Dissolving Views: Romanfragmente von Leo Wolfram.
Part 12
Wenn in der Gallerie seiner Erinnerungen viele reizende, vor den Augen der Moralisten nicht Gnade findende Bilder hingen, so war dieß immer besser als die Gallerie der meisten Moralisten selbst, in deren dem Publikum geöffneten Sälen zwar lauter Kreuzigungen und Himmelfahrten hängen, -- in einem Kabinet zum Privatgebrauch aber meistens +Ein+ Stück -- -- worüber das Pergament der daneben liegenden Bibel erröthet.
Vielleicht war aber, +ganz+ abgesehen von der sündhaft angenehmen Perspektive, welche das Abenteuer mit Klotilde eröffnete, der Weg, auf dem er für Arnold wirken wollte, ein solcher, von dem dieser gesagt hätte „daß ihn kein Korbach geht?‟
Wir antworten: nicht vielleicht, sondern +gewiß+!
Aber die zehn Jahre, um die er länger in die Welt gesehen, haben ihm die Illusion genommen, daß die Zwecke der Schlechten mit lauter turniergemäßen Waffen bekämpft werden können. -- Und wenn der alte, große Mephisto ins Proscenium tritt und „zu dem jüngern Parterre das nicht applaudirt,‟ sagt: „Bedenkt, der Teufel der ist alt, so werdet +alt+, ihn zu +verstehen+!‟ -- so darf wohl unser guter Taschenteufel, der nur das Beste will, seinem jungen Freunde zurufen: „Werde um zehn Jahre älter, und du wirst verstehen, daß man einen Marder, Iltis, oder Kollmann nicht mit Edelfalken jagt, sondern in Fallen fängt, -- wenn man kann.‟
Ein thätiger Freund.
Wer ist es, der an dem Schicksale eines Menschen theilzunehmen vermag, ohne durch Bande des Blutes oder der Freundschaft an ihn gefesselt zu sein? ohne Wohlthaten von ihm empfangen, ohne ihm welche erwiesen zu haben? -- der mit inniger Sorgfalt der Quelle seiner Freuden und Schmerzen nachforscht, bis er sie aufgefunden, -- seinen Gedanken folgt und ihrer Entwicklung bis zur That? -- unermüdet lauscht auf jede Regung seiner Wünsche -- auf seinen Schritt in Licht und Dunkel, -- und, ohne Dank oder Lohn von ihm zu hoffen, das treue Auge auf ihn heftet, das ihn begleitet über Land und Meer -- --?
Wir können es Niemandem verdenken, wenn er meint, es sei die Vorsehung oder etwas Aehnliches. -- Es ist aber die +Polizei+. --
Wenn es uns gelungen sein sollte, einen Leser für die Persönlichkeit Kollmann’s zu interessiren, -- wenn die Familie Korbach -- Günther -- Baron Sembrick und noch eine Anzahl Männer und Frauen, im verschiedensten Sinne an ihm Antheil nehmen, so können wir versichern, daß er, wenn gleich in anderer Richtung, in eben so hohem Grade das Interesse eines Mannes erregt hat, welcher weder sein Freund noch Feind, noch Verwandter ist, und dennoch nicht ablassen kann, seiner zu gedenken.
