Dissolving Views: Romanfragmente von Leo Wolfram.

Part 21

Chapter 213,547 wordsPublic domain

Erst seit einer Stunde hatten auch die Bewohner des Ortes das Letztere gethan, nach dem bewegten Tage. Die Gemeinde hatte an den Vorbereitungen für Morgen gearbeitet, Alles übertüncht und behangen und gesäubert -- aber lässig und verdrossen waren die letzten Arbeiten verrichtet worden, als die Erwartung der Ankunft des Erzbischofs nicht in Erfüllung ging, sondern aus dem ersten Wagen Pater +Bernhard+ stieg.

Sein Name war in Korbach gehaßt, während trotz des dort herrschenden, nach der klerikalen Auffassung verderblichen Geistes, die Erscheinung des Erzbischofes nicht verfehlt hätte, großen Eindruck zu machen. Es liegt ein ganz eigner Zauber in der funkelnden Inful und dem Krummstab: das alte Spielzeug, der Nikolaus, tritt plötzlich vor das katholische Kind in lebendiger Größe hin, und während ein Pfarrer, Kaplan oder Dechant dem Bauer begreifliche, vertraute Erscheinungen sind, schwebt der Bischof immer ein gutes Stück über der Erde, zwischen geflügelten Engelsköpfen und Aposteln in Wolken.

Der Kirchenfürst hatte jedoch seinen Entschluß geändert. Bernhard, von seinem Sturze von dem in die Luft gebauten Prälatenstuhl erholt, -- hatte in der Residenz eine unglaubliche Thätigkeit entwickelt. Der Erzbischof, bereits durch Korbach’s Ablehnung, ihn zur Einweihung zu laden, gereizt, -- so wenig er es auch merken ließ, -- war nun selbst der Ansicht, daß die Dinge zur Entscheidung kommen müßten. Er hatte Bernhard, da seine Stellung im Kloster unmöglich geworden war, und man die Wahl des Valentin aus höheren Gründen nicht umstoßen wollte, zum Domherrn ernannt --; und da das Auftreten des alten Korbach besorgen ließ, daß das Fest nicht ohne Störung vorübergehn und er zwar eine Krisis herbeizuführen, nicht aber seine +Person+ einer Unannehmlichkeit auszusetzen wünschte, so übertrug er Bernhard die Vertretung derselben, und ließ ihm stillschweigend zu Allem, was er vorzukehren fände, freie Hand. --

Ohne daß eine Aenderung des ursprünglichen Beschlusses nach Korbach gemeldet worden, traf der nunmehrige Domherr daselbst ein, bezog die im Pfarrhofe bereit gehaltene Wohnung, indem er die ihm durch den Pfarrer gemeldete Einladung, im Herrenhause zu wohnen, ignorirte, und ließ für die Geistlichen seiner Assistenz Zimmer im Gasthofe nehmen. Er erklärte, er habe vor, die religiöse Feier mit Vermeidung alles Kontaktes mit den weltlichen Elementen von Korbach vorzunehmen, was nicht verhinderte, daß er die Gemeindevorstände zu sich beschied, sie nach den getroffenen Vorbereitungen fragte, und mit großer Spannung eine Stunde, und eine zweite, auf ein Lebenszeichen des Gutsherrn harrte. --

Mit Pfarrer Leo sprach er in kurzem trockenen Tone und als derselbe Einiges über den befriedigenden Zustand der Pfarre äußerte, unterbrach er ihn: „Der Erzbischof ist von der wahren Sachlage hier und in St. Martin zu genau informirt, um Ihrer Berichtigung zu bedürfen, -- er weiß auch, wer bei den Vorgängen im Kloster, die sein Herz betrübten, in vorderster Reihe stand.‟

Er ging in die Kirche, -- wieder nach Hause -- die Reizbarkeit seines Temperaments hatte sich durch keine Aderlässe und niederschlagenden Pulver vermindert. -- Um neun Uhr Abends beschloß er eine verstärkte Ausgabe des Manövers mit dem Briefe: er schickte einen Geistlichen nach dem Herrenhause, um seine Ankunft formell anzusagen. „Kriecht er zum Kreuz und +kommt+, -- +gut+; dann wollen wir weiter sehen.‟ Als Vertreter des Erzbischofs hatte er jedenfalls das Recht, den ersten Besuch zu erwarten. --

