Dissolving Views: Romanfragmente von Leo Wolfram.

Part 2

Chapter 23,609 wordsPublic domain

Juliens Worte hatten aber das unverkennbare Gepräge des treuen Ausdruckes ihres Innern, und vielleicht war es die plötzlich auftauchende Besorgniß, sie falsch aufgefaßt zu sehen, was sie bestimmte, in heiterm, fast scherzendem Tone fortzufahren: „Ich nöthigte den unglücklichen Hofrath in den Nachen des Mannes, den alle Forellen des Sees unter dem Namen Fischerhans als böses Prinzip verabscheuen. Ich will nach dem Waldufer, es wird dunkel, der Hofrath beschwört mich ihm sein Leben zu schenken und Hans beantragt augenblickliche Umkehr. Ich lachte sie aus und bestehe darauf, wenigstens quer über die Bucht nach dem Hofe zurückzufahren. -- Wenn wir’s nicht durchsetzen, sagt Hans, so treibt es uns in den untern See hinaus, und wenn der Wind gegen den Wetterstein umspringt, -- -- so haben wir, erwiedere ich, das rothe Kreuz, -- wo wir landen. All das Gerede war aber schon vergeblich, mit dem ersten Donnerschlag fiel der Sturm ein, entführte meinen Strohhut, der Regen strömte herab, und nach einer Viertelstunde, in welcher jeder Augenblick der letzte schien, stießen wir so gerade und pünktlich auf den Sand am rothen Kreuz, daß ich Hans vollkommen Recht gebe, wenn er behauptet, mein Schutzengel allein habe das Schiff gelenkt. -- Als der Sturm nachließ, befahl ich ihm nach dem Freinhof zu fahren, wo man nichts von unserer Fahrt wußte, und das Herrenschiff herzuholen. In der Zwischenzeit kam das schöne Abendroth, kam Ihr Nachen, dem ich mich nun anvertraut habe, obwol er um nichts besser als der fortgeschickte, -- und ich freue mich, daß meine Erlösung nicht auf dem geraden, langweiligen, legalen Wege, sondern gerade +so+ gekommen, +wie+ sie eben gekommen.‟

Es schien Arnold bei Juliens letzten Worten, als ob die Augen doch nicht nur +einen+ Glanz hätten. Es verstrichen ein Paar Minuten und er vermochte nicht das Gespräch am Ende des so freundlich dargebotenen Goldfadens anzuknüpfen. Nur eines Haares Breite lag zwischen der glücklichsten Antwort und dem schmählichsten Gemeinplatz.

„So viel ist gewiß, sagte er, daß Glück und Verdienst wieder einmal in grellem Mißverhältnisse stehen. Mir wird die Freude zu Theil, Sie in meinem Nachen zu führen, -- aber erst nachdem die Vorsehung Sie aus der wirklichen Gefahr gerettet. Der schöne Traum einer +Rettung+ durch mein Kommen läßt sich nun einmal nicht festhalten. Er ist verschwunden wie die Goldstickerei, welche der Glanznebel für mein Auge auf Ihr graues Kleid geworfen.‟

„Das ist hübsch gesagt, erwiederte sie, -- derselbe Goldnebel hat auch über Sie, als ich Sie durch ihn herankommen sah, so etwas wie einen Heiligenschein geworfen. -- Wir haben nun unsere beiderseitigen Verklärungen abgestreift, so wie die Situazion alles Schauerliche. -- Eine halberfrorne Frau, welche auf ihr Schiff wartete, hat vorgezogen, in dem Nachen eines jungen Mannes, der ihr seine warme Jacke anbot, nach Hause zu fahren. -- Das ist Alles, was hinter dem Goldgewölke liegt.‟

Ein Schatten von tiefem Ernst, der über ihr Gesicht flog, wich eben so schnell, als sie fortfuhr: „Wenigstens sehe ich, daß Sie ein echter Deutscher sind: Sie reflektiren, Sie lassen keine Freude bei sich einziehen, wenn sie sich nicht mit einem vom Verdienst gefertigten Passe legitimirt, und suchen die Stelle, wo der Regenbogen auf der Erde steht, zu ergründen, um sich zu überzeugen, ob er auch auf festem Boden ruhe!‟

Der Vorwurf war ungerecht. Arnold reflektirte nicht, aber Juliens Worte gaben ihm erst den Stoff dazu.

