Die Zelle

Part 5

Chapter 53,440 wordsPublic domain

Und nun wende man seine Blicke auf zum Himmel und sehe über sich die Unzahl der Sterne glühen, jeder eine Sonne, umgeben von Planeten und Monden, zahllos wie der Sand am Meer, dicht gedrängt wie der Staub in Wolken und doch in Wahrheit geschieden durch Räume, die selbst das Licht nur in Jahrtausenden durcheilt, ohne Anfang diesseits, ohne Ende jenseits, ohne Grund unter uns, ohne Grenze über uns. Uns selber aber finden wir auf einer grünen Kugel lebend, die im freien Raume schwebt und um eine dieser Sonnen kreist, nach Menschenmaß so weit von ihr entfernt, daß kein Gedanke diese Strecke durchmißt, nach den wahren Maßen dieser Welt jedoch ihr so nahe und so winzig, daß sie mit ihr wie zu eins verschmilzt und nicht einmal, vom nächsten Stern gesehen, als Punkt im schärfsten Glas gefunden werden könnte; auf diesem in des Wortes wahrsten Sinne so genannten Sonnenstäubchen finden wir uns, auf ihm selber wieder so klein, als wären wir gar nicht da, so nichtig und so flüchtig für sie wie für unsere Sinne die Bazillen, die auf der Schale eines irgendwo in einem Keller faulenden Apfels einige Stunden umherzucken, so wahrhaft nichts, daß, wenn uns heut ein Eishauch aus dem Weltraum dahinwehte, diesem Kügelchen Erde ebensowenig fehlte, wie dem Apfel, wenn die Bazillen in den Ritzen seiner Haut erfrören, — Mikroben auf einem im Sonnenlicht kurze Zeit hinwehenden Kugelstäubchen! Und nun schauen wir, überwältigt von der Größe des Weltalls, niedergebeugt von der Kleinheit unseres Ichs, beschämt in unser Bazilleninneres und entdecken nun hier nicht Leere und nicht Stille, nicht Ungestalt und nicht Wirrnis, sondern sehen wieder wie droben außer und über uns so nun in und unter uns einen Himmel, in dessen Räumen sich der Blick verliert, sehen wieder Myriaden kosmisch geordneter Zellsysteme, wieder zahllos wie der Sand am Meer, dicht gedrängt wie der Staub in Wolken, und jedes dieser Pünktchen ist wieder wie droben jeder Lichtpunkt ein kleines All für sich, in dem Welten aus dem Unsichtbaren tauchen und in Sphären kreisen, Sonnen strahlen und sich teilen, Pole ihre magnetischen Felder ziehen und Kometen ihre Bahnen wandeln, Bahnen, die an Schönheit und Gesetz die Milchstraßen des Himmels und die Kometenläufe des Firmamentes überbieten, — und dieses Universum, das sind wir! Der Mensch, ein Bazillus im Weltall, ein Weltall in einem Bazillus! Zu klein, sich in den Makrokosmos der Welten aufzuschwingen, zu groß, sich in den Mikrokosmos seines Wesens zu versenken, denn es ist nicht seine Macht, die Sonnen in die Räume streut und Zellen in ein Pünktchen drängt, tastet er vergebens mit seinen Zwergenfingern an den Planeten, sie zu umklammern, greift er vergeblich mit seinen Riesenhänden nach den Zellenwelten, sie zu fassen, als staubgeborener Sohn der Erde zum Menschlichen und Mittelmaß verdammt, kann er, zwischen Sternen und Zellen wandelnd, nur das Geheimnis ihres Daseins verehren, doch zu begreifen, ist ihm versagt....

Neben der geradezu an Ehrfurcht grenzenden Achtung vor den Erscheinungen des Zellebens hat die Gesetzmäßigkeit der Vorgänge die Forscher ermutigt, nicht in stummer Bewunderung vor ihnen zu verharren, sondern diesen Gesetzen nachzuspüren, die Bedingungen ihres Ablaufs zu ergründen, im praktischen Versuch zu verwirklichen und so die Mechanik des Zellebens nachzuahmen. Trotz ihrer geringen Zahl und Anspruchslosigkeit sind diese Versuche ebenso interessant wie vielverheißend ausgefallen.

