Dissolving Views: Romanfragmente von Leo Wolfram.

Part 3

Chapter 33,454 wordsPublic domain

Er überblickte die Gesellschaft. Auf dem Ecksofa am Theetische war Reiland um eine blonde junge Frau beflissen, welche ihm zerstreut zuhörte und die lebhaften Augen klug und beobachtend von einem Mitgliede der Gesellschaft zum andern fliegen und nur manchmal auf ihrer Häckelarbeit ruhen ließ. Ihre Gestalt und Haltung machte den Eindruck der Selbstständigkeit und Entschiedenheit, welcher durch weiche, schöne Züge gemildert wurde. Das Fauteuil neben ihr besetzte ein Herr, in dessen Zügen nebst der entschieden günstigsten Meinung von sich selbst, auch die Kurse von Kredit und Nordbahn zu lesen waren. Er demonstrirte irgend Etwas mit großer Lebhaftigkeit einem vor ihm stehenden Husaren-Obersten und einem dürren, scharf und falsch blickenden Geistlichen. An einem Seitentischchen im Journal lesend, saß Knorr in einem, dem riesenhaften schwarzen Holofernes-Kopfe zur besondern Folie dienenden weißen Drill-Anzuge --, das Höchste, was er an „Staat‟ entwickelte, wenn es galt zu repräsentiren, wie bei den seltenen Besuchen, womit er, und zwar erst in neuerer Zeit, den Kollmann’schen Salon beehrte. Ihm gegenüber der Hofrath, blaß und in sich zusammengeschrumpft, mit Bleistift in seine Tablettes schreibend. Zwei schöne Mädchen von etwa sechszehn und achtzehn Jahren schwätzten mit einigen jungen Leuten, deren Schablonengesichter durch die Gebirgstracht, die sie zum Freinhofbesuch angelegt, noch unbedeutender als gewöhnlich erschienen.

Einen Augenblick fühlte sich Arnold von der ganzen fremden Welt, die ihm durch die leichten Vorhänge entgegenglänzte, so abgestoßen, daß ihn der Gedanke anwandelte, auf seine Zimmer zu gehen, einen Brief mit Dank und Lebewohl an Julie zu schreiben, und dann -- die Reisetasche gepackt -- in die Nacht hinaus -- über die Föhrleiten zum Bahnhofe... Der Abend sollte dann ein für sich bestehendes Bild, das mit seinem früheren und späteren Leben nicht zusammenhing, sollte nur die letzte und schönste seiner Reiseerinnerungen bleiben.

Doch fühlte er schnell das Unpassende eines solchen Benehmens. Hätte er sich mit gewohnter Gewissenhaftigkeit befragt, so hätte die Antwort gelautet: du bleibst nicht weil das Gehen unpassend ist, sondern weil du sie nochmals sehen willst.

Er trat ein; die Gesellschaft ohne sie schien ihm ein Wachsfigurenkabinet. -- Nach leichter Erwiederung seines leichten allgemeinen Grußes kümmerte sich Niemand um ihn, außer Knorr, welcher aufstand, ihn in ein Fenster zog und sagte: „Studiren Sie sich die Gesichter und sagen Sie mir aufrichtig, welches Ihnen das unausstehlichste wäre.‟ Arnold lächelte und entschied für den Geistlichen. „Ins Schwarze getroffen! -- sagte Knorr. -- Uebrigens wird noch der Herr des Hauses in der Nacht erwartet.‟ --

Jetzt flog die Thür des Boudoirs auf, und im hellblauen Kleide, rothe Mohnblumen im Haar, trat Julie herein, mit leichtem elastischen Schritte, ein strahlendes Lächeln um die frischen Lippen, Rosenflammen auf den Wangen, Liebreiz und frohes Leben in jedem Zuge des Gesichtes, jeder Wellenlinie der Gestalt, und das Siriusfeuer ihrer Augen durchflog elektrisch den Kreis, der sich um sie zusammendrängte.

