Dissolving Views: Romanfragmente von Leo Wolfram.
Part 10
Dann stieg er die Stufen herab, faßte die Hand der Tochter, die bewundernd und ergriffen den Vater unverwandt angeblickt, den sie nie mit so hinreißender Begeisterung sprechen gehört, -- und wollte die Kapelle verlassen; da trat Leo vor ihn hin und sagte: „Nehmen Sie die Ueberzeugung mit, daß +mehr+ als Einer treu und muthig zu dem Verklärten hält!‟ „Wir, wir Alle halten zu ihm!‟ tönte es durch den Raum -- ein achtfacher Widerhall der Einen Stimme, -- die auf Erden nicht zählte. -- -- -- -- -- --
Der grüne Wagen rollte wieder durch das Klosterthor, den Wiesenhang hinan, -- in den Tannenwald, -- fort durch die sternenhelle Nacht.
Helene hatte den Arm um den Vater geschlungen und küßte ihn mit Innigkeit. -- „Ich habe gesprochen, wie es vom Herzen kam, sagte er, und ich hoffe, es ist zum Herzen gegangen; das sind aber +acht+, -- und im Kapitel werden +vierundzwanzig+ stimmen.‟ --
Im Augenblicke, wo dieß gesprochen wurde, waren es nicht mehr acht. --
Die in der Kapelle anwesenden Geistlichen hatten als unwiderstehliche Waffen ihre Ueberzeugung und den Brief des geliebten Herrn, der die Kraft eines +letzten Willens+ für sie hatte, und den sie Andern mittheilten. Nur über einfache, schlichte Gemüther konnte die Stimme des Todten diese Gewalt haben, +mußte+ sie aber auch haben: ein Abfall von ihm erschien ihnen als eine so feige Sünde, als ein so schändlicher Hochverrath an der heiligsten, durch viele Jahre mit Liebe erfüllten Pflicht, daß sie lieber allen zeitlichen Gefahren und Bedrängnissen ins Auge sehen wollten. --
-- Etwa eine Stunde nach Korbachs Abreise kehrte der Prior ins Kloster zurück. -- Er erfuhr, daß derselbe angekommen, in der Todtenkapelle gewesen und wieder abgereist sei -- mehr nicht. -- Die acht Priester mußten keine Unwürdigen ins Vertrauen gezogen haben.
Bernhard sah in der dem Verewigten dargebrachten Huldigung nur einen neuen Beweis jener Gesinnung, die er wünschte. Er begab sich nach seiner Wohnung, wollte ruhen, doch heftige Aufregung verbannte den Schlaf von seinem Lager. --
Er trat ans Fenster und sah mit klopfendem Herzen in die ruhige klare Nacht hinaus. Unter ihm glänzten im aufgehenden Mond die Dächer des Meierhofes, die Wiesen und Felder... „Dieß Alles soll +dein+ sein -- hatte der Satan zu ihm gesagt, -- wenn du niederkniest und mich anbetest‟ -- Er +hatte+ ihn angebetet, -- und ehe der Mond wieder heraufstieg, mußte dieß Alles sein werden! --
Es gibt keinen größeren Sprung von Nichts zu Allem, von Unterwürfigkeit zur Herrschaft, von Beschränkung zu unermeßlichem Reichthume, von dunklem, unbeachteten Dasein zu glänzender hoher Würde, als in dem Augenblicke geschieht, wo die Stimmzettel eröffnet werden und aus der Mitte der Brüder der Eine, der bisher ihresgleichen, als ihrer Aller Herr hervortritt, vor dem sie sich beugen bis an das Ende seines Lebens.
Der Prior begrüßte die Sonne noch wach. Nur eine kurze Stunde fieberhaften Schlummers ließ ihn in wirren Bildern das nächste goldne Ziel, -- ließ ihn auch ein fernes träumen, zu dem nun die erste Stufe erklommen. --
-- -- Am Abende desselben Tages aber stand vor dem Pfarrhofe in Korbach das schäumende, schweißbedeckte Pferd des Boten, welcher Valentin einen Brief von Leo überbrachte. Er trug die Aufschrift: „An den hochwürdigsten Abt des Klosters Sankt Martin.‟
Neun Priester hatten für den Prior gestimmt und fünfzehn mit dem Todten für Valentin.
