Dissolving Views: Romanfragmente von Leo Wolfram.

Part 11

Chapter 113,531 wordsPublic domain

„Ich bringe den Brief an Franchini und noch zwei andere,‟ -- begann er, „und damit du nicht die Energie verlierst, deren du bedarfst, nimm dich zusammen und hänge nicht Gedanken nach, welche entschieden keinen Grund haben. Du weißt doch, daß +ich+ Anfangs keine Kränze für diese vielbesungenen schwarzen Locken geflochten, die leider Gottes deine ganze Existenz umspinnen, ich sage dir aber eben so, daß, wenn diese Frau mit +Kenntniß+ der +Sache ihre+ Hand in dieser Intrigue hat, ich mir die meine abhauen lasse! Du kannst in dem Ganzen höchstens einen Sporn für deine Thätigkeit finden. Hoffentlich wirst du doch kein Bedenken tragen, gegen Kollmann, weil er ihr Gatte, ein geschäftliches Duell zu bestehen, da dir gewiß ein anderes ein Vergnügen wäre? Frisch ans Werk! und nochmals: Zweifel an dieser Frau in dem Sinne, wie ich jetzt bei dir vermuthe, sind geradezu wahnsinnig.‟

Der Ton der Ueberzeugung verfehlt seine Wirkung gewiß nicht, wenn das Gesagte mit dem Herzenswunsche des Zuhörers zusammenfällt.

Arnold erwiederte: „Es ist nicht der eine und nicht der andere Gedanke, sondern der gesammte Karakter der Fehde, der mich durch den Kontrast des Gemeinsten mit dem Edelsten peinigt -- lieber als dieses elende Gebalge mit einem im Trüben fischenden Fabrikskonkurrenten wäre mir wahrlich gewesen, wenn ich einen Kampf zu bestehen gehabt, um einem +wirklichen+, schwarzen +Verbrecher+ die Maske abzureißen!‟

-- „Aber lieber Freund, man muß immer das Beste hoffen! Wer weiß, ob nicht die Konkurrenzschleicherei zu Kollmanns läßlichen Sünden gehört? Ich habe immer die Idee, daß in der Geschichte dieses Menschen ein Blättchen ist, das er nicht gern vor dem Kriminalgericht herablesen möchte.‟

-- -- Arnold hatte der heitern Stimmung, in welcher sein Freund gekommen, nicht ganz widerstanden. -- Sie waren nun zur Abreise fertig. --

Wir finden sie eine Viertelstunde später im Waggon, wo sie kaum Platz genommen, als Günther sagte: „Deine Reise beginnt unter guten Auspicien, der Wind weht vom Freinhof her! Da unten, ganz am Ende des Wagens, sitzt die Zeltner! Die fährt jedenfalls wieder irgendwohin, um die Angelegenheiten ihres Mannes revidiren zu lassen. Aber ein hübsches Weib, -- das muß man ihr und dem Grafen Greuth lassen. Dieses röthliche Blond! dieses prachtvolle Weiß!‟

Arnold erkannte die Blondine vom Freinhof. Sie reiste ohne Begleitung. Einiges Handgepäck, der blaue Schleier, die Reisetoilette ließen auf ein weiteres Ziel der Fahrt schließen. --

„Willst du wetten,‟ sagte Günther nach einigem Nachdenken, „daß die Blonde mit dir reist, bis an den Ort deiner Bestimmung? +Ihre+ Bestimmung aber ist der Prinz August Ernst. Ich habe den Spektakel im Theater mit angesehen, als er zwei Monate lang hier war. -- Sie hatte einen Sperrsitz unter der Hofloge, und die Augen des Prinzen gebrauchten förmlich russische Bäder: von den feurigen Haaren in die Schneeflächen, die sich von Oben ganz prachtvoll ausnehmen mußten, und vom Schnee wieder ins Feuer. Sie führte mit der Spitzenmantille ganze Schicksalsdramen auf, mit glänzender Beleuchtung ihres äußern Schauplatzes. Und das wallte und wogte so fort acht Tage lang, bis endlich der Adjutant des Prinzen, der Baron von Heidenbrunn, am Ausgang wartete, bis die Zeltner in einen Wagen stieg, worauf er sich in den zweiten warf und nachfuhr. Seit diesem Abende habe ich sie nicht mehr im Theater gesehen. Der Krieg scheint lokalisirt. Wahrscheinlich reist sie, da vom Grafen Greuth keine Strafermäßigung Zeltners mehr zu erwarten, dem Prinzen nach, wird aber gegen das südliche Element schwer aufkommen.‟

