Dissolving Views: Romanfragmente von Leo Wolfram.

Part 15

Chapter 153,399 wordsPublic domain

Der erste Miethwagen mit Ankommenden bricht durch das Gewimmel am Platze. Es folgt ein zweiter und dritter. -- Aus einem der letzten steigt Klotilde, etwas blaß von der Nachtreise, aber hübscher als je.

Sie verhandelt mit dem Aufwärter, in geläufigem Italienisch, mit großer Sicherheit alle Punkte des Einquartirungsvertrages und tritt, vom gepäcktragenden Burschen gefolgt, ins Thor. --

Nach einigen Minuten klingt ein Fenster über den Häuptern unserer Freunde, -- sie überblickt ein Paar Minuten die Aussicht und schließt es wieder. Die Vorhänge rollen herab: die Dame bedarf der Ruhe, der Sammlung ihrer Mittel zu großen Zwecken. --

Arnold wäre ihr jetzt nicht ausgewichen, da sie ihm wie ein freundlich humoristischer Gruß von Günther erschien, und weil überhaupt ein in der Heimat fremdes Gesicht in der Fremde zum bekannten wird. Ist’s vollends ein Gesicht wie das Klotildens, so liegt, wenn auch von einer Anziehungskraft für Arnold keine Rede sein konnte, wenigstens nichts Abstoßendes im Gegenstande.

Er begab sich nun mit Sprenger zu Franchini, welcher sie in seinem Kabinet empfing. Der Kopf des Banquiers hätte jedes Bild eines Gesandtenkongresses geziert. Die freien, intelligenten Züge waren wohlwollend und gewinnend, -- seine schneeweißen Haare und lebhaften schwarzen Augen dienten einander als Folie, -- Ausdrucksweise, Bewegungen und Toilette vollendeten den Eindruck des ~banquier-diplomate~.

Nachdem Arnold, so zu sagen als Missionschef, in klarer Form und zu sichtlicher Befriedigung des Zuhörers die Hauptzüge des fraglichen Geschäfts entwickelt, und Sprenger die Umrisse hie und da mit Details ausgefüllt hatte, faßte Franchini, schnell und mit freundlichem Tone sprechend, das Gesagte zusammen: „Der Zweck Ihrer Reise, meine Herren, ist die Sicherung der Bestellungen für die Marine. Sie deuten auf Konkurrenz hin. Es war vor kurzer Zeit ein Agent eines Herrn Kollmann hier, der auch meinen geringen Einfluß in Anspruch nahm. Ich habe abgelehnt, da kein Grund vorliegt die Verbindung mit Ihrer Firma zu lockern. Sie wünschen den Abschluß mitzunehmen und eine Audienz beim Prinzen soll Sie gerade ans Ziel führen. Es bedurfte keiner Empfehlungsbriefe, um mich aufs Wärmste für Sie zu interessiren. Ich hoffe Ihnen einen Dienst zu erweisen, indem ich Ihr Ansuchen um die Audienz vermittle, da ein mir offener indirekter Weg unter dem Gedräng der Festlichkeiten vielleicht der Anmeldung in gewöhnlicher Form vorzuziehen ist.‟

Franchini schloß mit einer Einladung, heute und die ganze Zeit ihres Aufenthaltes, seine Mittaggäste zu sein; -- die beste Gelegenheit, sie mit mehreren Notabilitäten, namentlich dem Direktor der Marine-Kanzlei bekannt zu machen. --

Arnold konnte keinen bessern Erfolg des ersten Besuches wünschen. Einige andere füllten den Vormittag. Sie fanden auf ihren Gängen die Stadt in lebhaftester Bewegung; wo immer drei Menschen beisammen standen, hörte man die Worte Villa, Ball, Beleuchtung, und die Namen des Monarchen und des Prinzen. Wir folgen dem allgemeinen Impulse und wenden uns zuerst zu Letzterem.

