Dissolving Views: Romanfragmente von Leo Wolfram.
Part 6
Da der Hofrath den verlornen Faden nicht wiederfand, so empfahl sich Arnold und schritt, von ihm begleitet, durch das anstoßende Zimmer, wo die schöne böse Frau, deren Julie erwähnt hatte, im Fenster stand. Sie wendete sich um, erwiederte seine Verbeugung mit freundlich würdevollem Kopfneigen und ließ einen Blick von Schutz und Gnade an ihm hinabgleiten.
-- -- Er hatte gestern zu Günther gesagt: „Ich werfe ihnen Allen den Handschuh hin!‟ Das schienen eben keine +Feinde+. +Waren+ es aber Feinde, so mochten sie sich wohl -- das fühlte er -- nicht bedenken, den Handschuh aufzuheben.
Es war ihm keine Zeit gegeben, für jetzt über Blauhorn’s Mittheilung nachzudenken, denn nur eine Entfernung von wenigen Minuten trennte ihn vom erzbischöflichen Palais.
-- -- Er wurde in die Wohnung des Pater Bernhard, und, da dieser eben beim Erzbischof, über lange Gänge in einen großen Saal geführt, wo er sich in ein mit rothem Sammet gepolstertes Sofa mit weißem Gestell und Goldleisten setzte und lange wartete.
Der Eindruck der jetzigen Umgebung überwog den der eben erhaltenen Mittheilung. -- Der Auftrag Blauhorn’s hatte seine Gedanken bereits zum Vater, in die Heimat geleitet: in dem erzbischöflichen Saale gedachte er nun des Pfarrgartens in Korbach, -- wie da die Rosen dufteten und Weinranken die Fenstergitter umspannen. Wie da Alles grünte und blühte, als wären Worte Gottes vom Abendwinde aus der Kirche herübergetragen worden und befruchtend auf das Gartenland gefallen, zum Dank für die Lindenblüthen, die durch das offene Fenster auf die Kanzel geweht wurden. Wie war da Alles frohes Leben und thätige Liebe! Er gedachte auch des Klosters Sankt Martin, wo der Kreuzgang den kleinen Garten voll Blumenpracht und Sonnenglanz umschloß, und die nickenden Schatten der jungen Birken auf den Gesichtern der alten Aebte spielten, deren Bilder in langer Reihe die Wand bedecken. Der Ruß von Jahrhunderten liegt auf diesen weingrünen Fässern des heiligen Geistes, aber die Augen blicken noch glänzend und heiter, voll Glaubenskraft.... In allen Erinnerungen seiner Kindheit tönt der Lerchentriller mit dem Glockenklang zusammen. -- Er hatte das heilige Wort nur aus dem Munde des würdigen, freundlichen Pfarrers vernommen, der von der Kanzel herabstieg, um das zu vollbringen, was er oben gesprochen.
Die Kirche war klein und eng, die Klosterhallen dumpf, und doch hatte er so frei darin geathmet, doch flogen Gefühl und Gedanke so hoch über das goldne Thurmkreuz hinaus!
Und hier in dem hohen, weiten Saale fällt es ihm so schwer auf die Brust, drückt ihn eine schwüle, den Geist narkotisirende Luft.
Es ist nicht die gewöhnliche, allbekannte geistliche Atmosfäre, die sich analisiren, materiell erklären läßt: dieselbe besteht einfach aus etwas Weihrauch, der von der Kirche herüberdringt, gewissen Exhalazionen der Gewänder, alten Schränke und Bücher, -- Weinduft, und dem Abgang jener wahren, vollkommenen Sauberkeit, welche nur das Werk einer sorgenden Hausfrau.
Was +hier+ drückt, ist nichts Materielles, sondern etwas rein Geistiges. -- Es ist eine Gespensterfurcht, die eben nur den ungläubig Eintretenden zur Strafe befällt. Er sieht den Geist des geheimen Staatsministeriums des +Dogma+, -- den Gegensatz zur lebendigen Kraft der christlichen +Liebe+; -- das Gespenst des Torquemada, wie es am hellen Tage in den modernsten Gestalten durch die parkettirten Säle zieht. -- Das ist eben Vision des Unglaubens! Der Fromme ist gefeit dagegen und weiß, daß unsere Kirchenfürsten sich nicht träumen lassen jene Zeit heraufzubeschwören! -- -- +Wozu+ auch?
