Dissolving Views: Romanfragmente von Leo Wolfram.
Part 13
Heute war er in der frohen Champagnerlaune von dem Steckenpferde seiner +politischen+ Ansicht über Kollmann abgestiegen, und hatte den Gegenstand seiner Vorliebe von einer +andern+ Seite ins Auge gefaßt. Günther glaubte den Schleier von dem Gemälde Harkeboom’s unter den nun geänderten Verhältnissen etwas lüften zu sollen; der +Wetterstein+ war erwähnt worden. --
Aus den ~billets-doux~, welche der Kommissär nun wieder in ihr Behältniß legte, schoß heute ein Gewimmel alter und neuer Fragen, über Kollmanns Promenaden im Gebirge, die Zeit, die er nach Grünschenk’s Ableben noch in Trautenfeld zugebracht, -- des letzteren Testament, Leben und Sterben -- -- ein ganzes Album von ungelösten Rebus, die der Auflösung warteten.
Der Gegenstand verdiente und belohnte eine Kunstreise. Er bedurfte, wie gesagt, der Erholung, und schwerlich ließ sich ein genußreicherer Ausflug ersinnen, als nach Trautenfeld. Hierzu entschlossen, schlief er zufrieden ein mit dem Vorsatz, nächsten Tag einen jener häufigen Urlaube zu verlangen, welche ihm nie versagt wurden, am wenigsten seit er täglich in seinem eleganten Wagen mit zwei schönen Rappen ins Büreau gefahren kam und seine Chefs gegen seine Selbstständigkeit milder gestimmt waren, welche nun eine ihnen einleuchtende Basis hatte.
Eine eigene Ansicht haben und durchführen wollen, wenn man von seinem Gehalte lebt, war denn doch eine Marotte, welche kaum einer Spezialität wie Lipprecht zu verzeihen war. Nun war es anders. -- Der Mann gab auch vortreffliche Garçon-Diners.
Sein Vorhaben war, einige Tage an dem reizend gelegenen Orte zuzubringen, Lokalitäten und Verhältnisse zu studiren, so viele Personen als möglich gesprächsweise auszuholen, -- das Uebrige mußte seiner Kombinazion und dem Zufall überlassen bleiben.
Er reiste, da keine Eisenbahn dahin führt, in seinem Wagen. -- Der Morgen, an dem er wegfuhr, war nicht glänzender und heiterer als er selbst; er fühlte sich von einer so frohen Sehnsucht nach den Bergen durchweht, wie er, nach seinem Geständnisse gegen Günther, gewöhnlich vor Gauermanns Bären und Geiern empfunden.
Wie ein Globus im Holzgestell saß der kleine dicke Mann in dem leichten Wagen, dessen zierliche Form nicht verrieth, daß in ihm Alles angebracht war, was auf einige Tage die ganze Außenwelt entbehrlich machte. Ein Flaschenkeller, ein Viktualienmagazin, Gebäckbehältnisse, Pistolenkassette, dieß Alles vermochte nicht, der Kalesche ihre Schlankheit zu benehmen, in welcher der Besitzer, mit nichts beladen als seinem quadrillirten Reiseanzuge und der braunen englischen Kappe, etwas mehr als zwei Dritttheile des Sitzes ausfüllte.
-- -- Gegen Mittag umwölkte sich der Himmel, und Abends fuhr der Kommissär im Markte Trautenfeld unter einem jener Regengüsse ein, welche die in die Hälfte der Straße vorstehenden Dachrinnen in speiende Delfine verwandeln, aus deren Maule das Wasser auf Wagendach und Spritzleder mit trommelndem Getöse niederstürzt.