Es ist dieses der Polizeikommissär Lipprecht, -- dessen Erscheinung alle herkömmlichen, eingeteufelten Polizei-Schablonen vollkommen Lügen straft. -- Es läßt sich kaum etwas Gemüthlicheres denken als das dicke, glänzende, tadellos rasirte Gesicht dieses Mannes, an welchem Alles lacht -- von der gespannten spiegelglatten Stirnhaut bis zu den Grübchen in den Wangen und dem fetten Kinn, -- ja bis zu den runden, schneeweißen kurzfingerigen Händen. --
Merkwürdigerweise weicht dieses wohlwollende Lächeln gerade im Dienste nie von ihm. -- Er ist da am heitersten; -- wie ein Kavalleriepferd, das die Trompete hört, ganz Feuer und Leben, mit dem +Herzen+ Polizeimann. -- In guter Gesellschaft spielt er sich häufig auf den Mann hinaus, der das Gehässige seines Berufes fühlt und wird manchmal fast wehmüthig über die schmerzliche Pflicht, einigen seiner Mitgeschöpfe zu schaden. --
Seine außerordentlichen Leistungen bei Entdeckung zweier geheimer Etablissements, deren eines sich mit Vervielfältigung von Banknoten, das andere mit Vorarbeiten zur gewaltsamen Umgestaltung der Regierungsform beschäftigte, hatten seinen Ruf festgestellt. Wenn man einen Zeitungsbericht über eine „schauderhafte That‟ las, der mit den Worten schloß: „Leider ist es den Bemühungen der Behörden noch nicht gelungen, den Schuldigen u. s. w.‟ -- so sagte Jeder: „Hätten sie es lieber gleich dem Lipprecht gegeben.‟
Er war für sein Fach geboren; -- Natur-Polizeikommissär. -- Sein politisches Prinzip betreffend, würde er der Republik ganz so gern und gut gegen dinastische Umtriebe gedient haben, als er der Dinastie gegen demokratische diente. Näher lag ihm die Idee vom Schutze der Gesellschaft, aber die +eigentliche+ Triebfeder war reines Jagdvergnügen, und mit dem Augenblicke, wo er des Wildes habhaft, war auch sein Interesse dafür erloschen. Solche, die ihn genau kannten, behaupteten, er wäre der Mann, der -- wenn er vor Entdeckung sicher wäre -- allenfalls einen Spitzbuben entspringen und ihm einen Vorsprung bis Hamburg ließe, um wieder von vorn anzufangen.
Da er so oft von den peinlichen Pflichten seines Standes gesprochen hatte, gerieth er in einige Verlegenheit, als er eine sehr bedeutende Erbschaft machte, und nun gefragt wurde, ob er denn nicht den unangenehmen Dienst quittire? Er fand jedoch, daß sich in seiner Stellung so zahllose Gelegenheiten darboten, Gutes zu wirken, -- humane Zwecke zu verfolgen, daß es Pflicht sei zu bleiben. Seine Uneigennützigkeit ging so weit, daß er in wichtigen Fällen, wo ihm die knickernde Behörde nicht die nach seiner Ansicht ausreichenden Mittel zur Verfügung stellte, wohl auch eine Reise oder die Belohnungen selbstgewählter Organe aus seinem Eigenen bestritt.
Seine Chefs schätzten seine Leistungen, ohne ihn zu lieben. Wenn man schon, mit einer wirklich unverschämten Ironie, irgend ein Gefühl im büreaukratischen Verkehre mit dem Ausdruck „lieben‟ bezeichnen will, so hatte er sich dasselbe durch seine Selbstständigkeit und Unlenksamkeit verscherzt. -- Immer freundlich und immer lächelnd, that er Nichts als was er für zweckmäßig hielt, kümmerte sich um keine Instrukzion und pflegte nachträglich in Form einer Entschuldigung auf eine für die höhere und folglich unfehlbare Instanz höchst unverdauliche Art nachzuweisen, daß, +wenn+ er nach der Instrukzion gehandelt hätte, die ganze Sache fehlschlagen mußte. Auch mißbilligte man seinen losen Mund über die siechen öffentlichen Zustände und über die Taubheit gegen Reformvorschläge an maßgebender Stelle. -- Er schimpfte wie ein ~agent-provocateur~, ohne es jemals zu sein. Solche polizeiliche Schülerarbeit lag tief unter ihm. --
Eben hatte er eine glänzende Aufgabe gelöst und zur Verzweiflung der hohen Gesellschaft einen ihr angehörenden bisher undurchdringlichen Schurken aus dem Salon ins Zuchthaus befördert. Es war eine schwere und lange Arbeit gewesen, er glaubte der Erholung und einiger Zerstreuung zu bedürfen und folgte um so lieber einer Einladung Günthers zu einem Champagner-Souper ~tête-à-tête~, von welchem er eben in der rosenfarbensten Laune nach Hause kommt.