Arnold war nicht gegen die Gespenster gefeit: er glaubte jeden Augenblick eines aus der hohen Flügelthür treten zu sehen. -- Es trat endlich der Dünnste unter den „Dünnen‟ des Anastasius Grün heraus, -- das Gesicht, dem er im Freinhofe die Palme der Unausstehlichkeit gereicht, und das ihm heute weniger so erschien, weil es ernst war, -- nicht so liebreich! so schelmisch! --
„Ich habe Sie lange warten lassen, werther Herr Korbach, da ich eben mit Sr. Erzbischöflichen Durchlaucht die Angelegenheit besprochen, um deretwillen ich Sie bitten ließ. -- Ihr Vater hat durch seine glänzende Munificenz in Betreff der Erbauung der, wie wir vernehmen nun vollendeten neuen Kirche in Korbach den schmerzlichen Eindruck mehr als verlöscht, welchen seine Haltung dem Protestantismus gegenüber, oder leider vielmehr diesem zur Seite, auf das Herz unseres Oberhirten gemacht hat.‟
Arnold machte eine ablehnende Bewegung --
„Unterbrechen Sie mich gefälligst nicht. Es fehlt nicht an naheliegenden Beweisen, oder vielmehr an nahestehenden -- sagte Bernhard, über sein nicht sehr gelungenes Wortspiel lächelnd. Auch wurde der Bau des protestantischen Bethauses +vor+ jenem der Kirche unternommen.‟
„Ich muß mir die Bemerkung erlauben, -- warf Arnold ein -- daß unsere Protestanten, dermalen über dreihundert, eines Gotteshauses gänzlich entbehrten, während der Gottesdienst der Katholiken niemals unterbrochen wurde.‟
„Ich habe Sie nicht zu mir bitten lassen, werthester Herr, um Ihnen irgend Etwas zu sagen, was wie ein Vorwurf klingt. Im Gegentheile bin ich beauftragt, Ihnen vorläufig, bis es auf solennere Weise geschehen wird, zu sagen, daß die Kirche Ihrem Vater für den jüngsten Beweis seiner Treue dankt, und ich, -- der ich während der Krankheit unseres Prälaten dem Kloster Sankt Martin vorstehe, erfreue mich insbesondere solcher Gesinnung, da, wie Sie wissen, diese Pfarre von uns aus besetzt wird.‟
„Mein Vater kann nicht genug danken für die Wahl des Priesters, der nun seit drei Jahren zum Segen der ganzen Gegend dieses Amt bekleidet.‟
„Hierbei habe ich kein Verdienst; unser Prälat hat damals -- freilich schon bei geschwächtem Gesundheitszustand -- diese Wahl getroffen. -- Doch zur Hauptsache. Die Einweihung der auf Kosten Ihres Vaters erbauten Kirche wird in einigen Wochen stattfinden. -- Ich kann Ihnen mittheilen, daß Se. Erzbischöfliche Durchlaucht die Absicht haben, diese Feierlichkeit in eigener Person vorzunehmen, um ihr, zur Erbauung der in jener Gegend besonders der Stärkung bedürftigen Gläubigen, den größten Glanz zu verleihen. -- Es würde jedoch sehr guten Eindruck machen, wenn Ihr Vater in dieser Beziehung ein +Bittschreiben+ an den Herrn Erzbischof richten würde. Es bietet sich hierdurch Ihrem Vater eine ihm gewiß erwünschte Gelegenheit, seine +Gesinnungen+ in einer so +bestimmten+ Weise auszusprechen, daß in Betreff des Schutzes, welchen das katholische Element in Korbach gegen das weitere Umsichgreifen der Irrlehre von ihm zu erwarten berechtigt ist, nie mehr einem Zweifel oder einer Besorgniß Raum gegeben werden kann. -- Sie verstehen mich. Ich habe von den wohlwollenden Intenzionen des Herrn Erzbischofs erst vor wenigen Minuten einen Beweis erhalten, indem Se. Durchlaucht angedeutet, daß sie die Freigebigkeit Ihres Vaters zur Kenntniß des päpstlichen Nunzius zu bringen vorhaben, -- -- worauf vielleicht von Seite des heiligen Vaters ein ehrendes und beglückendes Zeichen der Befriedigung erfolgen dürfte, welche seinem apostolischen Herzen solche Handlungen der Pietät gewähren.‟
Pater Bernhard hielt inne und schien die Wirkung dieser Rede abwarten zu wollen. Als Arnold ruhig, bescheiden, ernst und schweigend stehen blieb ohne eine Miene zu verändern, fuhr er mit schlecht verhehlter Gereiztheit fort: „Ich ersuche Sie, werthester Herr, diese Mittheilung ganz vertraulich Ihrem Vater zu machen, welcher, ich bin davon überzeugt, ihre Bedeutung zu würdigen wissen wird.‟
„Ich werde mich beeilen, den Auftrag Ew. Hochwürden zu erfüllen.‟
-- -- Arnold empfand beim Weggehen keine drückende Gespensterfurcht mehr. Es war ihm, als ob der gefürchtete Geist ein Mensch geworden und vor ihm gestanden, und den fürchtete er nicht.
