Die Zelle und die Gewebe (Vol. 1/2)

Part 33

Chapter 332,999 wordsPublic domain

Die Epidermiszellen vieler Pflanzen zeigen häufig Verdickungen entweder an ihrer nach aussen oder nach innen gerichteten Wandfläche. Je nachdem liegt der Kern entweder der Aussenwand oder der Innenwand und zwar der Mitte der Verdickung dicht an. In sehr anschaulicher Weise lehren dies die in Fig. 161 zusammengestellten Beispiele: Nr. I eine Zellreihe von der Epidermis des Laubblattes von Cypripedium insigne, Nr. III eine Epidermiszelle der Fruchtschale von Carex panicea. Nr. IV. eine junge Epidermiszelle des Laubblattes von Aloë verrucosa.

Eine zweite Reihe von Beobachtungen betrifft das Wachsthum ober- und unterirdischer Pflanzenhaare.

Die zarten +Wurzelhaare+ der Pflanzen zeigen ein deutlich ausgesprochenes Spitzenwachsthum. Hier findet sich denn auch der Kern, so lange das Wachsthum andauert, stets in der Spitze (Fig. 162 _A_), während er in ausgewachsenen, alten Haaren sich weiter von ihr entfernt hat. Wenn ein Wurzelhaar sich aus einer Epidermiszelle neu anlegt, so geschieht dies stets durch Ausstülpung der über dem Zellkern gelegenen Parthie der Aussenwand (Fig. 162 _B_). Bei manchen Pflanzen (Brassica oleracea) kann sich die Zelle des Wurzelhaares verzweigen, wobei dann der einfache Kern in einen der Zweige hereinrückt. Dieser wird dann sowohl der protoplasmareichste, als auch der längste, während die anderen Zweige zu wachsen aufhören.

Von den Wurzelhaaren unterscheiden sich die +oberirdischen Haare+ dadurch, dass sie ein basipetales, intercalares Wachsthum besitzen, wie Haberlandt durch Messungen festgestellt hat. In Folge dessen liegt hier der Kern nicht in der Spitze, sondern ungefähr da, wo sich der secundäre, basale Vegetationspunkt befindet und das Längenwachsthum am längsten andauert.

Unter +Sternhaaren+ (Fig. 163) versteht man eigenthümliche, einzellige Gebilde, die sich nach ihrem peripheren Ende in mehrere, in radiärer Richtung auseinander weichende Zweige spalten. Hier liegt der Kern im Mittelpunkt der Verzweigung, so lange die formativen Processe andauern, rückt dann aber nach beendetem Wachsthum wieder näher an die Basis heran.

Auch +Pilze+ und +Algen+ liefern Belege für eine Theilnahme des Kerns an den formativen Processen. Bei den +vielkernigen Hyphen von Saprolegnia+ bilden sich seitliche Schläuche stets unmittelbar über einem in nächster Nähe der Wandung befindlichen Kern. +Bei Vaucheria und anderen vielkernigen Algen+ giebt es, wie bei den höheren Pflanzen, besondere +Vegetationspunkte+, von denen das hauptsächliche Wachsthum ausgeht; an diesen sieht man nun zahlreiche kleine Kerne der Cellulosemembran unmittelbar angelagert, dann folgt eine Schicht von Chromatophoren, während in dem übrigen Theil der Zelle die Lage gerade eine umgekehrte ist.

Noch auffälliger ist die Beziehung der Kerne zur Bildung der Zellhaut bei den Erscheinungen, die sich bei der +Wundheilung von Vaucheria+ beobachten lassen. Denn jetzt treten in dem an der Wundstelle sich ansammelnden Protoplasma zahlreiche kleine Kerne auf; sie rücken also an die Oberfläche empor, die Chlorophyllkörner dagegen werden gerade in entgegengesetzter Richtung zurückgezogen. +Kerne und Chlorophyllkörner tauschen so ihre Plätze gegen einander aus.+ Durch diese Wahrnehmung widerlegt sich zugleich der sonst leicht zu erhebende Einwand, dass der oder die Kerne einfach an den Stellen vorgefunden würden, zu denen das Protoplasma in grösserer Menge zuströme und sie mit sich schleppe. Denn dann wäre eine gleichzeitige entsprechende Verlagerung der viel kleineren Chlorophyllkörner noch eher zu erwarten, zumal diese ja unter dem Einfluss verschiedener Beleuchtung sehr leicht ihren Ort verändern. Von dieser Wanderung bleiben nun aber wieder die Kerne unberührt.

