Dissolving Views: Romanfragmente von Leo Wolfram.

Part 19

Chapter 193,402 wordsPublic domain

Im Marine-Departement fand er gleich freundliche Aufnahme. Der Direktor, mit allen Punkten der Vorlage vertraut, erklärte, daß der Einwilligung des Prinzen kein Hinderniß mehr vorliege und er nur dessen formelle Genehmigung einholen werde, und beschied Arnold für den nächsten Tag zur Unterzeichnung der Kontrakte. -- Dieser forschte auch hier nach einer feindlichen Thätigkeit Kollmann’s und erhielt den Bescheid, daß derselbe fast gleichzeitig einen Antrag vorgelegt, aber den Bescheid erhalten, daß bereits ein anderer vorhanden, den man keinen Grund habe abzulehnen.

Arnold hatte schon gestern seine Angelegenheiten in so gutem Geleise gesehen, daß ihn die heutigen Erfolge nicht überraschten, doch kehrte er in der frohesten Stimmung zu Sprenger zurück. Er fand ihn auf dem Balkon, im Gespräch mit Richard Forster. Dasselbe hatte sich auf höchst gewöhnliche Weise, über einen englischen Zeitungsartikel entsponnen, und, in ungewöhnlichen Wendungen, zu großer Wärme entwickelt. Man schien sich gut zu verstehen, Arnold wurde sogleich in den Gegenstand hineingezogen, aber mehr als der letztere fesselte ihn der junge Fremde, dem er, -- jenem Zuge der Simpatie folgend, welche sich bei ihm im Augenblicke einer ersten Begegnung so entschieden aussprach als deren Gegentheil, -- im Geiste die Hand reichte, ehe es noch leiblich geschah.

Und von allen Wünschen, womit der Morgen begrüßt worden, war jener Richards zuerst in Erfüllung gegangen, -- die ernsten blauen Augen, in welche seine dunkeln, feurigen blickten, waren die als günstiges Omen ersehnten. Möge er nicht verlernen, an Vorbedeutungen zu glauben! -- Diese Augen werden ihn nicht täuschen.... aber aus ihnen blickt nur die Treue Arnolds und nicht jene -- des Glückes! Da keine geschäftlichen Abhaltungen mehr vorlagen, machte Arnold den Vorschlag, dem landesfürstlichen Empfange, zu welchem die Stadt gerüstet dastand, aus dem Wege zu gehen, und es wurde eine Fahrt nach dem sehenswürdigsten Gegenstande der Umgebungen, dem römischen Amfitheater, beschlossen, wodurch für ihn ein großer Theil der Ewigkeit, nämlich der Zeit bis vier Uhr, ausgefüllt wurde.

-- -- Bald nach ihrer Abreise kam die Ueberraschung mittelst Separattrains herangebraust.

Die Stadt ließ sich nicht überrumpeln; sie hatte den Bahnhof, wo sich auch der Prinz mit Gefolge eingefunden, mit Deputazionen, das Gouvernementsgebäude mit Ehrenwachen, sämmtliche Treppen mit Baum- und Blumenspalieren und einen Tisch im Appartement des Monarchen mit einem prachtvollen Dejeuner besetzt.

Prinz August Ernst hatte vergeblich auf das Glück gehofft, den Vetter auf der Villa zu beherbergen. -- Mit einem Sprunge aus dem Wagen durchbrach derselbe, vom Grafen Greuth und andern säbelklirrenden Adjutanten gefolgt, das erste Hinderniß, die Anrede des tiefergriffenen Bürgermeisters, überflog die andern in weniger Minuten, als ihre Aufrichtung Stunden erfordert hatte, und war im Besitze aller festen Posizionen, ehe noch die Ofikleïden der Regimentsbande den letzten Takt der Volkshimne ausgeschmettert hatten.

Die Raschheit seiner Bewegungen war um so auffallender bei der ziemlichen Korpulenz seiner gedrungenen, untersetzten, mit Mühe in die Uniform gezwängten Gestalt. Erwähnen wir noch des dichten, langen, schwarzen Schnurbartes, der das volle Kinn von der römischen Nase trennt, so haben wir genug gethan, um die Auffindung seines Portraits im gothaischen Kalender zu erleichtern, wenn man sich noch an die nähere Andeutung halten will, daß es von den vier Kaisern Europas jeder am allerwenigsten sein kann; eher einer der drei Uebrigen.