Die Besprochene machte auf jeder Stazion mit ihren Augen die Ronde durch den Waggon, um den Zuwachs der Gesellschaft zu kontrolliren, und begegnete einem jener ruhigen, hellen Blicke Günthers, welche so oft den feurigen oder schmachtenden Pantomimen Anderer ans Ziel vorausgeflogen waren. Sie erwiederte ihn einen Moment, sah dann anscheinend gleichgültig weg, -- allein die Begegnung wiederholte sich, da zwei Augenpaare im Raum eines Waggons entweder +stillsitzen+, oder auf ihrer Promenade +zusammentreffen+ müssen.

Arnold war nicht aufgelegt, dem Geplänkel eine besondere Theilnahme zu schenken, mußte aber doch lachen, als er Günther plötzlich einen wirklich beredten, ganz ernsthaft zärtlichen Blick absenden und darauf die Augen wie verwirrt senken sah, -- worauf er sich gegen Arnold herumwandte und hinter dem abgenommenen Hut das bekannte gemüthliche -- Teufelsgesicht schnitt und sagte: „Die Zeltner hat mich vor der Hand bloß bezaubert, wie die Klapperschlange, bis Treustadt hoffe ich umstrickt zu werden.‟

-- „Hast du alles Ernstes vor, da Etwas anzuknüpfen?‟

-- „Angeknüpft ist bereits; ich möchte nur wissen, was sie immer im Abgrund des Raumes sucht und findet und wieder versteckt? Ein Flacon! sie leidet; nach der ungewöhnlichen Blässe könnte es sogar wahr sein.‟

Frau Klotilde Zeltner hatte in der That mit der ihr gegenübersitzenden, wie es schien fremden alten Frau einige Worte gesprochen, sich dann zurückgelehnt und die Augen geschlossen. Die Stirnfalte und das Eindrücken der schönen Zähne in die Unterlippe verriethen einen heftigen Schmerz. -- Ihre bei aller Fülle schlanke und ebenmäßige Gestalt beseitigte die Vermuthung, welche sich Günther bei den ersten Simptomen des Unwohlseins aufdrang. Er sah, daß keine jener Katastrofen drohte, welche manchmal auf Eisenbahnen und Dampfschiffen eine Ungleichheit in der Zahl der ursprünglich eingestiegenen und der aussteigenden Passagiere veranlassen. -- Vielleicht wenn die Fahrt sechs Monate gedauert hätte..... Vor der Hand war es eben nur eine vorübergehende „Störung des Organismus.‟

Auf der nächsten Stazion rief Günther nach einem Glas Wasser, präsentirte es ihr mit ernster, theilnehmender Miene, und zog sich ohne ein Wort zu sprechen zurück, nachdem sie ihm mit schmachtendem, trüben Lächeln gedankt.

Als der Train wieder in Bewegung war, sagte er: „Lieber Freund, reise glücklich und nimm hier mein Lebewohl! -- ich werde zwar neben dir stehen bleiben, -- weiß aber nicht wie lange --, jeder Augenblick kann uns trennen, wenn die Pflicht ruft.‟

Arnold sah, daß sein Freund heute unter besonders heitern Sternen aufgestanden, und erwiederte das Lebewohl. Er beneidete ihn zwar nicht um die Weise, wie sein glückliches Temperament zur Geltung kam, aber doch um dieses selbst, und sah der Entwicklung der Dinge zu.

Günther winkte den Kondukteur zu sich und sagte: „Diese Dame dort ist sehr unwohl; halten Sie sich etwas in ihrer Nähe auf, und wenn Sie bemerken, daß es sich wieder verschlimmert, so sagen Sie, daß ein Doktor im Waggon ist. Ich will mich nicht selbst anbieten und möchte doch gern helfen... Sie verstehen das schon.‟

Der Kondukteur verstand jedenfalls den Gulden, der ihm in die Hand gedrückt wurde. Nach einigen Minuten sah man ihn mit der Frau sprechen und Günther wurde, unmittelbar nach seiner Promovirung zum praktischen Arzte, zu seiner ersten Patientin gerufen.

