Dissolving Views: Romanfragmente von Leo Wolfram.
Part 18
Richard Forster lag auf seinem ausgebreiteten Marinaro am Boden, den Kopf in die Hand gestützt, über welche die vollen braunen Locken von der edlen Stirn fielen und sah mit großen, dunkeln Augen zu dem Herantretenden empor, dem bei diesem Anblicke alle Bilder ins Gedächtniß kamen, alle Antinous, Mazeppa, und was sonst Künstler und Künstlerinnen aus diesem herrlichen Modell herausgefunden. Da er sich jedoch nie dazu hergab und man seiner blassen Züge, auf welchen Etwas wie ein Kampf der Finsterniß mit dem Lichte, aber auch der Sieg des Letzteren lag, -- auf ehrlichem Wege nicht habhaft werden konnte, so stahl man sie so gut es ging, und der jetzige Augenblick war ein solcher, wo man dem Raube Berechtigung zuerkennen mußte.
Wer aus diesem Munde einmal ein Gedicht von Byron, Heine oder Freiligrath gehört, konnte sich kaum denken, wie derselbe sich zu einem Matrosenfluche öffnen könne; und doch war nach Stimmung und Umgebung das Eine bei ihm so gut möglich wie das Andere.
„Wir haben,‟ sagte Wangerode, „eine Besprechung gehabt, bei deren einem Theile mir Ihre Gegenwart sehr erwünscht gewesen wäre.‟
„Und ich danke Ihnen, daß Sie mir das Vergnügen der Bekanntschaft dieses scheußlichen Kerls erspart haben. Seine Eisbärenaugen leuchteten herüber, daß ich unwillkürlich nach meinem Terzerol suchte.‟
„Doch ist dies der Mann, dem unsere Sache viel verdankt‟ --
„Kann sein. Bei Tag mag er aussehen wie ein ehrlicher Mensch; -- in der Nachtbeleuchtung sieht er einem Schuft gleich. Sie wissen, was Sie von meinen ersten Eindrücken zu halten haben!‟
„Sie sollen ja vor der Hand nichts als sich ihm vorstellen‟ --
„Dem da? Vielleicht der Vizepräsident der künftigen Republik, deren Präsident vor mir steht? Hinter dem Gesicht steckt Einer von denen, die Euch bei Euern wunderbaren Kombinazionen dienen sollen und bei der ersten Gelegenheit verrathen.‟
„Davor wird sich dieser hüten. Wir haben unsere Bürgschaften.‟
„Ihr seid von einer Schlauheit, daß man nicht begreift, wie jemals Einer von Euch gehenkt werden konnte.‟
„Ich hoffe, die Sache nicht begreiflicher zu machen. -- Sie werden aber, lieber Richard, den Wunsch des Lords nicht vergessen, sich in gewissen Angelegenheiten manchmal dem meinigen zu fügen. Thun Sie es +ihm+ zu Liebe! Dieser Kollmann ist Ihnen jetzt widerlich, vielleicht gewinnen Sie ihm eine andere Seite ab.‟
„So sei es denn, -- ich verspreche es um +seinetwillen+.‟
„Und nun gehen Sie zur Ruhe: Sie bedürfen Stärkung für Vergangenheit und Zukunft!‟
„In der nächtlichen Heerschau über meine Todten werde ich sie am Besten finden! -- Lassen Sie mich wach den Morgen begrüßen, an dem es über den Rubikon geht. Ich kann mir einigermaßen die Stimmung denken, in welcher der rebellische Militärgouverneur von Gallien seinen Gaul ins Wasser trieb, um gegen die Freiheit zu kämpfen, welche damals auf Seite der Regierung stand. Er hat die Nacht vorher vermuthlich auch nicht geschlafen!‟
-- Wangerode verließ das Verdeck und Richard blieb allein mit den Gedanken, die er seine nächtliche Heerschau genannt.