Als erster Versuch berühmt geworden ist die „künstliche Zelle” von Traube. Leim und Gerbsäure verbinden sich zum festen gerbsauren Leim. Träufelt man in eine Gerbstoff(Tannin-)lösung, wie man sie in jeder Drogerie erhält, einen Tropfen Leim, so bildet sich auf der Oberfläche des Leimtropfens eine feste Haut gerbsauren Leims, während das Innere des Tropfens flüssig bleibt. Zwischen dem flüssigen Leim innerhalb und der Gerbstofflösung außerhalb der Tropfenhaut beginnt nun auf dem Weg der Osmose ein Stoffaustausch. Der Leim nimmt durch die Hülle hindurch Wasser auf, quillt, sprengt die Haut und tritt aus. Sobald er aber hierbei mit der Gerbstofflösung in Berührung kommt, verwandelt er sich in festen gerbsauren Leim und schlägt sich als Haut über den Riß nieder. Nun beginnt das Spiel von neuem, bis der ganze Leim ausgetreten ist. Durch das beständige Austreten und Niederschlagen des Leimes wird die Kugel immer dicker und bietet so das anziehende Spiel des Wachstums.

Unvergleichlich weiter führten die Versuche, die der französische Arzt Stephan Leduc angestellt hat. Auch diese stützen sich fast ausschließlich auf den Austausch von Stoffen zwischen Lösungen verschiedener Stärke (Diffusion und Osmose). Er träufelt Tropfen einer 5-10%igen Ferrozyankalilösung auf Glasplatten, die mit einer halbfesten Gelatine überzogen waren, und erhielt Figuren, die mit Kolonien von Zellen auffallende Ähnlichkeit besitzen. Die entstehenden zellförmigen Gebilde zeigen sogar in ihrer Mitte kernartige Verdichtungen wie echte Zellen.

Doch damit nicht genug. Leduc verrieb etwas Tusche in Salzwasser und ließ davon einen Tropfen auf eine Glasplatte fallen. Zu beiden Seiten des Tropfens legte er je einen Tropfen einer stärkeren Salzlösung. Wenn sich die drei Tropfen berühren, so beginnen die beiden äußeren infolge der größeren Stärke ihrer Lösung die Tusche aus dem mittleren in sich hineinzuziehen, und zwar — wie merkwürdig! — zu genauen Hälften durch eben jenen komplizierten Halbierungsmechanismus, durch den die Farbmasse des Kerns bei der Zellteilung halbiert und auseinandergezogen wird. Es bildet sich eine Strahlungsfigur, die Tuschekörner sammeln sich zu einem Knäuel, bilden einzelne Stränge, die sich haarnadelförmig biegen und so den Chromatinschleifen täuschend ähneln, diese bilden eine sternförmige Figur, sollen sich sogar längs teilen wie die Kernschleifen und wandern dann zu den beiden Polen der Spindelfigur auseinander (Abb. 18, Tafel ^V^).

Diese Leducsche Figur ist nur eine Einzelheit aus einer ganzen Welt überraschendster Ähnlichkeiten, die in den letzten Jahren zwischen rein mechanischen Vorgängen und Lebensprozessen aufgefunden wurden. Neben Leducs osmotischen Versuchen, die in wunderbarer Naturtreue die Bildung von Zellen, Kieselschalen, Kalkgehäusen, das Wachstum von Bazillen, Algen, Pilzen und Farnen vorführen, ist es vor allem die nach 30jähriger Kolumbusfahrt durchs Meer des Mikrokosmos von Otto Lehmann entdeckte neue Welt der flüssigen Kristalle, die als das aufgefundene Zwischenreich zwischen der toten und lebendigen Natur die Gemüter der Gelehrten heute mit nicht geringerem Staunen füllt als seinerzeit die märchenhaften Tier- und Pflanzenwunder Amerikas die Geister Europas bewegte. Die flüssigen Kristalle sind im Gegensatz zu den bekannten starren flüssig und beweglich. Sie fließen dahin wie kriechende Amöben oder schlängeln sich wie Bakterien wurmförmig und korkzieherartig, sie fressen, wachsen, vereinigen und vermehren sich wie niedere Lebewesen. Abgebrochene Teile ergänzen sie durch Wachstum (Abb. 19 u. 20).

