Dissolving Views: Romanfragmente von Leo Wolfram.
Part 16
Auch der alte Franchini hatte seinen Moment ersehen, Arnold dem Prinzen vorzustellen. Dieser sprach von dem Glück, das ihm morgen bevorstehe (der Audienz) und von dem noch größeren heutigen, und bedauerte, fast der einzige Vertreter der Residenzbewohner zu sein, welche in dem Prinzen die eigentliche Stütze der vaterländischen +Kunst+ anbeteten, und welche ein einziger Gang durch die Villa überzeugen würde, wie jeder seiner schönen Gedanken auch zur That werde. --
„Machen Sie schnell diesen Gang mit mir, sagte der Prinz rasch und freundlich, und erzählen Sie zu Hause; ich sehe daß Sie Kenner sind!‟ und damit verließ er seinen Platz und durchschritt mit Korbach mehrere Säle, in jedem mit einigen Worten die Idee bezeichnend, die ihn geleitet.
Als sie in der letzten Piece, zunächst dem Eingange anlangten, traten die letzten Angekommenen der ganzen Gesellschaft -- Klotilde und ihre Begleiterin, ein.
„Es hat mich sehr gefreut Sie kennen zu lernen,‟ sagte der Prinz zu Arnold, das „sehr‟ so laut und freundlich betonend, daß es Klotilde und die übrigen Anwesenden vernahmen.
Arnold zog sich nun zurück, und der Prinz sprach die Ersehnte und so unerwartet Wiedergefundene an, und machte mit ihr den ganzen Weg zurück nach dem Platze, wo er heute schon manches reizende Gespräch geführt. Das jetzige währte ungefähr so lange als drei der früheren.
Als es, augenscheinlich zur vollen gegenseitigen Zufriedenheit, endigte, trat der Prinz unter eine Herrengruppe, Klotilde aber ließ ihre Blicke durch die Säle schweifen, bis sie Arnold fand, den sie ohne Weiteres ansprach, von dem Zusammentreffen im Freinhof ausgehend.
Endlich ein Laut von +dorther+! ein Gespräch über +sie+! und eines, in welches sich nicht der ekelhafte Konkurrenzgedanke mischte... ein Gespräch über Julie, ohne daß die Firma Kollmann mitklang.
Er vernahm zwar nichts, was seinen Durst stillen konnte, -- Klotilde war selbst seit der Zeit nicht dort gewesen -- aber ihre Erscheinung wurde für den Augenblick zu einer angenehmen für ihn. Sie sprach ruhig und in berechnet liebenswürdiger Weise. Der Prinz war gegen Arnold äußerst gnädig gewesen: Motiv genug. -- Während der Prior von Sankt Martin über den Prälatenstuhl weg nach dem Kardinalshut hinaufsah, dachte Klotilde, praktischer, über die Villa des Prinzen hinaus an eine Zeit, wo ihr jede freundliche Verbindung in einer tiefern Region erwünscht sein könnte. Ueberdies hatte die Persönlichkeit Arnold’s ihre Wirkung auch auf sie nicht verfehlt. Die Unterhaltung war lang und lebhaft. -- Klotilde brach sie plötzlich mit einem „auf Wiedersehen!‟ ab, und verschwand im Gedränge.
Leider schien dem Prinzen kein ganz ungestörter Genuß des Festes vergönnt zu sein. Mitten in einem angelegentlichen Gespräche wurde er durch Baron Heidenbrunn unterbrochen, welcher den Saal mit einem großen versiegelten Schreiben durchschritt, das er dem Prinzen überreichte. Dieser riß es mit offizieller Miene auf, rief dem Adjutanten zu: „Ich spreche den Kurier selbst!‟ und verließ die Gesellschaft mit der Versicherung seiner baldigsten Rückkehr. --
Der Adjutant hatte nach dem Gange des Prinzen mit Arnold einige Worte an Letzteren gerichtet, welche dieser artig und kühl erwiederte. Mit Plomberg war es bei einem steifen Gruße geblieben. -- Die beiden Offiziere hatten eine kurze Unterredung mit einander, in welcher Heidenbrunn erklärte, er habe keine Gelegenheit finden können, den vertraulichen Auftrag an den Prinzen zu vollziehen, und finde sich unter den jetzigen Konstellazionen wenig bewogen, gegen Korbach zu operiren. Plomberg, welcher sich nur Greuth gegenüber gedeckt wünschte, verlangte Nichts als das Versprechen der Bestätigung, daß er seine Sendung vollzogen. --
Und somit wehten Arnold’s Fahnen hoch im Winde!