In langen Strahlen fällt es von den vier ungeheuern Linden in der Mitte des Platzes in die von ihnen umschlossene Pferdeschwemme, -- zugleich Kaltbadeanstalt sämmtlicher Enten und Gänse -- -- eine Gruppe der letzteren steht heraußen im Freien, mit emporgerichtetem Schnabel den Himmelssegen auffangend und von Zeit zu Zeit der innern Freudigkeit in einem scharfen, kurzen Trompetenstoß Luft machend. Wirkliches Naß rinnt über den steinernen Wasserfall, der an der Gießkanne des heiligen Florian hängt, -- vor welchem eben der Pfarrer den Hut lüftet, der unter dem rothen Parapluie mit hochbestiefelten Beinen und halbe Klafter langen Schritten durch den improvisirten See sticht. Heller glänzt der Zeiger an der schwarzdurchnäßten Thurmuhr, heller die runden Ziegel der Giebeldächer, über welche hinweg die nahen Berge nur als dunklere Flecken in dem tief hereinhängenden Nebel erscheinen. Es sieht aus wie einer jener Gebirgsregen, die sich zur Verzweiflung des Touristen wochenlang aus sich selbst gebären, niederfallen, verdünsten, sich zu Nachtgewölken verdichten, und abermals herabträufeln, -- wie ein Kind, das, einmal ins Weinen gebracht, immer von Neuem losbricht, -- bis endlich ein neues Spielzeug -- hier ein wohlthätiger Windstoß -- dem langweiligen Unwesen ein Ende macht.
Die Kalesche nähert sich dem Gasthause und der große braungelbe nasse Hund tritt vor und salutirt mit schief heraushängender Zunge und aufgerichteten Ohren. Er ist selbst Sicherheitsorgan und es scheint ihn etwas Kollegialisches anzuwehen. Der Kommissär, durch den Regen nicht einen Augenblick aus seiner Laune gebracht, begrüßt aufs freundlichste den Wirth, in welchem er auf den ersten Blick einen jener biedern Patriarchen erkennt, welche das Bild ländlicher Einfalt sind bis zum Momente der Rechnung, und die sich in allen geschäftlichen Beziehungen, schlicht gesagt, als abgefeimte Hallunken bewähren.
Lipprecht setzte sich mit ihm auf den besten Fuß, richtete sich in einem hübschen Zimmer ein, und begab sich zum Abendessen in die Gaststube, wo die Markt-Honorazioren beisammen saßen. Sie behandelten ihn Anfangs mit jener klotzigen Exklusivität, welche den geschlossenen Bier- und Tabakkränzchen der herrschaftlichen Beamten u. dgl. meistens eigen, allein der Kommissär kannte seine Leute, brachte nach einem bescheidenen, ruhigen Eingange einige politische Neuigkeiten, -- sodann ein Dutzend derber Anekdoten, und nach einer halben Stunde war er der „charmanteste, jovialste (nach Trautenfelder Aussprache: schovialste) Mann‟ und erhielt, da er sich als Jagdfreund, Kegelschieber und Tarokspieler ankündigte, vielseitige Einladungen. -- Der nächsten Tag noch fortdauernde Regen sperrte die Gesellschaft noch früher und länger zusammen als sonst. --
Er brachte mit Leichtigkeit das Gespräch auf Kollmann, den die Meisten gekannt. Alle schilderten ihn als einen unermüdet thätigen, geschickten Menschen, der, wenn er von seinen Gängen nach Hause gekommen, beständig gelesen und studirt habe. Sie hatten sein Zurückziehen Anfangs für albernen Stolz gehalten, aber dann gesehen, „daß er nun einmal keinen schovialen Karakter habe, und einen solchen Menschen müsse man gehen lassen und bedauern.‟
Den Tag über hatte er den Markt und die beiden außerhalb desselben gelegenen, durch einen Garten getrennten Häuser des Grünschenk besichtigt. Das größere gehörte nun der Gemeinde, das kleine war von der vormaligen Haushälterin Grünschenk’s bewohnt, einer, nach dem Verdikt der Stammgäste, höchst achtbaren alten Frau Namens Fellinger. -- Bei dieser schien ihm der Schwerpunkt seiner Erhebungen für den Augenblick zu liegen.
Er schenkte der kleinen Nichte derselben, welche für sie Verschiedenes aus dem Gasthause holte, eine silberne Münze an rothem Band, und die alte Frau kam nach einer Stunde in halbstädtischem Anzuge zu ihm, und dankte in gewählteren Worten, als er erwartet. Zugleich lud sie ihn ein, im Vorübergehen ihre kleine Wirthschaft zu besehen.
