Dissolving Views: Romanfragmente von Leo Wolfram.

Part 8

Chapter 83,520 wordsPublic domain

„Und das glaubten Sie? weil Sie hörten, daß ich den Plan angegeben, das Werk gefördert? +Er+ hat es gewollt, -- ein Nein gibt es ja nicht. Er mochte denken, dieser Ort hält das Bild lebendig, vor welchem wie vor dem Medusenschilde jeder Gedanke des Widerstandes erstarrt. -- Vielleicht will er ihn auch überwachen. -- Und neben der großen teuflischen Idee das kleine Gewimmel von klugen Berechnungen und Vorahnungen, wie der Freinhof so herrlich allen Zwecken entsprechen werde, wie da ganz anders auf Jeden gewirkt werden könne, jedes Wort einen andern Klang habe, wenn es die Weiber beim Ton der Zither, die Männer beim Male nach der Jagd vernehmen! -- daß ich hier frei athme? wenn ich den Nächten der +ersten+ Woche nicht erlegen, so war es gewiß, daß ich in der zweiten Ruhe fand, in der dritten die Besuchenden empfing, wie Kollmann gebot. -- Ich bin eines stillen Hinliegens in ewigem Schmerze nicht fähig. Daß aber die Thränen jener Stunden, wo ich verzweifeln möchte, hinreichen werden, um das frohe Lachen der andern zu verlöschen, wenn es als Sünde in mein Schuldbuch geschrieben wird, das hoffe ich so gewiß, als ich mit Arnold an endliche Sühnung jeder Schuld glaube.‟

„Vielleicht würde auch er fühlen, wenn ihm Ihr Schicksal enthüllt wäre, daß es Lagen gibt, wo der Mensch erst dann vergibt, wenn Gottes Gericht über den Schuldigen hereingebrochen, -- so wie Gott vergeben mag, wo die Menschen gerichtet --!‟

„Edmund --!‟ rief Julie -- -- es war ein Aufschrei des Entsetzens -- ihr Blick eine Bitte um Erbarmen -- --

Er faßte ihre Hand und sprach bedeutungsvoll: „Vergebung! Julie! -- -- Noch sehe ich keinen Ausweg, kein Licht. -- Ich verlasse Sie, um nach dem Ort zu reisen, wohin Sie nicht denken sollen ohne sich zu erinnern, daß ich in einem +schwereren+ Kampfe gesiegt als der, dem ich entgegengehe!‟

„Ich habe Gott darum gebeten, und er hat mich erhört‟ --

„Er wird auch Ihr zweites Gebet hören! -- in wenig Tagen bringe ich Ihnen Nachricht.‟

-- -- Er schied, und Julie las in seinem letzten Blick voll Schmerz und Liebe, daß Gott ihr Gebet nicht erhört habe. Das war noch nicht die hohe, ruhige Flamme, die aus dem Auge des Siegers leuchtet -- es war nur Ergebung, -- nicht Erhebung.

* * *

Sembrick kehrte von der Reise, welche zum Zweck hatte gewisse Verhältnisse an einem Orte, wohin wir ihm später folgen werden, zu erkunden, am vierten Tage seiner Verheißung gemäß, zurück.

Mit sichtlicher Betroffenheit vernahm er, daß Kollmann mit Julie den Tag zuvor den Freinhof verlassen. Es war einiges leichte Reisegepäcke mitgenommen worden. -- Das Wohin wußte Niemand.

Vergeblich sann Edmund nach. Was Kollmann begann, wurde selten klar, ehe es durchgeführt war. Er fragte nach Knorr; es war möglich, daß dieser mehr wußte als die Diener.

