Dissolving Views: Romanfragmente von Leo Wolfram.

Part 14

Chapter 143,591 wordsPublic domain

~Écoutez! Encore ces Allemands à la recherche de leur patrie!~ -- lacht es über den Rhein herüber. -- Ueber den Kanal tönt nicht einmal eine Persiflage, nur ernst und groß, wie das alte Meer, der Hymnus ~Rule Britannia~! -- -- Der Russe hat es am Leichtesten. Er darf nicht fragen und wird nicht gefragt, aber er +weiß+ es, -- und ein Anderer hat längst für ihn gesagt: das ganze Rußland +muß+ es sein! Und so ists auch. --

Und dennoch wird auch unser Sollen zum Haben, wenn es nur erst zum rechten Wollen geworden. Jahr für Jahr wälzen die singenden Millionen den Sisifusstein ihrer Einheit den Berg hinan, und immer geräth er auf eine Stelle, wo er abgleitet, -- meist ein Stück glattes Parkett eines Konferenzsaales, -- und rollt wieder in die Tiefe. -- Vielleicht sind wir dem Gipfel näher als wir selbst glauben!

-- -- Der Strom des großen Gedankens hat unser leichtes Fahrzeug fortgerissen. Wir begannen mit der Frage nach dem Lande dieser Erzählung. Bekannte Thurmspitzen und Berggipfel ragen aus der Fata-Morgana-Landschaft, worin sie spielt, empor; der Klang der Namen lenkt unwillkürlich den Finger nach einer bestimmten Stelle der Landkarte, -- und dann wird Alles wieder fremd, -- wie man wohl manchmal hört: „Ich träumte, -- es war in unserm Garten, -- und dann war es doch wieder nicht unserer.‟

„Ein Monarch, hat man zu uns gesagt, wie er des Landes der ~dissolving views~, -- ein Graf Breuneck und Andere, die dort, wo der Finger hingewiesen, nicht existiren, und alle übrigen daselbst +nicht+ aufzufindenden Menschen und Orte vermögen doch nicht das klar gezeichnete +Wirkliche+ zu verdecken! All dieß ist eine an den Arm gebundene Larve bei unverhülltem Gesicht.‟ -- Aber so verlangte es einst das Gesetz der Maskenbälle, eben in unserer Residenz: wer nicht maskirt war, mußte wenigstens das Zeichen tragen, eine kleine Wachslarve am Arm. Wir nehmen sie, um wo möglich keine Szene mit dem Ballkommissär zu haben. --

So bleiben wir denn auch bei der Bezeichnung „Hafenstadt‟ für den Ort, welchem Arnold zufliegt, und zwar nicht allein, denn in Frauenwang ist ein Passagier von Korbach kommend zu ihm gestoßen, den er mit freudigem Aufschrei begrüßt. Es ist Sprenger, welcher vom alten Freunde gebeten worden, seinen Sohn zu begleiten, der des Aelteren, Erfahrneren bei seiner Sendung bedürfen könnte.

Reich genug war der Stoff ihrer Mittheilungen. Sprenger gab ein Gemälde von den Korbacher Zuständen, welches von einer Sicherheit, -- ja Siegestrunkenheit Zeugniß gab, die er nicht theilen konnte.

Pater Valentin war nach St. Martin gegangen, um die Leitung des Klosters zu übernehmen, der Prior, sobald es sein Zustand erlaubte, von dort nach der Residenz gereist und der junge Geistliche Leo hatte den Pfarrhof in Korbach bezogen. --

Abschieds- und Begrüßungsfeste für die beiden Letzteren, eine große Demonstrazion der katholischen Arbeiter, welche sich mit Fahne, Musik und Blumenkränzen vor Korbach’s Hause aufgestellt und ihm für seine allgemein bekannt gewordene Thätigkeit, für die Erhebung ihres geliebten Pfarrers durch eine Deputazion dankten, -- ein riesenhaftes Bouquet in Begleitung eines goldgeränderten Gedichtes, das die Mädchen Helenen überreichten, -- Tags darauf ein Ständchen der Protestanten, welche nicht zurückbleiben wollten, da sie in dem Vorgange nur einen Sieg des Toleranzprinzipes sahen. Dieß Alles machte unstreitig einen ganz erfreulichen optischen und akustischen Effekt... -- Der alte Korbach, sonst ein Feind alles lärmenden Gepränges, war dießmal der Demonstrazion auf halbem Wege entgegengekommen, und hatte einige kurze, kräftige Reden gehalten, des Sinnes daß, so lange er Herr in Korbach, dafür gesorgt sein werde, daß +Recht+ und +Gesetz+ des Staates und der Kirche gelten, nicht aber deren +Verdrehungen+.