-- Der Prinz, der Gouverneur, der Platzkommandant ziehen sich zurück. Der Monarch nimmt im Kabinet schnell sein Frühstück ein, vertauscht die Reiseuniform mit der Gala, -- auf dem Platze ist die Generalität versammelt, -- er sprengt nach dem Paradeplatz, wo die Garnison aufgestellt ist.

Sie defilirt unter den Klängen vielleicht der besten Militärmusik in Europa. Ihre Haltung ist vortrefflich, ihr Aussehen mahnt Jeden unwillkürlich an Wallensteins unhöflichen Brief an den Kaiser: „Hier ist ein Heer -- schickt einen Heerführer.‟ -- Die wackeren Kommandanten, welche diesen Wunsch mit der Mannschaft theilen, werden belobt, -- letztere bringt das dreimalige Vivat, zu welchem sie vor dem Ausmarsche aus der Kaserne die Erlaubniß erhalten hat, und der Herrscher galopirt an der Spitze der glänzenden Suite in dichten Staubwolken nach der Stadt zurück.

Es ist ein Uhr, die Stunde der Aufwartungen. Der Generaladjutant legt ihm die Liste derjenigen vor, welche des Glückes harren, einen Moment lang als Sonnenstäubchen im Glanze der Majestät zu spielen, -- er überfliegt sie schnell und begibt sich nach dem Audienzzimmer.

Der anstoßende Saal, in welchem die Vorzulassenden warten, ist zur Hälfte gefüllt. -- Drei zu unregelmäßigen Linien ausgedehnte Gruppen stehen hintereinander.

Die erste besteht aus den glänzenden, mit dem leichten Anstande der Gewohnheit getragenen Militäruniformen, gemischt mit einigen geistlichen Talaren. Hinter diesen die uniformirten Beamten, mit gepreßten Hälsen und gehemmter Blutzirkulazion, -- die Jüngeren durch Herausbäumen der Brust sich eine Contenance gebend, dem Militär gegenüber; -- Mancher auf seinen Nachbar schielend, um sich zu orientiren, wie der Federhut vorschriftsmäßig in der Hand zu halten. Endlich die glanzlose Schaar jener andern schwarztrauernden Civilisten, welche, sie mögen leisten was sie wollen, nicht als dem Staate dienend erscheinen.

Ein freier Raum ist zwischen diesen Reihen und der Thür des Audienzzimmers. An letzterer stehen zwei Adjutanten, deren einer, mit einer Gegenliste versehen, die Namen nach einer mit dem subtilsten Gradmesser ausgearbeiteten Skala dergestalt aufruft, daß in dem Augenblicke, wo ein Vorzulassender eintritt, ein Zweiter schon ~en réserve~ in dem freien Raume steht und ein Dritter sich aus den Reihen loslöst, so daß keine Sekunde Unterbrechung eintreten kann.

Das Prinzip des Dampfes und der Elektrizität ist auch in die Audienzen gefahren. Der Wind der sich schließenden Thür ist noch nicht verweht, so öffnet sie sich wieder, und ein Gesicht, über welchem der heiße rothe Glanz der verklärenden Minute liegt, tritt heraus und wird durch ein noch steifes, gespanntes ersetzt, welches im nächsten Augenblicke seinerseits als geschmolzene Wachslarve aus dem Brennspiegel der Majestät heraustritt.

Gleich die ersten Wiederkehrenden verbreiten eine erfrischende Atmosfäre im Saal. Der Monarch hat das große goldne Füllhorn in der Hand und schüttelt es über Jedem.