* * *
Er fühlte die Nothwendigkeit mündlicher Besprechung mit seinem Vater. -- Der nächste Morgen trifft ihn im Bahnhofe.
Durch die Fläche, das glänzende Meer von Licht und Widerschein, fliegt der Train den blauen Bergen zu. -- Nach zwei Stunden umrauschen ihn statt der Kornfelder die Zwergföhren, womit die steinige Ebene bepflanzt ist, -- der Vortrab des gewaltigen hohen Waldheeres auf den Zinnen der ewigen Stadt Gottes, des Hochgebirges: schon unterscheidet man ihre Felsenmauern und schneebedeckten Thürme, und bald umschließt sie die Reisenden in den sonnedurchglühten Waggons, und labt sie mit Harzduft und Wasserrauschen.
In Pottenbach ist längerer Halt. Der aus Süden kommende Train begegnet hier jenem Arnold’s. Sein Blick ist nach einem hohen fernen Felsen gerichtet, auf der Höhe der Föhrleiten.. der zackige Stein ist auch jenseits vom Freinhofe sichtbar; -- so nahe!! -- -- Hoch über die Gruppe der den andern Train abwartenden Reisenden wegsehend, gewahrt er nicht den Baron, der, abseits an eine Säule der Halle gelehnt, ihn einen Moment anblickt und sich langsam abwendet.
Die Dampfpfeife schrillt durch Arnold’s Gedankenmelodie -- wie damals Knorr’s Stimme durch das erste Gespräch mit Julie, -- die Lokomotive stößt den zischenden Athem aus der ehernen Lunge -- in einer Minute fliegen er und Sembrick auseinander, -- leiblich wie es bereits geistig geschehen. -- In Frauenwang verläßt Arnold die Bahn; ein leichter, offener Wagen mit kräftigen Pferden wird im Orte gemiethet und führt ihn dem Korbachthale zu.
Er erreicht es am späten Abende. Noch durch eine Waldschlucht, einen Felsenpaß und weit und offen liegt es vor ihm. Die Glocke des Hochofens, das Pochen der Hämmer, das Brausen der gewaltigen Wehre begrüßen ihn, durch den blauen Schleier, welchen Abendduft und Rauch der Schmieden über den Thalgrund breiten. Nun fliegt der Wagen vorüber am mächtigen Bau, wo die Walzen den Begriff der Härte verneinen und das Metall unter ihrer Gewalt die Rolle des Wachses spielt, -- am Drahtzuge mit den hundert schnurrenden Spulen, am Hammerwerke, aus dessen offenen Thüren der Feuerschein bis auf die Brücke fällt -- die von der Straße abseits zum Wohngebäude führt.... nun durch die alten Linden und Tannen des Parks -- und das Ziel ist erreicht.
-- -- Das Abendessen stand noch auf dem Tische. Ein heller, vierfacher Klang tönte durch das Zimmer, als Arnold eintrat.
