Dissolving Views: Romanfragmente von Leo Wolfram.

Part 20

Chapter 203,510 wordsPublic domain

-- Der im Fenster stehende Aufseher der Gallerie, ein alter, stiller, freundlicher Mann, dessen Vergnügen mehr im Studiren der Beschauer als der Gemälde bestand, machte auch heute seine Beobachtungen, und ergetzlicher als die jetzigen, war ihm eine dem hohen Besuch vorhergegangene gewesen. -- Er hatte schon manches Beispiel von Indifferenz erlebt, aber selten war ihm eine so empörende Gleichgültigkeit gegen die Kunstschätze, die er überwachte, vorgekommen, als die eines doch intelligent aussehenden hübschen jungen Mannes, welcher die Säle durchschritt, als wären sämmtliche Rahmen mit grauer Leinwand ausgefüllt.

Kurze Zeit später erschien eine Dame, welche ihre Blicke ungefähr mit der gleichen Theilnahme über die Wände gleiten ließ. -- Daß Damen ohne Begleitung die Gallerie besuchten, war an der Tagesordnung; dann sah man ihnen aber auch meistens die Kunstliebe an, die sie hingeführt; auch kehrten sie gewöhnlich aus dem letzten Saale durch die übrigen, am Aufseher vorüber, zurück. -- Als dieß im gegenwärtigen Falle nicht geschah, weder von Seite des jungen Mannes noch der Dame, trat er ans Fenster, setzte seine Brille auf und überblickte die verschiedenen Partien des wenig besuchten Gartens.

Er gewahrte bald, daß sich in dem grünen Reiche der Natur die Gestalten zusammengefunden, welche das Gebiet der Kunst getrennt durchwandelt hatten.

War Klotilden ein Wort vom +Park+ entschlüpft? oder hatten die Beiden beim ersten Blick durch die offene Flügelthür auf die Blumenbeete und dunkeln Gipfel gefühlt, daß nur diese die rechten Wegweiser zum Glücke?

Genug, sie fanden sich, ohne eine Minute vergeblichen Suchens, -- und die rothen Blütenpiramiden einer wilden Kastanie leuchteten als Girandolen, als ihre Hände ineinander lagen vor dem marmornen Altare, dem Piedestal einer Flora, welche den Blumenkorb über ihren Häuptern hielt.

Hätte statt der stummen Blüten und des schweigend lächelnden Götterbildes ein lebendiger Zeuge das Wiedersehen belauscht, -- er hätte es nicht für ein erstes Bekennen, -- er hätt’ es für die Seligkeit über die Erfüllung eines längst getauschten Schwures gehalten.

Sie fanden sich ja nicht wieder, wie sie sich im Freinhofe verlassen!

Jeder Gedanke, jede Empfindung, jedes Leid und Glück, das seit jener Stunde durch ihre Seele gegangen, ward zur Schwinge, auf der sie über alle Anfänge und Fragen und halben Verhüllungen des Gefühls hinwegflogen...

„Was ich am See geglaubt und gehofft -- sagte Julie mit dem vollen Glanz der Liebe in den Augen -- das wird mir am Meere erfüllt!‟

„Und so viel tiefer und weiter dieses, als der See, um so viel reicher und glücklicher halt’ ich diese Hand in meiner.‟ --

„Wie freudig lasse ich sie darin ruhen! -- Dieß Blatt enthält das Bekenntniß meiner nächtlichen ersten Sünde des Zweifels, die auch die letzte sein soll. Die Augen sind wahr, Arnold, und der Mond lügt.‟ --

„Nicht der Mond ist unwahr, sondern jeder Gedanke, daß vergehen könne, was unveränderlich und ewig!‟

-- -- Lassen wir die stumme Blumengöttin die einzige Zeugin der Stunde sein, in welcher die Ringe der Seelen gewechselt wurden, und das Ja gesprochen ward auf die Frage des unsichtbaren Hohenpriesters: Ists Euer Wille, einander treu zu bleiben bis in den Tod -- -- --

-- -- --

Als Julie durch die Laubgänge nach der fliegenden Treppe eilte, um durch die Säle zurückzukehren, war der hohe Besuch eben im letzten derselben angelangt. --

Sie trat mit gesenktem Blick durch die Thür und war mit schnellen Schritten in die Hälfte des Saales gelangt. -- Nun klang das Säbelgeklirr in ihre selige träumerische Gedankenmelodie, sie schlug die Augen empor und sah die der Offiziere, der schwarzgekleideten Herren und der hinter denselben zusammengedrängten Zuschauer auf sich gerichtet.