-- „Ich vernehme, daß Sie Arzt sind?‟ sagte Klotilde Zeltner.

-- „Ich bin, -- erwiderte Günther leise -- ein solcher, dessen Spezialität eben ausschließlich die Behandlung von Frauenzuständen ist, und werde das größte Vergnügen finden, meine Berufspflicht an Ihnen nach meinem besten Wissen auszuüben.‟

-- „Darf ich wohl um Ihren Namen bitten?‟

-- „Ich heiße Günther, -- nicht zu verwechseln mit einem hochberühmten Arzte unserer Residenz, mit welchem ich mich jedoch, ohne Ruhmredigkeit, gerade in +meinem+ Fache messen darf. Da uns Niemand als diese freundliche Frau uns gegenüber hören kann, so bitte ich, meinem kurzen Examen mit vollster Unumwundenheit zu folgen.‟

Arnold sah aus seiner Ferne Pulsfühlen und ernstes Kopfschütteln, ein schnelles Vorzeigen der Zungenspitze, -- sah Günther mit bekümmerter Miene einen Augenblick zwei Finger auf die Stirn der Leidenden legen, um deren Temperatur zu erforschen, konnte aber natürlich nicht hören, daß das Examen mit der kategorischen Erklärung schloß, daß von Weiterfahren über Treustadt hinaus durchaus keine Rede sein könne, sondern daselbst abgestiegen, ein Pulver genommen, geruht, und der Abendtrain abgewartet werden müsse, bei Vermeidung unberechenbarer Folgen.

Frau Zeltner machte viele Einwendungen; sie hatte Gepäckstücke aufgegeben, welche nach der Hafenstadt adressirt waren. Günther erklärte ihr, daß sie dieselben dort im Magazine finden werde, unterwegs aber derselben nicht bedürfe. Er werde in Treustadt für Unterkunft und Medikamente sorgen, sie wieder zum Train begleiten, kurz Alles leisten, was einem Arzte obliegt, dem es nicht nur mit dem wissenschaftlichen, sondern auch mit dem humanistischen Theile seines Berufes Ernst ist.

Als der Train in Treustadt anlangte, schien Klotilde volles Vertrauen zu dem Heilplane Günther’s gefaßt zu haben. Sie verließ, auf seinen Arm gestützt, den Waggon, und Arnold sah sie zusammen eine der bereitstehenden Lohnkutschen besteigen, welche durch die, nach dem nahen Stadtthore führende Allee hinabrollte und in letzterm verschwand. --

So bedenklich es scheinen mag, wollen wir ungescheut unserem ärztlichen Freunde folgen, und lassen Arnold jeden beliebigen Vorsprung nach dem Hafen, wohin wir ihm auf dem, Dampf und Elektrizität hinter sich lassenden Zauberteppich, den jeder Autor besitzt, leicht zur rechten Stunde nachfolgen.

Die drei Gaben der Prinzen Ali, Achmed und Hussein scheinen nach deren Ableben in Hunderttausenden von Exemplaren auf die gesammte Autorenwelt übergegangen zu sein. Ein Verfasser bittet seinen Leser, einen Augenblick neben ihm auf dem überall hin versetzenden Teppich Platz zu nehmen und führt ihn, zwischen Ende und Anfang zweier Zeilen, ohne Erschütterung und Paßplackerei von Moskau nach Lissabon. -- Er hält ihm das Sehrohr vor’s Auge, und der leichte Bettvorhang wie die eisenbeschlagene Kerkerthür werden zu Solinglas. -- Er vermag aber auch mit dem Alles heilenden Apfel jede Wunde zu schließen, die er nicht selbst als tödtlich bezeichnet, jede Krankheit zu heilen, so lange ein Funken Leben glimmt. -- Um so leichter, wenn das Uebel so wenig wie das Klotildens ein solches ist, welches die Aerzte einen „schönen Fall‟ nennen.