Eine Antwort war nicht mehr möglich, denn in dem Augenblicke, wo nun das Schiff um den Felsenvorsprung bog, welcher die Bucht, an welcher der Freinhof liegt, bisher verdeckte, schmetterte durch das stille Halbdunkel ein Ruf -- oder Ton -- oder Aufschrei -- wie ihn nur der begreift, welcher jemals einen Urbewohner der Berge aus voller Kraft der Lunge „jodeln‟ gehört --... ein Jodler, der das Echo am Ende des Sees aus dem ersten Schlummer aufzuschreien zwang, -- das ferne Waldufer nahm die Herausforderung an und nun scholl es zehnfach zurück von Berg und Fels und verklang endlich in sanfteren Tonwellen, welche von dem raschen Ruderschlage übertönt wurden, womit die stattliche, fest und zierlich gebaute Barke vom Freinhof herankam. In einer Minute hatte sie den Nachen Arnolds erreicht. --

Der Urheber des gewaltigen Jubelgrußes war aber kein Eingeborner der Gegend, sondern der vom Schiffer erwähnte „große Herr Knorr,‟ welcher auf der äußersten Spitze des Vordertheils, gerade über den goldnen Buchstaben des Namens Julia stand, und mit einem braunen Sammtrock bekleidet und einem grauen, weichen, vielgeprüften Filzhute bedeckt, in ungeheurer Länge emporragte, wie der Rauchfang eines Dampfschiffes. Auf dem mittleren Sitze saß ein Mann in eleganter Sommerkleidung, das heißt, er war vom Hals bis zu den Kamaschen mit dem gleichen englischen Stoff von unbestimmter Farbe überzogen und trug einen Panama-Hut mit Sammtband. „Kannst du denn, -- rief er dem andern zu -- dein höllisches Gejohle nicht lassen, wo du gar nicht weißt, ob es zur Situazion paßt!‟ -- Der Lange im Sammtrock lachte laut aus seinem struppigen Vollbart und sagte: „Zu meiner Situazion jedenfalls, und für die deine hindere ich dich nicht, jedes Geflöte und Gesäusel anzustimmen, welches dir passend scheint.‟

Julie war beim ersten der vom Panama-Hut mißbilligten Töne rasch im Schiffchen aufgestanden mit dem Ausrufe: „Da sind sie, die Retter nach der Gefahr! -- der gute närrische Knorr, vielleicht der einzige Mensch, der es ganz ehrlich mit mir meint -- und der ewig fein sein wollende Reiland‟... (es schien Arnold, als ob vor dem Namen Reiland noch das Wort „unausstehlich‟ halblaut eingeschlüpft wäre).

„Willkommen, willkommen!‟ scholl es von den aneinanderliegenden Schiffen. „Wir waren so fest überzeugt -- rief Knorr’s gewaltige Baßstimme -- daß Sie der See verschlungen, schöne Frau Julie, daß Herr Reiland bereits Trauer um seinen Hut gelegt, und ich einen meiner Revolvers mitgenommen habe, um mich beim rothen Kreuz nach Erhebung des Thatbestandes zu erschießen‟ -- er knallte dabei einen der Läufe gegen die Felsenwand los -- „und nun eine Jubelfanfare für die glückliche Rettung‟ -- -- er setzte ein chromatisches Posthorn an den Mund, und ein Geschmetter, welches den vorigen Jodler zu Schanden machte, fiel mit dem Wiederhall der Pistole zusammen.

„Aber um Gotteswillen, lieber, lieber Knorr -- bat Julie mit aufgehobenen Händen -- jetzt ein Ende mit Ihrem gräßlichen Unsinn! Geschwind fort, zum rothen Kreuz, dort finden Sie den verzweifelnden Blauhorn, den Sie auf der Heimfahrt mit Schießen und Blasen sein Elend vergessen machen sollen.. Guten Abend, lieber Reiland! Adieu! In einer Stunde im Schweizerhaus!‟

Der Genannte verbeugte sich mit einem Blick, in welchen er ehrerbietige Zärtlichkeit, feines Bedauern über Knorr’s Auffassung der Situazion und noch vielerlei Anderes zu legen gedachte. Knorr aber rief den vier Ruderern ein Vorwärts! zu, und die Fahrzeuge flogen in entgegengesetzter Richtung auseinander.

