Dissolving Views: Romanfragmente von Leo Wolfram.
Part 7
Arnolds Schweigen war die beste Politik. Das Gespräch hatte geringe Lebensfähigkeit und gefror zu zwei oder drei Eisblöcken von Redensarten, welche dießmal von keinem Gnadenblicke der Dame geschmolzen wurden. -- --
Als das Paar allein war, wehte auf Blauhorns Stuhllehne die Siegesfahne. Jetzt dankte er Gott, nicht die Lokomotive zu sein. „Marianne, sagte er, laß dir dieß zur Warnung sein, keine Intriguen ohne mich einzufädeln! Zu so etwas muß man geboren sein.‟ Sie verließ das Zimmer ohne ihn einer Antwort zu würdigen. Sie fürchtete sich allerdings, beim Grafen kompromittirt zu sein, doch hatte sie keine Wahl gehabt -- oder vielmehr nur die Wahl, auf andere Weise kompromittirt zu werden, -- wie sich später zeigen wird.
In Pater Bernhards Wohnung wurde Arnold von der Mittheilung überrascht, daß derselbe nach St. Martin abgereist, und den Auftrag hinterlassen habe, ihn zum Sekretär des Erzbischofs zu führen. Dieser empfing ihn mit den noch überraschenderen Worten, Se. Erzbischöfliche Durchlaucht habe befohlen, ihn zu melden.
Nach einigen Minuten stand er vor dem höchst ehrwürdig aussehenden greisen Priester, welcher mit freundlichem, mildem Blicke und leichtem Neigen des Kopfes seine Verbeugung erwiederte und mit sanfter Stimme sagte: „Ich habe Ihnen, werther Herr Korbach, bereits im Allgemeinen durch den Herrn Prior von St. Martin mittheilen lassen, daß ich die Einweihung der Kirche in Korbach vornehmen werde, und kann Ihnen nun sagen, daß ich am Mittwoch über vierzehn Tage daselbst eintreffen werde. Ich weiß, daß hierdurch auch ein frommer Wunsch Ihres Vaters erfüllt wird, welchen er wohl, Angesichts einiger früherer unliebsamer Vorgänge, Bedenken getragen haben dürfte auszusprechen. Ich komme demselben mit Freuden zuvor, da die Dinge in Korbach eine gute Wendung nehmen. Es soll der Gesinnung Ihres Vaters an einer kräftigen Unterstützung von Oben nicht fehlen, ich gedenke dieß bei meiner Anwesenheit zu beweisen. -- Sollte Sie in Zukunft ein Anliegen zu mir führen, so werde ich für Sie immer zugänglich sein.‟
Ein Schritt zurück und eine freundlich entlassende Bewegung mit Hand und Kopf schnitten jede Gegenrede Arnolds ab, selbst wenn er eine solche bereit gehabt hätte. -- Die Audienz war zu Ende. Nach der Abschiedsgebehrde konnte er nur bleiben, wenn er ein Schreiben des Vaters aus der Tasche zu ziehen hatte. Daß er +keines+ habe, hatte der kluge Kirchenfürst beim ersten Blicke vermuthet und war nach den ersten zehn Worten davon überzeugt, da er keine Anstalt sah, ein Derlei zu Tage zu fördern. -- Und +eigentlich+ hatte er auch kein Schreiben erwartet, sondern -- den alten Korbach selbst. -- -- Ein sehr bezeichnender Unterschied zwischen der geistlichen und weltlichen Gewalt lag in der Weise, wie Beide die Ablehnung behandelten. Der Erzbischof läßt es gar nicht zum Aussprechen des +Nein+ kommen, nicht einmal gegen Pater Bernhard. Er weiß was +ist+, er hat ins Herz geschaut, und das genügt. Die weltliche Gewalt begnügt sich nicht mit faktischem Wissen und Handeln, sie hat noch menschliche Leidenschaften, keine Rancünen, sie zeigt Gereiztheit. Die Kirche läßt es nicht auf den Punkt kommen, daß sie beleidigt sein muß, bevor sie es angezeigt findet. -- Arnold erschien sein Vater wie das arme Volk in der offiziellen Zeitung bei der Durchreise eines allgeliebten Herrschers; haben zehn Menschen gerufen, so ist es tausendstimmiger begeisterter Jubel. Hat sich kein Mund geöffnet, so ist die Rührung keine lärmend ausbrechende, aber eine um so tiefere. -- Sein Vater +mußte+ sich nach dem Erzbischof sehnen, laut oder stumm. -- -- --
Nächsten Morgen begrüßte ihn, da er eben die trübe Sündflut des ganzen unerklärlichen ihm widerlichen Getriebes überschaute ohne Land zu entdecken, eine Taube mit einem Oelzweig, -- ein Brief Helenens.