Lipprecht begab sich am selben Nachmittage zu ihr; es gelang ihm bald sie gesprächig zu machen, und Einzelnheiten zu erfahren, durch welche der oben erwähnte alte Brief des Unterbeamten vervollständigt, und ein Faktum in den Vordergrund gestellt wurde, welches seinen Gedanken eine neue Richtung gab.
Am 27. August vor drei Jahren war Grünschenk, seit Langem leidend, plötzlich Nachmittags sehr übel geworden und in der Nacht gegen zwei Uhr verschieden.
Kollmann, der im Hause gewohnt, war Tags zuvor auf eine Vermessung ausgegangen und erst bei dessen Beerdigung zurückgekehrt.
Bei Grünschenk’s Tode waren anwesend: der Pfarrer, der Ortschirurg, die Ober-Ingenieure Wimmer und Alberti, deren freundschaftlicher Bemühungen die Fellinger dankbar erwähnte, und Holzschreiber +Walcher+, welcher zwei Tage später in den Wald gegangen und nicht wiedergekommen.
-- -- Das klang ja in den Ohren des Kommissärs wie der erste Takt eines Triumfmarsches! -- -- +Einer, der „nicht wiedergekommen‟+ --!?
Er erbat sich eine Karakteristik des Holzschreibers.
Walcher war ein stiller, schwächlicher, gutmüthiger Mensch, -- ledig, -- ein armer Teufel, die Ehrlichkeit selbst, und war von Grünschenk seiner guten Handschrift wegen zu Schreibereien, und außerdem zu Gängen verwendet worden. Man hatte ihn, als er zwei Tage nicht zurückkehrte, allenthalben in den Waldungen gesucht. „Es war alles umsonst, sagte die alte Frau, -- im Wald hätten ihn die Hunde wohl gefunden, aber er muß sich gegen das Hochgebirg gewendet haben, das dahinter aufsteigt und wenn er sich da verstiegen oder vom Nebel überrascht worden, so liegt er vielleicht bis zum jüngsten Tag in einer Schlucht am Jaitstein, oder am Reifeneck oder Wetterstein‟ -- --
Wetterstein! -- -- wieder ein Klang für Lipprecht, -- wie wenn die Norma ans kupferne Becken schlägt, um die Gallier zur Rache zu rufen...
Er hatte bereits zum Entzücken der Frau die dritte Tasse Kaffee getrunken. Nun besah er wehmüthig lächelnd alle Möbeln und sonstigen Reliquien Grünschenk’s, ließ sich sogar ein Autograf von dem alten Herrn geben, las mit Rührung die Abschrift von dessen Testament, und erbat sich endlich ein Blatt von der Handschrift des verschollenen Walcher. Die alte Frau, vollständig mit ihren Erinnerungen beschäftigt, wußte von manchen Einzelnheiten selbst die Stunde anzugeben. -- Bedeutend schien, daß Kollmann zur Zeit von Walcher’s Verschwinden von Trautenfeld abwesend und erst am zweiten Tage darnach zurückgekehrt war; seine Thätigkeit bei den Nachforschungen, von der alten Frau sehr hervorgehoben, war für den Kommissär nur ein erschwerender Umstand.
Das leuchtete Alles ganz anders als der elende Brief des Unterbeamten.
Allerdings hingen die drei Namen Kollmann, Grünschenk und Walcher vor der Hand nur in Gott und dem Kommissär zusammen, kriminalistisch betrachtet; allein wir wissen aus dem Abc der Geometrie, daß je drei Punkte, die nicht in einer geraden Linie liegen, ein Dreieck bilden: der Holzschreiber lag nun einmal nicht in der +rechten+, +geraden+ Linie, und Lipprecht legte ein Dreieck hindurch, welches mit einigem Biegen und Wenden ganz leidlich die Form eines Galgens darstellte.
