Part 2
Wasser Kochsalz Kohlensaurer Kalk Kohlensaures Ammonium Phosphorsaures Kalium Phosphorsaures Kalzium Phosphorsaures Eisen Phosphorsaure Ammoniakmagnesia Glyzerin Freie Kohlenstoffsäuren Kalzium gebund. an niedere Kohlenstoffsäuren Kalzium gebund. an höhere Kohlenstoffsäuren Lezithin Xanthin Cholesterin Harze Farbstoffe Traubenzucker Aminosäuren Verkettete Aminosäuren Muskeleiweiß Dottereiweiß Kerneiweiß Unbestimmbare Substanzen 5%.
Welch eine Fülle kompliziertester Stoffe! Welch eine Welt chemischer Verbindungen im Leib des einfachsten aller Lebewesen! Wer nur einmal diese Reihe der Plasmastoffe an seinem Auge vorüberziehen ließ, wird für alle Zeit befreit sein von dem Irrtum, daß das Plasma eine chemische Verbindung sei, er wird es nie mehr, wie es fast allgemein geschieht, mit Eiweiß verwechseln und der eingewurzelten Irrlehre huldigen, Eiweiß könne leben. Es gibt kein „lebendes Eiweiß”! Mit demselben Recht könnte man behaupten, das Eisen könne laufen, weil man aus Eisen Maschinen baut. Eiweiß ist einer der Rohstoffe für das Plasma, wie das Eisen der unserer Maschinen ist. Eiweiß verhält sich zu Plasma wie ein Stahlblock zu einer Schnellzugslokomotive.
Trotz ihrer imposanten Zahl sind die aufgeführten Stoffe nur die kümmerlichen Bruchstücke der zerstörten Maschinerie. Ihre wahren Verbindungen im Innern des Plasmas, ihre gegenseitigen Verknüpfungen und Beziehungen zum Ablauf des Lebens sind uns fast völlig unbekannt. Durch die chemische Untersuchung ist das Wesen des Plasmas überhaupt nicht zu ergründen, denn nicht in seinen Stoffen, sondern in seinem Gefüge liegen Macht und Geheimnis des Plasmas verborgen. Das Plasma ist eine Organisation, eine Maschinerie, und indem man bei der chemischen Zerstückelung das Gefüge des Plasmas zerstört, vernichtet man auch das Geheimnis seines Wesens. Das lebende unversehrte und das vom Chemiker gewaltsam abgetötete Plasma sind so verschieden, wie ein sprühendes und glühendes Feuerwerk und die Pulverasche und Papierfetzen, die nach seinem Abbrennen übrig bleiben, wie ein bunt bewegtes Theaterstück und die Kulissen und Kostüme, die nach der Vorstellung auf der Bühne herumliegen. Wer aus Tiegeln und Retorten das Geheimnis des Lebens ergründen will, gleicht einem Wilden, der das Rätsel der daherfauchenden Lokomotive zu lösen sucht und sie einschmilzt, um aus den Schlacken die Mechanik ihres Laufes zu lesen. Gäbe es die Geisterwelt der Dichter, so müßte dem Forscher, der im Kolben dieses Plasma zerkocht, um das Lebensrätsel zu lösen, wie weiland Faust der Lebensgeist erscheinen und sich von neuem das unsterbliche Zwiegespräch entspinnen:
Geist: In Lebensfluten, in Tatensturm, Wall’ ich auf und ab, Webe hin und her! Geburt und Grab, Ein ewig Meer, Ein wechselnd Weben, Ein glühend Leben, So schaff’ ich am sausenden Webstuhl der Zeit Und wirke der Gottheit lebendiges Kleid.
Forscher: Der du die weite Welt umschweifst, Geschäft’ger Geist, wie nah’ fühl’ ich mich dir!
Geist: Du gleichst dem Geist, den du begreifst, Nicht mir! (Verschwindet.)
Nicht mit rauher Barbarenhand dürfen wir einbrechen in die heilige Maschinerie des Lebens. In achtungsvoller Ferne müssen wir vor dem Plasma stehen bleiben und es wie eine Feinmechanik betrachten, die man unter einer Glasglocke laufen sieht.