Arnold hatte Welt genug, um manche auf seinen Lippen schwebende Frage zu unterdrücken. -- Knorr’s vertrauliches „schöne Frau Julie‟ hatte ihn eben so unangenehm berührt, als Reilands süßes albernes Augenspiel. -- -- Und wieder in Juliens Zügen das gleiche frohe Aufleuchten beim Gruße. -- --

Mit einem ihm unerklärlichen Uebergange hatte sich nach der Begegnung mit der Barke ihr ganzes Wesen verändert. Es war, als ob, wie auf den Berggipfeln, auch in ihr der letzte Funke der Abendglut verlöscht wäre.

Sie sagte: „Legen Sie Ihr Ruder weg und lassen Sie dem Fährmann allein die Mühe. Setzen Sie sich zu mir, -- wir kommen doch noch vor den Andern nach Hause.‟

Es läßt sich denken, daß Arnold schnell und freudig gehorchte.

„Da haben Sie, fuhr sie fort, ein Bild meines Lebens: -- ein Ort, der die Heimat des Friedens scheint, und aus dem doch alle Ruhe verbannt ist. -- Wenn ein Augenblick einer ruhigen frohen Träumerei kommt, so fährt ein greller Mißlaut dazwischen, wie jetzt der tolle Lärm dieses guten Menschen, und doch verletzt dieser mich hundertmal weniger als manches Lied mit oder ohne Worten, dessen Ton rein und dessen Sinn falsch ist -- und das ich doch anhören muß.‟

Sie erschien Arnold mit jedem Augenblicke schöner, als sie, den Lockenkopf senkend, mit schmerzlichem Lächeln vor sich hinsah.

Er erwiederte: „Und doch ist nun auch dieser grelle Mißlaut verklungen, und so muß es jeder andere, wenn Sie ihn nicht in Ihrer Seele nachklingen lassen. Ich vermag nicht über frohe und schmerzliche Bewegungen in Ihrem innern und äußern Leben zu urtheilen, aber daß +Sie+ die Gabe besitzen müssen, jede Dissonanz in den Akkord zu lösen, wenn Sie nur ruhig wollen, davon bin ich fest überzeugt.‟

„+Ruhig wollen?+‟ wiederholte sie -- „Ich kann mir nur ein heftiges, heißes Wollen denken.... wer Ihr Mittel besitzt, der bedarf seiner schon nicht mehr!‟

Sie schwieg einen Augenblick, wendete sich gegen ihn und sprach mit leiser Stimme, aber jedes Wort betonend und langsam: „Könnten denn Sie Jemanden -- -- so recht innig -- vom Grund des Herzens -- bis in den Tod -- -- unversöhnlich hassen?‟

Mag man es einen Wahnsinn nennen, daß Arnolds Blut heiß aufwallte und zum Herzen drang, als die Worte, so langsam einander folgend, jedes die Erwartung des folgenden spannend, über die wunderbar reizenden Lippen traten.

Konnte er sich denn auch nur träumen lassen, daß statt „hassen‟ ein anderes Wort schließen würde? -- Und +wenn+ es kam -- -- hätt’ er sich dessen freuen können? -- War er der Mann, der ein Glück in einem flüchtigen Abentheuer fand, wenn die Frage von der schlimmsten, rasch auf ihr Ziel hinsteuernden Koketterie eingegeben war? -- und welche Erklärung hätte es gegeben für eine +solche+ Frage an einen jungen Mann, den die schöne Frau eine Stunde lang nicht +kannte+, sondern +sah+? welche Erklärung, die nicht dem Paradiesvogel ihrer Anmuth die schönsten Schwungfedern, dem Schmucke ihres Geistes die glänzendsten Juwelen ausgebrochen hätte?

Doch das +andere+ Wort kam eben +nicht+, und einen Augenblick später freute er sich dessen.