In den ersten drei Minuten waren auf jeden der Anwesenden von der Springflut ihrer Begrüßungsworte einige Tropfen gefallen: Jeder mochte das Gefühl des Bevorzugtseins haben. Eine Umarmung der blonden Frau, ein Handreichen an den Obersten, den Banquier und Knorr, eine für den feineren Beobachter fast ironische Verbeugung vor dem Geistlichen, zwei Küsse auf die beiden Mädchenstirnen -- -- das folgte einander in leichtem Fluge, wie wenn der Wind die Blüten vom Baume weht. -- Und nun klangen die Stimmen in jenen Chor zusammen, welchen manchmal eine Gesellschaft in dem Moment anstimmt, wo ein Alle gleichmäßig berührender Gegenstand wie das heutige Gewitter und die Wechselfälle der Seefahrt sich darbietet, den nun Alle wie einen Ballon aus den Raquettes des Gespräches umherfliegen lassen und dem Nachbar zuwerfen, bis Jeder sein ~heureux mot~, seine Frase los geworden.

Julie durchbrach den Kreis, ging auf Arnold zu und führte ihn an der Hand zum Sofa mit den Worten: „Wir haben heute zusammen die Launen eines treulosen Elementes getragen, nun bleiben Sie mein Nachbar und ruhen Sie hier im Genusse, den jedes überstandene Leiden gewährt.‟ --

Arnold, der um die Welt gern wieder auf dem treulosen Elemente gewesen wäre, entgegnete: „So erquicklich auch die jetzige Lage, so wüßte ich doch nicht, daß sie vor jener, die Sie als überstandenes Leiden betrachten, für mich einen andern Vorzug hätte, als den, Sie selbst in schöner, behaglicher Sicherheit zu sehen.‟

„Nun müssen Sie noch dazusetzen -- sagte Julie, daß für den Mann der Kampf mit den Fluten beglückender ist als der Frieden am Samovar, und beidem ist genügt, sowohl der Galanterie, die Sie im Westen gelernt, als dem Stückchen Nordlandsrecke und Junker Frithiof, das Sie aus der Heimat mitgenommen und, in seiner besten Bedeutung, wieder zurückgebracht haben.‟ --

„Wie kann man einen so traurigen Namen haben? wer heißt doch Friedhof!‟ rief der Banquier Hr. v. Wörlitzer aus; und da gewisse Fragezeichen auf der Stirn des Obersten und des Hofraths verriethen, daß auch sie sich nicht in der Lage befanden, das Mißverständniß zu lösen, so nahm Reiland das Wort und sagte: „Herr von Plomberg, der Mann des Schwertes, ist durch seine Thaten auf dem Schlachtfelde der Verpflichtung enthoben, die erdichteten der alten +Germanen+ zu lesen, und sowohl der Herr Hofrath, als Herr von Wörlitzer, der Mann des allbeherrschenden Goldes, dürften bei ihren reellen Geschäften kaum Muße finden, sich mit den Nebelbildern altdeutscher Poesie zu befassen.‟

„Gehorsamer Diener, rief der Oberst, meinen Sie vielleicht die Thaten im letzten Feldzug, wo mein Regiment immer da stand, wo es kein Mensch brauchte? In den Stunden unsers müßigen Zuschauens, wo wir uns nicht rühren durften, wenn unsere Leute unter unsern Augen zusammengehauen wurden, hätte ich den ganzen Junker Friedhof oder wie er heißt zehnmal auswendig lernen können!‟ -- Das Gesicht, welches Knorr bei Reilands vermittelnder Anrede aufgezogen hatte, läßt sich nicht beschreiben. „Da haben wir das tägliche Brot, die Politik,‟ brummte er vor sich hin.

* * * * *

Und so kam es auch. In wenigen Minuten hatte sich das Gespräch der Tagesfragen bemächtigt und trug den Charakter jener allgemeinen Verstimmung und Gereiztheit an sich, welcher seit dem letzten Friedensschlusse auch die konservativsten Elemente ergriffen hatte. Der Oberst, der Geistliche, der Banquier, der Hofrath konnten als Vertreter der Stände gelten, welche die Grundpfeiler des Bestehenden vorstellen, aber Alle waren darüber einig, daß die öffentlichen Zustände beklagenswerther geworden als je, mit dem Unterschiede, daß der Soldat und der Geistliche das Heilmittel in einem entschiedenen +Rückwärts+ erblickten, -- der Banquier in einem entschiedenen +Vorwärts+, während der Hofrath zwischen den Kontrasten durchlavirte.