Dem unbewaffneten Auge bietet das Plasma keine Besonderheiten. Es gibt kein zweites Ding auf Erden, das mit solchem Recht auf Stolz so bescheiden auftritt wie das Plasma. Eine gelblichgraue, zuweilen feinkörnige Schleimmasse ohne bestimmten Charakter der Form und Farbe — mehr sieht das grobe Menschenauge nicht vom edelsten Gefüge der Welt. Durch seinen überwiegenden Gehalt an schwerflüssigen Eiweißstoffen, Fetten, Zucker- und Stärkelösungen ist das Plasma halbflüssig, festflüssig; es ist weder fest noch flüssig, es ist beides. Es ist gerade so fest, daß es seine jeweilige Form behalten, und ebenso flüssig, daß es sie jeweils verändern kann. Es ist „plastisch”; und dieser Eigenschaft, alle Formen anzunehmen, zu bewahren oder zu verändern, verdankt es seinen Namen Plasma, Bildungsstoff, oder Protoplasma, Urbildungsstoff.
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Untersuchen wir in der Hoffnung, näheres über seinen Bau zu erfahren, Plasma unter dem Mikroskop, so wird unsere Enttäuschung in keiner Weise gemindert. Auch hier sehen wir selbst bei tausendfacher Vergrößerung kaum mehr als eine trübe, bald mit Körnchen, bald mit Fäserchen oder Bläschen durchsetzte Gallerte. Unendlich viel ist über den feineren Bau des Plasmas geforscht worden. Generationen von Gelehrten haben, bewaffnet mit allen Mitteln der modernen Optik und Beleuchtungstechnik, in Rieseninstituten ihr Leben über Mikroskopen feinster Konstruktion zugebracht, haben wahre Leuchtturmscheine in die Tiefe dieses grauen Meeres gerichtet und sich die Augen trüb gesehen, haben es, als dies nichts fruchtete, mit den feinsten Farben der Welt nach allen Methoden gefärbt, mit den schärfsten Messern bis zu Scheiben von 1/100 Millimeter Feinheit geschnitten, es mit allen Säuren, Laugen und Lösungen zersetzt, im Ultramikroskop bei 5000facher Vergrößerung beobachtet, mit den besten photographischen Apparaten photographiert und die Photographien vergrößert, mit Stereoskopen betrachtet und kinematographisch verfolgt — und haben sein Geheimnis nicht an den Tag gezogen.
„Geheimnisvoll am lichten Tag Läßt sich Natur des Schleiers nicht berauben, Und was sie deinem Blick nicht offenbaren mag, Das zwingst du ihr nicht ab mit Hebeln und mit Schrauben.”
Niemand weiß Genaues über den Bau des Plasmas. Da aber jeder sich von ihm ein Bild zu machen sucht und dieses je nach seiner Augenschärfe, seinen zufälligen Erfahrungen, seiner Phantasie und seinen allgemeinen wissenschaftlichen Anschauungen verschieden ausfällt, so vertritt fast jeder Forscher eine eigene Plasmatheorie.
Nach der ältesten Ansicht, die in den 80er Jahren von ~Altmann~ vorgetragen wurde, soll das Plasma aus einer schleimigen Grundsubstanz bestehen, in der als die eigentlich lebenden Teile winzige Körnchen eingebettet liegen, die wie Bakterien in ihrer nährenden Grundmasse leben und sich vermehren (Körner- oder Granulatheorie) (Abb. 4^a^, Tafel ^II^).
Fast zur selben Zeit trat der bahnbrechende Plasmaforscher ~Flemming~ mit der Fadentheorie auf den Plan, in der er an Stelle der Körnchen Fäden als die eigentlichen Grundteile des Plasmas annahm (Abb. 4^b^, Tafel ^II^).