Die Stadt erhält die anderswohin verlegte, schmerzlich entbehrte Kadettenschule zurück -- ein Militär-Schwefelbad wird auf Staatskosten gegründet -- ein leerstehendes Aerarialgebäude wird der Gendarmerie überlassen -- die engbrüstige gothische Domkirche wird mit einem modernen Ansatz erweitert -- der titellose Bürgermeister Giordani wird mit der Anrede „lieber Regierungsrath Giordani‟ empfangen -- alle Gesuche werden reiflich erwogen und nach Thunlichkeit berücksichtigt werden. -- Wenn man bedenkt, daß die Thürflügel sich sechsundfünfzigmal öffneten um Jemanden einzulassen, den der Monarch zu sehen erfreut war, so läßt sich annehmen daß seine summirte Gesammtfreude eine ganz andere sein mußte, als die der Einzelnen.

Nachdem die Militärs und Geistlichen dieselbe durchgenossen, kam die Reihe an die blaue Konsuls-Uniform Kollmann’s. Seine Audienz währte zum Staunen der Harrenden mindestens viermal so lange als die übrigen, den Bischof ausgenommen.

Vor den Monarchen tretend begann er:

„Fremd und mittellos in das Land gekommen, welches so glücklich ist, unter dem Zepter Eurer Majestät zu stehen, ist es mir unter dem Schutze der Gesetze gelungen, einiges Vermögen zu erwerben.‟ --

Der Monarch machte eine Bewegung, welche die Befremdung über den sonderbaren Eingang ausdrückte.

„Die Bitte, die ich Euer Majestät vorzutragen wage, ist mir von dem Bedürfniß eingegeben, mein tiefes Dankgefühl, und meine Verehrung für den Monarchen des Landes, dem ich mein Glück verdanke, durch ein Anerbieten an den Tag zu legen, welches die Entschuldigung seiner Kühnheit nur in dem Beweggrunde findet, der es veranlaßt hat.‟

Die Rücksicht auf die fremde Konsuls-Uniform vermochte den Monarchen, seine Verstimmung über die lange Vorrede zu verbergen. Er fragte freundlich aber kurz: „Was ist Ihr Anliegen?‟

„Meine Besitzung im Gebirge, sechs Stunden von der Residenz, einerseits an Gebirge grenzend, welche ein reiches Gemsengehäge enthalten, anderseits an Waldungen, welche von Hochwild wimmeln, würde sich mit geringen Aenderungen an den Gebäuden zu einem Jagdschlosse eignen. Die Bitte, die ich wage, besteht darin, Euer Majestät wollen geruhen dieselben allerhöchst Ihren Domänen einzuverleiben.‟

Da die Jagdliebe des Souveräns allgemein bekannt war, so hatte der Hof zu verschiedenen Zeiten Anträge zu Ankäufen von dieser Art Besitzungen erhalten und auch einige an sich gebracht.

Er erwiederte: „Es ist mir leid, auf Ihr Anerbieten nicht eingehen zu können,‟ und fügte lächelnd hinzu: „Sie werden wissen, daß wir Domänen verkaufen, nicht aber kaufen.‟

Kollmann trat mit der Miene der tiefsten Kränkung einen Schritt zurück und sagte: „Ich hatte auf das Glück gehofft, meine werthlose Gabe in der Weise an den Stufen des Thrones niederlegen zu dürfen, wie es dem frommen Katholiken gestattet ist, dem Haupte der Kirche den sogenannten Peterspfennig anzubieten, und ich fühle nun erst die ganze Kühnheit meines Gesuches.‟

Der Monarch war überrascht, aber nicht unangenehm, und antwortete: „Ich danke Ihnen, danke Ihnen herzlich für Ihr loyales, schönes Anerbieten, das ich jedoch nicht annehme. Wenn es aber meine Zeit erlaubt, werde ich mir Ihre Besitzung besehen und in Ihren Bergen jagen. Wenn Sie ein anderes Anliegen haben, werde ich es jederzeit thunlichst berücksichtigen. Nochmals, Ihr Antrag hat mich sehr gefreut.‟

Er machte die entlassende Bewegung auf die huldvollste Weise und Kollmann trat mit dem Ausdrucke der vollsten Befriedigung unter die Wartenden heraus, und begab sich zum Generaladjutanten.