Kein Feuer, keine Kohle kann brennen so heiß -- -- als Juliens Wangen, und keine Rose, keine Nelke dunkler glühen, -- -- wie sie einen Augenblick verwirrt und unentschlossen dastand; -- sollte sie nach dem Garten zurück, -- oder durch den schmalen Raum, zwischen dem Monarchen und den übrigen Uniformen hindurch, zu den Zuschauern? --

Da trat Plomberg auf sie zu, dem die Begegnung keine geringe Befriedigung gewährte, bot ihr den Arm, und führte sie am Monarchen vorüber, den sie erkannt hatte und der ihre Verbeugung mit unbeschreiblich huldvollem Dank erwiederte, gegen das Publikum, und kehrte darauf zum Gefolge zurück.

Der Allerhöchste wendete sich zu ihm und sagte: „Eine schöne Frau; ist sie aus dieser Stadt?‟

„Sie ist die Frau des Konsuls Kollmann, welcher heute das Glück hatte von Eurer Majestät empfangen zu werden.‟

„Eine seltene Schönheit.‟ -- Zu Graf Greuth gewendet fuhr er fort: „Jedenfalls der reizendste Gegenstand der Gallerie. Die Verlegenheit stand ihr sehr hübsch. Warum die Maler nicht lieber so etwas malen.‟

„Wenn Euer Majestät in der Weise wie der König von Baiern eine Sammlung von Schönheiten anzulegen befehlen würde, dürfte sie, nur aus Damen Allerhöchstihrer Länder bestehend, jede andere überbieten.‟

„Ich glaube es, und diese Frau wäre ein guter Anfang. Ich liebe aber keine Nachahmungen.‟

-- So war denn auch die dreizehnte Stazion, der Akademiebesuch, überwunden, und nachdem Seine Majestät das Diner in Gesellschaft des Prinzen, des Grafen Greuth, des Kommandirenden und des Gouverneurs eingenommen, geruhten sie, sich in den schwülen Nachmittagsstunden in ihrem Kabinet auf die ~Chaise longue~ zu legen, und, nach herabgelassenen Vorhängen, den Staatsgeschäften zu widmen.

Es blieb nur noch der Bodensatz des Leidenskelches zu leeren, -- der Abend auf der Villa mit den exclusiven Tableaux. Er übertraf noch die schlimmsten Befürchtungen.

Nur die Elite der Elite vermag das reine Wasserstoffgas dieses Abends zu athmen. Nicht ein Atom Sauerstoff von Wissenschaft, Kunst oder Industrie war eingedrungen. Die gestern aus diesen Räumen so schmählich vertriebene Göttin der Langeweile, die Etiquette, feierte ihr Restaurazionsfest mit schwülem, schweigenden Pomp.

-- Die Gesellschaft war aber stillselig in dem +einen+ Gedanken, welcher ihr alles andere Glück aufwiegt: sie waren +unter sich+!

-- Und sie verdienen nicht nur dieses Glück, sondern haben sogar das volle +Recht+, es für eines zu halten, so lange es Geschöpfe gibt, von denen sie um dieß „unter sich!‟ +beneidet+ werden. -- Der Prinz gehörte nicht dazu; er labte sich an der Erinnerung an gestern und an der Aussicht... über die Tableaux hinüber, die ihn übrigens lebhaft beschäftigen, und einen flüchtigen Blick verdienen.

Wir überfliegen die verschiedenen Gruppen nach Winterhalter, Paul de la Roche, Vernet -- worunter nur eine, aus der Smala Abdel Kader’s, den allerhöchsten Beifall erregt und langen beim Schlußtableau an, welches in dem orientalischen Saale, der ein Bassin enthält, dargestellt wird, oder werden soll, da noch ein Hinderniß vorhanden.