An die Fadentheorie knüpfte der berühmte Forscher ~Pflüger~ an, der sich das Plasma als ein Gewebe von kettenartig aneinandergereihten Molekülen vorstellte, zwischen denen Flüssigkeiten kreisen. Ähnlich dachte es sich der Botaniker ~Naegeli~ als ein Mosaik von kristallartig angeordneten Molekülgruppen. Der französische Forscher ~Künstler~ wollte sogar bei stärkster Vergrößerung diese Ketten und Mosaiken gesehen haben und beschrieb das Plasma als ein Wundergewebe der herrlichsten Ornamente, als einen Teppich des Lebens, dessen lebendige Bilder bald aus der Tiefe steigen, bald in die Tiefe versinken, ineinanderfließen und sich verstricken, wieder entwirken und so wie die Farbenbuntheit eines Kaleidoskops an dem gebannten Auge des Bewunderers vorüberziehen (Abb. 4^c^, Tafel ^II^).
Künstler wurde in seinen Schilderungen noch übertrumpft von seinem Landsmann ~Fayod~. Künstler sah hinab in eine still fließende Pracht, Fayod schaute in die Tiefe eines Leben gebärenden Chaos. Er sah im Plasma Wirbel und Spiralen, Bänder und Fäden, Schrauben und Kreise, die sich wie Würmer, wie Schlangen durcheinanderwanden, und je tiefer er hinabsah, um so mehr Ringe und Spiralen tauchten aus der Tiefe hervor, und jedes einzelne Band war geflochten aus gesponnenen Fäden, und jeder Faden war wieder gewunden aus einzelnen Schnüren, und im Halbdunkel der Lichtgrenze lösten sich diese Schnüre auf in Punkte, Pünktchen an der Grenze des Unsichtbaren, wie die Sonnenwelten der Milchstraße im grauen Dämmerkreis des weltalldurchdringenden Fernrohrs. Wie die Arabesken an den Wänden der Zauberschlösser aus 1001 Nacht muten diese Bilder aus den Tiefen des Lebens an. Sind sie Wahrheit oder Märchen? Wundergebilde aus dem Formenschatz der Natur oder Ausgeburten romanischer Forscherphantasie? (Abb. 4^d^, Tafel ^II^).
Über all diese Augen- und Hirngespinste hat in den neunziger Jahren die auf eingehende Untersuchungen fußende Waben- oder Schaumtheorie ~Bütschlis~ den Sieg davongetragen. Nach Bütschlis Ansicht ist das Plasma ein mikroskopischer Schaum, der sich, wie der Bierschaum aus Luft und Bier, aus zwei verschiedenen Gruppen von Stoffen zusammensetzt: aus den schwerflüssigen Eiweiß-, Stärke- und Fettverbindungen, die die Wände der Schaumkammern bilden (entsprechend dem Bier), und den leichtflüssigen Säure-, Zucker-, Salz- und Seifenlösungen, die diese Schaumkammern ausfüllen (entsprechend der Luft). Bütschli erzeugte mit Olivenöl und Seifenwasser mikroskopisch feine Schäume, die mit dem Plasma vieler Zellen eine solche Ähnlichkeit besitzen, daß man sie nicht voneinander unterscheiden kann (Abb. 5).
Das Plasma ein Schaum! Der große, stolze Mensch — ein Schaumgebilde!
Die Schaumtheorie Bütschlis ist nicht nur theoretisch und durch den Augenschein gut begründet, sondern vermag auch, wie keine andere, die zahlreichen, so wechselnden Erscheinungen im Anblick des Plasmas zu erklären. Entsprechend der Unzahl der chemischen Verbindungen des Plasmas sind die Tröpfchen und Waben mit verschiedenen Stoffen erfüllt, gibt es im Plasma Säure-, Alkohol-, Fett-, Phosphorfett-, Aminosäure-, Eiweiß-, Zucker-, Stärke-, Salz- und Seifentröpfchen und -waben, die durch die wechselnde Zahl und Zusammenstellung die unendliche Artenfülle des Plasmas in den einzelnen Pflanzen und Tieren, Geweben und Organen hervorrufen und das jeweilige Auftreten von feinen oder gröberen Punkten, von Linien, Schollen, Mosaiken, Fäden und die oft entzückend harmonischen Felderungen im Innern des Plasmas bewirken (Abb. 4^e^, Tafel ^II^).