Man würde ihm himmelschreiendes Unrecht thun, wollte man ihm eine diabolische Freude an diesem im Winde wankenden Resultate zuschreiben! -- so wenig als der Jäger sich der Zuckungen und verglasten Augen des verendenden Hirsches +freut+! -- -- Er war nicht nur überhaupt gegen die Todesstrafe, sondern hätte, wie wir bereits gesagt, unter Dreien Zwei laufen lassen, wenn es ohne Gefahr für die Gesellschaft geschehen könnte... aber das Jagdvergnügen...!
Das Trautenfelder Terrain war nun so ziemlich abgeweidet, sein Notizenbuch angefüllt. Ein Herumstreifen in den nassen Wäldern schien vollkommen nutzlos. Aber ein Ausflug nach dem acht Stunden entfernten Wetterstein sollte die Unternehmung beschließen. Es stand für ihn fest, daß die übrige hohe Berg-Aristokratie, Jaitstein u. s. w. so unschuldig und rein wie ihr Schnee, und der Genannte der allein Anrüchige sei. -- Was er eigentlich dort wollte? Er fühlte nur das Bedürfniß zu +sehen+, da seine Augen schon oft anders gesehen als die der Uebrigen. -- Und dann war ja das Ganze nur eine Lustreise! --
-- -- Terrassenförmig steigt das Mittelgebirge hinan; auf einer Strecke von vier Stunden konnte er seinen Wagen benützen, der dann zurückgesendet wurde. Von da an winden sich Fußpfade durch die Nadelwälder, bis an den nördlichen Abhang des Wettersteines selbst. Er ist von dieser Seite leicht zugänglich, während auf der südlichen nur von der Bucht des Freinhofes einige Wege hinaufführen, die Wände an der Seeseite aber, wie bereits gesagt, senkrecht abfallen. --
Eine Stunde bevor der Kommissär mit dem ihn begleitenden Trautenfelder Jäger an den Berg kam, gelangten sie zu einer Holzknechthütte, und es ward beschlossen, daselbst zu übernachten, wenn man vom Wetterstein zurückkäme, welchen Lipprecht, bis es dunkel würde, nach allen Richtungen +abschreiten+ wollte, -- wozu der Jäger lächelte.
Nun waren sie an der Felsenwand, die den Gipfel krönt, angelangt und ruhten. --
Unermeßlich ist die Aussicht über die Bergwellen hinaus, nach der endlosen Ebene -- klar und durchsichtig die Luft nach den Regentagen. Der Kommissär gönnt sich keine lange Rast. Die +Südseite+ ist erst der Ort, wo sich, nach der Angabe des Jägers, leicht „Jemand verlieren‟ kann.
Steil ging es die Schneide hinan, -- nun war sie erreicht. Der Jäger faßt ihn am Arm und mahnt zur Vorsicht, und sie ist nöthig, denn im nächsten Augenblick stehen sie am Rande, -- jäh fällt es zu den Füßen ab -- unabsehbar, unendlich liegt die blaue Bergwildniß der südlichen Fernsicht vor ihnen. --
Sanft waren die Linien und Töne der Ferne. -- Aber die Nähe! -- der Wetterstein +selbst+, dessen gewaltige Steinmasse ausgebreitet unter ihnen lag! -- nicht über weichgeschwungene Wellen glitt hier der Blick: wie die Gemse sprang er von Zinke zu Zinke. Drüben Alles heiter und mild, hier der tiefe Ernst, die eiserne, starre Kraft.. das Auge glaubt die Ruinen einer zerschmetterten Titanenburg zu schauen -- -- ein granitnes Palmyra, -- zerworfene Tempeltrümmer und Säulen und Quadern -- ein mitten im Orkane versteinertes Meer.
Das Opfer der See kann ans Ufer geworfen werden, lebend oder als Leiche, aber nimmermehr Jener, der in den Abgründen dieser steinernen Wogen zerschellte.
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Der Anblick war -- aus dem Standpunkte einer „Haussuchung‟ -- nicht tröstlich.
Erhitzt und müde setzte sich der Kommissar auf einen Vorsprung nieder, hing seinen leichten Staubmantel über, ließ die runden Beine über den Felsen hinabhängen und betrachtete die einzelnen Parthien.