Es waren Vortheile errungen, Gefahren abgewendet, und der Zweck des Balles für ihn erreicht. Er gedachte denselben zu verlassen, nachdem er sich noch mit Franchini unterredet, welcher ihm Glück wünschte. Das Gespräch verlängerte sich durch hinzutretende Bekannte.
Als er sich von dem Bankier trennte und umwendete, legte sich eine Hand auf seinen Arm und Klotilde, mit der griechischen Dame, stand vor ihm. „Sie scheinen zu denken wie wir, sagte sie, daß man die Spielbank verlassen soll, wenn man gewonnen, und nicht das Glück mit zu langem ~quitte ou double~ ermüden! Wir fahren nach Hause, und Sie, lieber Korbach, werden uns um so gewisser das Vergnügen machen, uns zu begleiten, da Sie in demselben Hotel wohnen!‟
Es ließ sich wohl schwer ein Refüs finden, und Arnold dachte auch an keinen.
Das Fest hatte früh begonnen und es war nicht viel über die Mitternachtsstunde, als der Wagen mit den beiden Frauen und Korbach die Bergstraße hinabrollte, von den Klängen des Balles, die weit in die Nacht hinaustönten, begleitet. --
Es war eine taghelle Mondnacht. Hie und da standen auf den Plätzen einzelne Menschen und Gruppen und sahen nach den vor dem Licht der Silberflut verlöschenden Flämmchen und blauen Feuern auf der Höhe. Nicht ein Wölkchen am weiten Himmel, so weit das Auge reichte. Alles klar und durchsichtig.
Die Frau des griechischen Kapitäns wohnte am Quai, einige Hundert Schritte vom Hotel. Sie stieg bei ihrem Hause ab, Klotilde gleichfalls. Letztere schickte den Wagen weg, sagte der Begleiterin Lebewohl und legte ihren Arm in jenen Arnold’s.
In wenigen Minuten war der Weg bis zum Hotel zurückgelegt. Klotilde war befangen, verwirrt und stumm, ohne daß Arnold einen Grund errathen konnte.
Als sie in das Thor traten, sagte sie: „Wenn Sie in der ~Contrada grande~, statt auf mich, auf einen Balkon hinaufgesehen hätten, würden Sie in der Dame, die Ihnen und mir einen Augenblick ins Gesicht sah und dann zurücktrat, Julie Kollmann erkannt haben. Ich hatte aber meine Gründe, keine Erkennungsszene, auf den Balkon hinauf, zu spielen.‟
Eine bewegte Nacht.
Der alte Lügenfürst mit seinen hundert Namen von Luzifer bis auf Mefisto, ein Paar gläubige Jahrhunderte hindurch so zu sagen ins Privatleben zurückgedrängt, hat sich wieder der großen Weltbegebenheiten bemächtigt und treibt Politik und Regierungsgeschäfte. -- Er ist zu sehr in Anspruch genommen durch die Gesammtlage Europa’s, zu entzückt über die loyale Ergebenheit eines Herrschers, welcher ihm die ~gloire~ einer großen Nazion als Rauchopfer darbringt auf dem Scheiterhaufen, den er aus den übrigen aufgebaut, -- über die allgemeine Erbärmlichkeit, das allseitige Hinhalten der rechten Wange, nachdem man keinen Schlag auf die linke bekommen, als daß er sich mit Kleinem befassen könnte.