Konkurrenz.
Der Fehdehandschuh, welchen Arnold’s Vater der Konkordatpartei hingeworfen, war kein Glacéhandschuh, sondern einer von dickem Elennsleder mit Eisenschienen und Platten, dessen Klirren durch die teppichverhangenen Kabinetsthüren der geistlichen und weltlichen Minister, in die Boudoirs der frommen Damen, ja bis in den Vatikan drang, da dem Korbacher Metallfabrikanten die Ehre widerfuhr, zum Gegenstand einer, am Tage nach der Wahl abgegangenen, telegrafischen Chiffredepesche des Nunzius zu werden. -- Doch nicht die oberen Lüfte wurden von dem unerhörten Ereignisse aufgewirbelt, auch die unteren geriethen in Bewegung, natürlich in entgegengesetzter Richtung. --
So dicht der Schleier war, welchen die verschwiegene Treue der für Valentin stimmenden Geistlichen bis zum Momente der Wahl über den Vorgang gezogen, so wurde er doch unmittelbar darnach gelüftet, und es hätte nicht des Schreibens Helenens bedurft, welche Arnold in glühenden Farben das Geschehene erzählte, um ihn von den Einzelnheiten zu unterrichten.
Er vernahm sie mit wahrem Entzücken und eilte zu Günther, natürlich zu spät, um demselben eine Neuigkeit zu bringen, da ihm dieser nebst einigen Arnold unbekannten Details erzählte, daß der Hofarzt Doktor Siebenberg nach St. Martin telegrafirt worden sei, um den Prior, welcher nach Eröffnung der Stimmzettel aus dem Kapitelsaale getragen werden mußte, der Menschheit zu erhalten. --
Günther goß einige kalte Ströme in Arnold’s Freudenfeuer. „Ihr Herren von Korbach‟, sagte er, „seid umgekehrte Don Quixotes. Dieser hielt die Windmühlen für Riesen, und Ihr schlagt mit Euern Messingstangen auf Riesen los und haltet sie für Windmühlen. Fürs Erste müßten sie mit ihrem kanonischen Recht, welches nach Umständen bald von Gußeisen und bald von Kautschuk ist, schlecht umzuspringen wissen, wenn sie nicht den ganzen neuen Prälaten, sammt allen seinen Stimmen aus der andern Welt, über den Haufen würfen. Fürs Zweite könnt Ihr nun warten, bis Ihr von einer landesfürstlichen Behörde eine jener großen Bestellungen bekommt, welche Euch eigentlich zu Millionären gemacht haben. Endlich -- und das ist das Wichtigste von Allem, und ich hätte dich jedenfalls noch heute aufgesucht um es dir mitzutheilen -- ist Etwas vorgefallen, was nun wenigstens auf einen Theil der gegen Euch spielenden Maschine helles Licht wirft. -- Ich war gestern mit dem Notar Reichl zusammen, und brachte das Gespräch auf das Korbachthal. Du kennst das Altenberger Metallwerk, welches -- merke wohl, um +fünf+ Stunden näher an der Südbahn liegt als Ihr. Dieses Altenberg mit seiner halbverfallenen Fabrik ist verkauft worden, Reichl hat den bereits unterzeichneten Kontrakt gemacht, und der Käufer ist -- Kollmann.‟
Nach einigen Augenblicken, die er Arnold gönnte, um sich von einer Ueberraschung, die ziemlich nahe an Bestürzung grenzte, zu erholen, fuhr Günther fort: „Der bisherige Besitzer von Altenberg, Richtmeyer, bis über die Ohren verschuldet, hat Euch keine Konkurrenz gemacht; nun laß aber einen dort sitzen, der die Sache angreift, der bauen und Maschinen aufstellen kann, und zugleich in den obern Regionen gut genug angeschrieben ist, um die Staatsbestellungen wegzuschnappen, so könnt Ihr in zwei Jahren auf Euren englischen Walzen Tannenzapfen auswalken und im Drahtzug Prälaten strecken -- Ihr habt bisher das Terrain behauptet nicht weil Ihr besser und wohlfeiler arbeitet, sondern zufolge des büreaukratischen Schlendrians, weil es nun einmal seit zwanzig Jahren herkömmlich, in Korbach zu bestellen. Einmal aus dem Sattel gehoben, kommt Ihr zufolge desselben Schlendrians nicht wieder hinein, -- und die höchst rühmliche, in den Augen jedes honetten Mannes bewunderungswürdige Handlung deines Vaters ist für den Besitzer von Altenberg, wenn er anders dem technischen Theile gewachsen, gleichbedeutend mit einer feierlichen Uebertragung der Regierungskundschaft von Euch auf ihn!‟
Arnold war hinlänglich besonnener praktischer Geschäftsmann, um das volle Gewicht der Wahrheit in Günther’s Worten zu würdigen. Er übersah mit einem Blick die Bedeutung der Lage.