Man wies ihm dessen Wohnung, welche übrigens vom ganzen Thalgrunde aus sichtbar war. Hart am Ende des Parks, der den Hof umgibt, erhebt sich eine steile, kegelförmige Anhöhe, mit Fichten rings bewachsen, auf deren Gipfel altes Gemäuer steht: die Ruine einer Kapelle und eines Gebäudes, welches einige Mönche vor Jahrhunderten bewohnt haben mögen. Kurze Zeit vor Erbauung des Freinhofes hatte Knorr, auf dessen Vergangenheit wir später zurückkommen werden, den Waldkegel sammt der Ruine von der Grundherrschaft, dem Kloster St. Martin angekauft, das Gebäude so weit herstellen lassen, daß es nun einige freundliche Wohnzimmer und eine Küche enthielt, und sich mit einer alten Bäuerin, welche seinen Haushalt besorgte, darin festgesetzt und gegen Alles behauptet, was, wie wir sogleich hören werden, aufgeboten wurde, um ihn zu vertreiben. Der übrige Theil der Ruine blieb in dem Zustande, worin er sie gefunden.

Als Sembrick den Waldpfad hinanstieg, hörte er Schüsse in kurzen regelmäßigen Zwischenräumen und fand Knorr auf dem kleinen Plateau vor seiner Wohnung beschäftigt, aus einem achtläufigen Revolver nach einem, die Spuren zahlloser Kugeln weisenden, Baumstamme zu feuern, auf welchem mit Kreide Buchstaben, Kreise und sonstige Figuren gezeichnet waren. Auf der Bank vor der Hausthüre lag ein ganzes Arsenal von vier-, sechs- und achtläufigen Revolvers nebst Kugeln u. s. w.

„Gegen wen, lieber Knorr -- rief der Baron -- vertheidigen Sie denn Ihr Raubnest mit einem so mörderischen Feuer?‟

„Gott zum Gruß, verehrter Baron, man muß sich auf dieser Welt voll ewigen Friedens stets in der Verfassung erhalten, nöthigenfalls ein Licht auszuschießen, brenne es auf einer Millykerze oder in einem Kopfe!‟

„Lassen Sie einmal sehen!‟ erwiderte Edmund, dem es darum zu thun war, Knorr näher kennen zu lernen, den er bis dahin wenig beachtet hatte, aber nach Reilands Mittheilungen nun nicht für unbedeutend hielt. „Ich bin auch keiner der schlechtesten Schützen!‟

„Ich bitte anzufangen! Alle sind geladen.‟ Sembrick versandte mit Meisterhand Kugel auf Kugel nach den Zielen, Knorr aber schoß fast jedesmal in das Loch, welches jene des Barons gebohrt, welcher sich endlich für überwunden erklären mußte.

„Nun den letzten Schuß!‟ sagte Knorr. -- „Sehen Sie, der geht auf den schwarzen Stummel da unten, mit den zwei weißen Augen von Kreide, da rufe ich immer hinab: Gute Nacht, Nachbar Kollmann, und jage ihm eine Kugel in die Rinde.‟

„Eine schöne freundnachbarliche Gesinnung! -- rief lachend der Baron, -- Sie machten ein Gesicht dazu, daß ich kaum bezweifle, Sie möchten alles Ernstes den Abendgruß hinabsenden, wenn’s gut anginge.‟

„Von Herzen gern! aber es würde vor der Hand zu Nichts führen. Uebrigens sind Sie herausgekommen, um zu fragen, wohin die Nachbarn gereist, und ich bedaure nicht mehr zu wissen, als der Stummel dort. Sie könnten mich aber wenigstens über einiges Andere ausholen!‟

Sembrick ging in Knorrs Stil und Idee ein und entgegnete: „Das hatte ich vor, und nun möchte ich Ihnen vor Allem auf den Zahn fühlen, warum Sie Ihren Nachbar, in dessen Hause ich Sie doch traf, ~in effigie~ erschießen, mit dem frommen Hintergedanken, es wirklich zu thun?‟