Seine Wangen waren aber mit einer im Abenddunkel freilich nicht sichtbaren Glut übergossen, als er bei der Dissonanz, womit die Frage schloß, erst klar fühlte, welchen Klang er erwartet... welche Gedankensünde er gegen +sie+ begangen.

Sie war ihm zu verzeihen. -- „Ich möchte -- sagte er, vor Allem +Sie+ fragen, wie kann ein so harter, wie ein dreischneidiger Dolch geschliffener Gedanke aus weichen Frauenlippen kommen?‟

„Vielleicht, entgegnete Julie, -- ist eben nur eine Frau in ihrer Schwäche eines solchen fähig; ich habe die kräftigsten Charaktere stets am versöhnlichsten gefunden, vielleicht mit Ausnahme eines +Einzigen+.‟

„Der +Zweite+, rief Arnold, bin nicht +ich+! Ein dreifaches Nein! Ein Haß, wie Sie ihn malen, ist ein Ungeheuer unter den menschlichen Gefühlen, ist vielleicht die einzige, durch nichts zu tilgende Schuld gegen die Menschennatur! Ob ich zu den kräftigen Charakteren in Ihrem Sinne gehöre, vermag ich nicht zu entscheiden; die Ziele und Hindernisse, an denen ich meine Kräfte zu messen habe, liegen noch vor mir. Daß ich mir aber kein Verbrechen denken kann, das nicht endlich gesühnt werden, -- und so auch keinen Haß, der nicht endlich erlöschen könnte, das ist wahr -- so wahr, daß ich Sie -- Vergebung meiner Offenheit! -- innig beklagen würde, wenn Sie das, was Sie aussprachen, in seiner furchtbaren Bedeutung, in seiner ganzen tödtlichen Kälte zu fassen, zu begreifen vermöchten!‟

War es doch das Nachzittern des nicht gesprochnen „andern‟ Wortes, das ihn so heiß gegen den kalten Haß reden ließ?

„Es wird eine Zeit kommen, entgegnete Julie ruhig, wo Sie meine Frage, die Sie befremden muß, begreifen, -- wo Sie auch den Grund derselben nicht hören, sondern so zu sagen mit erleben. Ich glaube, Sie werden unserem Hause, werden mir nicht fremd bleiben. -- Daß Sie den Freinhof heute nicht verlassen, sondern die Gastfreundschaft annehmen, welche Ihnen dessen Besitzerin anbietet, versteht sich von selbst. Erst jetzt, da ich Sie den Bekannten, die Sie treffen, vorzustellen wünsche, bitte ich Sie mir zu sagen, welchen Namen ich nennen darf.‟

„Ich heiße Arnold Korbach und theile letzteren Namen mit der Besitzung meines Vaters, dem Korbachthale, sechs Stunden von hier, wo unsere Metallfabrik liegt. -- Ich habe mehr als ein Jahr auf der Reise in Begleitung eines Freundes meines Vaters zugebracht und wollte, nachdem ich nach der Rückkehr einige Tage bei den Meinigen verlebt, mit dem heutigen Nachttrain nach der Residenz, wo ich noch ein Jahr künstlerische und technische Studien betreiben werde, um dann die Leitung unserer Werke zu übernehmen.‟

-- „Ihr Name war für mich kein fremder Klang. Ich hörte Ihres Vaters bei vielen Gelegenheiten auf eine solche Weise erwähnen, daß ich mich nun doppelt freue, den Sohn eines von allen Rechtlichen so hochgeachteten Mannes kennen zu lernen. Der schwere Schlag, welcher im vorigen Jahre Ihr Haus durch den Tod Ihrer würdigen Mutter getroffen, deren segensreiches Wirken in weiten Kreisen bekannt war, hat innige Theilnahme auch bei denen erregt, welche sie nicht persönlich kannten.‟

-- „Die Kreise, von denen diese mir wohlthuenden Worte gelten, sind zwar höchst achtungswürdige, aber wohl kaum +weite+. Man kannte meine Mutter als die Gründerin der protestantischen Kolonie in Korbach, kennt meinen Vater als den Beschützer derselben, -- als freisinnig, -- verzeiht ihm in gewissen Regionen nicht, daß er, selbst Katholik, meine Schwester und mich im Glauben der Mutter erziehen ließ, und -- ich werde mich nicht täuschen, wenn ich annehme, daß bei dem hier zu Lande herrschenden Geiste die Zahl Derer, welchen ein Unglück unseres Hauses Freude bereitet, größer ist als jene der freundlich Theilnehmenden.‟

