Dissolving Views: Romanfragmente von Leo Wolfram.

Part 4

Chapter 43,565 wordsPublic domain

Er war lachend aufgesprungen und hatte Arnold an beiden Schultern gefaßt, ihn mit einem Gesicht ansehend, welches eine so unbeschreiblich komische Mischung von Grimm, gutmüthigem Spott und Bedauern war, daß es dem Freund, der diese Dekorazion wohl kannte, selten möglich war, auch nur die Voranstalten dazu ohne Lachen anzusehen. Als ihm jetzt dieses greuliche, hundert Erinnerungen gemeinschaftlicher Erlebnisse weckende Gesicht, ein wahres Kunststück Günthers, angrinste, fiel er ihm um den Hals und rief: „Du alter, guter, einziger Seelenbruder! wenn dir nicht mit einer Lüge gedient ist, so frage mich nicht weiter, -- ich kann dir nur die verbrauchten Worte sagen: Ich +weiß+ nicht wie mir geschehen. Ich weiß nur, daß ich, wenn ich nicht arbeite, immer an sie denke, und daß mir ist, als wenn ich eine vierzehnmonatliche Reise bloß nach dem Freinhof gemacht hätte!‟

„Also hat doch der Teufel -- --!‟ rief Günther auf den Boden stampfend, und unterbrach sich mit den Worten: „Verzeih’, Alter! ich bin unverbesserlich, aber Gott sei Dank auch unveränderlich +darin+, daß mir, seit ich meine Mutter verloren, nichts so nah geht als was dich betrifft. -- Jetzt schreibe mir alle Namen auf, die du im Freinhof gehört -- einige klingen mir bekannt; ich werde morgen bei dir frühstücken und dich für deine Duft- und Nebelgeschichte in klingender Münze bezahlen.‟

Arnold, dessen Gedächtniß jeden an seinen Gehirnwänden hingleitenden Klang behielt, wußte fast alle Namen und gab den Zettel dem Freunde, welcher rief: „Und nun leb’ wohl -- bet’ und schlafe, daß dir besser werde!‟ -- und ging. -- -- -- -- --

Als Arnold allein, -- als die Lampe verlöscht war, trat ein altes ewiges Naturgesetz in sein Recht: der Schleier des Tages war gefallen -- der vorige Abend allein stand mit allem Zauber vor Arnolds Lager. Die duftenden Locken Juliens streiften wieder seine Wange. Er meinte, er müsse das Fenster öffnen und nach dem Schweizerhause sehen. -- --

Günther las zu Hause den Zettel. -- Die Namen waren für ihn keine todten Buchstaben, jeder rief ihm Menschen, Thatsachen, Erlebtes und Gehörtes vor.

Seine Freunde hatten oft von ihm gesagt, er habe einen ~spiritus familiaris~, einen Taschenteufel, den er um Alles, was da vorgehe, befrage und der ihn hinter Gardinen und Konferenztische, in Geschäftsbücher und Liebesbriefe, durch den Schleier, den die Demuth über gute, und das böse Gewissen über schlechte Thaten legt, hindurchblicken lasse.

Heimliche Kriegszustände öffentlich friedlicher Familien, verborgene Krebsschäden scheinbar gesunder Vermögensverhältnisse, -- Ehen, an deren im Dunkeln gebrochenen Ringe der gelöthete Sprung für die Welt unsichtbar blieb -- Alles schien im Register des Taschenteufels aufgezeichnet, der seinem Herrn in jedem Augenblicke das verlangte Blatt hinhielt. -- Und doch lag ihm nichts ferner als alles Forschen oder Eindrängen, aller an Weibern bemitleidenswerthe, an Männern geradezu verächtliche Klatsch. --

„Ich suche nicht und frage um Nichts -- sagte er mit Recht -- die Dinge kommen zu mir, sie fliegen mir an, wie Eisenfeile dem Magnet.‟ -- Der Kreis seiner Freunde war klein, der seiner Bekannten unübersehbar. -- Durch seine Stellung als Beamter der Bank und Mitglied der Verwaltung einer der bedeutenderen industriellen Unternehmungen des Landes war er mit der Finanzwelt, durch seine leidenschaftliche Liebe zur Malerei und Musik mit allen Künstlerkreisen in Berührung.