Sie schrieb:
„Nach deiner Abreise abermalige Conferenz, zu der ich gerufen wurde. Ich sagte von Günthers Ansicht über ein Freinhof-Komplott Alles, was ich sagen konnte ohne deinen mir anvertrauten Herzensschatz zu enthüllen. -- Niemand findet eine Erklärung. -- Günther, Sprenger und ich haben verschiedene Meinungen.
Günther hält nach deiner Erzählung den Freinhof für ein Gewebe, wo mitten die Spinne sitzt, welche auch Julien umklammert, und nach allen Seiten hin ihre misteriosen Fäden nach den Fliegen ausspannt.
Unser Mentor sagt: Gerade umgekehrt. Im Freinhof sitzt die Fliege, die Person, welche von all’ den Spinnen in den obern Regionen zu verschiedenen Zwecken benützt wird.
Ich sage: Beide haben Recht, Beide Unrecht. Es ist da ein Mensch, der von Einigen zu ihren Zwecken gebraucht wird, und selbst seine eigenen mit Andern verfolgt.
Ihr sucht überhaupt zu tief -- Ihr wollt eine Freimaurerloge, Vehmgericht, Falschmünzerbande, kurz irgend eine prächtige Roman-Teufelei mit einem vielgestaltigen Anführer und Verschwornen in allen Ständen herausfinden. All das +könnte+ sein, -- aber es +ist+ eben nicht! Ich sehe das so klar, mit diesen meinen Augen, die trotz deines Vergleiches kein anderes Blau haben als eine frisch abgesottene Forelle. Glaub’ mir, hinter der ganzen Geschichte steckt Nichts als Ein schlechter Mensch, dessen Opfer auch die arme schöne Frau. Der Vater sagt, von seinen Freunden würde keiner so handeln, und entsinnt sich keines Feindes. Den Herrn des Freinhofes kennt er gar nicht. -- Was bei uns vorfällt, erfährst du gleich.‟ -- --
-- -- -- Wer sah am Richtigsten? Der Taschenteufel, -- der vielgereiste Mentor oder die achtzehnjährigen Genzianen-Augen? --
* * *
Ein Streiflicht fällt, wenn nicht auf das Gewebe, doch auf die Spinne, wenn wir Sembrick folgen, der am Nachmittage nach Arnolds Besuch abgereist, Abends im Freinhofe eingetroffen war.
Mit einem Gewitter hatte drei Tage früher unsere Erzählung begonnen -- es folgte ihm die Abendfeier am Himmel, die zugleich das Morgenroth einer erwachenden Liebe. -- -- Das heutige war auf den Raum eines Menschenherzens eingeengt -- es folgt ihm aber kein Abendroth. --
Als Edmund ankam, war Julie auf ihrem Zimmer. -- Er faßte mit ruhiger Hand ihre dargebotene zitternde. Tiefer Ernst, -- gebändigter Schmerz lag auf seinem Gesichte -- -- das ihre war eine weiße Rose im Sturm.