In seinen schlechten Zeiten, -- als ihn Luthers Tintenfaß und römische Bullen in die Enge trieben, -- als er von gott- und ehrliebenden Fürsten aus den Palästen, von frommen Bürgern und Bauern aus den Häusern und Hütten geworfen wurde, irrte er, des Einflusses auf den Gang der Ereignisse beraubt, wie ein Vertriebener Legitimist umher, -- von der Rolle eines Staatsanwalts zu der eines Winkelschreibers herabgesunken, und befaßte sich mit Privatgeschäften der Individuen.
Dem Herabgekommenen mochte ein vom Thurm gestürzter Anton Pilgram Violinlekzionen bei Tartini, -- ein blutunterzeichneter Kontrakt mit Faust -- bei welchem er zuletzt noch betrogen war, -- die Zeit vertreiben. Jetzt aber ist das Verderben einzelner Seelen, das Zerstören einzelnen Glückes für ihn überwundener Standpunkt.
Doch mag es Stunden geben, wo er, die Diplomatie mit Beruhigung sich selbst überlassend, heruntersteigt vom europäischen Thron und zur Erholung wie Harun al Raschid umherwandelt, im Inkognito, umschauend nach irgend einem herzlabenden Jammer.
Und so konnte er denn eine wahrhaft teufelsselige Stunde verleben, wenn er, im Mondschatten an die Wand gelehnt, hinaufgesehen nach dem Balkon in der ~Contrada grande~, -- gesehen was Alles aus dem sanften Mondlicht werden kann, wenn es nur zur rechten Minute zwei heitere Gesichter und blonde Haare beleuchtet! -- -- wie ein Moment kühles Silber in glühenden Stahl verwandelt!
-- -- Tief und heiß traf der Stich in die ahnungslose Brust. Nicht das dünnste Schild eines Zweifels, einer Besorgniß, hatte Julie vorbereitend beschützt.
Wohl hatte sie Arnold nicht ein „Steinchen zum Bau des Feenschlosses einer Gegenliebe‟ gereicht, -- aber dafür ihr eigenes aufgebaut. -- Vielleicht höher und fester als das seine.
Eine einzige laue Sommernacht erschließt die Aloënblüthe. -- Ein Herz wie Julien’s kannte keine Uebergänge vom Dunkel durch Dämmerschein und Morgengrau zum hellen Sonnentag. „Was ist denn -- hatte sie zu Sembrick gesagt -- was ist denn an mir, was nicht Eingebung des Momentes wäre? -- eine Stunde lang hab’ ich Arnold gesehen -- fühlen Sie denn nicht, daß ich diesen Augen vertrauen +mußte+?‟ -- Nur von Sembrick hätte es abgehangen, +ausgesprochen+ zu hören, was er von dem Augenblick an wußte, wo er den Brief durch Arnold empfangen.
Wenn man versucht werden könnte, da zu vergleichen, wo der Vergleich nur auf Gegensätze trifft, so läge der schreiendste zwischen ihr und Klotilde darin, daß an dieser Alles berechnet und besonnen war, -- an Julie Alles unberechnet, -- und unbesonnen in dem Sinne, wie die Aloë, der wir sie verglichen, sich nicht besinnt, aufzubrechen, wenn ihre Stunde gekommen. --
Sie war gekommen: ihr erster Schlag hatte durch den Goldnebel geklungen, mit ihrem letzten hatte ihre Hand in seiner geruht, -- und als Arnold mit seinem Klarheit suchenden Wesen im Fremdenflügel am Fenster stand und sich +Fragen+ stellte, hatte Julie an keine Fragen an ihr Herz gedacht es war nur Eine Antwort, -- ein lautes, freudiges Ja!
+Wie+ in den klangreichen, leichtbewegten Saiten ihres Herzens der Laut der Liebe, den so Viele zu erwecken sich mühten, schlummern konnte, bis ihr Engel sie Arnold entgegenführte, mag eines jener Räthsel sein, deren Lösung sich der Meister, der das Saitenspiel der Menschenbrust geschaffen, -- vorbehalten hat.