Der Prinz war einige zwanzig Jahre alt, und seine körperlichen und geistigen Eigenschaften mochten für jeden Posten besser taugen als für den, welchen er bekleidete. -- Schwer konnte man sich diese zarte, schlanke Gestalt in der Admiralsuniform an Bord des Linienschiffes denken, als Beherrscher der schwimmenden Donnervulkane. Wenn man den blonden Schein über der feinen Lippe, durch welchen der Wunsch einen Schnurbart zu tragen ausgedrückt war, wegnahm und die weichen Haare zu Ringellocken auszog, konnte er ganz gut eine junge Lady vorstellen. -- Sein Geistiges stand insofern im Einklange damit, als er eine lirische Natur war, welche im Mittelalter weniger das Ritterschwert geführt, als mit der Laute des Minnesängers Frauendank und Bandschleifen erkämpft hätte.

Er hatte, wie alle Prinzen des Hauses, eine militärische Erziehung bekommen, behielt aber auch in der modernen Uniform die mittelalterlich romantische Richtung. -- Seinem Sinne war das gesammte reguläre Militär nicht simpathisch. Kreuzfahrerkostüme, oder in wirren Haufen hinjagende Tscherkessen und Perser, spanische Guerilla’s, Palikaren, -- kurz alle pittoresken Gestalten waren Labsal für seinen Sinn, und er wendete auf dem Paradeplatz gern den Blick von der steifen Linie der defilirenden Grenadiere nach der Suite, nach dem fliegenden +Gemeng+ der glänzenden Uniformen aller Waffengattungen.

Er dichtete, und nicht einmal ganz schlecht. Eines der weniger gelungenen Gedichte war aber seine Führung des Statthalterpostens einer Provinz, welche zu den widerspänstigsten des Reiches gehörte, und welche er durch eine Art von ~cour d’amour~ im Stile des Königs René, Maskenzüge, orientalisch kostümirte Trabanten und Tableaux zu beruhigen gedachte. Er ließ es dabei auch an Unterstützung der Künste und wohlthätigen Spenden nicht fehlen, machte aber, dem ernsten, festgewurzelten Hasse gegenüber, mit seinem heitern, durchsichtigen Streben nach Popularität vollständig Fiasko, mehr als es vielleicht mit einer puritanisch-strengen Haltung der Fall gewesen wäre.

Als sich sein der Centralgewalt längst nicht zusagendes Sistem praktisch nicht bewährte, verlangte und erhielt er das Marinekommando, wobei ihm jedoch wieder die Bilder von Tempesta, das Wimpelgeflatter und alle Seeabenteuer von Jason bis auf Marryat lebhafter vorschwebten, als die trockene Aufgabe, eine in der Entwicklung begriffene Marine zu organisiren. -- In angebornem Pflichtgefühl suchte er seiner Aufgabe gerecht zu werden, arbeitete mit den Fachmännern, so lange er eben aushielt, erwarb sich die Liebe der Untergebenen und der Stadt, welche ihn von seiner glänzendsten Seite, der repräsentirenden, kennen lernte, und entschädigte sich für die Mühen seines Berufes durch Feste und Galanterie.

In letzterer Beziehung war er von dem Regime der Minnesänger, welche von einem Stück blauen Band und Sacktuchwehen vom Erker herab eine Anzahl Jahre lebten, bald abgewichen, und hielt diese Richtung nur in seinen Gedichten fest, während im wirklichen Leben Bänder und Taschentücher nur insofern Gegenstände seines Wunsches waren, als ihr Besitz zugleich jenen der Eigenthümerin bedeutete. Im Gedichte verherrlichte er die Silfide, den weibgewordenen Mondstrahl: in der Wirklichkeit zog er die niederländische Schule der deutschen vor, und schätzte eine Dürer’sche Madonna dann am höchsten, wenn er auf dem darunter stehenden Sofa einer Rubens’schen Frau zur Seite saß. -- Dabei war er jedoch ziemlich beständig, und man konnte seine ~liaisons~ während dreier Jahre an den Fingern Einer Hand aufzählen. Seine poetische Natur schmückte die Erwählte mit Reizen, die ihr vielleicht nicht eigen waren, und es ließ sich nachweisen, daß der Bruch der bisherigen Verhältnisse immer durch eine Thatsache herbeigeführt worden, welche Seine Hoheit überzeugen mußte, daß man ihr ritterliches Vertrauen mißbraucht habe.