Statt der Antwort führte Knorr den Baron um das Haus herum in die Ruine, die hölzerne Stiege hinan, welche die vorige steinerne im Innern des zur Hälfte eingestürzten Thürmchens ersetzte, von dessen Höhe man die Rundsicht über das Thal genoß, und sagte, über die Gegend hinzeigend: „Länderdurst, Herr Baron, das Fantom der Universalmonarchie, welches meinen Nachbar hetzt, ist jener Grund unseres Haders, von dem sich sprechen läßt. Ein anderer, triftigerer liegt freilich vor, davon habe ich aber nicht vor, zu reden. Sehen Sie um sich! Alles ist sein Gebiet. Bloß mein Fichtenkegel und meine Burg stecken ihm wie ein Pfahl im Fleisch, daß er sich nicht arrondiren kann. Zuerst bot er mir den dreifachen, dann den sechsfachen Preis für den alten Steinhaufen und die Paar Stämme. Ich bin aber kein Fürst Hohenzollern und trete meine Souverainität um keine preußischen, noch andere Thaler ab. Da sich aber in der Gegend die Ansicht herausgebildet hatte, ich sei halb oder dreiviertels verrückt, so überreichte er dem Landesgericht eine gediegene Abhandlung über meine Narrheit, um mich unter Kuratel zu bringen und dem Kurator mein Land abzukaufen. Ich wurde von den Gerichtsräthen und einem Doktor scharf auf meinen Verstand inquirirt, und es fand sich gerade so viel vor, daß der Nachbar abgewiesen wurde. Nun bot er mir einen Friedenstraktat, den Frau Julie unterhandelte. Seitdem sind wir die besten Freunde, wie Oesterreich und Piemont.‟

„Aber was bewog Sie denn, um dieses höchst romantischen, aber eben so uncomfortablen Aufenthalts willen einen solchen Vernichtungskampf zu bestehen?‟

„Es ist sonst kein Platz im Thale, da Alles ihm gehört, und ich muß die Gegend bewachen, wie ein Bulldog, denn es liegt irgendwo ein Schatz darin, der gehoben werden muß.‟

Es schien Sembrick, daß nun wirklich eine Saite klinge, welche nicht nach der Stimmgabel des gesunden Menschenverstandes gestimmt sei. Er erwiderte: „Da haben Sie vollkommen Recht, und Sie werden ihn auch finden und heben, wenn Sie genug Geduld und Ausdauer besitzen.‟

„Sie gehen geschickt auf meine fixe Idee ein, Herr Baron, aber es ist bloß bildlich zu nehmen. -- Sie finden es hier nicht comfortable, aber glauben Sie mir, es ist auf meinem Thurm gemüthlicher, als da unten im Freinhof.‟

„Wenigstens gegen einen Handstreich sind Sie mit Ihrer Artillerie und diesen zwei ungeheuren Hunden gesichert.‟

„Hinter dem Hause sind noch zwei. Es sind drei hohe Tenore und ein Sopran. Wir fünf zusammen bringen manchmal dem Freund und Nachbar unten ein Ständchen. Wenn der Vollmond über dem Wetterstein steht und die leichten Nebel auf- und abkriechen, da fangen meine vier Neufoundländer alle zu heulen an, und ich begleite sie mit dem Posthorn und knattere mit den Revolvers dazwischen. Herr Baron, -- -- dem Nachbar klingt das Geheul meiner Hunde, als ob vier Teufel ein langgezogenes: Du -- -- Schuft -- --! hinausbrüllten! Ich weiß das. Die rechten Teufelsnächte sind bei uns nicht die schwarzen, sondern eine oder die andere helle, die die ganze weiße zarte Nebelsippschaft aus den Felsenkammern da drüben in den Mondschein herauslockt. Wir Beide sind aufgeklärte Männer und glauben an keine Geister. Aber meine Hunde sind anderer Ansicht. Nun hat mir das Bezirksamt das Schießen und Hornblasen nach neun Uhr verboten, und seitdem arbeitet bloß das Vokalquartett.‟

„Sie werden mir glauben, daß mir die Erscheinung Kollmanns so wenig simpathisch ist, wie Ihnen, allein auf die zwei Worte des Textes, den Sie der Melodie Ihrer Hunde unterlegen, ließe sich schwer ein Verfahren gründen; somit muß man eben durch freundschaftliche Theilnahme das, wie es scheint, nicht immer heitere, Loos dieser Frau zu erleichtern suchen.‟