Als aber Sprenger an der Altenberger Fabrik vorübergekommen war, hatte er über hundert Arbeiter mit Herstellung des Gebäudes beschäftigt gesehen, welches noch vor acht Tagen mit geschlossenen Thüren und Fenstern dagestanden war und keineswegs einen Konkurrenzbesorgnisse erregenden Anblick gewährt hatte. --

Arnold theilte ihm nun Alles mit, was er in den letzten Tagen in Erfahrung gebracht, und Sprenger war sowol von seiner Auffassung als klaren Auseinandersetzung der Sachlage, sowie der beabsichtigten Schritte befriedigt. Er fand seinen Zögling reif zur großen Aufgabe, die ihn einst als Chef eines so bedeutenden, und nun so ernstlich bedrohten Etablissements erwartete, und übergab ihm mit Beruhigung die vom Vater ausgestellte Vollmacht zu Abschlüssen, Unterzeichnungen u. dgl.

Hatte die erste Stunde der Reise durch Günther’s Abenteuer ein ungewöhnlicheres Interesse, so war dieß in der letzten durch ein anderes Zusammentreffen der Fall. --

Es war bereits ganz dunkel, und in weiter Ferne sah man das Feuer des Leuchtthurmes. Niemand außer unsern Freunden befand sich im Coupé, dessen Sitze durch hohe Lehnen getrennt sind, so daß man, ohne aufzustehen, nicht hinübersehen kann.

Auf der letzten Stazion vor dem Hafen öffnete sich unter Säbelgeklirr die Thür des Coupé, und zwei Offiziere traten ein, in deren einem Arnold sogleich den Obersten von Plomberg erkannte, welcher einen Tag früher die Hauptstadt verlassen, sich an einer Zwischenstazion aufgehalten hatte, und hier mit seinem Vetter, dem Adjutanten des Prinzen, zusammentraf.

Sie wählten das Coupé, das sie ganz leer glaubten, und nahmen in der Abtheilung neben Arnold Platz. Dieser sowol als Sprenger sprach so geläufig englisch als deutsch, und als Plomberg ein Paar Worte der eben in dieser Sprache geführten Conversazion hörte -- deren sie sich nach der Ankunft der neuen Passagiere bedienten, sagte er leise zu Baron Heidenbrunn: „Niemand, als ein Paar obligate Engländer.‟

Waren Arnold bis Treustadt die Köpfe der Mitreisenden willkommen, die ihn für Klotilde unsichtbar machten, so war es ihm die Lehne noch weit mehr, da ihm der Oberst geradezu antipathisch war. --

Das Anfangs halblaute Gespräch der Offiziere wurde nach und nach so laut, daß es auch Entferntere als Arnold hätten vernehmen müssen. Es ging daraus hervor, daß der Monarch sich in zwei Tagen nach dem Hafen zu begeben beabsichtige, um den Prinzen und die Einwohnerschaft bei einem Feste zu überraschen, welches, ohne sonstige besondere Bedeutung, zu Loyalitätskundgebungen von der einen und Huldstrahlen von der andern Seite benützt werden sollte.

Der Prinz hatte an einem mit vielem Geschmack gewählten Punkte der, die ganze Hafenbucht beherrschenden, Anhöhe eine Villa gebaut, welche seine Residenz bleiben sollte, so lange er das Marinekommando führte, und die festliche Eröffnung derselben an seinem Geburtstage bot den Anlaß zu den erwähnten Manifestazionen. Was die Ueberraschung durch den Monarchen betrifft, so gehörte sie in die Kategorie der bis ins Kleinste verabredeten, welche dem überraschten Theile die gehörige Zeit zu allen Vorbereitungen lassen, und man sprach darüber seit einigen Tagen in beiden Städten.