Allein die Gedanken an Ruhe sind bereits verflogen. Günther hat ihm den, übrigens nie von ihm vergessenen Namen Kollmann frisch ins Gedächtniß gerufen.. der Name raucht und leuchtet wie Fosfor in seinem Kopf!
Er hat seine Lampe angezündet, läuft oder rollt vielmehr pfeifend in seinem Zimmer auf und nieder, -- bleibt vor seinem Sekretär stehen, -- zieht ein Lädchen und aus diesem ein Packet Schriften heraus und blättert darin mit einem Behagen, wie ein Don Juan in alten Liebesbriefen. --
Das erste Dokument ist fast drei Jahre alt. --
Damals war es buchstäblich nichts als das +Gesicht+ Kollmanns, welches seine Aufmerksamkeit erweckt hatte. Was ihn eigentlich, abgesehen von den wirklich unheimlichen Augen, so polizeilich simpathisch berührte, darüber vermochte er sich nicht Rechenschaft zu geben. Eine hohe Stirn mit einer tiefen Falte, -- der Mund, der nichts als ein farbloser, feiner Querschnitt im bleichen langen Gesichte war, das durch den spitzen Kinnbart noch um zwei Zoll verlängert wurde, -- alles das kam an Tausenden vor. Allein er hatte bei seinem Anblick Etwas in sich „rege werden‟ gefühlt, ein gewisses prickelndes Behagen, welches ihn niemals getäuscht.
Er erkundigte sich auf eigene Hand, da die Behörde sich auf fisiognomische Inzichten und seine Impressionen nicht einließ, und schrieb, nachdem er erfahren, daß Kollmanns Paß von Trautenfeld datire, an einen dortigen Unterbeamten. Von diesem erhielt er den oben erwähnten Brief, den er zwar auswendig wußte, aber nun aufmerksam überlas. Derselbe lautete:
„Euer W. geehrtem Auftrage gehorsamst entsprechend, habe die Ehre zu berichten, daß Jakob Kollmann, Civil-Ingenieur und Chemiker, 35 Jahre alt, dessen Person-Beschreibung mit der von Ew. W. gegebenen genau übereinstimmt, sich auf hiesiger Herrschaft vier Monate hindurch aufgehalten und im Auftrage des Besitzers, Bankiers Freiherrn von Sieberg beschäftiget war, Vermessungen, geognostische Untersuchungen und Erz-Analysen vorzunehmen.
„Derselbe hat einen ruhigen, arbeitsamen Lebenswandel geführt und in keiner Weise Anlaß zu Bedenken gegeben. In Betreff seiner politischen Ansichten wäre hervorzuheben, daß er sich im besten Sinne sowol gegen die Arbeiter als anderwärts geäußert, auch nach der Euer W. bekannten Verhaftung des Oberingenieurs Alberti, mit welchem er auf freundschaftlichem Fuße gestanden, sich gegen dessen demokratische Umtriebe mit Entrüstung ausgesprochen.
„Kollmann hat hier im Hause eines gewissen Grünschenk, vormaligen Besitzers einer Gipsstampfe, gewohnt, welcher, während eines der häufigen tagelangen dienstlichen Ausflüge Kollmanns, starb, und demselben ein kleines Legat von 1500 Gulden, sein übriges bedeutendes Vermögen aber der Gemeinde vermachte. --
„Während seines hiesigen Aufenthalts ist er trotz seiner höheren Bildung nicht mit den Honorazioren, sondern meist mit gemeinen Leuten umgegangen. Im Ganzen war er ernst und schweigsam und äußerte nur lebhafte Freude über das Legat, das ihm seinen Lieblingswunsch erfülle, reisen zu können, wie er denn auch kurze Zeit nach dem Ableben des Grünschenk Trautenberg verlassen hat. Womit ich die Ehre habe u. s. w.‟