Da nämlich der Monarch allein empfängt, und der Dienst an den Thüren durch zwei Adjutanten von geringerem militärischen Range als jener des Grafen Greuth versehen wird, so veranstaltet dieser in einem anstoßenden Zimmer einen Nachdruck der souveränen Prachtausgabe der Audienzen. -- Der Aufwartung ~avant la lettre~ beim Herrscher folgt jene beim General-Adjutanten, wie man nach dem Gebrauche von Karlsbad meist noch ein anderes Wasser als Nachkur trinken muß, wenn ersteres wirken soll. -- Der Graf betrachtet die seiner Person geschenkte Aufmerksamkeit nur als eine seinem Gebieter erwiesene Ehre, -- er selbst hat über alle ihm vorgetragenen Angelegenheiten gar Nichts zu entscheiden, Nichts darein zu reden, man begreift kaum, wie der Monarch einen General-Adjutanten haben mag, der sich um Nichts kümmert, was im Staate vorgeht. Doch ist es so, und er thut was er kann, um die fixe Idee zu beseitigen, daß es ganz im Gegentheile +gar+ keine Angelegenheit gebe, in die er +nicht+ hinübergreift. Man weiß, wie schwer ein eingewurzeltes Vorurtheil ausgerottet wird, und der Graf mußte auch heute ein halbes Hundert Male die Versicherung bekämpfen, daß man nur dann vollkommen beruhigt nach Hause gehe, wenn der vom Monarchen ausgestellte Gnadenwechsel mit dem Akzept des General-Adjutanten versehen worden.

Kollmann erzählte ihm den Verlauf seiner Audienz und bat, seinen Einfluß zu verwenden, um vielleicht bei sich ergebender Gelegenheit den Gebieter für seinen Antrag zu stimmen.

-- „Das ist umsonst, lieber Herr Kollmann,‟ erwiederte der Graf -- „ich kenne den Herrn, aber Sie können überzeugt sein, daß Sie ihm eine Freude gemacht haben. Bei einem andern Anlasse dürfen Sie auf gnädige Aufnahme jedes Gesuches rechnen.‟

-- „Ich habe nicht gewagt, Seiner Majestät ein für mich sehr wichtiges Anliegen vorzutragen, da es leider gegen Jemanden gerichtet ist, der sich des hohen Schutzes des Prinzen August Ernst erfreut.‟

-- „Wie ist das?‟ fragte der Graf aufmerksam.

-- „Es ist ein Gegenantrag gegen das Lieferungsoffert einer Firma Korbach.‟

-- „Ich kenne den Namen. Warum glauben Sie, daß ihn der Prinz protegirt?‟

-- „Ich schließe es aus Dingen, die wohl an sich zu unbedeutend sind, um Euer Excellenz damit‟ --

-- „Heraus damit! Sie sehen doch, daß ich auf Ihre Angelegenheit eingehe.‟

-- „Der Prinz hat ihm, wie ich im Marinedepartement gehört, Zusicherungen ertheilt, und ihn auf dem gestrigen Balle mit besonders gnädiger Herablassung behandelt, wie ich aus dem Munde einer Frau erfahren, welche anwesend war, und vielleicht in der Lage ist über die Gesinnungen Seiner Hoheit unterrichtet zu sein.‟

Das vertrauliche Detail war gewagt, aber der Graf war über Freiheiten, die sich Jemand herausnahm, nur dann empfindlich, wenn sie seine Person betrafen. Mit Aeußerungen über den Prinzen nahm er es, bei dessen gespannten Verhältnissen zu seinem Herrn, nicht so genau.