Oberst Plomberg entsprach im Dialog dem Bilde, welches Arnold von ihm nach einigen Aeußerungen im Freinhof behalten. Er gehörte, insofern ihn sein alter Adel als Kavalier passiren ließ, zu jener Gattung, welche bei Entwicklung ihres Standesbegriffes etimologisch zu Werke geht, und alle ihre Rechte und Pflichten von dem Stammworte herleitet --: ~cavallo~, -- ~cheval~, -- Roß. --

-- Sie verkehren mit der Crême der Gesellschaft, aber der feine Salonduft vermag nicht den geistigen Stallgeruch zu beseitigen. Auch fühlen sie sich nur +unter sich+ eigentlich behaglich. Man darf nur Einmal den Akzent hören, mit welchem die Worte: „Ein süperbes Mädel!‟ aus einer beisammenstehenden Schaar dieser -- wie Sprenger sie derb und richtig nannte, „Roßkavaliere‟ herausklingen, um über den Standpunkt der ganzen Race im Reinen zu sein. Es sind übrigens glückliche Leute, meistens hübsch, gesund, reich und dumm, und wenn man ihnen aus dem Wege geht, thun sie nicht leicht Jemandem etwas zu Leide. -- Der bürgerliche Gentleman hat vor dem adeligen den Vortheil, daß er dieser Gattung von Geschöpfen leicht ausweichen kann, während der letztere häufig gezwungen ist, sich mit ihnen abzugeben.

Das Verhältniß Heidenbrunn’s zu Plomberg war weder ein freundschaftliches, noch feindliches, sondern kühle Bekanntschaft, mit dem erschwerenden Umstande der Verwandtschaft. Der einzige Unterschied der beiden Herren bestand in der Façon, -- die Kameraden, in allen Ständen die einzig kompetenten Richter, würden schwerlich gesagt haben, der Adjutant sei ein geschliffener und Plomberg ein ungeschliffener Edelstein. Von Edelstein war kein Rede, aber das böhmische Glas war bei einem polirt, beim andern mit Pferdestaub überzogen,

-- „Wie lange wird denn der ganze Spektakel bei Euch dauern? sagte Plomberg -- und was für Species von Ennui bekommen wir zu verdauen?‟ --

-- „Es dauert einen Tag und zwei Abende. Morgen Ball, oder vielmehr Rout, nach dem Prinzip der vollständigsten Fusion: Wir Alle, -- Munizipalität, Beamten -- Kaufmannschaft‟ --

-- „Wenigstens hübsche Weiber. Was weiter?‟

-- „Dabei Illuminazion und Feuerwerk. Uebermorgen Frühstück für die fremden Offiziere, und Abends kleiner Cercle mit Tableaux.‟

-- „Herr Gott im Himmel! -- das ist ja zum Erschießen! Hätte ich nur Greuth’s Kommission nicht, so kehrte ich jetzt noch um. Er hätte auch einen Andern gefunden zu dieser Bagatelle.‟

-- „Das ist es wohl nicht; schon des Prinzips wegen.‟

-- „Prinzip? eine Misere, die sie zu einer Staatsakzion aufgeblasen haben. Was geht’s uns Soldaten an? Ich verstehe meinen eigenen Auftrag nicht, ich weiß nur daß du beim Prinzen bewirken sollst, daß eine Bestellung auf eine halbe Million ich weiß nicht was, sistirt werde.‟

-- „Ich weiß ganz gut um was es sich handelt was mir nicht klar, sind nur zwei Dinge: wie nämlich diese reine Geschäftssache ganz +oben+ solchen Lärm machen konnte, und warum, wenn man sie schon aufgreift, nicht einfach und offiziell aufgetragen wird, dieser oder jener Firma aus Gründen, die man sagt oder nicht sagt, die Bestellungen zu entziehen?‟