-- „Ich hörte auch in +diesem+ Sinne sprechen, und Sie können auf Ihre Feinde nur stolz sein. Glücklich, der in unabhängiger Lage sich des Beifalls der Guten freuen kann, ohne den Haß der Schlechten zu scheuen. +Sie+ athmen Freiheit! Ein Wort, das mir wie eine ferne Kindheitserinnerung klingt. -- Der Schlag der Hämmer in Ihren schönen Werken, deren blühenden Zustand Alle preisen, mag all’ dieß feindliche Gerede übertönen. Es freut mich, Sie gerade dieser Bestimmung entgegengehen zu sehen. Das Bild der Metallfabrik stimmt für mich zu Ihrem Wesen. Ich konnte mir Sie nicht am Schreibtische als Beamten, eben so wenig als künftigen Advokaten, Literaten, kurz als ein Mitglied der schreibenden Welt denken. -- Nun sind wir im Augenblick zur Stelle -- -- in einiger Zeit wird Knorr auf Ihr Zimmer kommen, Sie ins Schweizerhaus zu begleiten.. vergessen Sie einstweilen meine seltsame Frage -- urtheilen Sie überhaupt heute nicht über mich, Sie würden es vielleicht widerrufen müssen.‟

Arnold drückte die dargebotene Hand. Sie waren gelandet; Hausleute und Diener des Freinhofes drängten sich unter Aeußerungen der Freude um Julie, welche freundlich dankte, Arnolds Jacke abstreifte, die sie ihm lachend über die Schulter hing und, von einem Mädchen gefolgt, nach der Mitte der Gebäude zuschritt. -- Ein junger Diener in Jagdlivree hatte Arnolds Reisetasche demselben vorgetragen und führte ihn nach links, einige Stufen hinan, über einen hölzernen Gang, dessen geschnitzte zierliche Säulen, von Schlinggewächsen umsponnen, das vorspringende Dach trugen, in ein im bekannten Stile aller eleganten Chalets gehaltenes Zimmer, wo ihn aller Comfort empfing, welchen Reichthum und Geschmack vereinigt dem Gaste zu bieten vermögen. -- Der Erzähler dieser Geschichte weiß, was er selbst und Tausende seiner Mitgeschöpfe unter Lokalitäten-Beschreibungen gelitten. Dieses mitleidslose Herumzerren durch Haupt- und Nebengebäude, das Inventarium sämmtlicher Einrichtungsgegenstände, meistens nur zu dem Zwecke, die Begabung des Autors als Dekorateur und seine Fachstudien im Tischler- und Tapazierer-Handwerk zur Schau zu stellen -- -- dieses Alles bildet ein dem Gesetze nicht erreichbares Vergehen gegen die Sicherheit des arglos vertrauenden Lesers, welches als Mißbrauch der schriftstellerischen Amtsgewalt zu bezeichnen wäre.

Dieser Ansicht gemäß sei hier der reizende Freinhof mit der rücksichtsvollsten Kürze gezeichnet.

Auf der vom Seeufer sanft aufsteigenden Anhöhe, an den Waldhang gelehnt, steht das Schweizerhaus, Juliens Wohnung, -- ein Stockwerk hoch, von uralten Tannen überragt.

Der feste steinerne Unterbau enthält zwei Dienerwohnungen, eine Küche und Kammern; der obere Theil, aus röthlich braunem Holze, zwei große Zimmer nach dem See hin, welche als Gesellschafts- und Musiksalon dienen, und vier kleine Piecen nach der Waldseite: Juliens Schlafgemach, ihr Boudoir, ein Bibliothekzimmer, ein Maler-Atelier.

Offene Gänge mit schlanken hölzernen Säulen und leichtem Dache verbinden das Schweizerhaus mit den beiden ebenerdigen Flügeln. An den hohen Bogenfenstern dieser aus rothen Ziegeln aufgeführten, mit grauem Schiefer gedeckten Gebäude läuft, in der Höhe von sechs Stufen, eine Gallerie hin, über welche wir, und zwar im linken Flügel, der die Fremdenzimmer enthält, bereits Arnold begleitet haben. -- Den rechten Flügel bewohnt der Herr des Hauses bei seinen in den ungleichsten Zwischenräumen stattfindenden Besuchen des Freinhofes.

