Die Zelle

Part 3

Chapter 33,445 wordsPublic domain

Die Innenfläche eines Menschen kann — so unglaubhaft es zuerst auch klingt — mit der Außenfläche einer Pflanze durchaus wetteifern. Ein Würfel, dessen Kante 1 ^m^ lang ist, besitzt mit seinen sechs Seiten eine Oberfläche von 6 ^qm^. Halbiert man die Kante und schneidet so den Würfel in den drei Raumrichtungen durch, so erhält man aus dem einen Würfel deren acht mit je 1/2 m Kantenmaß. Diese acht Würfel besitzen zusammen eine Oberfläche von 12 ^qm^. Halbiert man nun wieder die Kante dieser Würfel, so erhält man 8mal 8 Würfel von je 1/4 ^m^ Seitenlänge mit der insgesamt 16fachen Oberfläche von 24 ^qm^. Zerlegt man durch immer erneute Teilung schließlich die Kante des Würfels nach der Einteilung unseres Zentimetermaßes in 1000 ^mm^ und so den einen Kubikmeter in Kubikmillimeter, so erhält man aus dem einen großen Würfel eine Milliarde Millimeterwürfel. Solange diese noch zusammenstehen, besitzen sie als der eine große Kubikmeter-Würfel 6 ^qm^ Oberfläche. Läßt man sie nun aber auseinanderfallen, so stehen sie mit einer Gesamtoberfläche von 6000 ^qm^ mit der Außenwelt in Flächenberührung. Der Mensch ist solch ein aus kleinsten Würfeln, den Zellen, zusammengesetzter Block. Er besitzt jedoch nach außen nicht 6, sondern nur 2 ^qm^ Oberfläche. Dafür ist er aber im Innern nicht in eine Milliarde, sondern in viele Billionen kleinster Zellenwürfel geteilt. Diese etwa 30 Billionen Zellenwürfel besitzen zusammen eine Oberfläche von über 5000 ^qm^. Mit 5000 ^qm^ Oberfläche stehen die 30 Billionen Zellen des Menschenleibes mit den sie umspülenden Säften und dadurch mit der Außenwelt in Berührung. Würde man einen Menschen wie einen Kuchenteig auswalzen, bis seine gesamte Zellenoberfläche frei zutage läge, so würde dieser Zellenteig einen Marktplatz von über 70 ^m^ Seitenlänge überziehen können. Würde man diese Zellenoberfläche aus einem Menschen wie einen Teppich herausrollen können, so würde dieser über eine halbe Stunde Weges 3 ^km^ weit hinreichen. Man denke sich einen Menschen auf die Berliner Siegessäule vor dem Reichstag gestellt und auf einem drehbaren Sockel stehend wie die Marmorstatuen in den Museen. Den Zellen dieses Menschen wird die Oberflächenhaut abgezogen und zwar so, daß sie in Form eines Zentimeterbandes wie das Garn von einer Spule abgerollt wird. Ein Flieger kommt geflogen, befestigt den Anfang des Bandes an seinem Aeroplan und fliegt davon, das Zellenband nach sich ziehend, den Menschen von der Scheitelhöhe abwärts wie eine Garnspule abwickelnd. Wie weit muß der Aeroplan wohl fliegen, bis die letzte Zelle des Mannes ihrer Haut beraubt ist? Vom Königsplatz in Berlin nach Süden über die Stadtgrenze hinaus, über alle Vororte und über die Mark Brandenburg bis nach Sachsen, über Dresden und die Sächsische Schweiz das Elbtal aufwärts bis nach Böhmen hinein, über Prag hinweg und käme gut bis nach Wien und könnte hier das Zellenband an der Spitze des Stephanturmes befestigen. Ein ausgespannter Mensch — ein Zentimeterband von Berlin bis Wien! Zehn Stunden lang kann man mit einem Schnellzug an dem Zentimeterband der Zellen seines Leibes entlangfahren!

Bedenkt man nun noch, daß durch die Schaumstruktur des Plasmas die lebende Fläche auch innerhalb jeder Zelle durch jedes Tröpfchen, Bläschen und Kämmerchen abermals um das Tausendfache vergrößert ist, so erreicht die wahre Ausdehnung der Lebensfläche eines Menschen ein unausdenkliches, geradezu phantastisches Maß.