„Edmund, ich wußte, daß Sie kommen würden!‟
„Und Sie sind so bewegt, als wäre das Unerwartetste erschienen.‟
„Ich bin’s, weil ich Sie erwartete! Sie erhielten meinen Brief‟ --
„Ich erhielt ihn aus Korbachs Händen heute Morgen, und bin gekommen, ihn nach seinem ganzen Inhalte zu beantworten.‟
„Ach Gott, Sie sprechen so gemessen, in einem so feierlichen Tone‟ --
„Wie es eine Stunde fordert, in welcher klar werden muß, Julie, was wir einander sind, und fortan sein können.‟
„Und war denn nicht Alles so klar, wie es sein soll und kann und mag, sein +wird+, wenn Sie es nicht unklar machen wollen? Edmund, ich leide genug, -- können denn +Sie+ mich quälen?‟
„Leid von Ihnen fern zu halten war mein Ziel, seit ich Sie gefunden. Wenn ich es nicht erreicht, noch lange nicht erreichen werde, so liegt die Schuld nicht im Mangel des Willens, noch der Kraft. Jedes Handeln ist für jetzt unmöglich!‟
„Unwürdig ist unser jedes Wort, das den Gedanken verschleiert! Sie wollen mir +nicht+ sagen, daß Sie nicht handeln können, Sie wollen sagen, daß Sie dabei +allein+ stehen wollen. Was Sie unklar zwischen uns nennen, das ist der Brief, mit dem ich Arnold sandte! Und Sie vergessen Ihre Worte: „Noch Eine sichere Hand, eine treue Seele, auf die Sie zählen können!‟‟
„Ich habe sie nicht vergessen, -- und statt Sie zu fragen, wie Sie in Korbach den Mann erkannt, auf den ich zählen könne, sage ich Ihnen geradezu, Sie haben recht gesehen, -- er +ist+ es. Aber die Zeit ist noch nicht gekommen, -- und wenn sie kommt, so bedürfen Sie +meiner+ dann nicht mehr.‟
„Edmund, glauben Sie nicht, mich durch Ihre Härte dahin zu bringen, daß ich etwas sage, was Sie mit Recht verletzte, damit Sie ein hartes Wort von mir als Schild gegen Ihr eignes Gefühl halten könnten, das Ihnen sagt: sie bedarf meiner! -- +Was+ ist +anders+ geworden seit dem Tage, wo Sie von diesem Fenster auf den Berg hinüberblickten und sagten: So wahr der Geist Gottes über den Wassern und jener Höhe schwebt, der in das Dunkel, in dem Sie wandeln, hineinrufen wird, es werde Licht! so lange weiche ich nimmer von Ihnen, bis mit seiner Hülfe die Fessel gelöst ist! -- Was ist anders geworden? -- nicht ich, Edmund, aber Sie!‟
„Ich bin, der ich war und sein werde. Ich stand aber nie auf jener Höhe, wohin mich Ihr Gedanke stellte. Ich habe Nichts gethan, was Sie berechtigt, mich für ein übermenschliches Wesen zu halten, und das mußte ich sein, wenn mit dem Entschlusse für Sie zu kämpfen, nicht der Gedanke erwachen, mich mit Allgewalt durchdringen sollte, es ist +um+ Sie!‟
(-- -- -- Wenn ein allgegenwärtiger Schutzgeist der Liebe die Worte hört und wiegt, welche als Bitte oder Schwur von Menschenlippen zu ihm hinaufgesendet werden, so vernahm er fast zur +selben Minute+ das Wort, das Arnold zu seinem Freunde Günther sprach: Ich handle +für+ sie, nicht +um+ sie -- -- -- und tief mochte sich unter dem reinen Gold die Wagschale auf Arnolds Seite neigen. -- -- --)
„So war es nicht immer, sagte Julie mit Innigkeit -- Sie +waren+ wie ich Sie +sah+! Sie standen wirklich auf jener Höhe, nicht +ich+ habe Sie hinaufgehoben -- -- -- jetzt hinweg mit den Schranken, welche eine alberne Wortprüderie um uns Frauen ziehen will: ich selbst will Ihr Inneres vor Ihnen aufdecken. Ich habe Ihre Liebe zu mir zur Klarheit geführt, bis Sie selbst sagten: „Ich habe überwunden, und bin im Stande, ohne Wunsch und Verlangen der Freund eines unglücklichen Weibes zu sein,‟ -- ich lasse Sie auch jetzt nicht im Dunkel und sage Ihnen, der Gedanke an +Arnold+ ist es, der Sie zurückgeworfen in eine Tiefe, aus der Sie sich emporgerungen... Sie sind noch der, als den ich Sie kennen lernte, -- Edmund, -- in Frauenwang! -- wo Sie jenes Kind gerettet -- wo ich Sie zum ersten Male sah, als Sie den Sprung des de Lorges, aber nicht zwischen Tiger und Leu’n thaten -- -- die +konnten+ sich erbarmen, -- sondern an den feuersprühenden Rachen der Lokomotive hin, -- im letzten Moment, -- wo es +keiner+ mehr wagte -- und das Mädchen emporrissen! -- -- ich höre noch den Schrei der Umstehenden -- der meine erstickte in der Brust -- es war ja eines Haares Breite zwischen Tod und Leben! -- und wie Sie das Kind dann ruhig an die Säule hinstellten, aber ohne es auch nur einmal zu küssen -- -- -- Sie hätten es am nächsten Tage, vielleicht in der nächsten Stunde nicht wiedererkannt... Da zuckte mir’s durch die Seele, +der kann+ dein Retter sein! -- Dann gedacht’ ich der Kälte, mit der sie das dem Tod entrissene liebliche Geschöpf hingestellt -- als wär’s ein Waarenbündel, -- den nun der Eigenthümer wegtragen soll! Und eben +darum+, meint’ ich, konnten +Sie+ es sein! Wie dann die Mutter, die ihr Kind in guter Obhut geglaubt, herbeistürzte, -- sich zu Ihren Füßen warf, wendeten Sie sich mit zornigem Auge ab und sagten: Sie sind nicht werth eine Mutter zu sein! Dann fiel Ihr Blick, als Sie eben den Wagen bestiegen, auf mich -- Sie sahen, wie ich den meinigen fest und lange auf Sie richtete, voll Bewunderung Ihrer Entschlossenheit, -- mit dem Gedanken, +dieser Mann wäre im Stande, auch dich von deinen Eisenschienen aufzuheben+‟ --
„Und dann kalt und ruhig wegzugehen -- -- der Weihrauch der Bewunderung, die Mirrhe des Dankes, das Gold der echten, reinen Freundschaft -- -- das sind die Gaben, die selbst der Welterlöser erhielt, -- sollte ich unzufrieden sein? ich, der ich nichts gethan, als vielleicht Ihre Geduld, Ihre Hoffnung auf ein gelobtes Land der Zukunft gestärkt?‟
„Und ist das +Nichts+? -- ist’s denn nicht tausendmal mehr, als +ich+ bieten konnte? Lebt’ ich nicht ohne Glauben an einen Menschen, ohne einen Funken Hoffnung eines Glückes, -- und hab’ ich Ihnen nicht Beides zu danken?‟
„Der Glaube an den Menschen mußte zerfallen, eben als Sie ihn in seiner ganzen Menschlichkeit vor sich sahen -- -- die Hoffnung eines Glückes aber sollen Sie so entschieden festhalten, als ich Sie nun verloren habe.‟
„Und an +welches konnten+ Sie glauben -- --? Edmund, dürfen +Sie+, die Hand auf Ihr Herz, von Täuschung, -- von Enttäuschung sprechen? Als Kollmann, der in Frauenwang kein Auge von Ihnen verwandte, Sie hier vorstellte, als er, -- mir unerklärlich, Ihnen Alles mittheilte -- -- was Sie von mir nie erfahren hätten, als Sie dann mit mir darüber sprachen und sagten, ich ruhe nun nicht eher, als ich in meiner Waffensammlung den Dolch gefunden, der eine Kette zerschneidet, von welcher kein göttliches und kein menschliches Gesetz weiß -- da sah ich mit dem Blicke des Weibes in der ersten Stunde, daß Sie +mich+ nicht -- -- wie jenes Kind hinstellen würden. Ich bat Kollmann, Sie nicht wiederzubringen, -- vergebens. Ich erhielt den Befehl mit Ihnen so liebenswürdig zu sein, wie mit allen Jenen, -- -- deren er bedarf. Auch das sagte ich Ihnen, auf jede Gefahr von seiner Seite hin. Und als der Augenblick kam, den ich fürchtete, als Ihr Gefühl, -- wie ein heißer Quell aus Island, der das Felsenstück wegschleudert, um sich zu befreien, in das lang unterdrückte Wort ausbrach -- -- habe ich die Augen mit den Händen bedeckt --? habe ich Sie mit Entsetzen über ein Unerhörtes verlassen? -- haben Sie eine jener Frasen der fliehenden Koketterie vernommen -- ein „Mein Herr, was berechtigt Sie --? Ich habe mich in Ihnen getäuscht --?