Dissolving Views: Romanfragmente von Leo Wolfram.

Part 17

Chapter 173,481 wordsPublic domain

Wangerode gehörte zu den Schiffsgütern, welche in allen deutschen, monarchisches Gebiet bespülenden Gewässern mit Beschlag belegt werden. Er war Keiner von denen „welche im Momente der Gefahr ihre Pflicht nach einem anderen Punkte ruft‟ -- meist nach den Bahnhöfen, und die das undankbare Vaterland nicht mit eroberten Fahnen, sondern mit gestohlnen Kriegskassen verlassen. Er hatte als achtzehnjähriger Jüngling auf den Barrikaden gefochten, unter den „von Zukunftdranges Sturm am Weitesten Getragenen‟. Ein altes Schwert, das bei Einnahme des Zeughauses in seine Hände gefallen, hatte vielleicht seit zwei Jahrhunderten zum ersten Male wieder Blut getrunken, edles Blut, mit welchem nun sein Name im Schuldbuche eingeschrieben stand für immer und ewig. Wie viele Hunderte geächteter Namen auch durch das Sieb der verschiedenen Amnestien gegangen, für den seinigen waren die Löcher zu eng.

Wer aber einmal sein Leben eingesetzt für seine Gesinnung, der bleibt von der Feuertaufe gestählt für immer. -- Als Wangerode den Kugeln gegenüberstand, hatte er nicht für eine Ueberzeugung geblutet, sondern für ein Gefühl, einen Enthusiasmus! Das ist ja das göttlich Schöne der Jugend, daß sie für ein Wort in den Tod geht, ohne nach dem Begriffe zu fragen!

Mit den Jahren hatte sich das Gefühl zur Ueberzeugung ausgebildet. Er war aber durch die Reife nicht besser geworden. -- Das Ziel seiner jugendlichen Schwärmerei war: allgemeine deutsche Republik; das Mittel: Massenerhebung des Volkes zum offenen Kampfe der Blouse gegen die Uniform. Der Zweck ein Ideal, das Mittel ritterlich.

Sein +jetziger+ Standpunkt war: Einheit Deutschlands -- ob Republik, ob Monarchie -- er hätte vielleicht einer das gesammte Vaterland umfassenden Militär-Diktatur den Arm geboten. Darin lag eben kein Herabsinken; es war ein Ideal wie das andere. Aber den Glauben an die Erreichung durch ritterlichen Kampf hatte er in Erkenntniß der Wirklichkeit verworfen. Umsturz des Bestehenden durch jedes Mittel, -- der Schutt als Unterbau künftiger Einheit war seine jetzige Devise, und er stand im Gutheißen der verworfensten Wege dem italienischen Revoluzionschef nicht nach. -- Nach wie vor bereit, seinen Kopf für seine Sache einzusetzen, hätte er kein Bedenken getragen, Andere mit dem Dolche des Meuchelmörders auszusenden.

Sein entschlossener Karakter, seine Bildung und Gewandtheit hoben ihn bald über die Schaar der übrigen Exilirten empor, und die Häupter der verschiedenen Frakzionen, welche auch in der Fremde die heimatliche Spaltung verewigten, erkannten ihn bei durchgreifenden Beschlüssen faktisch als höchste Autorität.

Bei seinem ersten Zusammentreffen in der Schweiz hatte er in Kollmann insofern einen Gleichgesinnten erkannt, als dieser vom baldigen Zusammensturz der Verhältnisse im Vaterlande überzeugt war, -- bei einem zweiten, in Mannheim, kam es zu einem förmlichen Verständnisse. Der Weg, auf welchem Kollmann dem in London lebenden Wangerode regelmäßige Mittheilungen machte, blieb unentdeckt; Kollmann’s Haltung in der Gesellschaft beseitigte übrigens jeden Verdacht, außer Lipprecht’s, der, wie wir wissen, damit isolirt stand. Kurze Zeit vor seiner, aus andern Gründen beabsichtigten Reise nach der Hafenstadt hatte er die Nachricht erhalten, daß Wangerode eine Begegnung wünsche. Es war angegeben, auf welche Weise Kollmann im Hafen von Zeit und Ort derselben in Kenntniß gesetzt werden sollte.