Dieser chemische Reichtum kommt aber erst durch die physikalischen Eigenschaften des Schaums zu lebendiger Entfaltung. Als chemisches Gemenge wäre er ein Hexensabbat von Chemikalien. Durch die physikalische Anordnung zu Schaum wird die Fülle zum planvoll wirkenden Getriebe. Jedes Kügelchen und jede Kammer im Innern des Plasmas bildet eine kleine Werkstatt des Lebens, die, von der Außenwelt abgeschlossen, in sich und für sich lebt und wirkt. Wie Planeten mit ihren Wolken, Meeren und Bewohnern ungestört umeinanderkreisen und alle gemeinsam das bewegte Sonnensystem bilden, so schweben die Fett-, Eiweiß-, Zucker-, Stärke-, Salz- und Seifenkügelchen im Plasma als die Planetenwelt des Lebens ungehindert im Verein. Wo sie sich berühren, schließen sie sich durch ihre Kammerwände streng voneinander ab. Zwischen ihnen fließen die Lösungen der niederen Stoffe, und jede Kammer und jedes Tröpfchen nimmt aus ihnen diejenigen Stoffe in sich auf, die seinem Inhalt chemisch verwandt sind. Die eine Wabenwand ist für Salzlösungen durchlässig und häuft die Salze in sich an. Eine andere läßt Zuckermoleküle ein und setzt aus ihnen Stärke zusammen. Eine dritte baut aus Aminosäuren Eiweiß, eine vierte aus Fettsäuren und Natrium Seife. So führt jedes Kämmerchen im Schaumpalast des Lebens unbekümmert um den Wechsel und Wandel umher ein durch seinen Bau vorgeschriebenes, zwar beschränktes, aber harmonisch abgestimmtes Dasein, jedes ein schaffendes Glied in der lebendigen Kette des Lebens. Nur wer sich so im Rahmen der Wabentheorie das Innenleben des Plasmas in einer einzigen Zelle als das Zusammen- und Nebenspiel von vieltausend chemisch-physikalischen Vorgängen in einem Miniaturwabwerk von vielleicht 20 000 Kügelchen und Kämmerchen zur Vorstellung zu bringen sucht, jede Zelle vor sich sieht als eine chemische Fabrik mit tausend abgeschlossenen geschäftigen Laboratorien, nur der naht sich dem Problem des Lebens mit jenem Bewußtsein seiner Tiefe und Verschränktheit, das diese in des Wortes wahrstem Sinne wundervollste Naturerscheinung von jedem verlangt, der nicht vergeblich an den Pforten seines Geheimnisses klopfen will.
Die äußere Form, in der das Plasma auftritt, ist die Zelle. Die einfachste Zelle der heutigen Lebewelt ist die Amöbe, nichts anderes als ein mikroskopisch kleines Tröpfchen grau gekörnten Plasmas. Sie besitzt noch keine feste Gestalt, sondern wälzt sich unter dauernder Veränderung ihrer Form wie ein hinfließender Teig über den feuchten Grund. Hinwälzende Bewegung, Empfindung, Nahrungsaufnahme, Wachstum und Fortpflanzung durch Teilung ihrer Masse sind die auffallendsten Äußerungen ihres primitiven Lebens (Abb. 6, Tafel ^II^).