-- „Der Lärm kommt von einem Pfaffen, den ich lange kenne, und der Prälat werden wollte, und da ist ihm ein Fabrikant, der ein ganz gescheidter Kerl sein muß, durchs Zeug gefahren, mit einem originellen Coup, und er ist durchgefallen. Darauf wird er vor Galle krank und kommt nun in die Stadt und hetzt die Leuchtendorf’s auf den Allergnädigsten, und meine Alte und deren Frau Schwester auf die Prinzessin Marie, macht einen Höllenlärm, daß in einem Jahr die ganze Provinz lutherisch wird. -- Der Erzbischof gibt auch seinen Senf dazu, und gestern Abends läßt mich Greuth rufen und sagt: Sie würden ohnedem mit uns gehen, -- fahren Sie voraus und sagen Sie Ihrem Vetter, und so weiter. -- Es heißt sie wollen Exempel statuiren, im Keim ersticken und weiß der Teufel was, und ein Offizier muß in der Pfaffen- und Fabrikantengeschichte eine Art Kurierreise machen. Man glaubt ein Narr zu sein.‟

-- „Ganz richtig. Es ist übrigens nicht leicht, da der Prinz, dem sie in andern Dingen oben die Hände binden, sich nicht influenziren läßt, wo er auf seinem eignen Terrain steht.‟

-- „Meinethalben. Ich habe Greuth gesagt, daß ich ein schlechter Diplomat bin. Er hat mir geantwortet, das wisse er ohnedem, er könne zu der Sache keinen guten brauchen.‟

-- „Ich werde, da die Sache bloß ein vertraulicher Wink, mich ganz nach der persönlichen Disposizion des Prinzen richten.‟

-- „Wie du willst. Schlägt’s fehl, so habe ich das Meinige gethan. Greuth soll einen Andern mit solchen Klatschmissionen beehren. -- ~A propos~ Klatsch, zwischen ihm und der Zeltner ist Alles aus. Weiß dein Prinz, daß die Geschichte bestanden?‟

„Kein Wort; das würde dieser Frau, die ein gutes ~moyen d’action~ werden kann, einen Theil ihrer Anziehungskraft rauben.‟

„Wie steht denn die Sache eigentlich?‟

„Auf dem alten Fleck. Der Prinz ist, seit wir von der Residenz weg sind, oft ungnädiger Laune, und seine Gedichte haben einen blassen, melancholischen Teint. Wenn nicht bald eine neue Flamme auftaucht, so gehe ich mit Urlaub nach der Residenz und hole sie, vorausgesetzt daß sie geht. Sie geht aber keinen Schritt weiter, als sie will; von ~abandon~, unbewachtem Moment u. dgl. ist bei diesem Weib keine Rede.‟

Baron Heidenbrunn ahnte nicht, daß die Besprochene, nur in einer Entfernung von zwölf Stunden, in derselben Richtung fahre, und eben so wenig, daß das Gespräch nicht von zwei Engländern vernommen wurde.

Sprenger erinnerte sich nicht, seit Arnold’s Kindheit je einen so schweren Stand gehabt zu haben. -- Bei der Erwähnung seines Vaters war er bereits aufgesprungen und Sprenger hielt ihn geradezu mit Gewalt zurück, und sagte: „Arnold! habe ich dich denn je einen andern Weg geführt, als den der Ehre? Ich selbst lade dir die Pistolen bei der ersten Ehrensache die du auszufechten hast, aber das ist +keine+. -- Wenn er deinen Vater einen gescheidten Kerl nennt, so ist das nach +meinem+ Verstande keine Beleidigung, und im Uebrigen erfüllen sie ihre Aufträge, für die du die ganze Coterie zur Rede stellen müßtest.‟

„Es handelt sich um etwas ganz Anderes! entgegnete Arnold -- Meinst du, ich könnte den Beiden, wenn sie beim Aussteigen an mir vorübergehen, ins Gesicht sehen als Fremder, und morgen oder übermorgen als Korbach? daß sie dächten, aha, das ist +der+! im Waggon hat er sich geduckt! -- Diesen Leuten gegenüber muß man eher zu viel thun, als zu wenig! Ich werde ruhig sprechen und es wird sich erst zeigen, ob sie renommiren wollen.‟

Damit zog er seine Hand aus jener Sprenger’s und trat, mit einem raschen Schritt um die Scheidewand der Sitze, vor die Offiziere, welche durch das lautere Gespräch und die Laute der Muttersprache überrascht, einander ansahen und im Momente eine Revüe ihrer +eigenen+ Unterhaltung hielten, die allerdings einen sehr konfidenziellen Karakter gehabt.