Besonders lebhaften Antheil nahm die blonde junge Frau, welche, als dieses Thema auftauchte, in kurzen scharfen Sätzen die Meinungen zusammenfaßte, und den beurtheilten Personen und Verhältnissen jene schonungslosen Bezeichnungen gab, welche die Standeskonvenienz den Männern verbot. Das Gespräch durchlief seine natürlichen Stadien der Gährung und endigte, wie all’ die Tausende seinesgleichen, mit dem Refrain: „So kann es nicht bleiben.‟

Bald nach Beginn desselben hatte Julie sich erhoben, Arnold gewinkt ihr zu folgen und ging mit ihm in den Musiksalon, wo sie sich in eine Causeuse in der Fensterecke setzte.

„Wir sehen uns +nun+ erst eigentlich +wieder+, -- begann sie, denn bei der Gesellschaft draußen waren Sie mir so ferne als in Ihrem Zimmer im Fremdenflügel. Waren Sie denn nicht überrascht, fuhr sie lächelnd mit Selbstironie fort, mich als Rose wiederzufinden, nachdem Sie mich als Lilie verlassen hatten?‟

„Ich gestehe, daß entweder die natürlichen Umwandlungen Ihres Wesens wunderbar rasch vor sich gehen, oder daß Sie eine, ich möchte sagen, übermenschliche Kraft besitzen, um so zu scheinen -- -- denn was kann eine Frau, welche angegriffen, leidend, nach einer bestandenen Lebensgefahr zurückkehrt, bewegen, eine Stunde später eine solche Fülle von geselliger Liebenswürdigkeit zu entwickeln, während ihr vielleicht die Einsamkeit ein Labsal wäre, -- und einen Frohsinn -- verzeihen Sie mir den Ausdruck, -- zur +Schau+ zu tragen, der Sie, wenn ich nach dem Eindruck der kurzen Seefahrt über Ihr Wesen urtheilen dürfte, ein Opfer kostet, -- -- das Diejenigen, denen es gebracht wird, kaum zu erkennen scheinen?‟

Julie sah ihn überrascht, -- sinnend, -- erfreut an und sagte:

„Genug, ich +besitze+ diese Kraft; was mich bewegt, sie anzuwenden, wird Ihnen so wenig ein Räthsel bleiben, als meine befremdende Frage auf der Heimfahrt.‟

„Ein Räthsel ist mir der ganze heutige Abend, von dem Augenblicke an, wo ich Sie am Felsenufer begrüßte, bis zum jetzigen. Der Freinhof selbst war ja wie ein Märchen vor mir aufgetaucht an einer Stelle, von welcher mir, als ich sie vor Jahren betrat, nur das Bild der tiefsten Einsamkeit und Abgeschiedenheit geblieben. Ihre Worte aber, aus der Luft des freundlichen Scherzes in geheimen Tiefen tauchend, klingen mir, wenn auch als +ungelöste+ Räthsel, in der Seele nach, und werden mich begleiten, wohin mich das Leben auch führe. Eine Unwahrheit wäre es aber, wenn ich sagte, daß der Eindruck, den ich mitnehme, ein froher, glücklicher ist. Sie sind beides +nicht+.‟

„Arnold!‟ erwiederte sie, und ihre duftigen Locken berührten fast seine Wange -- „ich spreche zu Ihnen, wie keine Frau vor mir zu Ihnen gesprochen, vielleicht keine sprechen wird. Ich vertraue Ihnen, weil die Wahrheit selbst ihre Gestalt der Lüge geborgt haben müßte, wenn aus Ihren Augen ein falsches Gemüth blicken könnte. Ich sage Ihnen, ich +weiß+, daß Sie den Freinhof, daß Sie mich nicht vergessen werden, -- weiß, daß wenn ich einen Beweis dieses Gedenkens, selbst ein Opfer von Ihnen forderte, Sie mir Alles verheißen, Alles erfüllen würden.‟

Arnold war, wie ein im Blumenduft Schlummernder, betäubt: das war wieder der tiefe in der Seele nachzitternde Ton der Stimme -- waren wieder die langsam, in spannenden Zwischenräumen einander folgenden Worte.