Gerade unter ihm lag, nach allen Richtungen von Schluchten durchschnitten, das Hochplateau, welches weiterhin sich wieder hebt bis zu jenem Felsen, der nach dem See abfällt. Letzterer ist durch das Plateau selbst verdeckt. --
Die Schwierigkeit schien hier mehr darin zu liegen, eine Stelle aufzufinden, wo Jemand +nicht+ verunglückt sein könne, als wo dieß der Fall war. -- Lipprecht pfiff Melodien aus allen Opern, trommelte mit beiden Händen auf beiden Knien und gelangte zur Ueberzeugung, daß, wenn der Holzschreiber Walcher auf diesem Terrain sein Ende gefunden, die polizeilichen Kräfte des Gesammtstaates sich an Leitern und Stricken in die Eingeweide des Wettersteines hinablassen könnten, ohne etwas Anderes heraufzubringen, als zerschlagene Knochen, aber nicht die gesuchten fremden, sondern eigene. Ein Zufall, der sie eben auf +jene+ stoßen ließ, war so wahrscheinlich, als das Zusammentreffen zweier Kanonenkugeln in der Luft.
Starr und stumm ragten die riesigen grotesken Grabsteine aus den schwarzen Grüften empor.. Mehrere, in die er von seinem Sitze aus hineinsah, endigten in eine Höhle -- wie tief in den Berg? Darüber fehlten vor der Hand offizielle Angaben, -- so wie über die hundert andern Felsenlöcher, von denen einige zum Theil mit Wasser gefüllt waren.
Dennoch beschloß Lipprecht auf das Plateau hinabzusteigen -- da er die Partie nicht zu wiederholen gedachte, wollte er wenigstens als Naturmerkwürdigkeit besehen, was zu sehen war -- und für den Hauptzweck konnte es mindestens nicht schaden.
Er stieg den beschwerlichen Pfad hinab, und jeder Schritt über die Steinblöcke überzeugte ihn, daß keine weitere Ausbeute zu holen, als landschaftliche, -- diese aber reichlich. Als er auf den bekannten Vorsprung der Seewand heraustrat, war die Sonne im Sinken; wie ein dunkler Smaragd lag der See in der Tiefe, zur Linken die Bucht mit dem Freinhof, gegenüber die schwärzlichgrünen Waldhöhen und über ihnen der Kranz von fernen Gipfeln, auf denen die ewige Trikolore des Abends wehte, aus rothem Sonnengold, blauen Schatten und glänzendem Schnee gewebt.
Lipprecht ist in dem Augenblicke +wirklich+ gemüthlich. Es fällt ihm auch ein, daß Günther, wenn er hinter ihm stünde, sagen würde: „Machen Sie doch einmal Ihre runden Maikäferaugen auf, und versuchen Sie zu +sehen+, so wie ein Mensch die +Natur+ sehen muß, wenn er von Kunstsinn reden will!‟ -- Es steht jedoch nur der Jäger hinter ihm, der, nicht ohne Besorgniß für den Rückweg, zum Aufbruch drängt. -- Er erhebt sich mühsam und sendet einen Scheideblick nach dem Freinhofe, dessen ferner Besitzer sicherlich gerührt wäre, wenn er sähe, mit welcher Aufopferung der wildfremde dicke Mann Berge um seinetwillen ersteigt, und wie es ihn schmerzt, so ganz ohne Aufklärung über die innersten Angelegenheiten seines erwählten Schützlings abzuziehen.
Der Kommissär hatte noch einen bösen Moment, wo er die ganze Kunstreise zum Teufel wünschte, als er nämlich auf dem Rückwege über das Plateau ausglitt, aber glücklicher als Harkeboom.