Das Gesicht Knorrs nahm einen sehr ernsten Ausdruck an. „Herr Baron,‟ sagte er, „ich habe das Vorhandensein meines Verstandes vor Gericht erwiesen und ein günstiges Gutachten in meinem Kasten. Auf Grundlage desselben erkläre ich Ihnen, daß Sie mich jetzt über Etwas sondiren, wovon Sie mehr wissen, als ich. Wenn ich aber einmal mehr weiß, als Sie, so werde ich nicht erst warten, bis Sie heraufkommen.‟

Sembrick wollte mit Knorr, über dessen Farbe und Gesinnung er nun im Reinen war, auf gutem Fuße bleiben, und sagte, dessen geänderten Ton nicht beachtend: „Wir verstehen uns, -- man muß eben Alles der Zukunft überlassen, ich bitte Sie nur, der Frau Julie bei ihrer Rückkehr zu sagen, daß ich +dort+ war, das Terrain geprüft habe und nicht ohne Hoffnung zurückgekommen; mehr könnte ich auch ihr selbst nicht sagen; für +jetzt+ sei es aber unmöglich, Etwas zu thun.‟

-- -- Vielleicht war im tiefsten Grunde der Seele des „Siegers über sich selbst‟ ein Atom von Befriedigung über diese Unmöglichkeit. Er hatte als Kavalier, als Mann von Ehre die Stellung angenommen, in welche ihn die letzte Unterredung mit Julie zurückdrängte. Aber durch die Bande, die das Wort trug, war das Gefühl nicht gebunden. Er war keineswegs über die Jahre hinaus, wo Gefühle ihre volle Herrschaft behaupten, -- wenn es überhaupt Jahre gibt, die ein solches Hinaussein bedingen, -- aber sicher über jene, wo man sich über ihre Namen täuscht. Wenn er jedoch klar genug über sich selbst war, eine +Leidenschaft+ nicht +Liebe+ zu nennen, so war dieß zwar hinreichend, seine edle Natur zum Kampfe gegen dieselbe aufzufordern, -- aber noch nicht, ihn heute als Sieger vom Freinhofe scheiden zu lassen.

Mit einem Ausdrucke, welcher der Abglanz der innern Fehde war, sah er Arnold nach, als er diesen, wie wir erzählt, auf seiner Fahrt nach Korbach im Bahnhofe zu Pottenbach traf, wo er den Blick nach dem Felsen auf der Höhe, den Herzensgruß nach dem Freinhofe sandte.

Sembrick war zu ernst gestimmt, um darüber zu lächeln, daß der Gruß nach dem leeren Schweizerhause hinüberflog.

Der Prior von Sankt Martin.

Aber freundlich mochte der alte Berggeist, wenn er etwa in jener Stunde von dem die Straße hoch überragenden Felsengipfel der Föhrleiten sein Gebiet überschaute, gelächelt haben bei jenem Blicke Arnolds. +Ihm+ hat er Kühlung in labenden Lüften nachgesendet auf seiner heißen Fahrt. -- Und sicherlich eine Hagelwolke einem +Andern+, der fast zur selben Stunde nach der Höhe hinaufsieht -- und +auch+ des Freinhofs gedenkt, -- und auch einen Gruß hinübersendet, -- aber nicht aus treuem Herzen und +blauen+ Augen an die reizende Julie, sondern aus einer falschen Seele und +pechschwarzen+ Augen an den Gebieter derselben, den ihm gleichgesinnten und geistesverwandten Kollmann.

Es ist Pater Bernhard, der Prior von Sankt Martin, den sein Weg nach dem Stifte, wohin er sich von der Residenz begibt, nahe am Freinhofe vorüberführt. Wir eilen ihm nach dem Schauplatze seiner gegenwärtigen Thätigkeit voran, um seine vergangene zu beleuchten.

Das Stift liegt im Gebirge, fünf bis sechs Stunden von Korbach, etwa halb so weit vom Freinhofe, ein Dreieck mit diesen beiden Punkten bildend. Es gehört einem Orden, welcher grundsätzlich seine Wohnungen in Thälern baute, so wie andere auf beherrschenden Höhen.

