war Bernhard während der betreffenden Unterhandlung mit ihm öfter in Berührung gekommen. Sie hatten einander beobachtet und insofern ein verwandtes Element gefunden, als jeder in dem Andern einen Mann erkannte, der weit aussehende Pläne verfolgte.
Während aber Kollmann durch die glänzenden schwarzen Granaten, die unter den dichten Brauen des Priors saßen, diesen bis auf den Grund durchblickte, sah Bernhard durch das trübe Milchglas der sogenannten weißen Augen nicht tiefer als jeder Andere. Kollmann, der jedes Wort, das er für nothwendig hielt, um seinen Gedanken zu verbergen, in einer Weise sprach, als kehre er das Innerste der Seele heraus, hatte das Vertrauen Bernhard’s gewonnen, indem er ihm sagte: „Ich kann keine schönen Frasen machen, und sage Ihnen geradezu, daß es unverzeihlich und unverantwortlich ist, daß ein Mann, in dem ich den künftigen Fürst-Erzbischof sehe, aus Lauheit und Mangel an Selbstvertrauen die Hände in den Schoß legt, statt die Zügel zu ergreifen.‟
Eine feine Schmeichelei hätte den Prior vielleicht stutzig gemacht. Die ganz plumpe hielt er für keine. Nachdem er sich ziemlich weit gegen ihn entwickelt, trat Kollmann in sein Schweigen und seine Unsichtbarkeit zurück. Bernhard gedachte nun seiner Worte: „Sie werden lange suchen, bis Sie einen Mann finden, der Sie versteht; wenn Sie des Suchens satt, werden Sie zu mir kommen und finden, was Sie brauchen.‟
Nun suchte er ihn auf, -- sprach Anfangs reservirt, im Tone des Ueberzeugten, von Umtrieben der Feinde des Glaubens in Korbach, -- innerem Berufe, kräftig einzugreifen. Kollmann erwiederte: „Sie führen die Sprache eines Missionärs, nicht eines künftigen Kirchenhauptes.‟ -- Der Prior rückte weiter heraus, bis Jener merkte, daß es sich um den Mechanismus handle, den man in Korbach spielen lassen wollte, und über welchen er offenbar nicht im Reinen war. Endlich sagte er: „Ich werde Ihre Sache machen. Sie fällt mit einer der meinigen zusammen. Beehren Sie mich in drei Tagen im Freinhofe.‟
Der Prior schied mit dem unangenehmen Gefühle einer verlornen Schachpartie, wenn man sich für den Meister hält. „Beehren Sie mich in drei Tagen,‟ war eben nicht die Sprache eines „+Werkzeuges+.‟ -- Auch hatte er gegen Kollmann auf eine Weise gesprochen, die seinem hohen Gönner sehr mißfallen haben dürfte, und fühlte sich gewissermaßen der Diskrezion seines Alliirten anheimgegeben.
Dennoch kam er wieder, an jenem Abende, wo Arnold im Freinhofe eintraf, den er, als ihn Julie vorstellte, beobachtete, ohne sich ihm zu nähern, um keinem etwaigen Plane des noch nicht anwesenden Kollmann vorzugreifen. Dieser ließ ihn, wie wir wissen, am nächsten Morgen zu sich bitten. Er könnte auch auf mein Zimmer kommen, dachte der Prior, ging aber hinüber.