Sie neigte sich im Sprechen zu ihm, und der reiche Flor der wundervollen Formen lag warm mit mattem Glanze vor seinen verwirrten Augen. -- --

Er fand keine Worte als die Bitte, jenen Beweis, jenes Opfer zu nennen!

Sie erwiederte: „Die Zeit, wo Sie Ihr Wort erfüllen, wird kommen! -- -- Wenn ich Sie errathe, so kann Ihnen in der Gesellschaft, zu der wir nun zurückkehren, nicht heimisch zu Muthe sein; wenn Sie sie verlassen, nehmen Sie von Niemandem Abschied; es wird, wie es hier gehalten wird, Keinem auffallen. Den Brief, den ich Ihnen hier gebe, sind Sie so freundlich, in der Stadt an seine Adresse zu geben. Und nun, da Sie vor Tagesanbruch über die Höhe wollen -- sagen wir uns hier Lebewohl, -- auf Wiedersehen!‟

Ihre Hand hatte während des ganzen Gespräches in seiner geruht; sie zog sie bei den letzten Worten zurück, stand schnell auf, und im nächsten Augenblicke schlugen die Wellen der Gesellschaft über die Blumenauen zusammen, welche für Arnold mit Zauberschnelle erblüht waren in der tropischen Wärme des Gespräches im matt erleuchteten Musiksalon -- -- in welchem wohl noch keine Melodie einen Hörer mächtiger ergriffen haben mochte. -- -- --

Sie tönte fort durch die stille Nacht, als er in seinem Gemache am Fenster stand und auf den dunkeln See hinaussah.

Hell flammten die Lichter im Schweizerhause. Es war ihm peinlich, sich diese Gesellschaft als Rahmen des Bildes zu denken, das ihn erfüllte.

Er dachte sich’s am rothen Kreuze, mit einem Kranze von Alpenrosen. --

Ein rollender Wagen und Stimmen verkündeten die Ankunft des Besitzers des Freinhofes. -- -- --

Erst lange nachdem jedes Licht verlöscht und jeder Laut verstummt war, legte sich das Gewölk des Traumes um Seele und Sinne, die Bilder des Abends mit weichem Schmelz verklärend, -- wie der Goldnebel am See die Gestalt der -- Geliebten? --

[1] Krummholz.

Der Taschenteufel.

Sechs Stunden nur liegen zwischen dem Augenblicke, wo Arnold von der jäh aufsteigenden Bergstraße den letzten Blick nach dem Freinhof geworfen, welchen der weiße über Thal und See liegende Morgennebel nach wenigen Schritten seinen Augen verhüllte, -- und zwischen jenem, wo er in der Hauptstadt aus der Halle des Bahnhofes tritt, um sich in den nächsten Wagen zu werfen, da er in seiner Gebirgstracht auch nicht die wenigen Straßen durchwandern will, die ihn von seiner in der hochgelegenen Vorstadt nächst dem Bahnhofe befindlichen Wohnung trennen.

Sein Diener kniet nun vor dem bereits seit einigen Tagen vorausgeschickten Reisekoffer, reicht ihm Stück für Stück in die Hand und nach einer Stunde ist Alles geordnet, jedes Ding an der Stelle, die es einnehmen soll, und so lange er in dieser Wohnung bleibt, einnehmen wird, und die ganze Einrichtung des kleinen Salons, des Schlafzimmers und Arbeitskabinets gewährt ein wohlthuendes Bild der Nettigkeit, Einfachheit, des Praktischen und Zweckmäßigen.