Osmotische Figuren und flüssige Kristalle sind nicht leicht darzustellen. Dagegen kann sich jeder Amöbenbewegungen eines toten Stoffes vorführen, wenn er einen Tropfen ranzigen Öles auf Wasser fallen läßt, das etwas Kalilauge enthält. Durch die Bildung löslicher Seife am Rande verliert der Tropfen seine Kugelgestalt und kriecht infolge der gestörten Oberflächenspannung über die Wasserfläche dahin wie eine Amöbe. Noch interessanter ist der Schellack fressende Chloroformtropfen. Bringt man ein mit Schellack überzogenes Glasstäbchen in die Nähe eines Chloroformtropfens, so saugt dieser den Stab in sich hinein, wie eine Amöbe oder menschliche Wanderzelle Algen- und Bazillenstäbchen frißt, befreit durch Lösung des Schellacks das Stäbchen von seinem „nahrhaften” Überzug und stößt den abgefressenen Glasstab wie die Amöbe eine leere Algenschale aus (Abb. 21). Auch auf die Ähnlichkeit der Strahlungsfigur im Plasma mit magnetischen Kraftfeldern ist oftmals hingewiesen worden.

Kein ernster Naturforscher wird glauben, durch solche Versuche die Lebensrätsel und Zellgeheimnisse unmittelbar lösen zu können, aber sie führen uns immer weiter auf dem Wege, die Lebensvorgänge als Mechanismen zu begreifen, sie enthüllen uns, daß selbst so verwickelt und scheinbar „vernünftig” laufende Prozesse wie die Zellteilung rein chemisch-physikalischer Natur sein können, und kräftigen uns so in der Auffassung, daß das Leben keine übernatürliche, von besonderen Lebenskräften beherrschte Erscheinung ist, sondern nur die höchste Form all jener mechanischen Vorgänge, die wir unter ehernen Gesetzen im ganzen Weltall in gleicher Weise als das eine große, unergründliche Weltgeschehen laufen sehen und — leben.