Vor ihm stand das Bild seiner schönen Mutter, wie sie ihm und seiner Schwester erzählte von den Tagen ihrer Kindheit, die sie in den Bergen der Heimat Ossians verlebt... die Gestalt des Vaters, der sie nach dem Lande unserer Geschichte geführt... die Stunde, wo die Sturmglocke ertönt, Feuerschein durch das Fenster gedrungen war, und der Vater, mit einer dreifarbigen Schärpe umgürtet, vom Federhut bedeckt, sich aus den Armen der Kinder gerissen. -- Wie sie ihn dann ins Haus getragen, mit der Todeswunde in der Brust, wie er den Knaben gesegnet und mit brechendem Auge gesprochen: Ich bitte Gott, daß er dir das Glück schenke, für die Freiheit zu leben und zu sterben wie ich! --
Nach wenigen Wochen war ihm die Mutter gefolgt. Ihr Vermächtniß war ein Blatt an den Lord. -- Er hatte sie geliebt, -- nie vergessen, als sie Forster nach Deutschland folgte, -- und was er im Augenblicke der Trennung gelobt, ihr Freund zu bleiben für immer, -- das hielt er über das Grab hinaus mit einer Treue, als erfüllte ihn statt der Erinnerung an eine unerwiderte Liebe, jene einer glücklichen.
Er ließ die Kinder nach England kommen, wo sie unter seinen Augen erzogen wurden. Allein der Wunsch des Beschützers, Richard daselbst einen bestimmten Beruf ergreifen zu sehen, ging nicht in Erfüllung. Mit einer Anzahl von Talenten ausgestattet, deren jedes hingereicht hätte, ihm eine feste Stellung zu sichern, rastlos an seiner Bildung arbeitend, beharrte der Jüngling auf dem Entschlusse, im Geiste der letzten Worte seines Vaters in dem Lande zu wirken, wo derselbe den Tod gefunden. Er betrachtete England als seine Schule, und sammelte einen Schatz von Erfahrungen, welche in der Glut seines jungen Herzens zur Rüstung für den Feldzug geschmiedet wurden, welcher seine Existenz ausfüllen sollte. -- Im Hause des Lords mit der Elite der Gesellschaft, in den Tavernen der Emigranten mit dem entgegengesetzten Pole derselben in Berührung, nahm er weder von den Vorurtheilen des einen noch von der Rohheit des andern Elementes Etwas in sein Inneres auf, ob ihm gleich die Formen Beider geläufig waren. -- Der Logik Wangerode’s und der andern Comitéhäupter blieb er unzugänglich, und erkannte nur zwei Mittel als der Sache der Freiheit würdig: Ueberzeugung durch +Ueberredung+, -- und offenen +Kampf+.
Als ihm auch die blühende Schwester durch ein Ereigniß, das wir später vernehmen, entrissen wurde, trat er, von ihrer Leiche kommend, vor den Lord und sagte ihm den Entschluß nach dem Kontinent zu gehen. -- Sein Beschützer hatte, da er den Vorsatz nicht zu erschüttern vermochte, Richard zu dem, was er seine Sendung nannte, und was seinen eigenen politischen Prinzipien eben nicht ferne lag, ausgerüstet, und ihn Wangerode und dem Kapitän empfohlen.
-- Als der Morgen graute, fuhr er nach dem genuesischen Schiffe hinüber, dessen Rauchsäule bald zwischen den Masten der am Quai liegenden Schiffe emporwirbelte, während die Aegina nur noch ein Punkt auf hoher See war.
Wir dürfen nur Richard Forster folgen, wie er mit leuchtendem Blicke und stolzem Gange über die Landungsbrücke schreitet, -- um wieder im Hôtel bei unsern Freunden anzulangen.
-- -- Die Nacht auf dem festen Lande war nicht weniger bewegt als auf dem schwankenden Schiffe.
Sprenger hatte sich resigniren müssen, sein gediegenes Elaborat allein zu Ende zu schreiben. --
Arnold, von dessen Selbstbeherrschung wir einige Beweise erhielten, hatte dieselbe im Augenblicke von Klotildens Mittheilung vollständig verloren. Er hatte sich nicht wenig auf die Repressivmaßregeln zu Gute gethan, womit er alle Ausbrüche seines Gefühls niederzuhalten wußte; -- nun brach in einer Sekunde der ganze Bau zusammen.