Im Augenblick wo er am Boden lag, tauchte hinter dem nächsten Steinblock ein Kopf hervor, aus dessen Munde die Worte erschollen: „Bedaure unendlich, werther Herr! bleiben Sie aber gefälligst liegen, ich helfe gleich!‟ Damit war er auch schon an Lipprechts Seite, und hob ihn, ohne Hülfe des etwas vorangegangenen Jägers, mit einer Leichtigkeit empor, als wäre der Kommissär ein Kautschukballon. Dieser dankte dem gefälligen Riesen, den wir wohl nicht zu nennen brauchen, aufs Verbindlichste und sagte: „Sie scheinen mit diesem Terrain vertrauter als ich, der ich meine Naturbewunderung mit einigen Beulen bezahle. Der Wetterstein scheint die Dilettanten zu kennen‟ --
„Besser als diese ihn; der zweite Fall in wenig Wochen‟ -- erwiederte Knorr. -- „Ich gehe oft herauf, bin aber selbst neulich über die kleine Wand dort abgefahren, daß mich meine eigenen Hunde apportiren wollten. Aber wo wünschen Sie denn eigentlich Ihr Nachtquartier aufzuschlagen? hoffentlich nicht da oben?‟ fragte er, als er sah, welche Richtung Lipprecht einschlug. --
Dieser setzte ihm seinen Plan auseinander. -- „So wahr ich Knorr heiße und auch übrigens ein ehrlicher Kerl bin, gebe ich das nicht zu! Sie gehen mit mir den bequemen Weg ins Thal hinunter, schlafen in meiner Einsiedelei und gehen morgen wohin Sie wollen oder müssen. Ehe Sie über den Steig da hinauf kämen, wäre es finster. Sie wären ein zu fetter Bissen für einen dieser Höllenrachen, als daß er nicht nach Ihnen schnappte! Im vorigen Jahr hat er einen dürren Engländer eingeschluckt, den sie aber theilweise wieder herausfischten, und vor drei Jahren einen noch dürreren Holzschreiber von Trautenfeld‟ --
Lipprecht zog rasch ein Blatt und Bleistift heraus, schrieb eine Ordre an den Wirth, seinen Wagen nach der Stadt zurückzuschicken, gab den Zettel dem Jäger und schickte diesen fort. Knorr’s Einladung nahm er zu dessen herzlicher Freude an, und sagte: „Ich habe drüben von einem Verschollenen, Namens Walcher gehört, aber Niemand wußte Näheres.‟
„Ich war selbst neugierig, da ich den armen Teufel gekannt. Vielleicht liegt er zehn Schritte von uns! Aber wer kanns sagen? Die Holzknechte fanden Nichts. Die Polizei hat sich nicht damit befaßt, und meine Hunde, die jedenfalls weit klüger sind, haben nicht einmal im ersten Jahre Etwas entdeckt, -- geschweige jetzt, wo der Holzschreiber schon ein ganz appetitliches, sauberes Skelett sein muß.‟
Lipprecht hielt es passender, mit einer humoristischen Wendung seinen Karakter zu enthüllen, als weitere Ansichten Knorr’s über die Sicherheitsbehörde abzuwarten, -- und die Männer setzten lachend ihren Weg fort.
„Ich habe, begann Knorr wieder, meinen Nachbar im Freinhof, einen gewissen oder ungewissen Kollmann, wenigstens zwanzigmal gefragt, ob er denn, als Grundherrschaft, nicht wisse, wo der Holzschreiber liegt? Die ersten Male wurde er grob, aber jetzt lacht er dazu. -- Es ist so ein fixer Spaß unter uns.‟
„Aber warum werfen Sie Ihre Vermuthung eben auf den Wetterstein, während jene der Trautenfelder auf dem ganzen Gebirgszuge herumirrt?‟
„Herr! -- wenn Kollmann seine Besitzung am Jaitsteine hätte, so würde ich nach diesem fragen. Es ist nur wegen des fixen Spaßes.‟ Nun veränderte sich aber plötzlich der Ausdruck seines Gesichts, und er sagte mit jenem Ernst, den er auch im Gespräch mit Sembrick mit einem Mal gezeigt: „Mein sehr lieber und werther Gast, ich sage Ihnen, nicht als solchem, sondern als Polizeikommissär, daß ich leider Gottes das +Rechte+ nicht weiß. Sehen Sie, ich rede immer von meinen Hunden; diese haben von meinem Verstande nichts angenommen, ich aber von ihrem +Instinkt+. -- Das ist +Alles+!‟
Wenigstens war es Alles, was Lipprecht erfuhr, welcher durchaus nicht allzu inquisitorisch auftreten wollte, den aber Knorr bedeutend zu interessiren begann.