‟ Oder ein ähnliches Nichts? -- -- Hat auch nur ein gepreßter Athemzug, ein verwirrter Blick Ihnen etwas Anderes gesagt als das heilig wahre Wort, das ich ruhig sprach: Wenn ich Sie liebte, so würd’ ich so freudig Ja sagen, als ich mit Schmerz um Ihretwillen Nein sage -- -- so würde ich nicht einmal fragen, ob Sie mich wieder lieben! -- -- Ich wäre darum doch nicht ein Haarbreit von jener Linie gewichen, die ich mir selbst gezogen, und Sie wären, wenn ich Sie liebte, ganz so unglücklich gewesen, als Sie jetzt zu sein glauben. Es ist einmal in den Sternen geschrieben, daß ein Mann keinen andern Preis seines Handelns und Strebens für eine Frau kennt, als +sie selbst+. Wenn von Enttäuschung die Rede sein kann, so bin ich es, Edmund, die das Recht hat zu sagen, Sie haben verheißen und nicht gehalten.‟
-- -- Wenn ich sagte, ich habe überwunden -- erwiederte Edmund mit sanftem aber festem Tone, so sagte ich damit, -- um Ihr eignes Bild zu gebrauchen, das Felsstück ist auf den heißen Quell gedrückt -- preßt ihn in’s Innerste zurück, -- -- Sie haben kein Ueberwallen mehr zu fürchten. Meine Worte aber, es müsse klar werden, was wir einander fortan sein können, sollen sagen: Bin +ich+ fortan derjenige, in dessen Hand Sie die Lösung Ihres Schicksales +allein+ mit unbedingtem Vertrauen legen wollen? -- Bin ich es, so sollen Sie die Frau sein, für welche ein Mann, der sie unbegrenzt liebt, +so+ handelt, um jenes höllische Gewebe zu zerreißen, als wäre er ihr Freund in +dem+ Sinne, den sie verlangt -- -- ohne irgend eine andere Hoffnung. Bestehen Sie darauf, Ihr Geheimniß mit Korbach zu theilen, so gebe ich ihm alle Mittel in die Hand, die sich mir, wie ich die Sache verfolge, bieten werden, und behalte Nichts als das Bewußtsein, bis zum jetzigen Augenblicke Ihr Vertrauen ungetheilt genossen zu haben. -- Mit Korbach Hand in Hand gehe ich nicht. -- Unsere Wege führen auseinander. Der meinige ins Weite zurück, nachdem ich einen hellen, leuchtenden Mittelpunkt meines Lebens gefunden, der seine Kometenbahn in eine abgeschlossene Sfäre verwandeln konnte, -- und den ich wieder verloren. Wohin der seine? -- Ich kann den Lauf des tiefen, reinen Wassers nach dem Meere nicht hemmen, Julie, aber ich grabe ihm auch nicht das Bette dahin. -- Das verlangen Sie von Sembrick nicht. -- Verlangen Sie es um Korbach’s willen nicht! -- Vergessen Sie nicht, daß er, um mit mir zu wirken, Alles wissen muß, und wer verbürgt Ihnen, daß Korbach den Kampf zwischen der Pflicht, für Sie zu schweigen, und jener, zu entdecken, +so+ trägt wie ich?‟
„Daran habe ich nie gedacht -- Edmund, Sie glauben unmöglich, daß Arnold einen Augenblick uneins mit sich sein kann‟ --
„Wie er +handeln+ werde, gewiß nicht; aber täuschen Sie sich nicht über sein Pflichtgefühl. Er ist mit allen Banden, durch eine hoffnungsreiche Zukunft an dieses Land gebunden, und kann über das Bestehende, über die Forderung des Gesetzes nicht so leicht hinwegsehen! Seine Ansicht, wenn ich ihn in den wenigen Minuten durchschaut, -- dürfte jener nachgebildet sein, welche das Ideal jedes jungen Mannes sein soll, -- er wird nicht wie +Max+ seinen Friedland, seine Liebe opfern, -- aber er wird +empfinden+ wie dieser, und in den schmerzlichsten Zwiespalt mit sich gerathen.‟