Der Sinn dieser Flächenausbreitung liegt in dem hohen Wert freier Oberflächen für den Ablauf der Lebensprozesse. Fast alle Lebensvorgänge, die Aufnahme, Wanderung, und Ausscheidung der Atemgase und Nahrungsstoffe, der Ausgleich der verschiedenen Lösungen zwischen den einzelnen Organen und Zellen, die Wirkung und Wanderung der chemisch wirksamen Teilchen der Lösungen, der Salzionen, und viele andere Vorgänge des Stoffwechsels vollziehen sich von Fläche zu Fläche und um so rascher, je mehr Oberfläche zur Verfügung steht. Durch die Teilung der Körpermasse in Billionen Zellwürfel und die Ausbreitung des Plasmas in jeder Zelle über ungezählte Schaumwände werden Kraft und Geschwindigkeit der Lebensvorgänge auf jenes Höchstmaß gesteigert, durch das sich allein die Erscheinungen des Lebens, wenn auch nicht erklären, so doch wenigstens als überhaupt möglich begreifen lassen.

Die Zahl der menschlichen Zellen beträgt rund 30 Billionen, wovon allein 22 Billionen auf die in der Blutflüssigkeit schwimmenden Blutzellen entfallen. Eine unvorstellbare, an kosmische Maße gemahnende Zahl. 30 Billionen! Würde aus einem Menschen wie aus einem Automaten in jeder Sekunde eine Zelle fallen, so dürfte es gewiß geraume Zeit währen, ehe der Zellautomat Mensch leer geworden. Ein paar Jahre? Oder ein Menschenleben lang? Oder gar noch länger? Eine Billion Sekunden dauern fast 30 000 Jahre, und seit der Geburt Christi ist noch nicht der 15. Teil dieser Sekundenzahl verflossen. Folglich fielen 30 × 30 000 = 900 000 Jahre lang Sekunde für Sekunde Zelle um Zelle aus einem Menschenkörper, ehe der Inhalt seines Leibes entleert wäre. Hätte dieser Vorgang bei einem jener vorgeschichtlichen Menschen begonnen, die noch vor der letzten Eiszeit in Europa in den Höhlen der Dordogne um ihre Feuer saßen, während draußen das Mammut in den Sümpfen brüllte, und sollte dieser Mensch nicht eher sterben, als bis die letzte Zelle seinem Körper entfallen wäre, so lebte er noch heute. Er hätte die Eiszeiten kommen und gehen sehen, Renntiere und Bisons über die grünenden Niederungen Frankreichs springen, die Wanderungen der Urvölker und die Anfänge des Ackerbaues erlebt; er hätte Hannibal durchziehen und Cäsar an der Spitze seiner Legionen kommen sehen, an sein Ohr wäre der Schlachtruf der Araber gedrungen, an seinem Auge wären die Troubadoure und die Ritter der Kreuzzüge vorbeigezogen. Der Sonnenkönig fährt mit Mme. Pompadour an ihm im Schlitten vorüber, er hört die Freiheitsreden Camille Desmoulins’ und sieht das schöne Lockenhaupt der Marie Antoinette hinrollen in den Staub, Napoleon kommt als General, als Kaiser und kehrt geschlagen aus Rußland zurück, die junge Kaiserin Eugenie lustwandelt an ihm vorbei, die deutschen Truppen ziehen 1870 ein, und 1914 hört er den Donner der Kanonen von Soissons und Reims, — und der Eiszeitmensch ist noch immer nicht gestorben, ja kaum ein einziges Glied seines Körpers ist abgefallen, trotzdem Sekunde für Sekunde, 1, 2, 3, 4, ununterbrochen seit jener Eiszeitnacht die Zellen aus seinem Körper fallen, er lebt noch immer und wird noch weiter leben, wenn man die Völker Europas nicht einmal mehr mit Namen nennt, noch 100mal länger als von Karl dem Großen bis heute, und in jeder Sekunde werden wie bisher weiter Tag und Nacht mit der Geschwindigkeit des rastlosen Uhrzeigers die Zellen aus ihm fallen, und noch immer ist die letzte Zelle dieses einen einzigen Menschenkörpers nicht erschienen... „der Mensch ist ein Mikrokosmos, ein kleines Universum, das aus einer Unzahl sich selbst fortpflanzender Organismen zusammengesetzt ist, die unbegreiflich klein sind und so zahlreich wie die Sterne am Himmel” (Darwin).