In seiner abgeschiedenen Lage in einem weiten, tiefen Thale zwischen den Ausläufern des Hochgebirges, bisher nicht berührt von den Tendenzen der Zeit, hatte sich das Kloster bis zu den Tagen unserer Begebenheit begnügt, seine geistliche und weltliche Mission von der realistischen, soliden Seite aufzufassen, ohne sich in Spekulazion, weder in transzendentem noch pekuniärem Sinne, einzulassen.

In weltlicher Beziehung kehrten seine Kühe, Ochsen und Schweine mit Medaillen behangen von den Viehausstellungen zurück, die Stämme seiner Waldungen wurden zu den profansten Bauwerken der gottlosen Industrie um schweres Geld gekauft, auf seinen Feldern schienen die sieben fetten Jahre Egiptens in Permanenz erklärt.

Der Prälat hatte, während Viele seiner Standesgenossen sich an Akziengesellschaften betheiligten, ja selbst durch vertraute Hände in Fonds zu operiren versuchten, die bedeutenden Geldkräfte seines Klosters auf Bodenkultur verwendet, jede Verbesserung und praktisch bewährte Neuerung auf seinem Gebiete durchgeführt, ohne Opfer zu scheuen, aber auch ohne den Zweck zu erreichen, den er nächst dem Gedeihen des Klosters im Auge hatte, nämlich die Bauern zur Nachfolge zu bewegen. -- Sie schrieben in bequemer Verstocktheit den Wohlstand der Klosterwirthschaft, im Gegensatze zu ihren eignen magern Kühen und Feldern, lieber einem besondern Schutze des Himmels zu, als ihrer eigenen Faulheit und Indolenz.

In geistlicher Hinsicht beschränkte sich das Kloster St. Martin auf die unteren, sinnenfälligen Funkzionen, die grobe Arbeit an der Kultusmaschine. Es hatte ein gut organisirtes, lebhaftes Wallfahrtswesen, führte ein reiches Lager von Rosenkränzen und Heiligenporträts auf Hausenblase und auf Spitzenpapier und Goldgrund, -- worunter namentlich ein St. Martin, seines aufsteigenden Schimmels und carminrothen Mantels halber, starken Absatz fand, -- und besaß ein in diskreten Zwischenräumen wirksames Mirakelbild.

Die jungen Kleriker wurden zu tüchtigen Oekonomen, und, in Betreff der Seelsorge, zu Leuten herangebildet, welche zwar nicht mit dem feinen hochkirchlichen Fleuret zu fechten, aber mit den Schwefelstangen und Pechkränzen, welche die alte theologische Rüstkammer darbot, umzugehen wußten. -- Die Männer, mit welchen das Kloster die vielen von ihm abhängigen Pfarren besetzte, gehörten fast Alle zu jenem zähen, rothen, kräftigen Schlage von Landgeistlichen, welche mit nie ermüdendem Pflichtgefühl die Speise des Trostes in der Nacht Stunden weit durch den Schnee in die Hütte des Holzknechtes tragen, -- dafür aber auch keine „Narren ihr Lebelang‟ sind. Sondern -- sie halten Weib, Wein und Gesang -- statt des letzteren häufig Blas- und Streichinstrumente -- für Gottesgaben, deren letztere die Kirche überhaupt gestattet, die erstere aber, so zu sagen, nur auf erlaubtem Wege verboten, auf verbotenem aber stillschweigend erlaubt habe, -- in welcher Beziehung auch das natürliche, gesunde Urtheil der Gemeinde stets ziemlich nachsichtig gefunden wird, wenn der Geistliche sonst seine Pflicht gegen sie erfüllt.

Ein einziger Posten erforderte in neuerer Zeit einen höher gebildeten, taktvollen, aufgeklärten Priester, einen Mann von anderer Befähigung, als welche für die Bauerndörfer ausreichte. Dieß war das Korbachthal. Der kluge und wohldenkende Prälat hatte den einzigen hiezu vollkommen Geeigneten in der Person des bereits erwähnten Pfarrers Namens +Valentin+ ausersehen.