Jeder Huldigung hatten sie entgegengeklungen: mit ernsten Akkorden dem ernsten Wort, womit ein tiefes Gefühl sich gegen sie aussprach, -- mit fröhlichen, leichten Melodien dem alltäglichen Liebesgetändel, -- aber nur jener Eine Ton war nie erwacht, den Jeder zu hören sich sehnte.
Sie lauschte mit stockendem Athem der Erzählung des Reisenden, der die Urwälder Südamerika’s durchdrungen und in ihrem Boudoir den Teppich aus dem Fell des erlegten Tigers ausbreitete; -- dem Gemälde der Schlacht, in welcher ein Medaillon das Herz eines Tapferen vor der Kugel beschützte, der für den Talisman um eine Stelle auf ihrer Etagere bat; -- der Elegie des Künstlers, der entzückt war, mit ihrem Namen das Werk zu schmücken, zu dem sie ihn begeistert: der Teppich, -- das Medaillon, -- das Tonstück bewegten ihre Fantasie, beherrschten Stunden und Tage lang ihre Gedanken, aber das Herz blieb ruhig bei allen, oft großen und gewaltigen Eindrücken und Erscheinungen.
-- -- Und nachdem all die gefeierten Namen geklungen und Orden geglänzt und Lorbeern gegrünt -- kam +er+ im Schiffchen heran, in der grauen Jacke, im grünen Hut -- und der Harfe in ihrer Brust entflog, von der +rechten+ Hand berührt, der himmlische Dreiklang: ich liebe dich!
Der nervöse Wechsel von Fröhlichkeit und Verzweiflung wich einem stillen Glücke, das ruhigem Schmerz die Hand reichte, die ihre innere Welt beherrschend in einander übergingen wie Nacht und Tag, nicht einander zischend bekämpften wie Wasser und Flamme.
Einem furchtbaren, großen, tragischen Geschicke gegenüberstehend, wo die Welt nur eine unglückliche Ehe sah, -- einem Verhängnisse, das sie fast willenlos in die Hände eines Gehaßten gab, aus dessen Gewalt keines jener Mittel sie befreien konnte, welche göttliche und menschliche Gesetze Andern zur Lösung unseliger Bande darbieten, -- hatte die Hoffnung in ihrem Herzen die Gestalt eines fantastischen Wunderglaubens angenommen.
Edmund von Sembrick war die erste Erscheinung, welche diesem Glauben eine bestimmte Richtung gab.
Der Moment wo sie ihn kennen lernte, in einer rettenden kühnen That, -- seine Erscheinung, die so gewaltig abstach gegen die konvenzionellen Gestalten, welche sie bisher umringten, -- die unwillkürliche Mahnung an den Gedanken der Erlösung, die in seinen Zügen lag, -- das wilde Feuer der Energie, das manchmal in seinen Augen aufloderte, der Funke des Geistes, der nie in ihnen erlosch: Alles hatte sich vereinigt, um den Blick der Alleinstehenden, Hülfesuchenden auf ihn zu lenken. -- Der Schnee, der den Vulkan deckte, war ihr nur ein Zeichen seiner Höhe, die Kälte, ja Härte, welche nur selten einem weichen Momente wich, ein Beweis einer Kraft, die da einen Ausweg öffnen konnte, wo +sie+ keinen sah.
Sie war entschlossen, ihm Alles zu vertrauen. Da gewahrte sie das plötzliche Schmelzen des Schnee’s. Wie die Minerva in voller Größe gewaffnet aus Jupiter’s Haupte sprang, stand seine Liebe in ihrer ganzen Glut und Kraft vor ihr.
Aber nicht schneller hatte das Auge des Weibes sie erkannt, als -- Kollmann. Dieser, der über Sembrick’s Karakter im Reinen zu sein glaubte, und ihn an Julie gefesselt sah, weihte ihn selbst in Alles ein. -- Edmund trat mit dem Bekenntniß seiner Liebe, und zugleich in voller Kenntniß dessen vor sie hin, was sie ihm mittheilen wollte, -- aber auch mit dem Eingeständnisse, daß es gegen Kollmann’s Waffen ein einziges Mittel gebe, dessen Ausführung, gewaltsam und abenteuerlich, von der Zeit und der Ueberwindung von tausend materiellen Hindernissen abhänge.