Das Admiralitätsgebäude, dicht am Hafen, entsprach in keiner Beziehung seinem Geschmacke. -- Es gewährte keinen Ueberblick, kein +Bild+! -- Der Wellenspiegel mit den Objekten seiner Thätigkeit sollte unter ihm liegen -- die +Marine+ in +Morgen-+ und +Abendbeleuchtung+ -- des Mondes nicht zu erwähnen -- -- und er selbst auf der Höhe, sinnend an eine Säule gelehnt -- mit dem Nelson-Perspektiv hinunterschauend! -- Auch lag die Admiralität mitten unter andern Häusern. Nicht einmal Hinterpforten. Jede „Rubens’sche Frau‟ mußte vermummt zwei Schildwachen passiren.

Nun thronte die Villa auf der Höhe des Berges, der dem Dampfer der Levante über die Nebeldecke der See den ersten Gruß zusendet! Aus reichem Grün glänzt die Gloriette mit ihren Marmorstatuen, und die Flügel liegen halbmondförmig in den Armen der Waldhöhe. -- --

Die Fantasie des Prinzen war einige Monate hindurch in voller Gährung über die Ausschmückung der Villa. -- Es waren so ziemlich alle Stile vertreten, griechischer, gothischer, Renaissance... er hatte eine eigene Erfindung im Kombiniren von Erfundenem. So wenig das Auge des Kenners ein Labsal fand, so sehr bestach das Bauwerk die große Masse, durch den Reichthum des Stoffes und gewisse Effektstücke, die nicht ohne Reiz waren, wie z. B. der achteckige Saal, der das Centrum bildete. Die Mauerflächen waren mit weißem Marmor überkleidet, Baumstämme, täuschend aus dunklem Bronce gearbeitet, stiegen in jeder Ecke empor, unten glatt, oben in Aesten, Verzweigungen, und endlich in ein grünes Laubdach sich ausbreitend, welches den ganzen Raum überwölbte, und über welchem durch die Kuppel von blaßrosenfarbenem Glase das Licht einfiel, ohne daß man eine Flamme sah. Ein alter Gedanke, den aber der Prinz auf seinen Reisen doch nirgends ausgeführt gesehen. --

Wenn in dem anstoßenden Sale die Glasgemälde der Fenster bunte Farbenflecken auf den spitzen gothischen Zierrath der Wände und Gewölbe warfen, und in einem dritten das Kristallbassin mit Blumenfontaine, und die Teppiche und niedern Ottomanen einem Märchen der Scheherasade zu lauschen schienen, so mochte das Gesetz des Schönen durch den Mangel an Einheit noch so sehr verletzt werden, die Sinne wurden doch eigenthümlich gereizt, wenn der Lichtstrom und Blumenduft sich durch den ganzen Raum ergoß, und man das Ganze nur als fantastische Traum-Mosaik, als märchenhafte Zimmerreise in einem Zauberpalaste betrachtete.

Fast stellte die Villa ein Bild des Staates dar, dem der Prinz angehörte. Ein Bild seiner schönsten Zeit! Das bunte Gemenge seiner Nazionen, von Einem Gebäude umfangen, von Einer Hymne durchklungen, Eine Fahne hoch wehend über dem Farbengeflatter der zahllosen kleineren -- wie hier die Kuppel Alles überragt, durch ihr Ueberragen allein dem Ganzen einen Halt und Mittelpunkt gibt. -- Denkt die umfangende Mauer weg, -- und der altgläubige gothische Saal steht feindlich dem Grazientempel, -- der blühende Orient den klaren, scharfen Formen des Westens entgegen, -- -- und dennoch vermag kein’s als Ganzes für sich zu bestehen.

Doch die Villa ist kaum erbaut! -- Wer denkt +hier+ an Zerfallen?