Der Talisman, welcher das Wunder wirkte, daß ein nicht unbedeutender Mensch kaum einen einzigen Feind hatte, lag in einer Vereinigung von fester Selbstständigkeit, die sich nie etwas vergab, mit der durch keine Talente, durch keine sonstigen Vorzüge zu ersetzenden Gottesgabe der +Liebenswürdigkeit+ -- jener Liebenswürdigkeit, die nicht nur im ersten Augenblicke, sondern nachhaltend fesselte, weil sie auf dem festen Unterbau eines streng rechtlichen Karakters ruhte.

-- Ueber das Ganze hin leuchtete eine heitere, oft geradezu tolle Laune, welche seine schonungslosen Einfälle nur als Schaumperlen im Champagner, nicht als verletzende Glassplitter erscheinen ließ. -- Er besaß gewisse Privilegien in seinen Kreisen, von denen er bis an die äußerste Grenze Gebrauch machte. Es war unter den Frauen ausgemacht, daß „der Günther Alles sagen dürfe‟ -- -- es lag eben in dem +wie+ -- -- er machte seine Sprünge auf dem Glatteis anscheinend unmöglicher Gespräche ohne auszugleiten.

Dieses allgemeine Vertrauen war es, welches ihm in den verschiedensten Kreisen jene „Eisenfeile‟ von Mittheilungen zufliegen ließ und dann verband er, mit Menschenkenntniß und scharfem Verstande kombinirend, ganz entlegene Daten und gelangte zu den überraschendsten Schlüssen. --

Dem Zustande seines Körpers, an dessen Zerstörung ein Brustübel langsam aber unaufhaltbar arbeitete, machte er in seiner Lebensweise nicht das mindeste Zugeständniß. Er war nun einmal entschlossen lieber drei Monate zu leben als drei Jahre unter Medizinflaschen zu vegetiren. -- Weder schön, noch eine imponirende Erscheinung, hatte er dennoch bei Frauen entschieden mehr Glück als mancher weit glänzender Begabte, und da er dem Grundsatze, lieber zu leben als zu vegetiren, leider auch auf diesem Felde seine Geltung ließ, so hatte an den Linien in seinem Gesichte, welche Arnold mit Schmerz entdeckte, manche schöne weiße Hand als Verbündete des dunkeln Zerstörers mit gezeichnet.

Er überdachte alle Mittheilungen Arnolds, citirte den Taschenteufel und begab sich, nachdem er seinen Stoff geordnet, am nächsten Morgen zum jungen Freunde, der ihn mit erklärlicher Ungeduld erwartete.

Nach eingenommenem Frühstück zündete er wie in gesunden Tagen seine Zigarre an und sagte: „Du siehst mit einem so rührenden Jammer meinem Rauchen zu, daß ich dich vor Allem beruhigen muß. +Das+ schadet mir nicht; ich bin überzeugt, daß es meinem armen Teufel von Vetter mit seiner Sparkasse-Anstellung von 500 fl. nicht um ein halbes Jahr früher zur Erbschaft verhilft. -- Daß ich heute noch lebe, ist mir ganz angenehm, denn ich glaube dir Einiges leisten zu können. -- Nun frage ich dich, bist du in einem Stadium, in welchem man dir die Wahrheit noch ohne Streuzucker geben kann?‟ --

„Sprich und gib was du hast und wie du es hast, ich werde dich nicht einmal unterbrechen.‟