Etwa hundert Schritte von diesem Flügel, durch Baumgruppen von den Wohngebäuden getrennt, durch eine schattige Zufahrt mit denselben verbunden, liegen die Wirthschaftsgebäude.

-- -- -- Julie war vor ihrem Mädchen die Treppe hinaufgeflogen in ihr Boudoir, hatte sich auf die Ottomane geworfen, und lag einige Minuten regungslos, ein Marmorbild, mit geschlossenen Augen da. Das Mädchen stand schweigend und betrachtete sie mit sanftem mitleidigen Blick; sie sah dieses Bild wohl nicht zum erstenmale. Julie schien nach einiger Zeit aus einem Mittelzustande zwischen Schlaf und Ohnmacht zu erwachen, und sagte leise und freundlich: „Nimm die Lampe weg, Martha, und komm in einer halben Stunde‟ -- und als sie im dunkeln Gemach allein war, drückte sie das Gesicht in die Kissen und zog, von Fieberschauer geschüttelt, einen Shawl fest um sich. Ob der zitternde Athem, der fliegende Puls, -- ein Schmerzenslaut, der sich aus ihrer Brust rang, von einem Leiden des schönen Körpers, ob von einer tieferen, nur in einsamer Minute die Fesseln brechenden Seelenqual herrührten? -- Vielleicht würde, hätte er sie belauschen können, derjenige die rechte Antwort getroffen haben, der sie doch nur eine Stunde lang kannte, -- Arnold, wenn anders der Wunsch zu errathen die Fähigkeit des Errathens schärft.

Seele und Sinne hatten in der kurzen Stunde einen tiefen Eindruck empfangen. Er war aber gewohnt, keinen Eindruck in träumerischem Halbdunkel zu lassen: er war vor Allem wahr gegen sich selbst. Mit bestimmten Fragen beleuchtete er jedes nebelhafte Gebild in seinem Innern, bis es Gestalt und klaren Umriß gewann, und dann ward es warm im Herzen gehegt oder kalt abgestoßen.

Er fragte sich: Kannst du dich einer Empfindung entsinnen wie die, welche diese Frau in dir erregt? -- Nein. -- Kannst du dieses Gewoge von Eindrücken, welche dich während dieser Spanne Zeit bald erfreuten bald verletzten, Liebe nennen? -- Nein. -- Wie nennst du es also? -- Er fand aber keine Antwort.

-- Nachdem er sich in seinem Zimmer eingerichtet und den Inhalt seiner Reisetasche, -- Zeichenmappe, Tagebuch, -- geordnet auf dem Tische lagen, trat er ans Fenster und sah nach dem stillen See hinaus. Die Bilder des Abends begannen den dunkeln Raum vor seinen Augen zu füllen: er duldete dießmal die Träumerei und stellte sich keine Fragen mehr.

Alle glänzenden und bleichen Bilder verschwanden aber plötzlich, wie Geister beim Hahnenrufe, bei den Tönen, welche die Ankunft Knorrs und seiner Gefährten verkündeten.

Er sah sie landen und sich nach dem Fremdenflügel wenden, -- trat vom Fenster zurück und in der folgenden Minute wurde die Thür aufgerissen und Knorr schritt herein.

Seine Erscheinung war darnach angethan, um Arnold vollends aus seiner Gedankenflut auf den festen Boden der Wirklichkeit zu heben. Knorr aber mußte den festen Boden mit wirklichem Wasser vertauscht haben, denn dasselbe triefte noch von seinen am Leibe hängenden Kleidern, rieselte von den Haaren, perlte im Bart, und die damit gesättigte Hutkrempe hing schlaff über die Stirne. Er warf das formlose Filzgebilde in einen Winkel und sich selbst in ein Fauteuil, mit den Worten: „Ich schlage vor, uns einander nicht vorzustellen, überhaupt unsere Bekanntschaft gar nicht anzufangen, sondern bloß fortzusetzen. +Meinen+ Namen hat Ihnen Frau Julie bereits gesagt und jedenfalls ein Beiwort angefügt, welches näher oder ferner mit dem Begriffe von „verrückt‟ verwandt ist. Ich dagegen sah Sie zum erstenmal, als Sie aufs Aufopferndste bemüht waren, eine schöne Frau im Dunkeln über einen See zu fahren.‟