Außer der Teilung kennen wir bis heute fast nichts aus dem inneren Leben der Zelle. Wie in einer Fabrikstadt, deren Schlote wir von einem Berge aus im Nebel nur angedeutet ragen sehen, ohne erkennen zu können, was dort in Dampf und Rauch gewonnen wird, vollzieht sich grau in grau vor uns das Wirken in der geheimen Werkstatt des Lebens. Man sieht nichts, und es geschieht alles. Wir stehen wie bei einem Zauberkünstler da vor lauter Tatsachen und begreifen kein Geschehnis. Und wie lockt die Begierde, das Geschehen zu begreifen, da das Geschehene doch so wunderbar! Man stelle sich doch vor: eine Zelle, so klein, daß in diesem Pünktchen auf dem i ihrer zwanzig Platz hätten, setzt sich aus 20 000 Plasmawaben zusammen. Diese bestehen aus Wasser, Salzen, Alkoholen, Glyzerin, Fetten, Phosphorfetten, Zuckern, Stärke, Leim, Aminosäuren, einfachen und zusammengesetzten, festen und flüssigen Eiweißkörpern, aus aromatischen Stoffen, Farbstoffen, Pigmenten und noch hundert anderen chemischen Verbindungen. Diese sind in dem Pünktchen kunstvoll organisiert, jede genau an ihrem Platz und nicht einen Deut daneben. In der Mitte dieses Pünktchens liegt der Kern, zusammengesetzt aus Kernhaut, Kernsaft, Kernkörperchen, Kernnetz und den planvoll geordneten Körnchen der Farbsubstanz. Neben dem Kern liegt der Zentralkörper, der weit hinein ins Plasma strahlt, in dem wir wieder Fäden und Netze, Körner, Kanäle, Wände, Waben und Kammern in ungezählten Zahlen finden. All dies in dem einen kleinen Pünktchen, das kleiner ist als der zwanzigste Teil dieses i-Punkts. Und dieses Wundergebilde lebt! Es bewegt sich infolge einer Reihe eigenartiger chemischer Umwandlungen an einer Oberfläche. Es atmet, indem es Sauerstoff aus der Luft aufnimmt, in seinen Atemkörnern sammelt, das Sauerstoffmolekül in seine beiden Atome spaltet und in die Verbindungen seines Plasmas leitet. Es nährt sich: es nimmt Wasser und Salze, Zucker und Säuren, Alkohole und Fette und Eiweißkörper auf. Es besitzt eigene Stoffe für die Spaltung des Zuckermoleküls, eigene für die verschiedenen Eiweißkörper. Mit Hilfe dieser Stoffe zerlegt es Eiweiß in Aminosäureketten und diese Ketten wieder in die einzelnen Glieder, die Aminosäuren; Stärke in Dextrin, Dextrin in Malzzucker, Malzzucker in Traubenzucker und diesen in Kohlensäure und Wasser. Die Fette spaltet es in Glyzerin und Säuren, und diese zerlegt es weiter. Aus den gewonnenen Bruchstücken dieser Verbindungen vermag es wieder mit Hilfe ganz bestimmter Chemikalien Hunderte von verschiedenen Stoffen aufzubauen. Aus Aminosäuren baut das Pünktchen wieder Aminosäureketten und aus diesen wieder Eiweißmoleküle aller Art, die es mit allen möglichen Nebenstoffen verkuppelt, wie es deren gerade für seine Eigenzwecke bedarf. Aus Säuren und Glyzerin setzt es besondere ganz eigenartige Zellfette zusammen; an diese bindet es Phosphorsäure und andere Körper und baut so die verschiedenen Arten der Lezithine und andere Phosphorfette. Aus den niederen Zuckern stellt es die höheren zusammen, aus diesen Dextrin und Stärke. Alles dieses tut es nebeneinander und zu einer Zeit, ohne daß sich diese Vorgänge gegenseitig stören, und tut es ununterbrochen, um die Masse seines stets sich zersetzenden Plasmas zu erhalten und zu wachsen. Einen Teil der geschaffenen Verbindungen sammelt es an bestimmten Stellen als Vorratsstoff, um sie zu geeigneter Zeit zu verbrennen oder zu besonderen Leistungen zu verwerten, die die bisher genannten allgemeinen und allen Zellen zukommenden Lebenstätigkeiten noch weit übertreffen.

Das Leberzellenpünktchen beispielsweise, das so klein ist, daß man es als Sonnenstäubchen in der Mittagssonne nicht sähe (s. Abb. 11, Tafel ^IV^), verrichtet außer diesen aufgezählten allgemeinen Lebenstätigkeiten noch mindestens zwanzig höchst verwickelte besondere Leberarbeiten, für deren jede der Mensch mit seinen heutigen Mitteln ein ganzes Laboratorium mit Assistenten, Kolben und Kochern, Filtrier- und Destillierapparaten und einen ganzen Schrank voll Chemikalien nötig hätte. Er brauchte Streichholz und Fließpapier, Atomtabellen und ein dickes Handbuch der Chemie, Geduld und Geist und tagelangen Fleiß, um auch nur eine von den zwanzig Leistungen nachzuahmen, die die Leberzelle in dem Viertelstündchen verrichtet, da wir im Mittagsschläfchen ruhen und in unserem satten Schlummer uns alles andere träumen lassen als die Wunder, die in unserem Innern vor sich gehen...