„Wir sehen also,“ bemerkt Haberlandt, „dass Zellkerne und Chlorophyllkörner unabhängig von einander bestimmte Ortsveränderungen zeigen, welche, vorausgesetzt, dass dieselben passiv erfolgen, keinenfalls durch Bewegungen des gesammten Körnerplasmas bewirkt werden können. Wenn nun das strömende Plasma betreffs der mitzuführenden Inhaltskörper gewissermaassen eine bestimmte Auswahl trifft, in dem einen Falle den grösseren Zellkern mitschleppt, die kleineren Chromatophoren zurücklässt, im anderen Falle wieder die Chromatophoren verschiebt und die ebenso kleinen oder oft noch kleineren Zellkerne unverrückt lässt, so kann +eine solche Verschiedenheit der Bewegungs-Erscheinungen doch nur den Sinn haben, dass durch dieselben bestimmte, mit der Function der Kerne, beziehungsweise der Chromatophoren zusammenhängende Lagerungsweisen bezweckt werden.+“

Aehnliche Beziehungen zwischen Lage und Function der Kerne, wie Haberlandt für die Pflanzenzellen, hat Korschelt (VIII. 8) für +thierische Zellen+ nachgewiesen.

Zellen, welche sich durch reichliche Aufnahme von Reservestoffen beträchtlich vergrössern, sind die Eier. Diese haben häufig das Keimbläschen an dem Orte gelagert, an dem vorzugsweise die Stoffaufnahme vor sich gehen muss. So nehmen z. B. bei einem Theil der Cölenteraten die Eier ihre Entstehung aus dem Entoderm und werden aus dem Inhalt des Gastrovascularsystems durch Vermittelung von Entodermzellen ernährt. In Uebereinstimmung mit dem oben aufgestellten Satz liegen in jungen Eiern die Keimbläschen ganz oberflächlich und zwar an der nach der Gastralhöhle zugewandten Seite (Fig. 164). Bei manchen Actinien (Hertwig VIII. 5b) reichen die Eier sogar noch lange Zeit mit einem stielartigen Fortsatz in das Darmepithel bis an seine Oberfläche heran (Fig. 165). Der Stiel lässt eine regelmässig fibrilläre Structur erkennen, wie sie überall da auftritt, wo ein reger Stoffaustausch stattfindet und dieser Stoffaustausch bestimmte Bahnen einhält; er lässt sich daher als ein besonderer Nährapparat des Eies in Anspruch nehmen. Auch hier liegt das Keimbläschen regelmässig der Basis des Nährapparats unmittelbar an (Fig. 165).

Ein ähnliches Verhalten trifft man in den schlauchförmigen Ovarien der Insekten, die in Eifächer und in Nährfächer gegliedert sind. Entweder ist hier wieder das Keimbläschen an das Nährfach dichter herangerückt, oder es zeigt das noch interessantere Verhalten, dass es nach dem Nährfach zu zahlreiche, pseudopodienartige Fortsätze (Fig. 166) ausstreckt und dadurch nach der Seite, wo die Stoffaufnahme stattfindet seine Oberfläche in auffälliger Weise vergrössert. Hier beginnt sich denn auch der Dotter in der Umgebung des Keimbläschens in zahlreichen, dunkeln Körnchen abzuscheiden, welche von den Nährzellen zugeführt worden sind.

Bei den meisten Thieren werden die Eier durch Vermittelung des Follikelepithels ernährt. Korschelt findet dementsprechend, dass bei Insekten die Kerne der Follikelzellen, so lange die Bildung des Dotters und des Chorions vor sich geht, unmittelbar an der nach dem Ei gerichteten Oberfläche liegen, dagegen nach Fertigstellung des Chorions in die Mitte der Zelle zurückweichen.

Noch frappanter ist das Verhalten der +Kerne in den sogenannten Doppelzellen+, welche strahlenartige Chitinfortsätze an dem Chorion der Eier von Wasserwanzen (Ranatra und Nepa) erzeugen (Fig. 167 _A_ _B_). Die Protoplasmakörper der beiden Zellen, welche einen Strahl zwischen sich ausscheiden, verschmelzen. Während der Ausscheidung schicken die beiden überaus grossen Kerne an der nach dem Strahl zugekehrten Seite zahlreiche, feine Fortsätze aus.