Der Vorschlag kam ihm sehr unerwünscht; ganz andere Entwürfe nahmen seine Gedanken und Zeit in Anspruch. Allein der Wunsch war +bestimmt+ gestellt, und er befand sich in einer Lage, welche eine schmeichelhafte Aehnlichkeit mit jener des Kaisers der Franzosen den alten Carbonari-Freunden gegenüber hatte.

In der Mannheimer Unterredung hatte Wangerode so zu sagen mit dem Herzen auf der Zunge gesprochen, und ihn in das innerste Getriebe der Partei hineinschauen lassen. Als Kollmann beim Abschiede eine Betheuerung seiner unverbrüchlichen Verschwiegenheit geben zu müssen glaubte, antwortete Wangerode lachend: „Dergleichen ist nicht mehr üblich! Männer überlegen bevor sie eingehen. Dann aber weiß auch Jeder, daß einem Verrath oder Abfall nicht mit verschränkten Armen zugesehen wird. Wollen Sie Beispiele?‟ Es folgte eine Aufzählung von Personen, welchen bei plötzlichem Wechsel ihrer Gesinnung ein Paar Zoll kaltes Eisen als Präservativ gegen Indiskrezionen eingegeben wurde, -- und die Bemerkung, daß dergleichen nur in Italien vorkomme; deutsches Wort sei noch nicht gebrochen worden. --

Das hieß schließlich doch, daß +wenn+ das deutsche Wort ausnahmsweise gebrochen würde, ein Messer auch ausnahmsweise seinen Weg in deutsche Haut finden könnte.

Wangerode hatte Alles ganz heiter und ohne unheimliche Betonung gesagt, aber der Zuhörer kannte seinen Mann und hatte bisher seine eingegangenen Verpflichtungen getreulich erfüllt.

Er stieg nun die Schiffstreppe an Bord der Aegina hinan, der Kapitän schritt ihm voran, ins Innere des Schiffes hinab, wo er die Thür einer Kabine öffnete und nachdem Kollmann eingetreten, sich zurückzog.

Am Tische saß, beim Licht der Hänglampe schreibend, Wangerode. Leider steht uns zu seinem Bilde keiner jener kontrastirenden Züge zu Gebote, durch welche glückliche Autoren ihre Gemälde pikant zu machen wissen. Der Ritter, der die geharnischten Gegner Mann für Mann aus dem Sattel schleudert, trägt häufig „zarte, fast mädchenhafte Züge‟, -- der Jesuit lächelt mit so freundlicher Bonhommie, daß ihn Niemand durchschaut, als der Verfasser, -- die Dame, die im Verlauf des Romans sich als eine Lukrezia Borgia entwickelt, hat ein „sanftes Madonnenantlitz‟ u. s. w. Wangerode sah aber gerade so aus wie der deutsche Demokratenführer vom Maler gemalt wird, wenn er eben keinen wirklichen vor sich hat. Wenn wir eine Nachahmung hoher Vorbilder im heldenbeschreibenden Stil wagen dürfen, so sagen wir: „die breite Stirn und Nasenwurzel so wie die kühn aufgeworfene Unterlippe verriethen Entschlossenheit und Energie; in den grauen Augen lag ein Gemisch von Kühnheit und List, -- die breite Brust und der gedrungene Körperbau so wie die ausgebildeten Armmuskeln ließen auf einen Mann schließen, der keinen Gegner im Einzelkampfe zu scheuen braucht; ein heller, dichter Vollbart umgab das wettergebräunte Gesicht‟ -- -- doch genug.