-- -- Er gedachte jenes Abends, wo er vom Professor Harkeboom nach Berührung der kalten Marmorhand in so heißer Kampflust weggegangen und die grüne Kriegsfahne des Profeten gegen unsichtbare Gegner entfaltet. Vergebens hatte er geharrt und gehofft, daß sich irgend ein feindlicher Helmbusch durch den Nebel zeige, hatte zehn Pläne gefaßt und verworfen -- alle liefen mehr auf ein Zerhauen, als Lösen des Knotens hinaus; seine Natur trieb zu offenem Handeln auf geradem Wege. Bald wollte er nach dem Freinhof, Julie geradezu fragen, wo das Ende der Kette, die sie umschlinge, -- bald Sembrick aufsuchen, dessen kaltes Ablehnen ihn umsomehr verletzte, je länger die eigene Spannung währte. Er sah jedoch den gelinden Wahnsinn ein, das Geheimniß aus dem Christuskopf mit Schwert und Feuerschlund heraustreiben zu wollen. Als dann die beiden Briefe vom Prior und Blauhorn kamen, war er Anfangs uneins, ob das Schwungrad dieser Maschine von einer Engelshand oder einer Teufelsklaue in Bewegung gesetzt werde.
Eine Einladung in den Reichssenat und das eventuelle Versprechen eines päpstlichen Ordens unter einer Bedingung, die Jedem, der seinen Vater nicht genau kannte, ganz annehmbar erscheinen mochte, waren doch wahrlich an sich keine +feindseligen+ Handlungen. -- Als die Teufelsklaue erkennbar wurde, als gewiß war, daß zwar Alles vom Freinhofe, aber eben so gewiß, daß es nicht von Julie ausgehe, stieg ihm auch der Gedanke auf, gerade vor Kollmann hinzutreten, ihn zu fragen, welche Schurkerei hinter den seinem Vater zugedachten Würden und Ehren stecke -- -- ihn einfach zu fordern.... Allerdings durchschoß die Kugel, welche Kollmann hinstreckte, auch jedes Band mit Julie, -- aber war dies nicht das +alleruneigennützigste+ Handeln für sie, -- Befreiung ohne Hoffnung eines Lohnes? -- da er immer von der Meinung ausging, daß Nichts als eben eine sehr „unglückliche Ehe‟ im gewöhnlichen Sinne ihr Los, obgleich Sembrick im Gespräche mit ihm gesagt, es handle sich um „etwas mehr.‟ -- -- --
+Nun+ war die +Ungeduld befriedigt+!
Er war bei aller Entschlossenheit von der plötzlich demaskirten feindlichen Aufstellung überrascht... Nicht eine romantisch kostümierte Banditenschar, die durch den raschen Angriff eines Husarenpiquets zersprengt oder gefangen wird: eine mit allem Bedarf ausgerüstete Armee, deren Kriegszweck in weitester Ferne der +Ruin+ seines +Hauses+, die +Vernichtung+ seiner materiellen +Existenz+, stand ihm entgegen.