Er fragte weiter: „Wer ist die Frau?‟

„Eine Frau Klotilde Zeltner.‟

-- „Ah‟ -- rief der Graf mit gedehntem Laut -- „die Zeltner! -- deren Mann auf der Festung sitzt; und die war auf dem Balle?‟

„Euer Excellenz zu dienen, und da sie sich besonderer Aufmerksamkeit von Seiten des Prinzen erfreute und vom jungen Korbach begleiten ließ, so gerieth ich auf die Vermuthung, daß letzterer eine ~persona grata~ und somit für mein Anliegen wenig Hoffnung vorhanden sei. Ich durfte um so weniger wagen, es dem Monarchen vorzutragen, da es ein falsches Licht auf mein Anerbieten geworfen hätte.‟

„Da haben Sie Recht gehabt. Es wäre aber möglich, daß sich in Ihrer Sache Etwas thun ließe. Geben Sie noch nicht Alles auf.‟

„Nach diesem Worte von Euer Excellenz gewiß nicht.‟

„Verstehen Sie mich nicht falsch, ich habe Nichts darein zu reden, ich mache meinen Adjutantendienst und kümmere mich sonst um Nichts. Es wäre aber möglich, daß der Prinz selbst seine Ansicht änderte. Hoffen Sie das Beste, -- es würde mich freuen, Sie zufriedengestellt zu sehen.‟

-- Kollmann war es im vollsten Maße, als er den Grafen verließ. Dieser rief den zur Suite gehörenden immer in der Nähe befindlichen Plomberg zu sich, und fragte, ob er den vertraulichen Auftrag in Betreff Korbachs durch Heidenbrunn bestellt habe. -- Der Oberst berichtete, er habe mit letzterem gesprochen, und glaube, der Prinz dürfte bereits in Kenntniß sein.

„Ich verstehe Sie nicht,‟ versetzte Graf Greuth -- „Sie reden von glauben und dürfen, -- sollen etwas Positives von der Aufnahme der Sache wissen, und +ich+ glaube, daß +gar+ nichts geschehen ist, nach Allem was +ich+ sehe und höre.‟ -- Darauf entließ er in der übelsten Laune den an den Wetterwechsel gewohnten Plomberg, welcher die sich häufig bis zu einer gewissen Grobheit steigernde Derbheit des Grafen flegmatisch ertrug. Sie waren verwandte Naturen, die sich immer wieder anzogen. Der Oberst war, wie er sagte, der „Rechte‟ für den General-Adjutanten; dieser besaß, bei dem Mangel tieferer Kenntnisse und diplomatischer Schule, eine angeborne Schlauheit, die ihn immer das „Rechte‟ treffen ließ. Unter dem Rechten verstand er dasjenige, was zur Befestigung seiner Stellung dienlich war. -- Und darunter stand obenan die Benützung menschlicher Schwächen, vor welchen ein sterbliches Haupt durch keine Kopfbedeckung bis hinauf zur Krone, und das Herz durch keinen Hermelin zu bewahren ist. -- Plomberg wußte, daß seine Stunde wieder kommen werde, wenn ihn der Graf zu Etwas gebrauche, wodurch er der menschlichen Natur seines Herrn zu dienen glaubte. -- Zum Dienste der übermenschlichen standen ja ohnedem -- wir können nicht sagen wie viele -- Millionen bereit.

Die beiderseitigen Audienzen sind vorüber, und nach kurzer Ruhe empfängt der Monarch aus den Händen des Grafen abermals eine Liste, -- jene der zu besichtigenden Institute und sonstigen Merkwürdigkeiten. Sie enthält dreizehn Artikel:

1. Das Marine-Arsenal. 2. Die neue Hafenbatterie. 3. Die Artilleriekaserne. 4. Die Infanteriekaserne. 5. Die Equitazion. 6. Die Stückgießerei. 7. Das Militärspital. 8. Die Proviantbäckerei. 9. Das Stabsstockhaus. 10. Die Domkirche. 11. Das Civilspital. 12. Das Zuchthaus. Und 13. Die Akademie der bildenden Künste.

Graf Greuth hat aus dem ihm vom Gouverneur vorgelegten Verzeichnisse die vorstehenden Objekte ausgewählt, und der Monarch genehmigt in Pausch und Bogen. -- Zwei Stunden sind für die Rundfahrt anberaumt. -- Durch dreizehn dividirt, entfallen eins ins andere gerechnet, 9-12/13 per Stück brutto, das Hin- und Herfahren abgezogen sieben Minuten netto, mehr als hinreichend, um sich von allen innern Zuständen zu überzeugen.