Er erhob sich rasch und bot Kollmann die Hand mit den Worten: „Willkommen nach drei Jahren, treuer, bewährter Freund! Wir sprechen uns heute in voller Sicherheit und wollen gleich zur Sache übergehen. -- Daß Sie hierher kommen, erspart mir eine Rundreise; mein Ziel ist für den Augenblick nicht Ihr Land, ich hätte aber einige Ihrer Provinzen durchflogen, wenn ich Sie nicht anders hätte treffen können. Sie haben Viel geleistet, wir wissen es Ihnen Dank, und der Moment, wo wir es beweisen werden, kann nicht ausbleiben. -- Lassen Sie uns die vielleicht so bald nicht wiederkehrende Stunde genießen und nützen, rauchen Sie zum Thee eine von den Zigarren, die mir unser Lord mitgegeben, und erfreuen Sie mich mit der Erzählung dessen, was Ihre reservirten Berichte verschwiegen.‟

Kollmann dankte ablehnend für alle dargebotenen Erfrischungen mit Ausnahme der Havanna, lehnte sich in das niedere Sofa zurück, und begann, mit gekreuzten Armen auf den Boden vor sich hinsehend: „Ich habe unser Programm festgehalten. Es besteht, um der Börse ein Gleichniß zu entlehnen, darin, die Kurse der politischen und administrativen Verkehrtheit bis zum höchsten Schwindel hinaufzutreiben. Meine Berichte haben einige Erfolge enthalten. Ich ergänze dieselben in Betreff der Art und Weise, wie ich sie errungen, und noch mehr zu erreichen hoffe.‟

„Ich habe mir eine Verbindung mit dem Finanzminister eröffnet, durch welche ich leicht Jemandem Zutritt verschaffen kann, und habe von diesem Wege zu Gunsten von Männern Gebrauch gemacht, welche die Geneigtheit des Grafen Breuneck zu Experimenten, denen unsere Industrie nicht gewachsen ist, benützen. Es ist zugleich dafür gesorgt, daß jeder Artikel, welcher mißfällige Bemerkungen über seine Maßregeln enthält, ihm zu Gesichte kommt, und bei seiner krankhaften Empfindlichkeit gegen Tadel haben wir ihm manchen die Journalistik treffenden Schlag zu danken.‟

„Es steht mir ein Organ zu Gebote, durch welches ich dem Minister des Innern auf vertraulichem Wege solche Korrespondenzen aus verschiedenen Provinzen zukommen lasse, welche von sicherer Hand nach meiner Angabe verfaßt und geeignet sind, ihn in seinem Centralisazionssistem zu bestärken, und welche er höchsten Ortes vorlegen kann, als Beweis der Zufriedenheit im Lande und der Ungerechtigkeit seiner Gegner.‟

„Ich überschätze meine Thätigkeit nicht, wenn ich behaupte, daß mir Mittel zur Verfügung stehen, durch einen Vertrauten des General-Adjutanten und durch ein fürstliches Haus Belege in die Hand des Monarchen zu spielen, daß jede Konzession vom Volke nur als ein Zeichen der Schwäche betrachtet würde, und daß eisernes Festhalten am aristokratischen Prinzip in der Armee und unbedingte Suprematie derselben über alle übrigen Stände von den wahren Freunden der Dinastie als das einzige Rettungsmittel bezeichnet wird.‟

„Ich habe in kirchlicher Beziehung auf dem kleinen Felde, worauf ich beschränkt bin, eine Saat gesäet, aus der in kürzester Zeit, vielleicht in dem Augenblick wo wir sprechen, ein Konflikt, Repressivmaßregeln und ein neuer, wenngleich nur lokaler Sieg der Konkordatpartei hervorgehen müssen.‟

„Es ist nicht unmöglich, daß in Folge dieses Konfliktes eine geschäftliche Maßregel ergriffen wird, die den Wirkungskreis des Prinzen August Ernst berührt, die Spaltung zwischen ihm und dem Hofe erweitert, -- daß hiedurch sein Wirkungskreis beschränkt, und somit ein populäres, wenigstens +hier+ besänftigendes Element beseitigt werde.‟

„Ich habe mir diese Verbindungen auf keinen andern Wegen geschaffen, als die ich mir +selbst+ eröffnete, ohne +andere+ Geldmittel als das Vermögen, das mir meine Frau zugebracht; -- habe mich aus der Stellung eines in Privatdiensten stehenden Ingenieurs zum Grundbesitzer, Kapitalisten, und auf eine Stufe emporgeschwungen, auf welcher ich mit Personen aller Kreise der Gesellschaft, die höchsten mit einbegriffen, im Verkehr stehe, und darf behaupten, daß wenn Sie in jeder Provinz drei Vertreter hätten wie ich, in einem Jahre das Konkordat in allen seinen Bestimmungen durchgesetzt, die Zensur wieder eingeführt, die Herrschaft des militärisch-aristokratischen Elementes auf die Kulminazion getrieben und somit die Revoluzion so gut als vollbracht wäre.‟