Die Stürme, welche im Jahre 1848 in den Ebenen wütheten, brachen sich an den Bergen, und der einzige Windstoß, welcher nach St. Martin hinüberwehte, war eine halbe Kompagnie Studenten, welche auf requirirten Wagen angefahren kamen, das Kloster für aufgehoben erklärten, an die Thore „Nazionaleigenthum‟ anschrieben, und wieder abfuhren, nachdem sie von den Geistlichen gut bewirthet und von den Bauern mit Erschlagen bedroht worden waren. --

Der Prälat begriff seine Zeit, und fürchtete für den materiellen Bestand seines Stiftes Nichts von den Ideen des Fortschrittes, gegen deren geistige Wirkungen der Zustand der Bewohner und Umwohner hinreichende Bürgschaft bot, und deren etwaigen gewaltsamen Kundgebungen die Regierung mit dem Bajonette und der Bauer mit dem Dreschflegel entgegentrat. Er fürchtete die Ideen des +Rückschrittes+. Sie schienen ihm +allein+ gefährlich für die Ruhe, das Bestehen und Gedeihen dieses behaglichen, gesunden Körpers, der ein überlebtes Prinzip mit einer noch für ein halbes Jahrhundert ausreichenden Lebenskraft repräsentiren konnte, wenn er in seinem Organismus nicht gestört wurde. --

Er las das von der Regierung abgeschlossene Konkordat gleich so vielen Helldenkenden seines Standes mit dem Vorgefühle der schlimmsten Folgen, und die höchste kirchliche Gewalt machte ihm den Eindruck jenes Verstorbenen zu Edimburg, auf dessen Grabstein die Worte stehen: „Ich war gesund, wollte noch gesünder sein, nahm Medizin und starb.‟ --

„Wir wollen es besser haben als gut, -- sagte er, und werden es schlechter haben.‟ --

Als einige Zeit hierauf ein Besuch des Erzbischofs, mit welchem er bisher auf freundlichem Fuße gestanden, erfolgte und dieser nach vielen Fragen über die Zustände des Klosters die Wiedereinführung der alten, strengen, seit einem Jahrhundert außer Uebung gekommenen Ordensregel verkündigte, trat er ihm mit Energie entgegen und setzte das Unangemessene und Nachtheilige einer solchen Maßregel zuerst mündlich, und später in einer schriftlichen Eingabe auseinander. Nach wenigen Tagen erschien eine im gregorianischen Stile gehaltene, niederschmetternde Zurechtweisung, welche das Gefühl des biedern Prälaten, der durch fünfundzwanzig Jahre dem Stifte zur Zufriedenheit seiner Untergebenen vorgestanden, so verletzte, daß er in eine schwere Krankheit verfiel, von welcher er sich nicht wieder erholte.

Pater Bernhard übernahm nun als Prior die faktische Leitung und stellte sich an die Spitze der sehr kleinen Partei im Kloster, welche sich dem Konkordat mit allen seinen Konsequenzen anschloß, und aus den wenigen Ehrgeizigen bestand, die durch ihre, mit jener der Mehrheit kontrastirende Haltung die Gunst des Erzbischofs zu gewinnen suchten, dessen Vertrauen der Prior nun in hohem Grade besaß.

Dieser war vor Jahren mit Bewilligung des Prälaten aus dem Kloster, und als Erzieher in das Haus des Fürsten Leuchtendorf getreten, dessen Günther bei Aufzählung der Freinhof-Gesellschaft erwähnt hatte, als er zwei dort auf Besuch anwesende Fräulein als seine Töchter bezeichnete. Er eignete sich einen Grad von wissenschaftlicher und Weltbildung an, welche ihn vor seinen Mitbrüdern auszeichnete, die von seinen vielversprechenden Mittheilungen bestochen, ihn zum Prior wählten, als dessen Stelle erledigt worden.

Pater Bernhard kehrte als solcher ins Kloster zurück und sein nächstes Ziel war nun der Krummstab des infulirten Prälaten.

Seine Stellung war eine schwierige. Starb der Prälat, so wurde seine Stelle durch Wahl besetzt und diese Wahl fand durch Stimmenmehrheit statt. Durch sein Auftreten für den Erzbischof hatte er aber alle Popularität verloren.