„Welche aber, unterbrach ihn Arnold, Ihren Namen nicht bloß in Begleitung des obigen Beiwortes, sondern auch mit einem Zusatze nannte, welcher beweist, wie hoch Sie in ihrer Meinung stehen.‟

„So hoffe ich,‟ sagte Knorr, „und was nochmals das Beiwort betrifft, so ist im Freinhof und im übrigen Europa die Grenze zwischen verrückt und gescheidt noch nicht ausgemittelt worden.‟ --

„Jedenfalls, rief Arnold, müssen Sie vor Entscheidung dieser Grenzfrage trockene Kleider anziehen und das sogleich, sonst müssen Sie krank werden.‟

„Auch das wünscht’ ich der Neuheit wegen einmal zu versuchen, sagte Knorr, und unserm Doktor zu Lieb, der bei dem Gesundheitszustand dieser Gegend sein Dasein bloß durch Wilddiebstahl fristet. Mit mir hat es aber keine Gefahr: ich werde trocknen, indem ich Ihnen erzähle, warum ich naß bin. Die hölzerne Julia, weniger leicht gebaut und eben so unberechenbar wie ihre lebendige Namensschwester, war nicht dicht ans Ufer zu bringen. Wollte man alle Gewalt anwenden, so verrannte sich der tiefe Kiel in den Sand, oder die Julia keilte sich zwischen die Steine und nahm Schaden, und der Hofrath, Reiland, die Schiffsleute und ich konnten als sieben linke Schächer über Nacht am rothen Kreuz hängen. Da Herr von Blauhorn zu weinen anfing, that ich einen Satz ins Wasser, nahm ihn auf die Schulter und schritt, wie der große Christof mit dem Weltheiland, auf die Julia zu. Da geräth mein linker Stiefel auf einen lockern Stein, die ganze Gruppe stürzt in sich zusammen und ich liege, meiner vollständigen Länge nach, auf dem Rücken im hochaufspritzenden Gewässer und habe die Selbstverleugnung, in dieser Verfassung meine Bürde mit den Armen über meiner Brust in die Luft zu halten, bis die Schiffsleute dieselbe übernehmen. Das Wasser, welches da von mir wie von einem Regenschirm abtropft, war Zeuge dieser That.‟ --

Arnold fühlte sich von der ehrlichen Seele, die aus den großen, derben Zügen des Erzählers leuchtete, angezogen, und sagte: „Sie haben scherzend erzählt, und im Ernst sehr schön gehandelt.‟

„Ich denke wohl‟ -- erwiderte Knorr, seinen Filz ausdrückend und schritt von dannen, da Arnold entschieden auf dem Kleiderwechsel bestand und seine Begleitung in das Schweizerhaus ablehnte.

Es verging eine halbe Stunde, bis sich die Fenster desselben erhellten. Er sah nach und nach mehrere Gäste des Freinhofes von seinem Flügel aus hinübergehen. Der Diener hatte erzählt, daß ein Theil der Gesellschaft, auf einem anderweitigen Ausfluge gleichfalls vom Gewitter überrascht, fast gleichzeitig mit Arnold angelangt war. -- Er folgte nach einiger Zeit, und als er über die von außen auf die Gallerie des Schweizerhauses führende Treppe an das erste offene Fenster des Salons gelangte, wurde er, aus dem Dunkel kommend, von dem Glanz geblendet, der ihm entgegenstrahlte.

Die sechs Kristallkugeln der Hänglampe im Verein mit der großen Lampe des Theetisches gossen fast überreiches Licht über den behaglichen Raum. Die Geister Aladins schienen einen kleinen Salon der Residenz mit seinem ganzen weichen, glänzenden, warmen, duftenden Inhalte aufgehoben, über die Berge hingetragen und in die braunrothen Wände des Schweizerhauses niedergesenkt zu haben.