Mehr als einmal hatte Sprenger zum Ankaufe Altenbergs gerathen. Sein Vater hatte eingeworfen, Richtmeyer könne keine neue Maschine aufstellen, mit den alten nichts Großes unternehmen und wenn er jetzt für die verschuldete Besitzung 60,000 Gulden verlange, werde noch ein Moment kommen, wo er froh sein werde, die Hälfte zu erhalten. -- In der letzten Zeit hatte das Werk völlig stillgestanden. Man sprach vom Konkurse. Der alte Korbach hielt nun den Zeitpunkt für passend, ließ sich nach den Disposizionen des Besitzers erkundigen, und hörte, daß Richtmeyer rangirt werde, -- die Fabrik als solche aufgeben, das kleine Gut aber bewohnen und bewirthschaften wolle. Damit schien alle Gefahr beseitigt.
+Noch+ war wenig zu besorgen, wenn nicht die Fehde mit Kirche und Staat dazwischenkam. --
Der alte Korbach hatte Minister- und Sistemwechsel, Revoluzion und Reakzion erlebt, und dem alten festgegründeten Bau seines Kredits war kein Stein ausgebrochen, an seinen Verbindungen mit den bei den großen Lieferungen maßgebenden Behörden nichts gelockert worden. -- Er war bei vielen Gelegenheiten entschieden, ja schroff aufgetreten, aber sein Karakter und die Solidität seiner geschäftlichen Gebahrung hatten das alte Monopol der Korbacher Werke trotz kleiner persönlicher Reibungen und trotz der ihm seit Jahren feindlichen Gesinnung der ultramontanen Partei aufrecht erhalten. Als er selbst nach einem Konflikte mit dem Minister, aus Anlaß der erwähnten Eingabe über den Freihandel, im Besitze aller Aufträge blieb, stieg seine Zuversicht noch höher.
Das Alter wird den Mann entweder zu mißtrauisch gegen seine Kraft und sein Glück machen, oder allzu zuversichtlich, je nachdem er auf mehr zur Frucht gereifte, oder auf mehr in der Blüte geknickte Hoffnungen von der Warte seiner sechzig Lebensjahre herabsieht. --
Die lange Reihe von erfolggekrönten Bestrebungen ließen ihn keinen Gegner mehr fürchten. Fast hätte er sich mit seinem ältesten, treuesten Freunde überworfen, als dieser mit der höchsten Entschiedenheit gegen die protestantische Einwanderung auftrat. „Das ist der Anfang vom Ende,‟ hatte Sprenger gesagt -- „ist dein russischer Feldzug. Die Kirche ist wie Rußland, -- verbrennt ihr eignes Moskau, wenn sie den Gegner nicht anders bezwingen kann.‟
-- -- Arnold schrieb die wichtige Nachricht sogleich nach Korbach. Die kurze Antwort lautete dahin: „die Altenberger könnten vor einem Jahre ohnedem nicht arbeiten; der bis dahin wahrscheinlich fertige Flügel der Westbahn nach Korbach paralisire den Vortheil, den jenen die Südbahn gewähre. Die Fabrik habe andere Zeiten und Konkurrenten ausgehalten.‟
Dieser Auffassung gegenüber war Arnold’s Weg klar vorgezeichnet. Er konnte über seine Aufgabe nicht in Zweifel sein: nach Kräften in jenen Richtungen ausgleichend zu wirken, wo das Naturell und die unbeugsame Haltung seines Vaters Verwicklungen herbeigeführt. -- So sprach er zu sich als Sohn. Ein Fremder würde es rücksichtsloser so ausgedrückt haben: der junge Korbach fühlte, daß er +gut machen+ sollte, was der Alte +verdarb+, -- den Schaden abwenden, den die übrigens respektable Hartnäckigkeit desselben zu verursachen drohte.
Dieß war leicht begriffen und schwer ausgeführt.
Er kannte außer Günther Niemanden, mit dem er sich berathen wollte. Den sehr gewandten und treuen Geschäftsführer, der den kommerziellen Theil aufs Gründlichste verstand, glaubte er so wenig als irgend einen Andern in die neuentstandene Situazion zu früh einweihen zu sollen: es war dieß einer jener Gegenstände, welche zu einer Macht werden in dem Augenblicke, wo man sie bespricht und anerkennt. Sprach Korbach eine Besorgniß aus, so war sie für den Zweiten Furcht, für den Dritten Eingeständniß, der Konkurrenz nicht gewachsen zu sein.