Es war Schwanthalers Brunnen in Wien (auf der sogenannten Freiung befindlich) gewählt worden.

Die Donau, Weichsel und Elbe fanden ihre Repräsentantinnen in den drei bereits erwähnten, vom akademischen Ausschusse gewählten Frauen; den Po vertrat ein Kavalier einer ritterlichen Nazion, welcher das Unglück hatte, der schönste Mann des Landes und sonst Nichts zu sein. -- Da sich keine Dame dazu verstanden hatte, die Rolle der auf der hohen Brunnensäule stehenden Austria zu übernehmen, so wurde statt ihrer ein „Genius des Vaterlandes‟ hinaufgestellt, zu welchem ein schlanker, rothwangiger Regiments-Kadett alle wünschenswerthen Eigenschaften, nebst der Schwindelfreiheit vereinigte.

Im Bassin war natürliches Wasser, Rand und Brunnensäule reich mit Blumen verziert; die Costüme der Damen, in einigen Punkten nothwendigerweise vom Vorbilde abweichend, waren in Farbe und Form geschmackvoll von Volpi arrangirt, und das Ganze machte in der herrlichsten Beleuchtung einen zwar durchaus nicht plastischen, aber reizenden Effekt.

Bald soll der Vorhang sich theilen. Die Weichsel und Elbe sitzen in den griechischen Gewändern, mit ihren vergoldeten Wasserschaufeln spielend, noch in Fauteuils, der Po geht auf und nieder, ungeduldig mit dem Ruder stampfend. -- Aber noch immer keine Donau erschienen.

„Aber es ist doch geradezu unmöglich, daß die Strada nicht kommt! die einzige, -- einzige Bürgerliche! -- eine Frau, die doch Geist genug hat, um zu begreifen, daß ihr Stand in ihr geehrt ist, wenn sie zwischen drei Flüssen steht, deren Wasser rein wie das destillirte in der Apotheke, durch fünf oder sechs Jahrhunderte fortgeronnen ohne einen fremden Bestandtheil in sich aufzunehmen!‟

Der Kadett steht mit langen goldenen Flügeln in goldgestickter Tunika, mit verschränkten Armen auf der Säule und räth nach Donau-Eschingen zu telegrafiren, warum der Fluß ausbleibt.

Da kommt ein Brief: Madame Strada ist „plötzlich unwohl.‟ --

Zuerst beißt man sich ärgerlich in die Lippen.

„Nicht einmal das Costüme hat sie geschickt.‟ --

„Es würde es wohl kaum Jemand angezogen haben!‟ --

-- Dann geht der Zorn in stille Verachtung über. --

„Man sieht! -- -- wenn sich nicht ihrer Mehrere zusammenthun können -- -- als Einzelne unter uns fühlte sie sich gedrückt... es ist ja auch natürlich! -- Schade, sie ist sonst ein liebes Weibchen! -- Lassen wir die Arme!‟

Aber die Minuten fliegen weg, und Minuten vom Monarchen durchwartet wiegen ungefähr ein Jahr von Unterthanserwartung.

Der Vorhang bewegt sich, das rothe Gesicht des General-Adjutanten sieht fragend herein und zieht sich wieder zurück. Die Flüsse ringelten sich verzweifelnd um Volpi.

Er rief: „Nehmen wir in Gottes Namen die Donau lateinisch, -- Danubius! schnell einer von den Herren herein, wir haben noch einen grünen Bart und Schilfkrone.‟ -- Er stürzt hinaus zum Prinzen -- bevor dieser wählen kann, hat aber Graf Greuth das Auskunftsmittel vernommen, und beordert Oberst Plomberg hinter die Szene, welchem die griechischen Gewänder umgethan, Bart und Schilf aufgesetzt werden -- das Tableau ist gerettet. --

Schade, daß der Kadett, wie er die Arme segnend ausbreitet, mit offenem Munde lächeln zu müssen glaubt: es macht den fatalen Eindruck, als wäre der Genius des Vaterlandes die Bornirtheit.