=Fig. 166. Ein Eifollikel von Dytiscus marginalis mit angrenzendem Nährfach, in welchem eine reichliche Körnchenausscheidung stattfindet. Das Keimbläschen des Eies sendet Fortsätze aus nach der Richtung der Körnchenanhäufungen.= Nach ~Korschelt~ Taf. I, Fig. 20.

=Fig. 167. _A_ Querschnitt einer secernirenden Doppelzelle aus dem Eifollikel von Nepa cinerea L. Die Bildung des Strahles ist noch im Gange.= Vergr. 270fach. Nach ~Korschelt~ Taf. V, Fig. 120.

=_B_ Längsschnitt einer Doppelzelle aus dem Eifollikel von Nepa. Bildung der Basis des Strahles.= Vergr. 195fach. Nach ~Korschelt~ Taf. V, Fig. 121.

Aus diesen und ähnlichen Beobachtungen ziehen Haberlandt und Korschelt folgende, die Function des Zellkerns betreffende Schlüsse:

1) „Die Thatsache, dass der Kern gewöhnlich blos in der jungen, sich erst entwickelnden Zelle eine bestimmte Lagerung zeigt, weist darauf hin, dass seine Function hauptsächlich mit den Entwickelungsvorgängen der betreffenden Zelle zusammenhängt.“ (Haberlandt.)

2) „Aus der Art seiner Lagerung ist zu schliessen, dass der Kern beim Wachsthum der Zelle, speciell beim Dicken- und Flächenwachsthum der Zellhaut, eine bestimmte Rolle spielt. Damit ist nicht ausgeschlossen, dass er in der ausgebildeten Zelle eventuell noch andere Functionen zu erfüllen hat.“ (Haberlandt.)

3) Der Kern ist wie bei der Abscheidung, so auch bei der Nahrungsaufnahme der Zelle betheiligt. Ausser in der Lage kann sich dies auch darin kundgeben, dass der Kern nach dem Ort der Abscheidung und der Stoffaufnahme seine Oberfläche durch Ausstrecken zahlreicher Fortsätze vergrössert.

II. Experimente, aus denen sich auf eine Wechselwirkung zwischen Kern und Protoplasma schliessen lässt.

Zu gleichem Ergebnisse haben die experimentellen Untersuchungen von Gruber, Nussbaum, Hofer, Verworn, Balbiani und Klebs geführt. Die Methode besteht darin, dass man in irgend einer Weise einen einzelligen Organismus oder eine einzelne Zelle in ein kernhaltiges und in ein kernloses Stück trennt und dann das weitere Verhalten derselben verfolgt und vergleicht.

Durch Plasmolyse in 16% Zuckerlösung konnte Klebs (IV. 14, VIII. 7) die Zellen von Spirogyrafäden in ein kernhaltiges und mehrere kernlose Stücke zerlegen. Obwohl die letztern zuweilen sechs Wochen am Leben blieben, ehe sie zerfielen, bestand doch in ihrer Lebensfunction ein grosser Unterschied im Vergleich zu den kernhaltigen Theilstücken. +Die kernhaltigen Stücke fahren fort zu wachsen und umgeben sich mit einer neuen, durch Congoroth leicht nachweisbaren Zellhaut. Die kernlosen dagegen bleiben vollständig kuglig, vergrössern sich nicht und können keine Zellhaut bilden.+ Wie weit der letztere Process vom Vorhandensein des Kerns beeinflusst wird, geht in besonders auffälliger Weise daraus hervor, dass, wenn die durch Plasmolyse erhaltenen Theilstücke nur noch durch eine feine Plasmabrücke verbunden sind, dieser Zusammenhang schon genügt, um das kernlose Stück zur Abscheidung von Cellulose zu befähigen.

Indessen gehen im Protoplasma gewisse Stoffwechselprocesse auch ohne Anwesenheit des Zellkerns vor sich; zum Beispiel +assimiliren die kernlosen Stücke noch+ und vermögen sowohl Stärke aufzulösen, als auch neu zu bilden, vorausgesetzt dass sie einen Theil des Chlorophyllbandes besitzen. Wenn sie längere Zeit im Dunkeln gehalten sind, werden sie stärkefrei durch Verbrauch der vorher abgelagerten Körnchen; in das Licht zurückgebracht, füllen sich die Chlorophyllbänder wieder mit neuassimilirter Stärke; ja, es wird hier sogar reichlicher als beim kernhaltigen Theil Stärke angesammelt, wahrscheinlich aus dem naheliegenden Grunde, weil der Verbrauch der Stärke bei dem Daniederliegen aller übrigen Lebensfunctionen auf ein Minimum herabgesetzt ist.