Der Geistliche kam mit der Meldung, daß ihn der alte Herr in seinem Schlafzimmer empfangen, und gesagt habe, er werde als Kirchenpatron den Domherrn morgen an der Kirchenthüre erwarten und feierlichst begrüßen, und hoffe, derselbe werde mit allen Geistlichen der Assistenz ihm nach der Einweihung die Ehre erweisen, Mittags seine Gäste zu sein.

Man sieht, daß die Diplomatie nicht die stärkste Seite beider Parteien war. Korbach konnte unmöglich glauben, daß der Domherr die gelegentliche Einladung durch den rückkehrenden Boten annehme. Der Domherr aber hatte nicht in der klaren Absicht die Sache zum Bruch zu treiben gehandelt, sondern sich doch als +möglich+ gedacht, den Triumf einer Unterwerfung Korbachs in die Residenz mitzubringen, wozu dieß der erste Schritt. Nun war für ihn nur ein Weg, und er war gleichwol ärgerlich über den erhaltenen Affront.

Er suchte Ruhe, schickte die Musik weg, die auf dem leeren Platz zu spielen begann, und überließ sich den Gedanken an den kommenden, wichtigen Tag. Seine Aufregung war nicht viel geringer als vor Eröffnung der Stimmzettel. Er ging auf und nieder, las eine vor der Abreise aus der Residenz erhaltene Depesche Kollmanns, als wollt’ er sich überzeugen, daß er sie die zehn ersten Male richtig gelesen, und griff endlich zum Hut, um dem schwülen Zimmer zu entfliehen. --

Schlummern mag der Eingeborne in Korbach -- nimmer der Fremde, der vergebens einer „Nachtstille‟ harrt. Sie ist entflohen an die äußersten Grenzen des Thales, vor dem ewigen Toben des Hammers, vor dem ewigen Rauschen des Wassers, -- des weißschäumenden Blutes in jenem Körper, dessen Riesenglieder nie alle zugleich ruhen. Laßt es stocken und das Herz, das große Schwungrad, steht still, der Athem der Gebläse verstummt, die Lebensglut der Feuerstätten verlischt, die tausend Gelenke der Räder erstarren. -- Die Perser hielten ihr Feuer nicht heiliger, als die Korbacher dieß Wasser. Beim Eintritt ins Thal empfängt es eine Ehrenpforte von Quadern und nun gleitet es weich dahin in blanken hölzernen Betten, hin zu den Werken, und lustig bietet sich ihm zum Tanze die flink umwirbelnde Turbine, -- gehorsam, wie der Elefant dem kleinen Kornaken, fügt sich seiner Laune das haushohe Rad. -- Dort leiten es gewundene Röhren in weiche Wiesen -- dort fällt’s als Strahlenregen in Helenen’s Blumenbeeten -- -- jeder Tropfen nützt oder erquickt. Und während es zehnfach getheilt in rastloser Eile schäumend und sausend durch all’ die Räume sich drängt, und am Ausgang des Thales wieder vereint, wo jedes der fliegenden Korps dem andern erzählen mag, wie es gekämpft und was es besiegt, -- schleicht nur der Ueberfluß träge im steinigen Hauptbett dahin, wie Marodeurs zur Seite der Armee. Das Thal ist von den Wassergeistern erfüllt, man athmet sie bei jedem Schritte, -- sie drängen sich in der Nacht zu weißen Schaaren unter den Bäumen zusammen. Und wie die Sonne aufgeht über den Gerechten und Ungerechten, so kühlt auch die Nacht, -- diese frische, tannendurchduftete, schaumdurchsprühte Nacht von Korbach -- nicht nur die Wangen des Gerechten, sondern auch jene Bernhards.

Er ging über die Brücke, den Gebäuden entlang, und stand vor der Thür des Walzwerkes. Er trat hinein, die Arbeiter grüßten, ohne ihre Arbeit zu unterbrechen und schoben ein Metallstück nach dem andern zwischen die Walzen, die das gußeiserne Schwungrad bewegte.