„Gut! ich kenne, den Knorr ausgenommen, alle Uebrigen so weit, daß ich ihnen einen kurzen Steckbrief in Frakturschrift voranschicken kann. -- Zuerst die radikale Blondine; du hast sie Zeltner genannt. Ihr Mann war im Kriegsministerium, ist weggejagt worden, unter die Literaten gegangen und hat in Hamburg eine Brochüre drucken lassen, in welcher der General-Adjutant Graf Greuth so zu sagen ~in effigie~, moralisch gehangen wird. Zeltner wurde hierauf ~in persona~, fisisch, eingesperrt, es wurde ihm ein Hochverrathsprozeß wegen anderer vorgefundener Schriften angehängt, und er sollte sechs Jahre in Königstadt sitzen. Eine Audienz aber, welche seine Frau beim General-Adjutanten erwirkt, verbreitet plötzlich neues Licht über die Sache, der Prozeß wird revidirt und die halbe Strafzeit erlassen. Die Blonde schien immer noch mehr Licht auf die Sache werfen zu wollen, denn sie hatte durch drei Monate einen ganzen Cyklus von Audienzen bei Seiner Excellenz. Es wurde aber nichts weiter revidirt noch gemildert, und sie soll jetzt bemüht sein, einer noch höheren Person die Angelegenheit ihres Mannes zu beleuchten, und, wie es heißt mit Erfolg. -- Weiter. -- Wörlitzer macht alle Geldgeschäfte für den Minister des Innern, Baron Thorn und für einige spekulirende Diplomaten. Außerdem gehört er zu denen, welche, wie man zu sagen pflegt, Alles mitnehmen. Er ist, wenn nicht Thorn’s rechte Hand, wenigstens seine Wertheim’sche Kassa und hat freien Zutritt bei ihm, und was mehr werth ist, eine schöne interessante Nichte. Der Baron Sembrick, an den dein Brief lautet und den ich für ganz honett halte, soll sich für sie interessiren. -- Ich würde aber an deiner Stelle den Brief doch nur hinschicken und abwarten, was seinerseits geschieht. -- Nummer drei: -- der Geistliche, Pater Bernhard, kann kein anderer sein, als der Prior und wahrscheinliche künftige Prälat von St. Martin und hat vielen Einfluß auf unsern Erzbischof, der jeden Sommer mehrere Tage dort zubringt. Ich habe bemerkt, daß immer zur Zeit dieser Besuche irgend ein oberhirtlicher Wetterstrahl über die ungläubige Welt hinfährt. Der Pater kommt auch oft hieher, und wohnt dann beim Erzbischof. -- Was den Husaren-Obersten von Plomberg betrifft, so kannst du seinen Fiaker alle Abende hinter dem Mersey’schen Palais stehen sehen. Plomberg ist der Geliebte der alten Gräfin, der Schwester der Obersthofmeisterin unserer Prinzessin Anna. Sie zahlt alle Jahre seine Schulden. -- Schließlich Hofrath Blauhorn. Die Julie Kollmann hat dir von seiner bösen Frau gesprochen. Er ist aber doch nur durch +sie+ vom Finanzminister in die Kommission ernannt worden. -- Ich gebe dir noch als Vermuthung gratis in den Kauf, daß die beiden schönen Mädchen, wenn sie wirklich Leonore und Sidonie heißen, die Töchter des Vizepräsidenten Mildern sind oder vielmehr des Fürsten Leuchtendorf, bei dessen Kassa der alte Mildern unverschämt genug ist, die Pension seiner Frau persönlich zu beheben. -- Knorr macht mir den Eindruck eines Menschen, dessen eine Hälfte klug genug ist, um die andere, verrückte, als Mittel zu benützen, sich im Freinhof gut füttern zu lassen. Ich will ihm nicht Unrecht thun, habe aber solche Kerls gekannt, die sich für ihre grobe Treuherzigkeit mit feiner Kost bezahlen ließen. -- So weit einstweilen die Steckbriefe. -- Ganz unbekannt ist mir das alberne Subjekt Reiland.‟

In steigender Aufregung hatte Arnold zugehört. Er gedachte des Augenblickes, wo er durchs Fenster ins Theezimmer gesehen hatte. Es war ihm als betrachte er einen Hogarth’schen Kupferstich nach gelesener Erklärung. -- Die Leuchtkugeln Günthers waren doch noch ganz anders wirksam als die acht Lampenkugeln. Derselbe fuhr fort:

„Wenn du nun Alles zusammenfassest, so wirst du mir erlauben die Behauptung aufzustellen, daß die ganze Gesellschaft im Freinhof, wie sie vor Erscheinung der Frau vom Hause beisammen saß, dasjenige ist, was wir, denen soziale Stellungen nun einmal nie so weit imponiren, um ein Kind nicht bei seinem Namen zu nennen, ein +Gesindel+ heißen; von jener Gattung Gesindel, die im Salonwasser nicht nur gleichberechtigt mitschwimmt, sondern, wegen ihrer Leichtigkeit, sogar meistens obenauf.‟

Arnold hatte gegen den kräftigen Schlußsatz nichts einzuwenden; es hatte ihm ja selbst weh gethan, sich +ihr+ Bild in +diesem+ Rahmen zu denken.