Kernlose Theilstücke von Funaria hygrometrica zeigen ein etwas abweichendes Verhalten, indem sie zwar Stärke auflösen, aber keine neue bilden können, trotzdem sie 6 Wochen am Leben bleiben.

Beim Zerschneiden von Vaucheria erhält man grössere und kleinere Protoplasmaklumpen theils mit, theils ohne Kern. Die Lebensfähigkeit derselben, sowie das Abscheiden einer neuen Cellulosehülle ist an das Vorhandensein von mindestens einem Zellkern geknüpft (Haberlandt VIII. 4).

Nicht mindere wichtige Ergebnisse wie bei den Pflanzen sind durch Zerstückelungen von Amöben, Rhizopoden und Infusorien gewonnen worden. Wie Nussbaum (VIII. 9), Gruber (VIII. 3), Hofer (VIII. 6) und Verworn (VIII. 10) in übereinstimmender Weise mittheilen, +können nur kernhaltige Theilstücke die verloren gegangenen Organe wieder durch Neubildung ersetzen+ und sich zu einem normalen Individuum, das wächst und sich vermehrt, umgestalten. +Kernlose Theile, selbst wenn sie grösser als die kernhaltigen sind, können sich weder ergänzen noch wachsen+, aber längere Zeit, oft mehr als 14 Tage, eine Art von Scheindasein führen; schliesslich aber zerfallen sie. Die formative Thätigkeit des Protoplasma scheint daher in erster Linie unter dem Einfluss des Kerns zu stehen. Weniger sicher gestellt ist dies für andere Functionen der Zelle, wie für die Bewegungsfähigkeit, für die Reizbarkeit und für die Verdauungsprocesse. Die Urtheile der einzelnen Beobachter gehen hier auseinander.

Bei Amöben sah Hofer das kernlose Theilstück, nachdem das erste durch die Operation bedingte Reizstadium überwunden war, 15–20 Minuten lang ziemlich normale Bewegungen ausführen; er erblickt hierin noch eine Nachwirkung des Kernes, welchem er einen regulatorischen Einfluss auf die Bewegungen des Protoplasma zuschreibt. Denn während weiterhin das kernhaltige Stück wie ein normales Individuum die Pseudopodien ausstreckt und sich fortbewegt, bleibt der kernlose Theil zu einem rundlichen Körper zusammengezogen und macht nur ab und zu nach stundenlangen Ruhepausen anormale, ruckartige Bewegungen; er heftet sich an der Unterlage nicht fest, wie herumkriechende Amöben thun, und beginnt daher bei der geringsten Wasserbewegung zu flottiren.

Eine grössere Unabhängigkeit der Protoplasmabewegung vom Einfluss des Kerns fand Verworn bei Difflugia. Selbst kleine, kernlose Theilstücke streckten in der für das unverletzte Rhizopod charakteristischen Weise lange, fingerförmige Pseudopodien aus und setzten noch nach fünf Stunden ihre Bewegungen fort. Auch waren sie noch vollkommen reizbar und reagirten auf mechanische, galvanische und chemische Reize durch Contraction ihres Körpers.

Protisten, welche besondere locomotorische Organe, wie Cilien, Wimpern, Cirrhen etc. entwickelt haben, lassen nach Verworn bei Theilungsversuchen eine vollständige Autonomie und Unabhängigkeit derselben vom Kern erkennen.

Bei Lacrymaria führt jeder des Kerns beraubte Körpertheil nach seiner Abtrennung vom Körper dieselben Bewegungen aus, wie zur Zeit, als er noch mit ihm in Zusammenhang stand. Kleine Stücke von Stylonichia, die mit einer Anzahl Bauchwimpern versehen sind, machen mit diesen noch die eigenthümlichen Laufbewegungen. Selbst bei einem kleinsten Plasmastückchen, das nur eine einzige Sprungcirrhe besitzt, fährt diese in ihren charakteristischen Bewegungen fort. Wenn sie nach hinten gerichtet war, wird sie von Zeit zu Zeit plötzlich nach vorn geschnellt, wodurch dem Theilstück ein kurzer Ruck nach rückwärts ertheilt wird; darauf kehrt sie selbst wieder in die Ruhelage zurück u. s. w.