Günther sah noch während der Fahrt ihre Besserung auf’s Bedenklichste fortschreiten, und fürchtete bis zum letzten Augenblick, seine Anstellung gekündigt und sie weiterreisen zu sehen.

Doch fügte sie sich, wie gesagt, seinen Gründen, und wir sehen Beide die Treppe des einzigen eleganten Hotels der Stadt hinaufsteigen und in ein Zimmer treten. Klotilde ertheilte dem sie begleitenden Stubenmädchen den Befehl, das Zimmer nicht zu verlassen, -- auch nicht einen Augenblick, -- warf sich auf das Ruhebett, beseitigte ein Paar allzu lästige Paragrafe im Preßgesetz ihrer Toilette und bat den Doktor, sein freundliches Versprechen zu erfüllen und das Pulver zu holen. --

Günther empfahl sich somit, besorgte das Geschäft, um dessenwillen er eigentlich nach Treustadt gefahren, ließ sich auf dem Rückwege ein Katarrhpulver geben, und präsentirte es Klotilden, welche ihn mit der lebhaftesten Freundlichkeit und allen Zeichen des wiedergekehrten Wohlbefindens empfing.

Sie wußte das über hundert Dinge hingleitende Gespräch auf die ungezwungenste Weise so zu leiten, daß Günther dem, was er unter dem humanistischen Theil der Praxis verstand, in einer Stunde nicht näher gerückt war als im Waggon.

Dazu das unvermeidliche Mädchen! Er hatte die Zollschranken ihrer Ohren zu umfahren versucht, indem er französisch zu sprechen begann: Klotilde gab, im besten Französisch, den Bescheid, daß die Unterhaltung deutsch weitergeführt werde.

Er mußte für den Augenblick die Segel streichen. Es lag bis zum Abendtrain noch manche Stunde vor ihm. Wenn sich die Situazion bis Mittag nicht klärte, war er entschlossen, sich zu einem Patienten rufen zu lassen und zurückzureisen. Doch hatte er nebst dem Abenteuer etwas Anderes im Auge; -- es war nicht unmöglich, dasselbe mit Arnold’s Angelegenheit in Zusammenhang zu bringen. --

Nun sprach Klotilde abseits mit dem Mädchen, welches sich zwar entfernte, aber sogleich wiederkam, und bald darauf erschien ein elegantes Gabelfrühstück, und sie lud mit allem Aplomb der anständigsten Frau vom Hause den freundlichen Arzt ein, ihr Gast zu sein. Günther machte einige medizinische Einwendungen, sie erklärte sich jedoch für ganz hergestellt. -- Er nahm die Einladung an, überließ sich seiner ganzen natürlichen Laune, und Klotilde ging während des Dejeuners auf manche Wendungen ein, denen sie früher mit jener Sicherheit ausgewichen, welche nur die Vertrautheit mit dem Ziele aller Wendungen verleiht. Kaum war aber das Konfekt verzehrt und der letzte Tropfen des schäumenden Weines geleert, so sprang sie auf, befahl dem Aufwärter, Jemanden mit der Handtasche um die Stunde des Abendtrains nach dem Bahnhof zu schicken, und ersuchte Günther, sie nach dem -- +Park+ zu begleiten. --

Es war nun hohe Zeit, an die Lösung des Komödienknotens zu denken; Günther war, indem er ihn geschürzt, einer jener tollen Impressionen gefolgt, denen er sich in dem Bewußtsein überließ, jederzeit im rechten Moment den Rückzug zu finden. Er konnte jeden Augenblick mit Klotilde in der Residenz zusammentreffen, und seine Usurpazion des Doktorhutes wurde, wenn er die Sache auf sich beruhen ließ, zu einer mit seinem Karakter so wenig als mit seiner Stellung zu vereinbarenden Polissonnerie. Er hatte die Sache so weit getrieben, daß Klotilde empört sein, oder scheinen mußte, wenn sie sich aller Dinge erinnerte, die sie dem Frauenarzte mitgetheilt. Er mußte +ihr+ also einen Rückzug lassen, und zweifelte nach den Proben von Verstand, die sie gezeigt, nicht, daß sie ihn benützen werde.