Mit seinem Freunde hatte er desto häufigere Unterredungen. Sie kamen fast täglich in dessen Wohnung zusammen.
Günther hatte ein mit echten, alten, durch viele Jahre mit Kennerblick gesammelten Stücken eingerichtetes Zimmer. Den Raum an den Wänden, welchen die geschnitzten Kasten und Kästchen frei ließen, deren Oberfläche mit lauter antiken Seltenheiten bedeckt war, nahmen Gemälde ein, und durch alle Zwischenräume in den Ecken, an den Fenstern, schlängelte sich üppiger Efeu empor. -- +Einiges+ mahnte an Sembrick’s Salon -- aber ins Wohnliche, Traute, Gemüthliche übersetzt. --
Die Freunde saßen auf einem mit Rohr ausgeflochtenen hochlehnigen Sofa, das sich in rechtem Winkel um den massiven Tisch von natürlicher Holzfarbe bog -- -- und entwarfen Schritt für Schritt ihre Operazionspläne.
-- „Wie stehts mit dem Marine-Kommando?‟ begann Günther.
-- „Ich habe heute mit Bianchi gesprochen, der das hiesige Haus der Franchini führt, durch welches das Kommando Alles verhandelt. Bianchi stellt viele weitere Aufträge in Aussicht. Die jetzigen betreffen die breiten Messingplatten.‟
-- „Mit denen können die Altenberger mit ihren dermaligen Maschinen nicht aufwarten. Aber wenn dein Vater sich mit der gesammten Geistlichkeit und Staatsgewalt überwirft, so wird die Letztere, da kaum eine Fabrik außer Eurer darauf eingerichtet ist, mit dem Auftrag nach England gehen.‟
-- „Das geschieht nicht, so lange Prinz August Ernst das Marine-Kommando führt, der entschieden darauf besteht, die einheimische Industrie nicht zu übergehen. Aber die weiteren Aufträge sind solche, die jedes gewöhnliche Walzwerk ausführen kann, und für diese fürchte ich. Ich bin entschlossen, nach -- (wir nennen nicht die südliche Hafenstadt, wo das Marine-Kommando seinen Sitz hat) zu gehen, und habe dem Vater um Erlaubniß geschrieben.‟
-- „Ich verschaffe dir Briefe, die dich gleich auf den rechten Boden stellen. Du darfst nicht als Ansuchender kommen, sondern an einem Draht von oben herabgelassen. Von +oben+ heißt für Franchini von Rothschild. Bis übermorgen hast du das zärtlichste Empfehlungsschreiben, worin dieses Haus jemals eine Anweisung auf seine Liebe ausgestellt hat.‟ --
-- „Vielen Dank. Ich gedenke aber zum Prinzen selbst vorzudringen, kurz zu sagen, daß wir jeden Auftrag als gute Patrioten billiger als jeder Andere vollziehen, daß das Vermögen meines Vaters ihm erlaube, nicht auf Gewinn, sondern auf die Ehre zu sehen u. dgl.‟
-- „Das wird dir Alles nichts nützen, wenn du nicht den festen Kontrakt schneller in die Hand bekommst, als man von hier aus operirt. Ihr seid jetzt die ~bête noire~ der ganzen Coterie -- seid plötzlich so berühmt, daß selbst die Prinzessin, die Mersey, Plomberg‟ -- --
-- „Plomberg? wie kommt der dazu?‟
-- „Der Husarenoberst ist der Vetter des Baron Heidenbrunn, und dieser der Adjutant des Prinzen Ernst August. Plomberg hat jedenfalls Einfluß dort. Uebernimm auf ein halbes Jahr die Rolle der alten Mersey und zahle seine Schulden, so hast du ihn mit Haut und Haar!‟
-- „Nicht, wenn ich ihn um einen Gulden haben könnte. Das ist kein Weg für einen Korbach.‟