„Sie brauchen einen Krieg, begann Kollmann -- ich liefere Ihnen den Kriegsfall. -- Den Krieg führen Sie auf Ihrem Gebiete, ich unterstütze Sie auf einem andern. In dieser Angelegenheit ist rasches Handeln nöthig. Wir dürfen nicht vergessen, daß, wenn dem Protestantismus dort das Genick gebrochen werden soll, dieß nur geschehen kann, so lange der alte Korbach Herr ist. Man kann ihm als Katholiken in anderer Weise beikommen als dem jungen. Nach meiner Ansicht muß die Sache so angegriffen werden, daß den Gegnern die reichen Mittel zur Durchführung ihres Prinzipes etwas verkürzt werden. Folglich handelt es sich darum, sie auf dem industriellen Felde anzugreifen. -- Die Korbacher Fabrik verdankt aber ihren Wohlstand vor Allem den Staatsbestellungen. -- Es wird somit eine weitere Aufgabe sein, sie mit den Behörden zu überwerfen. -- -- Leichter wäre dieß Alles vor der Ankunft des jungen Korbach gegangen, doch zweifle ich auch jetzt nicht am Gelingen. -- Wir wollen übrigens als die besten Freunde des Alten auftreten.‟
Mit gespannter Aufmerksamkeit hörte Bernhard hierauf den Plan in Betreff des Schreibens an den Erzbischof entwickeln. -- Er begriff nicht, welche weittragende Wirkung die kleinliche Intrigue mit dem Briefe haben solle. Kollmann fuhr fort: „Der Erzbischof ist jetzt mild gegen Korbach, und Sie brauchen ihn hart. Zweifeln Sie nicht, daß er, so wenig Gereiztheit er zeigt, mit dem vollen apostolischen Grimm bewaffnet nach Korbach kommen wird. Zweifeln Sie ebensowenig, daß der Alte eine Haltung bei der Feierlichkeit annimmt, welche diesen Grimm steigert. Indessen werden Sie Prälat. Ihr Erstes ist, daß Sie den Pfarrer abberufen. Der Erzbischof wird einen Hirtenbrief erlassen, mit dem der Nachfolger Valentin’s auftritt. Es wird zu einem Konflikt, zu einem +Exzeß+ in Korbach kommen -- ein Paar zerschlagene Räder und Drahtspulen -- vielleicht auch ein Paar Knochen. Sie fliegen nach der Residenz -- die Prinzessin, die ganze Partei gibt Ihnen allen ~appui~; -- es kann der Fall eintreten, daß Sie die weltliche Gewalt requiriren: in vier Wochen können Sie als der Bezwinger des Protestantismus in Korbach dastehen.‟ Der Prior hatte nun die Wahl, entweder zu antworten: Herr, Ihr ganzer Plan ist eine reine Infamie, eine Niederträchtigkeit -- oder einfach und schlecht auf Alles einzugehen.
Und +viel zu viele Minuten+ hatte er mit der Antwort gezögert, um noch als Priester mit einem Donnerworte der gerechten Entrüstung loszubrechen -- -- mit diesem Schweigen hatte er den +Priester+ abgelegt -- den +Pfaffen+ angezogen. -- Es war ein historischer Moment in seinem Leben. --
Er begab sich nach der Hauptstadt und es gelang ihm nicht ohne Mühe, den Erzbischof für die Idee mit dem Briefe zu gewinnen, und dieß nur dadurch, daß er sie weniger als einen +Prüfstein+ der anscheinend gebesserten Gesinnungen Korbach’s, als vielmehr als eine diesem dargebotene Gelegenheit, sie auf solenne Weise auszusprechen, darstellte. Während er Arnold’s Rückkehr erwartete, wurde er durch die Nachricht, daß der Prälat nur noch Stunden zu leben habe, nach St. Martin gerufen.
Er fand ihn bereits in der Todtenkapelle. Wahrer, tiefer Schmerz lag auf den Gesichtern der Geistlichen, die um ihn beteten. Als der Prior mit offizieller Trauermiene an den Sarg trat, niederkniete, ein Gebet sprach, den Todten mit Weihwasser besprengte, erschienen ihnen die Tropfen auf dem biedern Antlitz des geliebten Herrn wie Thränen um die gute alte Zeit des Waldklosters.
Der Prior begab sich auf sein Zimmer, berief Einen seiner Vertrauten und ließ sich über die letzten Tage und Stunden des Verstorbenen berichten. Er vernahm, daß derselbe meistens in halbbewußtlosem Zustande gelegen, in der letzten Nacht aber plötzlich zu voller Besinnung erwacht sei. Er habe Papier und Bleistift verlangt, und mit einer Allen unbegreiflichen Kraft längere Zeit geschrieben, das Papier zusammengefaltet, von einem seiner Lieblinge, dem jungen Pater Leo, siegeln lassen, und die Adresse geschrieben, die Niemand gesehen. Hierauf habe er den Jäger Schellhammer rufen lassen, -- als dieser eintrat, alle Anwesenden in das Nebenzimmer geschickt, und einige Minuten mit ihm gesprochen. Der Jäger, der ihm viele Jahre gedient, sei weinend weggegangen. Der Prälat habe nach Mitternacht alle Geistlichen zusammenrufen lassen, sie gebeten, sein Andenken in Liebe zu bewahren, ihm zu vergeben, wenn er einen von ihnen beleidigt, sie gesegnet, -- dann still gebetet, und sich hinübergelegt. Sie hätten lange Zeit geglaubt, er schlummere nur. -- Unbegreiflich sei ihnen Allen seine Geistesklarheit, nach so langem Siechthum, in den letzten Momenten gewesen.