Im Durchschnitt besitzt jede Zelle eine Kantenlänge von 0,02 ^mm^, so daß also auf diesem 1 ^cm^ langen Strich ―― 500 und auf diesem ^qcm^ ⬜ 250 000 Zellen nebeneinander liegen könnten und in einem Kasten von dieser Seitengröße über 100 Millionen Zellen verpackt werden könnten. In einem Stück Würfelzucker fänden 250 Millionen Zellen genugsam Raum, um ungestört nebeneinander zu leben.

Die Abweichungen von diesem Mittelwert erreichen im menschlichen Körper ungefähr das Zehnfache nach beiden Seiten. Die kleinsten Zellen sind die Blutplättchen, winzige, in ihrem Wesen noch wenig erforschte Bestandteile des Blutes, die 0,0002 ^mm^ im Durchmesser besitzen, die größte Körperzelle ist die Eizelle mit 0,3 ^mm^ Durchmesser, so daß sie dem unbewaffneten Auge eben als ein graues Pünktchen sichtbar ist. Ihre Größe verdankt sie genau wie das Hühnerei der gewaltigen Anhäufung von Nährmaterial in ihrem Innern für das keimende Kind.

Trotz ihrer Winzigkeit ist jede höhere Zelle und in erster Linie die menschliche ein feinorganisiertes Lebewesen. Die Zelle ist nicht, wie man allerorten flachsinnig hört und liest, „ein Plasmaklümpchen mit einem Kern in der Mitte”; ebenso gut könnte man Paris aus der Höhe eines Aeroplans als einen Steinhaufen mit einer Wasserrinne in der Mitte bezeichnen. Die Zelle ist, wie sie der Anatom ~Brücke~ schon vor vielen Jahren trefflich benannt hat: ein Elementarorganismus.

Plasma, Kern und Zentralkörper sind seine Hauptbestandteile. Wie es in einem echten Organismus nicht anders zu erwarten ist, liegen diese in genau bestimmter Lage zueinander. Zellmittelpunkt, Kernmittelpunkt und Zentralkörper liegen in einer Achse. Nur bei dieser Lage herrscht in der Zelle Gleichgewicht (Abb. 10, Tafel ^III^).

Den weitaus meisten Raum nimmt das ~Plasma~ ein. Dieses zeigt nicht nur im Dämmer seines Grau jene fabelhaften Feinheiten, die Fayod und Künstler in ihm entdeckt haben wollen, nicht nur die Schaumstruktur Bütschlis, die Fäden Flemmings und die Körner Altmanns, sondern ist infolge der seit Jahrhunderttausenden durchgeführten Arbeitsteilung in fast jeder Zellgattung in besonderer Weise durchgebildet, in den Drüsenzellen wie lagerndes Korn gehäuft, in den Empfindungszellen in Telegraphennetzen ausgespannt, in den Muskelzellen zu Zugseilen ausgezogen, in den Fettzellen zu Ölballons gerundet, in den Nierenzellen zu feinen Kanälen gegossen und in den Hornzellen zu ehernen Platten ausgewalzt und führt uns so jenen unbeschreiblichen und noch längst nicht völlig erforschten Reichtum der Plasmagestaltung vor das entzückte Auge, dessen Studium einen so breiten Raum in der Menschenkunde einnimmt.