„Und somit habe ich Ihnen Rechnung gelegt, und glaube unsern Mannheimer Vertrag besser gehalten zu haben, als jemals unsere Gegner einen ihrer Friedensverträge.‟

Kollmann schwieg, weder seine Stellung noch die Richtung seines Blickes ändernd, und blies in gleichen Pausen das Havanna-Gewölke von sich. Es lag etwas Imposantes in der kalten Ruhe, womit er seine Leistungen auf dem Felde des „Nur so fort‟ aufzählte. Der Demokrat fühlte, daß er einen Mann vor sich habe, der aus der Schaar der gewöhnlichen nach vorwärts und rückwärts wühlenden Emissäre hoch emporrage, und freute sich, seinen Werth in der ersten kurzen Unterredung vor Jahren erkannt zu haben.

Er erwiederte mit Lebhaftigkeit: „Sie haben unberechenbar mehr für unsere Sache gethan, als wir zu erwarten berechtiget, als Sie durch Ihr Versprechen zu leisten verpflichtet waren. Sie gehören nicht zu denen, deren Triebfeder das Geld der Revoluzions-Comités, -- Ihre Lage ist vielmehr eine solche, die Ihnen erlaubt, Andere zu unterstützen. Eben so wenig der Ehrgeiz: Sie haben so viel erreicht, daß Sie bei einem Umsturz der Dinge kaum mehr erreichen können. Von einem Danke unserer Gesellschaft kann Ihnen gegenüber im gewöhnlichen Sinne keine Rede sein. Wir können aber mit Gewißheit darauf rechnen, +quitt+ zu werden, wenn das Ziel unseres Strebens erreicht ist. Im Augenblicke des Umsturzes stehen +Sie+ als das Opfer desselben da. Ihr Name gehört nicht mehr zu jenen, die in Zeiten der Krisis in der Masse verschwinden: er wird auf der Proskripzionsliste, die das Volk mit dem ersten vergossenen Blute niederschreibt, unter denen der gehaßtesten Reakzionäre figuriren. Sie können hundertmal beschwören, daß Sie nur auf Ihrem Wege für die Sache der Freiheit gehandelt -- man wird Ihnen ins Gesicht lachen und antworten: das könnte Jeder sagen. Es ist +dieß+ der Augenblick, wo das +volle+ Gewicht der +Bürgschaft+ unserer +Partei+ und ihrer +Häupter+ Ihnen zur Seite stehen +muß+ und +wird+! Ich habe dafür gesorgt daß, wenn die Flut hereinbricht, Sie in die neue Ordnung der Dinge auf einer Brücke hinübergehen, deren Pfeiler die Namen der gefeiertsten Volksmänner sind, welche sich vor Sie hinstellen und sagen: Wir kennen ihn! -- So viel als Antwort auf Ihre gewichtigen Mittheilungen, insofern ich als Repräsentant unserer Gesellschaft spreche, zu deren, des vollsten Dankes würdigem Mitgliede. -- Als Wangerode gegen Kollmann erlauben Sie mir einige Bemerkungen. Wir haben die sichersten Andeutungen, daß leider die Tage des Grafen Greuth und des Ministers des Innern und anderer für uns so unschätzbarer Männer gezählt sind, daß man mit Reformen umgeht, die Alles ins Weite schieben können.‟

-- „Besorgen Sie nichts! Noch stehen die Genannten fest. Und wenn sie fallen, -- immerhin! -- es kommt zu spät. Reformen? Ohne Zweifel bekommen wir ein oder das andere leidliche Gesetz. Wir sind aber in ein Stadium getreten, wo man die Gabe nicht mehr will wegen der Hand, aus welcher sie kommt. -- Die Liebe ist dahin, -- und wenn sie Jeden, der dies behauptet, auf die Festung schicken, bis das ganze Land in den Kasematten, -- sie ist +doch+ dahin! Sie wissen, was ich von der Liebe überhaupt, geschweige denn von jener des Volkes halte; man kann nicht durch die Liebe allein regieren, aber auch nicht +ohne+ sie. Sie ist die Musik zum Tanze der Unterthanen. Sie tanzen jetzt nur nach dem +Taktstocke+ des Kapellmeisters. Die besten Gesetze haben keinen +Klang+ mehr, sie tönen höchstens wie Nothschüsse eines sinkenden Schiffes.‟