Im Park angelangt, bog er in die nächste beste Kastanienallee ein und begann: „Nachdem ich Ihnen so wahrhaft vergnügte Stunden verdanke, erlauben Sie mir nun eine sehr ernste Frage, zu der mich die wahrste Theilnahme drängt. Haben Sie Hoffnung, daß das Schicksal Ihres geliebten, unglücklichen Gatten bald eine andere Wendung nehme?‟

Klotilde trat einen Schritt zurück und sah ihn sprachlos an.

„Sie stellen sich erstaunt, daß ich Sie kenne. Allein so geistreich, so liebenswürdig, so unnachahmlich Sie auch vom ersten Moment an Ihr Spiel gespielt haben, so hat mir doch +Ein+ unbewachter Moment verrathen, daß Sie mich so gut gekannt, als ich Sie. Sie haben mein Pulver nicht genommen, und von da an wußte ich, daß Sie meine Intrigue, zu der mich +Etwas+ bewog, was ich Ihnen nun nicht gestehen darf, durchschaut. -- Als eine Persönlichkeit, welche die halbe Residenz kennt, hätte ich auch nicht auf ein Inkognito rechnen sollen. Sie aber haben die Rolle, mich wirklich für das zu halten was ich sagte, mit der vollendetsten Grazie gespielt!‟

Die Sortie war nicht viel feiner, oder noch viel +weniger+ fein als der Knoten. Aber Klotilde erwiderte das Einfachste und Beste:

„Alle Täuschungen zugegeben, so ist ja noch die +Frage, wer+ von uns Beiden heute +unangenehmer getäuscht+ wurde, ich oder +Sie+?‟ --

Entscheidend für Klotilde waren Günther’s Worte gewesen: „Eine Persönlichkeit, welche die halbe Residenz kennt.‟ -- Wer war der Mann? Eine Celebrität jedenfalls; genug für sie, um nachsichtig zu sein. Der größte Milderungsgrund lag aber jedenfalls darin, -- daß er ihr ausnehmend gut gefallen hatte.

Die Versöhnung war wider Erwarten schnell und vollständig. Er brachte nun, nachdem sie unter vielen Seufzern von ihrem Manne erzählt, das Gespräch auf Kollmann und erfuhr, daß sie diesen bei dem Advokaten, der Zeltner vertheidigte, kennen gelernt, und von ihm nach seiner Besitzung geladen worden. Julie nannte sie das liebenswürdigste Geschöpf unter der Sonne, und ließ durchschimmern, daß sie sie für unglücklich halte.

„Ich habe von Kollmann eine schlechte Meinung, sagte Günther. -- Vielleicht wäre das Paar glücklicher, wenn sie Kinder hätten?‟

-- „Möglich, aber nicht wahrscheinlich. Uebrigens werden sie nie welche haben, wie ich die Verhältnisse im Freinhof kenne.‟

-- „Im Freinhof? sagte Günther mit einem seiner schändlichsten Gesichter -- also lokale Ursachen? Sollen da eigenthümliche geognostische Verhältnisse einwirken?‟

-- „Können Sie denn nicht einen Augenblick honett und ordentlich sprechen?‟

-- „Ich will es versuchen, auf die Gefahr hin Ihnen dadurch zu mißfallen. Haben Sie für Ihre Vermuthung des Aussterbens der Dinastie Kollmann kein faßlicheres Gewand?‟

-- „Wenn Sie nicht den abscheulichen Betrug gespielt hätten, und wirklich das wären, wofür Sie sich ausgaben, so würde ich Ihnen +mehr+ sagen. Es genüge Ihnen, daß ich als Frau meine Vermuthungen habe. Ich glaube, daß keine bestehenden Verhältnisse, sondern eben +nicht+ bestehende Verhältnisse daran Schuld sind, und jetzt halten Sie Ihren gottlosen Mund.‟

-- „Nur Einen Versuch erlauben Sie mir, Sie zu übertreffen! Sollte Kollmann, den ich vor der Welt für ein schlechtes Subjekt halte, im Geheimen ein so edler Mensch sein, +daß+ er‟ --