Das mußte ein +freier+, +lichter+ Gedanke, ein +gottgefälliger+ Wunsch sein, -- auf dessen Erfüllung diese vier Männer ihre Gläser zusammenstießen: -- -- Arnold’s Vater -- ihm gegenüber Sprenger, -- neben ihm der katholische Pfarrer und der Pastor.
~Clair-obscur.~
Die beiden Geistlichen zogen sich bald zurück, da sie annahmen, daß nur eine wichtige Ursache Arnold’s schneller Rückkehr nach Korbach zum Grunde liegen könne. -- Dieser, wissend daß sein Vater kein Geheimniß für Sprenger habe, erzählte, und nahm so viel vom Freinhofe in seinen Bericht auf, als eben hinreichte, um den Zusammenhang nicht sowol zu erklären als zu verwirren.
„Wo der Wind hinweht, ist klar‟ -- meinte Sprenger.
„Viel wichtiger ist, wo er herkommt, erwiderte der alte Korbach. Sie wissen oben, daß ich das Promemoria vom vorigen Jahre verfaßt habe, und nun soll ich umsatteln, mich hinten auf’s Steckenpferd des Ministers setzen und seine Freihandels-Experimente unterstützen, die uns ruiniren. Wäre eine hübsche Bresche in der Opposizion unserer Eisen-Industrie u. s. w. Was ich ihnen im Senat zu sagen hätte, können sie aus unserer Eingabe herauslesen. Sie werden Theorienreiter genug finden, ich sitze nicht auf. Von der Supplik an den Erzbischof kann ohnedem keine Rede sein. Die neue Kirche habe ich ihnen bauen lassen, und damit Basta. Will der Erzbischof herauskommen, so ist es mir eine Ehre, wenn auch kein Vergnügen, aber mich hinstellen lassen als verlaufenes Schaf, das zur Herde zukückkehrt, -- darauf können sie warten.‟
Sprenger war nicht einverstanden. Seine Meinung lautete: „Setze dich auf sechs Wochen in den Senat und sage ihnen Wahrheiten, welche sie von keinem Andern hören. Schreibe dem Erzbischofe und bleibe der Herr vom Hause, indem du ihn ladest. Du kannst mehr in deinem Sinne wirken, wenn du auf gutem Fuße bleibst. Brichst du offen, -- und die Ablehnung des Schreibens ist ein direkter Bruch, -- so ist das erste Opfer unser braver, biederer Pfarrer, und eines schönen Morgens hetzen sie dir die Arbeiter gegeneinander.‟
Sprenger stand vielleicht auf einer freieren Höhe, als der alte Korbach. Ihm ging die Erhaltung der Sache stets über Konzessionen in der Form; er stand +wirklich über+ den Parteien, während sein Freund dem Namen nach zur einen, mit seinem Herzen zur andern gehörte. Sprenger hatte die Ueberzeugung, daß ein Kampf mit der herrschenden katholischen Gewalt nur zum Nachtheile des Herausfordernden ausschlagen könne. Er sah übrigens ein, daß die gelegte Falle keinen andern Zweck haben könne, als, entweder diesen Kampf herbeizuführen, oder ein in seinen Folgen unberechenbares „Korbacher‟ Konkordat. -- Es lag allerdings die Möglichkeit vor, letzterem in der Ausführung die schärfsten Spitzen abzubrechen: vielleicht ließ sich durch einige Form-Zugeständnisse das Verbleiben des Pfarrers erkaufen; vielleicht war es der kirchlichen Autorität mehr um eine lautklingende, weithin leuchtende Wahrung des Prinzipes als um die Thatsache zu thun, mehr um einen breiten goldnen Rahmen für ihr Gnadenbild: war es nur hoch und glänzend genug hingestellt, so mochte sie dann nicht so genau nachrechnen, wie viele Kniee im Korbacher Thale sich davor beugten. Freilich lauter „Vielleicht!‟ -- Auf den Senat legte er weniger Werth -- es schien ihm höchstens ein entgangener Gewinn: sein Freund mochte mit sich ausmachen, wie hoch er ihn anschlage, und ihn zurückweisen, aber im Kampf mit der Kirche sah er nur gewisses Unheil.