-- „Lieber Arnold, mein Gewissen ist um nichts elastischer als deines! Das ist reine Geschäftssache. Wenn ein solcher Kerl ~licitando~ zu haben, so lizitire ich mit, wenn ich weiß, daß er sich sonst der Gegenpartei verkauft. Wenn ich mit einer Handvoll Banknoten vielleicht eine niederträchtige Intrigue vereiteln kann, so ist das ein Weg, welchen Die von Korbach so gut wandeln können, als Der von Günther!‟
-- „Nenne es Caprice, aber wir überlassen einmal, eben als gute Bürgerliche, den geschlossenen Helm dem Adel und fechten nur mit offenem Visir. Mit Plomberg habe ich Nichts zu thun.‟
-- „Auch gut. Aber bei Wörlitzer kannst du dich mit offenem Visir vorstellen; die Westbahn, von welcher er Direktor ist, kann für Euch höchst wichtig werden. Mich hat er im kaufmännischen Verein zehnmal geladen, und ich lasse mir jedesmal wieder seine Adresse geben. Nun gehe ich hin, und nach deiner Rückkehr stelle ich dich vor.‟
-- „Auch dieser ist mir höchst antipathisch.‟
-- „Vielleicht, weil du dort mit Sembrick zusammentreffen wirst?‟
-- „Das vergaß ich. Jetzt gehe ich jedenfalls hin. Ich +muß+ ihn treffen, damit wir wenigstens ordentlich auseinander kommen. Die Art, wie wir uns verlassen haben, kann wohl nicht füglich ein letztes Wort vorstellen.‟
-- „Wenn du vielleicht bloß zu Wörlitzer gehen willst, um den Salon des Banquiers als Turnierplatz mit Sembrick zu benutzen, so laß dich gefälligst von Jemand Anderem vorstellen.‟
-- „Besorge Nichts! Ich weiß nur nicht, was es nützen soll, -- der Minister des Innern ist das personifizirte Konkordat, und jedenfalls schon prävenirt.‟
-- „Was ihn nicht verhindert, seine Fonds durch einen Juden verdoppeln zu lassen, der viel zu klug ist, um sich nicht wärmer für Euer gegenwärtiges Korbach, als für die Altenberger Zukunftsmusik zu interessiren. Wenn du die ganze Geschäftswelt auf deiner Goldwage wägen und dich mit Niemandem einlassen willst, der nicht in +unserm+ Sinne korrekt, so nimm lieber heute als morgen die Tafel von Eurer Niederlage ab!‟
Arnold war bei aller Korrektheit praktisch genug, um sein Prinzip nicht auf die Spitze zu treiben.
-- „Mit den Geistlichen, fuhr Günther fort, ist jetzt nichts zu thun; du kannst deinen Vater nicht desavouiren.‟
-- „Um so weniger, als ich ihm vollkommen Recht geben muß.‟
-- „Wann willst du reisen?‟
-- „Sobald die Antwort von Korbach eintrifft.‟
-- „Lasse mich’s wissen, ich hole dich dann ab, und begleite dich die zwei Stunden bis Treustadt, wo ich ein Geschäft habe, das an keinen Tag gebunden ist. Und nun noch ein Wort in alter Aufrichtigkeit: Sprichst du von dem, was dir bei der ganzen Sache am +tiefsten+ zu Herzen geht, seit drei Tagen keine Silbe, weil du mich nicht für fähig hältst, dich zu begreifen?‟
-- „Ich spreche nicht davon, sagte Arnold, indem er die Farbe wechselte und Günthers Händedruck mit krampfhafter Heftigkeit erwiderte, weil ich dir kein Bild aufrollen will, das dir zeigen würde, wie diese ganze geschäftliche Besonnenheit eine eiserne Maske ist, hinter der mir, ich schäme mich nicht, dir’s zu sagen, oft blutige Thränen herabrollen. Es wird eine Zeit kommen, wo ich wieder sprechen kann, jetzt bin ich nicht falsch gegen dich, sondern gegen mich selbst. Ich belüge mich den Tag über, und lasse die Wahrheit für die Nacht.‟
-- -- Und die Nacht war Zeuge, wie unter all’ den grellen Mißtönen, die von allen Seiten auf Arnold eindrangen, das Herz nicht verstummt war, -- seine Stimme war keine weichliche Wehklage, aber ein Schmerzensschrei, der, keinem Andern vernehmbar, in ihm doch Alles übertönte! --