Pater Bernhard sandte sogleich in die Wohnung des Jägers. Es erschien dessen Frau, welche erzählte, daß ihr Mann, als er vom Prälaten gekommen, schweigend seine Jagdtasche, deren er sich auch auf Reisen und Botengängen bediente, umgehängt, den Stock in die Hand genommen und mitten in der Nacht fortgegangen sei; auf ihre Frage: wohin? habe er nur geantwortet, er komme nächsten Abend zurück. -- Der Prior überzeugte sich bald, daß die Frau wirklich nicht mehr wisse, und entließ sie.
Am frühen Morgen traf ein Schreiben des erzbischöflichen Sekretärs an ihn ein, welches lautete wie folgt: „Ich habe die Ehre, im Auftrage Seiner Durchlaucht Hochderen Wunsch zu melden, daß Hochdieselben, wenn es Gott gefallen sollte, den Herrn Prälaten, wie die Aerzte vermuthen, in Bälde abzuberufen, das Kapitel zur Erwählung seines Nachfolgers ungesäumt, ja selbst vor der Bestattung des Verewigten, zusammenberufen, da bekannte Verhältnisse die Wiederbesetzung des Stuhles von St. Martin dringend nöthig erscheinen lassen. Es ist ein neuer Beweggrund, welcher als Ew. Hochwürden bekannt vorausgesetzt wird, unmittelbar nach Ihrer Abreise hinzugetreten. Womit ich die Ehre habe u. s. w.‟
Der Prior wußte, daß mit letzterem nur die Antwort des alten Korbach gemeint sein könnte, und gedachte Kollmanns, und dessen richtiger Berechnung. -- Er ließ Vormittags sämmtliche Geistliche zu sich berufen, verkündete den Zusammentritt des Wahlkapitels für nächsten Morgen und versäumte nicht, ihnen in einigen Worten seine Beziehungen zum Erzbischofe, so wie Alles, wodurch er bereits früher auf sie gewirkt, zu Gemüthe zu führen.
Im Laufe des Tages kamen zahlreiche Besuche von Bekannten und Freunden des Verstorbenen, und Schaaren von Landleuten drängten sich in die Kapelle, um den allgemein geliebten Herrn nochmals zu sehen. Unter den Besuchern war auch der Bischof von Rothenau, welches Städtchen eine halbe Tagereise von St. Martin liegt. Pater Bernhard, der seinen Besuch erwartet hatte, empfing ihn mit allem Ceremoniell, führte ihn in die Kapelle, und hatte hierauf eine lange Unterredung mit ihm, worin er die Grundzüge der in der Verwaltung des Klosters nothwendigen Veränderungen entwickelte, und ihn um seinen kräftigen Beistand in den bevorstehenden schwierigen Tagen bat. Der Bischof, wohl wissend, daß der Prior nicht ohne seine Gründe zu haben, eine solche Sprache führe, betrachtete und behandelte ihn als künftigen Kollegen, und Pater Bernhard genoß den Vorgeschmack der Würde mit der ganzen Befriedigung, welche die Erstlingsfrüchte jedes Strebens gewähren, und welche durch den Genuß der späteren, wenn gleich reicheren, nicht übertroffen wird.
Als der Bischof sich zur Abreise anschickte, erbat sich der Prior die Ehre, ihn bis nach einem, ungefähr zwei Stunden entfernten Orte zu begleiten, nahm im Wagen des Gastes neben diesem Platz, und ließ den eigenen, zu seiner Rückfahrt, leer nachfolgen.
-- -- -- Der Tag neigte sich zu Ende. Der vergoldete Thurmknopf spiegelte die letzten Sonnenstrahlen zurück, und die letzten Glockenklänge zerrannen im Schweigen des Abends.
Gruppen der Landleute standen unter den Linden im Klosterhofe. Sie sprachen über den verstorbenen Prälaten, machten ihre Bemerkungen über den Prior, von dem sie wenig Gutes erwarteten, -- und wie sie eben mit traurigen Gesichtern und Manche mit nassen Augen andächtig und scheu durch die Todtenkapelle am Paradebett vorübergezogen, -- gingen sie nun, zuerst Einige, dann Alle, in das dem Klosterthor gegenüberliegende Wirthshaus.