Als eine Art Amöbe müssen wir uns auch das Urtier der Vorzeit, die Stammform aller späteren Zellen und Geschöpfe, denken. Aus ihr entwickelten sich die höheren Formen durch das Prinzip der Arbeitsteilung. Wälzt sich der Plasmatropfen hin, so bewegen sich die Außenteile der Kugel stärker als die der Mitte, so wie der Umfang eines bewegten Rades sich rascher dreht als seine Achse. Trifft das Urtier ein Reiz der Außenwelt, etwa der Anstoß eines Steines oder die Kälte einer Strömung, so empfinden wieder die Außenteile die Wirkung stärker als die der Mitte. Demgemäß mußten nach dem bekannten Lebensgesetz, daß durch Gebrauch die Organe erstarken, wie die Muskeln des Turners, durch Nichtgebrauch dagegen verkümmern, wie die Zehen des Kulturmenschen, von Urbeginn an sich im Plasma der Zelle Bewegungs- und Empfindungsfähigkeit in den Randteilen stärker entwickeln als in den Innenbezirken. In diese ruhende Mitte dagegen wandern die aufgenommenen Nahrungsstoffe und werden hier durch chemische Säfte verdaut, so daß die Mitte der Zelle zum chemischen Zentrum wird, während die bewegten und empfindenden Außenteile nur wenig zur Entfaltung ihrer Verdauungskräfte gelangen und diese folglich in ihnen allmählich verkümmern. Ebenso sammeln sich alle übrigen der Bewegung hinderlichen Bestandteile aus den Außenbezirken der Zelle in ihrer Mitte an, so vor allem die kostbaren Stoffe der Vererbung, und bilden hier eine Anhäufung, einen Kern.
Durch diese verschiedene Ausbildung der einzelnen Bezirke und die Ansammlung gewisser Stoffe an bestimmten Stellen gliedert sich die Amöbenzelle, organisiert sich der Zellenleib. An manchen niederen Zellarten kann man diesen Vorgang der Organisation, der sich in der Vorzeit im Lauf von vielen Jahrmillionen allmählich vollzogen haben wird, unmittelbar beobachten. Die meisten Bakterien besitzen, wie die Uramöbe, ein durch die ganze Zelle gleichförmig gestaltetes Plasma. Bei manchen von ihnen sieht man nun, wie sich in Zeiten höchster Lebensentfaltung, namentlich zur Zeit der Fortpflanzung, die bis dahin durch das ganze Plasma gleichmäßig verstreuten Körnermassen in der Zellmitte sammeln und hier eine dunkle Anhäufung, einen Zellkern, bilden (Abb. 7). Diese Kernbildung bleibt bei allen höheren Zellen eine ständige Einrichtung und wird als fester Besitz von Zelle zu Zelle vererbt. Jede höhere Zelle besitzt in der Mitte ihres Plasmas einen Kern, der durch die Anhäufung bestimmter Plasmateile entstanden ist.
In vielen Zellen kann man diesen Kern ohne jede Vorbereitung sehen. Betrachtet man eine Spur Speichel unter dem Mikroskop, so erblickt man in ihm große vier- und fünfeckige Plasmaplatten, abgestoßene Deckzellen der Zunge, die in der Mitte einen Kern tragen. Tropft man zu dem Speichel etwas Essig, so gerinnt das Eiweiß des Plasmas und wird hart und dicht wie das Eiweiß des gekochten Eies, und zwar gerinnt es um so leichter und stärker, je feiner das Eiweiß ist, und da nun der Kern der Zelle aus den edelsten Eiweißarten besteht, ist er gegen Säuren empfindlicher als die übrigen Zellbezirke, schrumpft stärker, wird dadurch dichter und dunkler und tritt nun als schattiger Punkt kräftig hervor. Noch sinnenfälliger wirkt die Färbung. Man kaufe sich für wenige Pfennige in der Apotheke ein Fläschchen mikroskopischer Färbemittel, Alaunkarmin oder Hämatoxylin, nehme eine Zwiebel und schäle von einer der inneren Lagen ein feines Häutchen ab. Betrachtet man es zuerst ohne Zubereitung bei 50-100facher Vergrößerung, so erkennt man, daß die Zwiebelhaut aus schönen, rechteckigen Zellen wie eine Hausmauer aus Ziegelsteinen zusammengesetzt ist. Kerne erblickt man in den Zellen nicht. Tropft man auf das Häutchen eine Spur Essig, so erscheinen die Zellkerne als Punkte. Nimmt man nun ein neues Häutchen, tropft eine Farbe darauf, läßt sie einige Minuten wirken und spült sie dann mit Wasser ab, so erblickt man die Zellkerne je nach der Art und Dauer der Färbung als rosenrote bis scharlachfarbene Punkte in den Zellen.