Die Gesammtwirkung ist überraschend. „Charmant! -- ruft der Monarch -- ich habe das Original selbst gesehen, als ich einmal in Wien war, aber mit den Farben und Lichtern machts doch einen ganz andern Effekt!‟

Der General-Adjutant erwiederte: „Die Gruppe würde aber doch ungemein gewinnen, wenn statt des Genius die schöne Frau auf der Säule stünde, welche das Glück hatte, von Euer Majestät in der Ausstellung bemerkt zu werden.‟

„Das ist wahr! ganz richtig! -- -- Erinnern Sie mich, lieber Graf, wenn die Herbstjagden anfangen, daß ich dem Manne versprochen habe, in seinem Revier zu jagen.‟

-- -- Endlich war auch dieß vorüber. -- Der letzte Wagen rollte den Berg hinab, -- der Prinz stürzte nach seinem Schlafzimmer, vertauschte die Gala-Uniform mit dem leichten Jagdrock, sprach ein Paar Worte mit Heidenbrunn und flog durch den dunkeln Park und einige Wiesen und Büsche nach dem kleinen, netten, auf halbem Wege zwischen der Stadt und der Villa gelegenen Hause -- dessen Jalousien geschlossen sind, wie das Thor. -- Der Prinz öffnete die Gartenpforte mit dem Schlüssel, den er bei sich trug, und vergaß in der nächsten Minute alle Leiden des exclusiven Cercle’s -- in dem noch exclusiveren -- an der Seite Klotildens, welche ihre Uebersiedlung nach dem mit Luxus und Geschmack eingerichteten Asile mit bewunderungswürdiger Schnelligkeit vollbracht hatte.

* * *

So sind denn die Geschenke alle vom Weihnachtsbaum gepflückt, dem wir den heutigen Tag verglichen.

Auch der Bandit freut sich eines neuen geschliffenen Dolches: Kollmann hat alle Ursache den Tag zu loben. Er spricht in seiner Weise ein Dankgebet, das andern Ohren wie eine Gotteslästerung klingt.

Der General-Adjutant, Plomberg, der Prinz und Klotilde, Jeder hat seinen goldnen Apfel heimgetragen, -- der Monarch freut sich des Jagdvergnügens, das er heute noch keine Anstalt macht zu vergessen, freut sich der Beweise der Loyalität und daß dieselben vorüber, -- und wie tausendstimmig die Stadt gejubelt, ist in dem Telegramm des Gouverneurs an den Ministerpräsidenten zu lesen.

Arnold aber hält am Schlusse des Tages den Brief in der Hand, den ihm Julie unter den wilden Kastanien gereicht, -- -- den sie in der letzten Nacht geschrieben.

Er hatte das Licht verlöscht, -- und wieder angezündet, um -- wieder zu lesen, obgleich er jedes Wort auswendig weiß.

Sie hatte geschrieben:

„Wenn Deine Augen über dieß Blatt gleiten, so haben die meinen Dir schon das Unrecht abgebeten, -- habe ich +Dich+ durch +Glück+ versöhnt, wie den Himmel durch eine Stunde kindischen +Schmerzes+. -- Auch Du wirst sie vielleicht durchleben, wenn Dein Glaube nicht höher und fester.‟

„Ich spreche zu Dir, als hätt’ ich aus Deinem Munde vernommen, was nur mein eigen Herz mir geschworen. Ich habe aber auf den Grund Deiner Seele geschaut wie Du in meine. Kann ich Dir, -- kannst Du mir Ein Wort sagen, wodurch erst ein Schleier gelüftet würde? Soll ich den Frühlingsglanz, der über mein Leben gefallen, vor Dir verhüllen, damit Du nicht früher glücklich seist, als bis Du gesprochen, und um ein Herz geworben, das Dein eigen? Glaube dem Deinigen, und Du wirst Dir klar bleiben, glücklich, was auch verwirrend zwischen uns trete: +denke+ nicht über mich, sonst wirst Du irre.‟

„Kannst Du ein Glück fassen, ohne über die selige Gegenwart hinaus zu denken? Ich fürchte, Du kannst es nicht. Ich aber muß es. Nimm, wenn Du es vermagst, das +Heute+ als Gottesgeschenk, ohne nach dem +Morgen+ zu fragen. Nimm es, wie ich die schönste Freudenblume, die mir durch Dich erblüht, an meiner Brust bewahre und nicht frage, welcher Tag sie entblättert.‟

-- -- Allein alle die befremdenden Klänge der letzten Worte verstummten für Arnold vor dem hellen Wonnelaute: Du bist geliebt. -- Es gab keinen Glücklicheren als er -- -- vielleicht eine Glücklichere.