Die vorhergegangene Unterredung der beiden Männer hatte damit geendigt, daß Sembrick die Ueberzeugung von der tiefen Schlechtigkeit Kollmann’s mitnahm, welcher dieß wohl wußte, aber sich kalt und ruhig freute, ihn durch die Mitwissenschaft an sich gebunden zu sehen, wenigstens so lange ihm Julien’s Glück theuer war, das hieß, für immer, wenn auch seine Liebe oder Leidenschaft nicht ewig währen sollte. Der Erwiederung derselben von Julien’s Seite hätte er ruhig zugesehen.
Es kam aber anders.
Sembrick hatte nicht als der Erlöser gesprochen, den sie gedacht. -- Er wollte sie durch eine Hölle tragen, ein Leben und Freiheit gefährdendes Unternehmen für sie ausführen, -- -- aber am rettenden Ufer angelangt, war ihr Herz das Ziel, auf welches er hinblickte.
Sie sprach offen und wahr mit ihm, entschlossen, ihm keine Täuschung und keine Hoffnung zu lassen. Er gab sie nicht auf, eben so wenig als den Vorsatz, ganz so für sie zu handeln, wie er mit der Gewißheit des schönsten Lohnes gethan hätte.
Julie hatte den jugendlichen oder besser kindischen Traum einer „Freundschaft‟ gehegt, -- diese gerade darum für möglich gehalten, weil der ganze Kreis, der sie umgab, des Gedankens einer Freundschaft zwischen einem Manne und einer reizenden Frau nur mit höhnischem Lachen oder Lächeln erwähnte. Was diese für unmöglich hielten, sollte sich in Edmund verwirklichen.
Nun war der „Wunderglaube‟ erschüttert, -- der Befreier des Landes streckte zugleich die Hand nach der Krone desselben aus: ihr Herz hatte geschwiegen.
Hätte dieses gesprochen, -- sie würde ihn wenigstens gefragt haben, welchen Gefahren er entgegengehe. Wie bange schlug es, als er sagte: Wenn Sie Korbach Alles mittheilen, so ist er gebunden wie ich, geräth in den Kampf zweier Pflichten! -- +Da+ erst mochte sie fühlen, daß sie vom +Freunde+ nimmermehr erwarten solle, am wenigsten verlangen dürfe, daß er Etwas für sie unternehme, woran sie den, den sie liebte, nicht einmal durch Mitwissen betheiligt sehen wollte. Ohne irgend einen Begriff von Sembrick’s Plane, nur seiner hingeworfenen Worte gedenkend: „Noch Eine treue, verläßliche Hand!‟ hatte sie Arnold gesendet. Nach dem Gespräche mit dem Baron war sie entschlossen, Jenem zu schreiben, ihn nach dem Freinhof zu bitten, ihre Fragen, Alles zu widerrufen, kurz um jeden Preis, auf die Gefahr hin, unbesonnen vor ihm zu erscheinen, ihn von jedem weitern Schritte und einer Annäherung an Sembrick abzuhalten.
Dieselbe Bitte, Nichts für sie zu thun, und sie der Vorsehung allein zu überlassen, wollte sie auch an Edmund richten. Von dem +Freunde+ in ihrem Sinne konnte sie ein Opfer annehmen, sie fühlte aber nach seinem Weggehen, daß er im Herzen fordere, und sie hatte nichts zu bieten.
Während sie seine versprochene Rückkehr von der Reise nach dem Orte, wo das ganze Geheimniß ihres Lebens ruht, erwartete, führte Kollmann sie plötzlich vom Freinhofe fort: Sembrick traf diesen bereits verlassen.
Wohl war der „Wunderglaube‟ mit Arnold einen Augenblick erwacht: Edmund gegenüber erschien er ihr wie der königliche Hirtenjüngling mit der Schleuder, der den Goliath schlug, welchem die gerüsteten Krieger erlagen. Allein der Gedanke, ihn, statt mit den Blumengewinden ihrer Liebe, mit den Dornen ihres Geschickes zu umflechten, war ihr unerträglich geworden. Keine Frage, +wohin+ die Wellen tragen, sollte das Entzücken der Gegenwart trüben.