Julie schwieg betroffen -- sie legte die Hand auf’s Herz -- und sagte nach einigen Minuten leise aber heftig: „Das entscheidet! -- das allein. Sagen Sie nichts mehr davon -- -- Sie haben mir die Augen über etwas geöffnet, was ich nicht geahnt. -- -- Und Sie! -- Sie haben von der Last die sie trugen, geschwiegen, bis Sie dieselbe theilen sollten! Das ist groß -- das ist wieder +der+ Edmund, zu dem ich wie zum unbeweglichen Polarstern hinaufgeschaut! Sie geben sich mehr Mühe, klein zu scheinen, als Andere groß!‟
„Und so bleibe ich denn am hohen kalten Himmel stehen, Julie, und wir lassen Korbach auf der warmen Erde wandeln, ohne ihn mit der Kette Ihres Geheimnisses zu umschlingen?‟
„Es soll so sein -- -- ich werde seinen Frieden nicht brechen!‟
„Und wie werden Sie gegen ihn widerrufen, was Sie im Briefe aussprachen?‟
„Das überlassen Sie mir -- ich werde leicht Hände lösen, die sich nicht berührt haben -- -- und die Ihre wird die eines treuen Freundes bleiben wie zuvor?‟ --
„Ich werde wie ein solcher handeln. Und nun, Julie, -- da mir Alles -- +Alles+ klar, sagen Sie mir, was Sie denn eigentlich gedacht, beabsichtigt welchen Plan Sie im Aug’ gehabt, als Sie mir +diesen+ Verbündeten sandten?‟
„Gedacht? -- Plan? -- Was ist denn, -- das Eine ausgenommen, daß ich mir selbst treu bin und dem, was ich gut nenne, -- was +ist+ denn in mir, was nicht Eingebung des Moments wäre? Was berechne ich? Eine Stunde lang sah ich Arnold, -- es fiel mir nicht ein, zu denken, +wie+ er Ihnen beistehen könne -- ich mußte ihn senden, -- fassen Sie denn nicht, daß ich diesen Augen vertrauen +mußte+? -- Ich fragte mich ja selbst, warum, und da ich’s nicht weiß, ist es eben ein Gegebenes, ein Gottgesendetes, wie alles Unerklärliche, das uns hebt und besser macht! Ich konnte, nachdem ich mit ihm gesprochen, mir einen Augenblick denken, daß es Nichts in der Welt gebe, was nicht vergeben und gesühnt werden könne, und das hat mir wohlgethan. Sie sagten, wer von ganzer Seele liebe, der könne auch von ganzer Seele hassen -- vielleicht bin ich des Ersteren nicht fähig -- denn ich kann mir nun keinen Haß denken, selbst gegen den, der Alles gethan ihn zu verdienen, welcher nicht in ein „Gott verzeih dir wie ich!‟ hinschmelzen würde, wenn er mir auf dem Sterbebette, -- auf meinem oder seinem, die Hand reichte. Und noch vor wenig Tagen hatte ich -- +Sie+ erschrecken nicht vor dem Gedanken, aber +ich+ -- hatte ich zu Gott um Rache gerufen, -- da oben -- an der Stelle selbst! -- Vor Arnold könnte ich ein solches Gebet nicht laut aussprechen!‟
„Ich hoffe, Sie hatten in der letzten Zeit weniger zu leiden, da Kollmann, wie ich weiß, selten hier war.‟
„Sie wußten --?‟
„Ich behalte den Freinhof stets im Auge, wenn Sie auch nicht von mir hören.‟
„Thun Sie, was Sie um meinetwillen für gut finden. Kollmann war vorgestern hier, eben als Arnold gekommen war. Er ließ mich rufen, nachdem die Gesellschaft auseinandergegangen. -- Er lag im Bett, rauchte seine Zigarre, -- ich saß neben dem Bette, im Nachtkleid, -- das Fieber schüttelte mich. Er schwieg einige Zeit, -- hatte die Augenlider gesenkt -- da sah ich wenigstens nicht, was mir das Fürchterlichste ist. -- -- Sembrick -- haben Sie denn je einen Menschen mit so weißen Augen gesehen? Es ist gräßlich, wenn er sie aufschlägt und ich diese Augäpfel -- wie die eines Blinden -- nur mit zwei schwarzen Punkten mitten, auf mich gerichtet sehe -- -- er sieht Sie durch und durch, -- aber Sie können ihm nicht hineinsehen, nicht durch die äußerste Hülle der Seele. -- Die schmalen, eiskalten