Seine Begleiterin war nicht wenig erstaunt, als er bei ihrem letzten Worte ihre Hand faßte, und mit einer Heftigkeit, die alle Schranken der Galanterie übersprang, ausrief: „Und das haben Sie mir verschwiegen? Das verzeihe Ihnen Gott!‟
„Ich glaube, daß dieß eine der geringsten Sünden ist, die mich am jüngsten Tage belasten werden,‟ erwiederte sie befremdet und sah lachend in seine von zorniger Erregung funkelnden Augen -- „aber Korbach! so blond und so heftig! -- Sehen Sie, das gefällt mir. Ich begreife auch jetzt +Alles+, seien Sie ruhig, ich werde gut machen, was ich verbrochen!‟ --
„Ich bitte Sie,‟ entgegnete er -- „wenn Ihnen irgend etwas auf der Welt heilig ist, machen Sie Nichts gut, -- vergessen Sie diese Bitte, -- meinen früheren Ausruf -- geben Sie mir das einzige Versprechen, Nichts zu denken und Nichts zu thun!‟ --
Mit jedem Worte fühlte er lebendiger die Unbesonnenheit seines ersten. Sie war nicht ungeschehen zu machen.
Klotilde antwortete ernst und ruhig: „Nicht zu +denken+ kann ich wohl kaum versprechen, ich rede ehrlich mit Ihnen und wünsche, daß alle Tugendspiegel so wenig falsch zeigen als ich. Daß ich nicht +sprechen+ werde, schwöre ich Ihnen; schlafen Sie ruhig, und glauben Sie, daß Sie um +meinetwillen+ Ihren Ausruf nicht zu bereuen haben!‟
Hierauf wendete sie sich rasch um, die Treppe allein hinaufeilend.
-- -- Ein Paar Minuten später trat Arnold in Sprenger’s Zimmer. Ein Blick auf die glühenden Wangen und verstörten Mienen verrieth letzterem einen Gemüthszustand, welcher seine Erklärung nicht wohl in den Ballgenüssen der Villa finden konnte.
Nach einigen Fragen und zerstreuten Antworten sagte er: „Arnold, du bist in der Verfassung eines Menschen, der ein Unglück erlebt hat oder eines hereinbrechen sieht. Ohne mich in deine Geheimnisse zu drängen, bitte ich dich, dir Ruhe zu gönnen, du bedarfst ihrer.‟
Arnold erwiederte: „Schilt mich närrisch oder was du sonst willst, sage mir nichts von Ruhe -- ich danke dir, daß du für mich gearbeitet, jetzt wäre ich zu Allem unfähig. Leb wohl!‟ -- Und damit war er wieder zur Thür hinaus, ehe Sprenger noch eine unnütze Frage an ihn richten konnte.
-- -- Wenn die vierundzwanzig Tischgäste des Banquiers Franchini hätten zusehen können, wie der Repräsentant des Hauses Korbach und Sohn nicht eine, sondern ein Paar Stunden die ~Contrada grande~ von einem Ende zum andern durchmaß, bis er mit der Architektur sämmtlicher Gebäude vertraut war: sie hätten nach den gehörten salbungsvollen Tischreden den höchsten Begriff von seiner Vielseitigkeit bekommen. Was er daselbst eigentlich gedacht oder gewollt, hätten sie aber so wenig gewußt, wie er selbst.
Schwerlich konnte er glauben, daß Julie auf dem Balkon stehen geblieben, -- und, nachdem er mit der Begleiterin vorübergegangen, abgewartet habe, bis es ihm genehm sein würde, ohne dieselbe zurückzukehren. Eben so wenig ließ sich im gewöhnlichen Lauf der Dinge voraussetzen, daß während der Stunden von zwei Uhr Nachts bis zum Morgen sich passende Gelegenheiten zu Erklärung von Mißverständnissen, zu einem, das erste, einseitige Wiedersehen verlöschenden zweiten ergeben würde.