Nun stand er vor diesem, -- betrachtete es, und konnte den Blick nicht davon abwenden -- -- wie es im rasenden, sinnverwirrenden Fluge sich drehte, daß die Speichen für das Auge in eine graue Scheibe verrinnen -- ein Sklave des Wassers über sich, und mächtiger Zwingherr der Walzen unter sich, und diese wieder die Herren des Metalles -- das sie erfassen, so ruhig-spielend und leicht. Das Zucken des Lammes in der Löwentatze ist eher ein Widerstand zu nennen, als dieß ohnmächtige Schwinden in einer einzigen Umarmung.

Der Beschauer vergißt der bewegenden Kraft, -- des Zusammenhanges, -- des Begriffes: +Maschine+. Er sieht ein +Lebendiges+ vor sich -- -- aber Keinem, der vor einem solchen Getriebe stand, hat jemals die Fantasie vorgespiegelt, daß es von einem Geiste des +Lichts+, einem Cherub bewegt werde: der nächste Gedanke ist nur der Geist der Finsterniß, der +Dämon+, selbst in der einfachen Mühle, und das Prinzip ergreift unwillkürlich den Zuschauer....

Wahrlich auf hohem Gipfel der Nächstenliebe muß derjenige stehen, oder ein selten glückliches Dasein hingelebt -- oder ein taubenfrommes Gemüth als Wiegengabe eingebunden bekommen haben, -- der im ganzen Laufe seines Lebens nicht +Einmal+ Jemandem den frommen Wunsch nachgesendet, daß ihn -- -- der Teufel holen möge. Und Jeder, aus dessen Brust nicht der Polip des Hasses mit der letzten Wurzel ausgerissen, der lege die Hand aufs Herz, und gestehe, +welcher+ Gedanke in ihm aufgezuckt vor der Höllengewalt dieser umherstürmenden, Alles zermalmenden eisernen Ungeheuer? -- -- Die Fantasie ist schuldiger, als das Herz. --

Man wünscht ja nicht, +daß+ es geschehe; man denkt nur -- -- +wenn+ es geschähe! --

-- Wer wird dich blutgierig nennen, armer, hungeriger Praktikant der Staatsbuchhaltung, wenn du vor dem Rade stehst und ein dir sonst fremder Geist in dir denkt: eine +einzige+ Umdrehung; und die hundert und achtzig Vorrückungen sind vollbracht, deren es bedarf um vierhundert Gulden zu erreichen! Und so Jeder, der den Karren seines Jammerlebens nicht an die Stelle, die er ein „Ziel‟ nennt, schieben kann, ehe nicht der Karren seines Vorgängers umgestürzt und in den Graben am Wege gefallen. -- Und wenn der fromme Rechtgläubige die ganze übrige Menschheit, und der Razionalist die gesammte Klerisei im Geiste durch die Walzen zieht --? so sind’s eben Spiele der Fantasie, vom Windhauche der Teufelsmaschine aufgewirbelt.

Der Stellvertreter des Fürst-Erzbischofs stand da -- das starre Auge auf dieselbe geheftet, und zeichnete in Gedanken auf den dunkeln Grund hinter den Speichen die Vignette zu dem „Liebet Euch unter einander, +daran+ soll man +erkennen+, daß Ihr meine Jünger seid‟ -- +er+ zog vor +inkognito+ zu bleiben. Er gedachte seines geliebten Klosters, -- des Mannes, der seinen Platz einnahm -- seinem Auge erschienen die Metallplatten als Menschengestalten -- -- der alte Korbach -- Alle, die in der Todtenkapelle zugehört, immer zahlreicher wurde die Gesellschaft -- -- -- die ganze protestantische Gemeinde hat der stumme Wunsch durch die Walzen gezogen -- -- Aber die Knechte fassen ewig nur Platte auf Platte, und keiner weist grinsend nach einem Besorgten und Aufgehobenen....

