Dissolving Views: Romanfragmente von Leo Wolfram.
Part 22
Nach demselben begaben sich die Gäste in den Garten, wo die Vorbereitungen für die Bewirthung der Arbeiter nach dem Abendsegen getroffen wurden. Ehe Letzterer begann, hatten die Slowaken wieder einen Theil der Kirche und den Platz am Eingange gefüllt. -- Sie begingen keine einzige offensive Handlung. Sie +waren nur da+. Wo ein Anderer gehen und stehen wollte, da ging und stand ein Slowak. Ohne zu Thätlichkeiten zu schreiten, drückte und schob man sie aus dem Wege, aber die Trägheit der Masse, die bei alle dem von einer unsichtbaren Hand geleitet schien, gewann immer die Oberhand, und die Korbacher konnten ihrer neugeweihten Kirche nicht froh werden.
Als der Gottesdienst vorüber war, begaben sie sich über die Brücke nach dem Park, und nahmen an den Tischen Platz. Die Fremden aber schienen ihre Andacht über Nacht fortsetzen zu wollen. Es ist dies übrigens Nazionalsitte; wer jemals Gelegenheit gehabt dieses Volk in seinen überirdischen Beziehungen zu beobachten, wird gefunden haben, daß seine Andacht sich nicht mit dem Maße der übrigen Christenheit mißt. Die Kirche ist an Feiertagen sein Bivouac, -- es liegt und steht stundenlang darin, geht ein wenig heraus, ißt und trinkt, -- dann wieder hinein, bis in die Nacht. -- Nun breiteten sie ihre Kotzenmäntel auf den Boden, lagerten sich und packten wieder mitgenommenen Proviant aus.
Korbach’s Arbeiter waren von ihnen durch die Brücke und die Umfriedigung des Parks getrennt, in welchem sie an den langen Tischen saßen, zwischen denen der Gutsherr ab und zu ging, mit den Leuten freundlich sprechend, und beständig die Fremden im Auge behaltend. -- Die Protestanten und Katholiken saßen gemengt, die gespannte Stimmung begann einer fröhlichen zu weichen und man kümmerte sich nicht um die Slowaken. Plötzlich stimmten diese auf ein Zeichen Morawski’s eines ihrer Jammerlieder an. -- Ein Murren antwortete. -- Korbach gebot den Seinen Ruhe, fand Gehorsam, befahl aber dem Wächter, das Gitterthor nach der Brücke zu schließen.
Nun war das Lied geendet und man sah die Sänger sich erheben und wie zum Abzuge ordnen, woraus keineswegs zu schließen, daß sie gingen. -- In diesem Augenblicke wiederholte der Hammerknecht, welcher das „Vivat Korbach‟ beim Abschiede des Domherrn provozirt hatte, diesen Ruf, und in der nächsten Minute scholl es vom Kirchenplatze mit dem vollen Kraftaufwande sämmtlicher slowakischer Lungen herüber: „~Zivio Gospodin +Kollmann+!~‟[2]
Die Arbeiter fuhren schreiend von den Sitzen empor -- Korbach schlug mit voller Kraft mit dem Stocke auf den Tisch und nochmals dämpfte sein donnerndes: Ruhe! den Aufruhr -- aber bereits war ein Stein aus dem Park über die Staketen geflogen und hatte einen Slowaken an den Kopf getroffen.
Morawski schien seine Leute mit eiserner Gewalt zu beherrschen, denn das angestimmte Geheul verstummte augenblicklich wieder, und nun rief er vortretend, gegen das Gitter hin: „Die Beleidigung frommer Wallfahrer, welche beten, während Andere trinken, wird ihre Richter finden! Wir ziehen ruhig ab, haben Niemanden beleidigt, aber es wird uns auch Niemand verwehren, +unsern+ Brotherrn leben zu lassen, wie Andere den +ihrigen+, darum nochmals: ~Zivio +Kollmann+!~‟
Der Ruf war noch nicht verklungen, so war dem Wächter der Schlüssel entrissen, das Thor geöffnet, und die von Wein und Zorn glühenden Arbeiter stürzten wie ein Wildwasser, das den Damm durchrissen, heraus, über die Brücke auf die zusammengedrängten Fremdlinge. Korbach’s Ruf ward überschrien, er vermochte nur mit äußerster Anstrengung in die vorderen Reihen der Seinigen zu gelangen, allein während er die Nächsten zurückwarf, setzten die Andern, vom Dunkel begünstigt, auf allen Seiten ihr Rachewerk fort. Die Slowaken waren stämmige, kraftvolle Leute, vermochten aber der überlegenen Anzahl der eben so kräftigen Hammerleute und Schmiede, denen sich auch die Bauern anschlossen, kaum einige Minuten zu widerstehen, und wurden in einem verworrenen Knäuel mit unglaublicher Schnelligkeit die Straße hinabgetrieben, unter einem Hagel von Fausthieben auf ihre runden Hüte und breiten Rücken, -- und buchstäblich aus dem Orte hinausgeworfen.