Ein zweites Schreiben, aus +Genf+, bestätigt, „daß Kollmann daselbst, bald nach seiner Ankunft, die Bekanntschaft eines Fräuleins Julie Brito gemacht, welche, väterlicherseits verwaist, mit ihrer Mutter daselbst trotz ihrer notorisch sehr günstigen Vermögensumstände einfach und zurückgezogen lebte. Bei Kollmanns Ankunft sei die Mutter bereits auf den Tod erkrankt gewesen und habe die Trauung ihrer Tochter mit ihm nur um zwei Tage überlebt. Das Vermögen sei wahrscheinlich in seine Hände übergegangen.‟ --
Der Aufwand Kollmanns bei seiner Ankunft mit der jungen Frau in der Residenz, so wie der Ankauf einer Chemischen-Produkten-Fabrik war hierdurch allerdings erklärt. Das dritte Schriftstück jedoch ist es, welches dem gemüthlichen Kommissär bisher das meiste Behagen und zugleich das größte Herzeleid bereitete. --
Er hatte die Orte in Erfahrung gebracht, welche Kollmann auf seiner Reise berührt, und aus +Mannheim+ die Nachricht erhalten, „daß er daselbst einige Tage in einem Hotel gewohnt und mit einem Fremden lange Unterredungen gehabt, welchen man seines als gefälscht erkannten Passes halber verhaften wollte, jedoch um einige Stunden zu spät kam. Die Behörde habe die Ueberzeugung, daß der Fremde kein Anderer gewesen als Wangerode, das bekannte Haupt der deutschen Emigrazion in London.‟
Der Chef, welchem Lipprecht, mit seinen frühern Bedenken gegen Kollmann abgefertigt, dieses Schreiben mit vieler Befriedigung vorgehalten, war aufmerksam geworden, und hatte die Korrespondenz, welche dieser zu seinem Privatvergnügen eröffnet hatte, offiziell fortsetzen lassen. Es ergab sich jedoch, daß man Kollmann so wenig verpflichten konnte, den Fremden als +Wangerode+ gekannt zu haben, als ihn die Mannheimer Polizei als solchen, wenigstens zur rechten Zeit, erkannt hatte; und da derselbe inzwischen festen Fuß im Lande gefaßt und hohe Protekzionen gewonnen hatte, so war Lipprecht angedeutet worden, daß man es anerkennen werde, wenn es ihm gelinge, in demselben einen Konspirator zu fangen, daß aber die Polizei keinen Grund sehe, auf ihn als solchen Jagd zu machen. --
Lipprecht zog sich nun zurück, keineswegs gekränkt, sondern lachend über die Bornirtheit, welche da nicht einmal Keime sah, wo nach seinem Gefühle schon eine reife Frucht abzuschütteln war, und bedauerte, daß man diesem Gefühl nicht mehr traute, als den gedankenlosen Zuschriften von Agenten, welche nur mit den äußern Sinnen wahrnehmen.
Sein polizeiliches Herz hatte einmal laut gesprochen und sagte: die ganze industrielle Thätigkeit und die ehrgeizigen Bestrebungen Kollmanns sind der Deckmantel seiner politischen Rolle. Irgend ein kleines ordinäres Kriminalstückchen mochte mit im Spiele sein, aber für ihn war der Mann vor Allem +Emissär+ im +großen Stile+, und davon brachte ihn kein Verkehr desselben mit hochgestellten Leuten, kein Orden, kein Konsulsposten ab. --
+Sein+ Standpunkt bei Beurtheilung eines Revoluzionärs, +seine Auffassung+ dieses Wortes verdienen ein näheres Eingehen.
Sie waren von jener des Polizeichefs verschieden. Dieser erkannte in Kollmanns Handlungen durchaus keine umstürzende Tendenz, keines von jenen Elementen, welche das Dikzionnär der Sicherheitsbehörde als staatsgefährliche Umtriebe bezeichnet. Auf einer gewissen Höhe, verbunden mit einer gewissen Beschränktheit der Ansicht, unterscheidet das Auge nur +einen+ Feind des herrschenden Prinzips, nämlich den der es angreift, der ihm +gegenübersteht+.