Der Herr mag ihm den Willen für das Werk anrechnen! -- Seine Vision ward gestört, da der alte Korbach, welcher die Werke jede Nacht zu unbestimmter Stunde besuchte, am entgegengesetzten Eingange des Gebäudes erschien. Bernhard trat schnell ins Freie. Korbach hatte ihn aber erkannt, und mit der Wahrheit und Treue, welche die erste Pflicht des Erzählers ist, muß bekannt werden, daß auch der alte biedere Fabrikherr, als er am Rade vorüberging, von dem ansteckenden „Gedankenspiele‟ nicht verschont blieb. -- Und +sein+ Gedanke dürfte ihm in einer andern Welt zwar nicht als Verdienst angerechnet werden, aber dafür -- in +Erfüllung+ gehen.

Der Domherr ging noch einige Zeit umher, sich für die Predigt vorbereitend, die er vor dem Hochamte zu halten gedachte. -- Er hatte den Grundgedanken dazu im Walzwerke gefunden. --

Korbach aber kehrte ins Wohnhaus zurück, um sich zur Ruhe zu begeben. Als er ans Fenster trat um es zu schließen, drang ein seltsames Getön vom Ende des Thales her an sein Ohr, -- es wurde immer lauter, deutlicher und wehmüthiger, und er erkannte den Slowakengesang und wußte nicht, wie er sich die Rücksichtslosigkeit der nächtlichen Wallfahrer erklären sollte. -- Das Lied verstummte, und es folgte das sogenannte Fahnenduett aus den Puritanern, von einem zahlreichen Chor im raschesten Tempo ausgeführt. -- „Das läßt sich eher hören,‟ sagte er, „aber wer zum Henker hat denn den Einfall, das ganze Thal in der Nacht aufzubrüllen?‟ -- Nun klangen die beiden Chöre ineinander, als gelte es, wer den Andern überschreie. „Ich gehe hinab,‟ rief er, „und wenn die Kerls -- ich habe gar keinen Begriff was sie nur wollen -- nicht das Maul halten, so läute ich die Arbeiter zusammen und lasse sie bis Labring hinüberpeitschen!‟

Als er die Thür öffnete, trat ihm Helene entgegen, im weißen Nachtkleide, worüber sie ihr dunkelblaues Tuch geworfen, das Köpfchen von den dichten blonden Flechten umwunden, und sagte lachend: „Vater, wenn nicht Alles trügt, so sind die Erzbischöflichen angerückt und beziehen da unten ein Lager.‟ --

„Wollte Gott,‟ rief Korbach, „es wäre Ernst, und wir lebten noch in der Zeit, wo es Erzbischöfliche und Pfalzgräfliche und Städtische und dergleichen mehr gab -- in unserm elenden Jahrhundert darf man kaum eigenhändig Einen zum Hause hinauswerfen. Ich will nun sehen, was es ist.‟

Der Markt war in Alarm. Als Korbach erfahren, daß es die Altenberger seien, ertheilte er sogleich Befehle; die Arbeiter wurden in den Werkstätten konsignirt, Keiner durfte ins Freie, die Gemeindevorstände mußten die Bauern beruhigen, die Häuser wurden geschlossen und die Lichter verlöscht. Alle Vorsicht war um so nöthiger, als die Stimmung Abends nach der Ankunft des Domherrn eine so gereizte geworden, daß es der kleinsten Anregung bedurft hätte, um eine Katzenmusik unter den Fenstern desselben zusammenzubringen.

Korbach kehrte nach Hause zurück und die Nacht verlief ruhig. Beim Frühstück, das er in Helenens Gesellschaft einnahm, wurde ein „Expresser‟ gemeldet, und es erschien -- der Schneiderpeter.