Korbach hatte nun das ganze Aufsichtspersonale um sich vereinigt und es gelang ihm, der Verfolgung Einhalt zu thun, -- jeder der Vorgesetzten wußte rasch und energisch die ihm unmittelbar unterstehenden Arbeiter zu sammeln, die Ordnung ward so schnell hergestellt, als sie gestört worden. Der Fabrikherr verkündigte strenge Untersuchung und Bestrafung derer, die zuerst angegriffen, schickte alle in die verschiedenen Werkstätten zur Nachtarbeit und besichtigte mit Einigen von der Gemeinde das Schlachtfeld, welches mit Hüten und abgerissenen Kleidungsstücken der Vertriebenen bedeckt war. Zwei Slowaken lagen schwer verwundet an der Kirchenmauer und wurden nach dem Herrenhause gebracht, wo sie den Händen des Arztes der Fabrik übergeben wurden.
Während dieß geschah, kam Morawski mit einem Begleiter zurück, näherte sich Korbach und sagte ruhig, er komme, für’s Erste, um die zurückgebliebene Kirchenfahne der Wallfahrer zu holen. Sie wurde beim Laternenlicht gesucht, und fand sich, die Stange zerbrochen und das Tuch zerrissen. -- Morawski übergab sie seinem Begleiter, welcher damit fortging und erklärte, sofort seine Aussage über das Vorgefallene vor der Gemeinde-Obrigkeit zu Protokoll geben zu wollen.
Das Ansinnen war nicht zu verweigern. Korbach, der ihn keines Wortes würdigte, ging ins Herrenhaus zurück, Morawski aber nach dem Ortsgerichte, wo er vor dem Richter und Geschwornen seine Aussage niederschrieb und unterzeichnete. Nachdem er sich noch überzeugt, daß die beiden Verwundeten sich in guter Pflege befänden, entfernte er sich und trat mit den Seinigen den Rückmarsch an, mit dem Gefühle der vollsten Befriedigung über seine Leistung.
Kollmann hatte gut gewählt, -- Morawski seine Aufgabe in politischer und strategischer Beziehung so gut gelöst, daß ihn jeder ~diplomate-militaire~ beneiden kann.
-- -- Nicht ohne Bedauern sehen wir unserer Erzählung durch das Zusammentreffen der Umstände einige der schönsten Effekte entgehen.
Konnte nicht während des Kampfes Arnold mit seinem neuen Freunde Richard Forster erscheinen? Und da es zu unedel wäre, unsere Helden in Konflikt mit Slowaken zu bringen, konnten nicht wenigstens die Italiener Stand halten, -- Richard durch einen Messerstich verwundet, ins Herrenhaus gebracht, und die Liebe zwischen Helene Korbach und ihm auf so natürliche als überraschende Weise vermittelt werden durch Wundfieber und Rekonvaleszenten-Pflege? Oder konnten nicht die Kollmann’schen Freiwilligen das Haus stürmen und eine Rettung aus den Flammen vorbereiten? -- Statt aller dieser kostbaren Elemente bietet sich nichts als ein gemeiner Faustkampf der Arbeiter, Hinauswerfen der einen Partei, und leider die zerrissene Fahne, und ein Paar von Steinen zerschlagene Kirchenfenster und Slowakenköpfe!
-- -- Auf einen Befehl Korbachs, der in jenem Tone gegeben war, der keine Einwendung gestattete, hatte sich Helene beim Beginn der letztgeschilderten Szene in das Haus zurückgezogen.
Sie wurde nun nach dem Arbeitszimmer des ernst und nachdenklich zurückkehrenden Vaters gerufen, und als dieser eben seine Erzählung des Vorgefallenen geendigt hatte, trat Arnold ein, -- in eben so ernster Stimmung, grüßte mit stummem Händedruck die Schwester, und sagte zum Vater: „Ich hoffe durch das, was ich bringe, das Unangenehme auszugleichen, was dir begegnet.‟ Dabei legte er die Kontrakte auf den Tisch.