Klotilde schlug ihn nun wirklich mit ihrer hübschen weißen Hand auf den Mund und rief: „Was zu viel, ist zu viel!‟

-- „Verzeihung! ich wußte nicht, daß Sie über Kollmann nichts Unangenehmes hören wollen!‟

-- „So viel Sie wollen; +ich+ habe mich nicht über ihn zu beklagen, aber ich glaube, er handelt gegen Julie ganz schlecht.‟

-- „Das glauben Viele; wenn er schlecht ist, ist er aber gewiß eben so klug.‟

-- „Nach dem, was er schon durchgesetzt, gewiß. Vor drei Jahren hat er als kleiner Fabrikant angefangen, jetzt kauft er eine Besitzung nach der andern, hat ein Paar fremde Orden, und vor einigen Tagen erst wurde er zum Konsul ernannt, ich weiß nicht, von welchem Großherzog.‟

-- „Er hat jedenfalls hohe Verbindungen. Man sagt, sein Hauptprotektor sei der Prinz Ernst August.‟

-- „Das ist mir neu, und ich bezweifle es, da ich zufällig viele Details vom Prinzen weiß.‟

-- „Ich sage nur, was die niederträchtige Welt behauptet. Es heißt, Kollmann habe Schritte gethan, um zu gewissen Zwecken die Gunst des Prinzen zu gewinnen; sie seien nicht ohne Erfolg gewesen, und er erwarte den Haupteffekt von der reizenden Persönlichkeit +seiner Frau+. Sie kennen wahrscheinlich die Empfänglichkeit des Prinzen für das rein Schöne, und wenn dieser Coup gelingt, hat Kollmann seine Schäfchen im Trocknen.‟

Klotilde schwieg. Ein ganzes wildes Heer von Gedanken jagte durch ihren Sinn. „Dieses hübsche Projekt, sagte sie endlich, würde jedenfalls an dem Umstande scheitern, daß diese Frau nie, nicht um die Welt, in irgend etwas willigt, was gegen ihre Begriffe von Ehre ist!‟

-- „Das liegt vielleicht gar nicht in Kollmanns Absicht. Die Wirkung einer einzigen Entrevue in allen Ehren, die gehobene Stimmung des Prinzen, wenn er ein Paar Minuten mit einer reizenden Frau spricht, werden wohl hinreichen, einem Anliegen den Weg zu ebnen.‟

Klotilde war nachdenklich und ernst geworden. Günther sah, daß der Funke fortglimmte und warf gleichgültig hin: „Das sind lauter ~on dit~, Vermuthungen, -- aber daß Kollmann nicht versäumen wird diese Mine springen zu lassen, sobald er nur einmal den +Weg+ zum Prinzen gefunden, bezweifle ich nicht. Und den kann man ihm nicht versperren!‟

-- „Und doch wäre dieß eigentlich eine Pflicht gegen die arme Frau, die allein darunter zu leiden haben wird.‟

-- „Ja wohl, aber wer kann das! Wer vermöchte dem Prinzen die Augen darüber zu öffnen, was dieser Kollmann für ein Subjekt, wenn die Augen einmal geblendet sind? -- vielleicht +vorher+!‟

-- -- Günther lenkte nun das Gespräch auf andere Gegenstände. Er hatte mit Klotilde in einem kleinen Kiosk Platz genommen -- die Sonne ging unter, die Stunde des Abendtrains war nahe.

Sie gingen durch die dunkle Allee zurück, -- zu dunkel, um sammt unserem Sehrohre entscheiden zu können, ob der Händedruck, mit dem sie später im beleuchteten Bahnhofe Abschied nahmen, das +einzige+ Pfand des Wiedersehens gewesen. --

-- -- Günther verglich auf der Rückfahrt unwillkürlich seine heutigen Erlebnisse mit dem Besuch beim Professor, wo er mit aller Berechnung zu Werke gegangen und eine völlige Niederlage erlitten. Heute war er, kaum mit einer Ahnung die Angelegenheit Arnolds hineinflechten zu können, auf ein improvisirtes Abenteuer ausgegangen, und hatte +vielleicht+ Etwas für ihn gewirkt.

Er versprach sich jedoch nicht viel von Klotildens Dazwischenkunft, da er von einer irrigen Voraussetzung ausging.