Korbach warf ihm einen Thaler hin, und rief, nachdem er weggegangen, -- die Depesche Helenen reichend: „Viktoria! gute Nachricht von Arnold! nun soll mir Sprenger mit seinen Bedenklichkeiten kommen! Unser Monarch hält sein Zepter noch an einem Ende in der Hand, und die Pfaffen mögen am andern ziehen und winden wie sie wollen, zuletzt reißt er’s ihnen doch wieder aus den Fingern und klopft sie noch darauf, obendrein! -- Hätt’ ich die Depesche Abends bekommen, ich wäre zum Domherrn gegangen, und vielleicht gar höflich mit ihm gewesen -- der +Sieger+ kann einen +ersten Schritt+ machen, -- einem geschlagenen Feind, heißt es, soll man goldene Brücken bauen! -- Nun bleibt’s aber auch bei meinem Beschlusse in Betreff Arnolds.‟ -- Helene, welche verstand, was er mit den letzten Worten meinte, schien sich über dieselben zu freuen.

Unten wurde es bereits lebhaft. Scharen von Bauern aus allen umliegenden Orten waren zugeströmt, eine bunte Menge in Feiertagskleidern bedeckte den Platz, füllte die Gaststuben, vertheilte sich im Park des Herrenhauses, von welchem nur ein Theil für die Bewohner abgesperrt war. In vielen kleinen, offenen Kaleschen kamen die Verwalter, Hammerbesitzer, Amtsleute und sonstigen Honorazioren, -- auf Steirerwägen die blumengeschmückten Burschen und Mädchen.

Das Programm des Tages war: um neun Uhr die Einweihung; dann Predigt; Hochamt; Diner im Herrenhause -- Nach dem Nachmittagssegen große Tafel im Park, wo sämmtliches Fabrikpersonale bewirthet werden sollte.

Gegen neun Uhr stellten sich die Korbacher Arbeiter in schöner Ordnung im Halbkreise vor der Kirche auf. Die Altenberger waren gleichfalls hereingezogen; Morawski bat höflich, ihnen einen Platz anzuweisen, und man stellte sie, den andern gegenüber, in einiger Entfernung auf.

Nun erschien Korbach mit seiner Tochter, gefolgt von den Beamten und dem gesammten höheren Personale der Fabrik, in schwarzer Kleidung, und erwartete an der Spitze der Seinigen am Eingange der Kirche den Domherrn. -- Dieser schritt im vollen Ornate mit seiner Assistenz vom Pfarrhofe herüber, am Gutsherrn vorbei, dessen Gruß er nicht zu bemerken schien und die Feierlichkeit begann, und ging in bekannter Weise vor sich. Die Geistlichen umschritten die Kirche mit den Rauchfässern, gingen dann hinein, besprengten alle Räume mit geweihtem Wasser, und sprachen Gebete und nun folgten die Weltlichen, so viel ihrer Platz fanden, in das nunmehr zum Gottesdienste geweihte Haus.

Der Domherr bestieg die Kanzel. Korbach begab sich mit Helenen in das derselben gegenüber befindliche Oratorium.

Die Predigt begann.

Der Text war: Auf diesen Felsen will ich meine Kirche bauen. -- Die Pforten der Hölle sollen sie nicht überwältigen.

Bernhard ging kurz über die erste Hälfte desselben hinweg, und wendete die gesammte Kraft seiner Rede auf den letzten Satz. -- Auch nicht +Ein+ Wehen des Taubenfittigs! -- -- Nichts als die Kralle des Teufels in den Nacken dessen, der da glaubt, es gebe einen andern Weg nach dem Himmel als jenen, der durch brennenden Schwefel beleuchtet ist. -- „Was hilft ein neues Gebäude, wenn nicht ein neuer Geist einzieht? -- Wer die räudigen Schafe nicht von den reinen trennt und vertilgt, ist Gott verantwortlich für das Verderben der letzteren. Das Feuer, das auf die entarteten Städte fiel, möge über das Thal herabfallen, wenn einmal nicht fünf Gerechte darin zu finden, und dahin +muß+ es kommen, wenn die Pest der Ketzerei Hütte auf Hütte ergreift. -- Aber der Herr weiß den Schuldigen zu finden, wenn nicht hier doch +drüben+.‟ -- Und nun kam das Bild der Hölle: Das Schwungrad, die Walzen, die Hämmer, der Hochofen -- das mußten ja die Arbeiter begreifen: wie die Seelen und Leiber zerquetscht werden von den Rädern, die der geschmolzene Pechstrom umtreibt. -- Hierauf folgte die Anwendung, wie Derjenige, der die irdische Maschine mißbraucht, um die Ketzer zu ernähren, von der höllischen erfaßt und mit ihnen zermalmt wird zur Strafe des Frevels, daß er Stein auf Stein aus den Mauern der Kirche gebrochen, deren ~patronus~, +Schutzherr+ er sich genannt.‟