Der gewandte und besonnene Missionschef glaubte weder dieß noch irgend etwas Anderes -- er mußte nach der ~Contrada grande~, weil er nicht anders konnte; -- die Flut seiner dreiundzwanzig Jahre hatte den Damm durchbrochen und trug ihn dorthin, wo er +ihr+ nahe. -- Weiter dachte er Nichts, und wir freuen uns, ihn einmal so ganz außer sich, ohne warum und wozu, ohne Reflexion und sogenannte gesunde Vernunft im Mondscheine umherlaufen zu sehen. Denn wenn er heute Nacht vernünftig gewesen wäre, so hätt’ er nicht verdient, daß Juliens Augen um ihn naß geworden.
Bescheerungen.
Gleich Kindern vor der geschlossenen Thüre des Saales, worin der Weihnachtsbaum flammt, standen vor der Pforte des anbrechenden Tages alle Freunde und Freundinnen, welche der Lauf der Begebenheiten in der Hafenstadt zusammengeführt, -- sammt allen Bewohnern der letzteren, -- mit klopfendem Herzen, Jeder der ersehnten Gabe harrend.
Und reich mußte der Baum behangen sein, wenn Jeder zufrieden den Abend begrüßen sollte!
Im glänzenden Wipfel eine Blume, ein Selam des Wiederfindens -- für Julie; -- der gleiche Selam, mit der prosaischen Zugabe eines rothgesiegelten Kontraktes mit der Korbacher Fabrik -- für Arnold; zum Theile für Sprenger; -- an einer dunkeln Stelle zwischen den Zweigen ein Blatt der Erfüllung, nach jenem der Verheißung, von Klotilde, für den Prinzen; -- am Stamme, da die Aeste zu schwach aufgehangen von der Hand des erwarteten Monarchen, ein goldenes Füllhorn voll Orden, Adelsverleihungen und Zufriedenheitsbezeigungen für die Stadt -- -- selbst Richard Forster, mit einem, kräftigen und fantasiereichen Naturen häufig eigenen Aberglauben, wünscht am ersten Tage einem simpatischen Gesichte, einem ihn verstehenden Auge zu begegnen, als glückliches Omen seiner Zukunft. --
Nur der Monarch erwartet Nichts. Die letzte Zeit hat ihm alle Freude an den Bescheerungen seiner Unterthanen vergällt. --
-- Die erste Hand, die am Morgen nach dem Baume langte, war jene, deren Marmorbild Professor Harkeboom besitzt. -- Julie stand am Toilette-Tische, faltete ein Billet zusammen und reichte es ihrer getreuen Martha, die sie auf die Reise mitgenommen, mit den Worten: „An Frau Zeltner, -- bring’ es ihr gleich!‟ --
Das Mädchen, welches die Gebieterin genau kannte, warf einen Blick auf die Adresse und fragte nach dem +Wo+? -- Julie begriff zwar, daß dieses ein wesentliches Erforderniß zur Bestellung eines Briefes, vermochte aber dem Uebelstande nicht abzuhelfen.
Sie standen einander gegenüber, Julie lachend, das Mädchen lächelnd, und so hübsch auch die Stellung der Ersteren war, wie sie, die linke Hand in die Hüfte gedrückt, den Zeigefinger der rechten zwischen den schönen Zähnen, nachsann, -- so blieb das Ergebniß doch das gleiche, daß nur eine Rundreise durch die Hafenstadt oder polizeiliche Nachforschung ans Ziel führen könnte.
Als Julie, deren praktische Seite nicht ihre stärkste, den Knoten mit den Worten zerschnitt: „Geh nur einmal damit fort, du wirst dich schon zurechtfinden, du kannst ja Alles!‟ -- flog die Thür auf, -- und Klotilde trat ein.
„Ich kann den Tag nicht drei Stunden alt werden lassen, liebe, theure Freundin, ohne Sie zu begrüßen! Heute Nacht sah ich Sie einen Augenblick, unter Ihrem Balkon vorübergehend, als ich vom Balle in der Villa kam, mit Korbach, demselben jungen Manne, der bei meinem letzten Besuche im Freinhofe eben dahin kam.‟
„Auch ich habe Sie gesehen,‟ erwiederte Julie, „und hätte Ihnen wenigstens eine gute Nacht hinabgerufen, wenn Sie nicht in dem Moment weggesehen, wo ich Sie erkannte!‟ --
„Eine Täuschung, wie sie eben die Nacht mit sich bringt! Um so freudiger sehe ich Sie am Tage wieder!‟
Julie zog sie aufs Sofa zu sich und das lebhafteste Gespräch begann.