-- In welcher lichten verklärenden Höhe hatten die ersten Lerchen dieser Liebe gesungen! -- Julie, das räthselhafte, reizende Weib, so +ganz anders+ als Alle, denen er begegnet, -- die mit einem ihrer tiefen innigen Blicke größere Seligkeit schenkte, als Andere mit dem glühendsten Kuß, -- und deren Händedruck doch +weniger+ Rechte zu gewähren schien, als ein freundliches Lächeln einer Andern! -- Julie, die auf dem Felsengipfel unter den Wetterwolken gebetet, -- und dann unter den rothen Mohnblumen hervorgelächelt und durch Scherz und frohe Anmuth entzückt! Wie lagen für ihn Alle so tief in der Fläche der Alltäglichkeit, neben +ihr+, die ein dunkles Geschick mit allem Zauber des Geheimnißvollen umhüllte, -- und die es zu tragen schien vor den Augen der Andern, als drückten nur Rosen auf das weiche dichte Haar, -- und nur in einsamer Stunde hinsank, sich windend unter den scharfen Dornen.
Und +was+ war nun aus dem Goldnebel am See hervorgegangen!
-- Arnold war keiner von denen, die „wild auffahren,‟ -- knirschen, -- im Selbstgespräche an die Stirn schlagen, -- -- er saß nach vollbrachtem Tagewerke schweigend, in Schmerz versunken, an dem Platze, wo er Günther den Abend im Schweizerhause erzählt. +Jedes+ Ausdrucks war sein Mund eher fähig, als jenes des +Hohnes+, aber mit bitterem Spotte lächelte er, -- -- als er +der+ Julie gedachte in Verona, und Romeo’s! des großen Kampfes der alten Häuser um Macht und Ehre! -- Wie edel die Waffen! das Schwert, -- selbst der Dolch, -- selbst das Gift, -- -- +Alles+ noch +groß+ und +edel+!.... Und nun auch hier zwei Häuser: -- -- -- „Kollmann und Kompagnie‟, -- „Korbach und Sohn‟. -- -- Statt Schwert und Dolch: Messingstangen und Kupferplatten... Nie hat die plumpe Tatze des gemeinsten Materiellen in kaum erschlossene Blüten roher hineingegriffen. --
Wie oft hatte er gelacht über das „Ich und Nicht-Ich‟ der Gott und Welt zerdenkenden Schule. Nun gewann es +ihm+ einen Sinn. Nun begriff er die Trennung, den Abgrund zwischen dem +Ich+ und jener +zweiten+ selbstständigen, unbezwinglichen Macht in uns, welche Gedanken schafft, von denen das Ich nichts hören, -- Bilder aufsteigen läßt, welche der Wille zertrümmern möchte -- vergebens! Wie jener Fromme der Legende vom bösen Geiste gezwungen war, Gott zu lästern, und dabei das sündige Wort im Herzen verfluchte, das seine Lippen gegen seinen Willen sprachen, -- so rang Arnold gegen +Gedanken+, welche +Wolke+ auf +Wolke+ um +Juliens Bild+ legten, -- er konnte das seelenvolle Feuerauge nicht mehr +klar+ schauen -- sie stand nicht mehr vor ihm, so fleckenlos wie die frisch erblühte Blume, kristallrein wie der Bergquell.
Und doch sagt’ ihm das treue +alte+ „Ich‟: Entweder einen reinen Himmel mußt du glauben, oder eine Hölle. Sie kann nur um +Alles+ wissen, oder +Nichts+.
-- -- In solcher Stimmung, welche dießmal auch der helle schöne Morgen nicht zerstreute, traf ihn Günther, als er ihn, nachdem die Genehmigung des alten Korbach angelangt, zwei Tage später abholte, um ihn bis Treustadt zu begleiten. Ein Blick auf die verstörten Züge des Freundes verrieth ihm dessen Gemüthszustand.