In tiefem Dunkel waren sie in den Thalgrund herabgekommen, -- am stillen, leeren Freinhof vorübergegangen, den Fichtenkegel hinangestiegen. --
Eine Stunde später hatte Knorr’s einfache, treffliche Küche und der, ganz unerwartete Sorten liefernde, Keller alle Ermüdung vollständig beseitigt. --
Es wurde Mitternacht und noch drang durch die Spitzbogenfenster Gläserklingen und Lachen in den Wald hinaus, und die Stimmfülle, womit das Gespräch geführt wurde, war ein glänzendes Zeugniß für die Organe der beiden Herren.
Während aber Knorr, mit der Tragweite seiner Flaschenbatterie vollkommen vertraut, eben so vollkommen Herr seines gerichtlich nachgewiesenen Verstandes blieb, hatte der sonst so umsichtige Kommissär einer ihm trotz seiner Kennerschaft fremden Weingattung auf die Bürgschaft seines Wirthes zu sehr vertraut und ein Paar Fragen gethan, die er besser unterdrückt hätte.
Als er, nach den Mühseligkeiten des Tages und der eben so angreifenden, die halbe Nacht währenden Erholung auf Knorr’s Ruhebett einschlief, stand dieser mit verschränkten Armen vor ihm, betrachtete ihn, in seinen Bart lachend, und sagte vor sich hin: „Da liegt die wirkliche Polizei und schläft wieder, -- nachdem sie früher so lange geschlafen. Wer sie denn jetzt mag aufgeweckt haben?‟
-- -- Lipprecht that am Morgen noch einen Gang durchs Thal, um den Hof herum, nahm in seinem Gehirn einen förmlichen Wachsabdruck sämmtlicher Lokalitäten mit, begab sich auf dem uns bekannten Wege nach Pottenbach zur Bahn, und brachte als Ergebniß seiner Vergnügungsreise nebst zahllosen kleinen Notizen folgende Hauptartikel zurück:
der Holzschreiber Walcher liegt in einer Schlucht des Wettersteins; --
Kollmann ist in irgend einer Weise an dessen Verschwinden betheiligt; --
ein Motiv, warum der arme Teufel aus dem Wege geschafft worden, ist nicht aufzufinden;
eben so wenig ein Zusammenhang der Begebenheit mit dem alten Grünschenk zu ermitteln; --
der Trautenfelder Unterbeamte, der in seinem alten Berichte Walchers nicht erwähnte, war ein Dummkopf; --
die Oberbehörde, welche in Kollmann keinen Gegen stand ihrer Beobachtung findet, ist um nichts klüger. --
Doch zweifelte der Kommissär keinen Augenblick an einer künftigen Lösung der Aufgabe, die sich seine polizeiliche Privatindustrie gestellt, obgleich im Lande der ~dissolving views~ ein Beamter, welcher seine Pflicht nicht als Maschine, sondern razionell vollziehen will, darauf gefaßt sein muß, nicht nur durch die Steine, die der Gegner in das Geleise wirft, sondern auch durch den Radschuh, welchen das Sistem auf dem ebensten Wege, und selbst bergauf, anlegt -- gehemmt zu werden.
Im Hafen.
Welches ist aber das Land unserer Begebenheit? --
Es gibt Fragen, welche der Einzelne, an den sie gerichtet sind, nicht zu beantworten vermag, -- so wie an Völker Jahrhunderte hindurch Fragen gerichtet wurden, die sie nicht zu lösen vermochten.
Das treue, felsenfeste Herz des Sängers, der die Frage hinausgesungen: „Was ist des Deutschen Vaterland?‟ hat aufgehört zu schlagen, ehe sie gelöst. -- Wird sie gelöst? -- Vierzig Millionen sangen und singen noch: „+Das+ soll es sein!‟ -- Und immer noch +soll+ es! +Wen+ kann der kräftige Jubelchor froher stimmen, die Sänger oder die Zuhörer rings im europäischen Konzertsaal, -- die Russen, Britten, Franzosen? -- denen niemals +eingefallen+ zu fragen, +was+ ihr Vaterland sein solle.