In seiner Grundform zeigt das Plasma zumeist Wabenbau. Das Wabwerk wird gewöhnlich von einem Fadennetz durchzogen, das an den Wänden der Zelle weiterverzweigt seinen Anfang nimmt und sich in der Zellmitte in der Nähe des Kerns um den Zentralkörper verdichtet. In den Knotenpunkten des Wabwerks und Fadennetzes liegen im Plasma verstreut jene winzigen Körnchen, die nach Altmanns Theorie die eigentlichen Träger des Lebens sein sollen und nach seiner Ansicht in der Nährmasse des Plasmas wie Bakterien in ihrer Gelatine ein selbständiges Leben in freier Bewegung, Empfindung, Ernährung und Fortpflanzung führen. Am deutlichsten sieht man diese Körnchen an geeigneten Pflanzenzellen. Die Pflanzenzelle ist eine Zigarrenkiste, Plasma ihr Inhalt. In der Jugend ist diese Zigarrenkiste klein und von Plasma völlig erfüllt. Später wächst sie allseitig und wird geräumiger, aber ihr Inhalt mehrt sich nicht entsprechend. Folglich kann das Plasma nicht mehr die ganze Kiste füllen, sondern zeigt zuerst Löcher wie ein Schweizerkäse und reißt später bei weiterem Wachstum der Kiste völlig auseinander, um schließlich nur noch wie Honig in einem ausgeleerten Honigglas als dünner Belag den Wänden anzuhaften und in einzelnen Fäden die leere Zellhöhle zu durchziehen.

In diesem Wandbelag der Pflanzenzellen sieht man große, rundliche Körner liegen, die bekannten ~Chlorophyllkörner~, die nur den Pflanzenzellen zukommen, ihnen ihre grüne Farbe verleihen und unter dem Einfluß des Sonnenlichts aus Kohlensäure und Wasser die Stärke bauen. Sie liegen an den Wänden der Zellen, um hier das einfallende Sonnenlicht aufzufangen, mit dessen Kraft sie ihr chemisches Lebenswerk vollführen. Das Chlorophyllkorn ist ein chemischer Sonnenmotor.

Im Innern der Zelle dagegen gewahrt man längs der feinen Plasmastränge die kleineren eigentlichen Plasmakörner, die an den zarten Silberfäden wie Segelschiffe auf schimmernden Flüssen lautlos dahingleiten, ohne Stillstand, solange ein Strahl Sonne das Leben dieses kleinen Alls erhält, — ein so unwirklich zartes, duftdurchhauchtes Bild, daß man wie durch ein Wunderglas ein Feenreich zu schauen meint, in dem wir zwischen Mondenglanz und Silbergespinsten einen Elfenzauber belauschen (s. Umschlagzeichnung, Abbildung einer Kürbiszelle). Ein Bild derart mag Faust in Nostradamus’ Wunderbuch gefesselt haben, als er entzückt die Worte rief:

„Wie alles sich zum Ganzen webt, Eins in dem andern wirkt und lebt, Wie Himmelskräfte auf und nieder steigen Und sich die goldenen Eimer reichen!”

Über die Bedeutung der Körner herrscht noch große Unklarheit. Während man früher, ganz gefangen von der wunderbaren Gesamterscheinung der Zelle, ihnen geringe Beachtung schenkte, widmet man ihnen neuerdings größere Aufmerksamkeit und betrachtet sie, wenn auch nicht wie Altmann in seiner erwähnten Körnertheorie als die Elemente des Lebens, so doch als die Träger und Zentralpunkte der einzelnen Zellfähigkeiten und unterscheidet demgemäß mehrere Arten.

In allen Zellen verbreitet sind die ~Atemkörner~. Diese sollen einen Stoff in sich hegen, der ähnlich wie der eisenhaltige Blutfarbstoff der Blutzellen große Anziehungskraft auf den Sauerstoff der Atemluft ausübt, diesen aus der Zellumgebung begierig an sich reißt, das Sauerstoffmolekül spaltet und die einzelnen Sauerstoffatome den verschiedenen Bezirken der Zelle zuführt. Die Atemkörner spielen demnach für die Zelle dieselbe Rolle wie die Blutzellen für den Gesamtorganismus, sie sind die Atemgasbinder und -verbreiter.