Sie streckte die schöne Hand nicht aus nach dem Schleier der Zukunft! Der Gedanke, wohin +soll+ es führen, fand nicht Raum neben dem Schatze von süßen Empfindungen, zu denen es +geführt+. Bei Julie war nur Eines gewiß, wohin es +nicht+ führen konnte: nie zu einem Treubruch gegen sich selbst! Wenn wir die kühne Behauptung aufstellen, daß der Paradiesvogel dieser Liebe über die Mauern der Pflicht gegen Kollmann wegfliegen durfte, so wagen wir sie auf den Umstand hin, daß auch wir einen Schleier zu lüften haben, aber nicht der Zukunft, sondern der Vergangenheit.
So unausgleichbar, anscheinend, der Widerspruch, -- sagen wir, daß Julie trotz der Bande, die sie an Kollmann fesseln, wenn sie +von Arnold’s Arm umschlungen+ in den Seespiegel blicken würde, ihr Bild so rein herauflächeln sähe, als das Edelweiß, womit er ihre Brust schmückt... Es war dieß ihr Traum gewesen, als sie am Morgen nach seiner Ankunft entschlummerte. --
Er trat auch jetzt vor ihre Seele, als sie, die ~Contrada grande~ hinab, nach der weißglänzenden Meeresfläche blickte. Die erfrischende Nachtluft kühlte wohlthätig die heiße Stirn. Sie strich die Locken zurück, ließ sie spielend durch die Hand gleiten und freute sich der Erinnerung, wie er dieselben betrachtet, wie in den ruhigen Augen ein heller Funke aufgezuckt bei ihrer Berührung. -- -- Hatte sie doch einmal ein Buch zur Seite geworfen bei der Stelle, wo die Liebende spricht: Wie arm fühl’ ich mich gegen dich! „So bleibe arm, du enges Herz --! hatte sie ausgerufen -- wenn du liebend dich nicht reich genug fühlst, um deiner Dürftigkeit zu vergessen!‟ -- -- Sie fühlte sich reich, dreifach wiederzugeben, was sie an Seligkeit empfing; freute sich jedes ihrer Reize als einer Gottesgabe für den Geliebten.
Sie drückte die Hände auf die Augen: so reizend das Nachtbild, -- ein wonnevolleres stand vor ihrem Sinne. -- Still lächelnd schaute sie es an, -- jeder Athemzug ein Gebet um Wiedersehen! jeder Gedanke ein Kuß!
Und als sie die Hände wieder von den Augen nahm -- -- wo war da der Schutzgeist ihres Friedens, daß er sie nicht mit seinem Fittig bedeckte!?
-- -- Gegenüber lachte der Satan im Mondschatten. Das Wiedersehen war erreicht: die ~mise en scène~ war ihm gelungen.
Die nächste Minute hat Klotilde bereits erzählt: -- „die Dame, die Ihnen und mir einen Augenblick ins Gesicht sah, und dann zurücktrat‟ -- -- sie wankte durch den Salon, am Spiegel vorüber, der ihre Reize zurückwarf, für welche sie dem Schöpfer um des Geliebten willen gedankt hatte, -- zusammengebrochen, halb bewußtlos. Wie nahe auch die Möglichkeit lag, den Giftpfeil in ein unschädliches Spielzeug des Zufalls zu verwandeln: sie hatte nicht die Kraft eine Lösung zu suchen.
Mitleidig lächelnd harrte ihr Genius des Augenblickes, wo sie die beiden Trostgeber aus seiner Hand empfangen könne: Thränen und Gebet. Es währte lange, ehe die ersten Tropfen aus den brennenden Augen drangen, und den Krampf der Nerven, jenen der Seele lösten -- -- dann strömten sie hin, und mit ihnen eines jener Gebete, die so selten vergebens aus der Erdennacht emporsteigen. Sie werden erhört, -- und das letzte flehende Wort aus der Tiefe des Herzens klingt zusammen mit einem: „Es werde Licht‟ von Oben.