Mit Hilfe derartiger mikroskopischer Färbemethoden, die zu einer vielseitigen, zum Teil höchst geistreichen Technik ausgebaut sind, hat man in der tierischen Zelle neben dem Kern als niemals fehlenden Bestandteil noch einen anderen winzig kleinen, aber wichtigen Körper gefunden, den man den Zentralkörper genannt hat. Plasma, Kern und Zentralkörper sind die drei Hauptteile der tierischen Zelle.
Um sich von der Größe und Lage dieser drei Zellteile ein Bild zu machen, gehe man in die Küche und nehme ein Ei. Wer sah noch nie ein Ei? Schaut es euch an! Ihr lächelt? Niemals saht ihr es so: das Ei ist eine Zelle. Das Hühnerei ist eine Riesenzelle. Nicht in dem streng wissenschaftlichen Sinn einer Plasmaorganisation, wohl aber eine echte Einzelzelle, bepackt mit Kisten und Kasten für die Fahrt ins Leben, eine Eizelle, ausgestattet mit dem ganzen Kinderstaat für das noch ungeborene junge Hühnchen. Diese Riesenzelle Ei bietet nun — rein anschaulich, nicht dem innern Wesen nach — genau das Bild der Zellorganisation. Das Hühnerei besteht aus der Schale, dem Eiweiß, der Dotterkugel und dem Keimfleck, der neben der Dotterkugel im Eiweiß schwimmt. Das Eiweiß entspricht dem Plasma, die Dotterkugel dem Kern, der Keimfleck dem Zentralkörper der Zelle. Genau wie das Hühnerei sähe eine Zelle aus, wenn wir sie eine Milliarde mal vergrößert auf den Tisch legten. Zellen sind keine leeren „Zellen”, etwa Hohlkammern wie ein Bienenwaben, sondern Körper mit Ausdehnung, Masse und Gewicht wie das Ei. Man schlage das Ei auf und lasse seinen Inhalt auf einen Teller fließen. So flösse das Plasma der Zelle hin, gelb und schleimig, so triebe in ihm der etwas festere und dunkelfarbigere Kern, so hinge an diesem der kleine Zentralkörper.
Die Schale des Eies werfen wir fort. Sie ist als Schutzschale von nebensächlichem Wert. Nur wo sie ihrer dringend bedarf, wie hier als Hühnerei, bildet die tierische Zelle eine Schale. Die Zellen, die im Innern des tierischen Körpers geschützt sind, bauen sich keine festen Wände. Die Pflanzenzellen hingegen, die schutzlos Wetter und Feinden preisgegeben sind, umpanzern sich. Der Besitz einer festen Zellwand ist das Unterscheidungsmerkmal der Pflanzenzelle von der Tierzelle. Die Pflanzenzelle ist eine Zigarrenkiste, mit Plasma gefüllt, das durch die Poren des Holzes mit der Außenwelt in Austausch steht; die Tierzelle dagegen ist ein Stück Butter, eine wandlos weiche, plastische Masse. Man nehme zwei Eier. Das eine lasse man roh in seiner Schale, das andere kocht man halbhart und schält es ab. Das rohe flüssige Ei in harter Schale ist die Pflanzenzelle, das gekochte abgeschälte, im Innern noch weiche, außen erhärtete Ei ist die Zelle des Tieres, die Zelle des menschlichen Körpers (Abb. 8 und 9, Tafel ^III^).
Jedes Modell hat seinen Vorzug. Die Tierzelle ist ein Baustein aus plastischem Ton. Frei von beengender Wand, ist sie jeden Wachstums, jeder Wandlung, jeder Bewegung fähig, gestaltet sie sich, in ihrer Urform wie die Amöbe eine Kugel, durch allseitigen Druck zum Vieleck, das Vieleck streckt sich und wird zur Säule, die Säule flacht sich ab und wird zur Platte, diese krümmt sich und wird zur Röhre, die Röhre zieht sich in die Länge und wird zum Faden. So bildet sie Baustein und Bodenbelag, Säule, Balken, Seil und Röhre im Zellenpalaste Mensch. Wenn je mit einem alles und mit allem eines und dieses eine so groß und vielgestaltig geschaffen wurde, wie nur ein Palast des Lebens aufgerichtet werden kann, so ist dieses alles der Mensch und dieses eine sein Universalbaustein, die wandungslose tierische Zelle.