-- „Mögen Sie recht sehen! Aber über das Wesentlichste sind wir nicht im Reinen. Ihre Idee ist in drei Worten zusammengefaßt die, das Sistem so zuzuschärfen, daß die Spitze bricht. An =wem= +soll sie+ aber eigentlich +brechen+? Am +Volke+?‟

-- „Was verstehen Sie unter Volk?‟ fragte Kollmann statt zu antworten.

-- „Die sogenannten untern Stände den sogenannten höheren gegenüber.‟

-- „+Ich+ verstehe darunter diejenigen, die das was man +Recht+ nennt gegen das was man +Vorrecht+ nennt, vertheidigen. Der Bäcker, der den Zunftzwang -- das Vorrecht -- gegen Gewerbfreiheit -- das Recht -- vertheidiget, gehört nicht zum Volke, sondern zu den Privilegirten. +Mein Volk+ ist in allen Ständen vertheilt.‟

-- „Eine Auffassung, vor der ich meine aus einem andern Gesichtspunkte gegebene Definizion gern zurückziehe. Aber die Frage ist damit noch nicht beantwortet.‟

-- „Verzeihen Sie, lieber Freund, Alles was Sie von Druck, Aufschnellen, Spitze abbrechen, sagen können, ist Metafer, Gleichniß, und läßt sich nicht bis in die Details auf die Wirklichkeit anwenden. Der Prozeß geht einfach so: Eine Provinz erhebt sich. Die Regierung macht entweder den Versuch die Rebellion mit Gewalt niederzuschlagen, oder durch Zugeständnisse zu entwaffnen. Der erstere hat unter den gegenwärtigen inneren, noch mehr unter den äußeren politischen Konjunkturen wenig Wahrscheinlichkeit des Gelingens. Konzessionen aber, welche unmöglich auf +Eine+ Provinz beschränkt bleiben können, führen zum repräsentativen +Sistem+, welches mit dem Zerfall unseres Staates gleichbedeutend ist.‟

-- „Ein lyrischer Sprung, zu dem meinem Verstande die Schnellkraft fehlt.‟

-- „Sie werden ihn keineswegs gewagt finden, wenn Sie mir zugeben, daß mit der Ursache auch die Wirkung wegfällt. Was die Gewalt zusammengehalten, fällt mit ihrem Aufhören auseinander.‟

-- „Ich leugne den Vordersatz in Betreff Ihres Staates; die Bindemittel der einzelnen Theile dieses naturwidrigen Organismus waren ganz andere --‟

-- „Fürs Erste, lieber Wangerode, gibt es keinen naturwidrigen Organismus. Selbst der Bucklichte, oder das Kind mit zwei Köpfen, sind nicht +gegen+ das Gesetzbuch der Natur organisirt, sondern nur nach einer kleingedruckten Ausnahme in demselben geschaffen. Fürs Zweite ist unser Staat überhaupt kein Organismus, sondern ein Mechanismus und zwar einer der einfachsten, nämlich ein Faß. Was hält seine Dauben zusammen? Ein Druck von +außen+, der den Reif -- entbehrlich macht, oder der Reif +allein+. -- Der Druck von außen war die sogenannte politische Nothwendigkeit, das Drängen +mächtiger Nachbarn+, welche gewisse Völkerschaften zwangen, gleichsam als Quarré nach allen vier Winden hin Front zu machen. Dieser Druck hat sich in das +Gegentheil+ verwandelt: die wichtigsten Bestandtheile sehen im Nachbar keinen Feind, sondern simpatisiren nach allen Weltgegenden nach Außen. Lassen Sie sich nicht irre machen von dem offiziellen Geschwätz, von „Millionen‟, welche ein gesammtstaatliches Gefühl durchdringen soll: sie existiren nicht. Die Dauben +wollen+ auseinander; und der +Reif+, -- der kräftige, auf eine zahlreiche Armee und den Gegensatz der Nazionalitäten gestützte Absolutismus +allein+ könnte sie halten. -- Noch gibt es ein +Drittes+: denken Sie sich die Dauben +geleimt+, +verkittet+, da sie nicht organisch verwachsen können. Der Kitt ist die +Liebe+, -- die in früheren Zeiten durch kluge Popularitäts-Apparate geweckte dinastische Simpatie. Durchreisen Sie unser Land, und zeigen Sie mir ein Stück von dem Kitt, groß genug, um dieses Kajütenfenster in seinen Fugen zu befestigen!‟