Denkt doch auch +dort+ kaum Einer daran, wo der Gedanke so nahe läge! -- Eben fliegt der Faëton ihres Besitzers den Berg hinan, auf der herrlichen Kunststraße, die sich wie ein weißes Band in dreimaliger Windung hinaufschlingt. Er leitet persönlich die letzten Anstalten der beleuchtenden und dekorirenden Schaaren. --

-- -- Der Ball war an dem Tage, wie überall, so auch beim Diner bei Franchini Hauptgegenstand des Gespräches, welches schon während der ersten Gänge sehr heiter und ungezwungen geführt wurde. Mr. Brown, der Chef der Gaskompagnie, schilderte einen Abend, den er mit dem Prinzen auf dem Gebälke über der Glaskuppel zugebracht, unter beständigen Versuchen mit dem Beleuchtungsapparate, der sich endlich zu voller Zufriedenheit bewährte. --

Der Direktor der Akademie, Volpi, vertraute der, nur aus vierundzwanzig Personen bestehenden Gesellschaft unter dem Siegel der Verschwiegenheit an, daß die Wahl des Comité’s für Bestimmung der drei schönsten Frauen zur Schlußgruppe der morgigen Tableaux auf Contessa Sanvitelli, Generalin Heuneberg und die Gattin des Banquiers Strada gefallen sei. Die Gemahlin des Gouverneurs, welche bei den ~ricevimenti~ des Prinzen die Honneurs machte, war von den Damen der Stadt gebeten worden, zu wählen, und hatte, -- den ganzen Frieden ihrer Zukunft auf dem Spiele sehend, -- drei Professoren der ~Academia delle belle arti~ ersucht, die Rolle des Paris zu übernehmen. -- An zwanzig Damen fanden sich, auf Erlaß des Comités, am hellen Mittag, in ganz gleichen einfachen weißen Kleidern bei der Gouverneurin zusammen. Jede hatte die ihr vortheilhafteste Frisur gewählt; allein die genannte Dame theilte ihnen lächelnd einen weiteren Beschluß des Wahlcomités mit, in Folge dessen ein Friseur nebst Gehülfen erschien, welche alle Kunstbauten beseitigten, und die Haare sämmtlicher Kandidatinnen glatt scheitelten und aufgelöst über die Schultern fallen ließen. Sie hatten hierauf in einem Salon mit dunkelgrünen Tapeten einen Kreis zu bilden, in welchem die drei Professoren sich eine halbe Stunde sehr angenehm herumbewegten. Ihre Wahl fand zwar nicht den Beifall der Nichtgewählten, aber den einstimmigen der Tischgesellschaft. --

Korbach wurde vom Herrn des Hauses mit Auszeichnung behandelt, und die Gäste schenkten seinen ruhigen aber bestimmt geäußerten Ansichten Aufmerksamkeit. Als der Bürgermeister der großen Vortheile gedachte, welche der Prinz der Hafenstadt zugewendet, welche ihm außerdem für den entwickelten Luxus dankbar sei, nahm er das Wort und schilderte die Stimmung der Residenz als eine, seiner humanen, wohlwollenden Tendenz höchst günstige, namentlich in den industriellen Kreisen, wo man seinen Bestrebungen zum Schutze der inländischen Produkzion volle Anerkennung zolle. -- Es waren einige ~free-traders~ anwesend, für welche der Chef eines englischen Kommissionsgeschäftes das Wort führte, während Arnold die Schutzzölle vertheidigte. Die gegen Ende des Diners begonnene Debatte wurde in schönster Form mit Beobachtung aller Rücksichten auf interessante Weise geführt, daß die Gesellschaft in zwei ungleiche Lager getheilt -- da die Majorität auf Arnold’s Seite -- mit Spannung und Vergnügen zuhörte. -- Der junge Korbach, der zum ersten Male als Repräsentant seines Hauses und Verfechter der demselben verwandten Interessen, in einer fremden, fast durchweg aus älteren Leuten bestehenden Gesellschaft auftrat, ward durch den Beifall, den seine ersten Reden gefunden, ermuthigt und entwickelte die Forderungen der Praxis, einer glänzenden Theorie gegenüber, mit so schlagenden Gründen und zugleich in so liebenswürdiger, natürlicher Form, daß er den entschiedensten Sieg errang.