Durch die Leber fließen nach der Mahlzeit mit dem Blut aus dem Darm die Säfte der verdauten Speisen. Aus diesem durchfließenden Blut nimmt die Leberzelle die chemischen Verbindungen der eingeführten Nahrung auf. Sie reißt den Zucker an sich und setzt die Zuckermoleküle zusammen zu Stärke und bricht sie später wieder auseinander zu Zucker; sie nimmt die Aminosäuren der abgebauten Eiweißmoleküle auf und vereinigt sie mit Ammoniak zu Harnstoff und Harnsäure; diese verkuppelt sie mit den Metallen des Körpers, dem Kalium und Natrium, zu den Harnsalzen. Den Blutfarbstoff der täglich sterbenden Billion Blutzellen fängt sie aus dem Blute auf und verwandelt ihn in den grünlichen Gallenfarbstoff. Aus uns noch unbekannten Grundverbindungen baut sie die Gallensäure auf; diese verkuppelt sie mit Aminosäuren. Die Giftstoffe, die bei der Eiweißverdauung im Darm frei werden, wie die Karbolsäure, speichert sie in sich auf und macht sie durch Verkuppelung mit Schwefelsäure unschädlich. Karbol- und Schwefelsäure! Mit solchen Giften operiert die Leberzelle Tag für Tag und verbrennt sich nicht und vergiftet sich nicht! Und viele andere Gifte hält sie fest, die der Mensch in seiner Unnatur in seinen Körper hineingießt und hineinbläst, so das Koffein des Kaffees und das Nikotin des Tabaks, das Morphium, das Opium und das Veronal, und verwandelt sie durch Abbau und Verkuppelung in harmlose Stoffe. Aus dem großen Reichtum der ihr zufließenden Chemikalien braut sie die Galle, ein Elixier von über dreißig verschiedenen Tinkturen und Essenzen, gegen das alle Benediktiner und Karthäuser Stümperware sind. Und bei alledem hat sie noch Zeit, ihr eigenes Leben zu führen, sie nährt sich, atmet, wächst, empfindet und, höchste aller Unbegreiflichkeiten, dieses Wunder stirbt nicht: eines Tages wandert in dem Mikropünktchen das tausendmal kleinere Ultrapünktchen, der Zentralkörper, spaltet sich und durchstrahlt das Plasma, der Kern schwillt, das Chromatin in ihm windet sich wie eine erwachende Schlange, bildet Rand, Knäuel, Schleifen, den Teilungsstern, spaltet sich und wandert zu den Polen, und all dies, davon ein Menschenmund nicht aufhören kann zu erzählen, vollzieht sich ohne Lärm und Laufen, ohne Rad und Rauch, ja ohne daß wir mit den stärksten Mikroskopen überhaupt sehen, daß etwas vorgeht, und dies alles in dem einen winzigen Pünktchen, davon zwanzig auf dem i-Punkt Platz finden, ohne sich zu drängen!

Und wie in der Leberzelle ist’s in allen anderen der 30 Billionen Zellenpünktchen unseres Leibes. Was die Leberzelle vermag, das kann in ihrer Art die Nierenzelle, die aus Blut den Harn bereitet, das schafft die Darmzelle, die die Nahrungsstoffe aufnimmt oder die Magenzelle, die Salzsäure und Pepsin fabriziert, die Herzzelle, die täglich 100 000 Male zusammenzuckt, die Hirnzelle, die Gefühle empfindet und Gedanken erdenkt und, größtes aller Wunder, in diesem Augenblick über ihr eigenes und das Zauberleben ihrer Geschwister in Schwingung und Bewunderung gerät. 30 Billionen solcher lebender und webender Zellenpünktchen sind ununterbrochen in deinem Leibe geschäftig, sie hüpfen und halten, fließen und kriechen, bauen und brauen, sehen und hören, fühlen, denken, wollen und wissen, und all ihr Leben zusammen, das ist dein Leben, das bist du!