Nun fährt er nach der Fabriksniederlage in der Stadt, wo er von alten und jungen Bediensteten, vom Geschäftsführer bis zu den Knechten in den Magazinen, mit achtungsvollen Freudenbezeigungen empfangen wird, und sich mit Ersterem aufs Comptoir begiebt, wo er in Büchern und Korrespondenzen arbeitet, -- Bestellung von Aufträgen seines Vaters an Geschäftsfreunde, -- ein schnelles Mittagsmal in einem Hotel, Besuche in zwei Maschinenfabriken, bei alten Bekannten seiner Familie und bei Freunden, welche er mit Ausnahme dessen, nach welchem er sich am meisten gesehnt, alle zu Hause trifft, haben die zweite Hälfte des Tages in Anspruch genommen, und er kehrt in seine Wohnung zurück und setzt sich ans Schreibpult, um dem Vater und der geliebten Schwester Helene den ersten Gruß aus der Residenz zu senden.

Und diese zwölf thätigen, wechselvollen Stunden hatten die Bilder des vorigen Abends mit mehr Schleiern bedeckt, als eben so viele Tage eines einförmigen unbeschäftigten Lebens vermocht hätten.

Wer hat nicht die Erfahrung gemacht, daß am zweiten oder dritten Reisetage eine Woche zwischen diesem und dem Abschiede von der Heimat zu liegen scheint, -- daß ebenso die Eindrücke der Reise von denen, welche den Rückkehrenden umfangen, schnell in eine gewisse Ferne gerückt werden?

Mächtig hatte das eigenthümliche, wie mit magnetischen Strichen bezaubernde Wesen der reizenden jungen Frau auf Arnold gewirkt. Aber seine gesunde jugendliche Kraft kannte keine Schwelgerei in einem Gefühle um des Gefühls willen: er goß in eine Flamme, die in ihm aufzuckte, weder Oel noch Wasser. So viel natürliche Nahrung sie in seinem Innern vorfand, so lange eben brannte sie und so helle.

Schon auf dem drei Stunden langen Wege über das Gebirge in der Morgenfrische milderte sich das schmerzliche Gefühl, womit er, aus seinem Zimmer tretend, zur Gardine des Eckfensters im Schweizerhause hinaufgeblickt hatte.

Die Reise hatte seinen Blick erweitert, seine edelsten Kräfte entwickelt und nun war der Augenblick gekommen, wo das Sistem sich bewähren sollte, welches sein Begleiter, Sprenger, der treffliche, kluge Freund seines Vaters, befolgt hatte, als er es sich zur Aufgabe gemacht, der Mentor des jungen Mannes zu sein, ohne es zu scheinen.

Er hatte keinen Sumpf und keine Giftblume vor ihm verhüllt; -- aber den Sumpf durch kalte ruhige chemische Analise in seine ekelhaften Bestandtheile aufgelöst, die Giftblume vor den Augen des Jünglings botanisch zergliedert, medizinisch ihre zerstörende Kraft erwiesen, ohne Duft und Farbenpracht wegleugnen zu wollen.

Wohl wußte er, daß ein jugendlich heißes Blut weder durch Reflexionen noch moralische Abschreckungstheorien zu kühlen sei; er eiferte nicht gegen Weiber, nicht gegen Liebe, ja nicht einmal gegen +Sinnen+liebe, sondern suchte vor Allem in seinem Telemach jenen Stolz zu entzünden, der vor Wegwerfen seiner selbst und vor +Zersplitterung+ bewahrt.