Wenn aber ein reicher Mann durch gewisse Leidenschaften, seien es theure Raritäten, Rennpferde der Tänzerinnen u. s. w. in seinen Vermögensumständen zerrüttet worden, so ist nicht der Dieb, der den Rest seiner Kasse stiehlt, oder der Räuber, der sie ihm mit der Pistole abfordert, +allein+ der „Umsturzmann‟ seines Vermögens, sondern auch +Jener+, der ihm die mit frischen Transporten englischer Pferde ankommenden Händler, die Raritäten-Trödler ins Haus schickt, oder ihn hinter die Kulissen führt, und die Reize der theuern Lieblingsobjekte anpreist. -- Der arme reiche Mann wird ihn nicht als seinen Feind erkennen, wohl aber sein Kammerdiener, -- Stallknecht, -- +Jeder+ außer ihm. --
So auch im Staate. --
Ist das gesunde Gleichgewicht gestört, thront ein falsches schädliches Prinzip auf der herrschenden Höhe, sei es die Diktatur des Säbels, -- des Krummstabes, -- der Feder -- oder des Geldsackes, so ist Derjenige, der das Prinzip bestärkt, reizt, auf seine äußerste Spitze treibt, ein so entschiedener Feind des Bestehenden, -- nur der herrschenden Gewalt nicht erkennbar, -- als der Barrikadenerbauer. -- Der Teufel ruft „nur zugestoßen! ich parire.‟ Und die Staatsgewalt freut sich eines hingestreckten Gegners -- es fällt ihr nicht im Schlafe ein, daß der Teufel gerufen: sie hält es für die Stimme des Landespatrons. --
Lipprecht nannte dieß die Partei des „+Nur so fort!+‟
+Wer+ soll sie erkennen? der General? dem sie zurufen: „Dein Säbel hat den Thron gerettet! Dein Stand ist der erste, der einzige, -- alle andern sind daneben nur Professionen!‟ -- Oder der Geistliche? dem sie zuflüstern von der Kanzel herab zu predigen: „Ihr habt im letzten Feldzuge nicht gesiegt, weil Ketzer in Euern Reihen fochten!‟ -- Soll +er+ es fühlen, daß er die Sache der jubelnden Partei des „Nur so fort‟ so warm und kräftig fördert, wie es kaum einer derselben vermöchte, wenn er +selbst+ die Kanzel bestiege? -- Und so Jeder der Andern! -- --
Wer vor Lipprechts Ohren, oder vor den noch so viele Meilen entfernten seiner Getreuen, mit Leidenschaft für den Bestand der Militärherrschaft sprach, für Durchführung der übergreifenden kirchlichen Tendenzen, -- für eiserne Gewalt den Forderungen der Zeit gegenüber, -- für Centralisazion den berechtigten provinziellen Wünschen zum Trotz, der war ihm, ohne Unterschied der Stellung, sofort verdächtig als Einer von jener Partei, -- vorausgesetzt, daß er ihn als intelligent, als begabt erkannt hatte.
Kollmann war für ihn ein Revoluzionär in dieser Bedeutung. Während Günther in dessen künstlichem Hineinziehen der kirchlichen Gewalten nur einen tiefdurchdachten industriellen Plan sah, hielt der Kommissär +alle+ ihm bekannten Beziehungen Kollmann’s zusammen und fand ihn in +lauter+ Richtungen thätig, wo es galt, einem verwerflichen Bestehenden zu schmeicheln, womöglich einen Uebergriff herbeizuführen, -- zu Extremen zu treiben.
Daß in einer kleinen, beschränkten, bürgerlichen Sfäre eine solche Thätigkeit ein in seinem Verfalle noch immer gewaltiges, über unermeßliche Hülfsquellen verfügendes Sistem nicht umstürzen, kaum erschüttern werde, war allerdings klar; aber eben so gewiß, daß wenn das langsam und sicher tödtende Gift von Vielen, von Hunderten ausgestreut wird, der Erfolg kaum ausbleiben könne. --
Dieses „zum Selbstmorde Treiben durch Ueberreizung des Genusses‟ konnte nach Lipprecht’s Meinung die Devise einer geschlossenen, organisirten +Gesellschaft+ sein, wie es nach den Erfahrungen der Polizei seines Landes zwischen den Jahren 1824 und 1830 der Fall gewesen.