Wir und die Zellen, aus denen wir bestehen, sind eins. Ich bin sie, und sie sind ich. Ist das Haar, das ausfällt, nicht ich? Ist der Nagelreif, der sich am Scherenrande abrollt und nun am Boden liegt und fortgefegt wird mit dem Kehricht, nicht ein Stück von mir? Bin ich etwas anderes als meine Hand, als mein Hirn? Und sind sie etwas anderes als ihre Zellen? Nehmt sie auseinander, Stück für Stück und Faser für Faser, daß ihr auch nicht das kleinste Stäubchen übergeht, sie sind nichts als ihre Zellen. Mensch ist ein Sammelname für eine Summe zusammenlebender Zellen. Ihr Wohlsein ist unsere Gesundheit, ihre Krankheit unser Leiden, ihr Sterben unser Tod. Wie es in Wirklichkeit kein Leben eines Volkes gibt, sondern nur das Leben seiner Bürger, so gibt es im Grunde kein Leben eines Menschen, sondern nur das Leben seiner Zellen. Wenn Staaten Kriege führen, so sind es Menschen, die gegeneinander kämpfen, und nicht Länder; wenn der Mensch Bewegungen ausführt, Säfte erzeugt, Schmerzen empfindet, Gedanken denkt, so sind es Zellen, die sich bewegen, fühlen, Säfte brauen, und nicht der Mensch. Der Mensch als solcher kann gar nichts. Heiß dein Herz stille stehen! Befiehl deinem Darm, sich nicht zu schlängeln! Halt den Umlauf deines Blutes ein! Erröte! Erröte nicht! O, was gäbst du manchmal darum, wenn du nicht erröten ~müßtest~! Werde einmal nicht müde, wenn deine Zellen schlafen wollen! Schlafe einmal, wenn deine Hirnzellen munter sind und du dich nächtens qualvoll auf dem Lager wälzst, vor Ohnmachtswut dem Weinen nahe! Stottere nicht, Stammler! Steh auf, Gelähmter! Unmusikalischer, singe diese Melodie mir nach! Erhebe dich auf den Flügeln des beschwingten Geistes, Phlegmatiker! Ihr könnt nicht? Ach, nicht ihr seid es ja, die leben und leiden, kraftvoll oder schwach sind, es sind eure Zellen, und den Zellen könnt ihr nicht befehlen. „^L’état c’est moi^!” rief einst der König von Frankreich, „Der Staat, das bin ich!”, und stolz wiederholt es heute ein jeder von uns, da wir in Staaten leben, darinnen jedes Bürgers Stimme gilt. Aber „^l’état c’est moi^!” hallt es nach in unserem Innern und klingt das Echo durch die Reihen der 30 Billionen Zellenbürger unseres Körpers, und jede Zelle wiederholt es stolz: „Der Mensch, das bin ich!”