Einen eigenthümlichen Reiz, der in der angebornen Malice der menschlichen Natur begründet ist, gewährt dem Zuhörer eine Unterredung, in welcher jeder Theil sich vornimmt, den andern auf einen bestimmten Gegenstand zu bringen und dabei festzuhalten, keiner nachgeben will, -- dem Andern ein Paar Schritte weit auf dem ablenkenden Wege mit erzwungener Aufmerksamkeit folgt, und ihn sogleich wieder nach der eigenen Richtung zu ziehen versucht.
Die beiden Frauen hatten ihr vorgestecktes Ziel im Auge. Klotilde kam mit jeder Wendung auf den Reisezweck der Kollmanns zurück, und Julie drehte mit leichter Bewegung das Steuerrad der Unterhaltung unermüdlich gegen Arnold hin, bis endlich Erstere einsah, daß es das Klügste sei, die verworren durcheinander klingenden Tonstücke zu trennen und nach einander aufzuführen, und gewissenhaft Alles, mit Ausnahme der gestrigen Schlußszene, berichtete, was sie von ihrem Begleiter wußte.
Es läßt sich nicht leugnen, daß Juliens Urtheil und Einsicht in Geschäftsgegenstände auf einer sehr primitiven, kindlichen Stufe der Entwickelung stand. Ihre Jugend hatte keine Veranlassung geboten, sich mit dergleichen zu befassen. Kollmann hatte sie nie in seine Angelegenheiten eingeweiht, wonach sie auch kein Verlangen trug, und so lebhaft der Antheil war, welchen sie in letzter Zeit der Metallfabrikazion zugewendet, so äußerte sich derselbe mehr in der Bewunderung der gewaltigen Räder, Walzen und Wasserbauten, als in einer Frage, wie die entstandenen Platten und der glänzende Draht zum Gegenstande des Erwerbes, zur Basis einer wohlhabenden Existenz würden.
Auch die Ideen von gegenseitig sich bekriegender Spekulazion und Konkurrenz, -- die eröffnete Campagne Kollmanns gegen die Interessen Arnolds, waren ihr nicht klarer, als der Rückzug der zehntausend Griechen unter Xenophon.
Klotilde dagegen, welche die Andeutungen Günthers, daß Kollmann vielleicht Etwas beim Prinzen zu suchen habe, mit den Mittheilungen Arnolds zusammenhielt, begriff den Hauptumriß der Fehde, und versuchte aus Julie irgend Etwas herauszubringen, was einen festen Anhaltepunkt böte. -- Unter vielen zerstreuten Antworten tauchte endlich etwas Brauchbares auf. Julie sagte, Kollmann habe sich geäußert, er wollte dem Balle in der Villa nicht beiwohnen, weil er mit dem +Prinzen+ in +keine Berührung+ zu kommen wünsche. -- Klotilde war nun zwar über den Zweck der Reise vollkommen im Dunkel, aber wenigstens darüber beruhigt, daß Kollmann keinen auf der Galanterie des Prinzen gegründeten Plan verfolge.
Die freundschaftliche Wärme der beiden Frauen nahm unglaublich zu mit der Ueberzeugung, daß sie von einander Nichts zu fürchten hatten.
Julie, welche bereits nach der heftigen Aufregung der Nacht hierüber mit sich ins Reine gekommen, wurde durch die angehörte Erzählung bestärkt, und Klotilde fühlte die Theilnahme für das Wohl und Wehe der Freundin lebhafter erwachen als je. Sie sprach von Arnold so viel diese hören wollte, und drückte im Tone des Vertrauens die Ueberzeugung aus, daß Kollmann etwas demselben in seiner ganzen Existenz Nachtheiliges beabsichtige.