-- „Wolle Gott, daß Sie nicht durch eine rosenfarbene Brille sehen! Es mag Sie befremden, aus meinem Munde Zweifel und Besorgnisse zu hören. Unsere Londoner Klubs dürften mich nicht so sprechen hören. Wir, vom Generalstabe, dürfen die Möglichkeit widriger Ereignisse erwägen; der Mannschaft muß man Tag für Tag vorsagen: Morgen werdet Ihr siegen! Diese Leute sind nicht fähig, sich mit der Erreichung von vorbereitenden Zuständen, von Uebergängen zu begnügen, ein Feld mit ihrem Schweiße zu bearbeiten und mit ihrem Blute zu düngen, auf welchem eine künftige Generazion ernten soll. Ich gehe -- Sie wissen es -- unerschütterlich den Weg fort, den ich für den rechten halte, ich habe aber in den zehn Jahren so viele +unausbleibliche+ Ereignisse dennoch ausbleiben gesehen, daß ich Nichts mehr für wirklich halte als das Vollbrachte. Allein hundertmal fehlschlagend muß unsere Sache doch siegen: die Einheit Deutschlands. Sehen Sie nicht, wie an der Flamme jeder europäischen Krisis die deutschen Souveränitäten zusammengeschmolzen sind? Vergleichen Sie deren Zahl nach dem westfälischen mit jener nach dem pariser Frieden! -- In fünfzig Jahren gibt es vielleicht drei deutsche Staaten. Allerdings ein Ideengang, der die Köpfe unserer Emigrazion bedeutend abkühlen würde. Was fragen sie darnach, was nach fünfzig Jahren sein wird?‟

-- „Ein Ideengang, den auch ich nicht theile, da ich die Entscheidung aus voller Ueberzeugung näher sehe. -- Ich habe Ihnen nach den Mittheilungen, deren Gewicht sie nicht verkannt haben, noch eine von geringerem Belange zu machen. Ich versäume nicht, wo ich kann, auch auf Individuen in unserem Sinne zu wirken, und habe Hoffnung in kürzester Zeit einen jungen Mann, der sich in keiner Weise bisher an Politik betheiligte, für die Sache, die Sie vertreten, zu gewinnen. Er ist der Sohn eines reichen Fabrikanten, welcher vielleicht durch meine Konkurrenz einigermaßen zu leiden haben wird, aber vermöglich genug bleibt, um beachtet zu werden. Er ist nicht auf +unserem+ Wege zu brauchen, sondern nur auf dem der +direkten+ Opposizion; ein gewisser Korbach. Ich werde Ihnen seiner Zeit berichten.‟