Die Gedanken: Verdammte Civilisten! -- Aufpasser, -- Zusammenhauen (die Hauslogik des Roßkavaliers) fuhren durch Plomberg’s Kopf, während Heidenbrunn, obwol ungefähr auf derselben Höhe, mehr über die eigene Unbesonnenheit als über die Indiskrezion ärgerlich war, die nach seiner Auffassung darin lag, daß zwei Passagiere sich nicht die Ohren mit Baumwolle verstopften, um ein im Waggon laut geführtes Gespräch nicht zu hören.

Arnold’s Gesicht hatte in dem Augenblick, wo er vor sie hintrat, durchaus keinen herausfordernden Ausdruck, sondern nur jenen ruhiger Offenheit. „Herr Oberst, begann er, Sie haben in der Unterredung, deren unfreiwilliger Zeuge ich war‟ -- „Halt, fiel Plomberg ein, unfreiwillig, das leugne ich; von dem Augenblick, wo Sie hörten, daß das Gespräch nicht für fremde Ohren berechnet war, stand es bei Ihnen, durch einige laute deutsche Worte zu zeigen, daß Sie uns verstanden.‟

Immer ruhig, aber sehr bestimmt, versetzte Arnold: „Abgesehen davon, daß auch ein Ausländer Ihre Sprache verstehen konnte, mußte ich voraussetzen, daß zwei Herren in Ihrer Stellung an einem öffentlichen Orte, vor Fremden, nur +dann+ sich in so vernehmlicher Weise unterhalten, wenn sie +keinen+ Werth darauf legen, ungehört zu sein. Nicht +mir+, sondern +Ihnen+ stand die Beurtheilung zu, ob Ihre Worte für fremde Ohren geeignet seien!‟

„Darüber wollen wir nicht streiten, -- sagte Plomberg mit hinaufgezogenen Augenbrauen, -- aber ich möchte fragen, was Ihnen eigentlich zu Diensten steht?‟

„Ich wünsche, als Sohn des erwähnten Fabrikanten, die Ansicht, welche in einem hohen Kreise über die Handlungsweise meines Vaters vorherrscht, bei Ihnen, meine Herren, dahin zu berichtigen, daß derselbe mit dem, was Sie einen originellen Coup genannt, eine Handlung vollbracht, auf welche jeder Ehrenmann +stolz+ sein muß; daß jenem Vorgang nicht ein einziges Motiv zum Grunde liegt, welches Zweifel an seiner Loyalität, oder Schritte rechtfertigen könnte, die ihm nachtheilig sind.‟

„Wir begreifen, sagte Heidenbrunn, daß Sie die Sache Ihres Herrn Vaters führen, aber Sie werden auch begreifen daß, da es sich um höhere Aufträge handelt, wir weder zu richten, noch uns gegen Sie zu rechtfertigen haben. Es wird sich eben darum handeln, Ihrer Ansicht dort Geltung zu verschaffen, wo darüber entschieden wird.‟

„Dieß wird sehr schwer geschehen können, da ich mit der Absicht reise, meine Angelegenheit dem Prinzen vorzutragen. Ihr Auftrag heißt Sie dem entgegentreten. Dawider steht mir keine Einwendung zu. Meine Pflicht war nur, fürs Erste zu +sprechen+, damit ich den Verdacht beseitige, als wollte ich +irgend einer Konsequenz meines Zuhörens ausweichen+, fürs Zweite die Ueberzeugung auszudrücken, daß Sie, meine Herren, wenn es mit Ihrer Pflicht vereinbar ist, einen solchen Auftrag sicherlich nicht übernähmen, wenn Sie den Karakter dessen kennen würden, gegen den er gerichtet ist.‟

Arnold grüßte mit einer leichten Neigung des Kopfes und nahm seinen Platz wieder ein. Sprenger schüttelte ihm beifällig die Hand. -- Die beiden Offiziere sahen einander an, und sagten fast zu gleicher Zeit: „Mir scheint, wir haben eine ungeheure ~bêtise~ gemacht.‟ -- Der Schein wurde ihnen, je länger sie nachdachten, desto mehr zur Gewißheit. Sie setzten sich ans andere Ende des Coupé.