Während der alte Korbach dieselben durchflog, führten Arnold und Helene eines ihrer eigenthümlichen Augengespräche, in welchem sie ihm sagte: Zeige dich dem Vater nicht gedrückt, er ist es ohnedem, sei heiter! -- Arnold verstand sie und sagte: „Nun ist mit Gottes und deinem Segen meine erste Mission gelungen, und meine zweite soll sein, wenn man uns einen unserer Wege abschneidet, einen andern zu eröffnen, mir ist vor Nichts bange, selbst wenn wir den Kontrakt +nicht+ hätten, -- wir haben ihn aber, und nun denke nicht an den Arbeiterkrawall, -- und noch weniger an den Domherrnkrawall, sondern ruhe und laß +mich+ arbeiten!‟
Bei diesen mit Zuversicht gesprochenen Worten sah der Vater Helene an und fragte: „Hast du Arnold denn schon Etwas gesagt -- daß er so spricht?‟ --
Sie verneinte es und der Vater fuhr fort: „Bleibt in meinem Zimmer so lange Ihr wollt, ich gehe schlafen; mit dir, Arnold bin ich zufrieden, morgen mehr!‟
Hierauf verließ er das Arbeitszimmer, und die Geschwister bemerkten mit Betrübniß, daß sein Gang nicht der feste, seine Haltung nicht die kräftige, stolze war wie gewöhnlich. --
„Wie findest +du+ die Sache?‟ begann Helene.
-- „Ganz schlecht. Wie ich die Leute kennen gelernt, zerschneiden sie den Vertrag wie Kaiser Ferdinand den Majestätsbrief mit eigener Hand, nachdem was heute vorgefallen ist. Mußte der Vater von der Predigt weggehen?‟
-- „Er konnte nicht anders, nicht um den Preis unseres ganzen Besitzes. Wäre er geblieben, so hätte ich als Tochter seine Gründe achten müssen, wäre aber allein weggegangen.‟
-- „Das genügt mir. Wir müssen nun auf Schlimmes gefaßt sein.‟
-- „Fürchtete ich nicht für die Gesundheit des Vaters, so läge an dem Allem nichts. Vielleicht steht es nicht so schlimm, als du glaubst.‟
-- „Ich halte einfach den Kontrakt für zerrissen.‟
-- „Sage mir doch, könnt Ihr denn für Niemanden als Monarchen, Ministerien und Oberkommando’s arbeiten? Können denn die Geistlichen alle Menschen, welche auf dieser Erde Messingplatten brauchen, gegen uns aufhetzen? Die Reinhart in Dörnberg haben, wie ich gehört, keine einzige Staatsbestellung und sind so reich als wir.‟
-- „Ganz gut gesprochen, mein lieber Kompagnon, aber du weißt, daß der Vater sammt all’ seiner Opposizion gegen die Regierung das alte Prinzip der Firma nicht fahren läßt.‟
-- „Er wird es nicht; aber höre mich. Er hat heute nach Ankunft deiner Depesche gesagt: Arnold hat seine Sporen verdient! Ein schöneres Debüt für seine selbstständige Leitung könnte er nicht haben, als die Marinelieferung, er soll gleich selbst Dasjenige arbeiten, auf was er abgeschlossen. Ich übergebe ihm, da er nun 24 Jahre alt wird, die ganze Sache; es ist besser, er übernimmt das Geschäft zu einer Zeit, wo er mich noch ein Paar Jahre an der Hand hat. Du weißt nun, warum er mich früher gefragt; er wird gewiß morgen mit dir sprechen.‟
-- „Wenn ich ihn unter andern Umständen beschworen hätte, mich noch ein Jahr in der Residenz zu lassen, so wäre es jetzt geradezu eine Feigheit. Ich weiß, daß wenn ich freie Hand habe, das Geschäft in eine neue Bahn zu leiten, er in kurzer Zeit Resultate sieht, die ihm ein glückliches Alter bereiten.‟
-- „Mache was du willst und kannst; es ist ja Alles nur um des Vaters willen. Um dich und mich wird’s mir doch wahrhaftig nicht bange sein? Und wenn man uns so vollständig zu Grunde richten könnte, daß du in ein fremdes Geschäft gehen und ich als Gesellschafterin unterkommen müßte, was läge +uns+ daran? Aber für unsern Vater, und um der schönen Schöpfung unserer Mutter willen, zum Heil der Hunderte, die da glücklich und zufrieden und in der freien Ausübung ihres Glaubens, der der unsere, geschützt leben, und deren Aller Loos von unserem abhängt, muß unser altes, schönes Korbach stehen bleiben, und wenn alle Erzbischöfe der Welt mit ihren Krummstäben dagegen Sturm liefen. Getraust du dich es zu halten?‟
-- „Ja, wenn wir die alten unhaltbaren Verbindungen aufgeben und einen neuen Weg einschlagen.‟
-- „Den kann der Vater nicht betreten, folglich mußt du annehmen.‟
Ruhig und klar besprachen die Geschwister die Lage, die sich durch die Vorfälle des Tages gezeichnet. Endlich fand Helene den Uebergang auf den Gegenstand, der ihr nach der großen Frage des Hauses am Meisten am Herzen lag.