„Meine Bezeichnung, sagte Günther, ist hart, aber du weißt, daß ich gewisse Unterscheidungen von ganz, halb und drei Viertel honett nicht acceptire. Frage dich, ob dieser oder jener Mann, diese oder jene Frau die volle Achtung deines Vaters und deiner Schwester verdienen -- das ist der Probierstein -- und Alle, bei denen du +Ja+ sagen kannst, gehören +herüber+ und alle Andern +hinüber+. -- Nun aber eine andere, wichtigere Wahrnehmung. -- Es muß dir auffallen, daß alle diese Elemente im Freinhof ein Gemeinsames haben, noch außer der gebrauchten Bezeichnung, nämlich: jede dieser Figuren bildet eine Hintertreppe in eine höhere Region. Du siehst da Telegrafendrähte zusammenlaufen, durch welche auf die Prinzessin, zwei Minister, den Erzbischof, den alten Fürsten Leuchtendorf u. s. w. gewirkt werden kann -- alles indirekt und durch Seitenthüren, nichts gerad und honett, aber vielleicht um so sicherer. -- -- Ob dieses Zusammentreffen bloß die Folge der chemischen Verwandtschaft, womit sich dieses Volk überall erkennt und anzieht, -- ob es ein geleitetes, beabsichtigtes ist, dazu habe ich vor der Hand keinen Schlüssel.‟ --

„Alles was du sagst, nahm Arnold das Wort, hat das Gepräge der frappantesten Richtigkeit. Es mag sein, daß du in deiner letzten Hipothese zu weit gehst. Doch hat dieß Alles keine Beziehung auf das, was +mir+ jener Ort geworden ist. Was gehen mich die übrigen Besucher dort an? wenn nicht in dem Sinne, daß ich sie auf den Boden des Sees wünsche, und daß sie Julien vielleicht eben so unleidlich sind. Wer kann sagen, was sie zwingt, mit allen diesen Gesichtern freundlich zu sein?‟

-- „Weder du noch ich. Aber das Folgende geht +dich+ an: wenn der Freinhof ein Punkt ist, wo die besagten Fäden mit Absicht zusammengezogen sind, so bist +du+ zu einem solchen Faden bestimmt so gut wie die Andern.‟

-- „Und welcher Prinz oder Minister soll durch +mich+ in Bewegung gesetzt werden, durch einen unbedeutenden jungen Menschen ohne Rang und Verbindungen?‟

-- „Keiner; sondern du selbst.‟ -- Günther sprach mit jenem Ernst, der eben an ihm, im Gegensatz zu seiner gewöhnlichen Laune, um so tiefern Eindruck zu machen pflegte. -- „Täusche dich nicht hierüber. Gott erhalte dir deinen Vater lange Jahre, vergiß aber nicht, daß, wenn er die Augen schließt, du der Herr eines Besitzthums bist, welches ungefähr eine Million repräsentirt, eine Million in den reellsten Werthen die sich denken lassen, du bist überdieß -- verzeih die Impertinenz unter Männern -- ein entschieden schöner Bursche. Weißt du was das sagen will? Und wenn du albern und häßlich wärst, so ist dein Vermögen ganz allein hinreichend, um in dir entweder einen Zweck oder ein Mittel zu sehen.‟ --

-- „Ich gehe noch immer auf Alles ein. Aber alle Namen und alle Verhältnisse der Personen und deren etwaige Zwecke haben nur dadurch Interesse für mich, daß sie auf diese Frau Bezug haben; -- welche Rolle willst du denn +ihr+, die mir nur den Eindruck eines lächelnden geschmückten Opfers machte, in dieser Gesellschaft, oder diesen Zwecken gegenüber, anweisen? +Sie+ soll doch nicht die Seele von Intriguen oder ihre Hand die bewegende Kraft irgend eines unlautern Getriebes sein? Ich würde dir übrigens Alles vergeben, so lang du sie nicht gesehen. Weißt du mir denn, nachdem du alle Schattenparthien beleuchtet, gerade über den hellen, schönen Lichtpunkt nichts zu sagen?‟