Er schloß mit den an den Engländer gerichteten Worten: „Es ist eine, wir wollen es gestehen, erzwungene Huldigung, die wir durch Vertheidigung unseres Schutzsistems Ihrer großen Nazion darbringen! Wir gestehen damit nur ein, nicht auf der Höhe zu sein, aus der wir Ihnen als Gegner den Handschuh hinwerfen können. So lange aber das Terrain der vaterländischen Industrie nicht hoch genug, um nicht von den Wogen Ihrer bisher an Werth und Billigkeit unerreichten Produkte überschwemmt zu werden, können Sie nun und nimmer verlangen, daß wir selbst den Damm einreißen! Der überschwemmte Markt würde in kürzester Zeit +aufhören+ ein +guter+ Markt für Sie zu sein, und wenn uns -- was eben nicht der Fall -- alle Minen Südamerika’s zu Gebote ständen, so würden wir nur dort anlangen, wo Jeder anlangen muß, der -- -- verzeihe mir die Gesellschaft das ganz unoratorische und unparlamentarische Gleichniß -- seine Schranken zu einem Kampfe zwischen der Hauskatze der vaterländischen Industrie und dem gewaltigen brittischen Leopard öffnet!‟ --

Die Gegner reichten sich lachend die Hände. Franchini ward in seinem Entschlusse, Alles was von ihm abhinge, für den jungen Mann zu thun, bestärkt. Er hielt ihn nebst Sprenger und dem Direktor der Marinekanzlei zurück, als die Gäste sich entfernten. Das Geschäft wurde nach allen Richtungen besprochen, und Sprenger übernahm die Ausarbeitung einer Vorlage, welche er mit Zuhülfenahme der Nacht bis zum nächsten Morgen zu vollenden gedachte, für welchen Franchini bereits die Audienz erwirkt hatte. Er übergab den beiden Gästen zugleich Einladungskarten zum Balle in der Villa, wovon jedoch nur Arnold Gebrauch machen konnte, da Sprenger keine Zeit erübrigen zu können erklärte. -- Das Erscheinen des Ersteren schien allen passend, ja nöthig.

Während er hier auf dem „Wege, den ein Korbach geht‟, für sich arbeitete, war ein kleiner Notenwechsel zwischen dem Hotel, wo Klotilde wohnte, und der Villa gepflogen worden.

Sie hatte, vom Schlummer gestärkt, -- ihre Ankunft und den Entschluß, zwei Tage zu verweilen, in einigen Zeilen kurz und bündig dem Baron Heidenbrunn angezeigt, welcher zum Prinzen stürzte, um diesen mit einem Ereignisse zu überraschen, das ihn etwas wärmer bewegte als der Glückwunsch der eben anrückenden Gemeinde-Deputazion.

Der Adjutant flog mit einem Billet ins Hotel, mit einer Antwort zurück, und Nachmittags fand eine Schlußkonferenz zwischen ihm und Klotilden Statt, in welcher folgende Friedensartikel festgesetzt wurden:

Frau Klotilde Zeltner wird dem Balle in der Villa beiwohnen, in Gesellschaft einer griechischen Kapitänsgattin als Anstandsbegleiterin, welche Baron Heidenbrunn besorgt. -- Der Prinz macht sich verbindlich, zehn Minuten lang mit Frau Klotilde in einer Weise zu sprechen, daß die Gesellschaft des Anblickes der Unterhaltung theilhaftig werde. -- Ihrerseits bewilligt sie eine Unterredung, ~à discrétion~ über zehn Minuten, außerhalb der Gesellschaft. -- Dieselbe stellt schließlich unbestimmte Verlängerung ihres Aufenthaltes in Aussicht. --

Der Adjutant suchte vergebens den Schlüssel zur Erklärung des schnellen Ueberganges zum Sistem der Konzessionen. --