Er glaubte sie reise nach der Hafenstadt, um ein verlornes Kronland +wieder+ zu erobern. Sie reiste aber hin, um sich, nach gehörigem Widerstand, erst erobern zu lassen.

Wie der Zufall Günther immer zu den prägnanten Momenten führte, -- zu einer Feuersbrunst, wenn sie ausbrach, -- während Andere regelmäßig mit der landesfürstlichen Spritze, das heißt zum Verlöschen eintreffen, -- so war er allerdings in dem Augenblicke aus dem Theater getreten, wo der Adjutant des Prinzen dem Wagen Klotildens nachfuhr. -- Aber der Prinz hatte sich von der Loge herab in derselben Weise verrechnet, wie Günther im Waggon. Sie war größer in ihrem genre, als die Leichtigkeit der +ersten+ Annäherung vermuthen ließ. -- Beide erriethen sogleich die Serie, irrten sich aber in der Nummer. --

Sie hatte, früh verwaist, durch den Vormund in einer Pension untergebracht, diese verlassen, um in ein gräfliches Haus zu treten, als Gesellschafterin der beiden Komtessen, nicht aber des jungen Grafen, was dieser zu glauben schien. Das Ende der alten, immer neuen Geschichte, die dießmal kein Herz entzwei brach, sondern nur ein Paar Schwüre und ehrgeizige Hoffnungen, war, daß Klotilde den jungen Korrepetitor des Grafen, Zeltner, heiratete, welcher von der Familie im Kriegsministerium untergebracht wurde.

Dieß war der auf losem Wellsande aufgeführte Unterbau ihrer moralischen und materiellen Existenz. Letztere ward durch Zeltners Prozeß untergraben, durch die Erbschaft eines „Onkels in Köln‟ wieder aufgebaut. -- Als aber ihre späteren Beziehungen zum Grafen Greuth bekannt wurden, fand sie sich von der guten Gesellschaft, worin sie früher gelebt, ausgeschlossen, und somit isolirt. Mit der eigentlichen ~demi-monde~ ging sie nicht um. Sie ging ihren eignen Weg, -- stand und fiel für sich allein.

In Folge des politischen Prozesses Zeltners und der zweimal erfahrnen gräflichen Treulosigkeit hatte sich ein Gewirr von roth-republikanischen Ideen in ihr gebildet: prinzipiell guillotinirte sie Alles vom Baron aufwärts, trennte aber wie ein Staatsmann das +Prinzip+ von den +Personen+. Ein praktischeres Resultat für sie war die Besonnenheit, mit der sie nun die angeborne Leidenschaftlichkeit zu bändigen verstand, -- in Folge welcher Besonnenheit sich das Verhältniß zum Prinzen noch in einem zukunftsreichen ersten Stadium befand.

* * *

Günther konnte sich zwar nicht sagen, daß seine heutige Thätigkeit für den Freund, wenn sie ersprießlich war, mit großer +Aufopferung+ verbunden gewesen, fand aber darin keine Ursache unzufrieden zu sein.

Es freut uns, ihn auf seiner Rohrbank sitzen und einmal einen Abend +ruhen+ zu sehen. Er hat in den letzten Tagen nicht gelebt wie Einer, bei dem erst vor drei Wochen der Tod, zwar nur mit einem ganz leichten, unscheinbaren Hustenanfalle angeklopft, aber dabei, wie schon mehrere Male, eine mit blutiger Frakturschrift geschriebene Visitkarte abgegeben hatte.

Die Fensterläden schließen glücklicherweise fest genug gegen die Steine, welche eine höchst achtbare fromme Schar durch das Efeugewinde auf ihn schleudern möchte, weil ihm die herübergewehten präludirenden Töne der Weltgerichtsposaune nicht wie ein ~Memento mori~ klingen, sondern wie ein ~Memento vivere~! -- Und schlügen sie auch durchs Fenster, so prallen sie am breiten festen Schirm eines Gewissens ab, in welches dreiunddreißig Jahre nicht Eine Handlung gegraben, welche der unverfälschte Urtext des Gesetzbuches der Pflicht und Ehre verurtheilt hätte.