„Thatsächliches, über den Lichtpunkt -- Nichts! Daß Kollmann vor ungefähr dritthalb Jahren hieher gekommen, den Winter über ein großes Haus gemacht, daß die Frau von allen Frauen verlästert, von allen Männern gefeiert wurde, daß sie im zweiten Winter verreisten und durch den Bau des Freinhofes nach der Rückkunft wieder ins Gerede kamen, -- um das zu erfahren, brauchst du +mich+ nicht zu fragen.‟

„Lieber Günther, gestern hast du gesagt, ich hätte dir Nichts erzählt, -- gabst dich nicht zufrieden, bis ich dich auf den Grund meiner Seele blicken ließ, und heute hältst +du+ zurück. Deine Meinung über +sie+ ist es, die ich von dir erwartete.‟

Günther stand auf, stellte sich ihm gegenüber, sah ihm einen Moment schweigend in die Augen und sagte: „Nun denn --! deine ganze Julie Kollmann ist eine mit ungewöhnlichen Mitteln begabte +Kokette+! und wären nicht in dir selbst Zweifel an ihr aufgestiegen, so wäre dir nicht eingefallen, überhaupt um irgend eines Menschen Meinung zu fragen. Ich sehe in der affektirten Frase wegen des unversöhnlichen Hasses, in dem Wechsel von blassen und rothen Dekorazionen, in dem ganzen geheimnißathmenden Gespräche von Vertrauen und zu gewärtigenden Opfern, in dem Hinausgehen über alle Grenzen, welche weibliche Zurückhaltung gegen einen Fremden einzuhalten befiehlt, -- nur eben so viele Beweise mindestens jener Koketterie, die auch ohne bestimmten Zweck ihr Feuerwerk vor Jedem spielen läßt, weil sich später ein Zweck finden kann. -- Auch hat sie gesagt, daß ihr +dein+ Name nicht +fremd+ sei! Und nun sag ich dir mein Letztes: Ich habe diese Frau einmal gesehen -- über ihre Schönheit kann nur Eine Stimme sein. Bist du bloß +verliebt+ in sie -- du kennst die tadelnswerthe Dehnbarkeit meiner Moral in diesem Punkte, -- so magst du dich, wenn sie dich erhört, eines der reizendsten Abentheuer auf deiner Lebensreise freuen. Hast du aber das Unglück sie zu +lieben+, wie der Franzose sagt ~de la prendre au sérieux~, so ist Alles, was gut und trefflich an dir, in Gefahr; Alles -- von deinem Herzens- und Lebensglück angefangen bis -- das getraue ich mir zu behaupten -- bis zu deinen +Metallfabriken+ herunter. Leb wohl und antworte mir jetzt nicht.‟

Er bot Arnold die Hand, der sie tief ergriffen faßte und schweigend drückte; -- seine Augen waren feucht.

So tief er auch vom Anfange der letzten Rede Günthers verletzt war -- -- in dem Augenblicke fühlte er nicht den Schmerz der Wunde, sondern nur den Balsam der innigen Liebe, welche in Günthers tiefem seelenvollen Blicke lag, und in dem schmerzlichen Zuge, welcher über die sonst so bleichen, nun hochgerötheten Wangen lief.

In heftiger Erregung ging er nach dessen Weggehen einigemale im Zimmer auf und nieder. Da fiel ihm der Brief an Baron Sembrick in die Augen.

Der mußte denn doch persönlich abgegeben werden.

Zimmerreise.

Edmund von Sembrick wohnte in der Jägerstraße, am entgegengesetzten Ende der Stadt. Ein Diener in einfacher brauner Livree öffnete das eiserne Gitter im ersten Stockwerke und fast im selben Augenblicke trat aus der gegenüber befindlichen Thür ein Mann in schwarzer Kleidung, mit weißen Haaren und einem klugen Gesichte, welcher Arnold bat einen Augenblick im Salon zu warten, dessen dunkelbraune hohe Flügelthüre er öffnete.