Klotilde hatte Zeit gehabt, Günther’s Andeutungen auf der Reise zu überlegen, und den Gedanken, daß Kollmann die Erscheinung seiner Frau zu Gunsten seiner Angelegenheit in die Wagschale legen könne, so lange ausgemalt, bis sie überzeugt war, derselbe sei bereits in der Hafenstadt angelangt, und in einer niederträchtigen Intrigue begriffen. Als, auf ihr Befragen, Heidenbrunn von Schritten eines Herrn Kollmann beim Prinzen so wenig als von einer Frau dieses Namens wußte, ward sie ruhiger, hielt es jedoch für angemessener, das streitige Terrain zu occupiren. Sie kannte den Karakter des Prinzen hinlänglich, um zu wissen, daß er unter dem ersten Reize eines glücklichen Verhältnisses unzugänglich für andere Eindrücke sei, und beschloß ihm so viel Hoffnung zu geben als möglich, wenn noch welche übrig bleiben sollte. --

-- -- Der Himmel bescheerte dem Prinzen einen umwölkten Abend, -- der erst spät einer hellen Mondnacht wich -- als Hintergrund seiner Illuminazion. Der Chef der Gaskompagnie wüßte vielleicht zu sagen, wie viele Tausende von Flämmchen die Form der Villa in feurigen Linien auf den Grund des Waldes zeichneten. Weder Jemand von der Gesellschaft noch der Prinz hat sie gezählt, sondern Letzterer nur bezahlt, und wenn man das Spalier der Pechpfannen von der Stadt bis auf den Berg, die Girandolen auf dem Vorplatze, das bengalische Feuer auf der Kuppel und die alle fünf Minuten nach dem Himmel fahrenden Büschel von farbigen Raketen dazu rechnet, so läßt sich annehmen, daß dieser Versuch, die Nacht bei Tageslicht anzuschauen, allein so viele Mittel in Anspruch nahm, als die Verwandlung von einem Paar Hundert kalter und finsterer Stuben in warme und helle für die ganze Dauer des Winters. -- -- Eine nördliche Reflexion! -- den tropisch heißen Empfindungen gegenüber, mit welchen die Munizipalität mit Frauen und Töchtern den Berg hinanrollte, größtentheils in viersitzigen Wägen in der gewöhnlichen, durch Verspätung und Angst des Kleiderzerdrückens erzeugten Familienverstimmung. -- Kühler fuhren die Damen der höchsten Gesellschaft dahin, einzeln oder zu zweien -- es war ja eine Konzession, welche die geschmückten Opfer mit lächelnder Resignazion der Lieblingsmarotte des Prinzen brachten. Am kühlsten die alten Militärs, welche berechneten, wie viele Stunden sie im Glühofen dieses Feenpalastes mit loyaler Freudigkeit dorren mußten. --

In eigentlich froher behaglicher Stimmung kamen nur die Frauen der ~haute finance~; wir werden hören warum.

Mit welcher Empfindung aber auch Jeder gekommen sein mochte -- wenige Minuten nachdem er durch die Blumenpforte des Vestibule getreten, wurde er von jener erfaßt, welche sich gleich in der ersten Stunde, nachdem sich die Geladenen versammelt, Bahn gebrochen hatte.

Es gibt Gesellschaften, die einem ummauerten Teiche gleichen mit einem langweiligen Triton in der Mitte, und schief im Wasser stehenden, glotzenden Goldfischen.

Andere -- seltene, glückliche! -- mahnen an eine frische Quelle, die durch Felsen schlüpft und in welcher sich die Forellen jagen.

Die Goldfische in den steifen Uniformen wußten Anfangs nicht, wie ihnen geschah, als sie in das gewohnte schwüle stehende Wasser zu fallen meinten, und von einer wirbelnden Flut gefaßt wurden, die sie fortriß.