Der Bauer hält in dieser Gegend den Leichenschmaus, auch wenn ihm Weib oder Kind stirbt. Er faßt das Sterben überhaupt anders auf, als der Gebildete: er kennt kein lirisches Raffinement des Sterbens, keine jener Reflexionen, welche wie Schallgewölbe jeden Schmerzenslaut zehnfach verstärken. Der Verstorbene „hat es überstanden, -- der Herrgott hat ihn zu sich genommen.‟ -- Die Arbeit geht fort. --
-- Nun wendeten die traurigen Zecher die Blicke nach der Bergstraße, welche von der Waldhöhe über einen Wiesenhang herab nach dem Thore des äußeren, mit einer niedrigen Mauer umfangenen Hofes führt. Der klingende Ton des Radschuhes hatte sie aufmerksam gemacht auf die grüne Kalesche, welche, mit zwei starken schönen Eisenschimmeln bespannt, nach wenigen Minuten durch den Thorbogen rollte, und vor dem Klostergebäude hielt.
Neben dem Kutscher saß der Jäger Schellhammer, welcher absprang und den Schlag öffnete. Ein junges Mädchen im braunen Reisekleide mit rundem Strohhut und blonden Wellenscheiteln war mit leichtem Sprunge am Boden, ohne seiner Hülfe zu bedürfen, und bot nun die Hand dem Vater. -- Einige der Landleute waren aufgestanden und umgaben -- den alten Korbach, der sie freundlich grüßte. Er kam zwar nur ein- oder zweimal im Jahre nach St. Martin, aber Viele aus der Gegend kannten ihn und nannten den Uebrigen den Namen des Mannes, der seines Karakters und Reichthums wegen in allgemeinem Ansehen stand.
Die Angekommenen schritten zuerst nach der Kirche, wohin sich Helene begab, da ihr nach dem Klostergesetze der Eintritt in die sogenannte Klausur, innerhalb welcher die Wohnungen der Geistlichen liegen, untersagt ist. Sie wartete daselbst, bis sie der Vater nach der Todtenkapelle abholen würde.
Dieser ging durch den Kreuzgang nach dem Refektorium, wo die Geistlichen um diese Stunde zum Abendessen versammelt waren.
Die Tafel nahm nur die Hälfte des langen schmalen Saales ein, dessen andere im Halbdunkel lag. Der alte Korbach trat ein und schritt bis nahe an den beleuchteten Tisch, bevor ihn Jemand erkannte, -- nun aber erhoben sich Alle mit dem herzlichsten, freudigsten Gruße, drückten seine Hand, nöthigten ihn zum Mahle. -- Er nahm seinen Platz neben Leo, den er als Freund des Prälaten kannte, und sprach: „Ich bin zu mancher Zeit gekommen, meine hochwürdigen Herren, um Ihre Gastfreundschaft zu genießen, heute aber komme ich, um die letzte Pflicht gegen Ihren Prälaten zu erfüllen, mit dem ich zwar selten, aber immer nur in freundschaftlicher Weise im Leben zusammengetroffen. Ich kann seiner Bestattung nicht beiwohnen, da ich morgen in Korbach sein muß und noch in der Nacht zurückfahre. Wenn Sie Ihr Mahl geendet, werden Sie mich zu ihm führen; ich habe meine Tochter mitgebracht, deren Gebet Sie nicht für weniger fromm und gottgefällig halten werden, weil sie nicht der katholischen Gemeinde angehört.‟
„Wir halten dafür, sagte Leo, daß jedes Gebet Gott gefällt, das aus reinem Herzen kommt!‟
„So ist es!‟ riefen Andere. -- -- Der Prior war ja mit dem Bischof weggefahren. --
Während der wenigen Minuten, welche die Abendtafel noch währte, sagte Korbach leise zu Leo: „Ich möchte die Todtenkapelle am liebsten in Gesellschaft von lauter wahren Freunden des Verstorbenen betreten; ich höre, daß nicht +Alle+ so denken, wie Sie und Gott sei Dank! die Meisten.‟
„Die vier hier Fehlenden, welche jetzt bei ihm beten, denken wie wir über ihn, erwiderte Leo, -- die Andern, die Sie begleiten werden, waren ihm gleichfalls theuer, die es nicht gut mit ihm meinten, gehen nicht nach der Kapelle, wenn sie nicht die Ordnung des Gebetes trifft.‟
Man erhob sich. Korbach ging, von Leo begleitet, nach der Kirche, um Helene zu holen, von dort durch den dunkeln Gang nach der Kapelle, wohin außer den das Stundengebet verrichtenden, noch drei andere Priester gekommen waren.