Ebenso allgemein wie die Atemkörner findet man die ~Speicherkörner~, die, wie jene die Atemgase, die aufgenommenen Nährstoffe der Zelle chemisch an sich binden, aufspeichern und zu gegebener Zeit wieder abspalten. Je nach ihrer Sondertätigkeit bezeichnet man sie als Fettkörner, wenn sie Fett speichern, als Muskelkörner, wenn sie in den Muskeln die Stärke als den Betriebsstoff der Muskelzellmotoren sammeln, als Nervenkörner in den Nervenzellen und als Dotterkörner in den Eizellen. In größter Zahl angehäuft finden sie sich in den Ausscheidungs- oder Drüsenzellen, wo sie als ~Drüsenkörner~ in engster Beziehung zu den Ausscheidungstätigkeiten der Zelle stehen. Zu Beginn der Drüsentätigkeit sieht man die Drüsenkörner anschwellen und dunkler werden, auf der Höhe der chemischen Fabrikation des Drüsensaftes sind sie so gequollen und saftgefüllt, daß einzelne von ihnen als kleine Bläschen erkennbar sind; nach der Ausscheidung schrumpfen sie und verschwinden zum größten Teil unter die Grenze der Sichtbarkeit (Abb. 11, Tafel ^IV^).

Die Körner, die man in so auffallender Zahl in den Nierenzellen sieht, sollen die Gifte des Blutes an sich reißen und in Harnverbindungen überführen, die Talgkörner in den Talgzellen das Talgfett herstellen, die Hornkörner in den Hornzellen das Horn der Haut bereiten, die Leimkörner den Leim, die Knorpelkörner Knorpelstoff zusammensetzen.

Besonders auffallend wegen ihrer leichten Färbbarkeit und daher früh erkannt und benannt sind die ~Nervenkörner~ in den Zellen des Rückenmarks und Hirns, die ganz offensichtlich die für die Maschinerie der Nervenzellen notwendigen Betriebsstoffe in sich sammeln. Denn in Ruhe und nach Schlaf, wenn die Tätigkeit der Nervenzellen eine geringe ist, sieht man sie sich mehren und schließlich die Zelle dicht und dick erfüllen. Unterwirft man nun das Versuchstier schwerer Arbeit oder starken seelischen Erregungen, so verblassen die Körnchen und schwinden schließlich ganz. Aus der Anzahl der Körner in den Nervenzellen kann man ohne Kenntnis des Vorlebens auf die Vergangenheit und den Nervenzustand ihrer Träger schließen. Die Nervenzellen eines gesunden Kindes oder kräftigen Mannes sind reich an Körnern; die des Erschöpften und Gealterten sind körnerleer, er hat, sagt ahnungsvoll treffend der Volksmund, seine Nervenkraft verbraucht (Abb. 12, Tafel ^IV^). Der Mensch, der hinausstürmt ins Leben, hoffnungsvoll, tatenfreudig, kraftgeschwellt, und der dann als Greis zurückkehrt in den Hafen seiner Träume, abgehetzt, des Jagens müde und zufrieden, sich selbst noch zu besitzen, er hat auf seiner Fahrt nicht nur Hoffnungen verloren und Heimat und Jahre, sondern auch den Inhalt seiner Nervenzellen:

Als ich Abschied nahm, als ich Abschied nahm, Waren Kisten und Kasten schwer, Als ich wiederkam, als ich wiederkam, War alles leer.

Eine andere, eigenartige und noch durchaus nicht aufgeklärte Rolle spielen in den Zellen die ~Pigmentkörner~, die Träger jenes braunen Farbstoffs Pigment, dem der Körper seine dunklen Farben verdankt, den gelblichen Ton der Haut, das Negerschwarz, Indianerrot, Mongolengelb, ferner das Braun der Haare und das Dunkel der Augen. Die Pigmentkörner sind Schutzorgane der Zelle gegen die Einwirkungen des Lichtes, sie sind die Fensterläden an dem lebenerfüllten Glashaus der Zelle. Von höchster Wichtigkeit sind sie daher für die Sehzellen des Augenhintergrundes, die das Sonnenlicht unmittelbar und noch verstärkt durch die Brennglaswirkung der Augenlinse auffangen, weshalb man die Pigmentkörner in ihnen in sonst ungekannter Zahl und Geschäftigkeit am Werke sieht. In dichten Massen liegen sie an den Wänden der Stäbchen- und Zapfenzellen des Augenhintergrundes. Befindet sich das Auge in Schatten oder mildem Licht, so wandern die Pigmentkörner an den Grund der Zelle, um es ungehindert eintreten zu lassen: der Fensterladen der kleinen Lichtkammer ist aufgezogen. Läßt man nun grelles Sonnenlicht in das Auge fallen, so rollen die Körner längs der Zellwand herab wie die Leisten eines heruntergelassenen Fensterladens: das Zellfenster ist verhangen und das Glashaus geschützt gegen die sengende Glut. Sonnenschirme und Jalousien sind keine Erfindungen der Kultur, sie sind kein Luxus unserer Schönen, ihren zarten Teint zu schonen, und kein „Komfort” für die Terrasse des Hotels, damit die Gäste unbelastigt ihren Mokka schlürfen, — schon der Glaspalast im Mikrokosmos hat vor seinen Fenstern auf der Sonnenseite seine Jalousien, und vor den Plasmascheiben, durch die das Licht der Welt ins Zellenhaus des Menschen scheint, rollen die gelben Läden sinnvoll auf und nieder... (Abb. 13, Tafel ^IV^).