Er heftete den Blick fest auf Korbach, welcher aufstand, mit seiner Tochter das Oratorium verließ, langsam zwischen den sich öffnenden Reihen die Kirche durchschritt, und sich in ruhiger, würdevoller Haltung über den Platz nach dem Herrenhause begab.

Der Geistliche hielt absichtlich inne, um die Störung desto auffallender zu machen, und wartete noch einige Augenblicke, nachdem der Fabrikherr die Kirche verlassen, welchem einige Korbacher gefolgt waren.

Dann hob er mit schmerzlich bewegter zitternder Stimme wieder an, und bat Gott um Gnade für den Sünder, der dem Worte, das ihn zum Heile führen könnte, aus dem Wege geht -- fiel aber bald in den früheren Ton, indem er dem Gutsherrn und Allen die zu ihm hielten, die gesammten Blitze und Donner des Anathema nachsandte, so daß es endlich auch den Uebrigen zu arg ward, welche die als Ausbund aller Laster geschilderten Protestanten als die bravsten und ehrlichsten Leute kannten, und die Kirche leerte sich rasch von den ursprünglichen Besuchern und füllte sich in demselben Maße mit Slowaken, für deren Kapazität es ganz gleichgültig war, in welcher Sprache gepredigt wurde. Trotz der gespannten Aufmerksamkeit, welche auf ihren Gesichtern zu lesen war, kürzte der Domherr nun die Predigt ab und verließ die Kanzel um das Hochamt zu halten, welches mit dem Aufwande der besten musikalischen Kräfte des Thales stattfand und ziemlich drei Stunden währte.

Die Kollmann’schen Arbeiter, von Morawski und Fontana in jeder Bewegung geleitet, nahmen nun fast die ganze Kirche ein, und die Korbacher, obgleich sie ihnen selbst den Platz geräumt, sahen es mit Aerger an. Die fremden Besucher bildeten abgesonderte Gruppen, allgemein wurde das Benehmen des Gutsherrn besprochen, von den Meisten gebilligt, von Einigen getadelt; -- als der Gottesdienst geendet war, hatte sich Verstörung und Mißstimmung aller Gemüther bemächtigt.

Nun fuhren die Wagen mit den Geistlichen vom Pfarrhofe weg. Vor dem Kirchenthore ließ Bernhard halten, stand auf, segnete die Wallfahrer und sprach zu den nebenstehenden Gemeindevorständen mit weithin vernehmlicher Stimme: „Ich danke Ihnen für Ihre Bemühung zur würdigen Feier der heiligen Handlung. Wenn dieselbe nicht so vor sich ging wie es sein sollte, ist es nicht Ihre Schuld. Noch ist eine Handbreit Erde für den Samen des Guten in Korbach zu finden und ich bitte Sie nicht zu verzagen, -- die Kirche wird Sie schützen, ihr Segen wird Ihnen so wenig fehlen, als die Strafe Denen, die sich nunmehr offen gegen sie aufgelehnt haben.‟

Die Vorstände hörten schweigend und ernst der Anrede zu, -- als aber die Wagen um die Ecke waren, ließ ein Hammerknecht, der zu den glühendsten Anhängern des Gutsherrn gehörte, aus voller Brust ein Vivat Korbach! erschallen, und da es bei einer aufgeregten Volksmenge nur eines zündenden Funkens bedarf, so scholl der Ruf, von Hunderten wiederholt, an die Ohren des Domherrn und seiner Begleitung, als Abschiedsgruß, -- als wollte man den stummen Empfang gutmachen der ihm bei der Ankunft zu Theil geworden.