Menschenleben ist Zellenleben. Wenn wir atmen müssen, so sind es Zellen, die Luft begehren, und wenn wir Hunger haben, so hungert nicht uns, sondern eine Gruppe von Zellen in der Magenwand verlangt nach Nahrung, weil sie angefüllt ist mit Verdauungssaft. Nicht du bist es, der diese Worte sieht, und nicht deine Augen sind es, sondern einzig und allein ganz bestimmte Zellen des Augenhintergrundes, die die Fähigkeit erworben haben, die Billionenzahl der Ätherzellen zu registrieren, und nicht du bist es, der diese Wortbilder auffaßt und in Vorstellungen ummünzt, sondern nur eine ganz bestimmte Gruppe von Zellen der grauen Großhirnrinde besitzt die Fähigkeit, die Ätherwellen-Morsezeichen, die der Sehnerv ihnen übermittelt, in Begriffe umzusetzen. Jeder Mensch kann nur begreifen, denken und handeln, wozu die Zellen seines Hirnes ihn befähigen. Raubt einem Menschen jenes Säulchen feiner Zellen, das in seinen Ohren schwingt, und ihr machtet ihn, der eben noch entzückt den Symphonien der Musik gelauscht, nun taub für alle Schönheit atmosphärischer Rhythmen. Blättert die Tapete zarter Zellen seiner Netzhaut ab, die so dünn ist wie eine Spinnenwebe, und ihr blendet den lichtbegeisterten Genius zum ewig Blinden, der sich durch die Finsternisse seiner Nächte wie ein Schatten hintastet. Was ist der Mensch, der sich so groß und herrlich dünkt, so frei und niemand untertan? Daß er sich mit dem Purpur des Königs umkleidet, mit dem Hermelin des Kaisers umbrämt? Nicht einmal er selbst. Ein Zellensklave. Er mag über ein Reich gebieten, in dem die Sonne nicht untergeht, er kann nicht hundert Zellen seines Herzens befehlen; wenn sie erlahmen, muß er sterben. Den Aufstand von Nationen mag er unterdrücken, gegen ein Häuflein rebellischer Zellen in seinem Innern wird seine Königsmacht zuschanden. Heute künden ihrer tausend seines Hirnes ihm den Dienst, und dem Helden von gestern zittern die Knie; morgen fallen ihrer tausend ab, und das Wort erstirbt ihm auf der Zunge, und er vergißt den Namen seines Weibes; übermorgen werden abermals ihm tausend untreu, und er vergißt sich selbst, dahin sind Seele, Geist, Charakter und Gemüt, — ein lebender Leichnam, weniger als ein Hund, wälzt sich in seinem Unrat, und die gefeierte Persönlichkeit von gestern ist heut ein irrer Leib, ein Haufen Knochen und Gedärm ohne Halt und Herrschaft, der wunsch- und willenlos verkommt, wenn sich der Wärter seiner nicht erbarmt. ... O Mensch, o Mensch, du Alles und du Nichts! Den Dingen gegenüber so groß und so mächtig, und dir selber so gar nichts und so nichtig, du Knechter der anderen und Knecht deiner selbst, du Herrscher der Welt und Sklave deines Ichs! Wasserfälle heißt du deine Räder treiben, Blitze deine Nacht erhellen und auf Flügeln schwingst du dich, der Urgesetze spottend, über Wolken, und doch:

„Setz dir Perücken auf von Millionen Locken, Setz deinen Fuß auf ellenhohe Socken, Du bleibst doch immer, was du bist”,

— eine Kolonie punkthaft kleiner Tierchen, die nicht du sind und denen du nicht zu befehlen hast, sondern die dir befehlen und dich heißen, das zu tun und das zu sein, was sie sind. Sterne wiegst du in den Nächten, malst Madonnen, lockst aus Saiten Symphonien, den Adler stürzt du aus den Lüften und die Zeder neigt vor dir die Wipfel, — und in dir selber bist du eingekerkert in die Zelle eines Pünktchens, das zu klein ist, daß dein Aug es sähe, und zu fein, als daß dein Fuß es träte, und doch dein so wenig achtend, daß es nicht den flehendsten Wunsch dir ablauscht und nicht die bescheidenste Bitte dir erfüllt. Wie es lebt, so mußt du sein, und wenn es stirbt, so mußt du sterben, ob auch Locken deine Stirn noch schmücken und du noch mit offenem Munde nach den Wonnen dieses Lebens langst, denn das Pünktchen, dieses fremde, eigenlebende, dir nicht dienende und dein nicht achtende Pünktchen, die Zelle, das bist du! Du großer, kleiner Mensch! Du armer Reicher! Soll ich vor dir niederknien und dich preisen, daß du so groß bist, oder mein Haupt verhüllen und dich beweinen, daß du so elend, du wunderlicher Sohn des Chaos? Du wandelnder Widerspruch! Zellenherr und Zellenknecht!