Die Flammen von dreißig Kerzen durchstrahlten den heilig stillen Raum. -- Die Wände waren mit schwarzem Tuche bekleidet; mitten erhob sich auf drei Stufen der Katafalk mit der Leiche in vollem Ornate. Auf den Zügen des Todten lag der volle Gottesfrieden, mit dem der Gerechte entschlummert.
Helene trat an den Sarg, faltete die Hände und sah mit den tiefblauen feuchten Augen nach den festgeschlossenen des Verstorbenen, dann kniete sie an den Stufen nieder und betete.
Die acht Geistlichen standen um sie und den Vater, der gleichfalls einige Minuten in stiller Andacht das Bild des Friedens und der Verklärung betrachtete.
Dann stieg er mit langsamem, festem Schritte die Stufen hinan, stellte sich dicht neben den Sarg, seine Rechte auf die zusammengefalteten Hände des Todten legend, und sprach laut und mit feierlicher Betonung:
„In diesem Raume, meine hochwürdigen Herren, hat wohl nur der geweihte Priester das Recht, sein Wort vernehmen zu lassen‟ -- die Geistlichen näherten sich aufmerksam und schweigend. -- „Wenn ich spreche, so ist es, weil der Mund dessen, für den ich spreche, für immer geschlossen ist.‟
„Was ich Ihnen mittheile, ist so heilig, wie irgend ein Gebet, es ist das letzte Wort, das der Verblichene an Ihren würdigen Bruder, den Pfarrer von Korbach gerichtet hat, -- mit welchem er ihm und Ihnen Allen sein letztes Lebewohl sagt.
„Es sind die Zeilen, die er auf seinem Sterbebette geschrieben, in der Nacht seines Todes abgesendet, eine Stunde ehe dieses von echter Christentugend erfüllte Herz stillgestanden. Ich bin, Sie wissen es, Keiner von denen, welche vor manchen strengen Augen Gnade finden, -- man nennt mich einen Freigeist, aber, daß Gott dem Manne, der durch Monate so selten sein volles Bewußtsein hatte, in der letzten Stunde die Kraft verlieh, seine Gedanken, sein Gebet für Sie in so herrlichen Worten niederzuschreiben, das ist nach meinem Gefühl und Glauben ein +Wunder+ im wahren Sinne und ein Zeichen, daß ihm diese Gedanken +wohlgefällig+ waren.
„Vernehmen Sie den Inhalt dieses Schreibens, das ich Ihnen gegen den Willen des Empfängers -- aber im Geist und Sinne dessen mittheile, den Sie mit mir beweinen!‟
Kein Athemzug war vernehmbar. Alle Blicke hingen an den Zügen des Mannes, dessen imponirende Gestalt höher, dessen Stimme bewegter wurde, als er das Papier entfaltete und las:
„Mein theurer, innigst geliebter Bruder! Nach wenigen Stunden werde ich Rechenschaft ablegen über mein Amt, vor dem Throne dessen, der es mir verliehen. Durch Sie bitte ich Alle, die meiner Obhut vertraut waren, mir ihre Liebe zu bewahren. Ich scheide mit dem innigsten, heißesten Danke für ihre Treue, und wenn mich Gott aufnimmt in die Wohnung des Lichtes, so werde ich ihn um Beistand bitten in den schweren Zeiten, die ihnen bevorstehen. Meine Brüder werden den ersten Kampf zu bestehen haben bei der Wahl meines Nachfolgers. Mögen sie muthig an ihrer Ueberzeugung festhalten, unbekümmert um Menschengunst und Drohung. -- Sie, mein geliebter Valentin, werden vielleicht von den meisten Brüdern als der Würdigste erkannt werden, wie +ich+ Sie dafür erkenne und vor dem Allmächtigen nennen würde, wenn er mich von seinem Throne fragte, wer soll Hirt meiner Herde sein. -- Und somit werden Sie wenigstens +Eine+ Stimme für sich haben, die aber auf Erden nicht zählt! Wenn aber unter den Brüdern, was ich zu meiner Beruhigung im Sterben glaube, Mancher ist, der so denkt wie ich, so werden sie +muthig+ und +treu+ im +Tode+ zu +mir+ halten, wie es Alle im +Leben+ gethan!‟
Mit flammendem Auge, kraftvoller und doch vor Erregung zitternder Stimme hatte Korbach die letzten Worte gesprochen.
Nun legte er den Brief auf die Brust der Leiche und schloß: „Ich habe Ihnen, meine hochwürdigen Freunde, hiemit die letzte Bitte Ihres in den Frieden vorangegangenen Herrn und Vaters vorgetragen, meine Pflicht gegen ihn ist erfüllt.‟ --