Morawski’s Augen leuchteten auf bei dem Rufe. Wie ein General oft mitten in der Affaire einen neuen Plan faßt, schien er jetzt mit dem seinigen im Reinen. Da trat Fontana zu ihm und sagte leise: „Meine Italiener sind nicht zu halten, sie wollen in die Wirthshäuser.‟

-- „Das dürfen sie nicht. Haben sie nichts mehr vom Vorrath?‟

-- „Keinen Schluck und keinen Bissen!‟

-- „Das ist schlimm. Verzehrt darf Nichts werden.‟

-- „Auch sind sie ungeheuer aufgeregt: es hat sich unter ihnen verbreitet, der Domherr habe den Korbach exkommunizirt. Ein Theil sagt, dieser habe Recht, die Andern reden vom Fenstereinwerfen.‟

-- „Da ist keine Minute zu verlieren, -- hier sind vierzig Gulden, führen Sie sie augenblicklich fort, nach Labring, lassen Sie sie zechen und dann marsch! nach Hause! Ich kann hier keine Hitzköpfe brauchen. Meine Slowaken sind die rechten, -- gehen Sie in Gottes oder des Herrn Kollmann Namen!‟ -- schloß er lachend. --

Fontana sammelte seine Schaar, welche alsbald zum Orte hinaus und die Straße hinab lärmte, dem Walde zu.

Die Korbacher waren gegen Wallfahrer überhaupt, namentlich gegen die jetzt anwesenden eingenommen. -- Aus dem prinzipiellen Standpunkte sind die Akten über die Karawanen, welche die Wüste des Aberglaubens unter dem Namen von Prozessionen durchziehen, längst geschlossen. Der Ort, von welchem die Arbeitskräfte und das Geld exportirt werden, hat die Handelsbilanz offenbar gegen sich; das Mekka, wo sich die silbernen und wächsernen Votivsteuern ansammeln, und jedes Haus ein Wirthshaus, hat sie +für+ sich, -- ein Vortheil, welcher aber durch das fisische und moralische Ungeziefer, welches die frommen Scharen zurücklassen, weit überwogen wird. Nun sollte das Letztere allein der Antheil der Korbacher Gemeinde sein! -- Sie hatte langmüthig zugesehen, wie die Ankömmlinge ihre Wiese in der Nacht so zu sagen abgeweidet; das Gras war allenthalben zertreten und selbst Feuerstellen waren zu sehen. Der Richter war am Morgen, ohne Korbachs Wissen, zu den Fremdlingen hinausgegangen und hatte Explicazionen verlangt. -- Wenn eine Großmacht eine Ohrfeige erhält, wird der Gesandte beauftragt ~de demander des explications~, ob damit eine Beleidigung beabsichtigt sei. -- Morawski hatte sich äußerst artig entschuldigt, er habe in der Nacht nicht im Orte Quartier nehmen wollen, und im Namen seines Herrn Schadenersatz angeboten, den jedoch Korbach anzunehmen verbot. -- Nun waren die Italiener abgezogen, die Andern lagerten nach dem Gottesdienst an der Straße und verzehrten was sie mitgebracht. -- Die Bauernbursche standen nach dem Mittagsessen beisammen und beriethen die Eventualitäten eines Zusammenstoßes. --

Im Herrenhause war das Diner der Honorazioren vorübergegangen, ohne daß der Abgang des Domherrn der Fröhlichkeit Eintrag gethan hätte. Die Predigt fand die heftigste Mißbilligung; Korbach sagte, er habe sich zurückgezogen, da er nicht Lust gehabt, sich von einem Fanatiker insultiren zu lassen, der die heilige Stätte mißbrauche, um seinem Aerger über eine erlittene Niederlage Luft zu machen; er sei überzeugt, daß die Regierung solchen Uebergriffen zu begegnen wissen werde. Der Beweis, daß sie die gerechte Sache schütze, liege darin, daß trotz der Konflikte zwischen ihm und der Geistlichkeit seine Beziehungen zu den höchsten Behörden ungetrübt geblieben, wie eben eingetroffene Nachrichten von seinem Sohne bewiesen.

Die Gäste stimmten bei, und eine Reihe von Toasten auf Toleranz, Gleichberechtigung der Kulten u. dgl. beschloß das Mahl.