-- „Auch ich habe noch eine persönliche Angelegenheit zu besprechen. Richard Forster, von dem ich Ihnen bereits Einiges mitgetheilt, ist auf dem Schiffe. Eine Viertelstunde von uns liegt eine genuesische Brigg, -- der Bronte, vor Anker. Ich lasse Richard vor Tagesanbruch nach derselben hinüberführen, da der Bronte im Hafen landet, während wir, sobald Sie uns verlassen haben, uns entfernen. Richard wird sich, mit richtigen Papieren versehen, in Ihrem Lande aufhalten; Sie werden ihn kennen lernen und finden, daß in dem jungen Menschen viele Zukunft. Er steht unter dem besondern Schutze des Lords, wird unsern Zwecken so zu sagen als Volontär dienen, ist treu wie Gold, aber Idealist; man muß ihn seinen Weg gehen lassen. Wenn Sie ihn sehen, werden Sie begreifen, daß die Weiber, -- um die er sich nicht viel kümmert, sich desto mehr um ihn bemühten. Er hat kaum sein zweiundzwanzigstes Jahr hinter sich; ich habe selten ein solches Gemenge von poetischen Anschauungen und scharfem Blick im Leben gefunden; dabei ein froher Lebensmuth, nach so vielem Traurigen, was ihn getroffen, -- und eine unbegrenzte Verwegenheit. Ich habe eine Szene mit angesehen, wo er einen mit Säbel und Pistole bewaffneten Franzosen auf eine Insulte gegen die Deutschen augenblicklich mit seinem Stock angriff; -- er lachte hell auf, als der Schuß an seinem Ohre vorüberpfiff, parirte einen Säbelhieb, warf den Franzosen nieder und drückte ihm die Handgelenke wie in einem Schraubstocke mit seinen eisernen Sehnen zusammen, die Niemand in dem schlanken Burschen suchen würde, -- bis er widerrief. -- Vielleicht können Sie ihm während seines Aufenthaltes im Hafen eine bestimmte Richtung geben?‟

„Gewiß; aber warum machen Sie mich nicht hier mit ihm bekannt?‟

„Ich schlug es ihm vor, aber er will, wie er sagte, am hellen Tage Land und Leute kennen lernen, und man kann, bei seiner etwas ausnahmsweisen Stellung, auf seine Laune eingehen.‟

-- „Das ist gleichgültig; ich werde mir seine Person jedenfalls angelegen sein lassen.‟

-- „Und nun, theurer Freund, nochmals Dank für Alles! Sie sind durch Ihre Thätigkeit ein Mann geworden, der für uns den Werth von Hunderten hat! Wir können uns nur freuen, Sie in einer Lage zu sehen, welche Ihre Aufgabe erleichtert, indem Sie, nach beiden Seiten gedeckt, mit voller Ruhe des Gemüthes arbeiten können. Hält sich die Regierung, so bleiben Sie der einflußreiche Industrielle und Kapitalist; fällt sie, so sind Sie durch uns geschützt. Fahren Sie fort zu wirken und seien Sie überzeugt (Wangerode sprach mit besonders herzlicher Betonung), daß das dankbare Auge der Vaterlandsfreunde Sie überall begleitet, daß Ihnen überall eine Hand zur Seite, welche aufzeichnet, was Sie vielleicht zu unbedeutend finden, um sich dessen zu rühmen!‟

Ob sich Kollmann in der aufzeichnenden Hand nichts als eine Schreibfeder dachte, ist schwer zu entscheiden. Er schloß mit den Worten: „Zählen Sie auf mich, wie ich auf Sie, -- mögen wir uns bald am Ziele wiedersehen!‟

Wangerode geleitete ihn aufs Verdeck.

Eben strahlte das Feuerwerk und die Beleuchtung der Villa in vollem Glanze.

Sie sahen einander an und ein Lächeln zuckte über die bleichen Wangen Kollmann’s und über das kräftige Gesicht des Demokraten.

„Was haben sie da oben?‟ fragte Wangerode.

„Sie tanzen; der Prinz August Ernst illuminirt zu seinem Geburtstage. Sie wollen die Wölfe der ernsten Zeit durch Feuerschlagen verscheuchen.‟

„Gott erhalte sie so! das Uebrige werden +wir+ machen!‟

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Als sich das Boot mit Kollmann entfernte, und Wangerode über das Verdeck zurückschritt, rief ihm eine Stimme vom Vordertheile des Schiffes zu: „Sind Sie einmal fertig, Sie langweiliger Verrina? Kommen Sie doch her und schauen Sie mit mir das göttliche Bild an! Wie sich der Mond durcharbeitet, und mit dem bloßen gestohlnen Widerschein der Wahrheit die ganze Pracht der feurigen Lügendemonstrazion todtschlägt! Steht nicht der Leuchtthurm dort wie die Salzsäule eines dem Sodoma da oben Entlaufenen?‟