Sie wußte die Folge des Freinhofbesuches, wußte daß Arnold liebe und freute sich dessen. Es fiel ihr nicht ein, den Gedanken bis zu einer Konsequenz zu verfolgen, welche ihr Gefühl verletzt hätte. -- Hunderte ihrer Schwestern, weniger unschuldig als sie, sind schnell mit dem Verdammungsurtheile über die Liebe zu einer Frau fertig: entweder für einige Zeit, bis sie nämlich selbst der Gegenstand einer solchen Liebe geworden, oder auf immer, wenn sie es niemals werden. Eine andere Liebe zu einer Frau als jene des Göthe’schen -- nicht des wirklichen -- Tasso konnte sich Helene nicht denken, und an einer solchen fand sie nichts Verwerfliches. -- Aus dem Zusammenklange von hellem Verstande, freiem Sinn und blütenreinem Herzen konnte nichts Anderes hervorgehen, als ein Segenswunsch für das Gefühl, in welchem sie Arnold glücklich sah.
Er sprach heute ganz offen mit ihr, und sie ging in ihren Gedanken einen kühnen Schritt weiter. Sie fragte, indem sie Arnold vielsagend ansah: „Ist Julie Protestantin?‟ --
„Ich weiß es nicht einmal,‟ war die Antwort.
-- „Ich begreife, daß Ihr Euch um andere Dinge als Euer +Glaubens+bekenntniß zu fragen hattet -- aber du weißt wohl, warum +ich+ fragte.‟
-- „Ich verstehe dich vollkommen. Ich vertraue dir Etwas, was mir nicht anvertraut worden, sondern was nur mein Gedanke ist... der Gedanke heißt: Julie ist nicht +seine+ Frau.‟ --
Helene trat betroffen zurück -- ernst und schmerzlich sahen die dunkelblauen glänzenden Augen in die des Bruders. „Wenn es so ist, sagte sie mit Würde und Entschiedenheit, -- was kannst du sagen, Arnold, um zu rechtfertigen, daß du +mich+ zur Vertrauten einer Sache gemacht, von der ich Nichts wissen will, von dem Augenblicke an, wo deine Geliebte keinen Namen führt, mit dem +mein+ Mund sie nennen kann?‟
-- Arnold hielt Blick und Frage und Vorwurf ruhig und lächelnd aus und sagte: „Ich würde mich deiner Betroffenheit freuen, meine liebe, schöne, strenge Schwester, wenn sie sich nicht von selbst verstände. Vergiß aber nicht, daß der Antheil von Ehre unsers Hauses, für den du und ich Rechenschaft zu legen haben, ein ganz gleicher ist, und suche nach keinem andern Namen für Julie, als den sie verdient, nämlich jenen deiner Schwester und einer Tochter unserer Eltern.‟
-- „Bedenkst du, was du damit sagst, Arnold?‟
-- „Ich habe bedacht, ehe ich abermals zu dir gesprochen. Ich hätte, nach der Reise, Juliens nicht mehr gegen dich erwähnt, wenn ich nicht überzeugt wäre, daß sie so +ist+, wie ich sage.‟
-- „Ich glaube dir, weil ich Nichts mehr glauben will, wenn ich an dir irre werde. Die einzige Frage ist nur, ob du nicht getäuscht wirst, indem +du+ glaubst.‟
-- „Lerne sie kennen und höre von +ihr+ die Worte: „Kein heiliges Band bindet mich an Kollmann, -- der Himmel ist ja barmherzig und löst die seinen -- aber meine Lippen sind würdig geblieben, die deinigen -- würdig, die deiner Schwester zu berühren -- ich sehne mich nach ihr, der ich vielleicht mehr sagen könnte, als selbst dir!‟ -- Das höre von +ihr+, Helene, und dann zweifle!‟ -- Er reichte der Schwester die Hand und sah sie zärtlich, fast bittend an.
-- -- „Gott lasse es Licht werden über unserm Thal und Eurem Leben! -- ich will ja Alles glauben -- Alles hoffen!‟ rief Helene und drückte in schweigender inniger Umarmung den Bruder ans Herz.
[2] Es lebe Herr Kollmann!
Ende des erste Bandes.
Halle, Druck von H. W. Schmidt.