Arnold befand sich in einem jener Räume, die durch eigenthümlichen, individuellen Karakter angenehm berühren, deren Einrichtung kein Gemeinplatz, keine Zusammenstellung der in den betreffenden Magazinen von Möbeln und Luxusartikeln vorgefundenen Gegenstände ist, sondern der Ausdruck des persönlichen Geschmackes, die Ausführung der eigenen Ideen des Bewohners. -- Die dunkelrothen, mit alten werthvollen Gemälden, größtentheils Niederländern, bedeckten Tapeten, die hohen, in den reinsten Renaissance-Formen gearbeiteten Lehnstühle, die Marmorplatte des Tisches mit acht abgerundeten Ecken, der grüne langwollige, wie Moos dem Tritte nachgebende Teppich, -- die kunstvolle Zeichnung der Holzmosaik des Plafonds -- Alles war volle Harmonie in Farbe und Form, und wo auch der Blick sich hinwendete, fand er einen wohlthuenden Ruhepunkt und ward durch schöne vermittelnde Linien weitergeleitet.

Der Kammerdiener öffnete nach einigen Augenblicken die schweren Vorhänge der Thür zu Sembrick’s Kabinet und Arnold stand einer von jenen Erscheinungen gegenüber, welche nimmer vergessen noch verwechselt werden können.

Die Natur gräbt zum Ausprägen einiger Gestalten einen +eigenen+ Stempel, den sie dann zerbricht, während die Massen nach gewissen vorräthigen, ein Paar Tausend verschiedene Typen darstellenden Formen gegossen scheinen, denen man mit gewissen Varianten immer wieder begegnet.

Edmund von Sembrick mahnte an ein einziges, -- nur +einmal+ über die Erde gegangenes Vorbild: -- -- der Stempel, nach welchem +seine+ Züge ausgeprägt schienen, ist vor achtzehn Jahrhunderten zerbrochen worden. -- --

Es glänzte aber in den Augen dieses Christuskopfes nicht der sanfte Schimmer der versöhnenden Liebe, sondern das Feuer, vor dem die Käufer und Verkäufer aus dem Tempel flohen. --

Auch in der Umgebung des Mannes grünten keine Palmen- und Olivenzweige: -- alte, breite Schwerter, gekreuzte Pistolen, Pulverhörner, Schrotbeutel, bildeten an der Wand ein von einem geschlossenen Helm gekröntes Tableau, dessen Devise eben nicht lautete „der Friede sei mit Euch.‟

Mit stummer Verbeugung erwiederte er Arnold’s Worte: „Ich erfülle den Auftrag einer Dame, indem ich diesen Brief persönlich übergebe‟ -- erbrach das Siegel, durchflog die Zeilen, und wie groß auch seine Herrschaft über jedes Zeichen seiner Empfindungen war, verrieth doch der Schatten, der über die Stirn flog, daß die runden Schriftzüge verwundende Spitzen für ihn hatten. --

Wenn Arnold, welchem trotz seiner Jugend eine bloße äußere Erscheinung nicht leicht imponirte, von jener des Barons einen Augenblick beherrscht war, als ihm dieser im ganzen Nimbus entgegentrat, welchen die zufällige Aehnlichkeit mit dem alles Erhabenste verkörpernden Urbilde über seine hohe Gestalt verbreitete, so fand er bei dessen Kälte, und namentlich beim Anblicke des Waffentableaus, seine ganze Haltung wieder, und fühlte sich eben als Mann einem Manne gegenüber. --

Sembrick setzte sich, den Brief weglegend, in seinen Lehnstuhl, wies Arnold einen nebenstehenden und begann: „Die gemeinschaftliche Bekannte, welche ich meinerseits eine theure, hochverehrte Freundin nennen darf, spricht den Wunsch aus, daß wir einander kennen lernen, und es kann mir nur zum Vergnügen gereichen, ihn zu verwirklichen. Es könnten, wie ich ihre Lage kenne, Verhältnisse eintreten, die ein Zusammenwirken ihrer wahren Freunde erwünscht machen, und sie scheint in diesem Sinne auf Sie zu zählen.‟