Nicht einmal die Polonaise -- (armes Heldenvolk, das seinen Namen zu dem getanzten Tarok hergeben mußte!) -- nicht einmal +diese+ hatte +begonnen+. -- Statt der geometrischen Promenade flogen in der ersten Viertelstunde die glänzenden Roben im Walzer dahin, -- lösten sich wehende Locken von den warmblühenden Stirnen, -- und mit den feurigen Klängen der Musik mischte sich frohes Lachen und die Fülle von hundert reizenden Stimmen bis herab zum süßen südlichen ~contre-Alt~ -- der wahren ~viole d’amour~ der weiblichen Brust -- und durchtönte die Blumengrotten, den Marmorsaal und alle die hohen strahlenden Räume.... Schaudernd entflohen war die langweilige Matrone Etikette, als fürchtete sie einen Orangenhagel von den Kobolden des neckenden Frohsinns!

Und wer hat sie verscheucht? wem dankt der Gebieter dieser Räume, daß sie heute nicht der dürre Samum des Ceremoniells durchweht?

Eine Verschwörung hatte die Matrone gestürzt.

Die Frauen hatten gesagt, so soll es sein, und sie setzen ihren Willen sicherer durch, als die am Anfange dieses Kapitels singenden vierzig Millionen.

Eine große Zahl der schönen, jungen, geistreichen, lebhaften Frauen des reichen und gebildeten Mittelstandes der Hafenstadt hatten beschlossen, dem liebenswürdigen Herrn der Villa zu zeigen, was +sie+ der Gesellschaft zu bieten vermochten, und den vollen Reiz der +ungezwungensten Heiterkeit+ gegen den +spanisch+-exclusiven Ennui ins Feld zu führen!

Sie umringten den Prinzen, es fiel wie ein Regen von Wortblumen auf ihn -- ein reizendes Impromptu folgte dem andern -- sie bestimmten die Ordnung der Tänze ohne nach einem Obersthofmeister zu fragen, -- verflochten während des Tanzes den Prinzen, der so leicht zu verflechten war -- und während der Ruhe die alten Kammerherren und Generäle in jene raschen, witzsprühenden, zündenden Gespräche, welche einmal die Damen des ~pur-sang~ für ihr Monopol hielten, und kümmerten sich um diese letzteren so gar nicht, und wenn’s möglich wäre, noch weniger als gar nicht!, bis endlich Alles belebt und durchglüht war -- -- mit Ausnahme einiger verknöcherter Repräsentanten eines, dem Himmel sei Dank, täglich tiefer ins Meer der Lächerlichkeit versinkenden Prinzipes. --

-- Es war der glänzendste Sieg der Grazie über die freudeversteinernde Medusa des Ceremoniells!

Der Prinz, nicht ohne Geist, begriff den Sinn der Demonstrazion -- der einen Seite derselben, der freundlichen, seiner Person dargebrachten Huldigung, freute er sich laut, und ging in den Ton vollkommen ein, -- der andern, der ~arrière-pensée~, die gegen eine gewisse Koterie gerichtet war, freute er sich +still+. -- Er dankte Gott, daß der Ueberraschungsbesuch des gekrönten Vetters noch nicht in den Jubel des +heutigen+ Abends hineingefallen!

Der Wind, der heute in diesen Sälen wehte, hatte den Friedenstraktat zwischen ihm und der noch immer nicht erschienenen Klotilde insofern zerrissen, als von verabredeten gnädigen Worten und Erwiederungen keine Rede sein konnte: die Vorstellungen mit Frage und Antwort, Verbeugung, Zurücktreten und einem Andern Platzmachen, waren gar nicht zur Ausführung gekommen. Der Prinz war bald mitten im Gedränge, mit vielen zugleich sprechend, bald saß er in einer Blumennische -- mit einer Feuernelke oder blaßrothen Camellie -- die Frauen sprachen ihn an, ohne von der Hand der Gouverneurin vorgeführt zu sein -- und die Männer hatten hinlänglichen Takt, um die fröhliche Razzia über die sonstigen abgesteckten Grenzen hinaus auf eine Weise mitzumachen, welche die Exklusiven am meisten ärgerte, die immer auf ein störendes, plumpes +Zuviel+ hofften, und immer vergebens!