Mit klaren Worten gerade aufs Ziel losgehend, mochte er sagen: „Die Gelegenheit, durch Handeln den höhern Platz, der deinen Kräften gebührt, einzunehmen, dich +positiv+ auszuzeichnen, ist dir nicht +immer+, ist dir +jetzt+ nicht geboten: aber +negativ+, durch Unterlassen, dich vor den meisten deines Alters auszeichnen, das kannst du immer; -- liebe, wenn dir die Rechte begegnet, mit ganzer Seele und ganzem Sinne, aber niemals soll dich Eine haben können bloß deswegen, weil sie dich haben will, und wäre sie die Reizendste ihres Geschlechts. -- So wenig der Mann sich „heirathen lassen‟ soll, so wenig soll er sich „verlieben lassen.‟ -- Kurz du darfst nicht Mittel eines Weiberzweckes werden, sei dieser Zweck die Befriedigung einer Seelenschwärmerei oder eines Sinnenverlangens. -- Liebe Eine, +welche+ dich liebt, aber nicht, +weil+ sie dich liebt. -- Du wirst Derjenigen, die dich erfüllen und fürs Leben beglücken kann, nicht begegnen, ohne dich früher mehr als einmal getäuscht zu haben, das heißt du wirst nicht heirathen, ohne vorher ein Paar Narrheiten zu begehen, aber es seien wenigstens selbstständige, aktive Narrheiten, kein „halb zog sie ihn, halb sank er hin‟ -- kein passives Aufgehen in einer begehrlichen Laune einer Erfahrnen, welche an deinem frischen unverdorbenen Wesen die überreizten Nerven kühlen will, wie eine von der Mysterien-Literatur Uebersättigte sich plötzlich in „Dorfgeschichten‟ und „Zwischen Himmel und Erde‟ stürzt.‟

Sicherlich gibt es keine Erziehungskunst, welche bloß durch aufgeführte Dämme eine junge Saat vor Ueberflutungen zu schützen vermag. Ein weiblicher Blumengarten mag auf solche Art eine Weile bewahrt werden: das männliche Schlacht- und Erntefeld ist nur sicher durch seine +Höhe+. Gelingt es nicht, das ganze Niveau des innern Menschen zu heben, so sind alle Dämme, die bald da bald dort durchbrochen werden, nutzlos.

Arnolds inneres Terrain war keine flache Niederung. Die gefährlichen Wasser, die ihn einige Monate hindurch in Paris und London umspülten, reichten nicht hinan. Der vorhergegangene, Geist und Körper stärkende Aufenthalt im Cockerill’schen Etablissement zu Seraing, wo Arnold, wie viele andere junge Männer aus guten Häusern, in der Blouse des Arbeiters in den Maschinenwerkstätten gehämmert und in den übrigen Stunden Sprachen und wissenschaftliche Studien betrieben, -- hatte ihn an Kraftentwicklung und an den Genuß des Schaffens gewöhnt. Sprenger gab sich nie, am wenigsten in Paris, den Anschein ihn zu überwachen, behielt ihn aber fortwährend im Auge, und hatte die Befriedigung, ihn aus Versuchungen unbefleckt hervorgehen zu sehen.

Er stellte sich aber die Frage: „Vielleicht +waren+ es für ihn keine Versuchungen?‟

Wenn er sah, wie die Wange des jungen Mannes nicht nur beim Anblick eines großen echten Kunstwerkes sich höher färbte, sondern auch in der mit allem Sinnenreiz durchdufteten Atmosphäre der Oper, wie sein Auge nicht nur vor Laroche’s Napoleon, sondern auch vor Winterhalter’s Florinde aufflammte, so sicher er auch den innern Werth beider Bilder zu beurtheilen vermochte, so mußte sich Sprenger sagen: „er scheint nie anders als er +ist+, und wenn er das ganze hohe und niedere Lorettenthum an sich vorübergehen läßt, ohne durch einen Blick zu verrathen, daß es ihn reizt, so +hat+ es ihn eben nicht gereizt. -- Für dieses Wasser liegt er schon zu hoch. Ob nur für +dieses+?‟

Die Zukunft allein konnte es beantworten: Sprenger hatte seine Aufgabe erfüllt und seinen geliebten Arnold so blühend und rein, so reizbar und offen, nur ernster und kenntnißreich in das Korbachthal zurückgeführt an das Herz des Vaters und konnte diesem sagen: „Laß ihn nun allein gehen: führen können wir ihn nicht weiter.‟

Und nach drei im Schoße der Familie zugebrachten Tagen schlug Arnold, die kurze Fußreise durch das langentbehrte Gebirge vorziehend, den Weg ein, auf welchem wir ihm begegnet haben, und schritt im frohen Gefühle einer thätigen, ein bestimmtes Lebensziel verfolgenden Jugendkraft dahin.