Kirchenweihe.

-- Am folgenden Vormittage trafen in der Telegrafenstazion Frauenwang, von welchem Orte bekanntlich der Weg nach dem Korbachthale führt, im Zwischenraume einer Stunde folgende zwei Depeschen ein:

„An Herrn +Morawski+, Verweser zu +Altenberg+. -- Lassen Sie +Ihre+ Maschine arbeiten. -- Mit allen Ihren Vorkehrungen einverstanden. -- Hier geht Alles vortrefflich. =K.= unterliegt, nicht weiter zu fürchten, wenn Sie gut arbeiten.‟ -- Unterzeichnet: „Kollmann.‟

Die zweite lautete:

„Theurer Vater! Vollständiger Erfolg. Vor einer Stunde alle Kontrakte unterzeichnet. =K.= ist aus dem Felde geschlagen. Ich komme morgen Abends.‟

„Da habe ich einmal -- sagte der Stazionsbeamte zu seinem Gehülfen -- eine Anekdote gehört, wie in der Menagerie in London der Tiger und der Löwe einander über Nacht gegenseitig aufgefressen, so daß von beiden Nichts übrig blieb als die Köpfe. Etwas Aehnliches scheint hier vor sich zu gehen; lesen Sie einmal!‟ -- Der Gehülfe las und bemerkte, daß die beiden Schreibenden vielleicht gegen einen dritten gemeinschaftlichen Feind gesiegt hätten. „Gott bewahre, erwiederte der Andere, -- ich kenne den Zusammenhang, es sind die zwei Fabrikanten, die einander zu Grunde richten wollen. Nun, wir werden bald sehen, welches =K.= das andere untertaucht.‟

Er kopirte die Depeschen, machte sie zur Expedizion zurecht und fuhr fort: „Die Stücke sollen durch Expressen befördert werden, es ist dafür dort bezahlt worden. Ueber Altenberg nach Korbach? wir können zwei Expressen aufrechnen, da die eine Depesche bereits vor einer Stunde gekommen und wir sie schon hätten absenden können.‟

„Gewiß, wenn wir gewollt hätten‟ -- --

„Nun, schicken wir sie unter +Einem+. Glücklicherweise ist keine Fabrikgelegenheit da. Lassen Sie den Schneiderpeter holen, -- der fährt um die halbe Taxe!‟

Nach einer halben Stunde erschien der Genannte, eine gutmüthige, verhungerte Gestalt in Nankingbeinkleidern und himmelblauem Rocke. -- Er übernahm die Depeschen, beendigte zu Hause eine Flickarbeit, richtete seinen Einspänner zurecht und fuhr in einem gemüthlichen Mitteltempo zwischen Schritt und Trab von dannen. Da er wiederholt in Bauern- und Wirthshäusern kurze freundschaftliche Besuche abstattete, wurde er fortwährend von einem fleißig ausschreitenden Hausirjuden überholt, welcher, mit seinem sechzig Pfund schweren Magazin auf dem Rücken, gleichzeitig mit ihm in Altenberg eintraf.

Das Pferd wurde in den Stall gestellt, und auf der Hausbank ein Glas Wein in Gesellschaft des Gevatter Wirthes getrunken. -- Das regste Leben herrschte im Orte; die Gebäude waren vollendet; eben ausgepackte Maschinenbestandtheile lagen auf dem Platze vor der Fabrik umher.