-- Er fragte sich, welches Interesse Kollmann, der Industrielle, der Besitzende, -- überhaupt an einem Umsturze haben könnte? Allein nach seiner Ansicht war der plötzlich reich Gewordene überhaupt kein Repräsentant jener Klasse, welche subversiven Tendenzen unzugänglich ist, und dann war für Lipprecht nicht erwiesen, +was+ dem Manne eigentlich gehöre. Der große Besitz, dessen Mittelpunkt der Freinhof, ließ allerdings auf die Absicht schließen, sich an das Land zu fesseln; allein diese Partei wirft im Moment der Krise die Maske ab, fraternisirt mit den übrigen Gesinnungsgenossen, und schnappt häufig die besten Posten weg. -- Bleibt alles ruhig, so bleiben auch sie im unangefochtenen Besitz und produziren fort, wie die Konservativen vom reinsten Wasser.
Lipprecht stand mit seiner Auffassung allein. Sein Chef z. B. hätte keinen für einen Umsturzmann gehalten, der ihm rieth, die kaum aufathmende Presse fester zu knebeln, während der Kommissär sagte: „Gerade +die+ sind die Rechten! entweder unbewußte Revoluzionärs aus Bornirtheit, oder bewußte vom +Nur so fort!+‟
Allein wenn das +Erkennen+ schwer, war das +Beweisen+ noch weit schwerer.
Die Hoffnung Lipprecht’s war auf +Einen+ Umstand gegründet.
Da diese Partei verstellten Deserteuren gleicht, welche sich unter eine Garnison mischen, sie durch falsche Berichte zu ungeschickten Ausfällen reizen, und schließlich dem Feind die Thore öffnen, so muß sie mit +diesem+ in +Verbindung+ bleiben, -- wäre es auch nur, um nicht schließlich, da sie die Uniform der Garnison trägt, mit dieser zusammengehauen zu werden.
Der Kommissär nahm mit Recht an, daß +seine+ Revoluzionärs mit der demokratischen +Emigrazion+, mit jener thatbereiten Schar, in +Verbindung+ stehen müssen, welche in dem Momente hervorbricht, wo die Bewegung aus den Hörsälen, Lesevereinen, Salons und Gaststuben auf die Straße tritt und das schnell zu erbauende und eben so schnell umgeworfene Monument der Volkssouveränität aus Pflastersteinen errichtet.
Diese Annahme gab Lipprecht die Hoffnung, einen Beweis einer solchen Verbindung in die Hand zu bekommen, und wenn die Zusammenkunft Kollmann’s mit dem Demokraten Wangerode nicht genügend befunden worden, so mochte der Zufall bei verdoppelter Aufmerksamkeit Etwas darbieten, was seinen Chef überzeugen konnte, daß bei gewissen Zuständen des Staates nicht der, der „schimpft‟, ein Verräther, sondern der sich Allem anschließt, was die intelligente +Majorität+ aller Stände +laut+ und +entschieden+ verdammt hat.
Und +dieß+ war der Zustand des Landes unserer Begebenheiten. -- +Ingrimm+ im Herzen von Tausenden seiner tapfern Söhne, die den Fahnen gefolgt, über welchen trauernd der verklärte Geist eines großen Feldherrn schwebte, -- gefolgt mit unbegrenzter Hingebung, -- und mit blutenden, verstümmelten Gliedern heimkehrten, die Todten beneidend, die nicht bis zum Ende mit angesehen, wie der Stolz und die Kraft des Landes wie ein elendes Spielzeug zum Zerbrechen hingeworfen wurde, von der Hand der beispiellosen Unfähigkeit! -- Männer, die, wenn sie tausend Leben hätten, sie freudig hinopferten für ihren Kriegsherrn, die kein höheres, schöneres Ziel kennen außer dem Siege, als den Tod auf dem Schlacht+felde+, aber nicht auf der Schlacht+bank+, auf welche sie mit gebundenen Händen gelegt wurden von den Trägern des Sistems, oder besser von Denen, die +vom+ Sistem emporgetragen worden! -- von Jenen, welche wissen, daß die Treue unerschütterlich, -- daß sie ein Menschenherz +so+ zu stählen vermag, daß man mit dem Hammer der Willkür darauf einhauen kann!... eher wird der +Hammer+ zerspringen, -- als die +Treue+!