Arnold hatte, gleich nach Beendigung seines Berichtes, da er dachte, sein Vater wolle die Sache mit Sprenger allein besprechen, sich zur Schwester begeben, welche sich gewöhnlich nach dem Abendessen zurückzog, während die Männer noch zusammen blieben.
Sprenger hatte seine reichliche Munizion von Gründen des schwersten Kalibers verschossen: der alte Freund hielt Stand, wich kein Haar breit. -- Er sah sich nach Verbündeten um.
Die Eine, auf welche er einstens nie vergebens gezählt -- Arnolds Mutter -- ruhte nun auf der grünen Anhöhe, welche sich am Ende des Marktes erhebt, in geringer Entfernung von der netten Häusergruppe der protestantischen Arbeiter -- jener Häuser, in welchen ihr Name in das tägliche Gebet geflochten wurde, als der Wohlthäterin von hundert Familien. Aber die letzten Tage ihres segensreichen thätigen Lebens an der Seite des Gatten, der ihr Werk mit Kraft und Liebe beschützte, waren durch Sorgen getrübt, welche ihrem hellblickenden Geiste die allmälig auftauchenden feindlichen Bestrebungen der ringsum herrschenden Intoleranz erregten. Sie schloß die Augen mit dem schmerzlichen Gefühle, durch ihre Schöpfung den Frieden der alten Tage ihres Gatten gefährdet zu haben. An ihr hätte Sprenger eine Fürsprecherin gefunden bei jedem Schritte, welcher begütigend, ausgleichend wirken konnte.
Aber nur mit geringer Hoffnung begab er sich zu Helene, welche bei manchen wichtigen Veranlassungen mehr über den Vater vermocht hatte, als er und ihr Bruder. Er erzählte ihr Alles.
Das Mädchen hatte eine eigene, reizende Art, zuzuhören. Es war nicht ein einfaches Merken auf das, was gesprochen wurde, -- sie sah mit ihren dunkelblauen Augen dem Quell des Gedankens auf den Grund, und der Erzähler hatte das wohlthuende Gefühl, sie ganz in seinen Gegenstand versunken, denselben in ihrer Antwort oft vollständiger wiedergegeben zu sehen. -- In ihr war die Festigkeit und Entschiedenheit des Vaters in die weichste, reizendste Form gehüllt, -- -- als wäre ein Diamant in eine offene Rosenknospe gefallen; die Blätter mochten jedem Drucke nachgeben, durch den leichtesten Nadelstich verwundet werden, -- der Diamant des Karakters schnitt durch das bunte Glas der Schmeichelei, durch das falsche Gold der Eitelkeit, durch allen Schein und alles Unwahre, das sich in ihrer Nähe unbehaglich fühlte.
Die reichen blonden Haare hatten jene so seltenen, nicht durch Flechten und Brennen entstandenen, natürlichen kleinen Wellen, welche das reine Oval des geistvollen Gesichtes in lebhaft bewegten Linien umspielten, nicht mit einer glatten, kalten Spiegelfläche einrahmten. Wie war das blühende Mädchen so blond und weiß -- -- und doch nicht +ein+ schmachtender Zug! -- Alles so lebendig, kräftig und warm! -- Die Natur hatte da ein Schneeglöckchen mit Nelkenduft geschaffen. --
Als die Erzählung des väterlichen Freundes geendet war, sagte sie nach kurzem Nachsinnen: „Das ist verlorne Mühe, lieber Sprenger, ich habe oft Etwas beim Vater erreicht, wenn ich vorangeschickt wurde, selten, wenn ich nachkam, niemals, wenn etwas schon Verweigertes nur durch meinen Mund wiederholt wurde. Er sagte mir einmal: Helene, wenn du mich in fremdem Auftrag küssest, ists gar nicht dein Mund. Ich kenne auch seine Ansicht. +Meine+ Meinung ist, daß der Vater den Senat annehmen, dem stolzen Geistlichen aber, der um Etwas gebeten sein will, was er für sein Leben gern selbst thun wird, +nicht+ schreiben soll. Ich bin Protestantin, wie meine Mutter, und darum‟ --
„Doch nicht empfindlicher gegen den katholischen Stolz als +ich+?‟ -- unterbrach sie Sprenger.