„Ich halte es für meine Pflicht, zu bemerken, -- sagte Arnold -- daß ich bisher nicht in der Lage war, das Vertrauen dieser Dame zu rechtfertigen, daß aber, wenn der feste Entschluß hierzu die Grundlage der von ihr gewünschten Bekanntschaft sein kann, ich mit Freude die Hand dazu biete.‟

Es war gut, daß Arnold das Handbieten nicht wörtlich gemeint und die seinige nicht bewegt hatte, denn die Rechte des Barons blieb in der Brusttasche stecken, als er sagte: „Das Schicksal dieser Frau ist allerdings ein solches, welches jeden Mann von Herz und Ehre zur Theilnahme bewegen muß. Es fragt sich eben, ob Ihr Entschluß aus der Kenntniß der Verhältnisse, was ich bezweifle, oder aus der ihrer Person hervorgegangen.‟ --

„Mag bei Ihnen das Eine, bei mir das Andere der Fall sein, -- war Arnold’s Antwort -- so wird das Ergebniß dasselbe sein, sobald wir uns +offen+ über Dasjenige verständigen, was gethan werden soll, um in unglückliche Verhältnisse helfend einzugreifen.‟ --

„Es handelt sich hier um +etwas mehr+. Ich brauche nicht zu sagen, daß der Eindruck Ihrer Persönlichkeit auf mich vollkommen dem Sinn dieser Zeilen entspricht. Allein, -- Sie werden einem Manne, durch dessen Hände in einem bewegten Leben viele Angelegenheiten der schwierigsten und vertrautesten Art gegangen sind, zu Gute halten, wenn sein Gang ein wenig rascher ist als der einer jungen Frau. Ich verreise heute für einige Tage und behalte mir vor, Sie nach Beseitigung einiger Hindernisse mit Dingen bekannt zu machen, für welche wohl der Rahmen unseres ersten Gespräches zu eng wäre. Ich werde auf Sie als einen Gentleman im vollen Sinne zählen können.‟

Arnold konnte durch sein rasches Aufstehen kaum dem des Barons zuvorkommen; er richtete sich vor diesem mit allem Stolz, der ihm zu Gebote stand, auf, und sagte: „Ich +hoffe+, mich des Gleichen zu Ihnen versehen zu dürfen, Herr Baron, und in dieser Voraussetzung werde ich Vorschläge zur Mitwirkung für eine gute Sache bereitwillig empfangen.‟

Der Baron neigte den Christuskopf schweigend mit einem kalten Lächeln und abermals war, wie am rothen Kreuze, eine Geisterbrücke zwischen zwei Augenpaaren aufgebaut, -- aber die beiden Seelen am Ende derselben standen einander gegenüber, wie zwei mit gezogenen Kanonen bespickte Brückenköpfe.

Als die schweren Thürvorhänge wieder zwischen ihnen lagen, nahm Sembrick Juliens Brief wieder zur Hand und ein innerer Vulkan schien die künstlichen Eisfelder auf den ausdrucksvollen Zügen zu schmelzen, als er die Zeilen wiederholt überlas. Sie lauteten: „Ich wünsche, daß Sie mit dem Ueberbringer, Arnold, dem Sohne des Besitzers von Korbach, bekannt werden. Ich darf nach dem, was ich durchlebt, auch mit meinen einundzwanzig Jahren von Menschenkenntniß reden, und sage Ihnen, daß er ein Mann ist, auf den Sie zählen können. Wenn Sie des letzten Gespräches zwischen uns gedenken, wo Sie ausriefen: „Nur noch Eine treue, verläßliche Hand!‟ ohne sich näher über das, was Sie für mich ersonnen, zu erklären, so werden Sie meine Zeilen vollkommen begreifen. Man sieht auf den Grund eines tiefen Wassers, wenn es rein ist. Das seichte gilt oft für tief, wenn es trübe. Wozu ich eine Stunde gebraucht, dazu wird Ihrem Blick eine Minute genügen.‟ --