Gleich den Cilien und Cirrhen zeichnen sich auch die contractilen Vacuolen der Protisten durch vollständige Autonomie aus. Denn auch an kernlosen Stücken kann man sehen, wie sie sich tagelang rhythmisch contrahiren (Verworn).

In Bezug auf die Verdauung endlich macht sich ein erheblicher Unterschied zwischen kernlosen und kernhaltigen Theilstücken bemerkbar. Während von letzteren gefressene, kleine Infusorien, Räderthierchen etc. in der normalen Weise verdaut werden, hat bei ersteren die Verdauung sowohl der Zeit nach, als auch an Intensität eine erhebliche Abnahme erfahren. Man könnte hieraus schliessen, dass es dem Protoplasma nur unter der Mitwirkung des Kerns möglich ist, verdauende Secrete zu produciren (Hofer, Verworn).

Dass zwischen einzelnen Beobachtungen und Experimenten, die im achten Capitel mitgetheilt wurden, noch Widersprüche bestehen, wird nicht Wunder nehmen, wenn man die Schwierigkeit der zu lösenden Aufgaben im Auge behält.

Literatur. VIII.

1) =Balbiani.= _Recherches expérimentales sur la mérotomie des Infusoires ciliés. Prem. part. Recueil. Zool. Suisse. 1889._

2) =Boveri.= _Ein geschlechtlich erzeugter Organismus ohne mütterliche Eigenschaften. Gesellsch. f. Morphol. u. Physiol. zu München. 1889._

3) =Gruber.= _Ueber die Einflusslosigkeit des Kerns auf die Bewegung, die Ernährung u. das Wachsthum einzelliger Thiere. Biolog. Centralblatt. Bd. III._

_+Derselbe.+ Ueber künstliche Theilung bei Infusorien. Biolog. Centralbl. Bd. IV u. V._

4) =Haberlandt.= _Ueber die Beziehungen zwischen Function und Lage des Zellkerns bei den Pflanzen. Jena 1887._

5a) =Oscar= _u._ =Richard Hertwig=. _Ueber den Befruchtungs- u. Theilungsvorgang des thierischen Eies unter dem Einfluss äusserer Agentien. Jena 1887._

5b) _+Dieselben.+ Die Actinien, anatomisch und histologisch mit besonderer Berücksichtigung des Nervenmuskelsystems untersucht. Jena 1879._

6) =Hofer.= _Experimentelle Untersuchungen über den Einfluss des Kerns auf das Protoplasma. Jenaische Zeitschrift f. Naturwissenschaft. Bd. XXIV._

7) =Klebs.= _Ueber den Einfluss des Kerns in der Zelle. Biolog. Centralbl. Bd. VII. 1887._

8) =Korschelt.= _Beiträge zur Morphologie u. Physiologie des Zellkerns. Zool. Jahrbücher. Abth. f. Anatomie. Bd. IV. 1889._

9) =Nussbaum.= _Ueber die Theilbarkeit der lebendigen Materie. Archiv f. mikroskop. Anatomie. Bd. XXVI. 1886._

10) =Verworn.= _Die physiologische Bedeutung des Zellkerns. Archiv f. d. ges. Physiologie. Bd. LI. 1891._

NEUNTES CAPITEL.

Die Zelle als Anlage eines Organismus (Vererbungstheorieen).

Schon aus der Fähigkeit der Zelle, Bewegungen auszuführen und auf die verschiedensten äussern Einwirkungen, seien es thermische oder optische oder chemische oder mechanische, in ganz gesetzmässiger Weise zu reagiren, ferner aus der Fähigkeit complicirte, chemische Processe auszuführen und sehr zahlreiche, mit besonderer Structur versehene Substanzen zu bilden, mussten wir schließen, dass die Zelle ein hoch zusammengesetzter Körper, aufgebaut aus zahlreichen kleinsten, verschiedenartigen Theilchen, also selbst gewissermaassen ein kleiner Elementarorganismus ist.

Noch mehr wird uns dieser Gedanke aufgedrängt, wenn wir sehen, wie die Ei- und Samenzellen durch ihre Vereinigung die Grundlage bilden für die Entwicklung eines Organismus, welcher im Grossen und Ganzen die Eigenschaften der zeugenden Eltern und oft auch geringfügige, individuelle Züge derselben reproducirt. Wir müssen hieraus schliessen, dass in der Ei- und Samenzelle alle Bedingungen enthalten sein müssen, welche erforderlich sind, um das Endproduct des Entwicklungsprocesses schliesslich zu Stande kommen zu lassen. Unserer Wahrnehmung entziehen sich allerdings diese Bedingungen; dass dieselben aber nichts weniger als einfacher Art sein werden, geht schon aus der ausserordentlichen Zusammensetzung hervor, welche das Endproduct der Entwicklung bei den höchsten Organismen erreicht.