„Gewiß nicht, auch ehre ich Ihre Klugheitsrücksichten, aber der Vater hat +doch+ Recht! Unser Korbach wird es aushalten, wie Deutschland den dreißigjährigen Krieg,‟ schloß sie lächelnd und mit jenem Zuge um die Lippen, der, wie Sprenger wußte, ein anmuthiges, aber entschiedenes Nein ausdrückte. --
„Das ist schlimm,‟ sagte er, „Sie waren meine letzte Hoffnung. Ich sehe nichts Gutes kommen; fürchte selbst Verwicklungen und Gefahren für die Zukunft Arnolds.‟
„Ich fürchte nichts. Er sprach auch kein Wort mit mir darüber.‟
„Er hielt sich nicht für berechtigt, von der Angelegenheit des Vaters zu sprechen, bevor dieser sich entschieden, aber ich durfte es mir erlauben.‟
Sprenger war nun fertig; auch die Beziehung auf Arnold hatte fehlgeschlagen. --
Der Vater gab diesem folgende Instrukzion: „Sag’ dem Hofrath, daß ich die Ehre, im Senat zu sitzen, annehme, +wenn+ der Minister keine Freihandelschimären von mir vertreten sehen will. -- Sie wollen nur Leute, welche sagen, was man Oben gerne hört, und wer anders spricht, wird seine Rolle bald ausgespielt haben.‟ -- Er theilte hierin eine damals allgemein verbreitete, zum Theil später widerlegte Meinung über die Haltung, welche man vom Reichssenate erwartete. „Dem Erzbischof aber -- fuhr er fort -- wollen wir weiße Mädeln entgegenschicken, trommeln und pfeifen und läuten, daß die Glocken bersten, aber geschrieben wird +nicht+. Und nun mache, daß du fortkommst, damit sie nicht glauben, ich habe zwei Tage gebraucht, um mich zu bedenken.‟ Arnold konnte eben noch eine Viertelstunde für seine Schwester gewinnen. Sie theilten jeden Gedanken, ohne einander eine Ueberzeugung zu opfern, kaum eine Meinung; -- sie spiegelten im innigsten Verständniß Eines des Andern Farbe zurück, ohne die eigene darüber zu verlieren. Er hatte ihr im ersten Briefe aus der Stadt einen Umriß der Freinhof-Begebenheiten gesendet, und theilte ihr nun auch das Gespräch mit Günther, und dessen Ansicht mit. Wie sie einander so gegenüberstanden, sich an beiden Händen hielten, das Mädchen ihm gerade in die Augen sah, unterbrach sich Arnold mit den Worten: „Deine Augen werden immer dunkler! Vor der Reise waren es Kornblumen, jetzt sind es schon Genzianen!‟
„Und am Ende werden sie noch schwarz, und dann siehst du noch lieber hinein,‟ rief sie lachend. -- -- „Nun aber genug, -- der Vater wird ungeduldig, -- ich schreibe dir, was etwa noch vorgeht, heute durch die Fabriksgelegenheit. Sei klug, und grüße mir deinen Günther, -- auch er hat nicht Recht, -- heute bin ich mit Euch Allen im Krieg.‟ -- --
Ein frischer, herzlicher Kuß, eine Umarmung, -- und Arnold sprang auf den Wagen, und hatte nun Zeit genug, auf eine für die büreaukratischen und hierarchischen Ohren annehmbare Form der väterlichen Ablehnungen zu sinnen, welche ganz nach seinem Herzen waren.
Sicherlich wird es sein Erstes nach der Ankunft in der Stadt sein, sich der Mission zu entledigen: wir erwarten ihn im Kabinette Blauhorns, wohin wir ihm voraneilen, und finden uns leider im Gegensatze zu dem noch friedlichen Korbacher Thal auf dem Schauplatze der bedauerlichsten Anarchie.