„An dem Morawski, begann der Wirth, hat Herr Kollmann den Rechten gefunden. Vor drei Tagen hat er wieder hundert Slowaken, die von der Eisenbahnarbeit nach Hause geschickt werden sollten, aufgenommen, für die großen Grabungen am Wassergang und dem Dammbau, und fünfzig Italiener für die Steinarbeiten.‟

-- „Das nützt Alles nichts; gegen den Korbacher kommt er doch nicht auf.‟

-- „Das wird sich zeigen; schau die Walzen an, sie sind größer als jene, die sie dort haben. Sie werden bald die Augen aufreißen! Die Lutherischen drüben haben ja schon geglaubt, gegen sie stehe Nichts mehr auf im Lande.‟

„Ist der Erzbischof schon bei Euch durchgekommen?‟

„Nein, es war ein Anderer, der statt seiner die Einweihung vornehmen soll. Es sind drei Wagen mit Geistlichen vorübergefahren; der Vornehmste hat den Segen gegeben. Da hättest du sehen sollen, wie die Slowaken auf das Gesicht gefallen sind. Das ist ein Volk! aber noch immer besser als die da drüben! sie haben wenigstens eine Religion; aber in Korbach glauben sie an gar Nichts als an einen Herrgott.‟

„Ja freilich,‟ meinte der Schneiderpeter, „so lange der Mensch gesund ist und vollauf hat, thuts der Herrgott allein, aber wenn Einer krank wird und recht herunterkommt, müssen doch die Mutter Gottes und die Heiligen wieder heraushelfen. Ich habe aber einen Telegrafen an Herrn Morawski im Sack und bin Expresser.‟

„Geh in die Kanzlei, -- er ist gerade hinübergegangen.‟

Morawski las die Depesche mit sichtlicher Aufregung, und rief den Werkführer Fontana zu sich, mit welchem er sich lange und angelegentlich besprach.

Das Resultat der Unterredung wurde bald offenbar. -- Obgleich es erst Mittag war, ertönte die Glocke, welche gewöhnlich nur zum Feierabende und zur Mittagsruhe geläutet wurde, und die Arbeiter warfen ihr Geräthe weg und versammelten sich auf dem Rasenplatze vor der Fabrik. Morawski trat heraus und befahl den Italienern, sich abzusondern und Herrn Fontana zu folgen, welcher sich mit ihnen etwa fünfzig Schritte entfernte, in ihre Mitte stellte und, mit einigen Abänderungen, eine gleichlautende Rede mit jener hielt, in welcher sich Morawski gegen die Andern vernehmen ließ.

Ein Blick auf Letzteren machte begreiflich, daß er das Vertrauen Kollmann’s besaß, -- Redner und Publikum waren einander werth. Herr Morawski war ein großer breitschulteriger Mann, mit blatternarbigem, verschmitzten Gesicht, Ohrringen in beiden Ohren und stark böhmischem Akzent.

Die Slowaken anlangend, standen dieselben in ihren ungeheuern Stiefeln, ausgefransten Leinwandsäcken, die die Beine bedeckten, und breiten Hutdächern mit einem Ausdrucke da, welcher zu Studien über die Perfektibilität der Thierseele Anlaß geben, aber auch alle sanguinischen Hoffnungen auf dieselbe abschneiden konnte. -- Diese Nazion ist offenbar an einem regnerischen Freitag gegen Abend geschaffen worden. Wenn sich, wie bekannt, im Kopf eines Hechtes das sogenannte Leiden Christi, nämlich alle Instrumente vorfinden, welche zur Marter des Herrn, vom Verhör bei Pontius bis auf Golgatha, gedient, so müssen sich im Kopfe eines Slowaken überdieß die Torturwerkzeuge aller der Tausende von heiligen Märtyrern entdecken lassen. Wenn dieses Volk jubelt, klingt’s noch immer wie wenn ein anderes heult: der Slowak mag arbeiten oder trinken, betteln oder stehlen, durch jede Funkzion seines Lebens wird der nazionale Urjammer, der spezifisch-slowakische Weltschmerz durchtönen. --

Morawski sprach zu ihnen wie folgt:

„Unser gnädiger Fabrikherr, Euer Arbeitgeber, sieht vor Allem auf die Gottesfurcht und Frömmigkeit seiner Arbeiter. Er will gern einen Schaden erleiden, wenn Ihr dafür ein Werk der Andacht verrichten könnt. -- Er gibt Euch zwei Tage frei, ohne den Lohn abzuziehen. -- Es wird morgen die Kirche in Korbach geweiht; ein hoher Geistlicher, welchen der Erzbischof geschickt hat, wird den Segen geben, welcher so gut ist, als ob er vom Erzbischof selbst käme. Wer ihn erhalten will, der geht mit mir und Herrn Fontana, welcher Eure Kameraden führen wird, hinüber. Da Herr Kollmann will, daß Ihr in Korbach Nichts verzehrt, so werdet Ihr mit Lebensmitteln versehen werden. In Korbach sind viele Arbeiter, die an keinen Papst, keine Mutter Gottes und keine Heiligen glauben. Ihr werdet Euch ruhig und still betragen und jeden Zank mit diesen unglücklichen Menschen vermeiden, die Ihr bedauern müßt; wir werden aufbrechen, sobald Ihr Euern Wein und die Lebensmittel gefaßt habt, auch hat Herr Kollmann befohlen, daß Jeder von Euch einen Rosenkranz bekommen solle. Wer will die Wallfahrt mitmachen?‟

Die Antwort war ein einstimmiges Freudengeschrei; man konnte glauben, es werde ein Häuptling zur Erde bestattet. -- Wenige Minuten später klang der prachtvolle Akkord des fünfzigstimmigen Evviva! aus den metallnen Kehlen der Italiener herüber, welche die Hüte in die Luft warfen, Kollmann und die Madonna, den Erzbischof und den Branntwein leben ließen, aber mit allem Schreien, Gestikuliren, Hin- und Herrennen nicht verhindern konnten, daß die melancholischen Slowaken ihre Flaschen und Brotsäcke früher gefüllt hatten als sie.

In kurzer Zeit war Alles marschfertig. Der Kaplan hatte dem Ersuchen um eine Kirchenfahne willfahrt, mit welcher ein Arbeiter an die Spitze des Zuges trat, ihm zur Seite ein Vorbeter. Morawski und Fontana bestiegen einen leichten offenen Wagen, -- die Italiener führte ein Maurerpolier und vormaliger Chorist, Namens Pompeo. Sie eilten voraus, um dem Gesange ihrer Kameraden zu entrinnen, stimmten zuerst ein Lied zu Ehren der Madonna di Korbacco an, ließen sich aber von Pompeo leicht aus dem religiösen Gebiete ins melodramatische hinüberziehen und bildeten einen gelehrigen Chor zu seinen Donizettischen, Verdischen und sonstigen Arien.

Als Alle abgezogen, machte der Schneiderpeter Anstalt zur Weiterbeförderung seiner zweiten telegrafischen Depesche.

Das Pferd wurde angeschirrt, die Rechnung bezahlt, und er überholte mit leichter Mühe die Arbeiter und den Hausirjuden und gelangte mit wenigen Unterbrechungen bis Labring, eine halbe Stunde vor Korbach.

Es war spät in der Nacht, als er bei seinem Geschwisterkinde, dem Ortsrichter, anklopfte. -- Dieser empfing ihn mit freudigem Ausrufe und den Worten: „Den ganzen Tag habe ich an Euch gedacht, Peter! ob Euch nicht eine Botenfahrt hereinführen würde. Morgen soll ich zur Kirchenweihe und heute klopft die Dirne meinen neuen Rock aus, und der Hund versteht falsch und springt hinauf, und reißt den Aermel in Fetzen. Ich hätte wohl noch einen Rest Tuch, -- wollt Ihr dran gehen?‟

Der fleißige gefällige Peter ging flink an die Arbeit und stach so hurtig drauf los, daß er nahezu fertig war, als die Wallfahrer nachkamen und am Hause vorüberzogen. -- Schließlich traf er fünf Minuten nach den Italienern, eben so viele vor den Slowaken mit seiner Depesche im Korbacher Wirthshause ein, wo eben der Jude, der mit ihm zugleich von Frauenwang ausgegangen, seinen Großhandel in eine Ecke und sich selbst daneben niederfallen ließ. Der Schneiderpeter versorgte sein Pferd, setzte sich, um einen Augenblick auszuruhen, betäubt von Wein und Nachtfahrt, auf die Streu nieder und schlief alsbald ein. --