In gleicher, wenn auch nicht so augenfälliger Weise schützen sich die Zellen der übrigen Körperoberfläche gegen die Wirkungen des Lichtes und der Wärme, weshalb das dunkle Pigment in so reichlichem Maße bei den die Tropen bewohnenden Völkern als das Negerschwarz der Haut vorhanden ist.

Neben der Lichtschutzwirkung müssen die Pigmentkörner andere uns noch unbekannte Funktionen erfüllen. Irgendwelche geheime Beziehungen herrschen zwischen ihnen und der allgemeinen Lebenstüchtigkeit des Plasmas. Geschöpfe, deren Plasma verhältnismäßig reich an Pigmentkörnern ist, sind lebenskräftiger als ihre pigmentarmen Genossen. Pigmentmangel ist ein Zeichen der Lebensschwäche. Manchen Wesen fehlt das Pigment überhaupt, auch in Haaren und Augen. Sie sind daher nicht nur hellhäutig, sondern auch weißhaarig und infolge des aus dem Augenhintergrunde durchschimmernden Blutes rotäugig. Diese Albinos, Weißlinge oder Kakerlaken, diese weißen Raben stehen ihren dunklen Brüdern an Gesundheit, Widerstandskraft und Fortpflanzungsfähigkeit — bemerkenswerterweise oft auch an Charakterbildung — wesentlich nach. So ist die Tuberkulose unter den blonden und hellhäutigen Menschen verbreiteter als unter den dunkelfarbigen der gleichen Rasse. Ein auffallendes Beispiel bieten die Schweine Virginiens. Die hellen unter ihnen gehen nach dem Genuß der giftigen Wurzel Lachnanthes zugrunde, während die schwarzen Schweine sie ohne Schaden genießen. Die inneren Beziehungen zwischen Pigmentreichtum und Gesundheit sind noch unbekannt.

Neben den Atem-, Speicher- und Pigmentkörnern besitzen alle Zellen als eine weitere Art die ~Reizkörner~, Körnchen, die im Gegensatz zu der allgemeinen Empfindungsfähigkeit des Plasmas eine erhöhte Reizbarkeit und vor allem die Fähigkeit besitzen, Reize aufzuhalten, zu sammeln, dadurch zu erhöhen und sie dann umzuschalten. Die Reizkörner sind die Sammler und Umschalter, die Akkumulatoren und Transformatoren der Zelle. Als solche liegen sie vornehmlich an jenen Punkten, wo Reizsammlung, -verstärkung und -umschaltung erforderlich sind, z. B. bei Wimperzellen an den Wurzeln der Flimmerhaare, die sich unter ihrem Einfluß rhythmisch bewegen. Zerstört man diese Reizkörner, so kann die Zelle ihren Wimperhaaren keine gesammelten und geordneten Reize mehr zusenden, und sie stellen ihre harmonischen Bewegungen ein, um nur noch ungeordnet durcheinander zu schlagen.