„Was liegt daran! -- sagte Plomberg. -- Vielleicht könntest du die ganze Audienz verhindern?‟

„Gott bewahre, der Prinz hält auf seine Popularität, so wenig wir auch noch davon gehabt haben. Der junge Mensch wird auch wahrlich nicht von Greuth oder der Zeltner reden. Im schlimmsten Falle aber kommt zuletzt Alles auf Greuth; der Prinz wird ~a camera~ fulminiren, da er ihm öffentlich nichts anhaben kann. Dieser Korbach gefällt mir übrigens nicht übel, er scheint „Schneide‟ zu haben.‟

„Das müßte man erst sehen! Glaub’s aber gern, daß es ihm eine Ehre und ein Vergnügen gewesen wäre, sich mit uns herumzuhauen. Seitdem das Wort Gentleman in der Mode, ist keine Barriere mehr. Früher hat sich Unsereiner manchmal herabgelassen, sich mit einem sogenannten Honorazioren zu raufen, jetzt ists schon bald verfluchte Schuldigkeit geworden, einem Federfuchser oder Kaufmann Rede zu stehen! -- Ein Denkzettel hätte ihm aber nicht schaden können!‟

-- „Im Gegentheile +nützen+! Das wäre das beste Mittel gewesen ihn zu +heben+! Darum habe ich auch den Passus von „Konsequenzen‟, denen er nicht +ausweichen+ will, nicht aufgegriffen!‟

-- „Was wirst du jetzt thun?‟

-- „Ich werde meine Sache so machen, daß ich mit meinem Prinzen und du mit Greuth auf gutem Fuße bleiben; wie diese Beiden dann mit einander stehen, kann uns indifferent sein.‟

-- -- Es war zehn Uhr Abends, als man im Hafen anlangte.

Vor dem Hotel, in welchem Arnold und Sprenger ihre Wohnung nahmen, ragten die Masten der Schiffe in den dunkeln Himmel, welche in dichter Reihe am Quai lagen. Der bekannte tausendstimmige südliche Lärm füllte die laue Luft. -- Unsere Reisenden waren aber nicht in der Stimmung, sich mit pittoresken und kulturbildlichen Studien zu befassen, sondern sperrten die Reize des nächtlichen Seestückes und das ganze Geschrei der ~bella Italia~ mittelst der Fensterläden hinaus, so gut es ging, und suchten die Ruhe.

* * *

Dafür begrüßte Arnold die aufgehende Sonne auf dem Hafendamme. --

Sie schüttete ihr Gold ins Meer, heute wie immer, unbekümmert um die schlafende Stadt; -- so wenig diese sich um die Sonne kümmert. -- Was ist daraus zu prägen? Der Sonnenaufgang gibt keinen Kurszettel für die schlummernden Handelsherren. Was wäre da zu notiren? „Fernsicht flau -- rothes Gewölk über dem Kastell wenig begehrt -- starke Schwankungen der kleinen Fischerboote -- die große Fregatte fest, aber bei den Italienern nicht beliebt -- Wellengold und Nebelsilber ausgeboten -- -- von der unerschöpflichen Hand, welche täglich ihre Valuten auf den Markt wirft -- aber kein Käufer.‟

Doch Einer war ja aufgetreten! -- Und wie klein ist der Preis, den die ewige Natur fordert! Nichts als ein offenes Auge und Herz, -- und ohne zu wägen und zu zählen füllt sie Beide mit ihren Schätzen, -- so voll, daß sie den Tropfen aus dem Auge drängen und den Seufzer des Schmerzes oder der Seligkeit aus der Brust.

+Den+ Preis hatte Arnold zu bieten. Noch gab es Hochalpen in seinem Innern, zu denen kein Schienenweg der Industrie hinanreichte, Wildwasser, die kein Schwungrad trieben. Nur schärfer hatte sich in den letzten Tagen das Chaos in ihm gesondert, die Wasser der Höhe von denen der Tiefe. Er konnte sich Stunden lang ganz seiner materiellen Aufgabe hingeben, die mit der Schwierigkeit einen Reiz gewann. Aber unter dem häufigen gewaltsamen Zurückdrängen hatte sich sein Herzensleben nur kräftiger entwickelt, wie Keime unter Schnee.