Die kistenartige Pflanzenzelle ist solchen Wandlungen nicht so leicht zugänglich, dafür ist sie kräftig und widerstandsfähig, und da ihre Zellwand nicht starr ist, sondern aus Zellulose (Zellwandstoff), Kork und Gummi besteht, so ist sie als elastisches Röhrenstück die ideale Grundeinheit für die federnden Riesentürme und die geometrischen Gigantengebäude der Flora. Zu welchen Leistungen sie die Pflanze befähigt, entgeht zwar dem oberflächlichen Alltagsauge, muß aber jedes denkende Gemüt mit tiefster Bewunderung erfüllen. Ein Roggenhalm hat einen Durchmesser von 3 und eine Höhe von 1500 ^mm^, ist also 500mal höher als die Breite seines Fundaments. Dementsprechend mußte der Kölner Dom mit seinem heutigen Unterbau statt 160 ^m^ ihrer 5000 ^m^ Höhe besitzen. Und dieser Riesenturm des Roggenhalms läuft nicht spitz aus, sondern trägt an seinem oberen Ende einen Aufbau, der das Gewicht des Turmes um das 30fache übertrifft, und steht nun nicht steif wie ein Kirchturm, sondern schwingt mit seinem Turmaufsatz, seinen Erkern und Glocken lustig im Winde umher und richtet sich, wird er herabgebogen, mit seiner Last wieder auf! Man stelle sich unter einen schöngewachsenen Baum und betrachte ihn mit dem Blick des Baumeisters. Man umspanne seinen schmalen Stamm und lasse dann das Auge hinaufwandern und verfolge, wie sich die Pappel schmal und steil haushoch über den Boden erhebt und wie die Kastanie sich in tausend Flächen, Spitzen, Kanten über einen ganzen Hof verästelt und vom Stamm bis zu den höchsten Zweigen sich im Winde wiegt, und man wird durch diese andachtsvolle Naturbetrachtung vom Wesen, Wert und Wirken der wandbekleideten elastischen Pflanzenzelle einen tieferen Eindruck erhalten als durch alle Berechnungen des Verstandes und lobende Worte aus Menschenmund.
Die Pflanze reckt und streckt sich, um Oberfläche zu gewinnen, Stickstoff aus dem Boden, Kohlensäure aus der Luft, Wasser aus den Wolken und Ätherwellen aus dem Lichte aufzufangen, sie ist ein einziger großer Aufnahmeapparat und Speicher für die Stoffe und Energien der ewig bewegten Umwelt der Elemente. Der Mensch hingegen ist ein nach innen gekehrter Baum. Wie die Pflanze nach außen, faltet und spaltet er sich nach innen und erstrebt bei kleinster Außenfläche die denkbar größte Innenausbreitung. Was jene aus der Umwelt einheimst, nimmt er in gedrängtester Form als Nahrungsstoff zu sich und breitet es dann vom Magen aus in den Röhren und Falten, Buchten, Fächern und Kammern seines Leibes über tausend innere Flächen wieder aus. Die Pflanze ist lauter Oberfläche und sammelt ein, der Mensch lauter Innenfläche und nutzt aus. Was sie mit ausgebreiteten Blätterarmen aus Licht und Tiefe, Wind und Wolken an sich raffte, das füllt als Lebenskohle die Innenkammern seines Leibes und durchglüht ihn mit der Glut der Gefühle und der Hitze der Leidenschaften. Die Pflanze ist das hundert Schaufeln tragende und zum Himmel ragende Mühlrad, das vom Strom der Welt getrieben wird, um Kraft zu fangen; der Mensch ist der tausendfach im Innern gekammerte Akkumulator, in dem sich diese Kräfte speichern und geheimnisvoll gewandelt wieder erscheinen als Muskelschlag und Kraft des Willens, Blitz des Gedankens und Wärme der Empfindung.