+Enttäuschung+ im Herzen der Diener, oder besser, der Herren der Kirche, welche mit Palmen und Tedeumklängen einzuziehen gedachten in das gelobte Land, das ihnen ein unterzeichnetes Blatt eröffnete, wodurch der Monarch seiner Krone einen Stein ausgebrochen um die Tiara zu schmücken, -- im frommen Glauben, der Fels, auf welchen Petrus seine Kirche baute, könne kein Loreleyfelsen sein, an dem das Staatsschiff scheitere! -- Schmerz in den Gemüthern der eigentlichen +Diener+ der Religion, die nun schutzlos anheimgegeben der Willkür der Herren.
+Unmuth+ in der Brust des Bürgers, der sein Kleid zurückgesetzt sieht, die Last wachsen fühlt, und dennoch eine größere trüge, und gern trüge, wenn auf die alte, ewige Frage: +wozu+? auch nur +Eine+ klare Silbe einer Antwort heraufklänge aus dem Abgrunde, der seine Steuer verschlingt.
+Erbitterung+ und +Sorge+ im Gemüthe des Beamten, welcher unter Organisazion und Reorganisazion und Desorganisazion mit jedem Mondeswechsel Grundsätze bekennen und wieder abschwören soll, wie man einen Rock wechselt!
Und so fort durch alle Stände, bis hinunter -- -- wohin? --
Was heißt +hinunter+? Wer steht „+unten+?‟
Der +Bauer+? -- Gott bewahre! -- er liefert den Kern der Wehrkraft! --
Aber der +Proletarier+? -- auch das ist kein rechtes „+Unten+‟ -- allenfalls der Crinoline und dem Glacéhandschuh gegenüber; aber nicht im politischen Sinne! Da genießt das Proletariat doch die scheue Anerkennung seiner Existenz als hungerige, zähnefletschende Masse!
Es gibt noch ein anderes „Hinunter!‟
-- Wir sagen noch einmal -- „Und so fort durch alle Stände, bis hinunter zum -- -- +Künstler+!‟
-- -- -- Und das war der Punkt, wo selbst Lipprecht +offener+ Revoluzionär war! --
Nicht als ob der Mann jenen echten, wahren Kunstsinn, jenen hochgebildeten Geschmack gehabt hätte, welcher Günther, der selbst nur mittelmäßig musizirte und zeichnete, zu einer Autorität machte, von welcher die bedeutendsten Künstler der Residenz gern Winke über entworfene oder halb vollendete Werke annahmen. Allein dieser, der stets einige arme Maler protegirte und seine reichen Bekannten zu Bilderankäufen veranlaßte, hatte in dem Kommissär eine Art Kennerschaft und Mäcenatenthum hineingeredet, so daß er allen Ernstes seine eigenen Ansichten auszusprechen glaubte, wenn er behaglich schmunzelnd jene Günther’s vor einem Bilde wiederholte.
-- So hatte er auch dessen Ansicht über die Stellung des Künstlers im Vaterlande in sich aufgenommen, oder es bedurfte vielmehr nur des Hinlenkens seines hellen Blickes nach dieser Richtung, um ihn mit der tiefsten Indignazion zu erfüllen. Er sah, wie nicht nur die ~haute finance~, sondern auch die Aristokratie Tausende für das Handwerk hinauswarfen, das ihre Salons schmückte, während die Kunst, in den Ateliers und den Magazinen der Bilderhändler, vergebens eines Käufers harrte, und er schrieb die trostlose Dürre auf diesem Felde dem Mangel der belebenden Sonne, des befruchtenden Regens zu, die von +Oben+ herabstrahlen und strömen sollen, -- und im Nachbarlande einen so reichen Flor hervorgezaubert; mit einem Worte dem gänzlichen Mangel an +Kunstsinn+ in der +höchsten+ Region.
Dies war die Anschauung eines wirklichen, aktiven +Polizei+kommissärs vom Zustande des Landes, und sogar eines der besten und brauchbarsten, -- oder vielmehr eben darum.