Julie erschrak, verlangte nähere Aufklärungen und erhielt sie so vollständig oder unvollständig, als sie gegeben werden konnten. Sie begriff, daß die Beiden einander in ihren Interessen als Todfeinde gegenüber ständen und schwieg nachdenklich. Klotilde stand auf und fragte, ob sie Arnold, der nach dem Besuche im Freinhofe ihr doch vermuthlich auch hier einen zugedacht, Etwas melden solle? -- Nach kurzem Besinnen erfolgte die Antwort: „Er soll mich nicht besuchen. Ich werde aber um +vier Uhr+ die Gemäldesammlung der Akademie besuchen, und mich freuen ihm dort zu begegnen. Wie kann ich aber Sie treffen, liebste Klotilde?‟
„Ich verlasse heute das Hôtel, um eine Privatwohnung zu beziehen, da ich vielleicht einige Wochen hier bleibe; Sie würden mich in dem ersten Gedränge der Angelegenheiten, die mich hieherführten, kaum treffen, -- ich komme lieber, so oft ich mich frei machen kann, zu Ihnen!‟
Bei diesen Worten trat Kollmann ein; das Gespräch verlängerte sich und die Erzählung des Balles bildete den Hauptgegenstand. So vorsichtig Klotilde gewisse Gegenstände berührte, wurde, unter dem Einflusse der unbezwinglichen Eitelkeit, doch des Prinzen einer Weise erwähnt, daß Kollmann tiefer in den Zusammenhang blickte, als sie dachte. Auch das Gespräch Arnolds mit dem Prinzen schilderte sie, um ihn zu ärgern, mit lebhaften Farben. Er hörte anscheinend gleichgültig zu.
Als sie fortgegangen, begab er sich sogleich zu Plomberg, welchen er bereits Tags zuvor gesprochen. Er traf ihn, in Folge eines nach dem Balle mitgemachten Gelages, mit Kopfschmerz behaftet, in der übelsten Laune. Nachdem aus seinen halben Antworten hervorgegangen, daß die allerhöchste Ankunft telegrafisch auf zwölf Uhr angesagt sei, sagte er: „Lieber Oberst, ich habe Sie um einen Freundschaftsdienst zu bitten, der für mich den größten Werth hat. Sie müssen mich auf die Audienzliste bringen.‟
-- -- „Das geht nicht durch mich; der Gouverneur gibt dem General-Adjutanten eine Liste, sie machen das mit einander, ich scheere mich um diese Ceremonien nicht.‟
-- „Sie werden aber doch mit dem Grafen Greuth ein Wort für mich reden können‟ --
-- „Gott weiß wie er aufgelegt ist!‟
-- „Was fragt ein Mann wie Sie darnach? und schließlich -- fuhr er in bestimmtem Tone fort -- ist meine Bitte eine solche, die man selbst um einer kleinen Ungelegenheit willen einem Freunde nicht abschlägt. Oder glauben Sie, daß ich mich besinnen werde, +Sie+ wieder auf die Liste zu setzen, wenn die schöne Frau Marianne Blauhorn in meinem Freinhof Audienz gibt, -- wobei ich mein ganzes gewonnenes Terrain beim Finanzminister aufs Spiel setze?‟
Hieran war dem Obersten wenig gelegen, wohl aber an Kollmanns Diskrezion der alten Gräfin Mersey gegenüber.
Es fällt hier einiges Licht auf einen sinnreichen Mechanismus des gewandten Ingenieurs. Frau Marianne Blauhorn besaß, wie wir wissen, bedeutenden Einfluß auf den Finanzminister. Von dem Augenblicke an, wo die Bemühungen des Obersten um sie, welchen Kollmann die Wege geebnet, von Erfolg gekrönt waren, hielt er Beide in doppeltem Schach. -- Frau von Blauhorn wußte, daß ein einziges ~billet-doux~ Plomberg’s zugleich der Scheidebrief zwischen ihr und dem Minister wäre, und hing von Kollmann’s Verschwiegenheit ab. Der Oberst war überzeugt, daß die Mersey augenblicklich die Schuldenzahlungen einstellen würde, wenn sie von seinen Beziehungen zur schönen Hofräthin eine Ahnung hätte.