Sämmtliche Besuche wirkten heilbringend, schon ehe sie gemacht wurden. -- Die armen Teufel in den Spitälern bekamen eine Suppe und ein Kalbfleisch zu sehen, welches selbst die Primarärzte ohne Bedenken gegessen hätten, und wurden seit 24 Stunden vom ganzen Personale behandelt als wären sie wirklich Menschen statt Nummern. -- Die Pferde und Mannschaften in den Kasernen wurden durch die ihrem verschiedenen Naturell entsprechenden Mittel in eine fröhlich paradirende Haltung und Stimmung versetzt, -- und die Sträflinge im Stock- und Zuchthause, durch etwas Branntwein und bessere Razionen begeistert, versuchten sich in einem vorläufigen Vivat unter munterem Kettengerassel.

Nur das kleine, quickende, rothbackige Proletariat in der Kleinkinderbewahr-Anstalt, welches seit dem Morgen das Scheuern der Gesichter und Kämmen der Köpfe erduldet, befand sich in seinen frisch gewaschenen, aufgesteiften Gewändern, in allgemeiner Gährung und radikaler Verstimmung. Jeden Augenblick gewann es wieder der ~Jean qui pleure~ über den ~Jean qui rit~, zur Verzweiflung der Vorsteherin und ungeachtet der umfassendsten Amnestien und dreimaliger Rosinenvertheilung. Und endlich war Alles umsonst, -- da der Strich, wodurch Graf Greuth seinen Herrn von einem zweiten Dutzend Besuche befreit hatte, durch das ganze Gebiet der Levana, von der Kinderbewahranstalt bis zur Universität gegangen war.

-- Zwölf Stazionen der Rückreise waren zurücklegt; der Wagen des Souveräns hält vor der Akademie.

Sie befindet sich im aufgehobenen Kloster ~San Matteo~. Die Reihe der Zellen war durchbrochen und in Säle verwandelt worden, und an der Stelle, wo der Mönch mit Geißel und Stachelgürtel den traurigen Kampf gegen die Natur bestand, da umfaßt sie mit heißer Liebe der junge Künstler und sein Pinsel und Meißel schaffen alle Reize, welche die blinde Aszetik als Teufelslockung aus diesen Räumen verbannt hatte. -- Wo der Todtenkopf über gekreuzten Gebeinen grinste, da lächelt die meerentstiegene Afrodite, und an den Wänden, wo auf schwarzgeräucherten Bildern blasse Hände aus Scheiterhaufenflammen hervorlangten, rufen jetzt die herrlichsten Gestalten voll Kraft und Leben den Sieg des Lichts und der Wahrheit hinaus.

Aus dem letzten Saale führt eine fliegende Treppe in den ehemaligen Klostergarten. Auch ist das Heidenthum mit fliegenden Fahnen eingezogen und die sandsteinernen Apostel in den Alleen sind dem marmornen Olimp gewichen. Die alten Kastanien ragen herüber aus einer versunkenen Zeit, über ein neues Geschlecht, das unter ihrem Schatten sich blühend emporrankt, über die gewundenen Laubgänge, die Fontänen und Bassins, worin sich die ganze bunte Pflanzenwelt spiegelt, womit eine sinnige Hand den Garten zugleich mit den Gebäuden, verjüngend geschmückt hat.

Im Vestibüle an der Hauptstiege wartet Direktor Volpi im schwarzen Kleid, die Brust mit sechs (ausländischen) Orden geschmückt, umgeben von einer Anzahl Professoren. Man glaubt zwar nicht an den Besuch, muß aber in der jetzigen Zeit auf Alles gefaßt sein. -- Das Publikum hatte Zutritt wie gewöhnlich und fand sich zahlreich ein. --

Der Monarch unterbrach die Begrüßung des Direktors mit den Worten: „Ich liebe Kunstwerke, verstehe aber nicht viel davon, -- ich habe nicht Zeit mich damit zu befassen; Sie werden mir mit Ihrem Urtheil vorangehen.‟

Der General-Adjutant aber, welchem Volpi den in Sammt gebundenen Katalog überreichte, schnitt gleich das erste Urtheil in so markirter Weise ab, daß Jener das Ueberflüssige seiner Bemerkungen einsah und schwieg.