Sumpf und Giftblumen lagen wohl tief unter ihm.

Aber ein kristallreiner Gebirgssee, -- und eine weiße Wasserlilie --? -- -- -- --

-- -- Der Brief nach Korbach war geschlossen und abgesendet. Arnold wollte spät am Abende seinen geliebten Freund Günther, den er verfehlt hatte, nochmals aufsuchen, als dieser bei ihm eintrat.

Ein gleiches Gefühl durchdrang beide bei der ersten innigen Umarmung -- ein sehr ungleiches, als sie einander beim hellen Lampenschimmer betrachteten. Während Günther freudig ausrief: „Du bist ja ein ganz prächtiger Junge geworden!‟ vermochte der Andere kaum den Schmerz zu verbergen, womit er in Günthers lebhaften, ausdrucksvollen Zügen jene Linien entdeckt hatte, welche gleichsam der Abdruck des Netzes sind, das eine unerbittliche Macht über ihr auserkornes Opfer geworfen. Nur die Stunde, wann es zusammengezogen wird, ist ungewiß; die Fäden sind unzerreißbar.

Reiseerzählungen und die Mittheilungen Günthers über Verhältnisse und gemeinschaftliche Bekannte in der Residenz füllten ein Paar Abendstunden. -- Die heitere, sprudelnde Laune des Letzteren hatte gleichwol nichts von jener überreizten, verzweifelten Lustigkeit an sich, welche manchmal einen dem Tode Geweihten, seines Zustandes Bewußten, ergreift. Sie war ihm natürlich, und daß sie durch Vorstellungen, welche sie in vielen Andern gebrochen hätte, nicht einmal getrübt wurde, war das Ergebniß eines vollkommenen „mit sich Fertigseins.‟ --

Das Band zwischen den Freunden war so fest geschlungen, -- sie hatten sich mit ihren Eigenthümlichkeiten so vollständig in einander aufgenommen, daß sie nach der Trennung von vierzehn Monaten, so zu sagen im Buche ihrer Freundschaft ohne Nachblättern da weiterlesen konnten, wo es aufgeschlagen liegen geblieben war.

Arnold erzählte seine Reise zwar in natürlicher chronologischer Folge, langte jedoch unverhältnismäßig schnell im Freinhofe an. Er malte so ruhig und objektiv als möglich, nicht um vor dem Freunde ein halbes Geheimniß zu bewahren, sondern weil er kein ganzes zu haben glaubte. Nachdem er ihm die Aufschrift des Briefes, den ihm Julie gegeben „an Freiherrn Edmund von Sembrick‟ gezeigt, welchen er heute nicht bestellt hatte wegen des Beisatzes „von 9 bis 10 Morgens zu treffen‟ -- schloß er mit den Worten: „Nun hast du Alles!‟ -- worauf Günther erwiederte: „Was habe ich? Nichts hab’ ich. Lieber Freund, den Abend im Freinhof, über den du jetzt in Worten, die eine halbe Stunde dauerten, +geschwiegen+, den mußt du mir erst erzählen.‟

-- „Ich habe dir Alles gesagt.‟

-- „Ja, Schifffahren, Stranden, Landen, Hutschwenken, Theetrinken, kurz wo sie hingegangen sind, was sie gethan haben, etwa noch was die Welt dazu gesagt hätte -- das habe ich Alles bekommen. Was dein +Herz+ dazu gesagt hat, das hast du weggelassen. -- Ich bitte dich zu bemerken, daß du in deiner Geschichte nur eine halbe Stunde gebraucht hast, um über Brüssel, London und Paris in den Freinhof zu gelangen, und dann gerade eben so lang vom rothen Kreuz bis in die Fensterecke im Musikzimmer. Sei also so gut und rücke heraus, nach unserm alten Gelöbniß, uns nie Etwas +nachträglich+ zu vertrauen!‟