In den Wimperzellen mancher Tiere findet man nicht nur einzelne Reizkörner, sondern ein ganzes kunstvoll ausgebildetes Reizleitungssystem von größeren und kleineren Körnern, die durch Leitungsfäden miteinander verbunden sind (Abb. 14, Tafel ^V^). Solch eine Zelle mutet an wie ein elektrischer Apparat. Ob sie sich vielleicht dereinst als ein solcher enthüllt?

Als ein Reizkorn erster Ordnung ist der ~Zentralkörper~ der Zelle aufzufassen. Er ist zwar größer als die übrigen Plasmakörner, aber noch immer unvorstellbar klein. Denkt man sich nach dem Vorschlag Reinkes eine Zelle eine Billion mal vergrößert, so wäre sie eine Kiste von 1/2 ^m^ Kantenlänge. In dieser Kiste läge der Kern so groß wie eine Kokosnuß, neben ihm der Zentralkörper wie eine Erbse. In Wahrheit fänden also eine Billion Zentralkörper in einer Erbse Raum, so viele, daß man 20 000 Jahre zählen müßte, um den Inhalt der einen Erbse aufzuzählen. Dennoch besitzt der Zentralkörper, wie durch eingehende Forschungen festgestellt wurde, einen mathematisch abgezirkelten, man möchte sagen astronomischen Bau (Abb. 15, Tafel ^V^).

Er liegt fast immer dicht neben dem Kern der Zelle und steht zu ihm in so nahen Beziehungen, daß manche Forscher ihn als einen außerhalb des Kerns liegenden Kernteil auffassen.

Im Zentralkörper lauft das gesamte Faden- und Wabennetz des Zellplasmas zusammen. Wie eine Spinne in ihrem Netz liegt er im Knotenpunkt aller Fäden und beherrscht sie als das zentrale Reizkorn. Da die im Zentralkörper zusammenlaufenden Fäden sich in seiner Nähe aufs engste nähern müssen und wahrscheinlich auch gegenseitig abplatten, kann man sie in seiner Umgebung kaum mehr wahrnehmen, so daß der Zentralkörper von einem hellen faden- und wabenfreien Hof umgeben scheint wie die Sonne, deren Strahlen man in ihrer Umgebung der Fülle wegen nicht erkennen kann. Der Zentralkörper ist als Sammelpunkt und Schaltstelle der Bewegungsreize der Motor der Zellmaschine, in die Ausdrucksweise der Wissenschaft übersetzt, das motorische Zentrum der Zelle. Daher findet man ihn in den Zellen immer an jenen Punkten, an denen die lebhafteste Bewegung stattfindet. Bei Zellen mit peitschendem Schwanz sitzt er an der Ansatzstelle der Geißel, bei Wimperzellen an der Wurzel der bewegten Haare, bei den Drüsenzellen inmitten der ausfließenden Massen und bewirkt hier die feinen Zuckungen des Plasmas, durch die der Drüsenstoff ausgeschieden wird. Am prächtigsten jedoch tritt er bei dem gewaltigsten Bewegungsprozeß im Leben der Zelle hervor, bei ihrer Teilung.

Die höheren Pflanzenzellen, in denen die Bewegung gegenüber den chemischen Vorgängen völlig in den Hintergrund getreten ist, haben keinen Zentralkörper mehr entwickelt. Das Fehlen des Zentralkörpers ist neben dem Besitz einer festen Wand das zweite Unterscheidungsmerkmal der Pflanzenzelle von der Tierzelle.

In engster Beziehung zum Zentralkörper steht der ihm benachbarte ~Kern~. Im Gegensatz zu den übrigen meist unfärbbaren und grau in grau verschwimmenden Teilen der Zelle besitzen die Kernsubstanzen große Verwandtschaft zu gewissen Farben, dem Karmin, dem aus dem Holz eines tropischen Baumes gewonnenen Hämatoxylin (= Holzrot) sowie den bei der Anilinfabrikation gewonnenen Anilinfarben Eosin (= Morgenröterosa), Safranin (= Safranrot), Gentianaviolett (= Enzianpurpur) und dem Bismarckbraun. Legt man Zellen nach bestimmten Vorschriften einige Minuten in diese Farben, so enthüllt der Kern in leuchtender Pracht die Feinheiten seines edel gegliederten Baues.