Die Gattin geht mit raschen, sehr hörbaren Schritten auf und nieder, -- der kleine gelbe Hofrath sitzt zusammengekauert im Lehnstuhl, auf irgend ein Aeußerstes gebracht, wie ein Igel zur Stachelkugel eingerollt. Es ist keine Emeute, kein „beklagenswerther Versuch einer Handvoll Unzufriedener‟, -- der Hofrath hat sich nicht wie gewöhnlich zusammengerottet, um durch einen Gensdarmenblick seiner Gemahlin auseinandergetrieben zu werden: -- es ist offene Empörung.
Es mußte ein großer Mißgriff von Seite der obersten Behörde des Hauses geschehen sein, denn Blauhorn gehörte zu den am leichtesten zu regierenden Provinzen. Man mußte ihm nur einen Schein von Volksvertretung lassen. Er sagte gerne Ja, wollte aber gefragt werden; -- gehorchte willig, wollte aber wissen, wozu seine Steuer von Gehorsam verwendet werde. Er hatte im Freinhof von Julie den Auftrag erhalten, seine Frau dringend dahin zu laden, und diese war der Einladung gefolgt. Nach ihrer Rückkehr lauerte er auf eine Mittheilung, aber vergebens. Zwei Tage später erhielt er vom Minister den Auftrag an Arnold, errieth einen Zusammenhang, und schwieg nun ebenso hartnäckig. -- An den Gedanken einer Wechselwirkung zwischen dem Grafen Breuneck und seiner Frau hatte er sich gewöhnt; er fing an, sich für einen Intriganten zu halten und sagte sich vor, er werde, -- da er nun einmal auf die Süßigkeiten des häuslichen Glückes verzichtet, vom Teufel des Ehrgeizes geritten, und beherrsche durch seine Frau den Minister; -- er war ein Tender, der die fixe Idee hat, die Lokomotive zu schieben. --
Nun fühlte er sich als einen hinten angehängten Lastwagen. -- Seine Frau ihrerseits wollte sehen, wie weit die rebellische Verstocktheit, dieses Schweigen über den ihr nur zu wohl bekannten gräflichen Auftrag gehe, und gab ihm achtundvierzigstündige Frist. Als diese verstrichen, trat sie am Morgen in sein Kabinet mit der Kernschuß-Frage: „Wann bekommst du Antwort von Korbach?‟
Blauhorn fuhr los: „Er werde dem Minister die Augen über +Alles+ öffnen!‟ Die Frau konnte nicht wohl begreifen, worin dieses +noch+ bestehen solle -- und es entwickelte sich nun das Feuer auf der ganzen Linie mit solcher Lebhaftigkeit, daß Arnold und der ihm voranschreitende anmeldende Diener das schwere Posizionsgeschütz der Hofräthin und das dünne Kleingewehr-Geknatter aus dem Lehnstuhle deutlich durch die Thür unterscheiden konnten. -- Als dieselbe aufging, war unter den schnell geordneten Falten der Empfangsgesichter die Pulverschwärze noch wahrnehmbar, aber der Kampf war bereits entschieden.
„Sie werden, bester Herr Korbach, -- sprach die Hofräthin -- so gütig sein, mir das Ergebniß Ihrer Anfrage mitzutheilen, da mein Mann an einer so fürchterlichen Migraine leidet, daß ich ihn nicht sprechen lasse.‟
„Mein Vater, -- erwiederte Arnold auf einen schweigend zustimmenden Wink Blauhorns -- wird eine Ehre und ein Glück in der bewußten Eventualität sehen und hofft dem in ihn gesetzten Vertrauen um so leichter zu entsprechen, da er überzeugt ist, daß er in keine Kollision mit gewissen von ihm seiner Zeit ausgesprochenen Ansichten kommen werde, welche er allerdings nicht aufzugeben vermöchte.‟
Arnold wußte, was ihm die Zusammensetzung dieser hölzernen Frase gekostet. Er fühlte sich keinen ganzen, aber ein gutes Stück Talleyrand.
„Ich bedauere vorzüglich im Interesse Ihres Herrn Vaters dessen Auffassung einer Sache, welche wir nunmehr als abgethan betrachten müssen,‟ -- sagte Blauhorn gemessen und spitzig.
„Herr Korbach hat ja angenommen?‟ rief die Hofräthin.
„Abgelehnt!‟ sagte der Gatte, schneller begreifend. --