Er segelte mit vieler Geschicklichkeit durch die Klippen. Nachdem er sich zuerst die Gunst seines Beschützers gesichert, indem er in kräftigen, beredten Worten den Geistlichen die Nothwendigkeit auseinandersetzte, sich den Bestimmungen desselben zu fügen, bearbeitete er Jeden einzeln und machte ihm begreiflich, daß in der +Ausführung+ dieser Bestimmungen alle erdenklichen Erleichterungen eintreten könnten, wenn ein Mann auf dem Prälatenstuhle säße, der ein Auge zudrücke. Allerdings hatten die Brüder dieses Augezudrücken von Jedem aus ihnen so sicher und sicherer zu erwarten als von ihm; wählten sie aber einen Andern, so blieb seine Feindschaft und jeden Augenblick Denunziazion beim Erzbischofe zu fürchten.

Er brachte es auf diesem Wege durch Furcht und Hoffnungen dahin, daß er gegenwärtig mit Sicherheit auf eine Majorität von drei Viertheilen rechnen konnte.

Sein nächstes Ziel schien erreicht und er dachte bereits über dasselbe hinaus.

Dieser Mann baute die Schlösser seiner Zukunft so, daß wenn das Nächste unter Dach gebracht, ein zweites in halber Höhe dastand und zu einem dritten bereits die Grundfesten gelegt wurden. Er war in seinem fünfunddreißigsten Jahre und hatte keineswegs vor, weitere fünfunddreißig Jahre als Muster-Oekonom und behaglich friedlicher Oberhirt des Waldklosters zu verleben. Wenn er jetzt schon in seinen Gedanken über den noch von einem Andern besetzten, erst zu besteigenden Prälatenstuhl hinausflog nach einem erzbischöflichen, so ist es natürlich, daß er gegen die Abendsonne seines Lebens keinen andern Schutz träumte, als den Schatten der breiten Krempe eines Kardinalshutes.

Der Erzbischof, ein Menschenkenner wie wenige, wußte den Mann nach seiner Brauchbarkeit zu würdigen, ohne ihn zu überschätzen. Er hielt ihn für fähig, auf dem Schlachtfelde der streitenden Kirche ein Armeekorps kühn und klug zu kommandiren, nicht aber in den geheimen Berathungen am grünen Tische des hohen kirchlichen Generalstabes mitzustimmen. Er durchschaute seine Pläne, vielleicht seinen Gedankenflug bis zum runden Hute, er sah aber auch das Bleigewicht, welches nach seiner Ansicht diesen Flug hemmte.

Dieß Gewicht war die +Eitelkeit+ des Priors, die ihn hinderte +vollständig+ im +Prinzip aufzugehen+. Er konnte sich die kleine Befriedigung nicht versagen, seinen inneren freieren Standpunkt bei gewissen Gelegenheiten gegen Solche zur Schau zu tragen, welche er auf dem gleichen vermuthete, um intelligenten Männern gegenüber das ~prestige~ der eignen Intelligenz zu wahren. In keinem Stande ist aber so unbedingt wie in dem seinigen ein gegenseitiges Zugeben des Unglaubens an gewisse Satzungen verboten: der Aspirant auf eine hohe Stufe in der Hierarchie darf mit sich allein, in seinen vier Wänden, vor seinem Spiegel nicht anders sprechen und erscheinen als vor dem Fremden. Zwei Kirchenfürsten mögen ihren beiderseitigen Standpunkt noch so klar erkennen: sie werden nie, nicht im vertraulichsten Gespräche, die Form der Ueberzeugung ablegen. -- Pater Bernhard ließ so gern ein „wir verstehen uns‟ durchblicken, -- er war Parvenü, indem er sich gern als Eingeweihten gab, der vor einem andern Eingeweihten die Maske lüften dürfe.

Vielleicht würde der Prior diese Schwäche ablegen, wenn er erst die rechte, wirkliche Höhe erklommen. Jedenfalls mußte dem Erzbischof, der die Zügel in seiner Diözese straff anzuziehen beschlossen hatte, ein Kopf und eine Hand wie die des Pater Bernhard in einem Zeitpunkte erwünscht sein, wo das Kloster St. Martin durch die Verhältnisse in Korbach besondere Bedeutung gewann.