+Die Geschlechtszellen müssen daher zahlreiche, uns verborgene Eigenschaften und Merkmale besitzen, durch deren Vorhandensein die Entstehung des Endproducts ermöglicht wird. Solche verborgenen oder latenten Eigenschaften, die erst durch den Entwicklungsprocess allmählich offenbar werden, nennt man Anlagen. In der Gesammtheit der Anlagen ist der entwickelte Organismus gewissermaassen vorgebildet oder potentiell enthalten.+

Nun gleichen sich auf einem gewissen Stadium ihrer Entwicklung alle Organismen ausserordentlich, insofern sie einfache Zellen sind. Die Eier des Menschen, eines Nagethiers, eines Wiederkäuers, ja selbst mancher wirbellosen Thiere sind nicht wesentlich voneinander verschieden. Ihre Unterschiede sind ausserordentlich viel geringer als die Unterschiede zwischen dem Ei und der Samenzelle ein und desselben Organismus.

Solche formalen Aehnlichkeiten und formalen Unterschiede haben aber wenig zu bedeuten, wenn wir tiefer auf den Grund der Sache gehen. Denn so wie Mensch, Nagethier, Wiederkäuer und wirbelloses Thier in ihrer Organisation mehr oder minder tiefgreifende, uns äusserlich wahrnehmbare Unterschiede darbieten, so müssen auch die von ihnen abstammenden Geschlechtszellen, insofern sie die Anlagen des späteren ausgebildeten Zustandes darstellen, durch die Beschaffenheit der Anlagen in entsprechender Weise von einander unterschieden sein, nur dass die unterscheidenden Momente jetzt auf einem unserer Wahrnehmung noch verschlossenen Gebiete liegen. Auf der anderen Seite müssen Ei- und Samenzelle ein und desselben Organismus, die äusserlich so sehr ungleich aussehen, in ihren wesentlichen Eigenschaften, durch welche die Anlage des ausgebildeten Geschöpfs repräsentiert wird, nur in geringem Grade voneinander abweichen.

Treffend bemerkt Nägeli (IX. 20): „Die Eizellen enthalten alle wesentlichen Merkmale ebenso gut, wie der ausgebildete Organismus, und als Eizellen unterscheiden sich die Organismen nicht minder voneinander, als im entwickelten Zustande. In dem Hühnerei ist die Species ebenso vollständig enthalten, als im Huhn, und das Hühnerei ist von dem Froschei eben so weit verschieden, als das Huhn vom Frosch.“

Was von den Eiern gilt, dasselbe gilt nicht minder auch von jeder einzelnen Zelle und jedem Zellencomplex, welcher als Spore und Knospe vom Mutterorganismus abgelöst, im Stande ist, den letzteren wieder zu erzeugen. Auch sie müssen alle wesentlichen Eigenschaften des Ganzen als Anlagen in einem unserer Wahrnehmung entzogenen Zustand enthalten.

Welche Vorstellungen können wir uns zur Zeit von diesen unsichtbaren Eigenschaften der Zellen bilden, durch welche sie die Anlage für einen zusammengesetzten Organismus abgeben? In welchem Verhältniss stehen Anlage und ausgebildeter Zustand zu einander?

Bei der Beantwortung dieser Fragen stehen wir vor den allerschwierigsten Problemen, welche die Lehre vom Leben darbietet. Mit ihnen haben sich Naturforscher und Denker zu den verschiedensten Zeiten beschäftigt und ihre Denkergebnisse in Hypothesen zusammengefasst, welche die Forschung in manchen Zeiträumen in nachhaltiger Weise beeinflusst haben. Auf die historisch wichtigsten derselben in Kürze einzugehen, dürfte sowohl von allgemeinem Interesse als auch eine passende Einleitung für den Versuch sein, die Anschauungen zusammenzustellen, zu denen die moderne Naturforschung hinleitet.

I. Geschichte der älteren Entwicklungstheorieen.

Zwei bedeutende Theorien haben sich in der Wissenschaft bis in den Anfang unseres Jahrhunderts hinein schroff und unvermittelt gegenüber gestanden, +die Theorie der Präformation oder Evolution und die Theorie der Epigenese+.