Züge, der lippenlose Mund -- das ist Alles nichts gegen diese Augen! -- Endlich fragt’ er mich, wer im Freinhof -- ich nannte Alle, auch Arnold -- er sagte: Ich erwartete seine Rückkehr von der Reise und hätte ihn aufgesucht -- nun kommt er selbst, um so besser, -- so kann Alles durch dich gehen. -- Ich fragte: Was hast du mit dem vor? -- Nur Gutes, erwiederte er -- so freundlich lächelnd -- daß ich alle Mächte des Himmels um Schutz für Arnold anrief. -- Und doch +hat+ er auch schon Gutes durch mich gethan. Ich fragte, ob ich gehen dürfe, -- er befahl mir, die Blauhorn durch ihren Mann dringend nach dem Freinhof zu laden und entließ mich. Am Morgen hatte er noch eine Unterredung mit Pater Bernhard und reiste ab. -- Ich konnte den ganzen Tag das Bett nicht verlassen.‟
„Und so wird und muß ein Moment kommen, rief Sembrick mit Schmerz aus, wo Ihre Kraft zusammenbricht, -- ich fürchte, früher, als ich oder wen die Vorsehung erwählen wird, Hülfe bringen kann.‟
„Fürchten Sie das nicht, erwiederte Julie lebhaft, fast heiter. -- Sehen Sie meinen Arm an, ist er weniger rund? ist das übertriebene Korallenroth meines Mundes verschwunden? Ich bin in einzelnen Stunden viel elender, und Tage und Wochen viel weniger unglücklich als Sie glauben. Oft fühl’ ich’s gar nicht.‟
„Ihre Abhängigkeit vom Momente, wie Sie’s nannten, ist in Ihrer Lage ein Gottesgeschenk. Ich gedachte aber des Nervenfiebers, von dem Sie mir erzählten.‟ --
„Das war bald nach dem ersten Sturme, und gerade damals war die Sklavenkette leichter. Kollmann sagte: „Ich verlange von dir, daß du so liebenswürdig, so reizend, so unwiderstehlich sein sollst, als du sein kannst, gegen Alle, die ich dir bezeichne, dafür magst du es auch gegen Jeden sein, den du selbst wählest, ich ziehe dir keine Schranken.‟ -- -- Ich bedurfte auch keiner; sie hätten Nichts verhindert, wenn ich von Gott nicht so geschaffen wäre, daß ich nicht untergehen kann. Meine Natur stößt nun einmal das Schlechte zurück.‟ --
„Das ist’s, was Ihnen die alleinseligmachende Clique nicht verzeiht -- hörten Sie’s doch selbst, wie Einer davon zum Andern sagte: Sie muß doch untergehen, -- sie hat keinen +Halt+, -- wenn sie noch rein ist, so ist’s nicht die Tugend der Grundsätze, sondern jene anmaßende, auf sich ruhende! -- -- und diese ist ihnen weit verhaßter als selbst die Sünde. Diesen Menschen ist eine Frau welche fällt, dann an dem Blumenstabe des Entsündigungs-Apparates hinaufkriecht und auf den positiven Krücken weiterhinkt bis zum nächsten Falle, hundertmal lieber, als eine, die das in ihren Augen unverzeihlichste Verbrechen begeht, ihrer nicht zu bedürfen, und gut zu bleiben, weil sie eben nicht anders kann und will!‟
„Ich war gefeiert, und das war ein zweites Vergehen. Ich konnte mich dessen +freuen+; auch Sie waren in dem Irrthum, daß die Feuerräder und farbigen Raketen, die ich in der Gesellschaft spielen ließ, nur am Höllenfeuer des Schmerzes angezündet seien, welche eine heroische Willenskraft in sprühende Bouquets verwandelte, ich +war+ aber hundertmal das als was ich +erschien+, ein gefeiertes junges Weib, das sich des Augenblickes freut.‟
„Für mich war immer Alles rein, Julie, wo die Welt trübe sah -- wenn ich aber alles Willkürliche, alles Unberechenbare an Ihnen begreife, so fasse ich das +Eine+ nicht, wie Sie hier -- so nahe jener Stelle, nach welcher Kollmann drohend den Arm ausstreckt wie ein Wegweiser zur Hölle, -- wohnen, -- auch nur eine Stunde frei athmen können; und doch war der Freinhof +Ihr+ Gedanke!‟