So oft er, das Arbeitsgeräthe des geschäftigen Tages zur Seite werfend, die Pforten seines innern Heiligthums aufriß, vor das geliebte Bild, das im zauberischen Dunkel seiner harrte, hintrat und ihm ins freundlich sinnende Auge sah, ward das Wiedersehen inniger, die Andacht heißer, die Trennung schmerzlicher. -- Diese Morgenstunde am Meeresstrande war dem Gebete vor seiner „Bildsäule von rosenrothem Diamant‟ geweiht. -- Fest und rein wie das blaue Gewölbe über ihm, war sein Glaube geworden, -- jedes Wölkchen des Zweifels entflohen. -- Sein Auge durchflog die Unermeßlichkeit um ihn und wendete sich von der fernen Linie, die im Süden Meer und Himmel trennt, müde und geblendet nach den Bergen über der glutbegossenen Stadt, -- der Gedanke schwingt sich über sie weg, und sinkt nieder am rothen Kreuz.

Wiedersehen! und +welches+ Wiedersehen? -- Meer und Himmel hatten keine Antwort. Er fand sie in sich. -- War doch in ihm die Liebe zum hohen markigen Baume emporgewachsen -- -- und +sie+ könnte ihm, die halbverschlossene Knospe in der Hand entgegentreten? --

-- Und doch -- +welches+ war das Pfand, das er vom Freinhofe mitgenommen, der Keim, aus welchem er den Baum großgezogen?

Sein Gedanke nach jener ersten seligen Stunde war: sie +vertraut+ dir! -- kein Anderer. Daraus war entsprossen: +wenn+ dieses Weib dich lieben könnte! -- Und wie er es Tag für Tag dachte, klang das +Wenn+ immer leiser. Nun hatte er sich hineingelebt in den Gedanken, und vergessen, daß es jene einzige Stunde war, aus welcher er, +er+ allein das Feenschloß einer Gegenliebe aufgebaut, -- daß +sie+ ihm nicht ein Sandkorn mehr dazu gereicht, seit der Trennung nach dem ersten Begegnen.

Am heiligsten und schönsten ist vielleicht ein solcher Glaube, der ohne irgend ein Wärmen und Pflegen von Außen, aus sich erwachsen, wie die Perle in der Perlenschale des Herzens. Aber bitterer auch die Enttäuschung, wenn in den Schmerz die höhnende Frage hineinklingt: +Was+ hieß dich denn +glauben+?

-- -- Als Arnold nach Hause zurückkehrte, mochte Etwas von dem Morgengebet in seinen Augen glänzen. Mit Sprenger hatte er von seiner Liebe nicht gesprochen, und dieser, der das Innere seines Zöglings wie sein eignes kannte, schwieg gleichfalls. Er sah ihn besonnen und thätig, sah weder sieche Sentimentalität noch leidenschaftliche Fieberhitze, und dieser Grund, nichts dagegen zu thun, gesellte sich zu dem Hauptgrunde, der darin bestand, daß +überhaupt+ nichts dagegen zu thun war.

Sie besprachen die gestrige Fahrt, die heute zu machenden Gänge, und nahmen ihr Frühstück auf dem Balkon des Hotels. -- Längst war der Hafen erwacht, -- dann die Stadt und immer zahlreicher mischten sich unter die braunen Gestalten und malerischen Trachten des Volkes blasse Comtoirgesichter und Gehröcke, nach den Magazinen und Schreibstuben laufend.

Unter dem Thor stand erwartend die offizielle Räuberschaar von Kellnern und Lohnbedienten, außerhalb die nicht offizielle von Trägern, Führern, Kommissionären, der Opfer harrend, die der Posttrain aus der Residenz in ihre Hände liefern sollte. Das Hotel hat einen energischen Diplomaten im Bahnhofe, der mit sicherm Blicke auf dem Gesichte eines Jeden liest, ob er bereits eine Wahl getroffen, und Jeden, der einen Augenblick suchend und fragend vor sich hinsieht, mit Beschlag belegt.