Nach einer Stunde solchen Sturmes mußte das Schiff des Glaubens gescheitert und versunken sein, -- oder gelandet am grünen Gestade.
Sie hatte lange am Fenster gekniet; -- nun stand sie auf -- die Hände hoch über dem Haupte gefaltet und sagte, noch durch Thränen lächelnd: „Es ist ja nicht möglich, und darum +ist’s+ nicht! -- Arnold und Klotilde! Vergib mir, Allgütiger! daß ich dich bat mir wiederzuschenken, was du mir nie genommen!‟
Festen und leichten Schrittes ging sie einige Male auf und nieder, -- ließ Licht bringen und schrieb. -- Nun hat sie geendet, und sich zur Ruhe gelegt -- und leise, -- leise -- wie Rehe, vom Wetterstrahl verscheucht, heranschleichen zum gewohnten Spielplatz -- kamen die entflohenen Träume wieder -- und als sie die Augen geschlossen, lächelte der Mund, als spielten, wie man von Kindern sagt, die Engel mit der Schlummernden.
* * *
Kurz war die Freude des Teufels.
Einen längeren und nachhaltigeren Genuß hätte er haben können, wäre er der kleinen Barke gefolgt, welche am Anfange der Nacht, fast zur Stunde wo das Fest begann, vom Lande stieß, den Hafen durchschnitt und einer am Ausgange desselben geankerten Dampfkorvette zusteuerte.
Letztere, unter englischer Flagge segelnd, ist am Morgen von Malta angekommen, der Kapitän hat sich mit einem Begleiter ans Land begeben -- daselbst den Auftrag, dessen Erfüllung wir nun zusehen werden, bestellt, und ist wieder an Bord zurückgekehrt. -- Abends entsendete er einen Matrosen mit dem erwähnten Bote nach dem Quai, wo Kollmann dasselbe erwartet.
Es nähert sich der Korvette, auf deren Vordertheil der Name Aegina zu lesen: am Bord ist Alles still und wach -- der Kapitän überblickt mit scharfem Auge Nähe und Ferne.
Er hat sich für die Sicherheit zweier Passagiere, die er führt, einem Manne verbürgt, welcher, auf der Höhe der Gesellschaft der stolzesten Nazion stehend, es in seinem und seines Landes Interesse findet, seinem aristokratischen Staatswagen die wilde Jagd der gesammten europäischen Demokratie vorzuspannen. -- Die Steine, welche während seines langen Lebens aus allen Kabineten und sonstigen Werkstätten des konservativen Prinzipes auf ihn geschleudert wurden, könnten hinreichen, um einen Damm von seinem Vaterlande nach dem Kontinent aufzuführen. -- Man erwies ihm in einer Residenz -- (tausend Meilen von unserer entfernt) einmal die Ehre, seinen Rücktritt durch ein eigenes Plakat der Bevölkerung anzuzeigen, als ein Ereigniß, durch welches die bedrohte Zukunft eines großen Staates gerettet worden, und wir erinnern uns wohl der Indignazion der Einwohner über diese Huldigung. In seinem Lande wird aber sein Name als der Tipus des populärsten, des eigentlich nazionalen Ministers fortleben, und bei jedem Sturze von der Höhe der Ministerbank ist er nur in die offenen Arme des Volkes gefallen, das er mit seinen Tugenden und Schwächen begreift wie Keiner, und das ihn dafür in sein Herzblut aufgenommen.
Der Kapitän der Aegina, welche schon manche Reise, mit politischer Contrebande befrachtet, glücklich zurückgelegt, genießt das Vertrauen des Lords, den wir nicht zu nennen brauchen, und welcher ihm Wangerode, den deutschen Demokraten, mit welchem Kollmann auf seiner Reise vor drei Jahren zusammengetroffen, +empfohlen+, einen Zweiten aber, den wir bald kennen lernen, aufs Wärmste ans +Herz gelegt+.