Mit Entschlossenheit war der Souverain die Treppe hinangestiegen, als ginge es einer Batterie entgegen. Es mußte mit Würde getragen werden: die Kunst war einmal ein nothwendiges Uebel, und die reichen Banquiers hegten und pflegten sie und betrachteten die Akademie als ein Kleinod der Stadt.

Man setzt sich in Bewegung, voran der Monarch mit dem Grafen Greuth und Volpi, -- in der Entfernung einiger Schritte die jüngeren Adjutanten und andere Offiziere, worunter Plomberg, -- die zahlreichen Besucher folgen mit Augen und Ohren jedem Worte und jeder Bewegung.

Es ist gebräuchlich, daß bei solchen Gelegenheiten der General-Adjutant durch eine Bemerkung oder Frage die Gemälde bezeichnet, deren Ankauf für den allerhöchsten Hof wünschenswerth erscheint.

„Firefly, lichtbraune Vollblut-Stute des Herzogs von Devonshire,‟ war der erste Gegenstand, welcher ein wohlgefälliges Lächeln hervorrief.

„Prächtiges Thier! mahnt viel an meine Arabella.‟ --

„Euer Majestät geruhen zu bemerken, daß die Arabella stärker auf dem Vordergestell. Der Herzog scheint nicht die Force Euer Majestät, -- das Pariren im gestreckten Lauf, -- zu besitzen.‟

Man überflog eine Wand mit verschiedenen Gallait, Achenbach, Lessing, Rottmann, Bürkel u. dgl. und kam vor einem brennenden Johann Huß von unbekannter Hand zum Stillstande.

„Etwas zu graß! Die verkohlte, zerplatzende Stirnhaut ist beinahe widerlich. Wie heißt der Maler?‟ --

„Kornberger; es ist im Kataloge bemerkt, daß derselbe der Verfertiger der Holzschnitte zur Kirchenzeitung.‟

Ein Wink an Direktor Volpi belehrte diesen, daß der brennende Ketzer nun an einem frommen Herrscher einen Beschützer gefunden.

Der Direktor unterstand sich, die allerhöchste Aufmerksamkeit auf einen Cäsar zu lenken, auf welchen die Dolche der Verschwornen einblitzen, mit der Bemerkung, daß der talentvolle junge Künstler, von welchem das Bild herrühre, sich um das Stipendium zur Reise nach Rom bewerbe.

Der Graf warf schnell dazwischen: „Schade um das Talent, das auf einen so abscheulichen Gegenstand verwendet worden.‟ -- Der Monarch aber fragte: „Ist der Mann ein Inländer?‟

„Er ist ein Sohn unserer Stadt,‟ erwiederte Volpi.

-- „Gut, -- notiren Sie seinen Namen, -- er soll das Stipendium haben.‟ -- Dießmal war die Politik dem Verdienste zur Seite gestanden.

In den folgenden Sälen wurden auserkoren: Walachische Bauern mit Pferden -- Wachtstubenszene -- Scheibenschießen in Tirol -- Wegnahme einer feindlichen Kanone -- ein „Rastlbinder.‟ --

Die Mehrzahl dieser Schöpfungen hatte die Zulassung in die Gallerie der Milde zu danken, womit der prüfende Ausschuß zu Werke gegangen war. Allein Graf Greuth war ein reeller Mann, der mehr auf den Kern als auf die Schale sah, und hielt sich nicht an die Ausführung, sondern nur an die Idee, ohne jedoch für den Reiz eines besonders lebendigen Farbenspiels unempfindlich zu sein.

Die Schaar der Besuchenden lauschte in tiefer Stille. Die Worte des Souverains in Betreff des jungen Künstlers thaten die beste Wirkung; was sie aber von dem ausgestreuten Manna des General-Adjutanten auffingen, erschien ihnen nicht schmackhafter als den Juden das ihre in der Wüste. Doch war eine große Zahl unter ihnen, welche sich nur von seiner Erscheinung unangenehm berührt fanden, nicht von seinen Worten, -- nämlich diejenigen, welche kein Deutsch verstanden. --