Diese Reflexion mochte ihm wieder vorschweben als er sagte: „Nun denn, in Teufelsnamen, damit sie nicht an meiner Freundschaft zweifeln, -- ich getraue mich, es durchzusetzen, obwol die Liste fertig. Kommen Sie um halb ein Uhr. Aber Eins muß ich wissen, den Zweck der Audienz.‟
„Sehr gern, und wenn Sie ihn nicht billigen, nehme ich meine Bitte zurück.‟
Kollmann theilte ihm sein Vorhaben mit, das wir bei der Audienz selbst erfahren. -- „Das wird jedenfalls refüsirt, erwiderte Plomberg, ich weiß einen ähnlichen Fall von Seite des Fürsten Leuchtendorf, und man wird Ihnen keine andere Antwort geben als ihm.‟
Kollmann wußte dieß so gut als der Obrist. „Glauben Sie dessen ganz gewiß zu sein?‟ fuhr er fort. --
„Ganz gewiß, der Monarch müßte denn seine Ansicht geändert haben, und das thut er nie.‟
Kollmann dankte und empfahl sich. Plomberg aber sagte zu sich: „Es geschieht Einem Recht, wenn man sich unvorsichtig einem solchen Kerl in die Hand gibt; aber vielleicht ists gut, -- der Zweck der Audienz kann demjenigen, der ihn aufgeschrieben, keinesfalls schaden.‟
Dabei nahm er aus seinem Portefeuille die Liste, die er bereits gestern mit dem Gouverneur für den Generaladjutanten entworfen, und setzte Kollmann’s Namen darauf. --
-- Während hier Minen gegraben wurden, hatte Arnold seine Streitkräfte im offenen Felde entwickelt.
Den ganzen Morgen einsilbig und zerstreut, wurde er vom späten Frühstück mit Sprenger abgerufen nach Klotildens Zimmer, stand ärgerlich auf, ging mit einem Gesichte wie ein naßkalter Novembertag weg, und kam mit einem Junimorgen zurück. Klotilde hatte ihren Auftrag erfüllt. --
„Wenn ich gleich über das Ergebniß deiner Reise in Bezug auf den ostensibeln Zweck noch nicht urtheilen kann, sagte Sprenger, so scheint wenigstens, aus deiner Stimmung zu schließen, ein anderer erreicht?‟
„Ich habe gestern geschwiegen, weil ich mich unglücklich fühlte und doch einsah, daß ich keinen Grund hatte. Heute ists anders, und ich weiß, daß dir dieß genügt, um dich mit mir zu freuen.‟
Ohne weitere Uebergänge erwiederte Sprenger: „Und eben so glücklich, und noch mehr, wird dein Vater sein, wenn der Gegenstand deiner Liebe ein solcher, den du als seine Tochter, als Erbin von Korbach, in seine Arme führen kannst.‟
Wenn Arnold am Besten that auf diese Frage zu schweigen, -- so hatte Sprenger seinerseits die Ueberzeugung, daß die Hoffnungen seines alten Freundes auf eine Wahl, die das Glück des Sohnes gründen könne, einer Liebe gegenüberstehen, die nach seiner Auffassung zu keinem Heile führte. Er war bekümmert ohne es zu zeigen und hielt sich an die Hoffnung, daß es eine vorübergehende Leidenschaft sei.
Die Stunde, für welche Arnold zum Prinzen beschieden war, nahte, und er fuhr nach der Villa. August Ernst empfing ihn mit der größten Leutseligkeit, und ging in die Einzelnheiten des Elaborates ein. Er machte beim Durchblättern einige jener Bemerkungen, welche im Munde eines Prinzen für sachkundige gelten, ermächtigte ihn, sich beim Chef des Departements auf die günstige Ansicht zu berufen, die er gegen ihn aussprach, und verhieß möglichst schnelle Erledigung. Arnold sprach mit seinem Danke die Hoffnung aus, die Entscheidung, die er in der Hafenstadt abwarten wolle, mitnehmen zu können, und bat den Prinzen um seinen gnädigen Schutz für den Fall, daß er desselben gegen einen, seinem Interesse entgegengesetzten Einfluß bedürfen sollte. -- Er entgegnete: „Seien Sie ruhig, es ist mir so Etwas angedeutet worden, allein ich sehe kein Motiv, meine Ansicht über Ihre Person oder Ihre Sache zu ändern. Melden Sie sich vor Ihrer Abreise jedenfalls bei mir.‟